Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Spielhagen >

Was will das werden? Erster Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Erster Theil - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Erster Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
Schließen

Navigation:

IV.

Von dem Tage hatte Emil Israel Wochen oder auch Monate hindurch einen schweren Stand. Bis dahin hatte ich die wilden Spiele ausschließlich mit Gustav Hopp und seinen zahlreichen Geschwistern oder sonstigen Kameraden gespielt auf Hoppschem Revier im Pferdestall, in der Wagenremise, eingeschlossen den darüber liegenden Heuboden bis zum obersten Balken hinauf; die zahmen Spiele ebenso ausschließlich mit Emil auf unserm kleinen Terrain, manchmal (wie an jenem denkwürdigen Abend) auf der Gasse, niemals auf Israelschem Gebiet, das zum Spielen nicht verlockte. Seit Gustav tot war, und sich in mir ein Widerwille gegen Karl Brinkmann, den Kutscher, festgesetzt hatte – sehr mit Unrecht, denn es war der bravste Bursch von der Welt und den spielenden Buben stets ein treuer Eckart gewesen – mußte Emil als Genoß für alle Spiele eintreten. Ich aber wollte nichts anderes spielen als Soldat. Zum größten Kummer Emils, dem es an jeglicher Sympathie für meine kriegerischen Gelüste fehlte und ebenso an der physischen Veranlagung zur regelrechten Ausführung einer militärischen Operation oder fortifikatorischen Anlage. So erschien mir in anbetracht unserer gefährdeten Lage unabweislich, daß den Feinden, welche uns regelmäßig von der Seeseite angriffen, eine Schanze auf der Höhe des Walles entgegengetürmt werden müßte, von der wir ihr Nahen (das sie heimtückisch immer erst unter dem Schutz der hereinbrechenden Dunkelheit versuchten) beobachten und durch ein wohlgezieltes Feuer unserer Kanonen abweisen könnten. Schon bei Errichtung der Burg (sie war kreisrund mit einer einzigen Oeffnung nach der Landseite, zwei Schießscharten nach der Seeseite, auswendig mit Rasen belegt, inwendig mit Heu und Stroh gepolstert, oben mit Stangen, Reisig und Haselzweigen überdeckt und mochte, alles in allem, einer Vogelhütte en miniature gleichen) hatte Emil bei dem besten Willen, den er offenbar zu dem Werke mitbrachte, an dem unser Heil hing, eine Ungeschicklichkeit an den Tag gelegt, die mich manchmal ergötzte, viel öfter aber empörte. Noch viel schlimmer aber wurde die Sache, als es nun galt, Abend für Abend das große Werk zu verteidigen, was selbstverständlich in der Weise geschah, daß einer als Besatzung in demselben blieb, während der andere die dichten Büsche absuchte, in welchen sich die heimlich Gelandeten versteckt haben konnten; oder, wenn in den Büschen schlechterdings nichts zu entdecken war, den Wall bis zum Strand hinab patrouillierte, dort nach den zweifellos Kommenden, lautlos Heranrudernden (sie hatten die Ruder stets mit Stroh umwunden) auszuspähen. Emil erwies sich gleich unbrauchbar zum Wachdienst, wie zum Patrouillendienst. Anstatt in der Burg zu bleiben, was seine heilige Pflicht war, fand ich ihn, so oft ich von meiner Patrouille zurückkam, vor dem Eingange kauernd, bleich vor Sorge und Angst über mein langes Ausbleiben. Kam nun die Reihe des Patrouillierens an ihn, schlich er zaghaft und still um die dunkeln Büsche herum, während seine Ordre dahin lautete, mit wildem Geschrei in dieselben einzubrechen, und wer sich ihm entgegen stellte, mit dem Bajonett über den Haufen zu rennen. Nun gar den Streifzug bis zum Strande auszudehnen, konnte ich ihn durch nichts bewegen. Es ist wahr, die Piraten, mit denen ich da unten (auf meinen Patrouillen) oft Brust an Brust zu kämpfen hatte, waren greuliche Mordgesellen mit schwarzen Bärten, funkelnden Augen, ellenlangen, haarscharf geschliffenen Schwertern und spitzigen Dolchen. Aber es war doch seine Pflicht, mir zu Hilfe zu kommen, wenn ich, zu hart bedrängt, von unten her um Hilfe rief, um dann freilich, da keine Hilfe kam, den Strauß allein auszufechten und die Mordgesellen mit blutigen Köpfen ins Meer zurückzuwerfen.

So schalt und log ich auf den guten Jungen ein und schämte mich meiner Grausamkeit (und meiner Lügen), wenn er bei meinem Bramarbasieren immer stiller und verlegener wurde, immer krampfhafter an der breiten Unterlippe sog, und ihm wohl gar die Thränen aus den kleinen braunen kurzsichtigen Augen an der langen fleischigen Nase herabliefen. Aber alle Angst, die ich ihn ausstehen machte, die schlechte Behandlung, welche ihm nur zu oft zu teil ward, Zweifel an meiner Glaubwürdigkeit, die ihm sicher schon in diesem militärischen Stadium unsrer Freundschaft kamen und ihm, der die Wahrheitsliebe selber war, schwere Skrupel bereiten mußten, – nichts konnte ihn in seiner Treue und Liebe zu mir erschüttern, nichts auch nur den Wunsch in ihm erregen, mir die für ihn oft so lästige Gefolgschaft und demütigende Botmäßigkeit zu kündigen. Er war und blieb mein Höriger und Vasall, seinem Lehnsherrn zu aller Zeit hold und zu jeder Dummheit, die dieser zu dekretieren beliebte, gewärtig. Dafür darf ich denn ohne Ruhmredigkeit behaupten, daß ich meine lehnsherrlichen Rechte nicht ausübte, ohne der obligaten Pflichten eingedenk zu sein. Und diese Pflichten waren nicht immer leicht. Es kam meiner Eitelkeit oft schwer genug an, dem Spott der anderen Knaben gegenüber mich zu dem häßlichen »Judenjungen« als meinem Freund und Kameraden zu bekennen. Und blieb es doch nicht immer beim Spott! Wie manchmal habe ich ihn ritterlich aus einer Bande ihn mißhandelnder Gassenjungen herausgehauen, ohne der Knüffe und Püffe zu achten, die dabei für mich abfielen! Auch hatte ich immer Zeit, ihm, dem das Lernen entsetzlich schwer wurde, die Exercitia zu korrigieren, die Aufsätze Wort für Wort in die Feder zu diktieren, die Vokabeln Silbe für Silbe einzutrichtern. Und wenn ich mir dafür von ihm die Exempel rechnen ließ, so that das meiner Würde keinen Eintrag, da, in dieser Kunst zu excellieren, für einen, der Kaufmann werden sollte, selbstverständlich war, während es sich für einen künftigen Soldaten kaum geschickt haben würde.

Uebrigens wurden meine Verdienste um Emil nicht bloß von diesem, sondern auch von den Seinigen auf das bereitwilligste anerkannt; und wenn ich das Nachbarhaus betrat, durfte ich mir schmeicheln, ein gern gesehener, ja, weit über seine kleine Person geehrter Gast zu sein.

Ich kam aber jetzt, seitdem Emil nach dem Tode Gustav Hopps in den alleinigen Besitz meiner Freundschaft getreten war, öfter als vorher in das Israelsche Haus, das sich von dem Hoppschen in jeder Beziehung des Aeußeren und Inneren völlig unterschied, so daß auch dadurch das frühere Stadium meiner Kinderzeit von dem Stadium der Knabenjahre, das jetzt begonnen hatte, charakteristisch sich abhebt.

War aber das Hoppsche Anwesen mit seinem geräumig niedrigen Wohnhaus und den Appendixen der Ställe, Scheunen und Wagenremisen in behaglicher, schier endloser Breite hingelagert, so hob sich das schmalbrüstige Israelsche Haus mit seinem altertümlichen Giebel schier endlos in die Höhe. Roch es dort beständig nach Pferden und frischem Heu, so herrschte hier ausschließlich der muffige Duft des Korns in seinen verschiedenen Spezies; schleppte man dort das zertretene Stroh des unsauberen Hofes bis in die Zimmer hinein, so war hier alles – in den Wohnzimmern mit ihren blank gescheuerten nackten Dielen, auf den Böden, wo das Korn in sorgfältig geschichteten Haufen lag, – von der peinlichsten Akkuratesse und Sauberkeit. Widerhallte das Hoppsche Anwesen vom Morgen bis in die Nacht hinein vom vieltönigen Lärm wiehernder Rosse, polternder Wagen, durcheinander sprechender, schreiender Menschen, so trat man hier zu jeder Zeit in klösterliche Stille, die selbst von den Arbeitern respektiert wurde, welche wöchentlich ein paarmal die vom Lande hereingekommenen Kornsäcke vom unteren Flur mittels einer Winde in die sich übereinander türmenden Boden schafften, oder auf den Böden die Kornhaufen mit breiten hölzernen Schaufeln schichteten und worfelten.

Waren nun schon die beiden Nachbarhäuser, zwischen denen unser dürftiges Häuschen fast verschwand, in allen den beregten Punkten wie zwei verschiedene Welten, so gipfelte diese Differenz in Ausdruck, Betragen, Charakter und wahrlich nicht zum wenigsten in der äußeren Physiognomie der Bewohner, die sich auch numerisch Widerpart hielten. Wimmelte es doch in der Hoppschen Familie von pausbäckigen, blondhaarigen Kindern beiderlei Geschlechts und jeden Alters! Auch vertrautere Freunde, ja, ich glaube, die Eltern selbst konnten ohne vorhergegangene Rechnung die Zahl derselben niemals genau fixieren, und wenn eines starb – wie mein Freund Gustav – wurde die Lücke kaum empfunden, jedenfalls in möglichst und meistens überraschend kurzer Zeit ausgefüllt. Dazu Onkel, Tanten, Vettern, Kousinen – Verwandte aller Grade, die kamen und gingen, wochen- und monatelang blieben, so daß keiner, und manchmal wohl sie selbst nicht, wußten, ob sie zum eigentlichen Hausstand gehörten, oder nicht – ein sorgloses, lebensfrohes, immer essendes und trinkendes, lärmendes, vielleicht ein wenig rohes, aber im Grunde gemütliches germanisches Wesen, für das Vater und Mutter Hopp die wahren Repräsentanten waren. Er, jetzt noch ein Mann in den besten Jahren mit kurzgeschorenen starren Haaren über der niedrigen Stirn und dem roten Gesicht, von mittelgroßer, stämmiger Figur, die wie sein Hauswesen durchaus ins Weite und Breite ging, beständig polternd, ohne es jemals bös zu meinen; sie, ein behagliches dralles, rundes Weibchen, dem die nicht immer saubere Mütze stets schief auf dem sehr flüchtig gemachten reichlichen blonden Haare saß, im linken Arm den jedesmaligen Säugling, in der rechten einen Kochlöffel, scheltend, scherzend, weinend, lachend – alles in einem Atem – im Grunde der Seele immer gut und immer vergnügt.

Die Israelsche Familie bestand nur aus vier Personen: Vater, Mutter, meinem Freunde Emil und seiner um zwei Jahr älteren Schwester Jettchen. Während drüben der Personenstand fortwährend wechselte, schien hier der Gedanke der Möglichkeit einer Veränderung ausgeschlossen, als gehörten diese vier nicht nur zusammen, sondern seien auch von Anfang an zusammen gewesen. Dies mochte wohl mit daher kommen, daß die beiden Kinder eigentlich ganz alte Gesichter hatten, und zwar genau die der Eltern: Emil das der Mutter, Jettchen das des Vaters, so daß sie nicht sowohl die Kinder, als etwa die jüngeren Geschwister ihrer Eltern zu sein schienen. Von der Mutter, welche mit ihrem Vornamen Sarah hieß, unterschied sich Emil zu seinem Vorteil nur dadurch, daß er nicht, wie diese, eine hohe rechte Schulter hatte, sonst waren beide gleich häßlich, aus braunen, kleinen, zwinkernden Augen kurzsichtig, mit denselben langen fleischigen Nasen, derselben dicken, stets in Verlegenheit zitternden Unterlippe, denselben platten Füßen und kurzfingerigen, stumpfnägligen Händen. Jettchen, ihres Vaters Ebenbild, war wie dieser ein kleines mageres Wesen, mit krummer, wenn auch wohlgebildeter Nase und braunen, runden Augen, was ihren Physiognomien etwas Vogelartiges gab, welcher Eindruck noch durch die dünnen zwitschernden Stimmchen und eine gewisse Rastlosigkeit in der Haltung vermehrt wurde.

Der Umstand, daß Herr Isidor Israel (auf den Säcken stand I. I., und so wurde er auch spottweise von den Nachbarn genannt und ausschließlich so von Herrn Heinrich Hopp, vermutlich, weil dieser sich für das H. H. entschädigen wollte, mit welchem er auf Kegelbahnen und sonst von seinen Freunden gerufen wurde) – ich sage, daß Herrn Isidor Israels Kraushaar bereits anfing zu ergrauen, während Jettchens, wie die Hobelspäne in Vaters Werkstatt gewundene Löckchen in ursprünglicher Schwärze bläulich schimmerten, machte in meinen Augen keinen großen Unterschied, weil ich mich nicht eben gewundert haben würde, wenn die Kleine mit dem alten Gesicht auch eines Tages grau erschienen wäre. Es gab allerdings auch physiognomische Unterschiede zwischen Vater und Tochter, und zwar sehr bedeutende, nur daß mir diese erst allmählich klar wurden, vielleicht auch erst im Laufe der Jahre schärfer hervortraten. Ich weiß nur, daß eine Zeit kam, wo ich nicht mehr begreifen konnte, wie ich die beiden jemals auch nur ähnlich hatte finden mögen.

In Einem aber waren sich alle Mitglieder der Familie damals völlig gleich: in der ausgesuchten, wenn auch schüchternen Höflichkeit, mit welcher sie mich jederzeit empfingen und behandelten. Das Haus war mit Ausnahme der Stunden, wo Korn abgeliefert wurde, stets verschlossen. Zog ich nun die Schelle, welche einen eigentümlich klappernden Ton hatte, so wurde der Riegel inwendig meist von Herrn Israel eigenhändig weggeschoben, der zu diesem Zwecke aus seinem kleinen Comptoir zur Rechten des Hausflurs von dem hohen dreibeinigen Schemel vor seinem Pulte herabgerutscht war, und mir stets zum Willkomm sein kleines dürres Händchen reichte, um mich bis an die Thür des etwas größeren Wohnzimmers zur Linken zu geleiten, welche er mir selbst öffnete. Dort empfingen mich die Frauen, oder eigentlich immer nur die Mutter, da Jettchen sofort bei meinem Eintreten in das kleine Hinterzimmer huschte, um Emil herbei zu rufen. Meistens hatte die Mutter im Fenster (aber so, daß sie von der Straße nicht gesehen werden konnte) bei einer Näharbeit gesessen, und Jettchen am Klavier – einem alten Kasten mit abgegriffenen Tasten, dessen Ton einen dünnen, an die klappernde Hausthürschelle mahnenden Klang hatte, und dem ich doch gern lauschte, weil – was ich damals freilich nicht wußte – Jettchen bereits eine kleine Virtuosin war. Doch gelang es mir nur selten, und es kostete jedesmal eine beredte Bitte meinerseits und stummer ermutigender Blicke und Zeichen von seiten Emils und der Mutter, um die Schüchterne wieder an den Platz zu bringen, von welchem ich sie durch mein Erscheinen verscheucht hatte. Dann öffnete sich auch wohl geräuschlos die Thür nach dem Flur, Herr Isidor huschte herein, das Köpfchen auf die Seite geneigt, andächtig lauschend, um, sobald der letzte Akkord verklungen war, ebenso geräuschlos wieder hinaus zu huschen.

Unter diesen vier Menschen herrschte eine Einigkeit, die für mich etwas Feierlich-Mysteriöses hatte, wohl, weil ich sie instinktiv in Gegensatz brachte mit dem Ton in dem Hoppschen Hause, wo sich den lieben langen Tag jeder mit jedem zankte. Hier verstand man sich und sogar ohne Worte; erhob sich, setzte sich, ging, kam, brachte einander das Gewünschte, ohne daß auch nur für menschliche Augen sichtbare Winke gegeben wurden, wie bei einer Schar fliegender Tauben man vergeblich nach dem Zeichen späht, auf das hin alle zugleich steigen, fallen, einschwenken, umschwenken. Dies wort- und winklose Sichverstehen und -Verständigen schien mir um so merkwürdiger, als die Sinne bei allen mangelhaft ausgebildet waren; die Mutter hochgradig kurzsichtig, wie mein Freund; die Tochter wie der Vater schwerhörig, wenigstens für menschliche Rede, während sie doch für Musik ein leises, feines Ohr hatte. Solche Mängel mochten durch die enge Berührung ausgeglichen werden, in welcher sie beständig lebten, Jahr aus, Jahr ein und Tag und Nacht sich auf die kleine Wohnstube nach der Gasse und ein paar enge halbdunkle Kämmerchen nach dem schmalen Hof beschränkend, aneinander drängend wie meine Kaninchen in ihrem Ställchen, an die sie mich auch sonst vielfach erinnerten. Besonders, wenn sie, um den kleinen runden Tisch herumsitzend, ihr frugales Mahl knusperten, das, stets aus Brot, Salat, Früchten und dergleichen bestehend, wirklich ein kaninchenmäßig-vegetabilisches Ansehen hatte. Ich konnte mich nicht erinnern, jemals ein Stück Braten oder eine Flasche Wein auf ihrem Tisch bemerkt zu haben, wiederum im Gegensatz zu den Hopps, die fortwährend an ägyptischen Fleischtöpfen schmausten und dazu tranken wie homerische Phäaken.

So hätte denn, alles in allem, das düstre Haus mit dem muffigen Duft (welcher besonders in der Wohnstube stark ausgeprägt war) und seinen lichtscheuen knuspernden Bewohnern keinerlei Anziehungskraft für einen lebhaften phantastischen Knaben gehabt, wäre nicht meine Freundschaft für Emil gewesen, die eben jetzt in voller Blüte stand, und hätte das Haus nur ein Unten und kein Oben gehabt. Aber es hatte ein Oben und welch prachtvolles: die vier übereinander liegenden Kornböden in dem turmartig aufragenden und sich zuspitzenden Giebel. Auf dem untersten und breitesten war der Weizen aufgeschichtet, dann kam der zweite, bereits etwas schmalere, mit dem Roggen, der dritte mit der Gerste, der vierte, oberste, schmälste, mit dem Hafer. Von oben aber bis auf den Flur mitten durch das Haus schnurrten die Seile der großen Winde, deren mächtiges Rad unter den Dachsparren befestigt war, und die unten mit schweren eisernen Haken die zusammengeschnürten Säcke faßten, um dieselben, je nach ihrem Inhalt, in den verschiedenen Böden abzusetzen auf das von oben dumpf herabschallende Stopp! – das Signal für die beiden Männer unten, vom Ziehen abzulassen. Stand man aber oben und blickte durch die offenen Luken (sie wurden hernach wieder geschlossen) niederwärts, so war es, wie wenn man von dem Deck eines mächtigen Auswanderungsdampfers durch die verschiedenen Etagen in den untersten Raum blickt, nur daß die Höhe noch viel beträchtlicher war, und man schon vollständig schwindelfrei sein mußte, um sich über die aufgestellten Klappen der Luke zu biegen und auf die beiden Aufwinder hinab zu sehen, die dann nicht größer zu sein schienen als ich selbst. Und während ich dann mit wollüstigem Schauer in die Tiefe starrte, stand Emil hinter mir, mich ängstlich an der Jacke zupfend, mit weinerlicher Stimme anflehend, zurückzustehen, entsetzt seitwärts prallend, wenn nun das emporschwebende Säckebündel in der Oeffnung auftauchte, und ich mit den Abnehmern oben lustig mein Stopp! in die Tiefe hinabschrie.

War das aber schon ein herrlicher Sport und das Wühlen mit den Worfelschaufeln in den breiten goldenen Getreidehaufen ein anderer – als der allerherrlichste erschien mir damals (und erscheint mir noch heute), da oben an einem schönen Sonntag-Sommermorgen in einem der Giebelfenster (es waren freilich keine Fenster, sondern nur mit hölzernen Läden verschließbare Oeffnungen) auf dem selbst noch hier oben mannesdicken Mauerrand zu sitzen und aus langen thönernen Pfeifen Seifenblasen in die blaue Luft zu schicken. Auch bei diesem Vergnügen starb der gute Emil fast vor Angst, ich könnte doch einmal, mich zu weit vorbiegend, von der Höhe auf das Hofpflaster hinabstürzen. Und dann: für sein kurzsichtiges Auge verschwanden die schillernden Ballons, auch wenn sie in windstiller Luft langsam davonschwebten, allzubald; und für ihn vergebens überhauchte der Sonnenschein die luftigen Kugeln mit allen Farben des Regenbogens. Aber für mich! Guter Gott, ich könnte weinen, denke ich der Seligkeit da oben in freier schwindelnder Höhe, die ganze schöne Welt unter mir: braune Häuserdächer, schattige Höfe, die grüne Erde und das blaue Meer, über mir der blaue Himmel, an dem weißschimmernde Wölkchen schweben, wie unten auf dem Meer weißschimmernde Segel, – ach, da zu sitzen, während die junge Brust, in unbewußter Wonne den sonnigen Aether atmend, von unaussprechlichen Empfindungen schwillt, und der reinen, morgenwindumfächelten Stirn Phantasien entschweben, luftig, bunt und zerflatternd wie die Seifenblasen, und in denen wir doch vielleicht schon alles Höchste und Größte vorträumen, was später jemals unsere Seele entflammen wird!

Und schon hatten die phantastischen Träume meiner jungen Seele angefangen, bestimmtere Formen anzunehmen. Das Bild des schönen hohen Majors, wie er da über die Schwelle in des Vaters Werkstatt trat (die mir in jenem Moment zum erstenmale klein und ärmlich erschien), war unverwischt in meiner Erinnerung geblieben, ja, hatte nur noch stattlichere Dimensionen und leuchtendere Farben angenommen. Ich hatte ihn auch bereits zweimal wiedergesehen: aus der Nähe eines Morgens, als er an der Spitze des Bataillons zum Exerzieren mit klingendem Spiel durch unsere Gasse kam; aus scheuer Entfernung das zweite Mal, als er bei der Parade auf dem Marktplatze unter den anderen Offizieren stand eines Sonntagvormittags, er der schönste und herrlichste von allen. Wie aber Phantasie und Gemüt eines Volkes von einer mächtigen Persönlichkeit, welche unter ihm aussteht, so ergriffen und erfüllt werden kann, daß seinem eisernen Willen nachzuleben, höchste Ehre und Pflicht scheint, und Denken und Empfinden eines jeden allmählich die Farbe seines Denkens und Empfindens annimmt, so war jetzt der Major für mich mein Ideal und mein Heros, nur daß ich mir schmeichelte, ihm dereinst nicht bloß ähnlich, sondern gleich zu werden, Major zu werden; an der Spitze einer Schar, die sich für meine Phantasie ins Endlose dehnte, zur Stadt hinaus zu reiten, während von dem Trommelschlag die Fenster klirren, und die Leute vor den Thoren alle nach mir schauen, wie ich jetzt nach ihm. Es war ein keckes Vorwegnehmen zukünftiger Herrlichkeit, wenn ich mich bereits jetzt von dem guten Emil »Herr Major« bei unseren Spielen nennen ließ, und in dieser meiner Würde (welche mir die höchste auf Erden schien) von unserer Bodenluke aus die Welt, die mir zu Füßen lag, und über welche meine bunten Seifenblasen dahinschwebten, verteilte. Freilich zu ungleichen Teilen. Indem ich Emil alles, was diesseits des Wassers lag, großmütig überließ, nahm ich für mich die Insel drüben, die ich noch nie betreten hatte, und in welcher ich, wenn ihre mit grünen Streifen durchschlängelten Sandufer im Sonnenschein herüber schimmerten, das Land erblickte, wo alles, was sich meine Seele träumte, vollste herrlichste Wirklichkeit war.

Und wenn man sie nun kennen lernt, diese Wirklichkeit, und sieht, daß die reinsten schönsten Träume unserer Jugend an ihrer Rauheit zerflattern wie Seifenblasen; der Widerstand der stumpfen Welt, von welchem der Dichter spricht, sich mit nichten besiegen läßt (oder doch wiederum nur in der Phantasie); in Wirklichkeit aber uns besiegt, in den Staub tritt, uns den Fuß auf den Nacken setzt; und nachdem er uns von der Welt die tiefste Schmach angethan, nun noch die allertiefste von uns heischt: der Sünden größte: das Abschwören unserer Ueberzeugung – ach! ist es für ihn, der so zurückschaut auf ein verfehltes und verfehmtes Leben – ist es lächerliche Feigheit, zu wünschen: wärst du doch an einem jener duftigen Sommermorgen aus deiner Sonnennähe und deinen Ikarusträumen hinabgestürzt, und hättest dir den Kopf zerschellt unten auf den spitzigen Steinen des Hofes! Oder es wäre dir beschieden gewesen, nie aus deinen Träumen zu erwachen zum Bewußtsein dessen, was ist; sondern, dem »mallen Heinrich« gleich, so weiter durch das Leben zu gehen, das für dich nicht existiert, die Seele voll von Musik, der schönen Musik, vor der die Teufel heulend in den Abgrund stürzen, während sich oben die Himmel öffnen, wo Gott Vater auf seinem strahlenden Sonnenthron sitzt, umschwebt von Engeln, deren Flügel in allen Regenbogenfarben schimmern – wie Seifenblasen!

Ich denke schaudernd der Unglückseligen, aus deren verstörter Seele heraus ich diese Worte geschrieben habe.

Und wer von uns – uns Jüngeren zumal – darf sich berühmen, daß er nie zu diesen Unglückseligen gehören wird!

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.