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Was will das werden? Erster Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Erster Theil - Kapitel 49
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Erster Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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IV.

Wir schritten durch den Vorgarten; Renten, durch den Ruf der Dame zur Eile angetrieben, etwas schneller als ich, der ich im Gegenteil nach der seltsamen Mitteilung am liebsten umgekehrt wäre, ohne daß ich zu sagen gewußt hätte, warum. Die Dame war, uns erwartend, jetzt auf die oberste Stufe des Treppchens getreten, welches an der Schmalseite zur Veranda führte, und das Renten bereits hinauf gehüpft war, als ich am Fuße anlangte. Er küßte ihr lebhaft die Hand, was sie geschehen ließ, ohne sich zu ihm zu wenden, oder auf seine Bitte um Entschuldigung, daß er die Gnädige nicht sofort bemerkt habe, etwas zu erwidern. Der Blick ihrer dunklen Augen war fest auf mich gerichtet, der ich langsam die Stufen hinausstieg, mich bereits dicht vor ihr befand und nun, da sie weder Miene noch Haltung veränderte, ein paar Stufen unter ihr stehen blieb, verlegen und verwundert über diesen Empfang, dessen ich nach dem lustig und freundlich klingenden Anruf von vorhin nicht gewärtig war. So blickten wir ein paar Momente einander an, ich so regungslos wie die Dame, mit jedem Momente verlegener und verwunderter. Auf einmal war der Ausdruck des Gesichtes da vor mir verwandelt, wie wenn die Sonne über einen Garten scheint, der eben noch in ernstem Schatten lag, und plötzlich erglänzen die Blumen auf den Beeten, der Rasen schimmert, und die Vögel in den Bosketts singen. So lieblich erhellten sich die braunen Augen; so reizend spielte ein Lächeln über die rosigen Wangen, in denen zwei Grübchen sich vertieften, um die schwellenden Lippen, zwischen denen die Perlenzähne schimmerten; so freundlich klang die helle Stimme, mit der sie mich »schönstens willkommen« hieß, indem sie mir zugleich eine kleine, weiße, reich beringte Hand reichte.

Der Uebergang war so schnell gewesen, daß ich meinen Gleichmut noch keineswegs wiedererlangt hatte, als wir bereits in dem Salon, aus dem sich die breite Fensterthür nach der Veranda öffnete, auf niedrigen Fauteuils behaglich plaudernd saßen. Renten gab in seiner Weise eine Relation unsrer morgendlichen Erlebnisse, welche dadurch noch konfuser wurde, daß Frau von Trümmnau ihn alle Augenblicke lachend unterbrach. Mir blieb so glücklicherweise die Zeit, mich in die Situation zu finden und vor allem die reizende junge Dame – sie mochte wenig über zwanzig sein – immer wieder und mit erhöhter Lust zu betrachten. Ja, es war eine Lust; schon um der Lustigkeit willen, die ihr ganzes Wesen zu durchdringen schien, wie die Sonne einen Tautropfen, und in bunten, schimmernden, immer wechselnden und immer gleich reizenden Farben von ihr ausstrahlte. Man brauchte nicht zu wissen, worüber sie ihr kurzes silberhelles Lachen ausschlug – man mußte mit heiter werden. Und wenn sie nun selbst das Wort nahm und zu plaudern begann, so klang das wieder so silberhell und fröhlich, wie das Plätschern des Baches, der den Wiesenrain hinabhüpft. Zu dem freudigen Leben, das in ihr pulsierte, und an dem man unwillkürlich seinen bescheiden frohen Anteil nahm, stimmte ihre Erscheinung, als sei auch sie nur ein Akkord in der erquicklichen Melodie: der Kopf nicht klein, aber von reinster Form; Hals, Büste, Arme so bei aller augenscheinlich gesunden Kraft und Fülle von herrlichstem Ebenmaß; die ganze kaum mittelgroße Figur wohlgefügt und in allen Gliedern beisammen, daß keine Bewegung vereinzelt, sondern immer das ganze entzückende Geschöpf sich mit zu regen und zu bewegen schien, wie ein durch das Wasser gleitender Fisch.

Ich merke, daß ich, um meine Empfindung zu erläutern, aus einem Gebiete der Natur in das andere gerate. Aesthetisch ist das wohl nicht berechtigt, aber verzeihlich für jemand, der zu schildern versucht, was ihm in dem Augenblick als eine Offenbarung der schönen Natur, ja als die Quintessenz aller schönen Natur erschien und so in seiner dankbaren Seele geblieben ist.

Und während das in jenem Augenblick immer klarer in mir aufging, und ich mich ohne Widerstand (der auch schwerlich genutzt haben würde) dem wohligen Eindrucke hingab, vergaß ich darüber beinahe die inhaltschwere Mitteilung, welche mir Herr von Renten beim Betreten des Gartens gemacht hatte; oder, wenn ich daran dachte, war es nur ein Ferment mehr in dem Sonderbaren, das da in meinem Herzen vorging und von mir, ohne daß ich ihm einen Namen geben konnte oder auch nur wollte, als etwas ganz einzig Köstliches empfunden wurde. Wenn sie einen Herzog zum Vater hatte, was lag daran? vor allem, was lag mir daran, der ich gestern in dem Herzog nur den geistvollen Menschen verehrt und heute morgen, als sich in dem Menschen der Herzog aufreckte, nur eine Abminderung der Verehrung verspürt hatte! Und daß des Herzogs Tochter, wie ganz augenscheinlich, in der Fülle des Glückes und des Reichtums lebte, auf Höhen der Gesellschaft, in denen ich immer nur ein verflatterter Vogel sein würde – ich gönnte der Schönen, Lieben von Herzen die Sternenpracht, die ich nie begehrt hatte, und die, je zu begehren, mein guter Genius mich in Gnaden behüten mochte!

In solche Betrachtungen und Empfindungen war ich so versunken, daß ich verwundert aufblickte, als Renten sich plötzlich erhob. Vermutlich hatte ich den letzten, in der That leiser geführten Teil ihrer Unterhaltung gar nicht mehr gehört, denn die schöne Frau sagte: Also, es bleibt dabei! Sie machen jetzt Ihre anderen Besuche, bei denen Sie unsern jungen Freund nicht brauchen; und er weilt, wenn es ihm recht ist, so lange bei mir, bis Sie ihn wieder abzuholen kommen. Ich bitte mir aber aus, daß das nicht vor einer Stunde geschieht – wenn ich bis dahin mit den verschiedenen Anliegen, die ich an ihn habe, fertig werde.

Mein blonder Mentor war davongetänzelt, nachdem er seiner »gnädigen Gönnerin« ehrfurchtsvoll die Hand geküßt und mir von der Verandathür aus einen verbindlichen Gruß mit den Fingerspitzen zugeweht hatte. Ich stand noch vor meinem Stuhle; die schöne Frau, die sitzen geblieben war, spielte, in den Schoß blickend, mit ihren Ringen. Ein lebhafteres Rot, als ich es vorher bemerkt, lag auf ihren samtenen Wangen, über welche die langen dunklen Lider fielen. Der liebliche Busen hob und senkte sich. Irgend etwas mußte sie innerlich lebhaft beschäftigen; es war, als hätte sie meine Gegenwart gänzlich vergessen. Die Verlegenheit, welche ich glücklich überwunden zu haben glaubte, wollte sich wieder in mir regen; aber ich erschrak ernstlich, als sie, die Augen langsam ausschlagend, mich mit einem Blick ansah, dessen warme, liebevolle und doch, wie mir schien, von Wehmut oder Trauer umflorte Herzlichkeit unmöglich mir gelten konnte. Aber wem, da doch niemand sonst im Zimmer war? Und jetzt sahen die schönen Augen auch schon niederwärts, und sie sagte, während die Glut auf ihren Wangen erblich, mit bebender Stimme:

Der Herzog hat mir so viel Gutes von Ihnen gesagt, mir so viel Interessantes und Rührendes aus Ihrem Leben erzählt. Ich freue mich wirklich recht sehr, daß Sie bei uns sind.

Ich stammelte etwas von allzugroßer Güte, und daß mein Leben bis jetzt so arm und einsam gewesen sei – ich könnte nicht begreifen, wie der Herzog, wie sie selbst daran ein Interesse nehmen könnten.

Sie atmete tief auf und erhob sich plötzlich.

Kommen Sie, sagte sie; wir wollen ein wenig in den Garten gehen. Es ist da um diese Stunde so schön, und es plaudert sich da so gut. Ich möchte gern mit Ihnen so recht von Herzen plaudern.

Sie schritt mir voran durch einen zweiten Salon, der sich nach dem hinter dem Hause gelegenen Garten öffnete, welcher bedeutend größer war, als der vordere: zuerst ein offenes Rondel mit vielen schönen Blumenrabatten und einem von großen Blattpflanzen umgebenen Springbrunnen in der Mitte; dann Bosketts, durch welche verschlungene Pfade zu einem Wäldchen leiteten, dessen dichtbelaubte breitkronige Bäume selbst in dieser Mittagsstunde den köstlichsten kühlsten Schatten spendeten.

Hier ließ die holde Frau meinen Arm los und bat mich, auf einem bequemen Gartenstuhl Platz zu nehmen, während sie sich mir gegenüber auf eine Bank setzte, neben der ein Tischchen mit einem Arbeitskörbchen stand, aus welchem sie eine feine Stickerei nahm.

Es plaudert sich besser so; sagte sie.

Und sie begann zu plaudern, ich weiß nicht mehr recht über was, das im Grunde auch nur »Chiffons« sein mochte, aber mir aus diesem reizenden Munde gar nicht so erschien. Und dann, ich weiß wieder nicht wie, waren wir aus der Plauderei in ein ernsthaftes Gespräch geraten; oder vielmehr, ich war es, der eigentlich allein sprach und ihr erzählte von meinem vergangenen Leben, von dem alten Hause in der alten Stadt und dem lieben Vater und von meiner Mutter und meinen Freunden. Und wenn ich einmal aufhören wollte und meinte, das könne sie doch gar nicht interessieren, sah sie mich mit den klaren braunen Augen treuherzig an und sagte eifrig: doch! doch! es interessiert mich! alles! weiter! weiter! Und ich erzählte weiter, so daß nach einer Stunde – es kann aber auch länger gewährt haben, ich weiß es nicht; mir war, als träumte ich das alles, was ich erzählte, – das Buch meines Lebens offener vor ihr lag, als es wohl jemals vor mir gelegen hatte. Dabei fiel mir erst allmählich auf, daß sie augenscheinlich, besonders aus der letzten Zeit – von dem Aufenthalt in Nonnendorf an bis zu meiner Flucht – manches wußte, – zum Beispiel meinen thörichten Handel mit Ernst Streben, – wovon ich nicht begreifen konnte, woher sie es wissen könnte, bis ich sie zuletzt geradezu danach fragte. Sie errötete und lachte und wollte nicht recht mit der Sprache heraus und sagte endlich: Nun, es ist schon besser, wenn ich es Ihnen sage. Sie haben in der ganzen letzten Zeit zwei Spione um sich gehabt: einen Oberspion, den Weißfisch, der in seinem Solde einen Unterspion hatte, den verrückten Geigenmacher, der aber doch gar nicht so verrückt sein kann, wie Sie ihn schildern, denn er hat seinen Auftraggeber immer ganz richtig au courant gehalten. Ich will Ihnen nur gestehen, Weißfisch hatte schon von Nonnendorf aus an den Herzog geschrieben, daß er ein ausgezeichnetes Theater-Talent entdeckt habe, und vom Herzog den Auftrag bekommen, alles daran zu wenden, daß uns diese seltene Acquisition nicht entgehe. Sie hatten in Nonnendorf Weißfisch auf seine Insinuationen und Lockungen mit einem so entschiedenen Nein geantwortet, daß er vor der Hand abbrechen zu müssen glaubte. So ließ er Sie denn einstweilen durch den Streben, mit dem er in seinem vielbewegten Leben früher zusammengetroffen und immer in Verbindung geblieben war, beobachten. Von Ihrem Kriegsfieber hat er wirklich nichts erfahren, oder er würde schon damals einen verzweifelten Versuch gemacht haben, der jedenfalls an Ihrem festen Entschluß, ins Feld zu ziehen, kläglich gescheitert wäre. Dann kam Ihre Verwundung, und alles schien verloren, bis der Streben schrieb, die Sache sei gar nicht so schlimm, dafür aber Ihre Situation derart, daß er sicher glaube, Weißfisch könne es jetzt wagen. Wußte er doch, daß Sie den größten Teil des famosen Honorars für Ihre Manuskripte bereits wieder verthan hatten; und dem Professor – wie nannten Sie ihn doch? – hat er die Manuskripte, die ja gar nicht ihm, sondern den Israelschen Damen gehörten, und die er also zu verkaufen absolut kein Recht hatte, auf Weißfischs Befehl angeboten, weil dieser voraus sah, daß Sie dadurch in ernstliche Ungelegenheiten kommen würden, wie es ja dann auch der Fall gewesen ist. Als der Geigenmacher zu dem Professor ging, war Weißfisch bereits seit acht Tagen in der Stadt; und wenn Weißfisch eine Stunde später, nachdem der Professor bei Ihnen gewesen, an Ihre Thür klopfte, so war es, weil der Streben vor eben dieser Thür Wache gehalten und die ganze Unterredung mit dem Professor von Anfang bis zu Ende gehört hatte.

Aber das ist empörend! rief ich in keineswegs gespielter Aufregung.

Ich finde es eigentlich auch, sagte die liebe Frau mit einem Erröten, für das ich bereitwillig den Anteil, den sie möglicherweise an dieser Intrigue gehabt hatte, ihr im voraus vergab. Aber was wollen Sie? Wenn der Herzog sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, so muß es ausgeführt werden, mag's nun biegen oder brechen. Und die Lorbeeren, die man in unsrer Nachbarresidenz auf dem Theater pflückt, lassen ihn schon lange nicht schlafen, obgleich er die ganze Kunstwirtschaft dort mit dem grausamsten Spott verfolgt. Mit drei oder vier guten Künstlern, wenn ich sie nur hätte, pflegt er zu sagen, wollte ich den ganzen dortigen Blechkram aufwiegen. Nun kommt Weißfisch, dem er unbedingt vertraut, und sagt: ich habe wenigstens einen. Das übrige können Sie sich denken. Wenn Sie zu den Zeiten jenes Preußenkönigs – ja, wie hieß er nur gleich? – gelebt hätten, würden Sie mit Ihrer langen und schlanken Figur vielleicht für die Potsdamer Garde gepreßt ein. Da ist es denn doch besser, daß Sie zu uns gekommen sind. Gelt?

Und sie streckte mir, nun wieder mit dem alten herzerquickenden Lachen, die kleine feste Hand entgegen, die ich in meiner erregten Stimmung kräftiger drückte, als es meine Absicht war.

Was ist denn groß an mir gelegen! rief ich. Ich wußte längst, daß mein Lebenslos außerhalb des Kreises gefallen ist, in welchem die Menschen in hergebrachter Weise ruhig und behaglich wohnen; und auf einen Umweg oder Irrweg mehr kommt es nun schon gar nicht an, zumal ich eben in jenem Augenblick keinen Ausweg aus der Verstrickung und dem Wirrsal meiner Lage sah. Nein, das ist es nicht, was mich jetzt bedrückt und quält. Wohl aber die Möglichkeit, und, wie mir in trüben Stunden vorkommen will, Gewißheit, daß Weißfisch sich doch geirrt, mich weit übertaxiert, dem Herzog ein Stück Glas anstatt eines Edelsteines geboten hat; und bei der ganzen Sache nichts herauskommt, als für den Herzog der Aerger, sich getäuscht und nebenbei das schöne Geld zwecklos verthan zu sehen, für mich aber eine grenzenlose Beschämung.

Die schöne Frau saß da, in den Schoß blickend und mit ihren Ringen spielend, was, wie ich schon herausgefunden hatte, ihre Weise war, wenn eine schwierige Frage aufs Tapet kam und ihr Nachdenken herausforderte. Sie sah aber dabei nicht eigentlich nachdenklich aus, sondern eher erschrocken und verlegen, wie ein Kind, dem das Kartenhaus eingefallen ist. Nun hob sie die Augen wieder, mit einem Ausdruck, als wenn sie mir etwas abzubitten habe, und sagte mit schüchterner Stimme:

Ich sehe, ich muß schon versuchen, Sie zu beruhigen, und ich hoffe, daß es mir gelingen wird, wenn ich Ihnen sage, was ich gestern von dem Herzog gehört habe. Er war, nachdem Sie ihn verlassen hatten, noch über zwei Stunden bei mir und hat die ganze Zeit nur von Ihnen gesprochen. Sehen Sie, Sie kennen den Herzog nicht; und wie sollten Sie auch nach den paar kurzen Begegnungen, und wenn Sie der größte Menschenkenner wären. Und auch dem würde der Herzog zu raten geben. Es kennt ihn eben keiner, außer – ach! und ich stehe noch oft vor ihm, wie vor einem Rätsel, obgleich er mir mehr vertraut, als irgend einem anderen. Er ist der beste Mensch und der edelste Mensch, wenn er auch leicht aufbraust und zornig wird, sobald die anderen seine guten Absichten nicht einsehen wollen oder können, was denn leider nur zu oft vorkommt und ihm das Leben verbittert, daß er zu Zeiten ganz verzweifelt ist und am liebsten mit der Welt gar nichts zu thun hätte. Aber dann braucht ihm nur wieder ein Mensch zu begegnen, der ihm sympathisch ist, und er ist wieder ganz Vertrauen und Zuversicht und kann sich begeistern und schwärmen, wie ein Jüngling. Und sehen Sie, so ist ihm das nun mit Ihnen ergangen. Daß Weißfisch ihm einen guten Schauspieler versprach, war ihm schon ganz recht; aber unendlich viel mehr wert ist ihm, daß er in Ihnen einen jener Menschen gefunden hat, nach denen er sich sehnt, weil sie ihm die Jugend wiederbringen, die er das einzige wahre Glück des Leben nennt, und um deren Verlust er immer trauert, wenn er auch kein Wort darüber je verliert. Nun können Sie sich wohl, oder doch wohl schon eher denken, daß ihm ein solcher Mensch viel zu kostbar und zu schade für – nun ja, für einen Schauspieler ist. So große Stücke er auf die Schauspielkunst hält, so wenig hoch denkt er von den Schauspielern. Lieber Himmel, er wird wohl seine Gründe dazu haben! Ein gut Teil Eifersucht mag in Ihrem Falle auch ins Spiel kommen: wer möchte denn nicht gern, was er schätzt, möglichst für sich behalten, anstatt es mit aller Welt zu teilen! Mit einem Worte: der Gedanke, daß Sie Schauspieler werden könnten, werden wollten, ist ihm jetzt entsetzlich. Und warum will er Schauspieler werden, hat er gestern einmal über das andere gesagt, wenn er alles mögliche Andere ebensogut und zehnmal besser werden kann, und was denn doch auch etwas zehnmal Besseres ist! zum Beispiel –

Die schöne Frau begann das Spiel mit den Ringen wieder, diesmal aber nur für ein paar Momente; dann fuhr sie entschlossen fort:

Habe ich so viel gesagt, kann ich das auch noch sagen, ohne daß Sie mir bös werden, gelt? Wo glauben Sie wohl, daß Ihre Manuskripte in diesem Augenblicke sind?

Doch nicht beim Herzoge? um Himmelswillen! rief ich entsetzt.

Gewesen; erwiderte sie mit verlegenem Lächeln, das ihr gar köstlich stand; jetzt sind sie bei mir, da! in meinem Schreibpult! Mein Gott, ist Ihnen denn das so schrecklich?

Ich will ehrlich sein, gnädige Frau, sagte ich, meine Aufregung bemeisternd. Es ist wirklich schrecklich, wenn ich bedenke, welche dumme Sachen dabei sind, die ich zum Teil noch als Knabe geschrieben habe, besonders die Gedichte – viele von den Gedichten. Und dann die Randbemerkungen: »In furchtbarer Stimmung!« oder »Mit meinem Herzblute geschrieben«! Und, großer Gott, die Zeichnungen dazu: die Ritterburgen zu den Balladen! und die Seestücke zu den Schifferliedern und die Mädchenköpfe zu den »Liedern an die Unbekannte«. Es ist grausam. Andererseits –

Hier verließ mich meine Ehrlichkeit. Ich hätte sagen müssen: Andererseits freue ich mich, daß Sie, gerade Sie meinen »Endymion« gelesen haben; Sie, die Sie, wie Sie da vor mir sitzen, ganz die schöne, vornehme Dame sind, die mein Held liebt, den Sie doch unschwer in mir wiedererkennen werden. Aber das durfte ich doch nicht sagen. So brach ich denn jäh ab und sagte statt dessen:

Aber wie kommen Sie nur zu den Unglücksheften?

Durch Weißfisch, erwiderte sie schnell; wir – ich meine, der Herzog und ich – hätten nicht daran gedacht, so wenig, wie es scheint, Sie daran gedacht haben, daß die schönen Sachen, nachdem die Damen Israel ihr Geld wieder erhalten hatten, doch wieder Ihnen gehörten, oder, wenn Sie wollen, dem Herzog. So hat sie Weißfisch, der sich so leicht keinen Vorteil entgehen läßt, dem Herrn Streben abgenommen und sie dem Herzog geschickt.

Und der Herzog hat all den Unsinn gelesen?

Sie glauben ja selber nicht, daß alles Unsinn ist! erwiderte sie eifrig. Ein bißchen überschwenglich hier und da und sehr jugendlich – zum Teil; aber Sie sagen selbst, daß Sie noch ein halber Knabe waren, als Sie das schrieben. Und die Novellen, wenigstens Endymion – das ist gar nicht so – das ist sogar sehr merkwürdig. Und das sagt auch der Herzog. Ich möchte nur wissen, wo er das her hat! hat er noch gestern abend wiederholt gesagt.

Aber heute würde ich doch etwas ganz anderes, hundertmal Besseres schreiben! rief ich mit einem bewundernden Blick in die glänzenden Augen der schönen Frau.

Und das sollen Sie auch. Und gerade das sagt auch der Herzog. Laßt den nun erst die Welt kennen, sagt er, der wird noch ganz andere Dinge zustandebringen. Und der Herzog versteht sich darauf, glauben Sie mir. Er ist selbst Dichter, und sein großer Kummer ist; daß er sich nicht ganz der Poesie widmen darf. Er meint, Herzog und Dichter könne man nicht in einer Person sein, wenigstens nicht vor der Welt. Er mag ja wohl recht haben. So dichtet er nur in seinen Mußestunden und läßt keinen Menschen etwas davon sehen, außer daß er dann und wann mir ein paar Verse bringt. Ich habe ihn so oft gebeten, er solle die Blätter, die überall herum fahren, sammeln und, wenn auch nur für den nächsten Kreis, drucken lassen. Und er will es jetzt auch, und Sie sollen ihm dabei helfen.

Ja so! sagte ich in etwas gedehntem Tone.

Gar nicht »ja so«! rief die schöne Frau. Gar nicht, als ob er Sie deshalb habe kommen lassen! sich deshalb nur für Sie interessiere! Das ist ihm gestern abend erst eingefallen, oder vielmehr mir. Sie verkennen ihn vollständig und die guten Absichten, die er mit Ihnen hat: wie er Ihr Talent fördern will und Sie in eine Lage bringen, daß Sie jede gute Stunde ohne alle Sorge Ihrer Poesie widmen können. Und wie er Ihnen viele, viele solcher guten Stunden und Tage bereiten will an seiner Seite, in seiner Nähe, so daß Sie doch völlig Freiheit hätten, zu kommen und zu gehen, die Welt zu sehen – auf Reisen mit ihm oder allein – mein Gott, das findet sich alles, das macht sich hernach alles ganz von selbst. Nein, nein! Sie hatten kein Recht zu Ihrem »Ja so« und ich bin Ihnen deshalb bös, ernstlich bös. Wenn Sie wüßten –

Das Spiel mit den Ringen war wieder in vollem Gange, aber diesmal war der Ausdruck des Gesichtes nicht der des erschrocken-verlegenen Kindes – es lag ein wirklicher Schmerz auf den sonst so lachenden Zügen, und aus den gesenkten Wimpern tropften ein paar Thränen auf die funkelnden Ringe. Ich hatte nur eine Regung: der schönen Frau zu Füßen zu stürzen und sie um Verzeihung anzuflehen. Es war mir ja nur herausgefahren, das leidige: Ja so! – das unschickliche, ungeschickte Wort, bei dem ich mir gar nichts Rechtes gedacht hatte, da meine Gedanken bei etwas anderem waren, das ich ihr hatte sagen wollen und jetzt sagen mußte, sollte ich nun nicht auch in Thränen ausbrechen, die mir bereits die Augen heiß machten. Aber hier galt es, mich – mein eigen Selbst zu schützen; das in mir zu wahren, wofür zu leben mich einzig des Lebens wert dünkte.

Und so sagte ich denn, mit Mühe mein Schluchzen unterdrückend:

Stoßen Sie mich von sich, Sie und der gütige Herzog! Ich weiß, Sie werden, und er wird es thun, wenn ich es sage; aber es ist besser so. Besser, in mein altes Elend zurück, als in Herrlichkeit und Freuden leben um diesen Preis! Ich kann nicht von der Gnade anderer leben. Ich habe schon die Abhängigkeit von meiner Mutter schmerzlich empfunden; aber es war doch meine Mutter, wenn sie mich auch nicht liebte. Und es war kein Wohlleben und kein Reichtum, was sie mir bot. Als sie mir das bot, durch den Priester bieten ließ, habe ich Nein gesagt; und als sie ihre Hand von mir zog, und ich in die Abhängigkeit von Fremden fiel, trotzdem es gute Menschen waren und mir es gern gegeben hätten, habe ich es wieder nicht genommen, und bin davongegangen und dem Weißfisch gefolgt, weil er mir einredete, ich werde das alles wiederbezahlen müssen und auch können, wenn ich erst ein tüchtiger Schauspieler geworden sei. Nun soll ich das nicht werden, sondern, ich weiß nicht was; und von der Gnade des Herzogs leben, ohne daß ich ihm irgend etwas dafür zu bieten vermöchte. Und was ich ihm etwa bieten könnte – er ist gewiß sehr klug und hat so große, freie Ideen, aber er ist doch immer ein Fürst, was ich gestern abend gar nicht empfunden habe. Heute morgen war das schon anders und wird, fürchte ich, noch ganz anders kommen. Und in meinem Münzer – ich schreibe nämlich an einem Thomas Münzer, Trauerspiel in fünf Akten, – da spielen die Fürsten eine böse, eine fürchterliche Rolle – es tritt freilich auch ein guter und milder auf, denn man muß gerecht sein, auch gegen seine Feinde –

Ein lustiges Lachen ließ mich jäh abbrechen, – und als ich aus den Baumwipfeln, in denen meine Blicke geschwärmt hatten, nieder- und seitwärts schaute, sah ich die schöne Lacherin, die sich ihr Spitzentaschentuch vor den Mund drückte. Jetzt war die Reihe, erzürnt zu sein, an mir, und ich war erzürnt. Ich hatte ihr mein Innerstes offenbaren wollen, meine heiligsten Ueberzeugungen, und sie lachte – lachte! Schweigend erhob ich mich von meinem Sitz.

Sie stand in demselben Moment auf den Füßen, hatte meine beiden Hände ergriffen und rief: Sie Tollkopf, Sie Wilder, Sie – wollen Sie wohl bleiben! wollen Sie sich wohl gleich wieder hinsetzen! Wenn die Leute immer fortlaufen wollten, wenn ich lache! – Und da soll einer nicht lachen, wenn Sie so feierlich Ihr Recht verteidigen, in Ihrem Thomas Münzer böse Dinge über die Fürsten sagen zu dürfen; und der Herzog selbst sich mit einem Thomas Münzer, Trauerspiel in fünf Akten, trägt! Schon seit Jahren. Ich wüßte gar nicht, wer der Mann gewesen ist, wenn er es mir nicht gesagt hätte; und daß der Mann viel hochsinniger und großherziger, als Luther war und nur das Unglück hatte, drei oder vier Jahrhunderte zu früh geboren zu sein. Und das andere, das von der Gnade, für die Sie nichts zu bieten hätten, oder wie Sie sich ausdrückten! Ist denn das nichts, wenn Sie jemand, der sich so tief unglücklich fühlt, wie er hoch im Leben steht – und nicht zum wenigsten deshalb, weil er so hoch steht, und nicht sein darf, wie andre Menschen und keine wahren Freunde hat, die er lieben darf, und die ihn wieder lieben – wenn Sie dem das Leben verschönen, und wäre es nur durch Ihre Gegenwart, nur dadurch, daß Sie um ihn sind, ein Mensch, dem er sein Herz öffnen darf? Und der in ihm nicht immer, wie die anderen, den Herrn sieht, sondern einen Freund, einen väterlichen Freund natürlich, da er so viel älter ist, wenn sein Herz auch jung geblieben, wie des jüngsten Mannes?

Sie hatte sich so in Eifer hineingesprochen, und der Eifer stand ihr so schön, schöner fast wie ihre goldige Lustigkeit. Ihre Wangen brannten, die braunen Augen leuchteten, und wie sie jetzt schwieg, bebten die vollen Lippen, wie eine Saite noch vibriert, nachdem der Ton bereits verklungen ist. Mir aber, während meine Blicke starr auf sie gerichtet blieben, zitterte das Herz. Ich hätte weinen mögen und hätte jauchzen und lachen mögen und ihr sagen: Was redest du denn, du schönes Weib? Weißt du denn nicht, daß du von mir fordern könntest, was du wolltest? daß ich für dich durchs Feuer gehen und deinen Vater, und wenn's der Teufel wäre, lieben würde um deinethalben?

Ich weiß nicht, was ich gesagt oder gethan hätte, wäre nicht auf dem Kieswege zwischen den Bosketts ein rascher Schritt erklungen, und alsbald auch Herr von Renten sichtbar geworden, der das Köpfchen nach allen Seiten drehte; uns erblickend, schon von weitem mit der Hand winkte, und nun eilig auf uns zukam. Ich wollte mich erheben und fühlte die Hand der schönen Frau auf der meinen.

Was zwischen uns geredet, kein Wort! Sie versprechen es mir! Und wenn Sie über irgend etwas in Zweifel sind, Sie kommen zuerst zu mir und sagen mir alles – alles! Gut, gut! ich weiß, Sie halten Wort. – Ah, Herr von Renten! schon zurück?

Der schöne Traum war aus; in Gegenwart der blauen Puppenaugen meines Mentors konnte man nicht träumen. Und doch hätte ich den kleinen Mann umarmen, ich hätte die ganze Welt umarmen mögen.

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