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Was will das werden? Erster Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Erster Theil - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Erster Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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III.

Ich hatte mich in meine prinzliche Herrlichkeit so hineingeträumt, daß ich, am nächsten Morgen erwachend, vor dem Lichtschein, welcher durch die heruntergelassenen Fenstervorhänge in das Zimmer fiel, die Augen unwillig schloß, um mich in dem seidenen Bette so behaglich weiter zu dehnen, als sei dies selbstverständliche Wirklichkeit, und ein gewisses schmales Lager auf einer harten verlegenen Seegrasmatratze in einem gewissen kleinen Hofstübchen, in das die Sonne im Hochsommer ein paar letzte verlorene rote Strahlen schickte, durch ein viereckiges, gardinenloses Fenster, vor dem ein halbkahler Kornelkirschbaum stand – das sei ein halbverschollener Traum, den ich mit Fug nun ganz vergessen könne.

Ein leises Räuspern in meiner Nähe ließ mich die Augen wieder ausschlagen. Vor meinem Bett stand ein rundlicher kleiner Herr in weißer Kravatte mit einem Zettelchen in der Hand. Der kleine Herr räusperte sich noch einmal, vermutlich, um sich zu überzeugen, daß ich wirklich wache, verbeugte sich und teilte mir, flüchtig auf das Zettelchen blickend, in geschäftsmäßigem Tone mit, daß ich zu neun Uhr zum Frühstück bei Hoheit befohlen sei, Hoheit mich aber vorher noch ein paar Minuten in seinem Kabinett sprechen wolle. Anzug: Promenadenanzug. Für den übrigen Teil des Tages lägen keine Befehle vor, da Hoheit um zehn Uhr zu einem Jagdausfluge nach Z. aufbrächen, von wo sie erst morgen Abend zurückkommen würden.

Hierauf abermalige Verbeugung, und der rätselhafte rundliche Herr war verschwunden.

Es sei der Oberhofmarschallamtsfourier gewesen, belehrte mich mein Diener (so mußte ich ihn ja jetzt wohl nennen), der dann plötzlich an Stelle jenes im Zimmer war und die Vorhänge an den Fenstern zurückschlug; und was der Herr Fourier mir mitgeteilt, sei das »Bulletin des Tages« – für mich; es werde jedem der Herren Kavaliere, soweit ihre Obliegenheiten nicht schon anderweitig bestimmt seien, und den Gästen seiner Hoheit jeden Morgen vor dem Frühstück ein solches Bulletin mitgeteilt. Es müsse bei Hofe eben alles nach dem Schnürchen gehen, fügte der Mann mit respektvollem Lächeln hinzu, als wolle er um Verzeihung bitten, daß er sich die Freiheit dieser Aeußerung gestatte.

Der Mann entsprach seinem Namen: – Holzbock, zu Befehl: hatte er auf mein Befragen geantwortet, – ganz und gar nicht. Ich hatte nach zehn Minuten, während derer er mir trotz meines gelinden Sträubens beim Ankleiden half und die Sachen aus dem Koffer in die Kommoden packte und in die Schränke hing, das Gefühl, als ob er schon eben so viele Jahre um mich gewesen sei: so ruhig zweckmäßig war sein Hantieren, so kaum bemerkbar sein Kommen und Gehen, so verständig-ausgiebig bei aller gemessenen Knappheit sein Antworten auf mein mancherlei Fragen, unter anderem nach der Ursache eines überstarken Parfüms in den Zimmern, welches ich bereits gestern abend bemerkt und nur in meiner Erregung weniger beachtet hatte, das aber heute morgen meine erfrischten Sinne empfindlich belästigte.

Es haben schon mehrere Herrschaften darüber geklagt, erwiderte Holzbock; es muß einmal einer von den Herren ein Patschuli-Flakon zerbrochen haben. Wir können es nicht wieder herausbringen. – Uebrigens haben sich alle Herrschaften bald daran gewöhnt, schloß er, wie zu meiner Ermutigung oder Belehrung, mit seinem respektvollen Lächeln.

Die Zeit, wo ich mich zum Herzog zu begeben hatte, war schneller, als ich dachte, herangekommen; glücklicherweise führte mich Holzbock diesmal nicht den langen Weg von gestern abend durch das Schloß, sondern einen viel kürzeren über den Schloßhof und eine Hintertreppe hinauf unmittelbar in das Vorzimmer zu demselben Gemach, in welchem mich der Herzog gestern abend empfangen hatte, und in das ich jetzt ohne weiteres – der Mann in den Kniehosen war heute nicht zugegen – einzutreten von Holzbock bedeutet wurde. Wenn Hoheit noch nicht drinnen sein sollte, so werde er doch alsbald kommen.

Der Herzog war noch nicht drinnen, und so durfte ich mich denn mit einiger Muße in dem Gemach umschauen. Es war doch bedeutend geräumiger, als es mir gestern abend in dem Lampen- und Kerzenlicht erschienen war: dunkle Tapeten, ein schwärzliches Eichenholzpannel, welches bis fast zur Hälfte der Wandhöhe reichte, mehrere braune Schränke, zwischen und über denen angebräunte Bilder in mächtigen Goldrahmen hingen. Die hohe Stuckdecke hatte in den vier Ecken Medaillons mit Jagdemblemen; auf dem großen Oval in der Mitte trieb eine speerschwingende, von ebenfalls speerschwingenden Nymphen begleitete Diana einen Hirsch vor sich her, an welchem die Hunde emporsprangen. Auf den Tischen und Borten standen so viele Kunst- und andere Gegenstände, dergleichen mein Auge auch in den Prunkgemächern von Nonnendorf nie beisammengesehen, wie denn auch sonst die kostbarste Ausstattung dort mit dieser hier den Vergleich nicht aushielt. Ich hätte glauben können, in einem mir völlig fremden Raume zu sein, nur daß mich die Nische mit dem Sofa und dem Marmortischchen davor, auf welchem wieder das Ebenholzkästchen mit den widerspenstigen Zigarren, der große, silberne Aschbecher und der silberne Leuchter mit der roten Kerze standen, an gestern abend erinnerte und den seltsamen Mann, welcher der Besitzer all dieser Herrlichkeiten und ein Herzog war und für Sozial-Demokratie schwärmte.

Ich hörte ein Geräusch hinter mir. Als ich mich umwandte, trat er eben durch eine schmale Tapetenthür, welche ich vorher nicht bemerkt hatte, im Jagdkostüm: geschmeidigen Stiefeln aus braunem Leder, die ihm bis zur Mitte der kräftigen Schenkel reichten, und brauner Joppe – ritterlicher noch als gestern, aber um mehrere Jahre älter, wie mir schien, und mit etwas wie einer Wolke auf der breiten Stirn und über den Augen, deren gläserne Härte ebenfalls stumpfer war als gestern im Lampenlicht. Dennoch lächelte er, als er mir die Hand reichte und mich fragte, wie ich geschlafen habe?

Im Volkesmund, Hoheit, sagt man: wie ein Prinz; erwiderte ich.

Ich weiß nicht, ob die Antwort nicht förmlich genug war: es ging wie ein Zucken über sein Gesicht, und aus den gläsernen Augen schoß es, wie ein Blitz. Im nächsten Moment indessen lächelte er bereits wieder und sagte:

Nun, zu einem Prinzen kann ich Sie freilich nicht machen; aber doch zu etwas Rechtem, und das vielleicht besser ist. Ich wollte heute morgen ausführlich mit Ihnen sprechen – ich hatte zu viel anderes zu erledigen. Nur so viel: bis ich mich entschieden habe, bleibt das Theater in suspenso, und ich bitte Sie, über Ihre schauspielerischen Aspirationen mit niemand zu sprechen; hören Sie wohl: mit niemand, außer mit Frau von Trümmnau, einer Dame, die zu meinem Hofe gehört, und der Sie noch im Laufe des Tages werden vorgestellt werden. Ich habe mit der Dame, die mein volles Vertrauen genießt, über Sie kommuniziert. Sie dürfen annehmen, daß, was sie Ihnen sagen wird, von mir selbst gesagt ist. Außerdem werde ich Sie jetzt beim Frühstück mit Baron von Renten bekannt machen, einem meiner Kavaliere, der hernach mit Ihnen einige Visiten, unter andern bei Frau von Trümmnau, machen, Sie überhaupt ein wenig auf dem Ihnen fremden Terrain orientieren soll. Sie werden einen scharmanten Mann an ihm finden; und ich wünsche, daß Sie ihm Ihr Vertrauen in dem vollen Maße schenken, in welchem er es verdient. Kommen Sie!

Er schritt mir voran durch eine Thür auf der anderen Seite in den Raum nebenan, in welchem ein runder Tisch mit drei Kouverts gedeckt war. Ein Herr von etwa fünfundzwanzig Jahren, dessen kleiner runder Kopf mit einer üppigen Fülle kurz geschorener blonder Löckchen, wie mit einer Perücke, bedeckt war, und aus dessen rundem, rosigem Gesicht ein paar runde blaue, etwas hervorstehende Augen gar freundlich blickten, trat, sich tief verbeugend, an den Herzog heran, der ihm die Hand reichte und mit halber Wendung zu mir sagte: Herr Baron von Renten! – dies, lieber Renten, ist mein junger Protegé, über den ich mit Ihnen gesprochen habe, und den Sie ein wenig unter Ihre Flügel nehmen werden: Herr Lothar Franc.

Es wird mir eine Freude und eine Ehre sein; sagte Herr von Renten, mir die Hand reichend.

Ich verbeugte mich stumm und verlegen, denn ich fühlte, daß mir die helle Glut in das Gesicht geschlagen war, als der Herzog mich nicht mit dem Namen des Vaters, sondern dem meiner Mutter vorstellte. Hatte ihm Weißfisch nur diesen Namen angegeben, oder die beiden Namen? und war es im letzten Falle von seiner Seite eine Verwechslung, oder war es Absicht? Durfte ich den mir lieben Namen des Vaters, mit dem ich bis jetzt noch von jedermann genannt worden war, reklamieren? Mußte ich den andern, der so bittere Gefühle in mir wachrief, nachdem er einmal von den Lippen des Herzogs gekommen, als etwas Unvermeidliches hinnehmen?

Ueber den bangen Zweifeln war mir mein bißchen Sicherheit und Unbefangenheit völlig verloren gegangen, zumal mir auch heute der Herzog viel mehr Herzog schien als gestern: nicht mehr der warmherzige, geistreich-gesprächige Mann, sondern der souveräne Herr, der sich, trotz aller Höflichkeit und seinem: bitte unterthänigst, lieber Renten, die Sache verhält sich so und so, – der unermeßlichen Kluft zwischen ihm und seiner Umgebung in jedem Momente bewußt blieb und es ganz gewiß auf der Stelle streng geahndet hätte, wäre es jemand beigekommen, seinerseits die Kluft zu übersehen. Ja, wenn ich jetzt beobachten mußte, mit welcher Vorsicht Herr von Renten sich im Gespräch bewegte; wie klüglich er seine Worte setzte; wie er sich jeden Augenblick bereit zeigte, eine Behauptung zu modifizieren oder ganz zurückzuziehen, sobald er merkte, daß sein Gebieter anderer Ansicht war, und der Keckheit dachte, mit der ich gestern abend dem hohen Herrn gegenübergetreten war und mit ihm gesprochen hatte, durfte mir wohl der bekannte Reiter über den Bodensee in warnende Erinnerung kommen. So saß ich stumm da, während die Diener in schier lautloser Geschäftigkeit die Speisen servierten, und der Kavalier dem Herzog, der sich zuerst über verschiedene Jagd-Themata erging, bescheiden und geschickt sekundierte. Dann war, ich weiß nicht wie, das Gespräch auf den Krieg geraten, in welchem Herr von Renten den Herzog begleitet hatte, und plötzlich wurde in irgend einem Zusammenhang der Major von Vogtriz genannt. – Ein tüchtiger Offizier und guter Generalstäbler, sagte der Herzog, bei dem es nur schade um die romantischen Velleitäten ist, mit denen er sich und anderen Leuten das Leben sauer macht. Mir ist das ein Greuel. Diese Deutschtümelei, in der der gute Vogtriz schwelgt, ist doch nur ein Chauvinismus in usum Germanorum. Sie hat sich nach den Freiheitskriegen breit gemacht und wird sich jetzt wieder breit machen. Damals brachte sie das ungeschorene Deutschtum mit den umgeklappten Hemdkragen auf die Bahn, und als selbstverständliche Fortsetzung die öde Reaktion der zwanziger und dreißiger Jahre. Welche Formen sie heute annehmen wird – nun, man braucht gerade kein Prophet zu sein, um das vorauszusehen. Jedenfalls werden sie alle mit dem Cachet eines gewissen Jemand gezeichnet sein. Nationalitätsprinzip! Nun ja, das ist eine schöne Sache, ebenso wie daß jeder Mensch seine eigene Nase im Gesicht hat. Aber wenn kein Mensch über seine eigene wohllöbliche Nasenspitze hinauszublicken vermag, so ist das ein schlimmes Ding, denn die notwendige Folge ist, daß sie fortwährend aneinanderrennen und sich blutige Köpfe holen. – »Bohrt Ihr mir einen Esel? – Ich bohre einen Esel!« – und der Skandal ist fertig, mag Verona darüber zu Grunde gehen. Nun vielleicht, daß Europa diesen Nationalitätsschwindel durchmachen muß, den Louis Napoleon, mein sehr würdiger Freund, wenn nicht erfunden, doch in die Mode gebracht hat. Er war ja immer der Hecht im Karpfenteich und der stets verneinende Geist, der doch am Ende das Gute schaffen, zum wenigsten schaffen helfen mußte. Es ist damit wie mit den Kinderkrankheiten. Sie sind an sich nicht gut, aber, wer sie gründlich absolvierte, hat die Anwartschaft auf ein gesundes Mannesalter. Das Nationalitätsprinzip ist und bleibt in meinen Augen Schaukelpferdreiterei, wobei man nicht aus der Stelle kommt. Vielleicht lernt aber der dumme kleine Kerl dabei, auf einem wirklichen Pferde sitzen, das denn freilich etwas schwerer zu regieren ist: Lassallesche Arbeiterbataillone lassen sich nicht so leicht drillen wie pommersche Rekruten. Aber, Ihr Herren, ich rede mich hier fest, und der Zug wartet schon auf mich. Gesegnete Mahlzeit! Amüsieren sich die Herren besser, als ich es jedenfalls thun werde!

Er hatte jedem von uns die Hand gereicht und, mächtig in seinen hohen Jagdstiefeln ausschreitend, das Gemach verlassen.

Ist er nicht bewunderungswürdig? sagte Herr von Renten mit einem starren Blick der blauen Puppenaugen auf die Thür, durch welche der Herzog verschwunden war. Und alles aus dem Handgelenk! Bewunderungswürdig!

Ich blieb stumm, nicht sowohl der Diener wegen, in deren Gegenwart mir dieses Rühmen des Gebieters nicht ganz schicklich schien, sondern weil mir im Geiste nachging, was er von dem Major von Vogtriz gesagt hatte. Romantische Velleitäten! Deutschtümelei – Reaktion! War's das? der Schatten, der mir von Anfang an auf dem teueren Bilde gelegen hatte; der in der Zeit meiner Kriegsbegeisterung wohl verbleicht und doch nicht ganz geschwunden und seitdem wieder stärker und dunkler hervorgetreten war? Ich hatte es einen Verrat gescholten, den ich an meinem Ideale beging. Wie aber, wenn die Liebe zu diesem Ideal der wahre Verrat, der Verrat an meinem wirklichen Ideal war? Ich konnte es nicht herausbringen.

Und brachte es auch nicht heraus in den Stunden, die ich nun mit meinem neuen Mentor verlebte, und der freilich, wie ich bald herausfand, der letzte Mensch war, mit dem ich dieses oder irgend ein anderes Problem nur hätte berühren können – von einer Verhandlung mit Aussicht auf eine glückliche Lösung unter seinen Auspizien gar nicht zu reden. Denn er selbst redete nur »chiffons« – ein Ausdruck, den ich damals freilich nicht kannte, während ich die Sache selbst durch ihn an diesem Tage kennen lernte. Dabei war das in Gegenwart seines Gebieters so klug schweigsame Herrchen mir gegenüber von einer unerschöpflichen Redseligkeit und jeden Augenblick bereit, über irgend etwas, das in seinem Bereich lag, einen längeren Vortrag zu halten, der leider nur nie zu Ende kam. Denn da er von den vielen kleinen Dingen, mit denen er hantierte, wie ein spielendes Kind, keines länger als eine Minute festhalten konnte, um sofort nach einem anderen zu greifen, geriet er immer von dem Hunderten in das Tausende: fing mit der Beschreibung einer von ihm verbesserten Brennschere an und endigte bei der Schlacht von Sedan. Nicht mit einer Schilderung der Schlacht, die in weiter Ferne vergrollen mochte, während er im Vordergrunde an der Seite seines gnädigen Herrn zu Pferde auf einem Hügel hielt und seufzend seinen linken Stulpstiefel betrachtete, mit dem er, ich weiß nicht wie, in einen Morast geraten, und der infolgedessen bis an den Rand mit einer grauen Schlammkruste bedeckt war, während der rechte »blitzblank« geblieben, – »wie ein Kanonenrohr – auf mein Wort! wie ein blitzblankes Kanonenrohr!« Und dabei konnten jeden Augenblick die andern höchsten und allerhöchsten Herrschaften kommen! Es war ridikül! Moltke, der mit seinem Stabe vorbeikam und ein paar Minuten bei uns hielt, hat so gelacht!

Herr von Renten mußte bei dieser tragikomischen Erinnerung selbst wieder lachen, wobei er unter dem blonden, an den Ecken in die Höhe gezogenen Schnurrbärtchen zwei Reihen blendend weißer Zähne nicht ungern zeigte. Alle Rentens hatten blendend weiße Zähne – ein Spiel der Natur, das insofern sehr scherzhaft war, als die »von Renten« von ihren Renten eben nicht leben könnten, und einer und der andere für seine Zähne, sozusagen, nichts zu beißen habe. Aber dann hatte er, Fredo von Renten, ein Zahnpulver erfunden, ein aromatisches, – alle Damen und Herren vom Hofe bedienten sich desselben, auch der Herzog! Haben Sie seine prachtvollen Zähne nicht bewundert? Ich erinnere mich bei einer Hirschjagd im letzten Herbst – à propos! Wissen Sie, weshalb Hoheit heute morgen in so ungnädiger Laune war? Denn, entre nous, er war es und in einem hohen Grade. Haben Sie gesehen, wie er in den Trüffelpastetchen stocherte? Das ist immer ein schlimmes Zeichen. Gerade diese Pastetchen! Ich habe das Rezept davon an die Gräfin Gernsrode geben müssen. Sie behauptet, sie würde wieder jung bei den Pastetchen! Notabene, sie kann es brauchen – entre nous! Aber Sie sagten mir noch immer nicht, ob Sie Jäger sind? Nein? schade! aber das lernt sich – bei uns! Ich gestehe, ich bin selbst kein guter Schütze. Aber Sie reiten doch? Nein? nun, Sie sind noch nicht zu alt dazu, es zu lernen. Allerdings; reiten und Billard! Man ist entweder dazu geboren, oder man ist es nicht. Aber Sie sind's! auf mein Wort! Wollen Sie parieren?

Himmel! in welche Hände war ich geraten? Was hatte sich der Herzog dabei gedacht, als er in dem Labyrinth mir völlig fremder Verhältnisse, in welchem ich mich orientieren sollte, mir diesen zum Führer gab, unter dessen Händen mit den perlgrauen Handschuhen der leitende Faden in jedem Augenblicke zerriß? War es da ein Wunder, daß ich bei den vier oder fünf Besuchen, die ich mit ihm machen mußte, niemals recht wußte, bei wem wir uns denn nun eigentlich befanden: ob bei Excellenz von Wartenfels, dem Oberhofmarschall; oder bei Excellenz von Brixen, dem Oberhofjägermeister; oder bei dem Herrn Geheimen Kabinetsrat Iffelberger; oder bei dem Herrn Geheimen so und so von Kniffing? Ich wußte so wenig, warum er mich zu dem einen, als warum er mich zu dem anderen brachte. Aber der eine dieser Herren war so höflich und zuvorkommend gegen mich wie der andere; und auf dem Wege von einem zum anderen kamen wir durch so interessante Straßen mit so altersgrauen Häusern; durch so hübsche Gärten mit schönen Blumen, ein paarmal auch durch den Park mit seinen weiten Wiesenflächen und prachtvollen Bäumen; die Vormittagssonne schien so hell vom blauen Sommerhimmel, an dem hier und da schneeweiße Wolken unbeweglich standen; dazu war die ganze Lage, in die ich mich so plötzlich versetzt sah, so völlig anders, als ich sie mir gedacht hatte, so – alles in allem – wundersam, das Gemüt mit seltsamen Eindrücken und noch seltsameren Ahnungen füllend – ich hätte wahrlich weniger jung sein müssen, und meine Vergangenheit weniger dunkel, wenn ich mich der Gegenwart nicht hätte freuen, und der Zukunft mit einer keineswegs unerfreulichen Spannung entgegenblicken sollen.

Wieder einmal waren wir in ein Stück des Parkes gelangt und schritten auf eine Villa zu, die ich schon längere Zeit durch die Bäume hatte schimmern sehen, und von der uns nur noch ein breiterer Vorgarten trennte.

Zu wem diesmal? fragte ich heiter.

Aber zu Frau von Trümmnau! erwiderte mein Mentor, die Klingel an der Pforte ziehend und erstaunt die blauen Puppenaugen auf mich heftend.

Ja so, Frau von Trümmnau! sagte ich. Wenn ich nicht irre, hat der Herzog mir von ihr gesprochen.

Wenn Sie nicht irren! rief mein Mentor ganz erschrocken. Aber, Bester, wie kann man in solchen Dingen irren! Natürlich hat Hoheit zu Ihnen von Frau von Trümmnau gesprochen.

Und wer ist Frau von Trümmnau?

Herr von Renten antwortete nicht sogleich, sondern betrachtete den etwas bestaubten Lackstiefel, auf dessen Spitze er mit dem Elfenbeinstöckchen leise klopfte, so nachdenklich, als wäre es der famose Kanonenstiefel aus der Sedaner Schlacht. Plötzlich hob er den Kopf und blickte mich an, so forschend ausdrucksvoll, wie blaue Puppenaugen nur immer blicken können.

Sie wissen es also nicht?

Was?

Weißfisch hat nichts gesagt?

Wenn Sie nur die Güte haben wollten, anzudeuten, was er gesagt haben soll?

Hier ist andeuten so viel wie alles sagen. Ich habe es nicht in meiner Instruktion – ich muß es auf meine eigene Verantwortung nehmen – indessen, da Sie es von jedermann erfahren können, – genau so, wie, daß unser gnädigster Herr von unserer durchlauchtigsten Frau Herzogin, wenn nicht geschieden, doch getrennt lebt, – und es zweifellos an einem der nächsten Tage erfahren würden – es ist vielleicht besser, Sie erfahren es von mir. Aber bitte, Ihr Wort, daß Sie es nicht von mir erfahren haben!

Ich versichere Sie –

Gut. Also Frau von Trümmnau ist die Gemahlin unsres früheren Gesandten in Petersburg; er ist jetzt im Süden – bereits seit vier Jahren. Seine Gesundheit ist sehr angegriffen.

Das ist doch nichts so Merkwürdiges; erwiderte ich. Viel interessanter ist mir, was mir jetzt einfällt, daß der Herzog mir befohlen hat, ich solle, was mir die Dame, die sein volles Vertrauen habe, sagen würde, als von ihm selbst gesagt betrachten.

Haben Hoheit das befohlen? rief mein Mentor, dessen Augen jetzt wirklich kreisrund waren. Nun dann darf ich es wohl wagen.

Er ließ die Blicke nach allen Seiten schweifen, obgleich kein Mensch in unserer Nähe war, neigte seinen blonden Schnurrbart dicht an mein Ohr und sagte flüsternd:

Frau von Trümmnau ist seine Tochter.

Ich gestehe, daß mir bei dieser Mitteilung das Lächeln, mit welchem ich der geheimnisvollen Offenbarung entgegengesehen hatte, auf den Lippen erstarb. Glücklicherweise blieb mir zu einer Erwiderung keine Zeit, denn in diesem Momente erschien auf der Veranda der Villa eine Dame in weißem Kleide, die sich mit beiden Armen auf die Brüstung lehnte und mit heller lustiger Stimme herüberrief: Aber, Renten, sind Sie denn da festgewachsen? Ich beobachte Sie ja schon seit einer Viertelstunde. Wollen Sie machen, daß Sie hereinkommen!

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