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Was will das werden? Erster Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Erster Theil - Kapitel 47
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Erster Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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II.

Schon wiederholt in meinem kurzen Leben war es mir begegnet, daß ich einem unliebsamen Ereignis, einer bedenklichen Situation mit ängstlicher Spannung entgegengesehen hatte, und, wenn das Ereignis, die Situation nun wirklich eintraten, sie mich völlig ruhig fanden. Dasselbe war diesmal der Fall gewesen. Als der Kammerdiener die Portiere zur Thür vor dem Zimmer hob, in welchem ich den Herzog vermuten mußte, hatte mein Herz zum Zerspringen geklopft; als die Portiere hinter mir leise zusammenrauschte, war es in meiner Seele gewesen, wie wenn sie Oel in die Brandungswellen gießen: Kein Herzklopfen mehr, kein Stürmen der Lebensgeister mehr – völlige Fassung und Gleichmut, ja, der mutvolle Wunsch, es möchte sich nun auch etwas recht Bedeutendes ereignen, und höchstens die gespannte Erwartung, wie dies Bedeutende sich wohl gestalten möchte. Wollte es mich doch sogar bedünken, als ob mein Blut in diesem Augenblick ruhiger durch die Adern rollte, als das des Herzogs, der mit einer gewissen nervösen Hastigkeit ein Licht auf dem kleinen Marmortisch neben ihm und an dem Licht eine Zigarre entzündete, aus der er ein paar mächtige Züge that. Die Zigarre war wohl sehr stark; ich konnte einen leichten Hustenreiz nicht unterdrücken.

Sie rauchen nicht? fragte der Herzog – und es waren das die ersten Worte, nachdem wir Platz genommen.

Nein, Hoheit.

Man muß mit dergleichen stimulis auch warten, bis das Leben im großen an Reiz zu verlieren beginnt; warf er hin.

Ich empfand es nun doch als eine Art von Frechheit und Uebermut, daß mir sofort einfiel, genau bei derselben Veranlassung genau denselben Gedanken, nur in etwas cynischerer Form, von dem Kammerherrn gehört zu haben; und daß ich mich fragte, ob dies ein Zufall, oder auf wen von den beiden Herren der Ausspruch wohl, als auf den Autor, zurückzuführen sei? Inzwischen hatte ich, während jetzt der Schein des Lichtes dem Herzog voll in das Gesicht fiel, die Möglichkeit gehabt und benutzt, ihn genauer zu betrachten. Man durfte ihn wohl, obgleich das Haupthaar bereits ein wenig gelichtet und ebenso wie der starke Vollbart stark angegraut war, noch immer einen schönen Mann nennen. Nur die etwas vorgeschobene Unterlippe wollte mir nicht gefallen: es lag da etwas Trotziges, oder Wildes, das auch mit dem Ausdruck der blauen Augen harmonierte, die ebenfalls früher sehr schön gewesen sein mußten, aber jetzt etwas Hartes und Lebloses hatten, als wären sie aus Glas. Die Gestalt, welche in ein joppeartiges Kleidungsstück, das ein Haus- oder auch ein Jagdrock sein mochte, geknöpft war, ragte mit hoher Brust und breiten Schultern massig von dem Sitz auf; den großen, aber wohlgebildeten Händen sah man an, daß sie eine Büchse oder ein Schwert wohl zu führen wußten. Ich meinte, am liebsten so ein fast mannshohes, desgleichen ich auf Abbildungen von Landsknechten und Rittern bewundert; wie es mir denn auch durch den Kopf fuhr, daß sich der Mann in voller Rüstung auf schnaubendem Roß gar prächtig ausnehmen müsse.

Die Zigarre war ihm nach den ersten Zügen ausgegangen; er zündete sie sich von neuem an (was der sybaritische Kammerherr nicht gethan haben würde) und sagte:

Sie haben also eine entschiedene Neigung zum Schauspieler?

Ja, Hoheit.

Seit wann?

Ich muß wohl annehmen, seit immer, Hoheit. Wenigstens habe ich immer die entschiedene Neigung gehabt, mich in irgend eine fremde Gestalt, die mir durch die Lektüre oder sonst interessant geworden war, hineinzuversetzen und, besonders als ich noch ein Knabe war, in einer solchen Rolle zu reden und zu agieren. Daß darin möglicherweise das Talent zu einem Schauspieler stecke, wußte ich freilich nicht, und wäre auch wohl schwerlich darauf verfallen, wenn –

Der Kammerherr von Trechow – weiß! unterbrach mich der Herzog. Er hat mir selbst seiner Zeit davon geschrieben. Ich würde indessen kaum ein Gewicht darauf gelegt haben – des armen Trechow Infallibilität in diesen Dingen steht auf keinen festeren Füßen, als er selber – nur daß Weißfisch es bestätigt hat, auf den man sich verlassen kann. Wie sind Sie mit ihm zufrieden?

Er hat sich die erdenkliche Mühe mit mir gegeben, Hoheit; und seine Schuld ist es nicht, wenn ich noch nicht weiter bin. Dennoch –

Nun?

Nicht wahr, ich darf gegen Hoheit ganz frei sprechen?

Ich bitte sogar darum.

Ich wollte sagen, Hoheit: dennoch glaube ich, es war die höchste Zeit, daß ich aus seinen Händen kam. Er ist gewiß in vieler Hinsicht ein vorzüglicher Lehrer; aber seine schauspielerischen Produktionen sind doch nur immerhin treffliche Kopien, so daß meine eigenen Leistungen im besten Falle die Kopie einer Kopie sein könnten, eine Gefahr, der ich zu entgehen hoffe, wenn ich Gelegenheit habe, mich an wirklichen, an originalen Schauspielern weiter zu bilden.

Und Sie glauben, daß es heute noch originale Schauspieler gibt? Ich meine, auf der Bühne? rief der Herzog, die Asche von seiner Zigarre tupfend.

Ich mochte auf diese Frage wohl ein verdutztes Gesicht gemacht haben; der Herzog wartete auch nicht auf die Antwort, sondern fuhr alsbald fort:

Im Leben, o ja! das macht uns mehr oder weniger alle zu Komödianten, unter denen man freilich die guten, die originalen, wie Sie sagen, ebenfalls mit der Laterne suchen muß. Wir, die wir das Unglück haben, Fürsten zu sein, wissen ein Wort davon zu sprechen. Welche erbärmliche Komödie müssen wir uns vorspielen lassen! und was schlimmer ist, in welchen erbärmlichen Komödien sind wir gezwungen, mitzuspielen! Grands dieux! Und dabei ernsthaft bleiben zu müssen, eine feierliche Miene machen müssen, während – pah!

Er schnellte, diesmal mit einer heftigen Handbewegung die Asche in den Becher und fuhr in ruhigerem Tone fort:

Aber, um auf die wirklichen Komödianten zurückzukommen, man darf mit den armen Schelmen nicht so streng ins Gericht gehen. Ich habe genug vom Künstler in mir, um zu wissen, daß man in keiner Kunst ohne Modelle, ohne Vorbilder was Rechtes zustandebringt. Und da soll nun so ein Herrlein einen Fürsten darstellen und hat nie einen aus der Nähe gesehen, geschweige denn längere Zeit in seinem Thun und Gebahren beobachten und studieren können. Oder ein anderer einen reichen Bankier und hat nie fünfzig Thaler in seinem Vermögen gehabt; oder einen Roué und Gourmé wie unsern lieben Trechow, und lebt ehrbar von Kartoffeln und Rindfleisch in einer Hofwohnung drei Treppen hoch. Und steht es mit unsern Schriftstellern denn besser! Ich lese gern Romane, aber durch welche Schiefheiten, Albernheiten, Absurditäten muß man sich da durcharbeiten, die alle daraus entstanden sind, daß die Herren das Leben, das sie schildern wollen, kaum von Hörensagen, geschweige denn durch Autopsie kennen. Da – er deutete auf den Schreibtisch – liegt ein ganz neuer von – nun, ich will den Namen nicht nennen. Die Geschichte spielt zum Teil an einem Fürstenhofe. Aber welche Fratzen macht der Mann aus dem Fürsten, der Fürstin! welche Karikaturen aus den Herren und Damen vom Hofe! Es ist nicht zu glauben. Um so weniger, als der Mann doch wirklich einen und den anderen Blick in diese Kreise geworfen, mehr als das: Tage, vielleicht Wochen in dieser Sphäre zugebracht hat. Da, auf dem Platze, wo Sie sitzen, hat er gesessen, mehr als einmal; ich habe ihm meine Ansichten über eine lange Reihe der wichtigsten Dinge mitgeteilt, und doch! als ob er nie aus seinem Studierzimmer, aus seiner gelehrten und litterarischen Gesellschaft herausgekommen wäre!

Die widerspenstige Zigarre wollte durchaus nicht brennen; der Herzog stieß sie, wie zur Strafe, kräftig mit der verkohlten Spitze an den Becher und zündete sich eine neue an. Ich dachte nach über das, was er gesagt. Es schien mir alles sehr treffend; nur hielt ich es nicht für unmöglich, daß, wenn jener Schriftsteller die hohen Herrschaften falsch geschildert habe, trotzdem er sie kennen gelernt, der absolute Wert der Autopsie doch wohl fraglich sei und es noch auf etwas anderes ankommen müsse, das auch ohne Autopsie seine Geltung habe. Aber der Gedanke war mir im Momente nicht so klar, daß ich ihn auszusprechen gewagt hätte; überdies hatte der hohe Herr seine Rede wieder aufgenommen:

Das ist denn freilich so recht deutsch, sagte er, der rechte deutsche Ur- und Grundfehler. Sie glauben alles aus der Theorie herausschaffen, alles aus der Tiefe des Gemütes, wie Hegel sagt – (Heine, verbesserte ich im stillen –) konstruieren zu können: Dramen, Romane, Verfassungen, Revolutionen – alles! Und das ist der Grund, warum sie in allem hinter den praktischen Nationen zurückstehen; warum die Franzosen ihre Bühne beherrschen, die englischen Blaustrümpfe ihren Büchermarkt; warum die Verfassungen, die sie aushecken, regelmäßig Stückwerk sind, und ihre Revolutionen eben so regelmäßig mißglücken. Nehmen wir die Bauernkriege! Unser deutscher Bauer des Anfangs des sechzehnten Jahrhunderts war schon ein konfuser Theoretiker und glaubte wunder wie revolutionär zu sein, während er im Grunde nichts als die bare Reaktion trieb. Lassalle – übrigens auch sonst ein profunder Kopf, dessen leider sehr zerstreute Schriften ich Ihrem Studium dringend empfehle – hat es aufs schlagendste nachgewiesen. Ich selbst hatte übrigens dieselben Ideen lange vor ihm gehabt, und sie wiederholt meinen politischen Freunden mitgeteilt; es ist mehr als möglich, daß Lassalle sie von einem derselben gelegentlich gehört und eben nur verarbeitet hat. Ich bin ihm deshalb nicht bös gewesen – im Gegenteil. Ich muß den Leuten noch dankbar sein, die meine Ideen auf diese Weise popularisieren – ich kann mich doch nicht auch noch auf den politischen Autor hinausspielen wollen. Findet man doch ohnedies schon, daß ich zu vielgeschäftig bin. Jawohl! Bei den Deutschen ist man immer zu vielgeschäftig, wenn man nicht, wie die Menge, die Hände in den Schoß legt, und den lieben Gott einen guten Mann sein läßt. Nur daß der liebe Gott dann, sozusagen, auch die Hände in den Schoß legt, und den Menschen die Verantwortung für ihr Thun und Lassen zurückschiebt; den Deutschen also für ihr Lassen – für ihr laisser aller! Und das faire dann in die Hände von Leuten kommt, die es derartig besorgen, daß man sich über das alles nicht wundern, – sich nur wundern kann, daß es nicht noch schlechter, noch miserabler geht. Ich will keine Namen nennen; aber wenn ich denke, daß ein gewisser Jemand berufen sein soll, was die Nation seit Jahrhunderten erstrebte, für sich allein durchzuführen, die Früchte tausendköpfiger Arbeit für sich allein einzuheimsen, bloß, weil die Nation nicht aus ihrem Schlendrian zu bringen war, und achtundvierzig die rechte Zeit versäumte, wie sie sie noch immer versäumt hat – ah!

Die neue Zigarre war längst ausgegangen und wurde abgestraft wie die erste. Dabei waren dem Leidenschaftlichen die Adern auf der breiten Stirn angeschwollen, die starke Unterlippe war wie in zorniger Verachtung weit vorgeschoben, die mächtigen Hände, die sich jetzt mit einer dritten Zigarre beschäftigten, bebten, und ich dachte schaudernd gewisser Sonette, die in den letzten Tagen meines Schullebens eine so verhängnisvolle Rolle spielten. Indessen hatte ich die beruhigende Empfindung, daß der hohe Herr (was ich auch sehr begreiflich fand) nicht sowohl für mich spreche, sondern, um zu sprechen, um sich Luft zu machen, und meine Zuhörerschaft eigentlich rein zufällig sei. Darüber aber sollte ich sofort eines anderen belehrt werden.

Sie denken natürlich über den gewissen Jemand, den ich nicht nennen will, sehr verschieden von mir; sagte er plötzlich, die harten blauen Augen zum erstenmale seit längerer Zeit wieder fest auf mich richtend.

Mir fing das Herz an zu schlagen. Sollte dies der Anfang eines Examens über meine politischen Ueberzeugungen sein? und wie würde ich dasselbe vor dem hohen Herrn bestehen, der vielleicht dafür hielt, daß, was sich wie für einen Herzog wohl schicke, für einen Gelbschnabel, ich, höchst unschicklich sei? Nun, wie es werden mochte: ich war entschlossen, die Wahrheit zu sagen, und so räumte ich denn vor der Hand ehrlich ein, daß ich eine allerdings nur kurze Zeitlang für den gewissen Jemand geschwärmt habe; und daß, obgleich meine politischen Ueberzeugungen, wenn ich von denselben sprechen dürfe, nach einer ganz anderen Richtung gingen, ich doch die Genialität des Mannes und seine ungeheuren Verdienste um unser Volk willig anerkenne.

Sie sagen mir da nichts Neues, erwiderte der Herzog. Weißfisch hat mir einige Gedichte von Ihnen mitgeteilt. Nun, Sie brauchen nicht zu erröten. Die Gedichte sind, als solche, nicht übel – ich glaube, ein Kenner in rebus poeticis zu sein, wenigstens habe ich in meinem Leben Verse genug gemacht – gar Sonette sind ein großes faible von mir. Und was den Inhalt betrifft – wenn ich das Glück hätte, so jung zu sein, wie Sie – man kann nicht jedes Glück zugleich haben: das der Jugend und der Einsicht, welche eben nur die Jahre und die Erfahrung bringen, wenn die Einsicht anders ein Glück ist, und nicht vielmehr Schiller recht hat, der das Wissen den Tod nennt. Ach, wie oft habe ich den Tod im Herzen gehabt in jenem Jahre des sublime au ridicule, des Heils und Unheils, der Weisheit und des Blödsinns – dem Jahre achtzehnhundertachtundvierzig! Und noch jetzt raubt mir das Gedenken daran den Schlaf der Nacht und tritt zu mir, trauervoll und vorwurfsvoll, mitten in den Geschäften des Tages. Gedenken zu müssen, daß des Volkes sehnlichstes Verlangen hätte gestillt werden können – schon damals, und in unendlich reicherem Maße als heutzutage! Daß die deutsche Macht und Herrlichkeit, des Vaterlands Größe und Glück, wie es an der Wand der Paulskirche zu lesen war, reif stand, wie ein wogendes Aehrenfeld, welches nur des Schnitters harrt, des starken Mannes, der auch die Garben gebunden und in der sicheren Scheuer geborgen hätte, dort die goldenen Körner zu gewinnen zur sättigenden Speise für die Gegenwart und fröhlichen Aussaat für die kommenden Zeiten! – Und dieser Mann vorhanden war, man seine Hand nur zu ergreifen brauchte, die er den Suchenden weit entgegenstreckte! Und sie ihn doch nicht fanden, an ihm vorbeigingen, das Zepter drücken wollten in die schlaffe Hand eines, der keines verstand von den Zeichen seiner Zeit, des romantischen Träumers! – Und nun selbst so weiter geträumt haben, bis einer kam, der – nun ja: der allerdings kein Träumer ist! Das will ich ihm zugeben. Aber auch weiter nichts; am wenigsten Genialität, die ihm alle Welt beimißt, auch Sie zu meiner Verwunderung, der Sie doch ein Künstler sind. Vielleicht sollte man von Genialität nur bei Künstlern sprechen; jedenfalls nicht bei einem, der so wenig universell ist, daß er von Kunst auch nicht die leiseste Ahnung hat. Damit allein wäre er in meinen Augen schon gerichtet; auch wenn ich nicht tausend andre Gründe hätte. Der Regenerator des Volkes der Denker und der Dichter – ein Perikles müßte das sein; nun und nimmermehr ein völlig amusischer Mensch. Genialität! So nenne man mir doch nur eine einzige Idee, von der man sagen könnte, sie sei aus dieses Menschen Kopf entsprungen? Wer hat denn die deutsche Einheit nicht gewollt? Stand auf dem Programm der Kleindeutschen nicht der Ausschluß Oesterreichs aus Deutschland? Auf dem des Nationalvereines die Hegemonie Preußens? Hat er nicht seine Ideen eine nach der anderen zusammengetragen von unsern politischen Denkern? bei Justus Möser angefangen, hinab bis auf Lassalle? Von dem nicht zum wenigsten, beim Himmel! die ganze Theorie von Blut und Eisen, die ganze Lehre von den sogenannten Rechtsfragen, die im Grunde Machtfragen sind – alles, alles, können Sie bei Lassalle lesen in schönster, klarster, überzeugendster Auseinandersetzung. Ueberhaupt starb ihm der Mann sehr gelegen. Der hätte ihm noch böse Nüsse zu knacken gegeben, der genierte sich auch nicht und nahm die Mittel zu seinen Zwecken, woher er sie kriegen konnte. Und seine Zwecke waren die größten, die sich denken lassen, und die jeder gelten lassen muß, er sei denn von dem Geiste seiner – unsrer Zeit gänzlich verlassen: die Emanzipation, die Vermenschlichung des vierten Standes; die Uebersetzung der papierenen Menschenrechte von 1789 in die Wirklichkeit des neunzehnten Jahrhunderts – mit einem Worte: die Zwecke und Ziele der Sozialdemokratie, die ein Popanz ist, Kinder damit zu schrecken, wenn man sie nicht versteht, und die Heilslehre für alle Schäden dieser kranken Zeit, wenn man sie versteht. Aber es ist halb zehn, und ich muß Sie wegschicken.

Ich erschrak; die Wendung war so plötzlich, hatte mich so jäh aus der wogenden Flut der Gedanken gerissen, die des Mannes Rede in mir entfesselt. Denn wahrlich, ich hatte völlig vergessen, daß es ein Fürst war, der da in überquellender Empfindung, in Worten, die mir mit Lavaglut getränkt schienen, nur daß sie dahinstürzten, wie ein brausender Wildbach, so gesprochen. Ob für sich oder mich, was lag mir daran? Und nun sollte ich wieder den Fürsten in ihm sehen, der für mich doch eben nur ein Mann war. Vom Wirbel bis zur Sohle, jeder Zoll ein Mann, wie er da vor mir, der ich mich mit ihm erhoben, stand in herrlicher Kraft, hoch aufgerichtet das Haupt, in welchem so jugendfrische Gedanken flammten, während über den dünneren Scheitel schon der Rauhreif des Alters gezogen war!

Es ist nie schwer gewesen, mir meine Empfindungen vom Gesicht abzulesen; es mag in dieser Minute besonders leicht gewesen sein. Ich wollte etwas sagen, aber es kam kein Wort über die zuckenden Lippen. Ich wollte mich dankend auf seine Hand neigen, die er mir gereicht hatte, vermochte es aber nicht und blieb so in hilfloser Verlegenheit.

Die ihren Gipfel erreichte, als ich nun doch meine Hand zurückziehen wollte und sie von der seinen festgehalten fühlte – ein paar Sekunden lang, während sein Blick mit einem Ausdruck, der mich, ich wußte nicht warum, bis in das Mark durchschauerte, auf mir ruhte.

Dann fühlte ich meine Hand losgelassen, und wir waren aus der Nische in das Zimmer getreten. Ich hatte mich nun wenigstens so weit gefaßt, daß ich mich verbeugen und etwas von »den weiteren Befehlen Seiner Hoheit« stammeln konnte, wie ich es vorhin von Weißfisch gehört.

Er schien einen Moment nachzusinnen, dann sagte er rasch und in einem ganz anderen Tone, als in welchem er vorhin gesprochen:

Sie werden morgen das Nähere hören; für heute gute Nacht!

Ich verbeugte mich abermals und ging nach der Thür.

Noch eines!

Ich wandte mich; er stand bereits wieder am Schreibtisch und sagte das Folgende halb über die Schulter:

Weißfisch hört von morgen an auf, Ihr Lehrer zu sein, wie Sie es vorhin wünschten. Den weiteren Gang Ihrer Studien werde ich selbst anordnen. Hoffentlich werden Sie Vertrauen zu mir, und ich denke, ich werde Freude an Ihnen haben. Jedenfalls will ich Sie in meiner Nähe wissen. Alles weitere, wie gesagt, bis auf morgen. Gute Nacht!

Ich stand in dem Vorsaal, mir das Haar aus der glühenden Stirn streichend, verwundert auf den Mann in Kniehosen blickend, der sich wiederholt vor mir verbeugte, und auf Weißfisch, der mich ganz verklärt anlächelte, ich wußte nicht warum. Dann begriff ich, daß der Mann in Kniehosen mir das Geleit bis zur nächsten Thür geben wollte, und stürzte nun davon so schnell, daß Weißfisch Mühe hatte, mir zu folgen.

Ich erinnere mich auch nicht, wie ich durch die Gemächer, Säle und Korridore in mein Zimmer zurückgekommen bin, wo ein Tischchen für mich gedeckt stand zu einem Nachtimbiß, bei welchem mir der eine Diener aufwartete. Ich hatte bis jetzt meine Mahlzeiten noch immer mit Weißfisch gemeinsam eingenommen und mich gewundert, daß nur für mich allein gedeckt war; Weißfisch aber, als ich darüber eine Bemerkung machen wollte, bat mich, einen bedeutsamen Blick nach dem Diener werfend, mit ein paar leisen Worten, es so geschehen zu lassen; worauf er mir mit zur Schau getragener Höflichkeit eine gute Nacht wünschte und sich entfernte. Ich wußte nicht, was ich von dem allen denken sollte und hätte gern jemand gehabt, gegen den ich mein volles Herz ausschütten konnte. Dann war mir doch wieder recht, daß ich allein war und bei einer Flasche herrlichen Weines weiter brüten und schwärmen durfte. Zuletzt stand ich noch lange am offenen Fenster, schaute auf die Stadt hinab, in deren Häusern ein Licht nach dem anderen erlosch, wunderliche Träume träumend, lange bevor ich in dem Nebengemach das seidene Bett unter dem hohen Baldachin aussuchte.

Ich war ja nur ein armer Bursch, der kein Heim hatte, keine verwandte Seele in der weiten Welt sein nennen durfte. Aber wenn ich mir an diesem Abend wie ein Prinz vorkam, der in sein väterlich Schloß zurückgekehrt ist nach langer kümmerlicher Wanderschaft in der Fremde, wer hätte es mir verargen können?

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