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Was will das werden? Erster Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Erster Theil - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Erster Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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X.

Doktor Harlemer war erstaunt, als er am nächsten Morgen meinen Puls unter seinen fast durchsichtig feinen Fingern hatte.

Bravo! sagte er; so fahren Sie nur fort, und wir bringen Sie, anstatt zum Frühjahr, schon zu Weihnachten wieder auf die Beine, respektive in die Schule, nach der Sie gewiß eine rechte Sehnsucht haben. Ein so musterhafter Schüler, wie Sie! Apropos! Professor Hunnius hat mir speziell aufgetragen, Ihnen zu melden, daß er Sie nun sicher an einem der nächsten Tage besuchen wird. Diesmal hält er gewiß Wort, schon deshalb, weil er zum vierundzwanzigsten wieder in den Reichstag muß. Adieu bis morgen. Und wie gesagt: fahren Sie so fort!

Nun damit, dachte ich, würde es keine Not haben. Ich war seit gestern ein umgewandelter Mensch. Keine Spur mehr von der trübseligen Verdrossenheit, der lebensmüden Melancholie der vergangenen Wochen. Ich fühlte mich frisch und freudig und lebensfroh: ich hatte wieder ein Ziel!

Und welch erhabenes! Hoch oben in den goldigen Wolken um Kithärons Gipfel! Ein langer Weg und ein steiler Weg, hinauf auf die zackigen Felsenhöhen, im Schwunge fort über gähnende Abgründe. Aber: Fortes fortuna –! Und Vater Apollon würde dem Tapferen gnädig sein! War er es doch schon gewesen in schier überschwenglichem Maß. Hatte er doch den Thoren verblendet, daß er mir für mein Geschreibsel des Goldes die Fülle bot, aus dem ich mir nun eine Rüstung schmieden wollte, wie sie sich ziemte für einen Rufer im Streit. Nicht um irdisch Gut, für das sie sich da draußen schlugen! Um das Himmelsgut der Freiheit, wie sie Adalberts begeistertes Auge sah durch den Rauch des Völkerkampfes: die Befreiung der Menschheit aus den Fesseln des Aberglaubens und des Wahns!

Mir glühte der Kopf. Mochte der Thor sehen, wie er auf seine Kosten kam; ich, ich würde es. Mochten blöde Jünglinge mit meinem »Endymion« schwärmen! Das war ja alles nur romantisch-sentimentaler Kram. Da sollte mein Thomas Münzer ein anderer Kerl werden! Zwar der erste Akt, wie er da lag, war noch nicht zu gebrauchen mit seiner Mischung von Vers und Prosa. Nein, keine Verse hier, wo der Bauernspieß von Ritterblut trieft, die fürstlichen Kettenkugeln durch den Prophetenmantel zermalmend in die Bauernhaufen schlagen; der Mantel fällt und der Prophet! Der doch der Prophet bleibt, ja, sterbend erst zum Propheten wird – einer Zukunft, die heute schon Gegenwart werden will; die zur Gegenwart zu machen, mein »Thomas Münzer, Trauerspiel in fünf Akten« gewaltig beitragen soll! Im Kopf sind sie ja fertig – die fünf Akte – ich habe sie nur noch niederzuschreiben.

Und damit brauche ich mich nicht zu übereilen. Ich werde ohne Rast, aber auch ohne Hast an meinem großen Werke arbeiten und feilen und ziselieren, bis es in Wahrheit eine goldene Rüstung wird. Ich hab's ja dazu!

Und nicht bloß dazu – Gott sei Dank! Endlich kann ich auch dem armen Bruder Otto in Berlin, dessen Klagebriefe mit peinlicher Regelmäßigkeit eintreffen, um mir jedesmal das Herz zu zerreißen »ein wenig« schicken und »in Zukunft mehr«; endlich kann ich den guten Hopps, die sich zürnend von mir gewandt haben, seitdem ich in den Händen der Israels bin, wenigstens ihre baren Auslagen zurückerstatten; endlich darf ich daran denken, mich aus den Israelschen Banden zu befreien, die mir in die Seele schneiden, wie Ketten ins Fleisch.

War ich doch jetzt der Pensionär der Israels in jedem Sinne. Das Zimmer, das ich bewohnte; das Mahl, das ich verzehrte; das Feuer, das da im Ofen flammte; die Lampe, die auf meinem Tische brannte; der Wein, der den Kranken gestärkt; der Arzt, der ihn behandelte – alles ging auf Israelsche Rechnung, auf die Rechnung von I. I.! Wär's auf die der Frauen gegangen, – aber davon konnte ja keine Rede sein: von ihnen hätte ich diese materiellen Wohlthaten überhaupt nicht angenommen. Und sie nun von I. I. annehmen zu sollen, den schon der Knabe nie recht respektiert, und der mir während der Zeit meines erzwungenen intimen Verkehrs mit ihm geradezu verächtlich geworden! O, der schauderhaften Stunden, da er mich in die Geheimnisse meiner Mission einzuweihen bemüht gewesen war! mich darüber belehrt hatte, daß jeder Mensch seinen Preis habe – jeder, vom Verwaltungschef bis zum letzten Wagenschieber – in geometrischer Progression von unten nach oben – natürlich! Es komme nur darauf an, genau herauszurechnen, ob die Höhe des durch den Kauf des Mannes garantierten Gewinnes in dem rechten Verhältnis stehe mit der Kaufsumme. Dann sei es gleich, ob es sich bei dieser um Hunderte oder Tausende handle. – Geschäftsspesen – he? Und was die Schwierigkeit betreffe, das Geld an den Mann zu bringen – Gott, ja, die Leute sperrten sich manchmal gewaltig; würden grob, ausfallend, handgreiflich; – es sei ihm das alles in seiner Praxis tausendmal vorgekommen; – aber daran müsse man sich eben nicht kehren; da müsse man zäh sein, wiederkommen; vorsichtig höher bieten; am Ende habe man die Herrschaften immer im Sack; die am meisten geschimpft hätten, am leichtesten.

Wie hatte ich das nur mit anhören können, ohne dem alten Sünder den Rücken zu wenden! Wie fanatisch mußte ich von der Heiligkeit eines Zweckes überzeugt gewesen sein, den ich durch solche Mittel erreichen wollte, der mir durch solche Mittel nicht verleidet wurde! Aber jetzt war ja der Zweck vereitelt, und so mußte ich die Schmach der Abhängigkeit tilgen, die ich auf mich geladen in meiner Notlage; und die jetzt doppelt Schmach war, da diese Lage nicht mehr bestand, die Not nur noch meine Not, nicht mehr die des Vaterlandes war!

Aber, daß ich das müsse, stand für mich ja völlig fest. Es handelte sich nur darum, wie ich es ausführen könnte, ohne die unschuldigen Frauen allzu tief zu kränken. Es mußte sich eine schonungsvolle Form finden lassen und – ich würde sie schon finden.

Unterdessen galt es, den »Thomas Münzer, Trauerspiel in fünf Akten« zu fördern, und ich durfte zufrieden sein. Doktor Harlemer hatte mir verstattet, den Arm zeitweilig aus der Binde zu lassen, auch ein paar Zeilen zu schreiben; ich würde ja schon fühlen, wenn ich ermüdete. Nun, ich ermüdete nicht nach einigen Zeilen, auch nicht nach ein paar Seiten. Man ermüdet eben nicht, wenn man einen »Thomas Münzer« schreibt!

Es waren glückliche Tage, und ich meinte, ich hätte sie wohl verdient, nachdem mir das Geschick des Glückes hübsche sieben Sachen eine nach der anderen zerschlagen. Daß die Reihe dieser Tage so kurz sein würde, ahnte der Glückliche nicht.

Professor von Hunnius hatte mir seinen Besuch schon so oft ankündigen lassen, ohne sein Versprechen auszuführen, daß ich einigermaßen erstaunt war, als er an einem Sonnabend Nachmittage nun doch – diesmal ganz unerwartet – kam. Natürlich hatte ich wieder am »Münzer« gearbeitet, und es war mir lieb, daß die Dämmerung bereits ziemlich stark in meinem Zimmerchen lag: ich durfte hoffen, der verehrte Mann, den ich sofort auf das kleine Sofa nötigte, werde so das Manuskript auf dem Schreibtische am Fenster nebst der aufgeschlagenen Geschichte von Zimmermanns »Bauernkriegen« und meinem sonstigen Handwerkszeug nicht bemerken.

Der Professor hatte es, wie er sagte, sehr eilig. Er wolle morgen früh nach Berlin; habe noch einer Komitee-Beratung im Handwerkerverein zu präsidieren; einer außerordentlichen Stadtverordnetensitzung beizuwohnen; mit den Kollegen, die ihn während seiner Abwesenheit vertreten würden, Rücksprache zu nehmen; und schließlich gebe es, wenn man verreise, noch immer im Hause zu ordnen, zumal in einem so großen Hausstand, wie der seine. Er werde zu dem allen wohl die halbe Nacht zu Hilfe nehmen müssen. Glücklicherweise habe er sich von lange her in strenge Zucht genommen und könne wohl einmal eine Nacht überschlagen, ohne es am nächsten Tage allzusehr zu spüren. Ich benutzte eine Pause, in welcher der Gesprächige Atem schöpfte, um meinen Dank zu murmeln, daß er trotz alledem noch Zeit gefunden habe, sich nach mir umzusehen.

Es ist eine alte Schuld, die ich abtrage, erwiderte der Professor; ein braver Schüler und tüchtiger junger Mensch, wie Sie, dem es ohne sein Verschulden so mißlich ergangen ist und noch ergeht, hat Anspruch an die werkthätige Teilnahme seines alten Lehrers. Ich habe diese Teilnahme nicht früher äußern können; aber ich weiß, Sie sind von dem Vorhandensein derselben immer überzeugt gewesen, wie ich mich denn überzeugt halte, daß Sie in dem, was ich Ihnen nun zu sagen und vorzuschlagen habe, auch wenn es Sie anfänglich befremden und bedrücken sollte, schlechterdings nichts anderes als eben die Aeußerung dieser meiner Teilnahme erblicken werden.

Der Professor schob die widerspenstige Brille auf das Stumpfnäschen hinauf; ich saß mit klopfendem Herzen da. »Befremden und Bedrücken« – das klang nicht ergötzlich; und der leichte Ton, in welchem er anfänglich gesprochen, hatte die Schärfe und Bestimmtheit angenommen, bei der in der Schule auch die Zerstreutesten aus guten Gründen sich zusammenrafften.

Also ganz kurz, sagte der Professor; ich habe Ihnen eine bestimmte Proposition zu machen. Durch die Annahme des Mandats zum Reichstage, zu der ich verpflichtet war, als zu dem einzigen Mittel, meiner Partei hierorts zum Siege zu verhelfen, bin ich selbst in eine schwierige Lage gekommen. Dieselbe wird auf die Dauer nicht haltbar sein; ich werde sie von Grund aus ändern müssen, voraussichtlich mit großen persönlichen Opfern. Aber diese fundamentale Wandlung kann sich nicht so bald vollziehen. Nach meiner Kalkulation wird darüber ein Jahr vergehen. Unterdessen muß ich Ersatz zu schaffen suchen für den unvermeidlichen Ausfall in meiner hergebrachten Thätigkeit. Für den Ersatz in der Schule hat der Staat zu sorgen. Mein Ersatz zu Hause ist schwieriger. Zwar das Hausregiment ist und bleibt in bewährten Händen; meine Frau hat höchstens, wenn ich nicht da bin, ein Individuum weniger zu überwachen; und leiblich und moralisch ist für die Pensionäre – die Kinder sind ja Privatsache – vollauf gesorgt. Nur mit der intellektuellen Verpflegung sieht es mißlich aus. Man vertraut mir mit Vorliebe Knaben an, die aus einem oder dem andern Grunde im Lernen zurückgeblieben sind; es ist die unausgesprochene oder ausgesprochene Bedingung, wenn man sie mir bringt, daß ich die Lücken ausfüllen, oder doch auszufüllen versuchen werde. Dieser Verpflichtung konnte ich schon bisher kaum nachkommen; ich werde es jetzt noch weniger imstande sein. Quaeritur: wollen Sie nach dieser wichtigen Seite mein Substitut werden? Ihre Befähigung dazu steht für mich fest; das muß Ihnen genügen. Eine wesentliche Einbuße in Ihren eigenen Studien werden Sie nicht erleiden. Sie wissen: docendo discimus; und ein paar sonst der Muse gewidmete Stunden, auf die Arbeit verwandt, werden bei Ihrer Arbeitskraft und Ihren Fähigkeiten durchaus hinreichen, Sie auf der Höhe zu halten und, ich denke, sogar noch mehr als das. Als Aequivalent Ihrer Bemühungen für mich und der Unterstützung, welche Ihre Gegenwart in meinem Hause meiner Frau in Erfüllung Ihrer disziplinarischen Pflichten gewähren wird, biete ich Ihnen eben die Mitgliedschaft in meinem Hause, in meiner Familie, so daß Sie von Stund an jeder ökonomischen Sorge überhoben sind.

Der Professor schwieg; ich saß da in der peinlichsten Verlegenheit. Das Verständige dieses Vorschlages, die Vorteile, welche daraus für mich resultierten, die Güte und die Großmut auch, welche dem trefflichen Mann den Plan eingegeben hatten – ich war so blind und gottvergessen nicht, um das alles nicht mit einem Blicke zu sehen und im Herzen nachzufühlen. Aber meine Freiheit, sie, die ich mir eben erst wiedergewonnen, und die mir zu erhalten ich geschworen hatte; sie und – mein Thomas Münzer! Und an ihrer Stelle eine neue Abhängigkeit, wenn sie sich auch den Anschein einer freien Leistung gab, für die nur eben eine Gegenleistung stattfand; ein Leben vom Morgen bis zum Abend unter der Oberhoheit der kleinen Frau Professorin mit dem über die ungeheure Tafelrunde schweifenden Blick der großen runden Augen – lieber Himmel, mußte es denn sein? Um der Ehrfurcht willen, die ich dem kleinen Manne an meiner Seite gern schuldete – nicht aus Not, die ja für mich durch den Verkauf meiner Manuskripte auf ein Jahr hinaus gehoben war, das heißt, für eben die Zeit, während welcher mir das Anerbieten des Professors die Existenz sichern sollte!

Das alles war mir durch den Kopf geschossen, während er sprach; und nun sollte ich ihm antworten! Was? natürlich zustimmend! ich konnte ja nicht anders und atmete doch hoch auf, als er, ohne meine Antwort abzuwarten, von neuem zu sprechen begann:

Es scheint, mein Antrag hat Sie überrascht. Ich finde das begreiflich und würde es auch begreiflich finden, wenn sich bei Ihnen allerlei Bedenken regten, mit welchen Sie vielleicht nur aus Bescheidenheit und Pietät zurückhalten. So will ich denn für Sie sprechen. Es schmerzt Sie, aufgeben zu sollen, woran Sie sich von Kindesbeinen, möchte ich sagen, bei den höchst eigentümlichen Verhältnissen, in denen Sie aufgewachsen sind, gewöhnt haben: die Unabhängigkeit von dem Willen, vielleicht auch der Willkür fremder Menschen; die Freiheit, zu kommen und zu gehen, Ihre Zeit nach Wunsch und Laune einzuteilen, zu verwenden – der Lebensführung mit einem Worte; eine Freiheit, die Sie glücklicherweise nie gemißbraucht haben. Sie können deshalb wirklich von Glück sagen. Die Freiheit ist ein gefährliches Gut auch für die Guten; und nicht alle Früchte, die in ihrer heißen Atmosphäre reifen, sind so erquicklich oder nahrhaft wie ihr Aussehen zu verheißen scheint. Auf alle Fälle kann es Ihnen nur nützen, wenn Sie diese liebliche Freiheit, und wäre es nur auf eine gemessene Zeit, mit einem kräftig-gesunden Zwange vertauschen. Auch in dem Falle – und in dem erst recht – daß Sie ein Auserwählter unter Millionen, daß Sie ein Dichter von Gottesgnaden wären.

Herr Professor, sagte ich, während mir das Blut in die Wangen stieg; verzeihen Sie; aber ich glaube, mich einer solchen Ueberhebung niemals schuldig gemacht zu haben: die Sonette sind ohne meine Einwilligung mit meinem Namen gedruckt worden.

Aber Sie haben sie doch geschrieben; rief der Professor; und darauf nur kommt es an – mir wenigstens, obgleich ich zugeben muß, daß die Sonette ein entschiedener Fortschritt und jedenfalls das beste sind, was Sie je geschrieben haben.

Ich blickte den Professor voller Entsetzen an. Er schob sich die Brille höher auf die Nase, räusperte sich und sagte in weniger lebhaftem Ton:

Ich will nicht mit Ihnen Versteck spielen. Ich weiß, daß Sie bereits Poetisches oder poetisch sein Sollendes geschrieben haben genug, um mehrere Bände damit zu füllen. Mehr noch: ich habe die Sachen gelesen, oder doch so viel davon, daß ich mir ein Urteil verstatten darf. Es ist dabei allerdings Verrat im Spiele, aber der Verräter bin nicht ich. Es ist derselbe, dem Sie Ihr Vertrauen geschenkt haben, und der dieses Vertrauens vollkommen unwürdig, überhaupt ein unwürdiges Subjekt ist, mit dem Sie durchaus den Verkehr ein für allemal abbrechen müssen. Doch davon ein andermal. Jetzt nur so viel, daß dieser Mensch mich vorgestern mit seinem Besuche beehrte. Er wußte, wie er denn überall herumschnüffelt, daß ich die Absicht habe, hier eine neue Zeitung ins Leben zu rufen und meiner Partei so ein Organ zu schaffen. Der Mensch machte mir nun den Vorschlag, ihm seine alberne Undine als Feuilletonbeilage für meine Zeitung abzukaufen. Da ich Ursache habe, gegen den Menschen vorsichtig zu sein, ging ich zum Schein auf den Unsinn ein. Er prahlte mit seiner Abonnentenzahl, die in letzter Zeit in rapidem Wachsen sei, und einem unermeßlichen Druckmaterial an Novellen und Gedichten, welches er dieser Tage zu erwerben das Glück gehabt habe für eine sehr namhafte Summe, die er nannte. Die Summe war so groß, daß der Kerl entweder log, oder das Geld gestohlen hatte, – für das eine sprach so viel, wie für das andere. Ich wollte dem Dinge auf den Grund kommen und ersuchte ihn, mir die Sachen zu zeigen. Er brachte sie sofort, und – nun, lieber Freund, ich kenne Ihre Handschrift und so wußte ich denn, daß der Mann ausnahmsweise nicht log, wenn er mir als den Verfasser dieser Poesieen jemand bezeichnete, den seine Stellung zwinge, ungenannt zu bleiben.

Um Gotteswillen! murmelte ich.

Nicht war, das ist stark? sagte der Professor mit einer Heiterkeit, die mir durchs Herz schnitt. Aber beruhigen Sie sich! Ich ließ die Anonymität ruhig gelten, erklärte, daß die Poesieen gut, zum Teil vorzüglich seien, mir aber trotzdem der Preis, den er dafür gezahlt haben wolle, stark übertrieben scheine. Er produzierte als Antwort eine Monats-Ratenquittung über einen Betrag, der, wenn man ihn mit zwölf multiplizierte, allerdings die angegebene volle Summe ergab. Der Beweis war nun allerdings nicht sehr zwingend, da die Unterschrift der Quittung – darauf hatte der Freche gerechnet – sich als völlig unleserlich erwies; aber ich hatte genug gesehen. Ich zweifelte nicht länger, daß diese Monatsrate wirklich an den Autor gezahlt sei; daß auch die übrigen elf ihrer Zeit sicher gezahlt würden; aber eben so sicher nicht aus der Tasche von Herrn Ernst Streben, die notorisch immer leer ist, wenngleich er sich für die Vermittelung dieses Geschäftes zweifellos eine entsprechende Provision ausbedungen hat. Nicht wahr, Sie wissen jetzt auch, von wem dieses Geld kommt? Sie haben ja so sehr viel Freunde nicht und unter diesen wohl nur wenige, welche sich die Freude des Wohlthuns in so reichem Maße gewähren können und, lassen Sie mich hinzufügen, in so edler Weise gewähren würden.

O ja: ich wußte es jetzt auch! Mit der Plötzlichkeit und Klarheit des Blitzes stand es vor mir. Es gab, außer Maria, nur ein Wesen auf der Welt, das von meinen Poesieen Kenntnis hatte und haben konnte: Jettchen Israel. Maria blieb hier außer Frage. Es konnte nur Jettchen gewesen sein – natürlich im Verein mit ihrer Mutter. Sie hatten den Mann gedungen, instruiert; er hatte seine Rolle gut genug gespielt für mich Gimpel, der ich so dumm in das Netz geflogen war. Und ich hatte mich von meinen Beschützern loskaufen wollen mit demselben Gelde, das sie mir geschenkt hatten! Wollte sich denn nicht die Erde aufthun, mich zu verschlingen!

Aber Herr Israel weiß wenigstens nichts davon! stöhnte ich hervor unter den Händen, in die ich mein glühendes Gesicht gedrückt hatte.

Kein Wort, sagte der Professor; und die beiden Damen ahnen nicht, daß ich alles weiß. Ich brauchte sie nicht zu fragen, was ich nebenbei so wie so nicht gethan haben würde, wenn ich noch einer Bestätigung bedurft hätte. Ich bedurfte keiner. Kannte ich doch Ihr Verhältnis zu der Familie, insonderheit zu den beiden Frauen; und kannte ich ebenso den vortrefflichen Charakter derselben aus mancher Wohlthat, die sie vor dem Gatten und Vater verborgen gethan und mit deren Ausführung sie mich beehrt haben. Jedenfalls dachten sie, es diesmal besonders klug anzufangen, wenn sie mich aus dem Spiele ließen. Sie hatten sicher die Empfindung, daß ich um Ihrer selbstwillen, mein junger Freund, diesen frommen Betrug nicht billigen würde.

Aber was soll ich thun, Herr Professor! rief ich ganz verzweifelt.

Natürlich meinen Vorschlag annehmen; erwiderte er schnell; und so das, was Ihnen hier eine trotz ihrer Kurzsichtigkeit verehrungswürdige Güte gewähren wollte, als ein tüchtiger Mensch, der Sie sind, in ehrlicher, wenn auch mühseliger Arbeit verdienen. Und nun heben Sie den Kopf in die Höhe! Sie haben Ihre jugendliche Unerfahrenheit – denn einer schwereren Schuld dürfen Sie sich keinesfalls anklagen – mit dieser Stunde mehr als ausreichend gebüßt. Die Sache mit den Israelschen Damen auszugleichen, überlassen Sie nur mir. Doktor Harlemer sagt mir, daß Sie in acht Tagen sehr gut die Uebersiedelung ausführen können. Dann rechne ich – rechnen wir auf Sie. Ich werde schwerlich bis dahin zurück sein; das thut nichts; meine Frau wird Sie bestens willkommen heißen. Sie ist ein wenig streng, meine Frau, und manchmal kurz angebunden; sie muß es sein; sie käme sonst nicht durch. Aber sie ist das bravste Herz von der Welt, und meint es gut mit aller Welt, zumal mit Ihnen. Es soll Ihnen schon heimisch bei uns werden; und ich hoffe, daß ich Ihnen auch sonst von Nutzen sein kann. Wer zu mir steht, das, wissen Sie, zu dem stehe ich. Sie können das brauchen. Der Herr Direktor kann Ihnen nun einmal die Einsegnungsgeschichte nicht vergeben, und mit Professor Willy haben Sie es seit den Bismarck-Sonetten verschüttet. Bismarck und Goethe in einem Atem, – das war zu arg. Hätten Sie an Bismarcks Stelle doch wenigstens den lieben Gott genannt! Willy ist ein viel zu edler Mann, als daß er Ihnen Ihre Sünde gegen den heiligen Geist des Idealismus jemals nachtragen würde; aber – woran arbeiten Sie denn da?

Er hatte sich schon seit geraumer Zeit erhoben und im Sprechen sich immer mehr meinem Schreibtisch genähert, auf welchem ich mein Thomas-Münzer-Manuskript bei seinem plötzlichen Eintreten nur eben hatte zuklappen können. Aber auf dem Titelblatte stand es in großen, von Ernst Strebens Künstlerhand gemalten Buchstaben. Und jetzt hatte er das unglückliche Heft ergriffen und begann, sich mit dem Rücken an das Fenster lehnend, darin zu lesen, während ich das bißchen Abendlicht verwünschte, das ihm noch gerade die Möglichkeit dazu gewährte. Ich stand da, unfähig, mich zu regen, keines Wortes mächtig, in bitterster Verlegenheit, wütend über seine Indiskretion, und er las und las und las; – ich hätte vergehen mögen.

Endlich klappte er das Heft wieder zu, ging an mir vorüber ein paarmal schweigend im Zimmerchen auf und ab, den Kopf gesenkt, die Hände auf dem Rücken. Dann blieb er vor mir stehen, blickte zu mir auf, wobei ihm die Brille von selbst höher auf die Nase rutschte, und sagte:

Das ist ein guter Griff, den Sie da gethan haben; und was ich gelesen, ist so übel nicht; es waren sogar sehr gute Sachen darin; vor allem die Sprache ist edel und doch wieder charakteristisch und voll dramatischen Lebens. Dennoch – lassen Sie es liegen ein paar Jahre; wenigstens solange Sie bei mir und auf der Schule sind! Versprechen Sie mir das! Thuen Sie's! Ich würde es nicht fordern, wenn ich nicht die tiefste Ueberzeugung hätte, daß es zu Ihrem Heile gereicht!

Er hielt mir seine Hand hin, in die ich schweigend die meine legte. Ich fühlte, daß meine Hand eiskalt war.

So, sagte er, das ist brav. Und nun will ich Ihnen auch nicht vorenthalten, weshalb ich diese Ueberzeugung habe. Ich sagte vorhin: »wenn Sie ein Poet sind«. Lassen wir die Hypothese und sagen: Sie sind einer. Poeten werden geboren. Gut. Sind Sie aber ein geborner Poet, so bleiben Sie's, trotz der paar Jahre Enthaltsamkeit, die ich Ihnen diktiere. Glauben Sie mir: man sieht nichts hinter dem Isisschleier, als was man selbst mitbringt, was man in sich selbst ist. Wehe dem, der an den Schleier rührt vor der Zeit! Die Enthaltsamkeit ist das Leben, die Unenthaltsamkeit der Tod. Tausende von geborenen Poeten sind dieses Todes gestorben, früher und später – heutzutage mehr als je. Aus gutem Grunde. Die Poesie ist, wie alle Kunst, das ideale Spiegelbild des Lebens, oder sie ist nichts. Ist nun das Leben, wie heutzutage, zumal unser deutsches, ein gewaltiges Ringen zur Wiedergeburt aus dem Geiste, die vielleicht, ja gewiß von einer radikalen Umwälzung unsrer gesamten sozialen Zustände begleitet sein wird, und von der unser jetziger Krieg, so gewaltig er ist, nur vielleicht die ersten Wehen sind, – so kann, meine ich, auch nur den Versuch, ein Bild von diesem gewaltigen Leben zu geben, keiner wagen, er habe denn selbst in diesem Leben gestanden und stehe darin wie ein Soldat in der Schlacht, der die Kugeln pfeifen hört und selbst seine Kugeln versendet, und die Signale kennt und das Kommandowort seiner Führer, bereit zu folgen; bereit und fähig auch, zu führen, wenn's an den Mann kommt. Fragen Sie sich selbst: was kann einem Manne des aktuellen Lebens, wie ich es eben angedeutet – und er braucht deshalb noch lange kein Bismarck zu sein – eine Poesie gelten, welche ihre Nahrung nicht aus dem Boden zieht, auf welchem er selber ringt und schafft mit allen Kräften des Leibes und der Seele? Oder auch nur eine, die wohl weiß, was sie sich selbst, was sie der Welt schuldig ist, aber nun wiederum die Welt nicht kennt – diese ungeheure Welt von heute mit der Ueberfülle ihrer gewaltigen, sich scheinbar nach allen Richtungen kreuzenden Bestrebungen, die doch alle in dem identischen Zentrum zusammentreffen müssen, soll das Leben, um mit Voltaire zu sprechen, nicht eine mauvaise plaisenterie und die Geschichte der Menschheit eine blutige Farce sein. Ich weiß nicht, ob ich Ihnen bis hierher verständlich geworden bin?

Ich glaube, doch; murmelte ich.

So gehe ich weiter und sage, auch darauf muß der Poet heutzutage sich gefaßt machen, daß er trotzdem – trotzdem er nicht auf den alten Liebeseiern brütet und schmetterlingbeflügelte Amoretten besingt, sondern der Atriden und des Kadmos Thaten – keine Hörer findet, weil die Schlacht um ihn her zu gewaltig tobt. Soll er dann nicht in pessimistische Verzweiflung geraten oder in weibische Wehleidigkeit versinken, muß er eben ein ganzer Mann sein und den Mut haben, seine Leier zu zerbrechen und zum Schwerte zu greifen. Ich aber will, daß Sie ein solcher Mann werden. Sie haben das Zeug dazu. Sie haben es bewiesen, damals, als Sie mutig für Ihre religiöse Ueberzeugung eingetreten sind; und sollen es jetzt wieder beweisen, indem Sie ein Versprechen halten, das Sie vielleicht gegen Ihre Ueberzeugung und gewiß mit schwerem Herzen gegeben haben. Glauben Sie mir: es wird Ihnen gut thun; es wird Sie zum Manne schmieden helfen. Und wir werden Männer brauchen! Die Probe zu dem Exempel von Kaiser und Reich, das wir nun so weit ausgerechnet haben, soll erst gemacht werden, und eine schwere, schwere Probe wird's sein. Doch darüber reden wir ein nächstes Mal. Für heute leben Sie wohl! Bleiben Sie dessen eingedenk, was Sie mir versprochen haben, und Gott behüte Sie!

Er hatte mir noch einmal die Hand gedrückt und war zur Thür hinaus.

Ich aber warf mich auf das Sofa – ein völlig Verzweifelter. Ich wußte, daß ich versprochen hatte, was ich nicht versprechen durfte.

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