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Was will das werden? Erster Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Erster Theil - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Erster Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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IX.

Acht oder zehn Wochen sind seitdem verflossen. Man bombardiert noch immer Paris; man schlägt sich auf so und so viel Punkten durch halb Frankreich. Ich bin längst nicht mehr auf dem Laufenden; ich bemühe mich auch nicht einmal mehr, es zu sein – trotzdem ich Zeit im Ueberfluß zu diesem Studium hätte – mein Interesse an den großen Geschehnissen ist einer stumpfen Gleichgültigkeit gewichen, seitdem ich weiß, daß dieser Krieg, trotzdem er sich in eine unerwartete, vorläufig unabsehbare Länge zieht, und wenn er noch so lange dauerte, ohne mich zu Ende gehen wird. Ohne mich, der ich für immer zum Krüppel geworden bin.

Ich wußte es seit dem Tage, als mir der erste Verband abgenommen wurde, und ich den Arzt beschwor, mir die Wahrheit zu sagen; er anfänglich mit der Sprache nicht heraus wollte, bis ich ihm mit zitternden Lippen mein Geheimnis anvertraute und meine Hoffnung, trotz alledem noch nicht zu spät zu kommen. Da hatte er mir, nicht ohne eigene Ergriffenheit, gesagt, daß mein Hoffen vergeblich sei, und daß ich niemals den freien Gebrauch meines rechten Armes wiedergewinnen könne.

Und als ich ihn mit schreckensbleichem Gesichte anstarrte, hatte er freundlich hinzugefügt:

Sie können sich wahrlich noch glücklich schätzen. Nur dem Umstande, daß die Klinge abbrach, als die Spitze eben die Lunge berührte, haben Sie Ihr Leben zu verdanken. Nun kommen Sie, da ich den zerschnittenen Nerv des Oberarmes, welchen der Stoß zuerst traf, nicht wieder zusammenbringen kann, eben mit einer permanenten Lähmung und relativen Schwäche des Armes fort, welche, hoffe ich, auch mit der Zeit bis zu einem gewissen Grade gehoben werden sollen. Die Feder werden sie immer zu führen im stande sein; aber ein Schwert zu schwingen, ein Gewehr zu regieren – ja, lieber Freund, es thut mir herzlich leid. Das Vaterland muß die Thränen, die Sie da jetzt weinen, als Ihr Opfer hinnehmen. Denken Sie an den alten Spruch: »magna voluisse«, und fügen Sie sich wie ein Mann in das Unvermeidliche! Ich glaube gern, daß das in Ihrem Falle sehr schwer ist; aber es muß eben sein. Und da kommt zu rechter Zeit Ihr Amanuensis. Diktiren Sie ihm ein Gedicht in die Feder – eine Ode an das unerbittliche Fatum! Schütten Sie Ihr Herz aus! es wird Sie erleichtern. Ich hoffe, Sie morgen in gefaßterer Stimmung zu finden.

»Wie nur dem schalen Kopf nicht alle Hoffnung schwindet«! deklamierte Herr Ernst Streben hinter dem Doktor her.

Ich wußte nicht, was der Mann mit dem Citat sagen wollte; ich wußte überhaupt selten, warum er gerade diese Dichterstelle citierte, und nicht eine im entgegengesetzten Sinne. Im Grunde war er mir noch immer so unsympathisch, als in dem Anfang unserer Bekanntschaft. Dennoch war ich ihm zu großem Danke verpflichtet; und wenn er sich wieder und wieder mit Emphase meinen Freund nannte, so empfand ich es manchmal als ein Unrecht, daß ich ihm in meinem Innern diesen Titel beharrlich verweigerte.

Hätte er sich doch auch mit nicht geringerem Recht den einzigen nennen können, den ich zur Zeit besaß!

Ein kümmerlicher Besitz für mich, dem jetzt erst zum Bewußtsein kam, wie reich ich noch vor kurzem gewesen war. Und nun alles dahin! Tot der Unersetzliche, der liebevollste, gütigste der Väter; – fern im Kriege, mir unerreichbar, der ritterliche Soldat, dessen feierliche Mahnung die patriotische Leidenschaft erst in meiner Brust entflammt hatte; – fern Maria, die klare, kluge Vertraute der geheimsten Regungen meines Herzens; fern ihr hochgesinnter Bruder, der mir noch in der Scheidestunde sein sprödes Herz geöffnet und einen Blick gegönnt hatte in die Abgründe seiner titanischen Seele; – fern auch er, den er zumeist gehaßt, und den ich zumeist geliebt: mein wilder, edler, guter Schlagododro!

Seine seltenen Briefe kamen aus einer entfernten Stadt, dessen Gymnasium den von unsrer Schule Relegierten nach langem Zögern und Aufgebot des ganzen Einflusses seines Onkels, des Geheimrates in Berlin, endlich aufgenommen.

Die Katastrophe im Ratskeller hatte eine Sühne haben müssen, und der Freund war zum Opfer ausersehen worden. Nicht ohne Fug. Hatte doch seine Wildheit die Katastrophe herbeigeführt; und war er doch der Stifter und die Seele der streng verpönten und bei dieser Gelegenheit entdeckten Verbindung gewesen! Zwar der Direktor, sein »Nährvater«, hatte den großen Sünder auch jetzt noch halten wollen, aber Professor von Hunnius auf exemplarische Bestrafung bestanden, und gedroht, daß, wenn man ihn im Kollegium überstimme, er die Sache öffentlich zur Sprache bringen werde, möge daraus kommen, was da wolle.

Natürlich hatte man in diesem entschiedenen Vorgehen des Professors nur eine Rancüne des Erwählten der liberalen Partei gegen den reaktionären Herrn von Vogtriz auf Nonnendorf gesehen; aber seinen Willen hatte man ihm diesmal, wie auch sonst, doch thun müssen; und »mehr verlange ich nicht«, sagte Herr von Hunnius.

Mir hatte der eifrige Mann durch Dr. Harlemer, der auch sein Hausarzt war, bereits wiederholt ankündigen lassen, daß er mich demnächst besuchen werde; er habe Wichtiges mit mir zu sprechen. Aber bis jetzt war er nicht gekommen; und trotzdem ich überzeugt sein durfte, daß er es aufrichtig gut mit mir meine, und wahrlich des Rates und Beistandes eines so klugen, einflußreichen Mannes dringend bedurfte, wußte ich doch nicht, ob ich wünschen solle, daß er sein Versprechen halte.

Denn mittlerweile war ich tief in eine Richtung geraten, von der ich fürchten mußte, sie werde sich keineswegs seiner Zustimmung erfreuen.

Ich hatte eines Gegengewichtes bedurft, um nicht von der Verzweiflung über das Fehlschlagen meines Planes und meine übrige nach allen Seiten trostlose Situation völlig erdrückt zu werden; und da war es denn Herr Ernst Streben gewesen, der mir diese Wohlthat verschafft und mich aus meiner Melancholie gerissen hatte, indem er dem an sich Irregewordenen ein neues Ziel wies, und damit »neuen Strebemut« gab, wie er sagte.

Er hatte dem kranken Hausgenossen von Anfang an »seine ganze freie Zeit gewidmet«; und diese war sehr beträchtlich, denn er kam fast nicht mehr aus meinem Zimmer, besonders als jetzt meine Genesung rasch vorwärts schritt, und die Israels seltener vorsprachen, manchmal tagelang sich nicht blicken ließen. Zur großen Genugthuung Herrn Strebens, der sehr eifersüchtigen Gemütes schien und sich nebenbei als enragirter Judenfeind bekannte. Ich sei vollkommen im Recht, wenn ich mich durch Wohlthaten, die von solcher Seite kämen, bedrückt fühle. Und wozu brauchte ich ihre Wohlthaten! Ein junger Mann, wie ich, der in seinem poetischen Genie über einen Abdallahschatz verfüge, voller Diamanten, Smaragden, Rubinen, »dazwischen nur schmal der Gang!«

Er war aber auf diesen Abdallahschatz gestoßen eines Tages, als er, wie jetzt oft, an meinem Schreibtisch sitzend, einen Brief schrieb, den ich ihm vom Bett aus diktierte, und, nach einem frischen Bogen suchend, aus einem der unteren Kästen ein großes, zusammengeschnürtes Bündel Manuskript zu Tage förderte. Er hatte den Schatz zwei Tage lang in seinem Atelier, wie er des lieben Vaters alte Werkstatt nannte, mit kritischer Sonde geprüft und herausgefunden, daß – nun, daß es eben ein Schatz sei, ein nahezu unermeßlicher.

Warum nicht »geradezu unermeßlich,« Herr Streben? sagte ich ironisch.

Auch das! rief er. Glauben Sie einem Manne, an dem mehr gesündigt ist, als er sündigte, und der sich doch die neidlose Bewunderung für die Großthaten auf jeglichem Gebiete menschlichen Strebens bewahrt hat. Sie sind ein ganzer Dichter! Wer eine Novelle schreiben konnte, wie »Endymion«; eine Tragödie nur zu denken wagte, wie »Thomas Münzer«, und sogar den ersten Akt davon fertig brachte; Gedichtperlen fischte aus der ozeanischen Tiefe seines Herzens, wie: »Verloren!« – »In tyrannos!« – »An die Einsamkeit« – O, diese Verse! Jüngling, die hast Du mir gestohlen, dem Einsamsten der Einsamen:

Du süße Freundin meiner Kinderjahre,
Du heißgeliebte meiner Knabenzeit,
Geheimnisvolle, Hehre, Wunderbare,
Bis sie den Greisen strecken auf die Bahre –
Dir bleibt mein Herz, mein Sinn, mein Sang geweiht.

Und Herr Ernst Streben legte die flache linke Hand auf das dicke Heft, aus dem er recitiert, und beschwor mich, die Rechte feierlich erhebend, ihm zu sagen, daß ich dies gedichtet habe?

Ich kann das mit gutem Gewissen, erwiderte ich; aber ich zähle gerade das Gedicht keineswegs zu meinen besseren; und es ist auch wirklich eines aus meiner Knabenzeit. Ich würde einen Vers wie: ›Bis sie den Greisen strecken auf die Bahre‹, noch dazu mit dem identischen Reim, heute nicht mehr verbrechen.

Sie irren sich, sagte Herr Streben mit Entschiedenheit: der Vers ist sogar ausgezeichnet, wie getaucht in den Maienduft echt jugendlichen Empfindens, das so oft von Todesahnungen durchschauert wird. Wollen Sie doch nicht Ernst Streben lehren, ob ein poetischer Ton falsch oder richtig sei! Er braucht nur auf das feingestimmte Saitenspiel seiner eignen Seele zu horchen. Klingt es da rein wieder, ist es rein; wo nicht, nicht. Ich wiederhole Ihnen: was dieser annoch verborgene Schatz in hundert Jahren wert sein wird, das entzieht sich jeder menschlichen Berechnung.

In hundert Jahren! rief ich mit bitterem Lachen. Ich wollte, er wäre jetzt etwas wert; und dies etwas ließe sich berechnen in klingender Münze.

Sie mahnen mich daran, daß ich Ihnen noch das Honorar für die Bismarcksonette schuldig bin, sagte Herr Streben in seinem tragischsten Ton. Aber das geht nun in einem hin: »die Gläser und die Herzen, alle Zechen hab' ich bezahlt, wenn meine Augen brechen«.

Der Mann saß da, vor sich hin starrend, als wäre der Moment, in welchem er mit dem Lenau'schen Don Juan seine laufenden Rechnungen liquidieren würde, bereits für ihn gekommen. Plötzlich sprang er auf und rief: Ich hab's! Undine, Schmerzenskind! dein Ritter, dein Retter, er naht, er ist da! Sein Hifthorn wird durch deine Wogen klingen! nennen Sie Ihren Preis!

Wofür? fragte ich mit schlecht gespielter Unbefangenheit, denn Herr Streben hatte jetzt wieder die flache Hand auf den »Schatz« gelegt und zwinkerte mich mit seinen wasserblauen Augen erwartungsvoll an.

Nehmt alles nur in allem! rief er, für diese Manuskripte insgesamt, mit Ausnahme des Thomas Münzer, den Sie erst fertig machen müssen, und den ich Ihnen noch besonders abkaufen werde. Für das andere aber zum Abdruck in der Undine offeriere ich Ihnen –

Er nannte eine Summe, die mir nur deshalb nicht einfach lächerlich erschien, weil ich von solchen Dingen auch nicht die leiseste Ahnung hatte. Indessen, weshalb sollte er nicht diese oder eine noch größere nennen! War ich doch überzeugt, daß er sie erst zusammen mit »den Gläsern und den Herzen« bezahlen würde!

Top! rief ich, ihm die Hand von meinem Lager entgegenstreckend.

Und Schlag auf Schlag! erwiderte er, aber wir müssen es schriftlich machen.

Machen wir es schriftlich! sagte ich, nun doch über den wunderlichen Spaß lachend; aber Sie wissen, ich habe kein Tröpfchen Blut übrig.

So begnügen wir uns mit Tinte; erwiderte er, aber Ihre Unterschrift muß ich haben. Das kann ich Ihnen nicht erlassen.

Meinetwegen!

Er hatte sich an den Schreibtisch gesetzt, einen Bogen zurechtgelegt und die Feder ergriffen. Jetzt warf er sich in den Stuhl zurück.

Noch eines! Ich bin kein Kapitalist. Wer von uns Musensöhnen ist es! Sie begreifen, daß ich die Summe – Wie denken Sie über Ratenzahlung – monatlich – pränumerando durch zwölf Monate, von dem laufenden an gerechnet?

Darüber denke ich sehr gut, sagte ich; unter einer Gegenbedingung: diesmal und ein für allemal bleibt mein Name aus dem Spiel!

Oder ein Pseudonym? Bertold?! Sagen wir: Bertaldi der Name klingt an Undine an.

Sagen wir: Bertold!

Er bog sich wieder auf das Papier und begann zu schreiben.

Halt! rief ich. Und keine Druckfehler!

Muß das mit in den Kontrakt? fragte er düster.

Nein, nein! rief ich. Schreiben Sie nur!

Und er begann alles Ernstes zu schreiben.

Ueber den tollen Spaß! Aber wenn der Narr den Spaß ernsthaft nahm – und das schien nach seiner gewichtigen Miene und den feierlichen Schnörkeln, die er auf das Papier zog, der Fall zu sein – was riskierte ich denn? Keinesfalls, daß der Mann sich bei dem Geschäft ruinierte! Würde ich doch nie einen Pfennig von dem unsinnigen Gelde zu sehen bekommen! Und wenn die Sachen gedruckt wurden? Nun, es wurde so vieles gedruckt, das nicht besser war, ja sehr viel schlechter.

Geschrieben steht's!

Er warf die Feder auf den Tisch und überlas, sich an den dünnen Haarsträhnen zausend, den famosen Kontrakt, den er mir dann zur Durchsicht und Unterschrift feierlich überreichte. Ich hatte an dem kostbaren Dokument nichts auszusetzen, als daß die prachtvollen Zahlen ebenso auf dem Papier stehen bleiben würden, und kritzelte mit der Linken, heimlich seufzend, meinen Namen darunter. Er faltete das Papier, von dem er mir zusammen mit der ersten Rate noch im Laufe des Tages eine Abschrift zu bringen versprach, steckte es in die Tasche, knöpfte sorgfältig seinen Rock darüber und schritt gravitätisch zur Thür hinaus.

Der Hansnarr!

Aber wie wurde mir, als er bereits nach einer Stunde wiederkam und, nachdem er die Abschrift, unter die ich nur noch meinen Namen zu setzen brauche, auf den Nachttisch vor meinem Bett gelegt, auf eben diesen Nachttisch eine Reihe Goldstücke hinzuzählen begann, dergleichen meine Augen noch niemals beisammen gesehen hatten.

Ich wußte wirklich nicht mehr, ob ich träume oder wache. Das letzte Goldstück klang auf den Tisch.

Belieben Sie nachzuzählen! sagte Herr Streben.

Nehmen Sie Ihr Geld! rief ich wütend. Ich habe die schlechte Komödie nun satt.

In seinen wasserhellen Augen verschwand der letzte Lichtschimmer.

Eine Komödie? sagte er; junger Mann, wofür oder für wen nehmen Sie mich? Mein Name ist Ernst Streben! Bei diesem Namen, der mir heilig ist, wie das, was er ausdrückt: hier ist von keiner Komödie die Rede. Sie können von dem Kontrakt zurücktreten, obgleich dann Sie es wären, der eine Komödie gespielt hätte. Das erlaubt Ihnen Ernst Streben; ihn zu beleidigen, erlaubt er Ihnen nicht. Hier die Quittung zu Ihrer gefälligen Unterschrift, Wenn ich bitten darf!

Meine Hand zitterte derartig, daß die Unterschrift alles andere ebensowohl bedeuten konnte, wie meinen Namen. Dann strich ich das Geld, ohne es zu zählen, in den aufgezogenen Kasten des Nachttisches mit lässiger Gebärde, als wäre mir das etwas Alltägliches; schob den Kasten wieder zu; lehnte mich auf mein Kissen zurück und schloß die Augen wie zum Schlaf, während Herr Streben auf den Zehen zum Zimmer hinausschlich.

Aber die Thür war kaum hinter ihm ins Schloß gefallen, als ich vom Kissen wieder emporschnellte, den Kasten aufriß und mit zitternder Hand in dem Golde wühlte – gierig wie der bethörte Abdallah in des Derwisch Zauberschatz.

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