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Was will das werden? Erster Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Erster Theil - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Erster Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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VI.

Der schwierige Knoten hatte sich wider mein Erwarten leicht gelöst. Als ich zu Hopps hinüberkam, fand ich das Haus in großer Aufregung. Es waren während meiner Abwesenheit nach und nach sechs Verwandte vom Lande eingetroffen, von denen allerdings zwei nur über Mittag, die übrigen vier aber über Nacht dableiben wollten. So ging denn Frau Hopp auf meinen Vorschlag, das bedrängte Feld zu räumen, mit einer Bereitwilligkeit ein, welche, in anbetracht der Umstände, gewiß nichts Beleidigendes für mich haben konnte. Von H. H.'s Seite hatte ich keinen Widerspruch zu befürchten, da er sich heute im Laufe des Vormittags erst über »die verdammten Menschen« wieder einmal hatte ärgern, dann über die Ankunft der vielen Verwandten derartig freuen müssen, daß er bereits seit einer Stunde in sein Zimmer eskortiert worden war, aus welchem er erfahrungsmäßig vor Abend nicht wieder zum Vorschein kam.

Es widersetzte sich demzufolge meinem Auszuge nur Christine, deren Unwillen ich aber durch einen herzlichen Kuß beschwichtigte, welchen ich ihr für ihre treue Sorge und Pflege während meines Besuches ohnehin schuldig war. Dann schnürte ich mit ihrer Hilfe mein kleines Bündel und schlich (nach einem zweiten Kuß, für den die Verantwortung aber lediglich das gute Mädchen traf) aus dem lärmenden Hause in das nebenan.

In das stille Haus, dessen Schwelle ich seit jenem Abend, als ich an dem Sarge des Vaters zusammenbrach, nicht wieder überschritten hatte und zu dem ich jetzt die Thür mit schaurig-süßen Empfindungen leise öffnete und mit dem Wunsche, es möge mir nur jetzt nicht der neue Mieter begegnen. Mein Wunsch ging in Erfüllung. Ungehindert und ungesehen von ihm, oder wer außer ihm noch im Hause sein mochte, gelangte ich über den unteren Flur die paar Schritte bis zu der halbdunklen Treppe, deren siebzehn Stufen ich im Schlaf hätte gehen können, vorausgesetzt, daß mich ihr Knarren nicht erweckte. Es lockte jetzt wenigstens niemand herbei; und nun stand ich, tiefatmend, auf dem oberen Flur, wo rechts unmittelbar neben der Treppe die Thür zu meinem Zimmer war, geradeaus die beiden, welche in die Zimmer führten, die meine Mutter einst bewohnt, und vor denen das Kind, der kleine Knabe so oft vorgebeugten Hauptes mit bangem Herzklopfen auf das »Herein« geharrt. Es hatte nie freundlich geklungen, das Herein; und doch, was hätte ich darum gegeben, wären die Thüren jetzt nicht verschlossen gewesen und die Zimmer dahinter leer, wie es ihr Herz immer für mich gewesen war! Und kam ich nun in mein Zimmer und trat an das offene Fenster und blickte über den Hof nach der Werkstatt – ach, wo war das liebe Rauschen seiner Säge, das dumpfe Krachen des zerschnittenen Brettes, das gleichmäßige Klopfen des unermüdlichen Hammers! Zu viel, zu viel! Vielleicht, daß mir zwischen meinen Sachen, meinen Büchern der verlorene Mut zurückkam.

Der Schlüssel stak im Schloß; ich drückte die Thür auf und schrie laut auf vor freudiger Verwunderung. Mein altes Zimmer mit den alten Möbeln freilich genau an den alten Stellen; aber alles in sauberster, schönster Ordnung: frische Gardinen an den Fenstern, mein Bett in der Ecke mit schneeweißem Linnen überzogen; auf meinem Arbeitstisch vor der Schreibmappe ein Kelch mit duftenden Spätrosen und unter dem Tisch – die einzige kostbare Neuerung – ein kleiner Teppich! Wer hatte gewußt, daß ich mir den schon längst gewünscht? wessen Hand hatte dies alles so sauber und schön geordnet? Konnte ich fragen? Wer hatte denn so eifrig dafür gesprochen, daß ich durchaus mein Zimmer wieder bewohnen müsse? Gutes Jettchen! arges Jettchen! Wolltest Du den Vogel, der vor Begierde zitterte, die Kraft seiner jungen Schwingen zu prüfen, in dem warmen Neste halten? Aber weshalb waren denn Deine Augen so groß und strahlend, als der Unbehauste, der nur noch an fremdem Herde seine Kniee wärmen konnte, von der Heiligkeit des Kampfes sprach für das bedrohte Vaterland?

In tiefer Erregung schritt ich in dem Zimmerchen auf und ab, die Ereignisse des Tages überdenkend, und wie sonderbar es doch sei, daß mir in meiner Not Hilfe gerade von der Seite ward, von welcher ich dieselbe am wenigsten erwartet hatte. Vierzehn Tage freilich! aber sie würden hingehen, und der Krieg würde noch nicht zu Ende sein, konnte noch nicht zu Ende sein – der alte Handelsmann, der Armeelieferant wußte das besser, als der ästhetische Professor, obgleich er Goethe nur von Hörensagen kannte, und mit Graf Bismarck in keinem dämonischen Konnex stand, wie die staatskluge Sibylle. Goethe und Bismarck! In meinem Leben hatte ich die beiden Namen nicht in einem Atem genannt und mußte auch jetzt über eine Zusammenstellung lächeln, auf die ich doch, wie meine Gedanken auch kreisten, immer wieder zurückkam. Wie hatte der Professor gesagt? »Goethe hat unsrer geistigen Physiognomie seinen Stempel aufgedrückt und ihr damit den höchsten Ausdruck gegeben!« Nun ja, gewiß! aber nach der einen Seite doch nur. Hätte er die heilige Notwendigkeit dieses Krieges verstanden? Mein Gott, was hätte der Mann nicht verstanden! Vielleicht Eines – nein, sicher, Eines nicht: sein Volk mit fester Hand vor die Entscheidung zu führen: hier mußt du siegen oder untergehen! – nicht ein wehrloses Volk! ein Volk, dem er den Arm zum Kampf gestählt, die Waffen für den Kampf geschmiedet und geschärft! Ja, wahrlich, das war doch auch ein höchster Ausdruck des deutschen Geistes, und dessen wir bis dahin ermangelt hatten. Das war die andere Seite der Medaille! Auf der ersten Goethe – auf der andern –

Der Kopf glühte mir, während ich nun an meinem Schreibtisch saß vor der aufgeschlagenen Mappe. Und dann hatte ich ein leeres Blatt ergriffen, die Feder eingetaucht und – wollten das Verse werden? Nur zu! In Vers oder Prosa – ich mußte versuchen, zu sagen, was da in meinem Kopfe gährte und flammte!

In dem Kornelkirschbaum vor dem Fenster priesterten die Spatzen so laut – das alte Zeichen, daß der Abend herabsank. Ich schaute auf – es dunkelte wirklich schon. Als ich die Augen wieder auf mein Blatt senkte, konnte ich die Schriftzüge kaum noch erkennen. So noch der letzte Vers – fertig!

Ich erhob mich, eine Fröhlichkeit im Herzen, wie ich sie lange, lange nicht empfunden.

Es knackte auf der Treppe, es raschelte an der Thür. Wer mochte »der trockne Schleicher« sein, der »diese Fülle der Gesichte« zu stören kam? – Herein!

Die Thür wurde langsam geöffnet, und herein trat jemand, in dem ich bei dem letzten Abendschein, welcher durch das Fenster und gerade auf seinen halbkahlen Scheitel fiel, von dem die langen Haarsträhnen bis auf die Schultern herabhingen, meinen Mitbewohner des Hauses, Herrn Klaus Klashanik, genannt Ernst Streben, erkannte. Es hätte mir wohl kein Besuch in diesem Augenblick ungelegener kommen können, als der dieses Mannes, dem ich sonst immer scheu ausgewichen war; aber er hatte jetzt ein Recht auf meine Bekanntschaft, und ich mußte ihm sogar noch für seine Höflichkeit dankbar sein.

Er ließ mir keine Zeit, für die letztere Regung einen Ausdruck zu finden, indem er, erst meine eine Hand fassend, dann auch noch nach der anderen tastend und dieselbe ergreifend, nun beide wieder und wieder drückend und schüttelnd, sich zu dem Glück gratulierte, welches ihm endlich in seine Einsamkeit einen Gefährten gesandt habe. Denn wie sage der Dichter: »Allein, allein, und so willst du genesen? Allein, allein!« –

Bei dem letzten »Allein« hatte er sich, als ein Verzweifelnder, auf mein kleines Sofa werfen wollen, die Bewegung aber bei der im Zimmer herrschenden Dämmerung zu kurz gemacht und war anstatt auf dem Sofa, auf dem Boden zu sitzen gekommen mit einer Gewalt, welche die Glocke meiner Lampe erklirren ließ. Ich entzündete dieselbe schnell, um weiterem Unglück vorzubeugen (und mein Lachen zu verbergen, das ich nur halb unterdrücken konnte), während Herr Ernst Streben sich wieder aufraffte, und, als ich die Lampe auf meinen Arbeitstisch gestellt hatte, bereits mit aufgestütztem Haupte in der Sofaecke saß. Ich erkundigte mich mit heuchlerischer Höflichkeit, ob er sich weh gethan habe; er wehrte mit der freien Hand ab: Was bedeute in dem Meer von Leiden, das uns umrausche, eine kleine Tücke des Zufalls mehr oder weniger? Darauf müsse der Weise gefaßt sein, und »gefaßt sein«, sage Hamlet, »sei alles«.

Ich betrachtete den Mann, der das in einem für mein Ohr widerwärtig hohlem Tone vorbrachte, (als käme derselbe aus einer völlig leeren Brust,) eigentlich zum erstenmale in meinem Leben genauer beim Schein der Lampe, welcher hell in sein schmales Gesicht fiel und in den wässerigen Augen flimmerte. Die Augen erinnerten etwas an die des Kammerdieners Weißfisch, aber doch nur durch den unsicheren Blick, während der Ausdruck ein sehr verschiedener war: bei jenem der verschmitzter Frechheit, bei diesem hier, wie mir deuchte, der des Wunsches, dem anderen als ein ganz ungewöhnlicher Mensch zu erscheinen bei dem heimlichen Bewußtsein, daß jener an diese Bedeutenheit nicht glaube und auch alle Ursache zu dem Nichtglauben habe.

Sie lieben natürlich Shakespeare, fuhr er fort, als ich, versunken in meine Beobachtungen, auf seine letzten Worte nichts erwiderte: wie könnten Sie anders? das Eisen lockt den Mann, der Genius das strebende Talent. Sie sind eines; ich habe von Ihren Erfolgen in der Schule gehört. Talent und Schule! o ja, da ist's leicht, Erfolge haben! Ich bin ein Autodidakt – da braucht auch das größte Talent, um zum Ziel zu gelangen, zehnfache Zeit, da gilt es: streben, ernst streben! Ich heiße, ich nenne mich danach. Omen in nomine! Sie verstehen natürlich latein? Ein wenig; erwiderte ich.

Ich nicht; sagte er spöttisch; ich halte es auch nicht für nötig. Hat Christus lateinisch verstanden?

Ich habe noch nie darüber nachgedacht, sagte ich, durch die Frage wirklich ein wenig betroffen.

Aber ich, rief er triumphierend, und ich behaupte: nein! Warum? Man hält keine »Bergpredigt«, wenn man lateinisch versteht, und schreibt keine »Götter Griechenlands«, wenn man griechisch liest. Das Genie ist ein Nachtwandler; nicht bloß das dichterische – jedes, auch das Feldherrngenie, auch das diplomatische. »Nacht muß es sein, wo Friedlands Sterne strahlen«, sagt Wallenstein, und Graf Bismarck, das größte staatsmännische Genie aller Zeiten, ist ein Autodidakt, wie ich.

Das ist mir völlig neu; sagte ich lächelnd und doch mit heimlichem Herzklopfen, als so plötzlich der eine meiner eben erst besungenen Dioskuren von dem wunderlichen Heiligen da auf dem Sofa heraufbeschworen wurde.

Glaube ich; sagte er, sich zurücklehnend und im Vollgenuß seiner Ueberlegenheit halb die Augen schließend; mir nicht. Ich hafte nicht auf der Oberfläche, ich sehe den Menschen in das Innere. Was sehe ich da zuerst bei Bismarck? Junkerei, Jagd, Sport, Studentenübermut – was ist das? Nichts! Wüste, Leere, über welcher der Geist schwebt. Da haben wir's: der Geist!

Freilich, sagte ich.

Natürlich, sagte er, der Geist. Da liegt der Hase im Pfeffer. Es ist meine Ueberzeugung, mein Glaube, mein Trost, meine Hoffnung. Ernst streben, mit dem nötigen Geist selbstredend, was ist da unerreichbar? Nur entscheiden muß man sich. Ich beneide Bismarck, dem ich mich sonst so nah verwandt fühle; aber in einem ist er mir voraus: er hat sich entschieden. Ihm wurde es verhältnismäßig leicht. Sein Genie ist groß, aber einseitig. Hörten Sie je, daß er Gedichte machte? Nein! Daß er die Kunst besitzt, Geigen zubauen, neben denen die berühmtesten Amati und Stradwari hohle Töpfe sind? Sie hörten es nicht! Daß er zehn Jahrelang ein belletristisches Wochenblatt herausgab, von dem er jede Nummer mit sporadischen Ausnahmen vom ersten bis zum letzten Worte selber schrieb? Nie hörten Sie das! Daß er wiederum zehn Jahre die Welt durchwanderte als Apostel der Mäßigkeit in Kombination mit täglichen kalten Abreibungen? Nichts, nichts von alledem und noch von tausend anderen Strebungen, welche die Kraft des Universalgenies nach tausend Seiten zerren, verzerren, daß es an sich selbst irre wird, wenn es sich in dem Spiegel rücksichtsloser Selbstschau sieht. Ach, ich habe mich heute vormittag so gesehen, als Sie die Straße heraufkamen und in dem Hause des Manichäers verschwanden. Ich versichere Sie, Jüngling, es ist ein fürchterlicher Anblick.

Als wolle der Mann mir diesen Anblick nachträglich ebenfalls gewähren, saß er da mit weit vorgestrecktem Kopfe; das hagere Gesicht in grotesken Falten verzerrend und die wässerigen Augen grausig rollend, während er die dünnen, von dem Scheitel herabhangenden Haarsträhnen bald durch die rechte, bald durch die linke Hand zog. Dabei hatte ich das bestimmte Gefühl, daß dem Manne gar nicht so schlimm zu Mute sei – viel eher das Gegenteil; und das unbestimmte und sehr unbehagliche, daß er sich im Grunde über mich lustig mache. Mir kam ein derartiger Verdacht sonst nicht leicht; aber ich war heute weniger als je in der Stimmung, für einen andern, noch dazu einen Wildfremden, ein Gegenstand des Spottes zu sein. Und nun kam über mich jener Dämon der Eitelkeit, der besonders bei jungen Leuten nur auf die schwachen Stunden lauert, um sein schändliches Spiel zu treiben: ich wollte nicht einfältig erscheinen vor dem, den ich doch im Herzensgrunde für einen Tropf hielt; und fing nun an, meine Ware auszukramen, ohne Wahl leidlich Verständiges mit absolut Thörichtem mischend, vom Hundertsten ins Tausende kommend, und endlich zu den Versen, die da auf meinem Schreibtisch lagen, und von denen ich als von einer Improvisation sprach, während ich doch meine redlichen zwei Stunden auf die erste Niederschrift und das Ausfeilen verwandt hatte. Daß mir die Eitelkeit – oder wie man den Plagegeist nennen soll, – diesen Streich gespielt! daß er mir wenigstens die letzte thörichteste Wendung erspart hätte! Aber bereits bei den ersten meiner Worte war Herr Streben vom Sofa aufgeschnellt und hatte das Blatt auf dem Schreibtisch ergriffen:

Verse! Improvisation! das ist mein Fall! Ah! Sonette und gleich drei, das ist herrlich! Damit kann man im Notfall eine ganze Seite füllen, vorausgesetzt, daß der Inhalt, der Stoff – »Goethe und Bismarck« – das ist gut, das ist noch nicht dagewesen. »Des Deutschen höchstes Dichten« – aber so lassen Sie doch nur einmal sehen!

Ich hatte ihm das Blatt aus der Hand gerissen – wahrlich nicht, weil ich ihm meine Verse vorenthalten wollte! Nur, weil ich, eitler Mensch, fürchtete, er würde sie in dem mehrfach korrigierten Manuskript nur schlecht lesen können und folglich einen üblen Eindruck von meiner schönen Poesie bekommen. Da wollte ich sie ihm lieber selbst vorlesen, wenn er denn wirklich –

Aber wie können Sie noch zweifeln! Ich bin ganz Ohr!

Und er hatte sich in den Stuhl geworfen mit untergeschlagenen Armen, während ich dicht vor ihm stand, so daß das Licht der Lampe voll auf das Blatt fiel, und las:

Goethe und Bismarck.

Des idealen; er, der Mann der That!

Bravo! rief der Mann auf dem kritischen Stuhle. »Der Erfüller Deines Strebens, des idealen«, – das ist's! Ich habe es ja immer gesagt: Streben, streben, ernst streben!

Und ich las weiter, mit Mühe nur das klopfende Herz bändigend:
Giganten beid' im Planen und Vollbringen;
Und beide deutsch bis zu der Seele Grunde;
Des wirren Menschentreibens reichster Kunde
Voll; nie am Scheine haftend; nach den Ringen
Den Baum des Lebens schätzend; stets den Dingen
Schauend ins Herz; mit Adlerblick die Runde
Der weiten Welt durchschweifend; jede Stunde
Bereit, zu lüften die gewalt'gen Schwingen.
O, zweier Kön'ge ungemessnes Erbe!
Glückselig Volk, dem solche Doppelgüter
Zum stolzen Eigen gnädiglich beschert!
Wohlan! was dir Fortuna gab, erwerbe!
Sei beider Krösusschätze treuer Hüter!
Sei ewig eines, wie des andern wert!

Aber das ist ja magnifik! rief mein kritisches Orakel. Ich versichere Sie –

Er sollte mich nichts versichern, bis er den Schluß gehört: die Moral, die ich eigens zu meinem Nutz und Frommen formuliert, auf meine augenblickliche Lage zugespitzt hatte. Ich las – nun mit tönender Stimme, während mir die Wangen glühten:

Du trägst, wie Faust, zwei Seelen in der Brust,
O, daß sie nie sich voneinander trennen!
Dann wird man dich das Salz der Erde nennen,
Und Deutscher sein des Lebens höchste Lust.
Bist du dir nur des einen Ziels bewußt,
Willst gierig nur nach Plutos Schätzen rennen,
Nur für Apollos Lorbeerkranz entbrennen –
Versinken wirst du in der Völker Wust.
Nie, seit die Erde ziehet ihre Kreise,
Ward einem Volk so schwerer Kampf entboten,
Ward ihm so hehrer Siegespreis gestellt.
So sei denn tapfer! sei denn gut und weise!
Begraben laß die Toten ihre Toten,
Du, alle Zeit »ein Sänger und ein Held!«

Her damit!

Er hatte, aufspringend, mir das Blatt aus der Hand gerissen und es bereits in der Brusttasche verborgen, bevor ich noch eine Bewegung zur Abwehr machen konnte. Auch war es mir mit der Abwehr kein rechter Ernst, und die Frage: Was wollen Sie damit? schiere Heuchelei – ich wußte es recht gut. So stammelte ich denn etwas von: »erstem Brouillon« und »durchfeilen müssen«, während er, Unverständliches murmelnd, im Zimmer auf und ab schritt und jetzt, vor mir stehen bleibend, in geisterhaftem Tone mit warnend erhobenem Zeigefinger fragte:

Können Sie Korrektur lesen, junger Mann?

Ich fürchte, nein; sagte ich beschämt.

So werde ich es für Sie thun. Verlassen Sie sich auf mich! Ein Druckfehler in einem Gedicht ist wie ein falscher Griff auf der E-Saite. Die »Undine« kennt keinen Druckfehler; es ist das ihr Stolz, wenn auch nur ihr kleinster. Lassen Sie sich umarmen, Mitarbeiter an der Undine, Mitbruder in Apollo, von einem, der sich nicht umsonst »Ernst Streben« nennt!

Aber mich nennen Sie natürlich nicht! sagte ich, mich mit einer sehr gemischten Empfindung aus seinen Armen losmachend: der Mitbruder in Apoll duftete so stark nach schlechtem Tabak.

Redaktionsgeheimnis! murmelte er, die rechte Hand wie zum Schwur erhebend. Seien Sie unbesorgt: nur über meine Leiche!

Er war aus dem Zimmer; ich schloß hinter ihm ab, mit meinem Glück sicher allein zu sein. Das war ein Schluß, würdig des denkwürdigen Tages! Ich hatte mich heute morgen erhoben, ein armer, hilf- und ratloser Junge; ich durfte mich schlafen legen, ein Sänger in Wahrheit, ein Held in der Hoffnung, die ja nun auch so bald zur Wahrheit werden sollte.

In vierzehn Tagen! Das war denn doch schließlich keine Ewigkeit!

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