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Was will das werden? Erster Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Erster Theil - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Erster Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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IV.

Die Fährgasse war nicht eben lang, und mit dem ersten Blick sah ich, daß ein hochbepackter, mit drei Pferden bespannter Lastwagen vor dem Hause mit den Lindenbäumen hielt, umgeben von der gesamten Gassenjugend, die, als der Wagen sich rasselnd in Bewegung setzte, in ein betäubendes Geschrei und Gekreisch ausbrach, um dann sofort über die auf dem Pflaster zurückgebliebenen Strohreste herzufallen und eine Balgerei im großen Stil zu beginnen.

Was bedeutete dies? Ich wußte von meinen Gastfreunden, daß Frau von Werin, die sich während dieser Tage ebenfalls wiederholt persönlich nach mir erkundigt hatte, demnächst nach Berlin übersiedeln wollte, aber nicht, daß dies »demnächst« so bald, daß es schon heute sein würde. Indessen, man konnte ja die Sachen vorausschicken. Es schien mir unmöglich, daß die Damen – um Adalbert handelte es sich nicht, er hatte erst das Examen zu absolvieren – die Stadt ohne ein Wort des Abschieds für mich verlassen sollten.

Und doch mußte es sein, wie ich mich überzeugte, als ich, ein paar der sich balgenden Rangen beiseite schiebend, bis zu dem Hause gelangte. Durch die offenen Fenster sah ich in das ausgeräumte Wohnzimmer; in dem einfensterigen Zimmer rechter Hand – Adalberts Zimmer – war das Rouleau heruntergelassen. Ich trat in das Haus und gelangte, einem klatschenden, kratzenden Geräusch folgend, in die Hinterstube, wo die alte Aufwartefrau mit Schrubber und Waschlappen so eifrig hantierte, daß ich nicht ohne einige Mühe meine Gegenwart bemerkbar machte. Nun legte sie ihr Werkzeug beiseite, trocknete sich die Hände an der Schürze ab, um mir einen Brief zu überreichen, welchen sie der Sicherheit halber auf den oberen Rahmen der Thür gestellt hatte, wohinaus sie erst mit Hilfe einer Stehleiter gelangen konnte. Das gnädige Fräulein hätte ihr den Brief so sehr auf die Seele gebunden, und sie würde mir denselben auch gewiß noch heute abend gebracht haben, wenn sie hier mit dem Gröbsten durch sei: die neuen Mieter – Kontroleur Pahnks – wollten morgen schon einziehen. Die Herrschaften seien erst vor einer Viertelstunde weggefahren – mit Extrapost, da sie so zwei Stunden früher an die Eisenbahn kämen und nicht erst noch einmal unterwegs zu übernachten brauchten. Der Wagen mit den Möbeln habe eigentlich gestern abend schon weggesollt, aber die beiden Kisten von dem Hilfsverein, welche die gnädige Frau mitzunehmen versprochen, seien nicht gekommen – erst vor einer Stunde – na, und nun – Mutter Blank, die ihren Schrubber wieder zur Hand genommen, warf einen kampfesfreudigen Blick auf die Seifenwasserlache, an deren Ufer wir standen – ich drückte ihr ein paar Groschen in die Hand (es war alles, was ich an Geld bei mir hatte) und ging.

Erst vor der Hausthür sah ich auf die Adresse von Marias schöner, fast männlich fester Hand. Eine tiefe Wehmut überfiel mich – ich wußte auf einmal wieder, wie teuer mir das eigene hochherzige Mädchen gewesen, und gedachte der köstlichen Stunden, die ich dort am Fenster, welches mich jetzt aus den offenen Flügeln leer und fremd anstarrte, plaudernd mit ihr verbracht hatte, während die Mutter in der Nebenstube an ihren Bismarck-Depeschen schrieb. Und führte uns auch das Schicksal abermals zusammen, das konnte ja nicht wiederkehren: die Traulichkeit und harmlose Heiterkeit unsers Verkehrs, nun, da wir beide vom Baum der Erkenntnis gekostet hatten und unsre Seelen voreinander verschleiern mußten.

Ich hatte mich auf die kleine grüne Holzbank neben der Hausthür gesetzt. Die balgenden Rangen hatten sich einen anderen Tummelplatz gesucht; in der Gasse war es still geworden; nur die Spatzen zwischerten in der alten Linde über mir, und hinter mir aus dem Hause raschelte zeitweilig der Schrubber der alten Scheuerfrau. So öffnete ich denn Marias Brief.

Er enthielt nichts als die Worte: »Leben Sie wohl, lieber Freund! und auf Wiedersehen! Wir haben uns nicht gefunden, um uns wieder verlieren zu können. Mama verbindet ihre Grüße und Wünsche mit den meinigen. Maria.«

Enttäuscht ließ ich das Blatt sinken. Das war denn doch auch ein zu kurzer frostiger Abschied für die lange warme Freundschaft!

Aber hätte sie mehr – nur ein Wort mehr schreiben können, ohne die grausige Flut zu entfesseln, in der wir beide, sie und ich, schier untergegangen waren? Die Erinnerung der unseligen Tage von Nonnendorf? Und die doch jetzt über mich kommen wollte bei dem bloßen Anblick der Schriftzüge der Leidensgefährtin? Nein, nein; sie hatte recht, wie immer, die Kluge, Tapfere! Das Vergangene mußte vergangen sein. Leb wohl! und auf Wiedersehen! War's doch, als hätte sie mein Vorhaben gekannt! Was kann man mehr, was kann man anderes jemand sagen, der in den Krieg zieht?

Und da jagte ich im Geist bereits wieder hinein in das Feld, auf welchem meine Phantasie sich nur noch tummeln zu können schien; aber hinter mir auf dem schäumenden Roß kauerte die bange Sorge, ich möchte allewege zu spät kommen. Hätte ich doch nur auf dem Wagen fortgekonnt mit den beiden Kisten, die nach Berlin und von dort auf den Kriegsschauplatz sollten! Es gab da zweifellos so viele ähnliche Gelegenheiten –

Und indem ich mir dergleichen Gelegenheiten zu vergegenwärtigen suchte, sprang ich plötzlich wie elektrisiert in die Höhe. Daß ich daran nicht gedacht! an die Lieferungen, die Herr Israel für die Armee übernommen und zum Teil gewiß noch auszuführen hatte!

Gewiß! der war der rechte Mann! die kleinen Mißhelligkeiten, die wir miteinander gehabt – wer durfte daran denken in dieser großen Zeit!

Und ich eilte davon, ohne einen Blick nach dem Fenster zurückzuwerfen, in welchem ich mich gegen Maria mehr als einmal verschworen hatte, nie wieder einen Fuß in das Israelsche Haus zu setzen.

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