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Was will das werden? Erster Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Erster Theil - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Erster Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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II.

Denn wie Ihre Mutter an Ihnen gehandelt hat, – na, Sie brauchen mich deshalb nicht gleich anzusehen, als wenn sie mich morden wollten! Ich sage ja gar nichts; aber denken kann man sich doch sein Teil. Und der Sarg und alles ist bezahlt, und mein Mann kann Ihnen die Quittungen zeigen, wenn er sie noch hat. Ich glaube es freilich nicht, – er hat so viel anderes in den Kopf zu nehmen, der arme Kerl; und da wäre es eben eine wirkliche Gutthat von Ihnen, wenn Sie ihm ein bißchen helfen wollten, seine Bücher in Ordnung zu halten. Na, und wenn Sie dafür bei uns vorlieb nehmen wollen mit dem, was gerade auf den Tisch kommt, oder ich Ihnen auch das bißchen Essen auf das Zimmer schicken darf, wenn Ihnen das lieber ist, – machen Sie das ganz, wie es Ihnen paßt. Mir ist alles recht. Aber bei uns bleiben müssen Sie. Herr Gott, wenn wir nicht die Nächsten dazu sind! So ein kleiner Junge sind Sie gewesen, als Sie damals hierher kamen und nebenan einzogen, und ich kenne Sie von dem ersten Tage an: Sie hatten so lange braune Locken und so große blaue Augen; mein Gustav, wenn er noch lebte, wäre gerade so alt wie Sie. Und ich habe seitdem so oft zu meinem Manne gesagt: Heinrich, habe ich gesagt, wenn der gute Nachbar Lorenz einmal stirbt, und von den Stärksten ist er nicht, und Lothar – wir sagen nämlich immer bloß Lothar, wenn wir von Ihnen sprechen, mein Mann und ich und auch Christine – ja, ja, Vatting, ich komme schon. Sehen Sie, er kann ohne mich nicht fertig werden und mit mir auch nicht – er hat zu viel zu thun. Herr Gott, nun hören Sie bloß das Gerufe! ich muß sehen, was es gibt. Also es bleibt dabei!

Frau Hopps Haubenbänder flatterten hinter ihr her zur Thür hinaus. Ich blieb in schmerzlichem Sinnen zurück. Es war ein paar Tage nach jener gefährlichen Exkursion auf den Wall. Aber ich hatte keinerlei üble Folgen davon verspürt, wie mir denn jetzt auch sonst meine Kräfte rasch wiederkamen. Heute, obgleich mir auszugehen noch verboten war, hatte ich mich für völlig wiederhergestellt erklärt, und heute hatte ich zum erstenmale die gute Frau Hopp bewegen können, mit mir über meine Lage zu sprechen.

Konnte ich zu dem, was sie mir da eben unter gelegentlichem reichlichem Thränenguß und mit vielen herzlichen Händedrücken als letzten Schluß ihrer und ihres Mannes gemeinschaftlicher Beratung und zugleich als ihre beiderseitige dringendste Bitte vorgestellt – konnte ich dazu – bis jetzt hatte sie mich nicht zu Worte kommen lassen – Ja und Amen sagen?

Aber was blieb mir anderes, wollte ich nicht betteln gehen? Denn dazu war ich von vornherein entschlossen: mich zu nichts zu verstehen, was mit den Grundsätzen, in denen mich der Vater erzogen, mit dem Schwur, den ich an seinem Sarge gethan, unvereinbar war, es mochte dann kommen, wie es wollte.

Und wie meine Mutter und ihr Helfershelfer zweifellos gewollt hatten, daß es kommen solle.

Da stand es, wenn nicht in den Zeilen, so doch zwischen den Zeilen deutlich genug zu lesen!

Und ich nahm von den drei Briefen, welche mir Frau Hopp vorhin mit sichtbarem Widerstreben endlich ausgehändigt, und in die ich in ihrer Gegenwart nur einen flüchtigen Blick hatte werfen können, den einen. Derselbe war auf großem, glatten, oben in der Ecke mit den eingepreßten Symbolen des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung und der Umschrift »sub hoc signo vinces«, verziertem Papier von einer festen und doch fast frauenhaft zierlichen Hand geschrieben und lautete:

»Geehrter Herr Lorenz!

Im Auftrage Ihrer Frau Mutter, meiner hochgeschätzten Freundin, beehre ich mich, ihnen mitzuteilen, daß dieselbe vor einer, durch Verhältnisse, welche sich einer Erörterung mit Ihnen entziehen, notwendig gewordenen schleunigen Reise, ihr bei Herrn I. Israel angelegtes Kapital flüssig gemacht und an sich genommen; sodann das ihr gehörige, bis dahin von ihr, ihrem Gatten, dem Tischler Lorenz, und Ihnen gemeinsam bewohnte Haus in der Hafengasse aus freier Hand an den obbemeldeten Herrn Israel verkauft; schließlich Ihnen auf Ihren besonderen Wunsch und Antrag die Erlaubnis, sich ihren Unterhalt aus eigenen Mitteln zu verschaffen, sowie das Recht selbständiger Disposition über Ihre Handlungen erteilt hat.

Sollten gegen das Erwarten Ihrer Frau Mutter diese ihre Anordnungen sich ihrer Billigung nicht erfreuen, und Sie Ansprüche erheben wollen, zu denen Sie etwa glauben, nach dem Buchstaben des Gesetzes berechtigt zu sein, so bleibt es Ihnen selbstverständlich überlassen, den Rechtsweg zu betreten, auf welchem Sie indessen aus Gründen, die Ihrem Scharfsinn nicht entgehen werden, schwerlich weit gelangen würden.

So weit der Mandatar ihrer Frau Mutter.

Darf ich jetzt in meinem eigenen, im Namen eines Menschenfreundes und verordneten Priesters des allweisen, allmächtigen und allbarmherzigen Gottes ein paar Worte aus der Tiefe meiner Seele an Sie richten?

Aus der Tiefe meiner bekümmerten Seele, die da schreit: kehre um, Jüngling, auf dem Pfade, den du betreten hast, den du weiter zu schreiten brennst, und der dich doch nur zu zeitlichem Elend und ewiger Verdammnis führen kann! Sieh in der gütigen Hand, die jetzt so schwer auf dir zu liegen scheint, die Hand dessen, der da züchtiget, wen er liebet! Sieh in mir – ich flehe dich an – nichts als ein Werkzeug der unendlichen Gnade, welche dir diese Zeit der Trübsal sendet, damit du sie benutzest zu bitterer Reue, schwerer Buße und fröhlicher Besserung! Und benutze sie schnell, diese kostbare Zeit! Wehe denen, welche die Hand von sich weisen, die ihnen der Herr entgegenstreckt! Wehe Ihnen, wenn Sie die Stimme überhören, die da jetzt durch meinen Mund zu Ihnen schreit: Saule, Saule, weshalb verfolgst du mich?

Ich werde Ihrer Antwort in Trübsal harren in der heiligen Stadt des Statthalters Christi, wohin mich der Befehl meiner Oberen zu wichtigen Dingen berufen hat, und wo mich ein Brief von Ihnen unter der unterstehenden Adresse sicher treffen wird. Fällt die Antwort aus, wie ich bitte, bete und hoffe, so wird der elektrische Draht Ihrer Frau Mutter dieselbe übermitteln in dem Augenblicke, da sie das fern gelegene Ziel ihrer Reise erreicht; und sie wird – ich verbürge mich dafür – in der weiteren Ordnung der Angelegenheiten nicht, wie jetzt, bloß für sich, sondern für sich und für den wiedergewonnenen Sohn mit aller ihr eigentümlichen Energie eintreten. Noch einmal: Ihr zeitliches Glück und Ihr ewiges Heil stehen auf dem Spiele! Entscheiden Sie sich und entscheiden Sie sich schnell!

Bis dahin schließe ich Sie in meine Gebete ein als Ihr wohlgesinnter

A. von Ruver.«

»Nachschrift: In dem Moment, wo ich dieses siegeln will, meldet man mir den Tod ihres Adoptivvaters. O wie schnell doch manchmal Gottes Mühlen mahlen! Wenn Sie jetzt noch nicht seinen Finger sehen; wenn Sie jetzt noch nicht – ich habe keine Zeit zu mehrerem! Auch könnte ich diesen Brief nicht umschreiben, wenn ich Zeit hätte – ich könnte nur jedes Wort unterstreichen. Lesen Sie ihn so, und gebe der Allgütige dazu seinen Segen! Amen! –«

Dieser Brief war am Abend des Tages, an welchem der Vater starb, in unserm alten Hause abgegeben und dort von Herrn Hopp für mich, der ich denn endlich am folgenden Tage eintraf, in Empfang genommen worden. Ich hatte die Empfindung, daß er auch erst nach dem Tode des Vaters von Anfang bis zu Ende geschrieben, und das Postskriptum fingiert sei.

Aber wenn dem so war – die Möglichkeit, daß ich an jenem Abend, als der Priester mir den Vorschlag machte, mich von dem guten alten Vater zu trennen und der Mutter zu folgen, Ja anstatt Nein sagte, war doch immer vorhanden gewesen. Auf welche Weise wäre man dann den unbequemen Gefährten wieder losgeworden? Und angenommen, daß der seelenkundige Priester mit kühner Sicherheit auf das Nein des über die zugemutete Schmach empörten Jünglings gerechnet, wozu dann jetzt das Postskript, das mich in so starken, ja leidenschaftlichen Worten zur Umkehr beschwor? War dies doch mehr als bloße Spiegelfechterei? Konnte da nicht irgend ein Umstand sein, der ihnen denn doch meine Bundesgenossenschaft wünschenswert machte? Vielleicht auch nur dem Priester, der dann ein doppeltes Spiel spielte? mich nötig hatte und benutzen wollte nicht im Interesse, sondern gegen das Interesse meiner Mutter, zum Vorteil etwa seiner Kirche, dem er auch die Freundschaft, oder die Liebe zu meiner Mutter geopfert haben würde? Und ich triumphierte dann mit seiner Hilfe über meine Mutter, die mich von sich gestoßen, die den besten der Väter vor der Zeit in den Tod getrieben!

Und das alles lag da bereit! Es kostete mich nur ein Wort, das der Telegraph mit Blitzesschnelle nach Rom tragen würde! Und morgen schon war ich auf dem Wege nach Rom? und hinter mir lag für immer die traurige Misere der Zustände, die mich hier erwartete: der Kampf und die Not um ein elendes Dasein! die demütigende Abhängigkeit von der Gnade guter, aber doch auch herzlich beschränkter Menschen!

Mir brannte die Stirn, während die erregte Phantasie mir als Gegensatz zu dieser dunklen Gegenwart die Bilder einer großer glänzenden Zukunft vorgaukelte, in die der St. Petersdom hereinragte, wie ihn der Vater vom Monte Pincio gesehen, als er noch ein Künstler, noch das war, wonach mich in der verschwiegenen Stille meiner Seele schon längst als nach dem einzig Wünschenswerten, dem Höchsterreichbaren verlangt hatte. Und das ich nun und nimmer erreichen würde, rettete ich mich nicht mit kühnem Sprunge aus dem Sumpf des Elends, dessen schwarzer Boden unter mir zitterte, und in welchem ich unrettbar früher oder später ins Bodenlose versinken würde.

Als hätte der böse Geist, der mich umgarnen wollte, nun, da er mich wanken sah, schnell einen Helfer herbeicitiert, mich vollends zu Fall zu bringen, ertönte draußen auf dem Flur die polternde Stimme von H. H. in heftigem Wortwechsel mit, ich weiß nicht wem, der nicht minder laut schrie. Dann wurde die Thür aufgerissen, und mein Gastfreund trat, vielmehr stürzte herein, die Thür krachend hinter sich zuschlagend: Die niederträchtigen Menschen! die verdammte Wirtschaft! wenn er sie doch nur einmal los wäre und sich nicht vom Morgen bis zum Abend den Schlag an den Hals zu ärgern brauchte! Und wenn doch noch was bei dem Geschäft herauskäme! Aber das rentiere von Tag zu Tag schlechter bei den schlechten Zeiten! Und, natürlich, er sei an allem schuld! Als ob er den Krieg gemacht habe, bei dem die Futterpreise in die Höhe gingen, daß die Pferde nächstens ja wohl nur noch Häcksel bekommen würden? Und warum auch nicht? Zu thun hätten sie so wie so nichts – das Sterben hätten die Menschen denen im Kriege überlassen. Hier sei seit meinem Vater noch keiner wieder gestorben außer ein paar kleinen Kindern, die seinetwegen gern hätten leben bleiben können. Und Gesellschaften ja prosit Mahlzeit! daß sei auch die rechte Zeit zu Lustbarkeiten, wenn man nicht wisse, woher man für den nächsten Tag das Brot nehmen solle, man müsse denn etwa ein Jude sein, wie I. I. nebenan, und Armeelieferungen haben für Hunderttausende; dann könne man freilich in seinem Fett ersticken!

Offenbar hatte der brave Mann sich das Bild in die Wirklichkeit zu übersetzen versucht, – was freilich in anbetracht der cikadenhaften Magerkeit von I. I. nicht wohl anging,– denn, sich in einen Stuhl werfend, brach er in ein schallendes Gelächter aus, das ihm die Thränen in die ohnehin geröteten Augen trieb. Und einmal beim Weinen, benutzte er die Gelegenheit, weiter zu weinen, nun aber nicht mehr über den absurden Vergleich, sondern über den Tod meines Vaters, des lieben, lieben Mannes, seines besten Freundes, desgleichen er nie wieder einen haben werde! Und wenn seine Frau und die dumme Dirn, die Christine, ihm vom Morgen bis zum Abend in den Ohren lägen, er müsse sich des Sohnes seines Freundes annehmen – Sohnes oder Adoptivsohnes – das sei ihm alles gleich; – die Weiber brauchten sich gar nicht hineinzumischen und zu thun, als wäre er ein hartherziger Mensch, der einen armen Jungen in seiner Not verlassen könne. Er sei ein dummer Kerl – das wisse er ganz gut, aber er sei ein ehrlicher Kerl und habe noch nie einem Tier, geschweige einem Menschen das Maul verbunden. Und wo sich so viele Mäuler satt äßen, da komme es auf eines mehr oder weniger nicht an. Und wenn seines besten Freundes Sohn oder Adoptivsohn – das sei ihm alles gleich – kein Dach über dem Kopfe habe, weil es ihm seine Mutter über den Kopfweg an den verdammten Juden verkauft – dies hier sei Gott sei Dank noch sein Haus trotz der dämlichen Hypotheken. Und da sei er, Heinrich Hopp! und da seine Hand! und da solle ich einschlagen, und die Sache sei abgemacht, wie es sich unter Männern schicke; und die Weiber brauchten sich gar nicht hineinzumischen!

Bei den letzten Worten, die er in einem Tone herausgeschrieen, als ob er sich mit mir in dem wütendsten Zank befände, hatte mir der Halbberauschte seine große grobe Hand hingehalten, in die ich die meine ohne langes Zögern legte. Augenscheinlich hatte er nur eine dunkle Ahnung von dem, was zwischen uns »abgemacht« sei, und es würde mir infolgedessen nicht schwer fallen, den so feierlich geschlossenen Vertrag in meinem Sinne auszulegen. Dennoch war ich froh, als jetzt auf dem Hausflur dieselbe rauhe Stimme erschallte, die sich vorhin mit H. H. gestritten hatte, und in der ich jetzt die des Hufschmieds Papendiek aus der Hafengasse erkannte. Ich hatte nur noch die Thür hinter H. H. zu schließen, der sofort aus dem Zimmer gestürzt war, den unterbrochenen Zank wieder aufzunehmen, welcher eine Weile auf dem Hausflur weiter tobte und sich dann nach dem Hofe verlor.

Und in diesem Hause sollte ich fortan wohnen! Ebenso gut hätte ich meinen Arbeitstisch neben Johann Papendieks Amboß ausstellen und beim Schlag der Hämmer und dem Sausen des Blasebalges Reime schmieden können!

Als gelte es, meinen fast verlorenen Mut wieder zu beleben, griff ich mechanisch nach dem zweiten der Briefe. Er war von meinem Stiefbruder Otto aus Berlin, mit kindisch steifer Hand auf einem Briefbogen geschrieben, welcher, nach dem aufgepreßten Boukett von Rosen mit der Umschrift »Für immer dein!« in der Ecke oben links zu schließen, offenbar seine ursprüngliche freundliche Bestimmung verfehlt hatte, als er sich zu einem Trauerbrief hergeben mußte.

Ach, und wie traurig war dieser Brief! Klagen, nichts als Klagen die vier Seiten des Bogens mit dem Rosenboukett hindurch und dann noch durch zwei auf einem Quartblatt, das aus einem Schulheft gerissen schien. Zuletzt die dringende Bitte an mich, der ich ja durch meine Mutter aller Sorgen enthoben sei, ihn nicht im Stich zu lassen und ihm von meinem Ueberfluß abzugeben.

Der Brief war unterschrieben: Dein unglücklicher Bruder.

Wer wohl in diesem Augenblicke der unglücklichere von uns beiden war? er, der die verlangenden leeren Hände nach mir ausstreckte; ich, der ich nichts zu geben, der ich selber für die Notdurft meiner Existenz auf die Wohlthätigkeit anderer zu rechnen hatte? Nein, so konnte es nicht bleiben; ich mußte aus dieser hilflosen Lage, und wäre es auch nur, um dem Bruder helfen zu können. Aber was beginnen, was vollbringen? Meine Seele dem Manne in Rom verkaufen? Er würde sie gut bezahlen – das ging aus dem Postskript klärlich hervor. Aber kann man seine Seele verkaufen? doch wohl nur, wenn sie von Haus aus eine verkäufliche ist! Oder meinen Stolz opfern und an Herrn Israels Comptoir-Thür pochen? Aber woher sollte ich den Mut dazu nehmen, ich, der ich selbst meinen Freund Emil in letzter Zeit kaum noch gegrüßt hatte!

In heller Verzweiflung über meine Hilflosigkeit, die mich von allen Seiten anstarrte wie die nackten Wände seines Gefängnisses den verurteilten Verbrecher, griff ich nach dem dritten der Briefe.

Er war von meinem zweiten Stiefbruder August; wie ich jetzt erst bemerkte, mit einem Schweizer Poststempel – aus Zürich. Der Brief lautete:

Also der Alte ist tot! So wird mir, es kann Dir gleich sein, von wem, gemeldet, und ich schreibe Dir nur, daß Du Dir keine Mühe geben sollst, mir desfallsige Mitteilungen und, zu dem Zweck, etwa meinen Aufenthalt ausfindig machen zu wollen. Es würde Dir nichts helfen: da, von wo dieser Brief abgeht, bin ich nicht. Den Teufel auch! Unsereiner darf nicht da sein, wo man ihn sucht. Zum Exempel in Berlin. Na, sie können da lange suchen! So dumm ist unsereiner nicht, sich die Finger zu verbrennen, um gewissen Leuten die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Sie behalten doch noch genug – die Dummen werden nicht alle – geschieht ihnen recht – wer nicht hören will, muß fühlen. Mögen sie sich meinetwegen alle einander die Hälse abschneiden, das ist für uns profit tout clair. Ja, ich lerne jetzt auch noch französisch auf meine alten Tage, nachdem ich es in der Schule nicht habe lernen wollen. Aber man kommt mit dem Deutschen heut nicht mehr aus, wo man endlich begriffen hat, daß die Proletarier aller Länder Brüder sind und zusammenhalten müssen gegen die Tyrannen. Vorläufig ist sogar auf die Franzosen mehr Verlaß als auf die dummen Deutschen. Wir hoffen hier alle, daß sie den Napoleon wegjagen werden, wenn sie nur erst noch ein bißchen mehr Schläge gekriegt haben von den Fürstenknechten, die auf diese Weise wider ihren Willen doch noch zu etwas gut sind. Dann ist der Rummel drüben fertig, und dann kann's bei uns losgehen. Du fragst vielleicht, warum ich Dir das alles schreibe? Will Dir's sagen, Brüderchen. Ich höre – Du siehst, ich bin ganz gut unterrichtet – daß der Alte nichts hinterlassen hat als höchstens Schulden, und daß Deine Mutter durchgebrannt ist, und Du auch in bitterer Penur bist. Du weißt, ich konnte Dich früher nicht leiden, denn Du hattest was, und ich hatte nichts. Nun haben wir beide nichts, das heißt: wir sind nun quitt, worüber ich mich aufrichtig freue. Denn auf den Kopf gefallen bist Du nicht, wie der arme Otto, mit dem rein gar nichts anzufangen ist. Hast auch was gelernt, und solche Leute brauchen wir gerade. Ich könnte Dir sogar gleich bei uns eine schöne Stelle verschaffen, bei der Du Dein gutes Auskommen hättest und ein vergnügliches Leben auf Regimentsunkosten. Wenn Du das willst, so schreibe es ohne meinen oder Deinen oder irgend einen Namen zu nennen, oder viel Worte zu machen, bloß: »ich bin bereit« Zürich an Frau Schuhmacherswitwe Henzi. Dann sollst Du umgehend das weitere hören. Auch für das nötige Geld würde gesorgt werden. Aber Du mußt Dich sofort entschließen, sonst ist die Stelle anderweitig besetzt, und Du hast das Nachsehen. Inzwischen lebe wohl und verbrenne dies, sobald Du es gelesen hast! Man muß nie einen Brief aufheben.« –

Vaterlandsloser Verräter!

Ich hatte es laut gerufen, indem ich den Brief in Fetzen riß, die ich auf den Fußboden schleuderte, um sie von dort wieder aufzusammeln und in dem Kachelofen, der im Zimmer stand, zu verbrennen.

Dann schritt ich zwischen dem Ofen und dem offenen Fenster auf und nieder in furchtbarer Erregung. Das war nun schon der zweite, der dem armen Burschen seine Seele abkaufen wollte, und er schien mir schlimmer, weitaus schlimmer als der erste. Jetzt weiß ich freilich, daß der eine so schlimm war, wie der andere; daß in den Lehren beider das Vaterland keine Stelle hat, die Vaterlandsliebe eine lächerliche Thorheit, ein straffälliger Aberglaube ist. Aber der Pfaff hatte sein Spiel verdeckt gespielt, so daß mein unerfahrenes Auge es nicht ganz durchschauen konnte. Was der andere wollte – das lag auf der Hand, das hatte er in That und Wort zu erkennen gegeben, als er sich dem Ruf der Ehre durch die Flucht entzog und nun mich in dieselbe Schmach verlocken wollte, der vaterlandslose Verräter!

Die Leidenschaft hatte meine durch den Jammer dieser Tage geschwächte Kraft vollends erschöpft; ich warf mich am Fenster auf einen Stuhl und starrte die Gasse hinab in dumpfer Verzweiflung.

Die Gasse aber lag halb im Sonnenschein und halb im Schatten – der Sonnenschein hüben und der Schatten drüben – so daß der Rinnstein, der mitten durch die Gasse lief, fast die genaue Grenze bildete, außer, wo ein Giebelhaus drüben – es gehörte dem Hufschmied Papendiek – die gleichmäßige Linie der übrigen Dächer überragte und seinen Schatten über die ganze Breite der Gasse warf. Es hatte in der vergangenen Nacht stark geregnet; und gerade da, wo der Schatten des Giebelhauses lag, hatte das Wasser in dem Rinnstein eine Pfütze gebildet, an der ein paar Kinder mit einem Korkboot spielten, das ein Segel von Papier hatte. Dann liefen die Kinder davon, und die Gasse war für den Augenblick völlig leer und still; die Sonne zog hier und da schräge Streifen von feinem bläulichem Dunst; die Spatzen zwitscherten, und vom Hafen her kam das dumpfe Klopfen der Hämmer auf dem Schiffswerft.

Ich sah und hörte das alles ganz genau und deutlich und habe es meines Wissens auch so zu sehen und zu hören keinen Moment aufgehört, trotzdem das ja sicher geschehen ist, und dem Erschöpften für einen Moment die Augen zugefallen sind, oder er auch mit offenen Augen geträumt hat, was ihn nun freilich mit feierlichem Grausen erfüllen mußte:

Der Anblick des Blachfelds nämlich, das sich plötzlich unermeßlich vor ihm breitete und ganz mit Toten bedeckt war, die hier in Reihen nebeneinander, dort in Haufen lagen – alle in der Uniform unseres Regiments und alle mit den Gesichtern abwärts nach der Erde. Und zwischen den Toten kam eine Gestalt daher in hohen, von Schmutz und Staub bedeckten Stiefeln, und ebenso war die Uniform bis zum Helm hinauf mit Schmutz und Staub bedeckt. Es war der Major von Vogtriz. Ich hatte gleich gewußt, daß er es sei, bevor ich noch sein Gesicht recht erkennen konnte, welches ich nun deutlich sah: sehr bleich und erfüllt von einem majestätischen Ernst, während die schönen Augen mit einem Ausdruck des Kummers und des Vorwurfs auf mich blickten. So trat er dicht vor mich und streckte mir die schlanke, weiße Hand entgegen, die ich mit einem Gefühl tiefster Rührung und zugleich höchster Beseligung ergriff und an meine Lippen drückte.

Oder drücken wollte.

Das kann ich nicht mehr mit Bestimmtheit sagen, denn die Kinder, die eben seitwärts in das Haus gelaufen waren, kamen mit hellen lustigen Stimmchen wieder nach der Pfütze gerannt und ließen ihr Boot schwimmen, das jetzt statt des einen Papiersegels zwei hatte.

Ich aber erhob mich von dem Stuhl im Fenster und schritt in das Zimmer nach dem Tisch in der Mitte, auf welchem die beiden andern Briefe, der des Kaplans und der von Otto, lagen. Ich erinnere mich, daß meine Kniee schwankten; aber in mir war es ganz Ruhe und Kraft und stille Seligkeit.

Und so, ganz ruhig, nahm ich den Brief von dem Kaplan, und zerriß ihn, während ich auf den Brief von Bruder Otto blickte und fest und leise sagte:

Ich hülfe dir so gern, du armer schwacher Mensch. Aber das mußt doch selbst du einsehen: an die Stelle, die der Verräter leer gelassen hat, muß einer von uns beiden eintreten. Du kannst es nicht. Und wenn du es könntest, ich gönnte es dir nicht. Ich muß es thun und ich will es thun.

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