Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Spielhagen >

Was will das werden? Erster Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Erster Theil - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Erster Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
Schließen

Navigation:

X.

Ich hatte die Nacht fast schlaflos verbracht, die Begebnisse des vergangenen Tages in verzweifelnder Seele wälzend.

Der Major war wirklich, nachdem er noch eine Stunde zugegeben, abgereist, ohne sich über das eigentliche Motiv seines Entschlusses gegen irgendwen sonst ausgesprochen zu haben. Es würde anders nicht über diesen Entschluß, den man für eine wunderliche Laune nahm, so viel hin und her geredet sein; vor allem wäre Ellinors Betragen unbegreiflich gewesen. Man sieht doch nicht, auch wenn man noch so leichtlebig und leichtfertig ist, einen teuren Vater mit trockenen Augen in den Krieg ziehen, um sofort eben diese Augen strahlenden Blickes auf den Geliebten zu heften! Ja, ich hatte ihn beobachtet, diesen strahlenden Blick, mehr als einmal, mitten in dem koketten Spiel mit Herrn von Blewitz, das Schlagododro prophezeit hatte, und das sofort begann, als dieser junge Herr am Nachmittage herbeigeeilt war, seinen lieben Freund Astolf zu begrüßen. Doch war Ulrichs Voraussage insofern nicht eingetroffen, als Astolf durch diese Nebenbuhlerschaft keineswegs gereizt oder beleidigt, im Gegenteil nur amüsiert schien. Er mußte also seiner Sache ganz sicher sein; und es war empörend, daß Ellinor sein Vergnügen noch zu steigern suchte, indem sie plötzlich mich mit Aufmerksamkeiten überschüttete und genau so that, als hätten wir bis dahin in trefflichster Harmonie und Freundschaft gelebt. Ich bekam zu hören, daß ich der liebenswürdigste Gesellschafter, der galanteste Kavalier sei, den sich jeder, und Astolf im besonderen, zum Muster nehmen könne, wenn er auch nicht hoffen dürfe, es mir gleich zu thun. Am wenigsten im Komödienspiel! Das sei meine große Force! Astolf würde sein Wunder haben!

Ich hatte es meinem empörten Herzen abgerungen, auf diese häßlichen Scherze einzugehen. Ich wollte Astolf nicht den Triumph gönnen, in seiner Gegenwart zu zeigen, wie grausam die Ironie, und wie tief ich gekränkt war. Mochten sie dann hinter meinem Rücken lachen, soviel sie wollten; vor meinen Augen sollten sie es nicht. Und sicher durfte ich gegen Astolf nicht zurückstehen, der zu mir von ausgesuchter nicht mißzuverstehender Höflichkeit war: ich hasse und verachte dich nach wie vor, nur bin ich ein zu wohlerzogener Herr, darüber zu vergessen, daß du der Gast meiner Eltern bist. Nun, ich vergaß es ebensowenig und hörte mit unerschütterlicher Geduld dem endlosen Loblied zu, welches die entzückte Mutter über ihren Liebling sang, dem sie als ein Heldenstück ersten Ranges anrechnete, daß er sein Fähnrichsexamen acht Tage früher, als die Familie erwartet, bestanden und der binnen eines halben Jahres spätestens Offizier sein werde, falls es wirklich zum Kriege komme, wie man ja hier und da meine. Aber das werde der gütige Gott nicht zulassen. Er werde einem armen Mutterherzen, das sich ihres Erstgeborenen nach so langer Trennung endlich wieder zu ersättigen sehne, nicht eine so grausame Prüfung auferlegen!

Amen! gnädige Frau, Amen! Amen! rief Fräulein Hersilie Drechsler.

Es war ein fürchterlicher Tag, der nicht besser wurde, als gegen Abend Herr von Vogtriz zurückkam in tiefer Verstimmung, weil der Bruder nun doch gegangen sei, ohne seine Rückkehr abzuwarten. – Es ist nicht das, raunte mir Schlagododro zu. Papa hat eine schlechte Partie mit Deinem verdammten I. I. gemacht, der alle Trümpfe in der Hand hatte. Daß ihm dafür die Höllenpein in sein klappriges Gebein fahre! Und denke Dir, der Kerl hatte die Frechheit, auf die alte Geschichte in der Klasse zurückzukommen! Warum er gegen Papa größere Rücksicht üben solle, als Astolf gegen seinen Emil zu üben für gut befunden? Kannst Du Dir eine solche Niedertracht vorstellen? Nun, Papa hat ihm schön darauf gedient; das kannst Du glauben; aber wütend ist er darum doch auf Astolf, der übrigens auch auf der Presse ein schauderhaftes Geld verbummelt hat, das der Alte in diesem Augenblicke sehr nötig brauchte. Ich fürchte, die beiden geraten noch heute abend aneinander.

Das sollte sich denn bewahrheiten beim Souper, dem heute zum erstenmale der Major, und wieder, wie schon seit mehreren Tagen, der kranke Kammerherr fehlte, welcher sonst das Wort führte und etwa auftauchenden heftigeren Differenzen durch seine geistreichen Scherze die Spitze abzubrechen wußte. Es waren dafür freilich eine größere Anzahl anderer Gäste zugegen, meistens jüngere Herren, Freunde von Astolf, welche dieser von seinem Kommen benachrichtigt haben mochte, Gutsbesitzer, Gutsbesitzerssöhne, Reserveoffiziere selbstverständlich, die dem Champagner reichlich zusprachen und auf gute Kameradschaft mit ihm anstießen. Der Krieg sei ja leider noch nicht gewiß; Majestät scheine noch zu schwanken; aber Bismarck werde jetzt, wie 66, die Sache schon durchdrücken. Herr von Vogtriz hatte schweigsam und nur manchmal ungeduldig an den breiten Bart greifend, zugehört. Nun brach es los: Jawohl Bismarck! er habe die Suppe eingebrockt, möchte er sie doch allein auszuessen haben! Jawohl Krieg! das sage sich so leicht und möge auch ein prächtiges Ding sein für junge Herren besonders – er meine natürlich keinen Anwesenden! mit einem tüchtigen Pack Schulden auf dem Rücken, die dann hübsch zu Hause bei dem Herrn Papa blieben, der sie bezahlen möge, wenn er könne! Jawohl bezahlen! Bezahlen, wenn so schon an Grund- und Gebäudesteuern ein Unerschwingliches zu leisten sei! Erst solle einmal der Herr Kanzler der schreienden Not der Landwirte steuern durch vernünftige Kornzölle und staatliche Unterstützung der Kommunen, die, ebenso wie die Privaten, sich nicht mehr zu raten und zu helfen wüßten, außer durch Schuldenmachen bei den Juden, was denn freilich eine famose Sorte von Hilfe sei! Schlachten schlagen, Festungen erobern – à la bonne heure, wenn kein Geld im Lande, außer in den jüdischen Geldschränken! Das seien die wahren feindlichen Festungen, die erst gebrochen werden müßten, bevor man an Krieg denken dürfe mit den Franzosen, die hundertmal reicher seien, als wir, und reich bleiben würden nach hundert verlorenen Schlachten, aus denen wir als Sieger hervorgingen, genau so arm, vielmehr ärmer als vorher!

So donnerte Herr von Vogtriz in der verstummten Gesellschaft, von der einer den andern verwundert ansah, während Astolf abwechselnd bleich und rot wurde; Schlagododro, anstatt aufzufahren und für seinen Helden ins Feld zu rücken, sich begnügte, an den Lippen zu nagen, wozu er fürchterlich mit den Augen rollte; und ich, als ich all die bleichen Gesichter um die Tafelrunde musterte, an das Mahl auf Belsazars Königsburg denken mußte und an die Geisterhand auf der Wand.

Ja, es war ein schlimmer Tag gewesen, dem ein schlimmerer folgen würde. Für mich. Ich war entschlossen, daß mich der Abend dieses folgenden Tages nicht mehr auf Schloß Nonnendorf finden sollte. Aber woher den triftigen Grund nehmen, ohne den nicht fortzugehen ich Maria versprochen? Hätte ich's doch nicht versprochen! War es denn nicht Grund genug, daß ich es nicht mehr ertragen konnte! Verbringt man in so jungen Jahren ohne triftigen Grund schlaflos die Nacht und starrt mit brennenden Augen nach dem Mondenstreifen, der langsam, langsam weiter rückt an der Wand, als schriebe er auch mir ein Mene Tekel! Nur daß ich es entziffern kann und es einfach lautet: Trolle dich von hinnen! Du hast mit diesen Menschen nichts zu schaffen!

Ach! wohin war die Rührung, wohin die Beschämung, mit denen ich den Worten des Majors gelauscht! Ich schämte mich, daß ich gerührt gewesen war! schämte mich des Kusses, den ich auf seine Hand gedrückt! Wenn er die Astolf Vogtriz und die Axel Blewitz und alle die andern Itz und Witz von gestern abend hinter sich hatte mit ihren verrotteten Ideen und ihren frechen adligen Hochmutsgesichtern – dann Kampf mit ihm und ihnen auf Leben und Tod!

Kind, wie siehst Du denn aus? rief Schlagododro, als er endlich den Rausch, den er sich gestern abend in seinem Unmut getrunken, ausgeschlafen hatte, und ich ihn zum zweiten Frühstück abzuholen kam.

Ich fühle mich nicht ganz wohl; erwiderte ich, mein Gesicht abwendend.

Kind, rief er, thu' mir die einzige Liebe und fühle Dich wohl! Es ist so schon um des Teufels zu werden, seitdem der Kammerherr nicht mehr auf den Beinen und nun auch Onkel Egbert fort ist. Sie waren doch noch die einzigen außer Dir, mit denen man ein vernünftiges Wort sprechen konnte. Dafür Astolf und sein Gefolge! War gestern eine nette Gesellschaft! Uebrigens alle Achtung, wie famos Du Dich Astolf gegenüber benommen hast! Ich habe es immer gesagt: Du bist ein Kavalier so gut –

Wie unsereiner. Bitte, sprich es nur ruhig aus! Der Tischlersjunge weiß, was ihm zukommt.

Schlagododro blieb jäh auf der Treppe stehen und blickte mich starr an.

Kind, sagte er, Du bist wirklich krank, oder mit einem verzweifelt linken Fuß aus dem Bette gestiegen.

Ich versuchte, mit einem Scherz zu erwidern, der nicht recht gelingen wollte. So betraten wir beide verstimmt das Frühstückszimmer.

Aber auch hier schien eine Wolke über der Gesellschaft zu hangen, dichter, als die gewöhnliche Sonntagswolke, wie Schlagododro die feierliche Langeweile nannte, welche Frau von Vogtriz an einem solchen Tage für obligatorisch hielt und durch allerlei erbauliche Reden, bei denen ihr Fräulein Hersilie Drechsler pflichtschuldig assistierte, herbeizuführen und zu befördern suchte. Heute war ihr weißes faltenloses Gesicht noch besonders priesterlich anzusehen, und floß der Strom ihrer Rede noch besonders salbungsvoll. Ich sollte bald die Ursache erfahren.

Man war schon längst in Pastor Renner gedrungen, sich in dem ländlichen Kreise, in welchem er kandidierte, auch einmal als Prediger vorzuführen und so die etwa noch schwankenden Herzen im Sturm zu erobern. Die Zeit drängte; in der nächsten Woche fand die Wahl, welche wiederholt hinausgeschoben war, definitiv statt. So hatte sich denn Pastor Renner entschlossen, mit dem Prediger der Kirche, zu der auch Nonnendorf eingepfarrt, und welche weitaus die bedeutendste des Kirchspiels war, für einmal zu alternieren, und gerade heute war der zu diesem Behufe ersehene Tag.

Dies alles war gewiß längst den Mitgliedern der Familie bekannt gewesen, Schlagododro nicht ausgenommen, der wohl absichtlich zu mir von der Sache geschwiegen hatte. Unnötige Schonung! Was ging es mich an, ob Pastor Renner heute in Granskow predigte? und ob er den Erfolg haben würde, den man sich davon versprochen? und ob die Kirche geräumig genug sein werde, die zweifellos von allen Seiten herbeiströmende Menge zu fassen?

Auf jeden Fall haben wir unsre Plätze, sagte Herr von Vogtriz, etwas ungeduldig die Betrachtungen seiner Gemahlin unterbrechend. Ich bitte nur gehorsamst, mir die Zahl derer, die mitwollen, genau anzugeben, damit ich danach das Anspannen bestellen kann.

Die mitwollen? erwiderte Frau von Vogtriz mit einem Erstaunen, das fast eine Falte in ihre Stirn gebracht hätte; aber, lieber Udo, von Mitwollen kann doch nicht die Rede sein, wenn es sich darum handelt, seinen Eifer für die gute Sache – die Sache unsrer Kirche und unsers Königs – an den Tag zu legen. Ich bin sogar der Meinung, daß unsre sämtlichen Leute, soweit sie irgend zu entbehren sind, hinüberzugehen haben, auch wenn sie voraussichtlich draußen bleiben müssen – es sieht immer imponierend aus – und ich habe, Deine Erlaubnis voraussetzend, schon gestern die betreffenden Ordres gegeben.

Meinetwegen, sagte Herr von Vogtriz, da ich sie wenigstens nicht fahren zu lassen brauche. Also wieviel sind wir?

Acht, wie Du siehst, sagte Frau von Vogtriz, da unser lieber Kammerherr ja leider nicht mit kann. Dafür hat Herr von Blewitz um die Erlaubnis gebeten, sich uns anschließen zu dürfen. Ich erwarte ihn jeden Augenblick. Also neun, lieber Udo.

Unbequeme Zahl, murmelte Herr von Vogtriz.

Ich setze mich auf den Bock, rief Schlagododro.

Es wird nicht nötig sein, Ulrich; sagte ich; und mich dann zu Frau von Vogtriz wendend: ich bitte auf mich nicht zu rechnen, gnädige Frau.

Nicht zu rechnen? wiederholte Frau von Vogtriz, die offenbar ihren Ohren nicht traute, meine letzten Worte.

Ich fühle mich nicht ganz wohl, gnädige Frau.

Ja, Mama, sagte Schlagododro, mir zu Hilfe kommend; er hat es mir schon vorhin gesagt. Er sieht ja auch verteufelt schlecht aus.

Daß Du doch immer so häßliche Worte wählst – noch dazu an einem Sonntage! sagte Frau von Vogtriz. Es ist positiv sündhaft. Uebrigens bin ich überzeugt, daß Dein Freund uns nur das Opfer bringen und zu Hause bleiben will, um mehr Platz zu schaffen.

Du solltest nicht so in Herrn Lorenz dringen, Mama; sagte Astolf, indem er zugleich Ellinor, die neben ihm saß, ein paar Kirschen auf den Teller legte; ich glaube, Du thust Herrn Lorenz – Ellinor, wirst Du artig sein und Deine Kirschen essen? – keinen Gefallen damit nach seinem Renkontre mit Pastor Renner.

Das gehört nicht hierher! brauste Schlagododro auf mit einem wütenden Blick nach seinem Bruder.

Ich bitte um Entschuldigung, sagte Astolf ruhig; ich glaubte meinerseits, Deinem Freunde einen Gefallen zu thun, wenn ich ihm die Unannehmlichkeit, gerade Pastor Renner hören zu müssen, ersparen half.

Es hatte sich jetzt etwas, das einer Falte ähnlich sah, auf Frau von Vogtriz' Stirn gebildet. Sie ließ ihre erstaunten Blicke von einem zum andern wandern und sagte:

Aber ich verstehe Euch nicht: Unannehmlichkeit? Renkontre mit Pastor Renner? Wie kann Herr Lorenz ein Renkontre mit Pastor Renner gehabt haben? Ich bitte, mir das zu erklären.

Es war eine Todesstille um den Tisch. Ich sah Maria an: sie sollte mir bestätigen, daß ich nicht leichtsinnig mein Versprechen brach, daß ich nicht anders konnte. Aber sie saß da, völlig blaß, mit niedergeschlagenen Augen. So mochte es denn sein.

Gnädige Frau, sagte ich –

Ich bitte Dich, schweig! unterbrach mich Schlagododro heftig. Und, sich dann zu seiner Mutter wendend: Ich meine, Mama, man soll einem Gaste seinen Willen lassen, ohne viel nach dem Warum? zu fragen; und ich glaube, daß mir der Papa darin zustimmen wird.

Jedenfalls danke ich Dir für Deine freundliche Belehrung; sagte Frau von Vogtriz gereizt.

Gnädige Frau, begann ich von neuem, entschlossen, das Wort nicht wieder abzugeben, bevor ich es gesagt, – es thut mir unendlich leid, wenn es Sie, wie ich fürchten muß, kränkt und mich in Ihren Augen herabsetzt. Aber ich glaube, Ihnen und Ihrem Herrn Gemahl die Wahrheit schuldig zu sein. Daß ich mich zu unwohl fühle, um die Herrschaften zur Kirche zu begleiten, war in der That nur ein Vorwand, Die Wahrheit ist: ich kann nicht zu Pastor Renner in die Kirche gehen, da er das Recht hätte, mich hinauszuweisen, nachdem ich ihm meinen Unglauben offen bekannt habe; infolgedessen seiner Zeit von ihm nicht eingesegnet bin, und – muß ich wohl hinzufügen: auch nicht eingesegnet sein will so wenig von Herrn Pastor, wie von einem anderen.

Ich denke, wir heben die Tafel auf; sagte Herr von Vogtriz, sich erhebend und seinen Stuhl etwas gewaltsam zurückschiebend; es ist die höchste Zeit, daß wir fortkommen.

Die andern hätten seinem Beispiel nicht schneller folgen können, wenn der Tisch gebrannt hätte. Man machte einander stumm und verlegen die vorschriftsmäßigen Verbeugungen. Das Eintreten Axels von Blewitz schien allen eine Errettung zu sein, so eifrig wurde er sofort umringt und mit Fragen und Vorwürfen wegen seines späten Kommens überschüttet. Ich benutzte die Gelegenheit, mich hinauszudrücken und auf unser Zimmer zu gehen, wohin mir Schlagododro beinahe auf dem Fuße folgte.

Er war wütend, für den Augenblick ausschließlich auf mich. Weshalb hast Du nicht den Mund gehalten? rief er, vor dem Spiegel wie toll auf seine struppige Mähne losbürstend. Weshalb bist Du mir ins Wort gefallen? Ich hätte die Geschichte schon in Ordnung gebracht. Aber Du bist und bleibst der richtige Don Quichotte. Immer munter in die Windmühlen hinein! immer mitten mang! Natürlich! Und nun haben wir die Bescherung. Meine Mama ist wirklich so gutmütig, daß es ein Kind erbarmen könnte. Aber wenn man einem auf sein bestes Hühnerauge tritt, und noch dazu absichtlich, da hört denn doch die größte Gemütlichkeit auf.

Es thut mir sehr leid, diese Scene veranlaßt zu haben, sagte ich. Du siehst nun, daß ich recht hatte, wenn ich immer sagte, ich gehöre nicht hierher.

Unsinn! rief Schlagododro, in seinen schwarzen Rock fahrend, nicht hierher gehören! Du gehörst überall hin, wenn Du willst. Aber Du willst nicht, das ist die Sache.

Nun denn: so will ich nicht; sagte ich, entschlossen, ein Ende zu machen, selbst um den Preis von Schlagododros Freundschaft.

Er sah mich mit rollenden Augen an.

So! sagte er gedehnt. Du willst nicht? das ist etwas anderes. Dann sehe ich freilich nicht, wie das werden soll.

Ich auch nicht.

Nur mit dem Unterschiede, daß Dir das weiter keine Schmerzen zu machen scheint.

Seine Schmerzen muß doch jeder für sich behalten.

Ich hatte, Schlagododro den Rücken kehrend, mich in das Fenster gestellt. Plötzlich fühlte ich seine Hand auf meiner Schulter:

Lothar!

Was beliebt?

Lothar, Kind, sei vernünftig! Komm mit mir zur Mama! Oder erlaube, daß ich zu ihr gehe und ihr sage, Du habest das nicht so gemeint oder dergleichen, und ich gebe Dir mein Wort, die Sache ist abgethan.

Ich habe es aber so gemeint.

Du willst wirklich nicht?

Nein.

Dann hol's der Teufel!

Er stürmte zum Zimmer hinaus und warf die Thür krachend hinter sich zu.

Ich war am Fenster stehen geblieben und starrte in den Garten. Da drüben war der Platz, wo ich sie zum erstenmal gesehen hatte: hier bin ich!

Die Augen wurden mir naß. Ich wollte die Thränen zurückhalten. Aber heißer und heißer quoll es in mir auf, und mich auf einen Stuhl am Fenster werfend, das Gesicht in die Hände drückend, weinte ich meinen Jammer aus. Mir schien es keine Schmerzen zu machen! O nein! mir nicht!

Endlich richtete ich mich wieder in die Höhe und blickte um mich. Es war mir, als ob da in meiner Brust etwas fehle, was vorher da gewesen; und als ob draußen die Sonne, die doch vorher so hell geschienen, seltsam matt geworden, und die Gegenstände im Zimmer ganz anders aussähen, so daß ich sie verwundert betrachtete.

Ein leises Pochen an der Thür machte mich erschrocken zusammenfahren. Wer konnte das sein? Schlagododro? aber der würde nicht so gepocht haben und war ja auch längst fort. Maria? Sie war nicht mit gefahren! sie hatte mich nicht verlassen! sie hielt treu zu mir in dieser Stunde meiner bitteren Not!

Ich stürzte nach der Thür, die ich aufriß: es war Weißfisch.

Sie?

Ich hätte beinahe laut aufgelacht, wie er jetzt da vor mir auf der Schwelle stand.

Ich habe später viel daran denken müssen: er, da ich doch Maria zu sehen erwartete! er in dem Augenblick, da die schöne Welt einer ersten Liebe mit all ihren kindischerhabenen Träumen und Aspirationen hinter mir in Trümmer sank, auf der Schwelle einer neuen entgötterten Welt!

Gab mir ein Blick in die stechenden Augen des Mannes eine Ahnung von dem ungeheuren Riß, der da durch mein Leben ging? Das Lachen erstarb mir in der Kehle.

Was führt Sie zu mir? stammelte ich.

Er war hart an mir vorüber in das Zimmer geschlüpft, so daß auch ich nun von der Thür zurücktreten mußte.

Ich dachte, ich könnte Ihnen etwas helfen; sagte er mit einem Blick nach dem Schlafgemach.

Helfen? worin?

Worin? worin Sie wollen, worin Sie befehlen. Ein junger Herr braucht ja allerlei Dienste. Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung, und es würde mir eine besondere Freude sein.

Ich starrte den Mann mit weitaufgerissenen Augen an. Er lächelte flüchtig.

Würde mir diese Freiheit nicht nehmen, wenn der junge Herr nicht immer so besonders gütig gegen den armen Kammerdiener gewesen wären, und wenn mir der alte Braun nicht erzählt hätte, was da unten vorgefallen ist. Es soll ja ganz schrecklich gewesen sein. Kann's mir denken. An den Kram darf man bei den Herrschaften nicht rühren – dann ist's aus. Wissen zu gut, daß ihr Kram damit zusammenpurzelt. Der Herr Kammerherr hat sehr gelacht, als ich es ihm erzählte. Teufelskerl, hat er gesagt; dazu hätte, glaube ich, nicht einmal ich den Mut gehabt. Ich soll Sie auch schönstens grüßen, da er leider nicht in der Verfassung ist, Sie empfangen und Ihnen Adieu sagen zu können.

Woher weiß der Herr Kammerherr, daß ich fort will? rief ich.

Der Mann lächelte, diesmal ganz offen.

Der Herr Kammerherr meinte nur. Bitte um Entschuldigung für ihn, wenn er sich geirrt haben sollte.

Und er machte eine Bewegung nach der Thür.

Ich stand verstört da. Es war meine Absicht und mein Entschluß gewesen, zu gehen; aber ich hatte mir doch nicht völlig klar gemacht, daß ich gehen müsse; daß man es erwarte, nicht bloß die beleidigte Familie, sondern, wie ich nun zu hören bekam, auch der ganz unbeteiligte Kammerherr, der mich von Anfang an so protegiert hatte, und dem ich überdies durch mein Fortgehen seinen geliebten Komödienplan gänzlich aus den Fugen brachte.

Das schoß mir bei der Bewegung des Mannes durch den Kopf.

Der Herr Kammerherr hat sich nicht geirrt, rief ich. Ich will natürlich fort – auf der Stelle.

Weißfisch hatte sich wieder zu mir gewandt. Seine hellen Augen glitzerten; das Lächeln, das um seinen breiten Mund zuckte, war schier lustig.

Auf nach Franken! rief er im Tone und mit der Geste irgend eines Karl Moor. So ist's recht! Was wollen Sie auch länger bei diesen kleinen Herrschaften, die gern die Großen spielen möchten, bloß daß sie das Zeug dazu nicht haben? Das ist ja für einen anständigen Menschen zum Ekel.

Er machte ein paar große Schritte durch den Raum, blieb dann wieder vor mir stehen und rief:

Ich hab's auch satt; möchte auch mal wieder – ei was: heraus damit! Wie wär's, wenn Sie es einmal mit meiner Hoheit versuchten?

Ich blickte den Mann erschrocken an: in seinem glattrasierten Gesicht zuckte es so wunderlich, die wasserblauen Augen blinkerten so greulich – war er nicht recht bei Sinnen?

Ja, ja! rief er, es ist mein voller Ernst. Das wäre der rechte Mann für Sie; der hat Ideen im Kopf, verstehen Sie: nicht wie die Junkerchens hier! Große Ideen! Der würde Ihnen gefallen!

Und was sollte ich dort? fragte ich verwundert.

Gar nichts, rein gar nichts; nur ihm auch gefallen, und dann lassen Sie für das übrige den Weißfisch sorgen – ich meine, wenn wir erst da sind. Und jetzt ebenfalls. Ich schaffe, was Sie brauchen – Geld – alles! bringe Sie hin sicher wie ein Kind in Abrahams Schoß.

Der Mann war so dringend, sprach so eifrig; ich sollte dies wirklich ernsthaft nehmen. Dann war wohl er möglicherweise bei Sinnen, aber hielt mich für verrückt.

Wissen Sie, Herr Weißfisch, rief ich, daß Sie mir einmal gesagt haben, das Leben an einem solchen Hofe sei eine einzige große Komödie; und ein anderes Mal, ich sei, trotz meiner Jugend, zu alt zum Komödienspiel? Da haben Sie meine Antwort, wenn dies alles nicht ein wunderlicher Scherz ist, den Sie mit mir treiben.

Sie möchten recht haben, murmelte er; nur nicht, wie Sie es meinen. Sie sind nicht zu alt, ein guter Komödiant zu werden. Wenn ich das gesagt habe – das nehme ich zurück. Aber zu dem anderen Komödienspiel – ja, dazu sind Sie freilich noch zu jung.

Er schwieg und stand so da, die lange Nase mit dem Zeigefinger nachdenklich reibend. Plötzlich machte er eine lebhafte Bewegung und rief in einem munteren Tone: Wegen plötzlich eingetretener zu großer Jugend des Helden – und so weiter! Soll ich Ihnen dann nicht wenigstens Ihren Koffer packen? Ich verstehe das aus dem Grunde; und ehrlich bin ich, wenn der Herr Kammerherr auch zu sagen belieben, ich stehle wie ein Rabe.

Ich nehme es dankbar an, sagte ich, froh, daß der Mann seinen tollen Einfall fahren gelassen hatte. Ich will mich unterdessen nach einem Wagen umsehen – im Dorf, natürlich, bei den Bauern.

Auch das würde ich gern besorgen, sagte er; aber ich weiß zum voraus, es ist unmöglich. Die Leute sind alle zu dem Pfaffen gelaufen; überdies brauchen die Bauern – es sind ja nur ihrer drei – ihre paar Pferde zu nötig jetzt während der Ernte.

So gehe ich zu Fuß, rief ich entschlossen. Lieber alles, als mich hier wieder finden lassen, wenn sie zurückkommen.

Wird nichts anderes übrig bleiben, meinte Weißfisch. Ich würde Sie gern ein Streckchen begleiten; aber ich kann nicht wohl abkommen.

Mir war es lieb, daß er mich nicht begleiten konnte. Ich sehnte mich danach, allein zu sein; ich verlangte nur, fortzukommen; der Boden brannte mir unter den Füßen. Ich gab Weißfisch meinen Kommoden-, meinen Kofferschlüssel; er versprach, alles pünktlich zu besorgen; auch den Brief, welchen ich an Ulrich in aller Eile schrieb, sofort abzugeben. Der Brief enthielt nur ein paar Zeilen: er möge mich bei seinen Eltern entschuldigen, denen ich meine Dankbarkeit für ihre große Freundlichkeit und Güte nicht besser beweisen zu können glaube, als indem ich sie in dem Augenblick verlasse, wo sie sich überzeugt hätten, daß ich dieser Freundlichkeit und Güte niemals wert gewesen sei.

Wenige Minuten später trat ich aus dem Portal des Schlosses und durchschritt eilig den Hof. In dem Hofthore wandte ich mich, zu sehen, daß Weißfisch mir nicht folgte.

Und dann haftete mein starrer Blick unwillkürlich an der Stätte, die ich nun für immer verließ. Das stolze Schloß, umflutet vom Mittagssonnenschein, den schwere blaue Schatten, die hier und da hinter den vorspringenden Erkern kühlig lagen, nur noch heller und glänzender machten; der weite Hof, auf dem die mächtigen Linden stille Wacht hielten; zur Seite der Park, dessen gewaltige Baummassen im Glast verzitterten – wohl mochten sie sich glücklich schätzen, die Menschen, die hier wohnten, dies ihr eigen nannten und jetzt hingegangen waren, Gott dafür zu danken und ihn anzuflehen, daß er ihnen ihr Glück erhalten möge. Ihr Glück von Edenhall! Wenn es brach, mich würde es nicht treffen, den Bettelarmen, der nichts sein eigen nannte, als den Wanderstab in seiner Hand, an dem er durch die glühenden Felder sollte zurück zu dem wurmstichigen Hause in der dumpfigen Hafengasse. Gott sei Dank! Ja, zurück zu dem lieben alten Hause! zurück zu dem lieben alten Vater, zu ihm in seinem treuen Arme, an seinem Herzen mich auszuweinen von all dem Leid und all der Not in dieser stolzen, liebeleeren Welt!

Und, die Mütze in die Stirn drückend, den Stab fester fassend, kehrte ich dem Schloß den Rücken und wanderte fürbaß.

 << Kapitel 32  Kapitel 34 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.