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Was will das werden? Erster Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Erster Theil - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Erster Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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VIII.

Konnte ich mich nun so nicht entbrechen, Ellinor zu lieben, trotzdem sie mich mit offenbar geflissentlicher Geringschätzung behandelte, so schien mir das kein Grund, Fräulein Hersilie Drechsler, ihre Gouvernante, nicht zu hassen, obgleich sie mir nicht minder geflissentlich alle mögliche Höflichkeit erwies. Schlagododro hatte recht: Die Dame machte ihrem Namen Ehre: alles war an ihr gedrechselt: von ihren blonden Locken, die heute um eines Haares Breite dieselben waren wie gestern, bis zu ihren Redensarten, welche sie mit silbenmäßiger Treue endlos wiederholte. Höchstens, daß in ihren Ausdrücken der Bewunderung eine kaum noch für möglich gehaltene Steigerung stattfand, so oft sie auf die Verdienste und die Herrlichkeit des Adels zu sprechen kam. Und das geschah bei jeder Gelegenheit, wenn man Gelegenheit nennen konnte, was sie frisch vom Zaune brach.

In dem Adel gipfelte sich für sie die Pyramide der Menschheit, die im übrigen nur um dieses Gipfels willen vorhanden war. Daran auch nur den mindesten Zweifel zu hegen, galt ihr als ein Beweis tiefster intellektueller Depravation und moralischer Verwilderung. Daß das übrige Volk dem Adel in jeder Beziehung die Initiative zu überlassen und in der Ausführung einfach zu gehorchen habe, sei so selbstverständlich, wie daß der Leib dem Kopf gehorche. Der Adel sei eben der Kopf der Nation und nicht minder das Herz; ein Volk ohne Adel ein toter Leichnam. Hätte man in dem verruchten Jahre 48, wie man demokratischerseits verlangte, den Adel abgeschafft, so hätte sie hinterher nicht geboren werden mögen.

Unnötige Sorge, sagte Schlagododro zu mir; sie ist lange vor 48 geboren. Wir schreiben jetzt 70, und ich wette, daß sie mindestens eine hohe Neununddreißigerin ist.

Nun und aus diesem, mir so verhaßten Munde sollte ich auch die widerwärtige Nachricht erfahren, daß Astolf sein Fähnrichexamen bestanden habe und in nächster Zeit auf Nonnendorf erwartet werde.

Ich wollte sofort abreisen und sagte es Schlagododro. Er beschwor mich, daran nicht zu denken.

Der Grund könnte nicht verborgen bleiben, sagte er, und das wäre eine schwere Kränkung für meine Mutter, die, wie Du mir zugeben wirst, das nicht um Dich verdient hat. Astolf ist ihr Liebling; sie nimmt an, daß er auch der aller Welt sein muß. Du weißt, meiner ist er nicht; wir stehen sogar recht brüderlich schlecht gegeneinander. Ich wollte auch, er käme nicht, obgleich ich ihn ja jetzt ruhig kommen sehen kann, was noch vor zwei Wochen nicht der Fall gewesen wäre.

Ich blickte dem Freund fragend in die, wie mir schien, in Verlegenheit rollenden Augen.

Na, sagte er, ich brauche ja jetzt nicht mehr damit hinter dem Berge zu halten, nachdem ich mich überzeugt habe, daß Du wirklich die schöne Hexe von Ellinor noch immer nicht liebst; und ich – Du weißt ja. Ich bin froh, daß ich glücklich von ihr los bin, und ich denke, nun soll auch das Verhältnis zwischen mir und Astolf besser werden. Ich könnte mich so schon für meine Eselei prügeln. Astolf ist der ältere, ist ein wunderhübscher Junge – fast so hübsch wie Du – und wird Majoratsherr. Da hätte ich doch wissen sollen, daß ich von allem Anfang an keine Chance hatte. Was ist Dir?

Gar nichts. Ich wundre mich nur. Ich dachte sicher, Herr Axel von Blewitz sei der Auserwählte.

Weil er immer um sie herum ist, und sie seine Dummheiten lachend anhört? Das beweist gar nichts. Er könnte noch dümmer sein, wenn er ihr nur brav den Hof macht. Das braucht sie so notwendig wie das liebe Brot. Aber ernsthaft ist die Sache nicht. Ich vermute sogar stark, sie will den Axel nur gegen Astolf ausspielen.

Was heißt das? Du weißt, ich bin in diesen Sachen erschrecklich dumm.

Scheint wirklich so – bitte um Verzeihung! Wollte sagen: Du kannst ja auch nicht wissen, was das heißt. Nämlich dies: Ich bin überzeugt, sie liebt Astolf, und gerade darum behandelt sie ihn schlecht. Glaube, alle Koketten machen das so. Und zu der schlechten Behandlung wird gehören, daß sie sich vor seinen Augen von Blewitz die Kur auf Tod und Leben schneiden läßt. Verstehst Du nun?

So ziemlich; und darf man fragen, wie Deine Eltern darüber denken?

Ich sagte Dir ja: Astolf ist Mamas Liebling. Was Astolf will, will Mama; und was Mama will, will Papa.

Und Dein Onkel?

Offen gestanden, ich weiß es nicht. Jedenfalls hat er die Sache immer ruhig mit angesehen.

Aber Ellinor ist doch erst fünfzehn Jahre! rief ich in einer Verzweiflung, die Schlagododro glücklicherweise nur ein schallendes Gelächter entlockte.

Nun wird's gut, rief er; jetzt muß er auch noch für die liebe Unschuld eine Lanze brechen! Beruhige Dich! Bis zum Heiraten hat es noch gute Weile, aber in unsern Familien legt man sich so wichtige Dinge schon von langer Hand zurecht. Uebrigens ist sie fünfzehn ein halb, und Astolf wird noch im Herbst zwanzig. Das paßt ja denn soweit ganz schön. Onkel Egbert hätte ihn gern noch hier gesprochen; er will sich nicht länger halten lassen; ist überhaupt in letzter Zeit recht wunderlich. Findest Du nicht auch? Nun muß ich aber fort. Ich soll Papa nach Brandshagen begleiten. Er hat da eine Konferenz mit I. I.

Mit wem?

Mit Deinem I. I. Der arme Papa läßt den Manichäer nicht gern hierher ins Haus kommen, sondern empfängt ihn immer drüben. Diesmal ist, glaube ich, noch ein besonderer Grund. Du weißt, wir haben auf Brandshagen die große Brennerei, die ich Dir ja schon immer einmal zeigen wollte; aber über eurem verflixten Theaterkram kommt man ja zu nichts. Nun, und ich glaube, Papa will die Brennerei an I. I. verpachten, oder muß sie verpachten, was in der Ursache sehr verschieden, aber im Effekt dasselbe ist. Nationalökonomie – mein Fach, weißt Du! Es ist hübsch von Papa, daß er mich beizeiten praktisch in mein Fach einführt. Also, adieu bis heute abend; Du wirst wohl unterdessen den gewohnten Ausflug nach Belriguardo, oder wie das italienische Nest heißt, machen.

Er schüttelte mir lachend die Hand und schlenkerte aus dem Garten. Ich blickte ihm nach, bis ich sicher war, daß er nicht wieder umkehren würde, und stürzte mich dann in den Park, instinktiv die einsamsten Pfade suchend, während ich nur immer so vor mich hin lief, Wut und Verzweiflung im Herzen. Ellinor verlobt, so gut wie verlobt, und mit ihm, den ich schon zu hassen geglaubt hatte, bis ich dies wußte, und jetzt – o, es gab kein Wort dafür! Es gab nur Zähneknirschen und ohnmächtig geballte Fäuste und Thränen, die mir schier die Augen versengten. Jetzt mußte ich fort, jetzt wollte ich fort; mochten sie von mir denken, was ihnen beliebte! Ich haßte sie alle, einen wie den anderen, auch Schlagododro, der so kaltblütig eine Ellinor seinem Bruder ausliefern konnte; den Major, der sein einziges Kind nicht besser zu hüten wußte; sie selbst, die herzlose Kokette, die sich von einem Axel Blewitz den Hof machen ließ, um einen Astolf Vogtriz zu erobern. Sie waren eines des andern wert! Mochte der Jude kommen und ihnen Haus und Hof über dem Kopf wegnehmen, ihre Viehställe und ihre Scheunen, ihre Fabriken, in denen sie den Schnaps brauten, mit welchem sie den Leib des Volkes vergifteten, wie mit dem Aberglauben des Gottesgnadenherrschertums, dessen hohe Priester und Speerträger sie waren, sein Herz!

So raste ich in meinem Wahnsinn weiter, als plötzlich ein helles Kleid durch die Büsche schimmerte. Wenn es Ellinor war! Ein Zittern überfiel mich, und ich wünschte, der Erdboden möchte mich verschlingen; im nächsten Augenblicke durchraste mich das wütende Verlangen, sie nur einmal an mein Herz, meine Lippen auf ihre Lippen zu pressen, und möchten sie mich dann mit glühenden Zangen zerreißen.

Mein Herz hatte umsonst zum Zerspringen geklopft – eine Wendung des Pfades – ich stand Maria gegenüber.

Sie hatte die Verstörtheit meiner Züge sofort bemerkt.

Mein Gott, was ist Ihnen? Sie haben eine Unannehmlichkeit gehabt! rief sie mir entgegen.

Tausend für eine! rief ich mit Hohnlachen zurück und fuhr dann, als wir zusammen weiter schritten, mich zu einiger Ruhe zwingend, fort: Oder wäre denn dieses Leben hier nicht eine einzige fortgesetzte Unannehmlichkeit – für mich, selbstverständlich; ich sehe ja, daß andere anders darüber denken.

Sie haben gehört, daß man den älteren Bruder erwartet; sagte sie schnell.

Wie kommen Sie darauf?

Weil ich weiß, wie verhaßt er Ihnen ist, und ich mir so Ihre üble Laune erklären kann.

Und ich versichere Sie nochmals, daß es auf eine Unannehmlichkeit mehr oder weniger gar nicht ankommt. Ich habe das Leben hier eben satt, wenn man satt bekommen kann, wogegen man vornherein den heftigsten Widerwillen empfand. Ich denke, Sie können mir das bestätigen. Ohne Ihr Zureden wäre ich schwerlich hier. Sie freilich brauchen nicht zu bereuen, daß Sie gekommen sind.

Es war eine Grausamkeit, ihr das zu sagen; aber in meinem Herzen tobte es zu sehr; das brennende Rot, das plötzlich in ihren bleichen Wangen aufflammte, um eben so schnell wieder zu verschwinden, galt mir nur als Zeichen und Beweis, daß sie sich getroffen fühlte. Ich ließ sie nicht zu Worte kommen:

Rätselhaft genug ist mir das; vielmehr unbegreiflich. Ich begreife nicht, wie Sie es mit Ihren Ueberzeugungen in Einklang bringen, vom Morgen bis zum Abend Dinge zu hören, die mir das Blut in den Adern sieden machen. Oder könnte es doch nur begreifen, wenn ich annehme, daß Sie Ihre Ueberzeugungen gewechselt haben.

Vielleicht, erwiderte sie ruhig, daß ich mit meinen Ueberzeugungen zurückhalte, wenn ich, wie hier, sicher bin, durch das Aussprechen derselben nichts zu bewirken. Aber warum halten denn Sie mit den Ihrigen zurück?

Das ist es ja eben, rief ich zornig, was ich mir nicht vergeben kann. Und übrigens ist doch in dieser Hinsicht ein Unterschied zwischen mir und Ihnen. Ich bin ein junger unbedeutender Mensch, das weiß ich wohl. Aber für mich ist sagen, was ich denke, und mit der Gesellschaft ein für allemal brechen, ein und dasselbe. Sie könnten reden, was Sie wollen.

Und niemand achtete darauf, – eine beschämende Rolle, wahrlich, zu der Sie mich da verurteilen. Und dann frage ich wieder, wenn Ihnen die Gesellschaft hier so widerwärtig ist, und Sie es so leicht haben, mit ihr zu Ende zu kommen, warum thun Sie es nicht? um so mehr, als Sie es für eine männliche Pflicht zu halten scheinen?

Ich schlang, vor ihrer sicheren Logik verstummend, meine Wut still in mich. So gingen wir eine Zeitlang stumm nebeneinander, jedes im Innern den Kampf um das Geheimnis, das ihm der andere entreißen wollte, weiter kämpfend; in bitterer Feindschaft jetzt, wie ich meinte, wir, die wir vorher in so herzlicher Freundschaft verbunden gewesen waren. Sie begann zuerst wieder:

Ich habe Sie gekränkt. Verzeihen Sie! es war nicht meine Absicht; wie es gewiß auch nicht die Ihrige war, mir wehe zu thun. Wir sind uns eben fremd geworden in diesen Wochen, von denen wir uns doch gerade ein recht gutes Zusammenleben versprachen und auch gehabt hätten, wenn Sie sich nur –

Sie stockte und fuhr dann entschlossen fort:

– mit Ellinor besser stellen möchten. Es wäre das so leicht. Mein Gott, ja, sie ist arg verwöhnt, weil alle Welt ihr schmeichelt. Das verlange ich von Ihnen nicht, aber freundlich könnten Sie doch sein. Sie haben ihr noch nie ein einziges gutes Wort über ihr Komödienspiel gesagt.

Weil sie gar nichts kann, rief ich zornig.

Das heißt, genau so viel wie ich, sagte Maria ruhig; und ich wünschte aufrichtig, der Kammerherr ließe noch im letzten Augenblick die Sache fallen, bei der wirklich nichts herauskommt. Aber das ist es nicht allein. Sie behandeln das schöne Kind immer und überall mit derselben Gleichgültigkeit, und das kann sie nicht vertragen; das nimmt sie Ihnen übel, und ich glaube, mit Recht.

Ich bin Ihnen sehr verbunden, Fräulein Maria, erwiderte ich; leider kommen Ihre guten Lehren in dem Augenblick, wo ich fortgehe, ein wenig zu spät.

Sie wollten wirklich fort?

Es ist mein fester Entschluß.

Thun Sie es nicht! jetzt nicht! so ohne Vorwand nicht!

Warum nicht?

Wir waren unwillkürlich stehen geblieben, und sie hob die gesenkten Augen nicht, als sie zögernd und leise erwiderte:

Weil Ihr Geheimnis gerade dadurch an den Tag kommen würde.

Ich brach in ein Gelächter aus, das häßlich genug geklungen haben mag.

Mein Geheimnis! rief ich; das ist köstlich! und ein Geheimnis, das ich vor einer so guten Freundin verberge! denken Sie doch!

Lachen Sie nicht, sagte sie traurig, es thut mir weh. Ich weiß, daß Ihnen ganz anders zu Mute ist.

Sie müssen es freilich wissen: anders als Ihnen! Ich glaub' es gern!

Ich bereute das Wort, sobald ich es gesprochen. Aber warum quälte sie mich so!

Es geschieht mir recht, sagte sie mit einem tiefen Atemzuge. Wie kann ich von Ihnen fordern, was ich mir selbst ersparen zu dürfen glaubte? Nun denn: Sie kennen mein Geheimnis. Ich hoffte, es vor Ihnen bewahren zu können, weil Sie mein Freund sind. Man teilt mit seinen Freunden gern ein Glück; das Geheimnis eines Unglücks erfahren sie immer noch zu früh. Und dies ist ein Unglück; ich sehe es klar, obgleich er es nicht sieht, und ich selbst die Augen davor verschließen möchte. Mein Gott, es werden wohl die einzigen glücklichen Stunden in meinem Leben sein! Nun können Sie weinen! ich wußte es.

Sie strich sich über die Augen; ich weinte immer leidenschaftlicher, ohne daran zu denken, mein Schluchzen zu unterdrücken. Sie faßte mich bei der Hand.

Lothar, versprechen Sie mir eines!

Ich nickte stumm.

Sie wollen fort. Gut, Sie sollen es. Warum schließlich die Qual länger erdulden, als nötig ist? Aber nötig ist, daß Sie einen triftigen Grund anzugeben haben. Sie dürfen nicht, selbst wenn Ihr Geheimnis bewahrt bliebe, den Vorwurf gesellschaftlicher Unbildung und Taktlosigkeit auf sich laden.

Sie wollen mich fort haben, sagte ich höhnisch. Freilich, Sie sind ja dann ganz »unter sich.«

Lothar!

Nein, rief ich, ihre Hand festhaltend, die sie mir hatte entziehen wollen, ich weiß nicht, was ich rede – ich bin ja so grenzenlos unglücklich. Ich will alles thun, was Sie mich heißen, nicht eher gehen, als bis ich anständigerweise kam,. Aber das kann ich nicht versprechen, daß nicht doch ein Augenblick kommt, wo ich diese ewige Lüge des Schweigens nicht länger ertrage, es mag danach geschehen, was will.

Maria wollte etwas erwidern; aber plötzlich ließ sich, bereits aus großer Nähe, die Stimme des Fräulein Drechsler vernehmen, die laut nach ihr rief.

Es ist besser, wenn sie uns nicht hier zusammen sieht, sagte Maria hastig. Adieu! über den letzten Punkt sprechen wir demnächst.

Sie hatte mir noch einmal die Hand gedrückt und sich schnell von mir nach der Richtung gewandt, aus der die schrille Stimme kam. Ich warf mich in einen Seitenweg, dessen dichtes Buschwerk auch für die Luchsaugen der Gouvernante undurchdringlich war.

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