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Was will das werden? Erster Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Erster Theil - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Erster Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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V.

Ich hätte den Schlüssel stecken lassen können: das Medaillon war nicht in der Kommode. Darüber blieb kein Zweifel, nachdem wir alles durchforscht hatten. Schlagododro war sehr betreten. Er gestand, daß er zwar eigenhändig die Sachen in die Kommode gelegt, aber sie sich zu dem Zwecke von dem »Neuen« aus dem Koffer habe langen lassen. Bei dieser Gelegenheit mußte der Mensch den Diebstahl ausgeführt haben. Schlagododro hatte ihn, als er das Zimmer verließ, mit sich genommen, und derselbe war nachweislich, bis ich die Entdeckung des Verlustes machte, nicht wieder auf das Zimmer gekommen. Daß aber ein Diebstahl vorliege, daran konnte ich nicht zweifeln, und zweifelte auch sonst im Hause keiner: der Mann hatte sich, so kurze Zeit er auch erst im Dienste war, bereits mehrere unbedeutendere Veruntreuungen zu schulden kommen lassen, zu denen er sich auch bekannte. Zu diesem schweren Falle wollte er sich nicht bekennen, trotzdem ihm völlige Straffreiheit zugesichert wurde. Er blieb hartnäckig beim Leugnen, eine Durchsuchung seiner Sachen erwies sich fruchtlos; Herr von Vogtriz mußte sich damit begnügen, ihn fortzuschicken.

Siehst Du, wie recht ich hatte, sagte Schlagododro, ich habe dem Kerl vom ersten Augenblicke an nicht getraut. Ich kann mich auf meine ersten Eindrücke immer verlassen.

Das war ja soweit ganz gut, brachte mir aber leider den verlorenen Schatz nicht wieder. Es war ein flüchtiger Besitz gewesen. Und nicht einmal angesehen hatte ich das teure Bild. Hatte es sich von mir gewandt, weil ich mein Herz loszumachen versucht hatte von ihr, die es darstellte? Ein Versuch, der mißlungen war. Maria hätte mir nicht einzuschärfen brauchen, ich dürfe die Mutter nicht hassen – ich konnte es nicht und wußte, daß jene Trennung, mit der mir der Pfaffe gedroht, sollte sie wirklich eintreten, ein furchtbarer Schlag für mich sein würde. Aber war es nicht möglich, demselben vorzubeugen? mußte ich es nicht wenigstens versuchen?

Und ich setzte mich hin und schrieb einen langen, langen Brief an die Mutter, in welchem ich ihr mein ganzes Herz ausschüttete: was ich um sie gelitten, und wie ich alles vergessen und überglücklich sein wolle für ein wenig Liebe von ihr. Aber freilich den Vater könne ich nicht verlassen, und dies Verlangen habe ja ganz gewiß nicht sie an mich gestellt. Das gehe zweifellos von dem Priester aus, der immer zwischen ihr und mir und auch sicher zwischen ihr und dem Vater gestanden habe, und der aus unserem Bunde weichen müsse, damit derselbe fortan ein heiliger, unzerreißbarer sei.

Ich Thor! ich wähnte, das würde einen starken Eindruck auf die Mutter machen; das würde selbst dem Pfaffen das Gewissen rühren! Und ließ mich auch in diesem guten Glauben nicht wankend machen, trotzdem ein Tag nach dem anderen verging, und keine Antwort auf meine Bitt- und Klageschrift kam.

Freilich waren es Tage, die nicht langsam tropften, sondern daher- und vorbeirauschten wie ein stürmender Bach; Tage, die in meiner Erinnerung keine Nächte gehabt zu haben, sondern, nach den Worten der Schrift, aus Abend und Morgen geworden zu sein scheinen. Aus Abend- und Morgenröten. Denn im rosigen glanzvollen Licht, jener tauigen Frische, die nur der Morgen kennt, jenem ahnungsvollen Duft, den nur der Abend hat, stehen sie vor dem rückwärts gewandten Auge, bis ein wehmütiger Schleier sich darüber senkt und all die Herrlichkeit erlöschen macht: all das Herzpochen und das sehnende Verlangen und das wahnsinnige Entzücken und die flammenden Gebete und die Flüge durch alle Himmel und den Sturz durch alle Höllen. Denn er, auch er gehört ja dazu! Wer wollte sich vor ihm fürchten, ihn nicht in den Kauf nehmen um den Preis, »gelebt und geliebt« zu haben?

Es war über mich gekommen nicht wie eine Gefahr, die heranschleicht, und vor der sich der Kluge hätte hüten mögen, sondern mit dem Sprung des Tigers, vor dem es keine Flucht gibt. An jenem ersten Abend. »Hier bin ich«! Ja, hier bin ich: ich, nach der der wilde Knabe weinte in leidenschaftlicher Verzweiflung, weil seine zuckenden Lippen noch nie ein Frauenmund geküßt habe; ich, die du gesehen, noch bevor du mich sahst; ich, die du nie wieder vergessen kannst, nachdem du mich gesehen; ich, des mächtigsten Gottes hohe Priesterin, die dem Tappenden, Taumelnden die Binde vom Auge nahm, daß er nun stehe, geblendet, trunken von dem Strahlenglanz!

Und ihm nun in diesem Strahlenglanz die ganze Welt erscheint, die er zum erstenmale zu sehen glaubt. Zu sehen und zu hören, zu fühlen, zu empfinden mit allen Sinnen, durch alle Poren. Hat denn die Sonne je geschienen? der Himmel geblaut? haben die Vögel gesungen? die Blumen geduftet? ist die Welt gestern geschaffen worden, und er wandelt durch Gottes Paradiesesgarten, der erste Mensch?

Er fragt es, wenn er in der heiligen Morgenfrühe sich leise, den schlafenden Gefährten nicht zu wecken, vom Lager gestohlen hat und in dem Park umherschweift durch die kühlen Schatten unter den hohen Bäumen, durch die sonnebestreiften, tauüberglänzten Beete, und in den linden, balsamischen Hauch, der sie umfächelt, ihren holden Namen flüstert: Ellinor!

Ach, er hat ja keinen anderen Vertrauten seines Geheimnisses, es müßte denn der Abendwind sein, der um seine heiße Stirn streicht, wenn er sich von der Gesellschaft auf dem »Freiblick« weggeschlichen hat zu dem Boot, das ein Streckchen davon unter überhängenden Weiden an dem Landungssteg befestigt ist. Und aus dem er nun hinausrudert auf des Meeres kaum bewegte Fläche so weit, daß keiner ihn mehr abrufen kann, und daß keiner es hören könnte, und er es nicht mehr zu sagen braucht, da die plätschernde Welle am Kiel nur immer murmelt: Ellinor!

Nein, er hat keinen anderen Vertrauten, darf keinen haben. Nicht, weil er weiß, daß er nicht wieder geliebt wird! das verlangt er nicht, ja, der Gedanke, es könnte jemals sein, macht ihm vor Schrecken schier das Herz erstarren. Er steht noch ganz und mit inniger Ueberzeugung in dem romantischen Glauben; er weiß, daß er von allen Kränzen, die er windet und in die er so viel tausend Gedanken und Grüße hineingebunden, ihr keinen reichen kann. Er hält dafür, daß es ihr Herrinrecht ist, ihn nicht zu sehen, oder höchstens einmal mit dem flüchtigsten Blick aus ihren Augen zu streifen, wenn er aus schüchterner Ferne zuschaut, wie sie sich in den Sattel schwingt, um mit ihren Kavalieren hineinzusprengen durch die Felder in den grünen Wald; oder in der Gesellschaft, die sie mit ihrem Witz und ihrer munteren Laune belebt, seitab steht in einer dunklen Fensternische des kerzenerhellten Salon. Das ist ihr Recht; und seine Pflicht, es geduldig zu nehmen und von der Geliebten so wenig Gegenliebe zu erwarten oder gar zu fordern, wie der Vernünftige Gegenliebe erwartet und fordert von dem Gott, zu dem er betet.

Aber ich hatte noch andere schwerwiegende Gründe, die mir das Geheimnis zur heiligen Pflicht machten. Weshalb war ich hier? doch nicht um dieser braunäugigen Circe willen; doch nur, weil ich Schlagododro einmal das Versprechen gegeben hatte, und es mir schließlich leicht wurde, es einzulösen, nun, da ich während der ganzen Zeit mit Maria zusammen sein durfte. Zwar ich liebte Maria nicht; ich hatte das dem Freunde gegenüber behauptet und mit Recht, wie ich jetzt besser als damals und nur zu gut wußte; aber, die andere nicht zu lieben, hieß mich die Freundespflicht, und wenn ich sie nun doch gegen meinen Willen lieben mußte, so verlangte die Achtung vor mir selbst, daß ich diese Liebe nicht eingestand. Das hatte ich mir geschworen, und ich war entschlossen, meinen Schwur zu halten.

Auch dann noch, als ich, was schon nach wenigen Tagen geschah, die seltsamste Entdeckung machte.

Der Kammerherr hatte an seinem Einfall, sich ein Amüsement zu bereiten, indem er uns jungen Leuten ein paar Schauspielscenen einübte, mit der doppelten Zähigkeit des alten Theatermannes und des Kranken festgehalten; und ich, dem gegebenen Versprechen gemäß, mein Bestes gethan, Schlagododro zur Uebernahme der Rolle des Orestes zu bewegen. Vergeblich. – Bleib mir mit dem Unsinn vom Leibe, rief er, wenn ich in ihn drang, doch dem kranken Mann den Gefallen zu thun. Gefallen hin, Gefallen her, wenn mir die Sache nicht gefällt, und das thut sie ganz und gar nicht. Ich bin kein Komödiant; ich hasse Komödianten, diese Kerls, die von Einbildungen leben, wie die Schwalben von Mücken. Ich bin keine Schwalbe, Gott soll mich bewahren! Ich bin ein ehrbarer Kauz, der lange warten kann, bis ihm mal eine Maus über den Weg läuft; und auf alle Fälle kann ich nur reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Wie käme ich zu all dem Zeugs, das der Kerl, der Orest, da vorbringt? Habe ich meine Mutter totgeschlagen? bin ich verrückt? Habe ich in meinem Leben auch nur eine Furie gesehen, geschweige denn ein ganzes Rudel? Bin ich der Mann dazu, aus dem Hinterhalte heraus einem ehrlichen bornierten Kerl, wie dem Thoas, der sich nichts Böses versieht, eine Statue – von Marmor oder Sandstein, was weiß ich! – auszuführen, auf die er so großen Wert legt, wie Du auf das Bild Deiner Mutter? Hätte ich mir nicht beinahe die Ohren abgeschnitten, weil ich durch meine Nachlässigkeit schuld war, daß es sich der Spitzbube annektieren konnte? Und schließlich: ist Fräulein von Werin meine Schwester? Ich kann Dir sagen: ich danke Gott, daß ich nicht ihr Bruder bin!

Dieses Schlagododros »Schließlich« gab mir viel zu denken. Ich kannte seinen Haß gegen Adalbert zur Genüge; es war nicht nötig, daß er demselben bei dieser Gelegenheit einen Ausdruck gab. Ja, dieser schroffe Ausdruck vertrug sich nicht mit Schlagododros Ritterlichkeit, die es ihm sonst zum Gesetz gemacht hatte, jede Anspielung auf mein Freundschaftsverhältnis zu seinem Nebenbuhler sorgsam zu vermeiden. Oder verbarg sich etwa in dieser feierlichen Verwahrung vor der Geschwisterschaft mit Maria ein Doppelsinn?

Es mochte immerhin mein Verstand sein, der diese Frage aufwarf, aber die Antwort kam von anderer Seite. Man liebt entweder wahnsinnig, oder man liebt gar nicht, hatte Schlagododro gesagt. Ich glaubte jetzt, ein Wort in dieser Sache mitsprechen zu können; ich glaubte zu wissen, daß allerdings »wahnsinnige Liebe« ein kindischer Pleonasmus sei; aber vergebens spähte ich bei Schlagododro für seine behauptete Leidenschaft zu Ellinor nach den mir nun so wohlbekannten Symptomen. Er hatte mir freilich in den ersten Tagen fast drohend die Anerkennung der unvergleichlichen Schönheit und Liebenswürdigkeit seiner Kousine abverlangt und war wütend gewesen, wenn ich ihm dieselbe, wie grausam mich mein Herz Lügen strafte, trotzig verweigerte. Er war auch viel um Ellinor und lachte unbändig über ihre lustigen Scherze und oft barocken Einfälle; aber er sandte ihr keine glutstarren Blicke nach, wenn sie ging; seine Augen flammten nicht auf, wenn sie kam. Ebensowenig rückte das famose Gedicht mit dem ersten (und einzigen) problematischen Vers aus der Stelle. Und dennoch – dennoch war eine Veränderung mit dem Freunde vorgegangen. Der sonst Rastlose, der seine Ueberkraft niemals hinreichend austoben konnte, versank auf Stunden und halbe Tage in ein stilles träumerisches Wesen; und wenn dann die Unbändigkeit in verdoppelter Heftigkeit wieder hervorbrach, war es nicht die alte harmlose – es war, als ob er sich von einer Last befreien wollte, die schwer auf ihn drückte, von einem Stachel, der ihn bis aufs Blut peinigte. Ein für den weggejagten »Neuen« eingestellter zweiter »Neuer« bekam nicht die mindesten Schelte, trotzdem er wirklich sehr ungeschickt und dabei bis zur Frechheit naseweis war; in der Nacht hörte ich, dessen eigener Schlaf nur noch ein Traumwachen, den firmsten Schläfer der Welt unruhig auf seinem Lager sich wälzen und selbst im Traume dunkle Worte murmeln, von denen ich, wie ich so, voll ernster Sorge um den Freund, den Ellbogen aufgestemmt, im Bette saß, endlich eines doch verstehen mußte: Maria! War es möglich?

Ich hätte beinahe laut in die stille Nacht hinein gelacht: das war ja, als ob man Feuer mit Wasser mengen, zwei absolute Widersprüche miteinander ausgleichen wollte! es war einfach unmöglich. Und, während ich mir diese Unmöglichkeit noch lächelnd zu vergegenwärtigen suchte, überkam mich plötzlich eine seltsame Bangigkeit, die Furcht vor etwas Schrecklichem, das sich da vorbereite. Denn, wenn es doch möglich war – und hundert kleine Umstände, die ich kaum beachtet oder falsch ausgelegt hatte, und die mir plötzlich wieder in Erinnerung kamen und in das rechte Licht traten, machten mir bald die Möglichkeit unzweifelhaft – was sollte daraus werden? Zwar in dem Einen glichen sie sich völlig: in der wandellosen Ehrlichkeit des Herzens und der unentwegten Treue, mit der sie ihren Ueberzeugungen folgten. Aber eben die mir wohlbekannte ungeheure Differenz der letzteren mußte sie auseinanderführen, wie sehr sich auch die starken Herzen nach Einigung sehnten. Wenn der Freund selbst sich darüber verblenden konnte, so gebot mir die Pflicht, ihm die Augen zu öffnen, solange es noch Zeit war. Nur daß er, wie ich ihn kannte, mir schwerlich Gelegenheit zu dieser Intervention geben würde.

So beschloß ich denn, während ich schlaflos dalag in dem Dämmer der Mondnacht und auf die nun wieder ruhigen Atemzüge des Freundes lauschte, diese Gelegenheit vom Zaun zu brechen, und führte diesen Entschluß am nächsten Morgen aus, trotzdem mir dabei zu Mute war, wie jemand sein müßte, der genötigt wird, einen schlummernden Löwen an der Mähne zu zupfen.

Es kam, wie ich erwartet: Schlagododro packte mich an beiden Schultern und schwur, mich totzuschlagen, wenn ich noch einmal einen so verruchten Unsinn ausspräche; und dann geschah, was ich, wenigstens für den Augenblick, nicht erwarten konnte: er fiel mir weinend um den Hals und gestand mir schluchzend, daß er Maria liebe. Er sagte diesmal nicht: wahnsinnig; ich glaubte ihm auch ohne das.

Und dann, als wir uns beide soweit beruhigt hatten, kam die Geschichte seiner Liebe.

Die sei nicht das Werk eines Augenblicks – im Gegenteil, Maria habe ihn in den ersten Tagen ganz kalt gelassen, als wäre sie ein Marmorbild, bis er einmal jenes leise Zucken der Oberlippe bemerkte, welches, wie ich ihm gesagt, bei ihr das Lachen bedeute. Das habe ihm durchs Herz geschnitten, – ihn, der so gern in ein schallendes Gelächter ausbreche – daß jemand – und noch dazu ein Mädchen – nicht sollte lachen können.

Nun, sagte Schlagododro und fuhr sich dabei mit der großen braunen Hand über die Augen, was das arme Mädchen schon erlebt hat, ist wahrlich danach, daß auch einer, der stärkere Nerven hat, darüber das Lachen verlernen könnte. Und gar so ein liebes, feines, zartes Ding! Auch die Mutter, sagt Onkel Egbert, soll dem Wahnsinn nahe gewesen sein. Ich glaub's gern. Aber Mitleid ist noch keine Liebe, und darum hätte ich Maria noch lange nicht geliebt. Glaubst Du, daß man überhaupt sagen kann, warum man ein Mädchen liebt? Ich nicht. Ich kann nur sagen, daß ich sie für das edelste, reinste Geschöpf unter Gottes Sonne halte, der ich gemeiner Kerl völlig unwert bin, und der ich es einzig und allein zu verdanken haben werde, wenn jemals aus mir etwas Gescheites wird.

Das klang nun freilich, als ob er von Maria bereits die Zusage erhalten habe, sie wolle ihm bei diesem schwierigen Prozeß helfen, und so wagte ich eine dahin zielende Andeutung, um abermals Schlagododros Wut bis zu seiner Lieblingsdrohung zu reizen, worauf er dann unter tiefem Erröten stockend und stotternd eingestand, er glaube, daß er Maria nicht ganz gleichgültig sei. Er habe sie nicht gefragt, und sie habe ihm natürlich nichts gesagt, aber er glaube es.

Ich glaubte es ebenfalls, ja mußte es für gewiß halten, nachdem ich, wie vorher den Freund, so nun auch Maria einige weitere Tage beobachtet hatte. Die leise Röte, die jetzt ihre sonst bleichen Wangen überhauchte, konnte keine Wirkung der Landluft sein, denn sie kam und ging – kam und ging mit Schlagododro; der tiefere Glanz ihrer sonst so klaren Augen nicht gesellschaftliche Erregung, denn er kam und ging mit Schlagododro. Daß der Freund die Geliebte in der Gesellschaft immerdar suchte, war selbstverständlich; aber ich bemerkte jetzt, daß sie sich, so oft es nur eben geschehen mochte, finden ließ: auf den Spaziergängen, auf den Ausflügen, im Salon – überall. Und überall und immer, wenn sie sich gefunden hatten, war es, als ob sie eine widerwillig abgebrochene interessante Unterhaltung nur wieder aufzunehmen brauchten und begierig wieder aufnähmen – so ausgiebig und eifrig war ihr Gespräch, das doch ins Stocken geriet, sobald ein Dritter hinzutrat, selbst, wenn ich, ihr gemeinschaftlicher Freund, dieser Dritte war. Und nun, da mir nicht, wie dem Freunde, ein ähnliches holdes Glück blühte, und ich sein und der Freundin Glück nur stören konnte, mich auf die Gesellschaft angewiesen sah, die mir fremder wurde, je länger ich mit ihr verkehrte, je besser ich sie kennen, ihre Sprache, ihre Ausdrucksweise verstehen, ihre Mienen deuten, ihre Gedanken, ihre Empfindungen begreifen lernte.

Hier fand ich auch den zwingenden Beweis für Marias Liebe. Sah sie, hörte sie, die Schülerin ihrer Mutter, die Gesinnungsgenossin ihres Bruders, meine Freundin, das alles nicht, was mich verletzte und empörte? Es war unmöglich; dazu war ihr Geist zu scharf, ihr Blick zu hell, ihr Ohr zu fein. Es blieb also nur das andre übrig: sie wollte es nicht hören und sehen: den Abgrund nicht sehen, der sie und ihn, den sie liebte, von einander trennte, sie hätte denn ihre Ueberzeugungen, oder er die seinen aufgeben müssen.

Wie ich sie zu kennen glaubte, schien mir das eine und das andre ausgeschlossen.

Aber das stand ja für mich fest, und nicht um mich handelte es sich, sondern darum, es ihnen, oder doch wenigstens dem Freunde begreiflich zu machen.

Hundertmal setzte ich zu diesem Entschluß an, ohne den Mut zur Ausführung zu finden: ich der Glücklose, Verschmähte gegenüber ihm, dem Glücklichen!

Es wäre als hämische Mißgunst und schierer Neid erschienen bei mir, der ich ihnen doch ihr Glück von ganzem Herzen gönnte.

Und nun, da mir hier der Weg verrannt war; da ich sah, daß ich nicht helfen konnte, gewährte es mir eine schier grausame Lust, mir zu beweisen, daß Hilfe überhaupt unmöglich, die Kluft unüberbrückbar sei, welche zwischen Menschen befestigt ist, von denen die einen zäh am Autoritätsglauben hangen, die anderen sich vor keinem Gesetz beugen wollen, gegen dessen Rechtmäßigkeit ihre Vernunft sich auflehnt und ihr Herz protestiert.

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