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Was will das werden? Erster Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Erster Theil - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Erster Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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II.

Von einem Diener (nicht dem »Neuen«, sondern einem älteren Manne, der uns mit einer Tablette voll allerhand Dessertgeschirr entgegenkam und von Schlagododro »Braun« und »Du« genannt wurde) hatten wir erfahren, daß die Herrschaften auf dem »Freiblick« seien. Der Freiblick, belehrte mich Schlagododro, sei ein Platz im Park, so geheißen, weil man von demselben, da er hart am Ufer liege, vielmehr einen etwas erhöhten Vorsprung des Ufers bilde, einen freien Blick die Bucht hinab und auf die gegenüber liegende Küste habe. Schade, daß die Sonne schon unter sei, und wir nur noch einen Rest von dem Abendlicht auf dem Wasser bekommen würden!

Ein Rest von dem Abendlicht dämmerte aber auch noch rötlich in den hohen Parkbäumen, unter denen wir jetzt rasch dahinschritten, immer in der Nähe des Schlosses, das mir schier endlos in seiner Ausdehnung vorkam, ebenso wie der Park sich endlos nach der andern Seite und vor uns zu strecken schien.

Es ist nicht so schlimm, sagte Schlagododro, und bis zum »Freiblick« sind es von der Seitenthür, aus der wir gekommen sind, nur genau dreihundert Schritt. Aber wir können hier ein Ende abschneiden.

Er klinkte ein Pförtchen in einem Drahtgitter auf zu einem Gemüse- und Obstgarten an der langen fensterlosen Rückwand eines Gebäudes, welches allerdings noch mit dem Schlosse zusammenhing, aber bereits zu Wirtschaftszwecken diente. Während mir der Freund das demonstrierte, bemerkte ich, dessen verwunderte Blicke überall umherwanderten, durch das dichte Blätterwerk an Stangen aufwärtsrankender Himbeerstauden helle Frauenkleider, auf die ich Schlagododro aufmerksam machte.

Es war nicht eben laut gewesen, aber die Mädchen mußten es doch gehört haben, denn das eine der hellen Kleider flatterte plötzlich tiefer in die Büsche, hinter denen es verschwand, während das andere, welches das erste vergeblich zu halten versucht zu haben schien, deutlicher durch die Blätter schimmerte und jetzt heraustrat. Es war Maria, und ich atmete erleichtert bei ihrem Anblick auf, wie ein verzagender Schwimmer, wenn er plötzlich Boden unter den Füßen fühlt. Ich ging ihr lebhaft entgegen und murmelte, ihr die Hand pressend, nur ein dumpfes: Gott sei Dank! so leidenschaftlich, daß sie mich verwundert fragte: Was haben Sie?

Ich konnte ihr glücklicherweise die Antwort schuldig bleiben, Schlagododro war nun auch herangekommen; ich mußte die beiden, die sich einander nie gesehen hatten, vorstellen. Der Himmel weiß, wie ungeschickt ich das angefangen haben mochte, denn Schlagododro verbiß sich nur mühsam das Lachen, und selbst in Marias Oberlippe zuckte es. So stand ich ärgerlich und beschämt dabei, während sie mit einer Gewandtheit, um die ich sie beneidete, allerhand höfliche Redensarten austauschten, die mir sehr banal und gerade dieser beiden unwürdig vorkamen. Hatte ich mir doch die Begegnung so ganz anders gedacht: so viel gehaltener auf Marias, so viel enthusiastischer auf Schlagododros Seite! Denn daß er von Maria einen sehr bedeutenden Eindruck auf der Stelle erhalten und denselben kundgeben müsse, stand bei mir fest als Aequivalent der Verzückung, in die ich, nach seiner Voraussage, geraten würde, sobald ich Ellinor erblickte. Ich schwor es mir jetzt in meiner gekränkten Seele zu, ich würde nicht in Verzückung geraten, und wenn sie, die sich da noch immer zwischen den Büschen versteckt hielt, tausendmal schöner als schön sei.

Ellinor! rief Maria.

Sie wird fort sein, sagte Schlagododro.

Bewahre, sagte Maria, – Ellinor!

Hier bin ich! rief eine Stimme nach einer kleinen Pause zurück.

Etwas Sonderbares geschah in meiner Seele, das mir noch heute wie ein schauerlich schönes Wunder erscheint.

Es war um uns, die wir nach Marias zweitem Rufen lauschend dastanden, eine völlige Stille gewesen – kein leisester Vogellaut in den Bäumen, kein heimlichstes Lispeln in den regungslosen Büschen, – und als nun die Antwort kam, da – ich kann es nicht anders ausdrücken – war es mir, als hätte die Stille selbst – das atemlose Schweigen ringsherum – gesprochen. So voll und weich und geheimnisvoll war der Klang: hier bin ich! – ich, das Geheimnis, das für Dich über diesem Orte, über dieser Stunde ruht!

Und während ich, von solchen Schauern durchbebt, mit weitgeöffneten Augen auf die Büsche starrte, thaten sie sich auseinander, und ein Mädchen trat heraus und kam leichten Schrittes auf uns zu. Wenn sie, statt zu schreiten, auf dem Hauch, der plötzlich über meine brennenden Wangen strich, herangeschwebt wäre – ich würde es zweifellos nur in der Ordnung gefunden haben. Ja, das war sie, die mir Schlagododro geschildert hatte: mit dem Haar, welches rötlich, wie der Abendschein, in herrlichen Locken nach allen Seiten den reizenden Kopf umgab und doch wieder wegstrebte, als zausten an jedem einzelnen unsichtbare Elfenhändchen; mit den braunen, von den langen dunklen Wimpern halb überschleierten Sammetaugen und dem süßreizenden Lächeln um die köstlich geschwungenen Purpurlippen. Und doch war sie es wieder nicht – etwas, das nicht hatte geschildert werden können und sich auch nicht schildern und nicht fassen ließ.

Da war es denn ein Glück für den Fassungslosen, daß, als eben Schlagododro meinen Namen genannt, und ich irgend einen kläglichen Unsinn zur Erwiderung auf die anmutige Neigung von Ellinors schönem Haupt gestammelt hatte, etwas geschah, das die Aufmerksamkeit völlig von mir ablenkte. Ein überschlanker junger Mann mit einem runden Hütchen auf dem blonden Kopf, in einem dunklen Jackett und sehr hellen Inexpressiblen war, ich weiß nicht woher, plötzlich jenseits des Drahtgatters aufgetaucht, welches den Platz umfriedigte, und über das er sich jetzt zu schwingen versuchte, indem er sich mit der linken Hand auf einen der Holzpfähle des Gatters stützte. Er machte zwei vergebliche Ansätze; beim dritten kam er wohl herüber, aber nicht so elegant, wie es wohl seine Absicht war. Sein linker Fuß war gegen den obersten Draht geschlagen, oder er war, schon diesseits, beim Ansprung auf ein Hindernis gestoßen – er taumelte vornüber, versuchte sich, krampfhaft mit den Armen in die Lüfte fuchtelnd, zu halten, verlor immer mehr das Gleichgewicht und fiel der Länge lang in den Weg, auf dem wir standen, unmittelbar vor den jungen Damen, die erschrocken zurückprallten, während Schlagododro und ich hinzusprangen, ihm aufzuhelfen. Doch bedurfte es dessen nicht. Schon stand er wieder auf seinen Beinen, – die, wie ich jetzt bemerkte, von beträchtlicher Länge waren, – und begann, sich mit einem seidenen Taschentuche, das er aus der Brusttasche seines Jacketts gerissen, abzustäuben, indem er dabei wütende Blicke auf uns warf, als ob wir an dem kleinen Malheur schuld wären.

Ich kann wirklich nichts dafür; sagte Schlagododro, der sich ein für allemal eine Impertinenz nicht gefallen ließ, am wenigsten von jemand, den er noch vor zehn Minuten totschlagen zu wollen erklärt hatte. – Ein andermal kommen Sie hübsch durch die Pforte; sie war nur zwanzig Schritte davon.

Danke Ihnen verbindlichst, sagte der junge Mann in ärgerlich schnarrendem Ton; kam übrigens nur, um den Damen mitzuteilen, daß sie vermißt werden.

Er hatte sich zu den Mädchen gewandt, die jetzt Arm in Arm standen und nach irgend etwas in den höchsten Wipfeln der Parkbäume zu sehen schienen, das sie sehr interessieren und sehr komisch sein mußte, denn Ellinor drückte sich das Taschentuch vor den Mund, und Marias Oberlippe zuckte, als sie, ohne die Augen von dem betreffenden Etwas abzuwenden, mit feierlichem Ernst sagte:

Wir waren im Begriff zurückzukehren.

Inzwischen erlauben Sie mir, lieber Blewitz, Ihnen meinen lieben Freund Lothar Lorenz vorzustellen, sagte Schlagododro.

Sehr erfreut! schnarrte der junge Mann, ohne die Augen von seinem kleinen runden Hut zu erheben, an dem er noch immer stäubte. – Ich war der Meinung, daß Schlagododros Drohung völlig gerechtfertigt sei, und daß, wenn es zur Ausführung einer Hilfe bedürfe (was übrigens entschieden nicht der Fall war), ich ihm dieselbe mit ganz besonderer Freude gewähren würde.

Und nun können wir ja wohl gehen, sagte Schlagododro.

Wir gingen, die beiden Mädchen voran, Arm in Arm, eifrig leise sprechend, wir drei hinterher, ohne ein Wort zu wechseln. Das Schweigen drückte mich nicht. Ich dachte nicht mehr an das komische Intermezzo von vorhin, ich sah meine Begleiter zur Rechten und Linken nicht deutlicher, als ob sie Schemen gewesen wären – ich war in den Anblick des jungen Mädchens, das da wenige Schritte vor mir ging, völlig versunken, als wäre es ein magischer Stern, dem ich nur immer so zu folgen hätte, nur immer folgen möchte, es sei auch wohin es sei.

Für diesmal war es nach dem »Freiblick«, zu dem wir plötzlich gelangten, ohne daß ich zu sagen gewußt hätte, wie wir dahingekommen: ein mäßig großer, altanartiger, von hohen Bäumen überschatteter Platz, dessen Seite nach dem Meere zu von einer Steinbalustrade geschützt war. Die Gesellschaft hatte eben aufbrechen wollen, blieb nun aber unserthalben. Schlagododro begrüßte der Reihe nach seine Mutter und die Gäste, und ich begriff jetzt, wie er, der sich von frühester Jugend auf in einem so großen Kreise bewegt hatte, zu seiner Sicherheit und Unbefangenheit gekommen war. Während er sich mit den Herren unterhielt, hatte mich seine Mama in Beschlag genommen, eine mäßig korpulente Dame, deren noch immer schönes weißes runzelloses Gesicht einen wohlwollenden, aber etwas indolenten Ausdruck zeigte, und von der Schlagododro seine Redseligkeit zu haben schien, nur daß seine Rede stets wie ein Bach vom Gebirge dahergerauscht kam, und die der Mama so glatt und ebenmäßig war wie ihr Gesicht, oder die Spiegelfläche des Wassers, welches sich vor uns nach dem im letzten Abendgold verklärten Westen breitete. Ich hatte ein langes Examen zu bestehen, welches für mich, da es sich wesentlich um meine Familienverhältnisse, um meine Bildung im allgemeinen und die religiöse im speziellen handelte, ziemlich peinlich gewesen wäre, nur daß die Dame eine Antwort auf eine Frage selten abzuwarten pflegte, sondern, als hätte sie eine solche erhalten, in immer demselben ebenmäßigen Tone weiter sprach. Indessen schien der Ausfall der Prüfung kein mir ungünstiger gewesen zu sein, wenigstens hörte ich, als Schlagododro zu meiner Befreiung kam, wie die Dame zu einer andern langen, dürren, blonden, die fortwährend höflich lächelnd, aber ohne ein Wort hineinzusprechen, dabeigestanden hatte (Fräulein Drechsler, Ellinors Gouvernante vermutete ich) sagte: Ein angenehmer junger Mann, aber die Aehnlichkeit finde ich nicht so erstaunlich. – Schlagododro hatte mich aber geholt, um mich mit den anderen Gästen bekannt zu machen: dem Oberförster von Candlin, einem melancholisch blickenden Herrn mit einem langen grauen Schnurrbart in grünem, bis oben zugeknöpftem Uniformrocke; und nun einem andern, der in einem, dicht an die Balustrade herangeschobenen Krankenwägelchen saß, und von dem ich bis jetzt nur den langen, schmalen, gekrümmten Rücken und den breiten Schlapphut gesehen hatte. Jetzt, als Schlagododro mit mir zu ihm trat, hob er den Kopf, und ich blickte in ein bartloses, verwüstetes, in tausend Falten und Fältchen zerknittertes Gesicht, welches mir im ersten Moment uralt erschien, bis ich ihm in die Augen sehen konnte, die gar nicht alt waren, sondern einen sehr lebhaften, aber kalten, stechenden Blick hatten, der jetzt in einer für mich unbehaglich prüfenden Weise starr auf mich gerichtet war. Er mochte merken, wie mich das genierte, denn er strich sich mit einer langfingrigen, durchsichtig weißen Hand über das zerknitterte Gesicht, das darauf plötzlich um zwanzig Jahre jünger erschien, gerade als ob er eine Maske abgenommen hätte.

Nun, sagte er lächelnd, da hätten wir also den klugen Pylades zu unserm Tollkopf von Orest. Mit euch beiden wollte ich schon Ehre einlegen, und Fräulein von Werin ist die geborene Iphigenie. Den Thoas übernehme ich: Thoas im Rollwagen, das ist eine feine Nuance, die durchschlagen muß. Was meinen Sie, Weißfisch?

Diese letzten Worte waren an einen Mann gerichtet, der, ich weiß nicht woher, – vielleicht hinter dem dicken Stamm der nächsten Platane hervor – an den Wagen zu seinem Herrn getreten war. Ich schloß aber auf das dienerliche Verhältnis des Mannes aus dem Ton, in welchem ihn der Kammerherr angesprochen, nicht aus seiner Haltung, Miene oder Kleidung, wonach ich ihn wohl zu einem Mitglied der Gesellschaft hätte zählen müssen. Auch er war bartlos, wie sein Herr, und seine Augen, obgleich sie sehr hell und die jenes sehr dunkel waren, hatten denselben stechenden Blick, der eben jetzt, gerade wie vorhin der des Kammerherrn, prüfend auf mich gerichtet blieb, auch, als er auf die Frage jenes mit respektvollem Ernst sagte:

Gewiß, Herr Kammerherr, das würde von einer zweifellos großen Wirkung sein. Man würde auch dann besser begreifen, weshalb Arkas vergeblich für den König plaidiert.

Werden Sie nicht impertinent, Weißfisch! sagte der Kammerherr, mit dem langen Zeigefinger drohend.

Ich spreche nur von der Bühnenwirkung, erwiderte der Mann, sich höflich verbeugend; im Leben kann sich die Sache ja ganz anders verhalten.

Na, sagte der Kammerherr, dann schieben Sie mich nur wieder ins Haus, damit ich mich nicht hier zum letztenmale im Leben erkälte! Die andern sind schon voraus; vielleicht leisten mir die jungen Herren Gesellschaft.

Weißfisch hatte sich hinter das Wägelchen gestellt, das er nun mit dem lahmen Herrn vor sich herschob, während wir diesem, wie er gewünscht, zur Seite blieben. Doch wurde die Unterhaltung wesentlich oder völlig von dem Herrn und dem Diener geführt, wobei es sich denn ausschließlich um theatralische Dinge handelte, speziell um eine Aufführung der Iphigenie an jener kleinen Hofbühne zur Zeit der Intendanz des Kammerherrn. Es war viel von einer Schauspielerin die Rede, die, eigentlich Sängerin, auf den Wunsch des Fürsten einmal die Titelrolle des Stückes übernommen und nach der Aussage des Kammerherrn ganz wunderbar gespielt hatte, während Weißfisch nicht dieser Ansicht war. Die Dame habe nicht die Iphigenie, sondern sich selbst gespielt, was keine große Kunst und überhaupt keine Kunst sei zumal bei der Schönheit der Dame und der großen Gunst, in welcher sie bei Hofe und beim Publikum gestanden. Wie könne man Goethesche Verse sprechen, wenn man »englisch lisple«? Damit könne man eine leidliche Sängerin sein, wie die Dame es ja in der That gewesen, aber leidliche Sängerin und unleidliche Schauspielerin – das sei doch, wie der Kammerherr wisse, eine landläufige Erfahrung.

Das Ende vom Liede ist, daß Sie Miß Wilson mit Ihrem Haß beehrten und, wie ich merke, noch beehren, wozu Sie ja auch Ihre begründete Ursache haben, sagte der Kammerherr.

Der Herr Kammerherr sind sicher, daß dabei keine Personenverwechselung stattfindet? gab Weißfisch zurück.

Sie werden schon wieder impertinent; sagte der Kammerherr.

Ich mußte darin dem Kammerherrn recht geben, wenn er mir auch in dem Streit selbst den kürzeren gezogen zu haben schien. Ich hatte mit großer Aufmerksamkeit zugehört und mich im stillen über das sonderbare Verhältnis zwischen Herrn und Diener höchlichst verwundert. Schon daß ein Diener über dergleichen Dinge so reden konnte, war mir erstaunlich, auch dann noch, als Schlagododro einen Augenblick wahrgenommen hatte, um mir zuzuflüstern, daß der Mann viele Jahre Theaterfriseur und zuletzt die rechte Hand des Intendanten gewesen sei. Wie kam der Friseur zu dem, was mir wenigstens als das feinste Kunstverständnis erschien? Wie aber kam er vor allem dazu, in diesem Tone mit seinem Herrn sprechen zu dürfen, nachdem ich vorhin gehört, mit welcher Strenge der gutmütige Schlagododro einen Mangel an Respekt, oder was er dafür zu halten beliebte, an seinem Diener zurückgewiesen? Und des Kammerherrn Gutmütigkeit traute ich nicht allzuweit. Hatten Herr und Diener zu viel zusammen durchgemacht, was den Standesunterschied zwischen beiden verwischt hatte? Machte es dem Kammerherrn einfach Spaß, seinen Witz an dem Manne zu üben, auf die Gefahr hin, daß die Sache, wie eben, die umgekehrte Wendung nahm, so daß Weißfisch außer seiner Kammerdienerrolle auch noch die des Haus- und Hofnarren bei dem gnädigen Herrn spielte?

Dieser Erklärung gab ich zuletzt den Vorzug, und noch derselbe Abend sollte mir den Beweis liefern, daß der Mann zum Haus- und Hofnarren im Sinne der guten alten Zeiten, von denen der Narr im Lear ein Wörtchen zu sagen weiß, mindestens ein ausgiebiges Talent besaß, um welches ihn meiner Meinung nach der größte Bühnenkünstler beneiden mußte.

Das Talent nämlich, jeden beliebigen bedeutenden Schauspieler – und er schien sie alle gesehen zu haben – in Haltung, Miene, Stimme, Vortragsweise nachzuahmen – bis zur positiven Täuschung, wie der Herr Kammerherr und Herr von Vogtriz, der häufig nach Berlin kam und ebenfalls ein großer Theaterfreund war, versicherten.

Er hatte aber seine Künste nach der Abendtafel zu produzieren, während die Gesellschaft, wie bei einem wirklichen Schauspiel, auf rangierten Stühlen das Parkett bildete. Trotzdem die Vorstellung über eine halbe Stunde währte, schien das Programm des Mannes auch nicht annähernd erschöpft zu sein, und dabei sei er, wie der Kammerherr, nachdem er endlich wieder abgetreten, behauptete, auf der Bühne völlig unbrauchbar, was durch wiederholte Versuche auf dem fürstlichen Theater, für die sich Se. Hoheit selbst aufs lebhafteste interessiert, unumstößlich festgestellt sei. Auch nicht die kleinste, unbedeutendste Rolle sei er auf der Bühne durchzuführen imstande, nicht einmal im Fach der Intrigue, in welchem er doch im wirklichen Leben exzelliere.

Die Leistung des Herrn Weißfisch war die letzte Nummer im Programm dieses Abends gewesen. Gleich darauf löste sich die Gesellschaft auf; der Oberförster und Herr von Blewitz verabschiedeten sich; die Hausgenossen zogen sich in die Schlafgemächer zurück. Schlagododro war totmüde und schlief sofort ein; ich lag noch lange wach im Bett. Die fremde Umgebung, das viele Sonderbare, das ich im Laufe des Abends beobachtet hatte, die neuen Gesichter – das alles wirrte in buntem Durcheinander vor meinem inneren Auge. Zwar wollte ein Gesicht sich immer vor die anderen drängen, und eine Stimme aus den übrigen hervorklingen; aber ich duldete es nicht. Ich war um Marias willen gekommen, und Maria sollte den ersten Platz in meinem Herzen behalten. Mochten sie alle, wie sie es ja augenscheinlich thaten, vor der schönen Ellinor anbeten – ich würde mich schämen, nichts Besseres zu sein, als einer jener Romanhelden, deren unentrinnbares Schicksal es ist, Demokraten und Freiheitsschwärmer wie sie sind, sich in die erste schöne Aristokratentochter, die ihnen über den Weg läuft, zu verlieben. Nimmermehr! und sollte ich wirklich das Unglück haben, – wer kann für Unglück stehen, und gerade diese Sorte pflegte ja bei mir besonders schnell zu schreiten! – nun wohl, so mochte mein gequältes Herz brechen, aber meine stolzen Kniee würden sich niemals beugen – niemals, niemals!

Und mit diesem tugendhaften Vorsatz schlief ich ein.

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