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Was will das werden? Erster Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Erster Theil - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Erster Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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Drittes Buch.

I.

Ein leichter Holsteiner Wagen mit zwei kräftigen Braunen, auf dem Vorderplatz ein junger Kutscher (für gewöhnlich Knecht, und nur heute durch einen Livreerock zum Kutscher gemacht), auf dem Rücksitz zwei junge Bursche, welche die Schule hinter sich und die endlosen Ferien vor sich haben, und von denen ich der eine bin und Schlagododro der andre ist; ein glatter Sommerweg, auf dem das Wägelchen zwischen unabsehbaren Kornbreiten so rasch dahinrollt, daß wir die brütende Hitze kaum verspüren würden, auch wenn wir vor allem eifrigen Reden Zeit darauf zu achten hätten – das war die Situation, in welcher uns der Spätnachmittag des folgenden Tages fand. Eine Situation, die Schlagododro durchaus vertraut war, eine völlig neue für mich. Er wollte es noch immer nicht glauben, was ich ihm schon wiederholt versichert, daß ich seine Heimatinsel noch nie zuvor mit einem Fuße betreten hatte.

Sie hat Dir doch, solange Du lebst, vor der Nase gelegen; rief er.

Vielleicht gerade deshalb; erwiderte ich. Als ich ein kleiner Junge war und sie immer vor Augen hatte, und mein heißester Wunsch, einmal hinüberzukommen, fand ich niemand, der mir mein Verlangen gestillt hätte, das ich vielleicht auch nicht einmal ausgesprochen habe. Später, als ich auf eignen Füßen stand, und ich jeden Tag hätte herüber segeln und rudern, oder Schlittschuhlaufen, allenfalls schwimmen können, wollte ich es nicht mehr. Die Insel war mir ein Traum geworden, den ich mir nicht zerstören mochte, mein Separat-Königreich, in welchem ich mir tausend Schlösser baute – eines schöner und stolzer, als das andere. Siehst Du nun ein einziges von meinen tausend Schlössern?

Nein, wahrhaftig nicht! rief Schlagododro, die großen blauen Augen rollend.

Ich auch nicht! Und das ist es ja eben. Ich wußte, daß sie sich in blaue Luft auflösen würden, sobald ich herüberkam. Und daran bist Du schuld.

Meinetwegen! rief Schlagododro lachend. Du konntest doch nicht ewig träumen, obgleich Du wirklich eine erstaunliche Anlage dazu hast. Tausend Schlösser! potztausend! Wir haben auf der ganzen Insel, soweit ich sie kenne, – und ich glaube, ich kenne sie so ziemlich von einem Ende bis zum andern – überhaupt nur fünf Schlösser, was man so nennen kann. Das sind, außer den zwei vom Fürsten, Grenwitz, Prohnitz und unser Nonnendorf, das freilich erst nachträglich aus einem Kloster zu einem Schloß umgebaut ist. Die andern sind eben Herrenhäuser, bestenfalls, und meistens ganz gewöhnliche Pächterwohnungen, manchmal noch mit Strohdächern bis auf den heutigen Tag, wie zum Beispiel gleich da links Voigtehagen, auf dem ein Herr von Kalden wohnt, oder da rechts an dem Wald – Du siehst nur eben noch den Giebel und das Viehhaus – Bernewitz – es ist dreihundert Jahre im Besitz der Bernewitz gewesen – jetzt hat's ein Herr – wie heißt der Kerl doch –

Krause, sagte der jugendliche Kutscher, ohne sich umzuwenden.

Richtig: Krause! Und da noch weiter rechts – Schlagododro wußte wirklich in meinem Königreich Bescheid, wie »in seiner Tasche«; und wenn ihm ja einmal der Name von einem Gut oder Gutsherrn nicht gleich kommen wollte, so half Jochen vom Bock sofort ein. Ich machte ihm über seine Allwissenheit ein ironisches Kompliment, das doch nicht ohne einen Beigeschmack von Neid war. Ja, wahrhaftig: ihm und seinesgleichen gehörte die Erde; wir andern waren nichts als hauslose Wanderer, die der Besitzer achtlos oder mißtrauisch an sich vorüberziehen sieht, oder, wenn er besonders gutmütig oder gut aufgelegt ist, hereinkommen heißt, damit sie eine Stunde rasten.

Schlagododro gab dieser meiner Empfindung in seiner Weise Ausdruck, indem er lachend sagte: Du bist und bleibst eben ein Phantast. Ich bin keiner, und das wäre auch schlimm für mich, der ich als Junge Oekonom werden wollte, und heute, nachdem ich eingesehen habe, daß es mir dazu am Besten fehlt – woran es den Vogtriz, wie Du weißt, mit seltenen Ausnahmen immer gefehlt hat – wenigstens National-Oekonom werden will. – Jochen, waren die Herrschaften schon angekommen, als Du wegfuhrst?

Ja, jung' Herr: der Herr Major und das gnädige Fräulein von dem Herrn Major und noch ein anderes Fräulein aus der Stadt und die Verzieherin von dem gnädigen Fräulein.

Von der habe ich ja noch gar nichts gehört, sagte ich; wer ist denn die?

O, sagte Schlagododro, die ist famos. An der wirst Du Deine helle Freude haben. Sie heißt Fräulein Drechsler und macht ihrem Namen Ehre. Weiter sage ich aber nichts.

Und nun – wären wir sonst junge Leute gewesen! – da die Rede einmal auf »die Damen« gekommen war, blieben wir vorläufig bei diesem Lieblingsthema, das aber der großen roten Ohren willen, die Jochen unter seiner Livreemütze wie zwei Flamingoflügel seitwärts starrten, in halblautem Ton und oft flüsternd geführt wurde. Ich erfuhr von Schlagododro zum andernmale, daß seine Cousine Ellinor das schönste Mädchen der Welt sei, und daß er sie »bis zum Wahnsinn« liebe. Wenn ich ihm das nicht aufs Wort glauben wolle, so würde mir sicher der Beweis genügen, daß er wiederholt versucht habe, ein Gedicht an sie zu machen. Immer dasselbe. Dennoch sei er nicht über den ersten Vers hinausgekommen, und auch der stehe noch nicht fest. Er heiße entweder: »Geliebte Ellinor, von ganzem Herzen,« oder »Von ganzem Herz', geliebte Ellinor,« – aber im ersten Falle fände er auf Herzen als Reim nur Schmerzen, und das sei doch zu verbraucht; im zweiten fände er gar keinen. Es sei zum Verzweifeln. Wie ich mich aus der Affaire ziehen würde?

Ich würde beide Anfänge aufgeben und dafür einen dritten neuen nehmen, sagte ich.

Ja, Du! rief Schlagododro wütend; Du hast gut reden, Du schüttelst dergleichen nur so aus den Aermeln. Ich möchte den Packen Gedichte sehen, den Du schon auf Fräulein Maria gemacht hast.

Noch nicht ein einziges, auf Ehre! versicherte ich.

Er sah mich mit verwundert rollenden Augen an: Wie ist das möglich? liebst Du sie denn nicht?

Wenigstens nicht »bis zum Wahnsinn«, erwiderte ich ausweichend.

Dann liebst Du sie nicht; dozierte Schlagododro; man liebt entweder bis zum Wahnsinn, oder man liebt gar nicht. Aber nun verstehe ich wieder nicht –

Schlagododro brach jäh ab. Ich wußte, was er hatte sagen wollen: warum ich dann so viel bei Werins verkehre? Er hatte es mir gegenüber nie ausgesprochen und verschwieg es auch jetzt: er hielt es für unmöglich, daß ich ihn um Adalberts willen aufgegeben habe, eines Menschen willen, der ihm im tiefsten Grund der Seele zuwider war, von dem er gegen andere erklärt hatte, daß er ihn überhaupt gar nicht für einen richtigen Menschen halte, sondern für einen aus Hochmut, Herzlosigkeit und Fanatismus zusammengebrauten Homunkulus, von dem er sich gar nicht wundern würde, wenn er sich eines schönen Tages in seine Bestandteile auflöse und spurlos verschwände; notabene nicht, bevor er in der Welt ein gründliches Unheil angerichtet.

So waren wir denn, bei diesem dunklen Punkt unsrer Freundschaft angelangt, in Schweigen versunken, während wir weiter durch die immer lieblicher werdende Landschaft rollten, über welcher sich die Sonne bereits zu ihrem Untergange neigte. Vor uns und unter uns, die wir von einer sanften Anhöhe herabkamen, blinkte im rötlichen Licht eine tief einschneidende Bucht des Meeres auf, das wir während unsrer ganzen Fahrt nicht wieder gesehen hatten. Links am Ufer ragten aus prächtigen Busch- und Baummassen Giebel und Dächer.

Das ist Nonnendorf, sagte Schlagododro. Gefällt es Dir?

Was ich bis jetzt davon sehe –

Ist nicht viel, unterbrach er mich lachend; freilich; aber, ich denke, es wird Dir schon gefallen.

Ich nickte; aber nicht mit innerlicher Zustimmung. Im Gegenteil: das Herz war mir seltsam beklommen, als ob da hinter die dunklen Baummassen das Geheimnis sich zurückgezogen habe, welches mir früher die ganze Insel war. Und nun da verschleiert sitze. Und daß es klüger von mir gewesen wäre, hätte ich mich nie in die Lage verlocken lassen, an diesen Schleier rühren zu dürfen. Aber auch diese Reue kam zu spät. Schlagododro würde doch sehr verwundert die Augen gerollt haben, wenn ich da plötzlich aus dem Wagen gesprungen und in die Felder gelaufen wäre. Und nun waren es auch schon nicht mehr Felder, sondern glatte, mit dunklem Buschwerk betupfte Wiesen, oder waren es Parkanlagen? und dann eine Allee mächtiger Linden, die in vollster Blüte prangten, und da hielten wir vor dem Schloß.

Zwei Herren, an denen wir auf dem Hof vorübergefahren sein mußten, ohne sie zu sehen, kamen jetzt eilends heran: die beiden Brüder Vogtriz: Schlagododros Vater und der Major. Ich würde sie freilich nie für Brüder gehalten haben, so völlig unähnlich waren sie einander. Herr von Vogtriz, Schlagododros echter Vater, von hohem, schier riesenhaftem Wuchs, quadratischen Schultern und mächtigen Gliedern, die er wie der Sohn schlenkerte; von diesem auf den ersten Blick nur unterschieden durch einen gewaltigen blondrötlichen Bart, der sich unten zu einem breiten Keil abstumpfte, und gegen den Schlagododro nur einen gelblichweißlichen Flaum ins Feld führen konnte, der seine Oberlippe seit einiger Zeit zierte, und den er euphemistisch seinen Schnurrbart nannte, wofür ihm denn glücklicherweise gänzlich die Krähenfüße fehlten, welche die Augen seines Vaters an den äußeren Ecken reichlich umgaben. Dagegen der Major, wie ich ihn zu schildern versucht habe, nur um ein weniges weniger hoch wie sein riesenhafter Bruder, aber mit seiner schlanken Gestalt viel kleiner erscheinend, von schönster Haltung und anmutiger Bewegung, dunkel von Haar und Bart und Augen, und mir jetzt im Zivil (das durchaus nicht »räubermäßig« war) fast noch sympathischer, als in der exklusiven Uniform.

Die Begrüßung zwischen Vater und Sohn war sehr herzlich, was mich denn sofort günstig für den Vater stimmte, ein erfreulicher Eindruck, der noch verstärkt wurde, als er mich, bevor Schlagododro Zeit hatte, mich vorzustellen, bei der Hand ergriff und dieselbe in einer Weise schüttelte, auf welche ich zu meinem Glück durch Schlagododros identische Begrüßungen vorbereitet war. Dabei hieß er mich mit ein paar herzlichen Worten (die er à la Schlagododro hervorsprudelte) willkommen: er habe schon viel Gutes über mich von Ulrich gehört.

Auch von mir, sagte der Major lächelnd und mir ebenfalls die Hand reichend, wobei er mir wieder mit demselben wohlwollenden, aber seltsam prüfenden Blick auf Stirn und Augen sah, wie neulich abends bei Werins.

Und nun macht, Ihr jungen Herren, daß Ihr hinein kommt! rief Herr von Vogtriz, und laßt Euch ein Butterbrot und ein Glas Wein geben, daß Ihr mir nicht bis zum Abendessen verhungert. Und hernach kommt in den Garten, wo, glaube ich, die ganze Gesellschaft ist.

Habt Ihr denn Gesellschaft, Papa? fragte Schlagododro.

Außer uns, zu denen ich natürlich auch die jungen Damen rechne, nur noch ein paar Herren: den Oberförster und Axel Blewitz und den Kammerherrn.

Herrn von Trechow?

Nun natürlich. Glaubte, die Mama habe es Dir geschrieben. Bleibt ein paar Wochen hier. Freut sich sehr auf Dich – der arme Kerl! Aber nun, marsch!

Er trieb uns in den Flur, wo ein Diener bereits mit unsern Sachen auf uns wartete, um uns eine breite vornehme Treppe hinauf über einen oberen stattlichen, mit großen dunklen Bildern ausgeschmückten Flur durch einen schmalen Korridor in einen Seitenflügel, wie mir schien, zu führen, wo er uns ein schönes, luftiges Gemach öffnete, vor dessen offenen Fenstern hohe Bäume ragten, und an das ein zweites kleineres stieß, in welchem unsre Betten standen.

Ob der junge Herr sonst noch etwas befehle?

Ich denke, wir sind hier zwei; sagte Schlagododro streng.

Die jungen Herren; verbesserte sich der Diener.

Sie können in Zukunft auch die »jungen« weglassen; sagte Schlagododro. Merken Sie sich das!

Der Mann verbeugte sich und verließ das Zimmer, da die »Herren«, wie sich herausstellte, sonst nichts zu befehlen hatten.

Es ist ein neuer, sagte Schlagododro, sich den Rock ausziehend; man braucht es mit den alten nicht so genau zu nehmen; aber die neuen Kerls muß man gleich von vornherein Mores lehren; hernach ist es zu spät.

Ich lachte, aber innerlich war mir gar nicht zum Lachen. Durfte man so mit jemand umgehen, der ein Mensch war wie wir? Und war dies mein Freund Schlagododro, der Republikaner, den die Seinen wegen seiner Freidenkerei »auf dem Strich« hatten? wie mochten dann die andern sein? wie mochten dann die andern denken?

Schlagododro hatte glücklicherweise keine Ahnung von meinen geheimen Skrupeln. Während wir uns wuschen und unsre verstaubten Kleider wechselten, pfiff er behaglich, oder sang: »Freiheit, die ich meine« – in möglichst falschen Tönen, um sich plötzlich mit seinem ärgerlich hervorgestoßenen Lieblingswort: den Kerl schlage ich aber doch noch einmal tot! zu unterbrechen. Ich glaubte, die Drohung gelte dem »Neuen«, erfuhr aber, daß Axel von Blewitz gemeint sei, den Schlagododro, der eben am Fenster stand, durch den Garten hatte gehen sehen. Der Kerl, der übrigens eine Art Vetter von ihm sei, sein Gut ganz in der Nachbarschaft habe, auch oft in die Stadt komme, mache neuerdings Ellinor auf schauderhafte Weise den Hof und sei dabei ein solcher Esel und kompletter Narr, daß er, wenn je ein Mensch, totgeschlagen zu werden verdiene. Dagegen glaube er mich auf den Kammerherrn aufmerksam machen zu müssen, früher ebenfalls in der Nachbarschaft begütert, bis er den letzten Heller verspielt und sonst verthan, um dann an einem kleinen mitteldeutschen Hofe Theaterintendant und Kammerherr zu werden, bis er später eine unerwartete Erbschaft machte, von der er jetzt behaglich in Berlin lebe und von Zeit zu Zeit – wie eben jetzt – seine alten Freunde und Nachbarn auf der Insel besuche. Ein famoser alter Bursche, ebenso amüsant, wie der Kerl von Blewitz langweilig, nur ein bißchen schlecht auf den Füßen, so daß er ohne seinen Kammerdiener – Weißfisch – übrigens auch ein Original – nicht wohl von der Stelle könne. Es sei nun aber die höchste Zeit, daß auch wir von der Stelle kämen!

Ich war bereit, was den äußeren Menschen betrifft. Innerlich war ich es keineswegs. Es kam mir wie eine grenzenlose Thorheit vor, daß ich diese Einladung angenommen hatte, und selbst der Trost, daß ich Maria nun wiedersehen sollte, wollte nicht recht verfangen. Was hatten wir beide hier zu thun?

Nun? sagte Schlagododro, bereits in der Thür.

Ich komme, erwiderte ich.

Bei mir aber sagte ich: und morgen gehe ich wieder.

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