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Was will das werden? Erster Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Erster Theil - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Erster Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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X.

So schien denn diese Wetterwolke, ohne größeren Schaden angerichtet zu haben, vorübergezogen zu sein, und auch sonst schickte sich alles nach Wunsch. Schlagododro hatte kaum erfahren, daß »der Schein, auf dem er bestand«, von mir eingelöst werden würde (woran er in letzter Zeit doch manchmal gezweifelt haben mochte,) als er seine ganze sonnige Gutmütigkeit und Liebenswürdigkeit gegen mich hervorkehrte, wie wenn unsere Freundschaft nie ein Hauch getrübt hätte. Ellinor von Vogtriz hatte den versprochenen Besuch bei Maria sogleich am folgenden Tage gemacht und alles mit ihr verabredet. Ich hatte die junge Dame auch diesmal nicht gesehen, wie ich sie denn auch vorher wissentlich nie gesehen hatte – begreiflicherweise, da wir uns in so völlig verschiedenen Kreisen bewegten, falls dieser Ausdruck überhaupt auf mich angewendet werden konnte. Maria, die sonst so gelassene, war wieder so voll des Lobes der Schönheit und Liebenswürdigkeit ihrer »Freundin« – ein Ausdruck, welchen sie geflissentlich mehrmals gebrauchte – daß ich jetzt definitiv beschloß, dieselbe weder schön, noch liebenswürdig zu finden. Ueberhaupt trug ich für die ganze Angelegenheit eine Gleichgültigkeit zur Schau, die ich innerlich keineswegs empfand. Begreiflich genug. War es doch das erste Mal, daß ich mich auf längere Zeit aus den gewohnten Verhältnissen entfernen, in völlig andere treten, mich unter fremden Leuten bewegen sollte in einem vornehmen, reichen Hause, ich, der ich nie den Fuß in ein solches gesetzt hatte und mir von demselben Vorstellungen machte, die zu meiner wachsenden Unruhe mit jedem Tage ungeheuerlichere Dimensionen annahmen. Und diese Unruhe wurde gewiß durch den Gedanken nicht beschwichtigt, daß die Menschen, deren Gastfreundschaft ich jetzt in Anspruch nehmen wollte, Aristokraten waren, mit denen ich, der Republikaner, nichts zu schaffen hatte und also auch ehrlicherweise keine Gemeinschaft pflegen durfte. Nicht, weil sie ein Von vor dem Namen führten! Das thaten die Werins auch, aber sie alle dachten so großartig frei; ich war bei ihnen nie auf ein Vorurteil gestoßen, das mich hätte verletzen, auf eine Anschauung, die ich nicht hätte teilen können. Im Gegenteil! ich war in dem Verkehr mit diesen hochbegabten Menschen im Schwunge über meinen früheren beschränkten Horizont weit hinausgetragen worden; hatte nun erst recht das Niedrige und Gemeine verachten lernen, mich von glühender Begeisterung für die höchsten Ideale, für Recht und Freiheit, erfüllen lassen. Und von Schlagododro, der doch so viel gemäßigter dachte, als ich, wußte ich, daß er wegen seiner Freisinnigkeit in seiner ganzen Familie verschrieen war, gerade so, wie bei den Junkerlein in unsrer Klasse, deren wir eine ganze Reihe zählten, und die sich naserümpfend von ihm zurückgezogen, oder ihm offen den Umgang gekündigt hatten, als er es wagte, mit dem »Tischlerjungen« einen Freundschaftsbund zu schließen.

Aber das waren Bedenken, die für mich hätten abgethan sein sollen, und die doch stärker als je auf mich eindrangen, als ich am letzten Abend vor der Reise in meinem Zimmer vor dem sorgsam gepackten Köfferchen stand, im Geiste schon abgeschieden von der mir trauten Umgebung, bei mir überlegend, ob ich der Mutter Lebewohl sagen, oder mich mit der schriftlichen Notiz begnügen sollte, in welcher ich ihr meine Absicht mitgeteilt, und die ich ihr durch die Magd (nicht mehr die lachlustige von früher, eine ältere, häßliche, mürrische Person) hatte zustellen lassen.

Ich hatte eben beschlossen, daß der schriftliche Abschied genüge, als ich ihre Thür gehen und den mir nur zu wohlbekannten leisen gemessenen Schritt des Kaplans über den Flur kommen hörte. Er mußte, um zur Treppe zu gelangen, an meinem Zimmer vorbei. Ich wußte aus leidiger Erfahrung, wieviel Schritte er bis dahin, und wieviel er dann noch die Treppe hinab und zum Hause hinaus hatte. Ich hatte sie zu oft gezählt und bei dem letzten und dem Klappen der Hausthür jedesmal erleichtert aufgeatmet mit einer durch die Zähne gemurmelten Verwünschung, die ich dem Verhaßten nachsandte. Zu meinem Erstaunen blieb der Schritt heute vor meiner Thür stehen, an die alsbald – auch wieder leise und gemessen – geklopft wurde. Was konnte der Mann bei mir wollen? Unwillkürlich begann mir das Herz heftig zu schlagen, dennoch sagte ich mit leidlich fester Stimme: herein. Im nächsten Moment stand er vor mir und streckte mir die magere, wohlgepflegte Hand entgegen, die ich nur eben an den Fingerspitzen berührte, um dann einen Stuhl herbeizurücken, ihn durch eine Gebärde auffordernd, Platz zu nehmen.

Wollen Sie sich nicht ebenfalls setzen? sagte er.

Ich mußte zu diesem Zweck, da ich nur zwei Stühle hatte, das Köfferchen auf den Fußboden stellen. Sein Blick blieb auf dem Köfferchen haften, dessen Deckel ich schloß: der Mann sollte ebensowenig in meinen Koffer sehen, wie in meine Seele.

Sie haben einen Ferienausflug vor, sagte er; ich weiß es von Ihrer Frau Mutter. Sie ist sehr glücklich darüber. Je strenger sie selbst – viel strenger, als ich es billigen kann – der Welt entsagt hat, desto aufrichtiger freut sie sich, daß Sie in die Welt kommen, daß Sie Mut und Lust haben, dieselbe aufzusuchen. Und dazu sind die jungen Jahre gewiß die besten, ja, wohl die einzig geeigneten. Wer dann später resigniert, der weiß doch wenigstens, warum. Ich hoffe von Herzen, daß Sie nie zu dieser Resignation kommen, die eine traurige bleibt, auch wenn sie notwendig sein sollte.

War der Mann gekommen, mir das zu sagen? oder worauf wollte er hinaus? Ich saß, ohne mich zu regen, erwartungsvoll da, während mir – jetzt zu meinem Aerger – das Herz noch immer unruhig schlug.

Ich habe mich zunächst eines kleines Auftrages zu entledigen, fuhr er nach einer kleinen Pause fort. Sie wissen, daß ich nicht nur der geistliche, sondern auch der weltliche Beirat Ihrer Frau Mutter bin, und in dieser letzteren Eigenschaft habe ich Ihnen dieses kleine Päckchen zuzustellen, welches enthält, was der praktische Engländer richtig das »Needful« nennt, – diesmal für die Bedürfnisse und etwaigen Eventualitäten Ihres vorhabenden Ausfluges.

Er wollte dabei ein Kouvert, das er aus der Tasche gezogen hatte, auf meinen Arbeitstisch legen; ich wies es lebhaft zurück.

Es bedarf dessen durchaus nicht, sagte ich; mein Taschengeld ist ein so reichliches, und ich wußte seit Monaten, daß ich diese Reise machen würde; ich bin völlig versehen.

Sehr vorsichtig, sehr klug für einen so jungen Mann, sagte er, ohne die mindeste Empfindlichkeit zu verraten. Aber wie Sie wollen. Ihre Frau Mutter hat keinen anderen Wunsch, als Ihnen die Freiheit des Empfindens und Handelns in jeder Weise zu sichern.

Ich bin meiner Mutter sehr verbunden; sagte ich.

Sie haben wirklich alle Ursache dazu, erwiderte er, das Kouvert zwischen den Fingern bewegend; Ihre liebe Mutter hat sich den Weg, von dem sie überzeugt ist, daß er zum Heile leitet, durch eigne Seelenkraft in Gebet und Andacht zu schwer erringen müssen, um nicht zu wissen, daß Gott nicht nur seine Heiligen, sondern auch uns sündige Menschenkinder wunderbar führt, und daß es wenig nutzt und oft recht üble Frucht bringt, so man sich vermißt, in seinen unerforschlichen Ratschluß mit kurzsichtigem Menschenwitz eingreifen zu wollen. Gesellt sich nun zu dieser höheren Einsicht, welche allemal die Demut zur treuen Gefährtin hat, jene krankhaft nervöse Disposition, die Folge schwerster seelischer und physischer Leiden, so schaudert nun gar das zaghafte Herz, auch wenn es das Herz einer Mutter ist, vor der Verantwortung zurück, die wir mit der Leitung und Lenkung einer jungen Menschenseele auf uns laden. Ich hätte vielleicht früher schon Gelegenheit genommen, Ihnen dies zu sagen und damit wohl einen tieferen Einblick in das immerhin nicht leicht zu deutende Wesen Ihrer verehrungswürdigen Mutter zu eröffnen, – wie mich denn Ihre Mutter wiederholt dazu ermahnt und gedrängt hat, – aber ich habe gemeint, damit warten zu sollen, bis ich nicht mehr mit einem Knaben über so hochwichtige und schwierige Herzens- und Seelenangelegenheiten sprechen konnte, sondern mit einem Jüngling, der bereits selbst seine Herzenserfahrungen und seine Seelenkämpfe gehabt und erduldet hat, und bei dem man mit Sicherheit auf ein Verständnis rechnen darf, welches dem Knaben eben so sicher fehlt. Nicht wahr, ich habe mich darin nicht geirrt?

Ich erwiderte nichts, und was hätte ich auch erwidern sollen? Daß ich ihm nicht traute, so glatt die Rede auch von seinen Lippen floß? so schmeichelnd auch sein achtungsvoll höfliches Benehmen gegen den jungen Menschen war, den er in jeder Beziehung so weit übersah? Ich würde wohl endlich etwas sagen müssen, das fühlte ich wohl; aber nicht, bevor ich wußte, worauf dies alles hinaus sollte. Umschlich der Finkler den Vogel, um ihn zu umgarnen; nun, der Vogel war kein Gimpel und war auf seiner Hut.

Ich darf mir gewiß Ihr Schweigen günstig auslegen, fuhr er fort; und das gibt mir den Mut, der Sache, um die es sich handelt, näher zu treten. Ich bin überzeugt, daß Sie mich freundlich und ruhig anhören werden, wie Sie überzeugt sein dürfen, daß ich aus keinen anderen Motiven spreche, als aus denen der tiefsten Verehrung für Ihre Frau Mutter, der lebhaftesten Sympathie für Sie selbst und endlich aus der Notwendigkeit der Situation heraus, die eine Entscheidung wünschenswert macht, wie Ihre Frau Mutter meint, oder gebieterisch fordert, wie es meine Ansicht ist.

Er hatte jetzt das Kouvert wieder eingesteckt und die weißen Hände über den Stockknopf und dem niedrigen breitkrämpigen Hut gefaltet. Seine dunklen Augen waren gesenkt; das aristokratische Gesicht hatte den Ausdruck tiefsten Ernstes angenommen, wie die Stimme, in der er jetzt weiter sprach, einen eigentümlich eindringlichen Klang, trotzdem sie leiser war, als vorhin.

Es gibt Irrungen des Herzens, die, wie beklagenswert sie sind und wie schlimme Folgen sie auch für den Irrenden haben, ihm dennoch kaum angerechnet werden können. Als eine derartige Irrung muß ich die zweite Ehe Ihrer Mutter bezeichnen. Sie wurde von ihr eingegangen in einer Zeit tiefster seelischer und physischer Verstörung und Zerrüttung, welche die Annahme, daß Ihre Mutter mit dem vollen Bewußtsein der Wichtigkeit und Verantwortlichkeit des Schrittes gehandelt hat, fast ausschließen. Wie sie menschlich geirrt hat, so ist es menschlich recht und billig, ihr die Last, welche sie, ohne zu wissen, was sie that, jedenfalls in völliger Verkennung und Ueberschätzung ihrer Kraft, auf sich geladen, möglichst zu erleichtern. Die Ehe zwischen einer gläubigen Katholikin, zu der Ihre Mutter geworden war, und einem Protestanten, der sich bereits damals von jedem Glauben losgesagt hatte, ist schon an und für sich im kanonischen Sinne keine; aber sie würde mir auch in dieser ihrer Entstellung heilig sein, wenn sie es in sich wäre, oder je gewesen wäre. Sie ist es nie gewesen. Nie hat zwischen den beiden Unglücklichen – denn auch der Mann kann nicht anders als tief unglücklich sein – ich will nicht sagen: eine Seelenharmonie, sondern nur ein leidliches Verständnis im gewöhnlichen menschlichen Sinne obgewaltet, wie das bei der völligen Verschiedenheit ihrer Naturen auch gar nicht anders sein konnte. Aber Ihre Mutter ist die bei weitem unglücklichere als die höhere, zarter besaitete Natur, die, um Fehler abzubüßen, welche großherzige Frauen am ehesten auf sich laden, um Versuchungen zu entgehen, denen Jugend und Schönheit am meisten ausgesetzt sind, von den Höhen eines gesellschaftlich reich bewegten, durch Kunst und Bildung verschönten Lebens zu den Niederungen sozialer Dunkelheit und geistiger Armut niederstieg, auf diesem Wege sich selbst verlierend und, was ihr viel schmerzlicher ist, das einzige, was ihr aus jenem früheren erhöhten Dasein übrig geblieben war und sie über die Misere des jetzigen hätte trösten können: ihr Kind.

Durch wessen Schuld? rief ich, ihm fest in die Augen sehend, die er bei seinen letzten Worten zu mir erhoben hatte. Auch senkte er den Blick nicht wieder, als er jetzt, leise und ohne eine Spur von Empfindlichkeit, fortfuhr:

Sie irren sich völlig, wenn Sie glauben, daß ich Ihr Feind bin, der zwischen Ihnen steht und Ihrer Mutter. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Ich weiß, daß ich Ihnen, dem jungen Freigeist und Freiheitsschwärmer, als Katholik und Priester verdächtig bin. Gerade wie hier Ihr Verdacht auf falscher Fährte ist, gerade wie die Armen und Elenden keinen treueren Freund haben als den katholischen Priester; wie sie nur durch uns, ich meine: mit dem Beistand der heiligen Kirche, jemals ihre Fesseln werden brechen und zur Gotteskindschaft und zu einem menschenwürdigen Dasein zugleich gelangen können, – und Sie also, der Sie dasselbe wollen wie ich, mein Freund sein müssen – ebenso stehe ich zu Ihnen in dieser Ihrer Herzenssache. Der Umstand schon, daß ich hier bin aus freien Stücken – denn wer hätte mich dazu zwingen können? – sollte Ihnen ein Beweis sein, daß ich die Wahrheit spreche.

Aber was verlangen Sie von mir? rief ich, der ich meine Erregung nicht mehr beherrschen konnte.

Ich verlange nichts, erwiderte er; ich komme als ein Bittender und bitte nichts weiter, als daß Sie mich geduldig anhören. Ich habe Ihnen jetzt die Situation, in der Sie beide, Ihre Mutter und Sie, jedes für sich und einander gegenüber, sind, geschildert, und Sie werden mir recht geben, wenn ich vorhin sagte, diese Situation dränge nach Entscheidung. Hier ist eine Mutter, die sich immerdar nach ihrem Sohn gesehnt hat und dieser Sehnsucht keinen Ausdruck geben konnte, da sie fürchten mußte, nicht verstanden zu werden; hier ist ein Sohn, der nun weiß, daß der Schatz der Liebe seiner Mutter ihm nicht, wie er wähnte, vorenthalten, sondern nur aufgespart ist, um ihm desto reichlichere Zinsen zu tragen – was in der Welt könnte die beiden hindern, einander in die längst geöffneten Arme zu fliegen, in Zukunft einander so nahe zu stehen, wie sie sich bisher fern zu stehen schienen?

Er schwieg, wohl, um mir Zeit zu lassen, mich zu sammeln. Ich bedurfte dessen wahrlich. Hatte ich denn recht gehört? Was ich als Knabe mit tausend heißen Thränen von Gott vergebens erfleht, das sollte mir nun plötzlich wie durch ein Wunder doch zu teil werden? Ja, durch ein Wunder! Dies ging nicht mit rechten Dingen zu. Und dann – Ich war aufgesprungen und an das offene Fenster getreten, um durch die dürren Zweige des Kornelkirschbaumes über den kleinen Hof nach dem Licht zu blicken, das düster aus der Werkstatt heraufdämmerte –

Und dann: wo blieb, wenn dieser Bund, den der Priester mir anbot, zwischen der Mutter und mir geschlossen wurde – wo blieb der Vater? was wurde aus ihm? Sollte er mit aufgenommen werden in den Bund? dann freilich durfte ich ja keinen Augenblick zögern, zuzugreifen. Und es konnte ja nicht anders sein; sie mußten ja wissen, mit welcher Liebe ich an dem Vater hing!

Ich wandte mich wieder in das Zimmer. Herr von Ruver, der meine halb unwillkürliche Bewegung nach dem Fenster richtig gedeutet hatte, kam mir zuvor.

Es wird freilich ohne alles Opfer für Sie nicht abgehen, aber wann ward je auf der Welt ein Großes ohne Opfer erreicht? Und sollte Ihnen die Wahl zwischen der Mutter, die Sie mit Schmerzen geboren hat, und dem Manne, der Ihnen – ich gebe es zu – immer ein treuer Hüter war, aber an den Sie doch weder Bande des Blutes, noch, ich sollte meinen, ein tieferes geistiges Interesse fesselt – sollte Ihnen die Wahl schwer werden?

Was verstehen Sie unter dieser Wahl? fragte ich mit einer Ruhe, über die ich mich selbst wundern mußte, denn in meinem Herzen war es bei jedem der letzten Worte des Kaplans heiß und heißer aufgewallt.

Viel und wenig; erwiderte er. Wenig insofern, als Ihnen in Ihrer Gesinnung gegen Ihren Adoptivvater keinerlei Wandlung zugemutet wird; viel unter Umständen, wenn die Umstände eine Trennung wünschenswert oder notwendig machen sollten.

Eine Trennung? murmelte ich.

Sie wissen, fuhr er fort, für uns Katholiken ist die Ehe ein Sakrament in voller Konsequenz des heiligen Wortes. Von einer Scheidung kann also keine Rede sein, nur von einer Trennung, die ja überdies immer bestanden hat und möglicherweise nur eine räumliche Erweiterung erfahren würde – etwas völlig Irrelevantes also für die eigentlich Beteiligten, das für Sie selbst nur insofern relevant wird, als Sie sich eventuell entschließen müßten, um mit Ihrer Mutter vereinigt zu bleiben, sich ebenfalls von Ihrem Stiefvater zu trennen.

Würde dieser Fall bald eintreten?

Wer könnte in die Zukunft blicken; erwiderte er nach einigem Zögern. Ich kann nur so viel sagen, daß, wenn gewisse Eventualitäten eintreten, dieselben für Ihre Mutter und dann selbstverständlich auch für Sie eine namhafte, vielleicht glänzende Veränderung der Glücksgüter und der Lebensstellung zur Folge haben würden. Auch Ihr Stiefvater würde dabei nicht leer ausgehen; man würde sich angelegen sein lassen, ihm einen sorgenfreien Lebensabend zu sichern. Aber, bevor ich mich Ihnen weiter öffne über Angelegenheiten, die für jeden anderen Geheimnis bleiben müssen, außer für den Sohn, der mit seiner Mutter einig und eines ist – Ihre Mutter erwartet Sie. Wollen Sie mir zu ihr folgen?

Er hatte sich erhoben, jetzt auf den schmalen Lippen ein Lächeln – ein Lächeln des Sieges, den er über den Jüngling errungen zu haben glaubte. Ich weiß nicht, ob ich auch so noch länger hätte an mich halten können – dies Lächeln brachte mich außer mir. Wie flüchtig es auch gewesen war, es erschien mir wie ein giftiger Hohn über mich und über den Vater, dessen Hammerpochen von unten heraufklang dumpf und traurig, als schlüge er die Nägel in den eignen Sarg.

Nein, rief ich, ich will Ihnen nicht folgen. Zu meiner Mutter, sagten Sie? Hat sie mich gepflegt, wenn ich krank, hat sie mich getröstet, wenn ich trostlos war – trostlos darüber, daß ich keine Mutter hatte, wie andere Kinder? Wer hat alles das an mir gethan, was meine Mutter hätte thun sollen? und dabei nie ein böses Wort gehabt gegen sie, die ihn und mich von sich gestoßen und getrieben, als wären wir unreine Tiere? Und ihn soll ich jetzt verlassen zum Dank für alle seine Liebe? Nun und nimmermehr! Behalten Sie Ihre Geheimnisse und die Glücksgüter, mit denen Sie mich fangen wollen, oder teilen Sie sie mit meiner Mutter! Mir soll es gleich sein; ich will nichts davon. Hören Sie – nichts! nichts!

Ich höre, erwiderte er – und dabei zuckte abermals ein Lächeln um seinen Mund – diesmal ein Lächeln des Spottes, vielleicht der Verachtung – Sie sprechen ja laut genug, – lauter, als es sich vielleicht dem Jünglinge ziemt einem Manne gegenüber, der sein Vater sein könnte. Auch höre ich nichts, als was zu hören ich leider erwarten mußte und erwartet habe. Dennoch sei es fern von mir, Ihnen zu zürnen, wie ich wohl dürfte; ich verzeihe Ihrer Jugend die Hitze, zu der Sie sich montiert, Ihrer Unerfahrenheit die Wahl, die Sie getroffen haben. Auch soll sie deshalb nicht unwiderruflich sein, diese Wahl. Ich lasse Ihnen Zeit, zur Ruhe, zur Besinnung zu kommen. Ebenso werde ich Ihrer Mutter den vorläufigen Ausgang dieser Unterredung in einer Weise mitteilen, die für sie die wenigst kränkende ist und Ihnen den Weg zur Umkehr offen läßt. Leben Sie in zwischen wohl, und Gott behüte Sie!

Er nickte mit dem Kopf, winkte mit der weißen Hand das Zeichen des Kreuzes und hatte das Zimmer verlassen. Ich hörte ihn nach dem der Mutter gehen und brach in ein höhnisches Gelächter aus: da steckten sie nun wieder die Köpfe zusammen über den bösen Buben!

Glücklicherweise für mich dauerte die Unterredung nicht lange. Der leise gemessene Schritt kam wieder über den Flur, an meiner Thür vorbei, knarrte die Treppe hinab und entfernte sich aus dem Hause. Ich atmete auf wie jemand, der aus einem häßlichen Traum erwacht. Oder war wirklich alles nur ein Traum gewesen? Aber da – wie ein Zeichen, das der Böse zurückgelassen – lag auf der Diele ein schwarzer glänzender Handschuh des Mannes. Ich stieß ihn mit dem Fuße auf die Seite, als ich nun selbst das Zimmer verließ, um zu dem Vater zu eilen, den ich hatte verraten sollen.

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