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Was will das werden? Erster Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Erster Theil - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Erster Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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IX.

Ich hatte ihn seit Monaten, er mich nicht gesehen, seitdem er vor sechs Jahren an jenem Morgen in des Vaters Werkstatt trat. Was Wunder, daß er in dem lang aufgeschossenen Jüngling, auf den beim Hereintreten sein erster, wie mir schien, erstaunter Blick fiel, den kleinen Knaben von damals nicht wiedererkannte, auch nicht, als Maria ihm meinen Namen genannt hatte, der ihm übrigens geläufig war. – Ich habe ein gutes Namengedächtnis, sagte er; und überdies habe ich Sie in diesen Tagen oft nennen hören als den jungen Freund, auf dessen Besuch in Nonnendorf sich alle freuen, nachdem mein Neffe so viel Gutes und Schönes von Ihnen berichtet.

Er hatte mir dabei die Hand gereicht, die er länger festhielt, als ich erwartet hatte, während er mir dabei prüfend in die Augen zu sehen schien, was meine Verlegenheit nur vermehrte. Er mochte es bemerken, wenigstens ließ er mich los, und sagte, nun vor sich niederblickend: Wie geht es Ihrem Vater? Ich erinnere mich seiner sehr wohl, obgleich ich ihm seitdem meines Wissens nie wieder begegnet bin. Hoffentlich gut?

Ich erwiderte, daß der Vater in letzter Zeit sehr gegen seine Gewohnheit häufig kränkle, und die Arbeit ihm manchmal schwer falle, obgleich er es nicht Wort haben wolle. Der Major erwiderte darauf nichts, sondern fragte, nachdem er wieder so vor sich hingeblickt: Erinnere ich mich recht, daß Herr Lorenz Ihr Stiefvater ist? Ich bejahte es. – Wie ist Ihr eigentlicher Name? fragte er weiter. – Ich nenne mich nach dem Vater, sagte ich, er hat mich adoptiert.

Ich wußte wohl, daß das nicht die rechte Antwort auf seine Frage sei; aber es hatte mich noch nie jemand nach dem Namen meines Vaters gefragt, und ich selbst hätte ihn nicht gewußt, wäre er mir nicht an jenem Abend, als mir der Vater die Geschichte seines Lebens und der Heirat mit meiner Mutter erzählte, genannt worden. Nun war es zu spät, mein Versehen wieder gutzumachen, da jetzt Frau von Werin, die Maria holen gegangen war, mit dieser in das Zimmer kam. Der Major ging ihr lebhaft entgegen und küßte ihr die Hand. Frau von Werin bat ihn, Platz zu nehmen, während sie sich zugleich auf das Sofa setzte. Maria und ich wollten uns entfernen, als der Major sagte:

Ich bitte, daß die jungen Leute bleiben, wenn Sie, gnädige Frau, nichts dagegen haben. Ich komme nämlich mit einer großen Bitte, an der sie stark beteiligt sind und hoffentlich auf meiner Seite sein werden. Meines jungen Freundes hier bin ich sogar sicher, und ich denke, auch Fräulein Maria wird nicht unerbittlich sein, wenn Sie, gnädige Frau, es nicht sind. Es handelt sich aber um nichts Geringeres, als Ihnen Ihr Fräulein Tochter auf einige Wochen zu entführen. Ich habe für meine Ellinor in Nonnendorf zugesagt; und nun läßt sie mir keine Ruhe, ich müsse es ins Werk setzen, daß sie die Zeit in Gesellschaft von Fräulein Maria dort verbringt. Auf Sie, gnädige Frau, dürfen wir ja leider nicht rechnen. Oder dürften wir? Nun, sehen Sie, es ist, wie wir fürchteten, und Sie sind uns eine Entschädigung schuldig. Ich selbst würde die jungen Damen hinbringen und den größten Teil der Zeit, hoffentlich die ganze, dort verleben, da ich etwas angegriffen bin und mir Urlaub erbeten habe. Meine Schwägerin ist ganz glücklich bei dem Gedanken, die jungen Damen bei sich zu haben und verspricht, ihnen nach Kräften eine gute, sorgsame Mutter zu sein. Sie hat ihr Versprechen mit der betreffenden Einladung in diesem Briefe zum Ausdruck gebracht.

Frau von Werin nahm den Brief entgegen, den sie, trotzdem er mehrere Seiten lang schien, in wenigen Sekunden überflogen hatte:

Ein sehr gütiger Brief, sagte sie. Ihre Frau Schwägerin beruft sich auf unsre alte Freundschaft, die ich gern gelten lasse; wir waren in der That in der Pension in Sundin die besten Freundinnen. Wir haben uns freilich seitdem nicht wiedergesehen; aber sie meint, daß ich ihr gerade deshalb Maria schicken muß, damit sie in der Tochter die Mutter weiter lieben kann. Das ist hübsch gesagt, und, ich bin überzeugt, ehrlich gemeint. Also, was denkst Du, Maria?

Wir hatten während dieser Unterredung am Fenster gesessen, ich für mein Teil in großer Erregung, zuerst freudig überrascht von dem großen Glücksfall der Einladung Marias, dann in Furcht, Frau von Werin möchte dieselbe rund abschlagen, und nun zuletzt wieder in großer Sorge, wie denn Maria selbst sich zu der Sache stellen werde. Hatte sie mir meine Dummheit von vorhin vergeben? würde sie mich jetzt dafür strafen und mich allein gehen lassen, da wir nun so schön zusammengehen konnten? Wie aber, wenn sie dieselbe annähme, aber unter der Bedingung, daß ich zu Hause bliebe?

Das alles schoß mir durch den Kopf von dem Moment, als Frau von Werin zu reden anhob, und ich sofort merkte, daß sie der Sache günstig gestimmt sei, bis zu der Schlußfrage, die ich hatte kommen hören: Was denkst Du, Maria? Das Herz schlug mir bis in die Kehle; ich wagte nicht die Augen aufzuschlagen.

Da Mama es erlaubt und mich entbehren zu können glaubt, ich komme gern, sehr gern; sagte Maria.

Bravo, gnädiges Fräulein! rief der Major ausstehend und Maria, die sich ebenfalls erhoben hatte, mit ritterlicher Artigkeit, die doch auch wieder etwas väterlich Gütiges hatte, die Hand küssend. Ich danke Ihnen aufrichtig – beiden Damen – aufrichtig und herzlich: Ihnen, gnädige Frau, daß Sie uns, – denn ich rede hier auch im Namen meiner Verwandten – das Opfer bringen wollen, Ihr Töchterchen so lange zu missen; Ihnen, gnädiges Fräulein, von der ich weiß, wie ungern Sie die Mama verlassen. Also, abgemacht, meine Damen, abgemacht! Ich schreibe heute noch nach Nonnendorf; und Sonnabend, wenn es Ihnen recht ist, um neun Uhr morgens hält der Wagen meines Bruders drüben an der Fähre. Selbstverständlich holen Ellinor und ich – Ellinors Gouvernante nicht zu vergessen – das gnädige Fräulein von hier ab. Die jungen Herren, die erst nach der Schule fort können, werden wohl etwas in die Hitze hineinkommen. Nun, das ist ihre Sache.

Er plauderte so anmutig – dazu war der Klang seiner Stimme – wie gut ich mich desselben von jenem Morgen her erinnerte! – noch derselbe, bei aller Milde volle, sonore – ich hätte ihm nur immer zuhören mögen, als plötzlich die Thür aufging und Adalbert hereintrat. Ich erschrak ein wenig, da ich wußte, welchen großen Einfluß er auf Maria hatte, und gar nicht sicher war, daß er das Projekt gutheißen werde. That er es aber nicht, so trat Maria ganz sicher, trotz ihrer eben gegebenen Zusage, unter irgend einem Vorwande nachträglich zurück. Doch wurde ich über diesen Punkt bald beruhigt. Mit großer Zuvorkommenheit, wenngleich mit jener reservierten Haltung, welche er fremden Leuten gegenüber stets beobachtete, versicherte er, daß er Maria von Herzen eine Erholung gönne, der sie sehr bedürfe, und die auch ihm zu gute kommen werde, da er während der Abwesenheit der Schwester und des Freundes, dieser ewigen Störenfriede, doppelt fleißig zu arbeiten gedenke. Ich lachte, der Major lächelte, und selbst Marias Oberlippe zuckte. Plötzlich hob Frau von Werin, die während dieses Intermezzo nachdenklich und augenscheinlich dessen, was um sie her gesprochen wurde, nicht achtend, dagestanden hatte, den Kopf und bat den Major, ihr in das Nebenzimmer zu folgen, da sie ihm eine Mitteilung von äußerster Wichtigkeit zu machen wünsche. Sie ging voran, der Major folgte ihr auf dem Fuße, wir Zurückbleibenden sahen uns bestürzt an. Der Ausdruck ihrer Mienen, vor allem ihrer Augen war derselbe gewesen, der mir von jenem ersten Abend in peinlichster Erinnerung geblieben war, und den die Geschwister von mehr als einer Gelegenheit her nur zu gut kannten.

Ich denke, da interveniere ich; sagte der allezeit schnell gefaßte Adalbert, bereits mit einer Bewegung nach der Thür, welche sich hinter den beiden geschlossen hatte; aber Maria ergriff ihn bei der Hand.

Bleib, flüsterte sie, es ist zu spät.

Nur, wenn wir noch länger zögern.

Es ist zu spät, wiederholte Maria, seine Hand loslassend und nach dem Nebenzimmer deutend, aus dem man jetzt die Stimme der Mutter vernahm, leise zwar, so daß wir die Worte nicht verstehen konnten, aber eindringlich und in jenem herzbeklemmend rapiden Tempo, das ihre immer schnelle Rede in solchen verhängnisvollen Momenten annahm.

Maria hatte recht: es war zu spät.

So standen wir drei in dem halbdunklen Gemach regungslos, Adalbert düsteren Blickes vor sich hinstarrend, während die feine gerade Falte zwischen seinen scharf geschwungenen Brauen tiefer eingeschnitten war; Maria, auf deren zarten Wangen flammende Röte und tiefe Blässe jäh wechselten, mit gesenkten Augen; ich verstohlen jetzt sie, jetzt den Bruder beobachtend, das Herz voll innigen Mitgefühls mit der Qual der lieben Beiden.

Es ist ein Trost, flüsterte Maria, er ist ein edler Mann.

Ich stimmte ihr, lebhaft nickend, zu; um Adalberts Lippen zuckte ein spöttisch abweisendes Lächeln.

Er schien mir eine bittere Bemerkung folgen lassen zu wollen, aber bereits wurde die Thür wieder geöffnet, und der Major trat herein ohne Frau von Werin. Die Haltung, in welcher er uns traf, die gespannten Blicke, mit denen wir im ersten Moment unwillkürlich in sein Gesicht spähten, sagten ihm sofort, daß wir Mitwisser der grausamen Thatsache waren, deren Vorhandensein er soeben erst schaudernd erfahren hatte. Aber es hätte dessen für den zartfühlenden Mann sicher nicht bedurft, sein Benehmen gegen uns in diesem kritischen Augenblicke zu regeln. Mit einer Miene, die nicht ernst genug war, um uns zu erschrecken, und nicht so lächelnd, daß wir sie hätten für gezwungen halten können, sagte er, sich dabei an Adalbert wendend: Ihre Frau Mutter hat mich auf einen Umstand hingewiesen, von dem sie fürchtet, daß er störend in unsere Ferienprojekte eingreifen könne. Ich hoffe, es werde nicht geschehen, obgleich ich den Ueberblick Ihrer Frau Mutter über unsere politische Lage – um die handelt es sich – bewundern muß. Also nur Mut, meine jungen Herrschaften, und auf Wiedersehen am Sonnabend!

Er hatte uns bei diesen letzten Worten, einem nach dem anderen, die Hand gereicht, zuletzt Maria.

Meine Ellinor wird überglücklich sein; sie darf Sie doch noch vorher besuchen? Ihr jungen Damen werdet noch so manches zu besprechen haben. Und nicht wahr, gnädiges Fräulein, keine Toilettenkünste; deren Sie nicht bedürfen, und durch die Sie mich beschämen würden, der ich mit Ihrer Erlaubnis in einem Räuberzivil zu erscheinen gedenke.

Er verbeugte sich in der Thür noch einmal gegen uns alle. Ich hatte das Gefühl, daß, wie bei seinem Eintreten sein erster, so jetzt, als er ging, sein letzter Blick auf mir ruhte mit einem Ausdruck, den ich mir nicht zu erklären vermochte.

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