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Was will das werden? Erster Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Erster Theil - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Erster Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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VIII.

So erfuhr ich, was ich von dem seltsamen Menschen am allerwenigsten vermutet, ja, was ich ihm niemals zugetraut: daß er auch Verse mache; und ich hätte nicht selbst das geheime Fach in meinem Arbeitstisch voll von Reimereien haben dürfen, wenn diese neu entdeckte Qualität das Staunen, mit welchem ich so schon zu ihm hinaussah, nicht schier bis ins Grenzenlose vermehren sollte. In aller Unschuld und Heimlichkeit hatte ich mich schon seit Jahren für etwas wie einen Dichter gehalten. Indem ich nun meine »Oden an das Meer«, meine »Träumereien eines Einsamen«, meine »Lieder an die Namenlose« mit diesen seinen Gedichten und anderen, die er mich nach und nach sehen ließ, verglich, fand ich zu meinem Schrecken heraus, wie bitter ich mich getäuscht hatte, und daß ich gar nichts konnte. Dieses klägliche Gefühl meiner poetischen Nichtigkeit im allgemeinen und speziell ihm gegenüber wurde womöglich noch gesteigert, als er eines Abends auf seinem Stübchen, das rechter Hand an dem Hausflur, dem Wohnzimmer gegenüber, lag, und wohin wir uns häufig nach dem Abendessen zurückzogen, noch ein Stündchen über unsre speziellen Angelegenheiten zu verplaudern, nicht ohne sein gewohntes ironisches Lächeln aus dem Schreibtisch ein dickes Heft herausnahm, um mir den dritten Akt seines »Saulus« vorzulesen. Ich hätte, was ich nun zu hören bekam, nicht von ihm und überhaupt nicht für möglich gehalten: so wunderbar und gewaltig schien mir alles. –

Inmitten seiner Großen am schwelgerischen Mahle sitzt finster brütend der Despot, hohnlächelnd zu den emphatischen Lobreden der Schmeichler, zu den diskreten Scherzen des Hofnarren, angewidert von den üppigen Tänzen der Bajaderen. Und er befiehlt, David zu rufen, ob der ihm nicht durch Gesang und Harfenspiel die Gespenster vertreibe, die, den anderen unsichtbar, ihn umgrinsen. – Der schöne Jüngling kommt und hebt an zu singen von dem glücklichen Leben des Hirten, dem nächtens die hohen Sterne leuchten, die Strahlenaugen Gottes, der dem Frommen gnädig ist und zu ihm spricht aus den Tönen der Riesenharfe des Windes, rauschend durch der Wüste erhabene Einsamkeit. – Aber die Gespenster, anstatt zu schwinden, nehmen immer deutlichere Gestalt an vor dem inneren Auge des finsteren Mannes auf dem Thron, bis ihm zuletzt ein junger Heldenkönig erscheint mit der Krone auf dem Haupt, ganz dem Jüngling gleichend, den er schon längst nicht mehr sieht, schon längst nicht mehr hört. Und er wirft den Speer nach dem Gespenst und trifft um ein kleines den Sänger, der scheusam entweicht, während die entsetzten Gäste sich nicht zu rühren, kaum zu atmen wagen. Der Despot aber, aus seinem Traume erwachend, verstört um sich her auf die zitternde Versammlung blickend, fragt erstaunt: warum denn alles schweige? und ob da nicht eben jemand gesungen habe? – Und dann der Monolog, in welchem Saul, nachdem er die Höflinge gnädig entlassen, nun wieder allein mit sich und seinen Qualen, erkennend, daß die Zügel der Herrschaft ihm entgleiten, sich fragt, ob es kein Mittel gibt, sie festzuhalten, es sei nun welches es sei? und er ein menschliches nicht mehr findet, und hohnlachend ruft, so möge es denn ein höllisches sein! – Und, als des Aktes letzte Scene: die Höhle der Hexe, die, über den Kessel gebückt, Zaubersprüche murmelnd, an deren Kraft sie selbst nur halb zu glauben scheint, auf ihr Opfer lauert, das ihr zu lange bleibt, und jetzt hereintritt, in seinem tiefen Fall noch königlich. Die Hexe beginnt ihren Hokuspokus: Gespenster, wie sie der König zu sehen pflegt, entsteigen dem brodelnden Kessel, huschen durch der Höhle nächtliches Dunkel und verschwinden vor dem Schatten des gewaltigen Hohenpriesters. Der König stutzt: wie kommt der Schemen des heiligen Mannes in den höllischen Kreis? dennoch fragt er; mystische Antworten tönen dumpf zurück: »kein Heil auf Erden und im Himmel für das verlorene Kind, es kehre denn in seiner Mutter Schoß und beginne seinen Weltlauf von neuem, ausgestattet mit dem Segen der verhöhnten Mutter!« – Die Qual der Demütigung, die seinem Stolze zugemutet wird, erweckt den König allgemach zu immer vollerer Besinnung: Der Held, der die Philister schlug, will sich nicht beugen vor dem Pfaffen! Ein unvorsichtiges Wort des Schattens, ein grinsendes Nicken der Hexe, das er im Zauberspiegel auffängt, enthüllen ihm das Gaukelspiel. Nicht vergebens wirft er diesmal seinen Speer: der Pfaffe, der den Schatten tragierte, verröchelt zu seinen Füßen; er schleudert die Hexe in das Feuer ihres Herdes, und – wieder er selbst, entschlossen zum Entscheidungskampf mit dem jungen Usurpator, der Pfaffen gelehrigem Schüler, – stürzt er aus der Höhle. –

Regungslos auf dem Rande seines Bettes kauernd – es gab keinen zweiten Stuhl in dem Zimmer, als der, auf welchem er an seinem dürftigen Schreibtischchen sitzend las, – vernahm ich diese Wunder, vor deren Pracht das Herrlichste, was Shakespeare, Goethe und Schiller geschaffen, vor meinen geblendeten Augen zu blassen Schemen ward. Mit Thränen in den Augen stammelte ich ihm meine Bewunderung, die er lächelnd entgegennahm.

Ja, sagte er, ich glaube, es sind ganz hübsche Sachen darin, und wenn Du mir einen Dichterling weißt, dem damit in Ermangelung eigenen Spiritus geholfen wäre – ich verkaufe sie ihm gern, und er soll sie billig haben. Für mich sind sie wertlos, sobald sie geschrieben sind, wie meiner Mama Bismarck-Depeschen: Schulung der Phantasie, Sprachübung – weiter nichts. Man muß eben in jedem Sattel reiten können, wie es gerade Bismarck beweist. Aber aus dem Spaß ein Metier machen – nein, lieber Freund: Fürsten schreiben Verse, wie Friedrich der Große und ich – nur daß meine, denke ich, ein bißchen besser sind, als seine; – aber zwischendurch, zwischen den Schlachten.

War das nun Scherz oder Ernst? Ich nahm es für das erstere. War ich doch nie zuvor einer jener königlichen Naturen begegnet, welche sich aus guten Gründen auf Thronen am seltensten finden; einem jener dämonischen Menschen, für welche, weil sie nur ihre hohen Ziele im Auge haben, jene niederen Zwecke, an deren Erlangung andere ihr Leben setzen, wirklich nicht existieren, und die auch das Große nur nach dem Grade messen, in welchem es sie jenen Zielen näher bringt. Galten ihm doch auch seine Erfolge in der Schule nichts, oder nur ebensoviel, als sie ihm eine Abkürzung der Sklaverei verhießen! Und das war der Fall. Es war nur eine Stimme darüber, daß er in jeder Disziplin der weitaus Erste in der Klasse sei. Professor von Hunnius, bei dem wir noch einige Stunden hatten, teilte mir unter der Hand mit, er habe beantragt, daß Adalbert ausnahmsweise bereits zu Michaelis zum Abiturientenexamen zugelassen werde, und hoffe damit durchzudringen. Ich lief spornstreichs, ihm die große Neuigkeit zu erzählen; er nahm sie so gleichmütig auf, als ob von einem anderen die Rede gewesen wäre.

Diese immer wieder erneuten Beweise eines für mich unfaßbaren Stoizismus ließen mich oft an meiner neuen Freundschaft verzweifeln. War dies überhaupt eine Freundschaft? Wie konnte ich jemand lieben, der so offenbar nicht geliebt sein wollte? Aber zu welchem Zweck hatte er mich denn zu sich herangezogen, wie er es doch zweifellos gethan und auch selbst zugestand? Nur um jemand zu haben, an dem er seine geistreichen Einfälle probieren, mit dem er Zwiesprach pflegen konnte, wenn er des Monologisierens müde war? mit dem er spielen konnte, wie der Löwe im Käfig mit dem Hündchen? Hundertmal stand ich auf dem Punkte, ihm den für mich so schmählichen Dienst zu kündigen, und kehrte immer wieder in meine Knechtschaft zurück. Schlagododro hatte recht: »der Storch hatte den Frosch übergeschluckt.«

Sie irren sich völlig, sagte Maria zu mir. Adalbert liebt Sie in seiner Weise sehr. Er war über Ihre anfängliche Zurückhaltung aufs tiefste verstimmt, und ich habe ihn nie so heiter und zufrieden gesehen, als jetzt, seitdem Sie sein Freund sind – sein erster Freund: er hat vor Ihnen nie einen gehabt. Sie müssen ihn eben nehmen, wie er ist. Es geht uns, der Mama und mir, ja nicht anders. Sie werden doch wohl glauben, daß er wenigstens uns liebt; aber haben Sie je von ihm ein Wort gehört, das darauf schließen ließe?

O ja, erwiderte ich; nur nicht in Ihrer Gegenwart: mehr als einmal, und sehr warme Worte.

Und wissen Sie denn, was Adalbert hinter Ihrem Rücken von Ihnen spricht? fragte Maria, und dabei zuckte es in ihrer Oberlippe.

Dergleichen Aeußerungen aus einem Munde, der nie die Unwahrheit sprach, waren wohl geeignet, mir den gesunkenen Mut zu heben. Und dann: gab ich Adalbert auf, so hätte ich auch Maria aufgeben müssen, und über diesen Verlust würde mich kein befriedigter Stolz getröstet haben; hier hätte ich die volle Zeche zahlen müssen, und ich wußte zu genau Bescheid in meinem Herzen, um nicht sicher zu sein, daß ich den Mut dazu dort nicht finden würde.

Bescheid in meinem Herzen? und genau Bescheid? War das der Fall? konnte es der Fall sein? Geht es einem Jüngling mit der Liebe nicht wie jenem Landmann, der zum erstenmale, voller Begierde den König zu sehen, zur Residenz pilgert, und nun in jedem besternten Offizier, der des Weges kommt, ja, in dem betroddelten Portier vor dem ersten besten Hotel den Heißersehnten zu erblicken glaubt? Hatte ich nicht Jettchen Israel als meine Herzenskönigin gefeiert? Das war freilich schon einige Jahre her, in der Ivanhoe-Zeit, und ich hatte eigentlich ja nicht sie gemeint, sondern irgend eine geheimnisvolle Rebekka. Ich bedurfte dieses Trostes, denn ich nahm es mit meinen Herzensangelegenheiten verzweifelt ernsthaft.

Es war ein eigenartig anmutiges, für mich unsäglich reizvolles Verhältnis, das zwischen mir und Maria.

Ich glaube, ich habe sie früher einmal ein holdes Mädchen genannt. Ich möchte den Ausdruck nicht zurücknehmen und fühle doch, daß er nicht ganz der richtige ist. Jedenfalls war sie nicht hold in dem gewöhnlichen Sinne. Kann es ein Mädchen sein, aus dessen Kehle nie silbernes Lachen schallt? Dessen bestes Lachen nur ein flüchtiges Zucken der Oberlippe ist? ja, das, weil ihm die äußeren Organe zum Lachen fehlen, auch innerlich zu lachen nicht recht gelernt oder wieder verlernt hat, ähnlich wie taubgewordene Menschen nach und nach das Sprechen verlernen? Nein, hold im gewöhnlichen Sinne war Maria nicht. Ich sagte es mir damals schon, wenn ich ihr in dem kleinen Wohnzimmer, das von dem breiten Gezweig einer alten Linde vor der Hausthür zu jeder Tages- und Jahreszeit überschattet wurde, gegenübersaß und ihr in die klaren Augen blickte, so oft sie dieselben von der Arbeit hob, oder, senkte sie dieselben wieder, auf die reine Stirn, vor der sich das Halbdunkel zu erhellen schien, und fragte mich, woher der Zauber komme, dessen Wirkung auf mich ich doch so deutlich spürte? Als ob ich die Antwort auf die Frage ihr nicht schon aus den klaren Augen, von der reinen Stirn gelesen hätte!

Und ich saß ihr jetzt oft so gegenüber, da sich Frau von Werin, die der Straßenlärm störte, mit ihrem Arbeitstisch in das nach hinten und einem kleinen Gärtchen hinaus gelegene Speisezimmer geflüchtet hatte, und Adalbert, den man, wie er sich ausdrückte, »mit Gewalt aus der Schule herauslobte«, für das Examen, welches im Herbst stattfinden sollte, »anstandshalber« einiges »nachreiten« mußte. Der Faden des halblaut geführten Gespräches riß selten ab, und wir hatten uns schon längst so ineinander hineingelebt und hineingedacht, daß wir die Pausen, wenn welche eintraten, nicht mehr als solche empfanden. Es war wie auf einem sanft dahingleitenden Strom, der den Nachen weiter trägt, auch wenn die Fergen sich für eine Zeit lässig auf die Ruder lehnen. Ich mußte von meinen Arbeiten berichten, für die sie sich interessierte, als ob es ihre eigenen gewesen wären; ich mußte ihr meine Gedichte vorlesen, nach denen mich Adalbert nie gefragt hatte, und die, hätte ich den Mut gehabt, sie ihm zu zeigen, ganz gewiß keine Gnade vor seinen Augen gefunden haben würden. Maria gegenüber war ich mutiger gewesen, und wurde auch nicht entmutigt, wenn sie mir bei diesem sagte: das ist nichts; das haben Sie bloß so gereimt; oder bei jenem: das haben Sie wohl empfunden, aber unklar. Ich glaube, Sie könnten es besser machen. Doch lassen Sie es lieber, wie es ist. Sie wissen dann wenigstens später, was sie damals gewollt haben, und es bleibt eine hübsche Erinnerung an die Gelegenheit. Wie war die eigentlich? es ist mir das aus dem Gedichte nicht recht deutlich geworden.

Und dann mußte ich ihr von meinem Vorleben erzählen, das für Adalbert ebenfalls noch immer ein verschlossenes Buch war, weil er nie das Verlangen bezeigt hatte, es zu öffnen. Maria interessierte sich für alles; und indem ich es so gleichsam durch ihre klaren Augen noch einmal sah, erschien mir alles in einem helleren Licht und gewann eine tiefere Bedeutung.

Die Verhältnisse, in denen Sie erwachsen sind, sagte sie, sind so sonderbarer Art; es würde kein Wunder sein, wenn Sie dabei ein Grillenfänger und Kopfhänger geworden wären, oder ein Phantast, oder auch ein wilder, zuchtloser Mensch. Es gereicht Ihnen zur Ehre, daß Sie geworden sind, wie Sie sind. Freilich verdanken Sie dabei Ihrem guten Vater viel, jedenfalls das beste: Ihr ehrliches Gemüt und Ihren reinen Sinn. Ihre Mutter verstehe ich nicht. Ich kann nur annehmen, daß sie zu Schweres erlitten hat – irgend einen furchtbaren Schlag, unter dem sie zusammengebrochen ist, um sich nicht wieder erholen zu können.

Aber, sagte ich, Ihre Mutter hat doch sicher das Schwerste erlitten, den furchtbarsten Schlag. Und hat darum doch nicht verlernt, ihre Kinder zu lieben und wie zu lieben! Ja, ich muß sagen: jetzt, nachdem ich gesehen habe, was eine Mutter, die auch unglücklich war und ist, ihren Kindern sein kann, fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Jetzt erst sehe ich, wie arg meine Mutter an mir gehandelt hat und handelt bis auf den heutigen Tag; und daß ich ein Thor war, sie zu lieben, wie ich sie geliebt habe, angebetet habe; und daß ich sie von jetzt an hassen werde.

Maria suchte mich zu beschwichtigen: vielleicht sei für eine Frau nicht das Furchtbarste, einen Gatten, den sie sehr geliebt, und von dem sie sich ebenso geliebt wußte, durch einen schrecklichen Tod zu verlieren; es gebe wohl noch Furchtbareres. Und seien denn alle Menschen mit dergleichen Widerstandskraft gegen die Schläge des Schicksals ausgerüstet? trüge denn nicht im gewöhnlichen Leben ein starker Mann eine Last leicht, die der schwächere kaum heben, geschweige denn tragen könnte? Und dann ist Ihre Mutter seit jener schweren Erkrankung, von der Sie mir erzählt haben, und die sicher eine Folge eben jenes Unglücks gewesen ist, immer in der Hand irgend eines Pfaffen gewesen. Hassen Sie die Pfaffen – das will ich Ihnen erlauben; – Ihre Mutter zu hassen, erlaube ich Ihnen nicht. Ebensowenig, wie, daß Sie sich so gänzlich von Israels zurückziehen, die Ihnen so viel Gutes erwiesen haben. Was kann die arme Frau, was kann das gute Mädchen dafür, daß der Vater mit schuld an unserm Unglück ist?

Sie stecken immer alle so die Köpfe zusammen. Ich bin überzeugt, daß die Frauen alles gewußt und lustig mit geschmuggelt und unterschlagen haben.

Und ich bin überzeugt: es ist nicht der Fall gewesen. Jettchen ist sicher unschuldig, schon deshalb, weil sie damals noch viel zu jung war. Aber warum soll es nicht auch die Mutter sein? Unsre Mutter hat, bis die Katastrophe hereinbrach, nie eine Ahnung gehabt, daß der Vater sein Amt nicht vorschriftsmäßig verwaltete; es wäre sonst gewiß nicht so gekommen. Und wie in unseren Kreisen ein Mann sich leicht zu vornehm dünkt, um seine Frau mit Amtsgeschäften zu langweilen, die er selbst für unter seiner Würde hält, weshalb sollte ein Kaufmann nicht zu schlau sein, seiner Frau von Dingen zu sprechen, von denen er weiß, daß sie dieselben nicht billigen würde, und die er doch vielleicht nur ihrethalben unternimmt, ich meine, um sie und die Kinder möglichst schnell in eine möglichst gute Situation zu bringen? Nun, und nach dem, was Sie mir von der Scene mit Herrn Israel vor dem Kassaschrank erzählten, scheint der Mann ja auch auf dem besten Wege seine Absicht zu erreichen.

Wie gegründete Ursache ich sonst hatte, Maria immer aufs Wort zu glauben, ich konnte nicht annehmen, daß sie in diesem leidigen Falle ihre wirkliche Meinung sagte, – wie ich Fant mir einbildete, aus übertriebener Großmut gegen die ihr unbekannte Freundin meiner Knabenjahre, die sie sich durchaus, trotz meiner gegenteiligen Versicherungen, als schön und reizend vorstellen wollte. Jedenfalls erreichte sie ihre Absicht nicht: seitdem ich von Adalbert – die Mutter und Maria hatten nie eine Silbe darüber verlauten lassen, aber für Adalbert existierten dergleichen zärtliche Rücksichten nicht – seitdem ich von ihm, und auch von ihm nur gelegentlich, erfahren, daß von jenen Kaufleuten, welche sich die Geschäftsunkenntnis Herrn von Werins und die Gewissenlosigkeit seiner Unterbeamten zu nutze gemacht hatten, Herr I. I. der schlimmste, rücksichtsloseste und erfolgreichste gewesen war, hatte ich keinen Fuß mehr in das Giebelhaus gesetzt und Emil, wenn ich ihm, was jetzt glücklicherweise selten geschah, begegnete, mit einem flüchtigen Gruße, wie einen entfernten Bekannten, abgefertigt. Hielt Maria dafür, daß die Freunde unserer Freunde auch unsere Freunde sein müssen – ich wollte keine Freunde haben, welche sich als Feinde der Familie Werin erwiesen hatten. Was man diesen mir so teuren Menschen gethan, das hatte man mir tausendfach gethan.

Gut, sagte Maria, dann müssen Sie aber auch konsequenterweise die Einladung nach Nonnendorf annehmen.

Kommen Sie schon wieder auf dies Thema zurück?

So oft und so lange, bis Sie ja gesagt haben.

Das Thema war in der That schon oft zwischen uns besprochen worden, besonders in den letzten Tagen, da ich mich in kurzem entscheiden mußte. Schlagododro hatte seine Einladung von Zeit zu Zeit wiederholt, wie ein böser Gläubiger einen Schuldner mahnt. Nun war zu den Gründen, aus denen ich schon längst mein gegebenes Versprechen bedauert hatte, nächst meiner offenbaren Entfremdung gegen Schlagododro, noch ein besonders wichtiger gekommen: eben meine Freundschaft zu den Geschwistern Werin. Adalbert hätte mich kaum entbehrt – das wußte ich wohl, und Maria schickte mich sogar fort; aber gerade das war es, wenn ich auch klug genug war, es mich nicht merken zu lassen: ich wollte mich nicht fortschicken lassen; ich war außer mir, daß sie mich fortschicken konnte – auf vier Wochen, die mich eine Ewigkeit dünkten, wenn ich inzwischen von ihr getrennt sein, aus ihrem Munde keines jener klugen, feinen Worte hören sollte, die zu vernehmen für mich war wie freies Atemholen nach langem Aufenthalt in geschlossenem Raum.

Thun Sie es um unseret-, wenn Sie wollen meinethalben, sagte Maria. Sie wissen, wie gütig der Major von Vogtriz, den Sie ja auch so verehren, stets gegen uns gewesen ist, und wie wenig wir ihm seine Güte gedankt haben. Danken konnten. Der Mutter wegen. Sie scheut die Gesellschaft, die sie zu schmerzlich erinnert an das, was sie verloren; und wir Kinder dürften nicht wagen, ihr diese Menschenscheu auszureden, selbst wenn wir es könnten. Sie wissen warum. Wie gut sie sich auch vor Fremden zu beherrschen weiß – Sie waren ihr vom ersten Augenblick kein Fremder – einmal würde der Moment doch kommen, wo sie, – etwa durch Widerspruch gereizt, oder außer sich gebracht durch die sklavische Gesinnung, die in den vornehmen Kreisen am meisten grassiert – sich nicht mehr zu beherrschen vermöchte, ihr großes Geheimnis verriete, und eine Scene herbeiführte, vor der ich schon in der bloßen Vorstellung schaudre. So habe auch ich – von Adalbert spreche ich nicht: er würde sich doch durch niemand und durch nichts in seinen einsamen Wegen stören lassen – die Liebenswürdigkeiten der Vogtriz, Vater und Tochter, für mein Teil ablehnen zu müssen geglaubt, so schwer es mir, offen gestanden, wurde. Ich bin keine geniale Natur wie Adalbert, aber ich möchte mich gern zu den edlen Menschen rechnen dürfen, und Sie wissen aus Ihrem Goethe, daß ein edler Mensch nicht einem engen Kreise seine Bildung danken kann. Und dann – nun aber merken Sie wohl auf! – Eleonore, oder, wie sie sich lieber nennen hört: Ellinor Vogtriz ist ein selten schönes und selten reizendes, ja geradezu bezauberndes Geschöpf, mit dem zu verkehren eitel Wonne ist, wie eine balsamische Luft zu atmen, oder eine schöne Musik zu hören – für ein klosterhaftes Mädchen, wie ich. Was es für einen Jüngling sein mag, der mit tausend Masten in den Ozean hinausstrebt, wie Sie – oder streben sollte – das wage ich schon gar nicht zu denken, geschweige denn zu sagen.

Und nun bin ich vollends entschlossen, hier zu bleiben; sagte ich mit einem Ton der Leidenschaftlichkeit, der in unserem Verkehr ein ganz fremder war und Marias klare Augen mit einem seltsam fragenden, ja erschrockenen Ausdruck sich auf mich wenden machte.

Aber bevor sie das passende Wort fand, uns aus der Verwirrung, in die wir nun beide geraten waren, zu lösen, wurde an die Thür gepocht, und auf Marias Herein trat die hohe Gestalt des Majors von Vogtriz in das niedrige Zimmer.

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