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Was will das werden? Erster Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Erster Theil - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Erster Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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Erstes Buch.

I.

Ich habe es später stets als seltsam, aber auch als für mich charakteristisch angesehen, daß ein wirklicher Traum die Pforte war, durch welche ich aus der traumhaften Dämmerung der Kinderzeit in das hellere Licht getreten bin, welches das erwachende Bewußtsein über die Knabenjahre breitet.

Es mag da auch eine Täuschung unterlaufen: ich habe gewiß schon vorher die Menschen und die Dinge gesehen und mir meine kindischen Gedanken darüber gemacht; aber was ich, und was um mich her vor dem Traum war, und das Nachher – es sind doch für meine Erinnerung zwei scharf gesonderte Sphären, wie des Mondes beleuchteter Rand und sein übriges Rund, das sich nur kaum in matterem Blau von dem dunklen Azur des nächtlichen Himmels abhebt. Ja, ich habe die Empfindung, als ob jener Abend nur deshalb nicht, wie alle, die vorhergingen, für mich in der Nacht der Vergessenheit versunken ist, sondern deutlich vor meinem inneren Auge steht, weil er gleichsam schon die Schwelle ist jener Traumespforte. Und selbst auf das Bild der goldenen Mondessichel mit der mattblauen Scheibe dahinter wäre ich schwerlich jetzt verfallen, nur daß gerade an jenem Frühlingsabend das himmlische Gestirn diesen Anblick bot, und ich, der ich das Wunder zum erstenmale bemerkte, meinen Kameraden Emil Israel darauf aufmerksam machte, mit dem ich in dem Gäßchen vor den Thoren unsrer benachbarten elterlichen Wohnungen spielte. Aber Emil sagte, er könne das nicht sehen und nicht den Stern, der rechts unter der Mondsichel stand; und der Mond habe keine Messingränder, sondern Fransen nach allen Seiten – rote und gelbe – wie seiner Mutter Umschlagetuch – und wir wollten lieber weiter spielen. Da ich keine Ahnung hatte, was das ist: kurzsichtig sein, wie es doch der gute Emil schon damals in hohem Grade war, so ärgerte ich mich ein wenig über ihn, und dann hatte ich den Mond und den Aerger vergessen, und wir spielten weiter.

Das Gäßchen hinauf und hinab – hinauf, bis es in den kleinen stillen Platz vor der Johanneskirche einmündete, und hinab, bis aus der ersten der drei oder vier Matrosenkneipen an dem anderen Ende nach dem Hafen Gesang und Lärm unsre lauschenden Ohren trafen. Weiter durfte Emil nicht: sein Papa hatte es ihm streng verboten; und es hätte des Verbotes wohl nicht einmal bedurft bei dem schüchternen Jungen, den ein Zittern befiel, wollte ich ihn einmal verführen, die geheiligte Grenze zu überschreiten. Dann sagte er: thu's nicht, Lothar, es sind böse Menschen! und faßte mich bei der Hand. Und wir liefen die Gasse wieder hinauf und lachten über die ausgestandene Angst, an der ich, trotz meines gespielten Wagemutes, doch wohl mein gemessenes Teil hatte; und waren glücklich, wie es eben nur Kinder sein können, zumal in solcher Stunde, wo in der hereinbrechenden Nacht ihre kleinen Lebensflammen aufleuchten wie die Sterne; die frischere Luft ihre zarten Busen mit himmlischem Atem und die feinen Gliederchen mit elastischer Kraft füllt, daß sie sich nicht wundern würden, wenn sie plötzlich von dem holprigen Pflaster sich heben und hinüber und herüber durch den Aether schweben könnten wie zwitschernde Schwalben.

Dann sitzen wir auf der Bank neben den Hausthürstufen unter den Fenstern von »Großmutters Stube«; aber Großmutter ist halb taub und macht ihr Fenster nie auf; so können wir uns ungestört unsre kleinen Geschichten erzählen Vielmehr ich erzähle und Emil hört zu. Emil erlebt nie etwas; mir begegnet Merkwürdiges zu allen Zeiten. Ich habe freilich in diesem Augenblick eine Ahnung davon, daß ich den schwarzen Kater mit den feurigen Augen auf dem Schimmel in Nachbar Hopps Pferdestall weder gestern abend, wie ich behaupte, noch jemals habe sitzen sehen; aber indem ich es erzähle, werde ich immer dreister; denn nun sehe ich ihn doch leibhaftig mit dem krummen Buckel und dem hochgestellten Schweif, und er faucht mich an, und der alte Schimmel schnauft vor Angst und schüttelt sich – da fällt der Kater herunter und fliegt als Fledermaus zum Stallfenster hinaus.

Emil drückt sich bei dieser grausigen Geschichte näher an mich, sagt aber doch: weiter, Lothar! wie jedesmal, ich mag nun erzählen, was ich will. Es fällt mir just nichts ein, und ich schlage vor, noch ein bißchen zu spielen. Da kommt der »malle Heinrich« und setzt sich zu uns auf die Bank, die wohl nur für zwei Personen ist. Aber Emil und ich brauchen zusammen nicht viel Platz, und der »malle Heinrich« nimmt auch keinen großen Raum ein: ein fadendürrer, schlottriger alter Mensch, der von der Stadt das Gnadenbrot empfängt, und den man frei umher laufen läßt, weil sein Blödsinn völlig harmlos ist.

Es ist die zweite der Stunden, an denen der »malle Heinrich« umgeht: die neunte Abendstunde; die andre ist die sechste des Morgens. Was er in der Zwischenzeit vornimmt, weiß kein Mensch. Zu diesen Stunden aber schweift er durch die Gassen, immer still vor sich hin lächelnd und mit sich selbst halblaut schwatzend, glückselig, wenn ihn, was selten geschieht, einer des Wortes würdigt, und er demselben aus der großen Zeit seines Lebens erzählen kann. Das war vor einem Lebensalter, als er die Stadtmusikanten, die von dem Turm der Hauptkirche den Tag an- und abblasen mußten, regelmäßig begleitet hat zu ihrem luftigen Orchester oben, nachdem er ihnen unten die Thurmthür aufgeschlossen. Er ist schon damals blödsinnig gewesen; aber die Musikanten haben sich die Gesellschaft des kleinen Küsterjungen gern gefallen lassen, besonders des Winterabends, wenn er wie eine Katze mit der Laterne die steilen Treppen vor ihnen her hinauflief, plappernd, immer plappernd, und glückselig lachend, daß auch dem furchtsamsten Neuling die Angst darüber vergehen mußte.

Denn die Musik, die schöne Musik, da oben auf dem Turm hören zu dürfen, das ist seine Glückseligkeit. Er kennt keine andere, er verlangt nach keiner anderen, er denkt an keine andere, er träumt, er spricht von keiner anderen, heute wie vor dreißig Jahren. Nur daß heute in seinem armen wirren Kopfe alles sich verändert hat. Zum Beispiel die Nikolaikirche selbst. Seitdem die schöne Musik oben nicht mehr gemacht wird, ist der Turm kaum größer als die anderen Türme; damals hat er bis halb in den Himmel geragt. Und aus den Schallluken heraus hat man an hellen Sommermorgen die ganze Welt sehen können von einem Ende bis zum anderen, alles im wunderschönsten Sonnenschein, während oben sich der blaue Himmel aufgethan hat. Den lieben Gott kann man nicht sehen: der sitzt auf der Sonne in lauter Glanz und Schimmer; da muß man die Augen zumachen. Aber die Engel hat er dann manchmal gesehen durch die geschlossenen Augen: sie haben rote und grüne und blaue Flügel und tanzen Ringel-Ringel-Rosenkranz. Sobald man aber die Augen wieder aufmacht, husch! sind die Engel im Himmel. Ein paarmal, als sie nicht schnell genug hinaufkonnten, haben sie sich in weiße Tauben verwandelt, und sind mit den anderen Tauben geflogen – Konsul Riekelmann seinen Tauben – ein paarmal rund herum um den Turm. Dann haben sie sich aufgeschwungen und husch! durch die blaue Luft wieder zurück in den Himmel. Es gibt aber auch böse Geister, die können sich verwandeln in schwarze Dohlen und glotzäugige Eulen. Sie kommen des Abends in der Dunkelheit und krächzen und schreien um den Turm, klappern mit den Läden an den Luken und pfeifen und heulen aus Leibeskräften. Denn die schöne Musik können sie für den Tod nicht leiden und möchten sie zerreißen, sobald sie aus den Luken herauskommt. Manchmal haben sie auch ganze Stücke abgerissen, und die Musikanten haben dann blasen müssen aus Leibeskräften: Nun danket alle Gott! Da sind die Teufel gar wild geworden, und haben an den Turm geschlagen und gerüttelt, daß er gewackelt hat. Am anderen Morgen aber hat Gottes Sonnenthron noch einmal so herrlich geglänzt, und die Luft ist ganz voll von schönen Engeln gewesen, blauen, roten und grünen, und haben Ringel-Ringel-Rosenkranz getanzt zu der schönen Musik.

Hast Du denn auch blasen können, maller Heinrich? frage ich.

Ich weiß aber, daß er das nur hören will, wenn er auch sehr verschämt thut und sich bitten läßt: Blase einmal, maller Heinrich: »Wie schön leucht' uns der Morgenstern!«

Das kann man nur am Morgen blasen; sagt der malle Heinrich.

Dann was anderes!

Horch!

Von der nahen Johanneskirche schlägt es neun. Der malle Heinrich lauscht und zählt, und sobald der letzte Schlag verklungen, beginnt er auf der hohlen Hand zu blasen: Nun danket alle Gott! und wenn die Töne zu hoch oder zu tief werden, singt er den Text mit dünner meckernder Stimme, und dann bläst er wieder, und ich höre eifrig zu und blicke nach der Mondsichel hinauf, an der Wölkchen vorüber ziehen mit gelben und rötlichen Rändern, die wie Flügel aussehen, und denke an die Engel, die des Morgens um Gottes Sonnenthron tanzen und manchmal sich in weiße Tauben verwandeln, als ich plötzlich einen Schritt neben uns höre, und der malle Heinrich jäh verstummt.

Vor uns aber steht mein Stiefbruder August, der Schlosserlehrling, die Mütze schief auf dem Krauskopf, die beiden Hände in den Taschen. Er kommt gewiß wieder aus einer von den Matrosenkneipen und ist berauscht. Nun schlägt er ein Gelächter auf, das mir häßlich durch die stille, mit Engelsträumen gefüllte Seele schrillt, und ruft: Was thust Du hier auf unserer Bank, maller Heinrich? Und in demselben Augenblick hat er den alten Mann mit kräftigen Fäusten an den Schultern gepackt und von der Bank gerissen. Der arme Mensch taumelt ein paar Schritte seitwärts, stolpert und fällt, wobei er in ein klägliches Weinen ausbricht, wie ein kleines Kind. In dem Moment stürze ich mich auf August und schlage blindwütend auf ihn los. Er ist so viel älter als ich, und ich könnte ebensogut hoffen, den Turm der Johanneskirche umzuwerfen, als den Riesen niederzuringen. Ein lächerlicher Kampf, und doch ein Kampf, denn so oft er mich, halb lachend, halb ärgerlich, von sich abschüttelt, ich schnelle wieder empor, springe gegen ihn an, klammre mich an seine Beine, kämpfe mich um seinen Hals, bis er mich wütend von sich schleudert, und ich mit der Stirn auf die scharfe Kante einer der Stufen der Hausthürtreppe schlage. Einen Schmerz fühle ich nicht, nur ein fürchterliches Dröhnen durch den Kopf und raffe mich sofort wieder auf; aber die Häusergiebel tanzen um mich her, die Mondsichel fällt vom Himmel, mir gerade auf die Stirn; durch die Gasse vom Hafen saust und braust das Meer heran und schlägt über mir zusammen.

Als ich erwache, liege ich in meinem Bett und sehe beim matten Schein der Lampe, vor die irgend etwas gestellt ist, das Gesicht des Vaters, der an meinem Bett sitzt und gesenkten Hauptes bekümmert vor sich hinstarrt. Ich mag mich wohl geregt haben, denn er blickt schnell auf; ein freudiges Lächeln fliegt über das liebe blasse Gesicht, während er schnell in ein Waschbecken greift, das auf dem Stuhle bereit steht, die heiße Kompresse auf meiner Stirn mit einer frischen zu vertauschen. Das thut so wohl, und ich habe die Empfindung, daß keine andere Hand so leicht und zart sein könnte, wie des Vaters Hand; und will ihm danken und ihm sagen, daß ich gar nicht krank sei, und er sich nicht ängstigen solle. Ich bringe es nicht über die Lippen. Plötzlich steht auch meine Mutter an dem Bett; sie mag eben erst aus der Tiefe des Zimmers herangetreten sein, oder hat zu meinen Häupten gesessen und sich just erhoben. Meine Blicke gehen von dem Vater, der dasitzt, zu der Mutter, die neben ihm steht, und ich bin sehr verwundert, denn der Vater hat mich schon oft zu Bett gebracht, die Mutter nie; und ganz gewiß habe ich sie zusammen nie vor meinem Bette gesehen. Ich bin also wohl recht krank und will aus großem Mitleid mit mir anfangen zu weinen, bis mir plötzlich einfällt, daß, wenn ich sehr krank bin, ich morgen nicht zur Schule zu gehen brauche und den ganzen Tag spielen darf im Hof und in dem Wallgarten, oder beim Vater in der Werkstatt, während er hobelt und schneidet und leimt, und ich auch hoble und schneide und leime, aber keinen Sarg für Nachbar Hopps Gustav, sondern ein schönes großes Segelboot, das ich hinter dem Wall im Wasser schwimmen lassen kann.

So lächle ich denn dem guten Vater zu, ganz schon im Geist bei dem schönen Spiel morgen und schlafe wieder ein und spiele weiter im Traum.

Aber nicht im Hof, im Wallgarten oder bei dem guten Vater in der Werkstatt, sondern in einem großen grünen Walde. Es kann auch eine Wiese sein, nur daß dann die Gräser so hoch wie Bäume sind, die sich geschmeidig auseinander thun, wenn ich hindurch will, die bunten Blumen zu pflücken, welche unten wachsen. Manchmal sind die Bäume hoch über mir, daß ich nicht hinauflangen kann, und wiegen die roten Kelche hin und her, während bunte Vögel mit breiten weichen Flügeln um sie flattern. Ich weiß freilich, daß es keine Vögel, sondern Schmetterlinge sind, nur daß ich so große und bunte nie gesehen habe. Dann ist der Wald zu Ende, und vor mir breitet sich ein Wasser, das blitzt und blinkt im Sonnenschein, indem es an mir vorüberschießt. Oder ist es unter mir? Wohl unter mir, denn die großen Vögel, die unten auf dem Wasser schwimmen und, sich aus dem Wasser aufrichtend, mit den Flügeln nach mir schlagen und dazu die Schnäbel aussperren und laut quaken, schießen unter meinen Füßen weg, und ich schwebe wie in der Luft und staune den mächtigen Wasserberg an, in welchem sich immer etwas Dunkles klappernd dreht; und oben über dem klappernden Wasserberg hängt eine weiße Wolke, in der schimmert es in allen Farben; und manchmal fliegt von der schimmernden Wolke etwas zu mir herüber und näßt mir das Gesicht und das Kleidchen. Es ist ein weißes Kleidchen, und ich wundere mich, wie ich in das weiße Kleidchen komme, das sich doch gar nicht für einen Quintaner schickt. Ich knüpfe das rote Schälchen, das ich um den Leib habe, ab, um damit nach den Enten zu schlagen und kniee auf dem Brückensteg, der auf einmal unter mir zittert; und dann hat mich ein Mann von dem Rande weggerissen und trägt mich von der Brücke und über den grünen Wald, in welchem ich vorher gespielt habe, der aber nun, wie mich der Mann in seinen Armen trägt, tief unter mir liegt. Ich habe mich unterdessen von meinem Schrecken erholt und weil die blauen Augen des Mannes so dicht über mir sind und so glänzen, fasse ich danach, kann aber nur bis an seinen Bart langen, an dem ich ihn zause. Er lacht und legt mich lachend einer Frau auf den Schoß, die mich mit Küssen bedeckt, während der Mann dabei steht und mit den glänzenden Augen von seiner Höhe auf uns herabsieht.

Der Traum wandelt sich. Wieder schimmern die glänzenden Augen über mir, aber jetzt nicht in Güte, sondern in Zorn; und der Mann hebt sich aus einem Stuhle auf, vor dem meine Mutter auf den Knieen liegt und mich an sich zieht; und ich kniee neben ihr. Ich weiß nicht, wie wir dahingekommen sind; ich weiß auch, daß ich noch nie in dem Raum gewesen bin, der mir endlos scheint, und in welchem ich mich verwundert umsehe, während ich so auf den Knieen liege mit gefalteten Händen. Auf dem Tisch steht eine Lampe, und der ungeheure Raum ist mit einem goldigen Halbdunkel gefüllt, aus dem hie und da Gesichter blicken, dazu stehen seltsame stille weiße Gestalten umher, vor denen ich mich fürchte, so daß ich die Mutter am Kleide zupfe: wir möchten doch fort! Die Mutter hört nicht auf mich, und ich fange an zu weinen; die Mutter weint nicht, sondern steht jetzt aufgerichtet mit hocherhobenem Arm und spricht heftig gegen den Mann, der ihr den Rücken gewandt hat. Dann ist es nicht mehr in dem goldschimmernden Raum mit den Gesichtern und Gestalten, die aus dem goldigen Halbdunkel quillen, sondern draußen im Freien, und die Mutter schluchzt immer leise vor sich hin, während sie mich so durch die Nacht trägt, und die Sterne oben flimmern. Zuletzt sind wir vor dem klappernden Wasserberg. Ich weiß es, obgleich es jetzt dunkel ist, und ich den Wasserberg nicht sehe, sondern nur sein Klappern höre, und fühle, wie er mich mit seinem kalten Atem anhaucht. Die Mutter steht mit mir an dem Geländer des Stegs, und ich sehe unten im Wasser die Sterne tanzen. Sie biegt sich über das Geländer; ich fange an, mich zu ängstigen, ich weiß nicht, ob deshalb, weil sie so weint, oder weil ich fürchte, sie wird mich fallen lassen; und ich klammere die Aermchen fest um ihren Nacken. Sie drückt und preßt mich an sich; und dann verschlingt sie und mich etwas Fürchterliches, das ganz schwarz und kalt ist und saust und braust.

Ueber dem Fürchterlichen fahre ich mit einem Schrei aus meinem Fieberschlaf auf und starre um mich her. Es dauert einige Zeit, bis ich mich zurecht finde. Der Traum ist so sonderbar deutlich gewesen. Ich blicke nach den Gesichtern und Gestalten, die aus dem goldigen Halbdunkel hervorgeblickt und geschimmert haben, und frage den Vater, wo sie geblieben sind? Der Vater murmelt etwas von Wiederschlafensollen, während er mir eine frische Kompresse auf die Stirn legt, in der ich jetzt arge Schmerzen habe. Wie er sich dabei über mich beugt mit seinem lieben guten blassen Gesicht, ist es mir, als ob ich ihn zum erstenmale sähe. Und ich sehe, daß er ein alter Mann ist und nicht der Mann mit den blitzenden blauen Augen gewesen sein kann, vor dem meine Mutter und ich auf den Knieen gelegen haben.

Ich richte mich auf dem Ellbogen auf und blicke nach der Mutter um, als ob ich ihr diese sonderbare Entdeckung mitteilen müßte. Die Mutter ist nicht mehr da. Der Vater fragt mich, ob ich trinken wolle? Ich sage: ja, und trinke gierig ein paar Schlucke aus dem Glas, das er mir an den Mund hält. Dann sinke ich auf das Kissen zurück und starre in das gute, blasse, bekümmerte Gesicht des alten Mannes, und denke an den schönen Mann mit den blitzenden Augen, bis ich, was wohl schon nach wenigen Sekunden geschehen sein mag, wieder in meinen Fieberschlaf verfalle.

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