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Was will das werden? Erster Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Erster Theil - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Erster Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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V.

Von der Stunde dieses zweiten gemeinsamen Nachhausegehens verfolgte mich das Gedenken des rätselhaften Genossen Tag und Nacht; denn selbst in meinen Träumen erschien mir sein düsteres Bild, hörte ich seine geheimnisvolle Rede. Es wäre das wohl nicht gewesen, hätte ich mich nicht schon vorher, ohne darauf zu achten und ohne mir dessen bewußt zu werden, innerlich so viel mit ihm beschäftigt, so daß die Flut, welche jetzt plötzlich über mich zu kommen schien, längst vorher aufgestaut war. Ich würde sonst auch nicht, wie ich es doch gethan, mich über seine Verhältnisse zu unterrichten gesucht haben. Aber Schlagododro, der einzige, an den ich mich um Auskunft wenden konnte – sein Onkel und der Vater Adalberts waren früher Offiziere in demselben Regiment gewesen – wußte wenig. Der Onkel spräche nicht gern von den Werins, in deren Geschichte diverse dunkle Punkte zu sein schienen. Auch habe Frau von Werin, nachdem sie sich vor einem halben Jahre aus dem kleinen benachbarten Hafenorte in unsre Stadt gewandt, das freundlichste Entgegenkommen des Onkels hartnäckig zurückgewiesen.

Nun, und wie mich Werin behandelt hat, fuhr Schlagododro fort, hast Du ja selbst gesehen. Ich bin unmenschlich höflich zu ihm gewesen, um des Onkels willen, der mich darum gebeten hatte, und weil mir der arme Teufel leid that, der immer allein umherirrte, wie eine Seele, die Charon am andern Ufer vergessen hat. Will ihn in seinem Vergnügen nicht stören. Wenn's ihm Spaß macht, zwischen uns umherzusteigen, wie der Storch im Salat, mich geniert es nicht. Und Dir, Kind, wenn ich Dir raten darf, bleibe ihm aus dem Wege. Der Storch hat einen langen Schnabel und schluckt den Frosch über, ehe der arme Kerl es merkt.

Es waren nämlich bereits wieder mehrere Tage vergangen, ohne daß ich den versprochenen Besuch gemacht hätte, aber Schlagododro, obgleich ich mich hütete, ein Wort davon verlauten zu lassen, mochte mit dem eifersüchtigen Gemüt eines liebenden Freundes meine Absicht ahnen. Kam ich mir doch selbst wie ein Verräter vor, als ich endlich am nächsten Sonnabend, dem letzten Tage, welchen ich mir gestellt hatte, gegen abend, nachdem ich mich von Schlagododro unter irgend einem Vorwande frei gemacht, den Weg nach der nahen Fährstraße einschlug. Es umwitterte mich etwas wie die Ahnung, daß ich im Begriff stand, das Fahrzeug meines Schicksals in eine andere Bahn zu lenken. Als ob wir lenken könnten, wo wir doch nur einfach getrieben werden von einer unwiderstehlichen Gewalt, die wir außer uns suchen, und die doch nirgends wohnt, als in den unerforschbaren Tiefen der eigenen Seele!

Jene Kinder, welche Tag und Nacht auf der Fährstraße zu spielen schienen, glotzten mich, als ich an ihnen vorüberging, mit frechen Augen verwundert an und brachen in ein Geheul aus, indem ich nun nach dem Häuschen abbog, das mir von Adalbert bezeichnet worden war. Offenbar hatten sie mich auf eben dies Haus taxiert und gaben nun der Befriedigung über die Richtigkeit ihrer Konjektur diesen lärmenden Ausdruck. Mit denselben Zeichen der Teilnahme, (denn sie waren mir auf dem Fuße gefolgt und standen jetzt, zu einem Rudel geballt, hinter mir in allerdings respektvoller Entfernung) begleiteten sie mein Schellen an der Thür, das leider mehrmals vergeblich war, bis endlich geöffnet wurde und ich meinen Plagegeistern entrinnen konnte.

Die mir geöffnet hatte, war ein junges Mädchen, etwa in meinem Alter und unverkennbar Adalberts Schwester: dieselbe überschlanke Gestalt, derselbe feine schmale Kopf, dasselbe nur ins Weibliche übersetzte Gesicht mit den reinen, strengen Zügen, den wie mit einem scharfen Pinsel gezogenen Brauen über grauen klaren Augen und den feingeränderten Lippen des kleinen, fest geschlossenen Mundes. Sie war offenbar auf mein Erscheinen vorbereitet, denn sie begrüßte mich sofort mit meinem Namen, sagte mir, daß Adalbert ausgegangen sei, aber sehr bald heimkehren werde, und bat mich, inzwischen in das Wohnzimmer zu treten, wo ich auch die Mutter finden würde, die sich freue, mich kennen zu lernen.

Sie hatte das alles sehr ruhig, mit einer Stimme gesagt, die eigentlich sanft war und mir doch unfreundlich vorkam, vielleicht nur deshalb, weil, während sie sprach, auch nicht der leiseste Schimmer eines Lächelns das ernste Gesichtchen erhellt hatte. Inzwischen hatte sie mir bereits die Thür geöffnet, und ich stand einer hochgewachsenen Dame gegenüber, welche sich eben von einem mit Büchern und Papieren bedeckten, von voluminösen Aktenbündeln umgebenen Schreibtisch in der Tiefe des Zimmers erhoben zu haben schien; wenigstens hielt sie noch die Feder in der Hand. Ich bat um Entschuldigung, wenn ich gestört habe.

Keine Störung, antwortete die Matrone, nur eine willkommene Unterbrechung. Ich war in meinem Exposé an einen Punkt gelangt, welcher eine besonders scharfe Distinktion der einschlägigen politischen Verhältnisse erfordert. Der betreffende Herr, an welchen mein Schreiben adressiert ist – es ist nicht nötig, seinen Namen zu nennen – gilt allerdings für einen scharfsinnigen Kopf, und ich habe meine letzte Hoffnung auf ihn gesetzt, indessen in Dingen der hohen Politik –

Aber, Mama, – sagte die junge Dame.

Du hast recht, unterbrach sich Frau von Werin; es ist unfreundlich und unschicklich. Ich werde mich dafür in Strafe nehmen, indem ich Euch jetzt verlasse und draußen für ein kleines Abendbrot sorge, an welchem unser junger Gast hoffentlich teilnehmen wird, und das fertig sein muß, bis Adalbert zurück ist. Du weißt, Maria, er liebt es nicht, wenn in seiner Gegenwart häusliche Vorrichtungen getroffen werden.

Sie hatte bei den letzten Worten gelächelt, zwar nur flüchtig, aber ich war ihr doch sehr dankbar dafür gewesen: der ernste Ton, in welchem hier alles abgehandelt zu werden schien, hatte bereits angefangen, auf mein helleres Gemüt zu drücken.

Maria schien es bemerkt zu haben. Denn sie sagte, als die Mutter das Zimmer verlassen, und wir uns an eines der niedrigen, mit allerlei Blumen dicht bestellten Fenster gesetzt hatten:

Ich weiß nicht, ob ich mich freuen soll, daß Sie nun endlich doch gekommen sind. Um Adalberts willen freilich ist es mir sehr lieb: er ist so viel allein, das thut ihm nicht gut, und gerade auf Sie hält er große Stücke; er hat mir über Sie ein Wort gesagt, das in seinem Munde die höchste Ehre ist. Aber man darf nicht bloß an sich denken, und ich fürchte, Ihnen wird es bei uns nicht gefallen.

O, ganz gewiß! sagte ich sehr eifrig.

Sie sah mich mit den klaren grauen Augen prüfend an, und ihre Oberlippe zuckte kaum merklich, als ob sie lächeln wollte; aber sie lächelte nicht, sondern fuhr fort:

Es wäre ja so begreiflich, wenn es Ihnen bei uns nicht gefiele. Wir sind eine freudlose Familie. Sie haben von dem schweren Unglück gehört, das uns betroffen hat?

Ich schüttelte den Kopf.

Ich dachte es mir, sagte sie, und deshalb möchte ich Sie davon unterrichten – aus einem sehr egoistischen Grunde. Ich meine nämlich, wenn ich Ihnen ehrlich und offen auf einmal die Wahrheit sage, so wird das einen besseren Eindruck auf Sie machen, als wenn Sie selbst nach und nach dahinterkommen. Nicht wahr, das heißt, mit der Thür ins Haus fallen!

Wieder zuckte es kaum merklich in ihrer Oberlippe. In diesem Gesicht war etwas, das anders war, als bei den übrigen Menschen. Was aber konnte das sein?

Die klaren grauen Augen mußten in meiner Seele Tiefe lesen. Sie sagte:

Damit Sie sich nicht zum drittenmale wundern und um mit dem Geringsten anzufangen: ich kann nicht lachen.

Sie können –

Nicht lachen, wiederholte sie; – und jetzt hörte ich deutlich einen schmerzlichen Ton in ihrer sonst so gleichmäßig ruhigen Stimme anklingen; – seit dem Tode Papas. Es hat mich da in dem großen Schrecken eine Art Schlaganfall getroffen. Die Aerzte sagen, das sei etwas sehr Merkwürdiges bei meinen jungen Jahren, und auch, daß nichts weiter davon zurückgeblieben ist, als eine beiderseitige Lähmung des nervus facialis. Mir ist es besser ergangen, wie der Mama. Was brauche ich lachen zu können? ich habe so wenig Veranlassung dazu! Mama kann noch lachen, wenigstens äußerlich. Aber in ihrem Herzen ist kein Lachen; in ihrem Herzen –

Sie strich sich mit der Hand über die Stirn, und mir war, als ob sie einen Blick nach der Thür des anderen Zimmers werfe, in welchem ich die Mutter kramen hörte. Dann ruhten die klaren Augen wieder fest auf mir.

Ja so, sagte sie, das können Sie ja gar nicht verstehen. Und verzeihen Sie, wenn ich es mit den wenigsten Worten sage: der Vater war Offizier, mußte den Abschied nehmen, wurde im Steuerfach beschäftigt, von dem er nichts verstand, geriet in große Ungelegenheiten, wurde disziplinarisch seines Amtes enthoben und hat sich – vor zwei Jahren – aus Gram erschossen.

O, mein Gott! rief ich.

Nicht wahr, sagte sie, das ist furchtbar; aber auch Mama hat, wie ich, nach Papas Tode eine schwere Krankheit durchzumachen gehabt – ein Gehirnfieber; und seitdem ist sie – wissen Sie, was eine fixe Idee, eine Monomanie ist?

Ich starrte sie erschrocken an.

Ich wußte es nicht, fuhr sie ruhig fort. Ich hörte es zufällig von einem der Aerzte; ich sollte es nicht hören. Dann habe ich mir Bücher verschafft und darüber nachgelesen. Es stimmt alles ganz genau. Mama ist immer bewundert worden wegen ihres scharfen Verstandes, und den hat sie auch noch, wie Sie sich selbst überzeugen werden. Und vielleicht hat sie auch in dem anderen recht, und es liegt nicht an ihr, sondern an den Menschen, die das nicht einsehen können – oder wollen. Aber Mama glaubt, sie kann sie dazu zwingen, daß Papas Prozeß revidiert werden müsse und dabei an den Tag kommen werde, daß er zu Unrecht verurteilt ist und also gar nicht hätte zu sterben brauchen.

Ich hatte wohl, als sie so sprach, unwillkürlich nach dem Arbeitstisch geblickt mit den hohen Stößen von Büchern, Papieren und Akten.

Das ist nur ein kleiner Teil, sagte sie; oben auf dem Boden sind noch ganze Körbe voll. Die arme Mama! Es wird ihr ja doch nichts helfen; sie macht sich damit nur immer unglücklicher, und wir sind schon glücklos genug.

Sie strich sich wieder mit der Hand über die Stirn und fuhr, als ich schweigend voll inniger Teilnahme in ihr feines blasses Gesicht sah, das nicht lachen konnte, nun wieder in ihrem ruhigen Tone fort:

Sehen Sie, das wollte ich Ihnen vorher sagen, obgleich Adalbert es nicht wollte. Adalbert ist sehr klug, aber immer hat er doch nicht recht.

So vermutlich auch nicht in dem, was er Ihnen von mir gesagt hat; warf ich ein.

Lachen Sie nur, wenn es Ihnen so zu Mute ist; erwiderte sie, während es wieder in ihrer Oberlippe zuckte. Ich höre so gern lachen und lachte manchmal so gern selbst; zum Beispiel in diesem Falle, weil Sie trotz Ihrer Neugier so ehrbar thun. Und nun sollen Sie es auch hören, damit Sie nach allen Seiten Ruhe haben und nicht etwa wunder denken, was Adalbert von Ihnen gesagt hat. Er hat nichts gesagt, als: er ist ein Israelit, in dem kein Falsch ist.

Ich bin aber kein Israelit; rief ich eifrig.

Ach, wenn ich doch jetzt lachen könnte! sagte sie.

Ich fühlte, daß ich über die Dummheit, die ich eben vorgebracht hatte, und die mir alsbald klar geworden war, bis in die Stirn rot wurde; aber mir blieb keine Zeit, mich zu rechtfertigen. Auf dem Flur erschallte ein schneller Schritt; im nächsten Augenblicke kam Adalbert in das Zimmer.

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