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Was will das werden? Erster Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Erster Theil - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Erster Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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III.

Emil war bei Konsul Riekelmann Sohn als Lehrling in das Geschäft getreten und trug von Stund an Stehkragen und einen hohen Hut, was ihn in meinen Augen nicht schöner machte, da er infolge der steifen Kragen den Kopf stets krampfhaft reckte, als ob er in der Höhe des Nikolaiturms nach den Tauben von Konsul Riekelmann Vater mit blinzelnden Augen spähe; und ihm, infolge davon, der Hut immer tief im Nacken saß, wodurch er wiederum an Konsul Riekelmann Sohn erinnerte, der, seinen Hut so zu tragen, in England gelernt. Das kluge Jettchen hatte recht gehabt: ich empfand seinen Abgang von der Schule als eine wirkliche Erleichterung. Es war nun einmal schlechterdings keine Ehre mit dem guten Jungen einzulegen, und ich hatte lange genug seinetwillen mit den Altersgenossen vornehm und gering auf dem Kriegsfuße gestanden, um mich einigermaßen nach einem ehrenvollen Frieden sehnen zu dürfen. Ein solcher aber schien mir jetzt in der Klasse um so mehr gesichert, als einige Wochen später auch der, welcher der moralische Urheber der leidigen Zwischenstundenscene gewesen war, Astolf von Vogtriz, aus derselben trat. Er hatte mich freilich seit jenem Tage nicht eines Blickes, geschweige denn eines Wortes gewürdigt, trotzdem wir, ich als der Erste der Neuen, er als der Letzte der Alten, nebeneinander saßen, und lieber keine Antwort gegeben, als sich von mir »vorsagen« lassen; aber da wir einmal »nicht für einander existierten«, wie mir unnötigerweise einer seiner Freunde vermelden mußte, so war es ja besser, wenn unsre Lebenswege sich trennten. Wie bald sie wieder, und wie oft und hart sie noch später sich kreuzen sollten, ahnte ich zum Glück in meiner Freude über sein Fortgehen nicht. Uebrigens war merkwürdigerweise auch sein Abgang bereits vorher beschlossene Sache, und sein Platz auf dem Institut einer nahe gelegenen Stadt der Provinz, in welchem junge Leute von Adel zum Fähndrich »gepreßt« wurden, schon seit Ostern offen gewesen. Man hatte nur so lange gezögert, um den Schein zu vermeiden, als stehe sein Fortgehen mit der bewußten Affaire in irgend einer Beziehung.

Dies alles erfuhr ich aber durch seinen Bruder Ulrich, der inzwischen mein guter Freund geworden war, ohne sich an das Nasenrümpfen seiner zahlreichen adligen Genossen mehr zu kehren, als an die Warnungen und Ermahnungen des Direktors, seines »Nährvaters«, wie Schlagododro ihn nannte. So aber hatte ich ihn umgetauft, sobald ich mir diese Vertraulichkeit erlauben durfte, jenes Wortes eingedenk, mit dem er für mich in die Schranken getreten. Ich wollte ihn erst »Löwenherz« nennen, aber »Schlagododro« war entschieden besser, wenn er auch beim Himmel das Herz eines Löwen und die Stärke eines Löwen – beides ins Menschliche übersetzt – hatte. Nur daß seine blonde Mähne stets nach allen Seiten völlig ungesalbt starrte, und seine mächtigen Glieder ebenso höchst unköniglich durcheinander schlenkerten. Auch war ihm die Drohung, »den oder jenen totzuschlagen« sehr geläufig, wobei es denn aber sein Bewenden hatte, trotzdem er leicht zu einem Berserkerzorn gereizt werden konnte. Sich an einem Schwächeren zu vergreifen, wäre seiner Großmut unmöglich gewesen – ich könnte ebensogut silberne Löffel stehlen, sagte er – und einen ihm an Kraft Ebenbürtigen oder gar Ueberlegenen gab es in der Prima nicht. Mußte doch selbst mein Freund Fritz Brinkmann, Vollmatrose, wie er jetzt war, nachdem ihn Schlagododro, mit dem er sich im Scherz zu messen versuchte, auf dem Wall hinter dem Garten in das Gras dreimal hintereinander platt auf den Rücken geworfen, »wie einen Flunder«, sich die strammen zerschlagenen Glieder reibend, eingestehen, »daß ihm so was noch nicht vorgekommen.«

Es verging jetzt aber kaum ein Tag, daß Schlagododro nicht in das kleine Haus in der Hafengasse gestürmt wäre, welches ihm, wie er mir selbst später sagte, eine neue Welt erschlossen hatte. Ich höre ihn noch das erste Mal die enge wurmstichige Treppe zu meinem Dachstübchen heraufpoltern und an die Thür donnern, wie der Schwarze Ritter mit der Streitaxt an das Thor von Front de Bœuf's Burg. Und sehe ihn eintreten mit den rollenden verwunderten Augen, die zuerst prüfend nach der Decke fuhren, an die denn freilich die blonde Mähne beinahe streifte. Und wie er sich auf den Stuhl setzte, den ich ihm angeboten, in offenbarer Sorge, ob das wackelige Ding nicht unter ihm zusammenbrechen werde; und wie die rollenden Augen sich dann in aller Stille weiter wunderten. Denn er war viel zu zartfühlend, sich über die Aermlichkeit von Verhältnissen, in die er so zum erstenmale geraten war, eine Bemerkung zu erlauben. Im Gegenteil: er fand alles »famos«: mein Zimmerchen, die Ausstattung, das viereckige Fenster mit den vergilbten Scheiben, den halbvertrockneten Kornelkirschbaum vor dem Fenster, den stillen, feuchten Hof, über den ich ihn dann durch das Gärtchen oben auf den Wall führte, ihm von dort die Welt meiner Knabenjahre und ihre Herrlichkeit zu zeigen. Sie erschien mir nun, da ich sie gleichsam durch die Augen meines neuen Freundes sah, gar nicht so herrlich. Der Wall kam mir ungewöhnlich niedrig vor, und ich ärgerte mich sehr über die Hoppsche Wäsche, die nachbarlich von den Leinen flatterte und uns die Aussicht auf den Hafen benahm. Dazu war schon seit Tagen Ostwind und infolgedessen der Vorstrand unter dem Wall ein schwarzer, mit Topfscherben, zerbrochenen Flaschen, Korkstöpseln und dergleichen übersäeter Morast, der Kirchhof nebenbei von unterschiedlichen großen und kleinen Fischen und ein oder zwei ertränkten Katzen. Schlagododro aber fand alles »famos«, besonders Hopps Christine, welche in Begleitung ihrer Mutter und einiger Mägde – alle in sehr zweifelhaften Kostümen – zwischen den Wäscheleinen wirtschaftete und, soweit es die Entfernung irgend zuließ, mit dem blonden Hünen frei und fröhlich zu kokettieren versuchte.

Dann mußte ich ihn zu dem Vater in die Werkstatt führen, wo dann wiederum seine blauen Augen etwas zu rollen bekamen, während er, auf einem Haufen frisch geschnittener Bretter sitzend, sich so bescheiden und verständig mit dem Vater über dessen Handwerk unterhielt, als ob er demnächst in dasselbe eintreten wolle.

Dein Vater ist famos, sagte er nachdenklich, als wir wieder über den Hof nach meinem Zimmer zurückgingen; aber wo ist denn Deine Mutter?

Der Zufall wollte, daß wir ihr am Fuß der Treppe begegneten in Begleitung des Geistlichen, der sie zu irgend einem barmherzigen Besuch, wie sie deren häufig machte, abgeholt zu haben schien. Wenigstens trug sie ein mit einer Serviette zugedecktes Körben am Arm. Sie war wie immer ganz schwarz gekleidet bis auf das schmale weiße Krägelchen um den Hals; der obere Teil des Gesichts war mit einem schwarzen Spitzenschleier bedeckt. Dennoch war, als sie so, ohne sich aufzuhalten, mit flüchtig kühlem Gruß an uns vorüberschritt, von ihrem süßen Gesicht genug zu sehen gewesen, um die rollenden Augen meines Gefährten vor Verwunderung starr zu machen. Diese wunderschöne, trotz ihrer klösterlichen Einfachheit elegante Dame, die bei der Begegnung kein Wort, kaum einen Gruß für mich hatte, war meine Mutter! Der herzige Kahlkopf mit dem zerzausten grauen Bart in Hemdsärmeln, ausgetretenen Schuhen und der defekten, einst grün gewesenen Schürze dahinten in der dunkeln Werkstatt war mein Vater! – wie reimte sich das? Ich sah die Frage wohl auf seinem Gesicht und hörte sie aus der Schweigsamkeit, in welcher er während der übrigen Zeit dieses ersten Besuches verharrte – ich konnte sie ihm jetzt noch nicht beantworten.

Ich konnte es später, als wir vertrauter geworden waren, und er mit dem sicheren Takt seines Herzens das Eis der Zurückhaltung gebrochen hatte, indem er mir unaufgefordert über die Vogtrizschen Familienverhältnisse in seiner ungenierten Weise reichliche Auskunft gab.

Siehst Du, Kind, sagte er – er hatte mich so vom Vater nennen hören und der Ausdruck gefiel ihm, daß er ihn sofort adoptierte – was wir Vogtriz sind, so haben wir uns auf allen Schlachtfeldern herumgehauen, solange die Welt steht. Denn so alt sind wir wenigstens, wenn nicht noch ein bißchen älter. Viel Geld und Gut scheinen wir nie gehabt zu haben; jedenfalls niemals auf lange Zeit: »Vogtriz: Mutterwitz, aber keinen Vätersitz« – ist ein Wort über uns schon aus dem vierzehnten Jahrhundert. Na, das mit dem Mutterwitz will ich auf sich beruhen lassen: man mag damals wohl nicht viel Ansprüche nach dieser Seite gemacht haben. Mit dem »keinen Vätersitz« hat es aber seine Richtigkeit bis auf den heutigen Tag. Denn Nonnendorf, wo wir wohnen, kommt von meiner Mutter, der ich schon viel von Dir geschrieben habe, und die sich darauf freut, Dich in den großen Ferien kennen zu lernen. Na, darüber sprechen wir noch. Also: Geld und Gut hatte der Vogtriz von jeher verzweifelt wenig, brauchte aber desto mehr und mußte deshalb wohl oder übel anderen Herren, die besser zu wirtschaften verstanden, als er, Heerfolge leisten. Zumal den Hohenzollern, die uns darin und in vielen anderen Dingen entschieden über waren. Du weißt ja: Gefolgschaft – uralte germanische Sache, darauf beruhend, daß der Fürst oder König die Mannen an seinem Hochsitz schmausen und zechen läßt, und ihnen rotes Gold in Form von Bechern, Armspangen u. s. w. schenkt, wofür denn der Manne sich für den König totschlagen läßt, respektive andere Leute totschlägt und es für die größte Schande erachtet, den gütigen Herrn im Kampfe zu überleben. Nun, wieviel Leute die Vogtriz schon für die Hohenzollern totgeschlagen haben, oder wieviel von ihnen bei diesen Gelegenheiten selber totgeschlagen sind, weiß ich freilich nicht, es müßte aber auf beiden Seiten eine bös lange Liste geben. Kann ein Vogtriz seinen bedrängten Verhältnissen durch eine reiche Heirat aufhelfen, so hat er prinzipiell und praktisch nichts dagegen, wie zum Beispiel mein Vater. Auch ein Großonkel von mir, der hier nicht gutthat und in Amerika eine Millionärstochter heiratete, aber die Unvorsichtigkeit beging, bald darauf zu sterben, so daß es mit dem »Onkel aus Amerika« für uns leider nichts ist. Manchmal geht auch einer, der sich von dem traditionellen Mutterwitz eine größere Portion zutraut, in den Civildienst, wie zum Beispiel mein Onkel, der Geheimrat in Berlin, und dessen Söhne, die Jura studieren; oder ich, der ich merkwürdigerweise auch studieren will. Im allgemeinen aber sind wir Soldaten, wie der Onkel und wie auch mein Vater, bevor er heiratete, und so ein paar Schock Onkel und Vettern durch die ganze Armee. Uebrigens muß mit dem Vogtrizschen Blut irgend einmal eine gründliche Mischung stattgefunden haben, die durch die Jahrhunderte vorgehalten hat: die einen sind schwarz und schön, wie mein Onkel, den Du ja kennst, und mein Bruder; oder blond und dann häßlich, wie mein Vater und meine Wenigkeit. Das heißt: meine Kousine, Onkel Egberts Tochter hier, muß ich ausnehmen, bei Gott! Es wäre Verrat, die häßlich zu nennen; aber sie ist allerdings auch nicht in der gewöhnlichen Vogtrizschen impertinenten Weise blond, sondern in einer ganz besonderen, die eigentlich braunrot oder goldig braun ist – titianisch, glaube ich – nennen sie's – und dazu hat sie samtbraune Augen, mit denen sie einen ansehen kann, daß man ganz wirr im Kopfe davon wird. Ich wundre mich nur, daß Du sie noch nicht gesehen hast, aber freilich – na, Du wirst sie ja kennen lernen, wenn Du in den Hundstagsferien mit mir nach Nonnendorf kommst.

Dieser mein Besuch auf seinem väterlichen Gute war für Schlagododro eine abgemachte Sache, ebenso wie ich entschlossen war, nicht hinzugehen, trotzdem ich höflicherweise zugesagt hatte. Die Möglichkeit, dort seinem Bruder Astolf zu begegnen, hatte für mich gerade nichts Verlockendes; und wie lieb ich auch bereits Schlagododro gewonnen und mit jedem Tage mehr schätzen und lieben lernte, so viel war mir doch bereits klar, daß in unsern Ansichten, in unsern Empfindungen Differenzen herrschten, zwischen denen kein Ausgleich möglich schien. Ich wußte nicht, daß diese Differenzen zwischen Menschen unausbleiblich sind, von denen die einen aus alten Familien stammen, welche eine wirkliche Vergangenheit haben, deren von Geschlecht zu Geschlecht fortgeerbte Tradition ein jeder von ihnen als teures Vermächtnis und für ihn verbindliches Testament seiner Ahnen mit in's Leben nimmt; und die andern dies Leben, so zu sagen, auf eigene Faust, und ohne Verbindlichkeit nach rückwärts, beginnen können und müssen, weil sie schon nicht einmal mehr wissen, wer ihr Großvater gewesen ist. Und ich wußte nicht einmal so recht, wer mein Vater gewesen war! Hielt ich mich aber, wie ich es doch that, zu dem Manne, der mir den besten der Väter ersetzt hatte durch tausendfältige Liebe, und den ich deshalb von allen Menschen weitaus zumeist liebte, und wollte mir die Geschichte seiner Familie aneignen, nun, so geriet ich auf jenen Aeltervater, den sein Fürst auf einen Hirsch geschmiedet. Seit jener Nacht war ich ein Fürstenhasser und Republikaner, wie der Vater seiner Zeit gewesen war: ich hatte mit ihm auf der Barrikade gestanden und sie hatten mir den Finger abgeschossen, und irgend ein Vogtriz hatte Feuer kommandiert. Und hatte mit ihm im Zuchthaus gesessen, zu dem mich ein Ausnahmegericht verurteilt, dem irgend ein Vogtriz präsidiert; und war mit ihm »oben auf dem Wald« von Häschern gehetzt worden, wie sein Ahn von den fürstlichen Hunden, und sicher hatte irgend ein Vogtriz die Häscher geführt. Wie konnte ich da für die »Gefolgschaft« mich erwärmen, in welche, wie Schlagododro sagte, die Vogtriz ihren Stolz setzten! Wie für den Mann, der Schlagododros spezielle Schwärmerei war: den Ersten und Stärksten aller Mannen, den glänzenden Paladin, den getreuen Eckart, den Schirmvogt des Königtums von Gottes Gnaden! Schlimm genug für ihn in meinen Augen, wenn er eine Institution auf einem rocher de bronze befestigen half, welche die freien Griechen und Römer nie ertragen, und selbst Barbarenvölker abgeschüttelt hatten, sobald sie sich mündig fühlten!

Auf Schlagododros Stirn schwoll die Ader, und seine mächtige Faust ballte sich, wenn ich in meiner republikanischen Ueberspannung solche Blasphemien vorbrachte. – Du willst Dich nicht vor Bismarck beugen? dem Riesen? Du Wicht, Du Pygmäe, Du Nichts! schnob er wütend. – Aber, sah ich dann ihm, der mich mit einem Schlage zu Boden strecken konnte, furchtlos in die rollenden Augen, entwölkte sich sofort sein Gesicht, und er legte mir die Hand auf die Schulter: Kind, Du verstehst von diesen Dingen nichts; ich eigentlich auch nicht; und der Unterschied zwischen uns ist nur der, daß ich sie einmal verstehen werde, und für Dich, wenn Du so fortfährst, die Zeit niemals kommen wird. Denke an das, was ich Dir jetzt sage; und bessere Dich, ehe es zu spät ist!

Nein, zwischen Schlagododro und mir war eine tiefe Kluft befestigt, die keine Freundschaft überbrücken konnte. Dennoch liebte ich ihn von Herzen, und er liebte mich trotz meiner Ketzereien. – Denn siehst Du, Kind, sagte er, darauf gebe ich nichts. So hast Du Dich auch in die Sache mit dem Pastor nur hineingeredet und wirst Dich ebenso wieder hinausreden; Du bist zu klug, um Dein lebenlang ein wunderlicher Heiliger werden zu wollen, wie Dein Stiefvater, der übrigens ein prächtiger alter Herr ist. Du mußt nur erst unter Menschen kommen: zu uns nach Nonnendorf und überhaupt aus diesem kuriosen Winkel heraus. Hier wäre ich vermutlich auch nicht viel anders geworden. Nur das eine weiß ich sicher: mit Emil Israel hätte ich keine Freundschaft geschlossen.

Natürlich, sagte ich höhnisch, wie käme denn auch der Ritter zu dem Juden!

Außer, wenn er Geld braucht, erwiderte Schlagododro ruhig. Das dürfte bei den Vogtriz öfter der Fall gewesen sein; und ich fürchte, es steht sogar bereits jetzt wieder auf Nonnendorf mehr Israelsches Geld, als meinem Vater und uns lieb ist. Aber das ist es nicht. Ich könnte keines Juden Freund sein.

Hast Du denn schon den Versuch gemacht?

Schlagododro sah mich statt der Antwort mit wütenden Blicken an.

Siehst Du! fuhr ich fort: Und das ist denn Eure gerühmte Ritterlichkeit: man kennt die Menschen gar nicht, gibt sich auch nicht die geringste Mühe, sie kennen zu lernen, sondern haßt und verachtet munter drauf los. Bequem ist das allerdings sehr.

Er stierte vor sich hin.

Hast recht, sagte er. Das ist kein ehrliches Spiel – Wegelagerei, Ueberfall aus dem Hinterhalt. Man muß seinen Feinden die Stirn bieten. Denn meine, will sagen unsre Feinde werden die Juden bleiben; aber ich will ihnen wenigstens eine Chance geben. Du sollst mich bei den Israels einführen.

Ich lachte hell auf. Schlagododro in dem dunkeln muffigen Israelschen Familienzimmer! das war, wie wenn man einen grimmen Kater in die Gesellschaft von knuspernden Kornmäusen bringt!

Da ist gar nichts zu lachen, sagte Schlagododro. Ich meine es ganz ehrlich und werde mich durchaus anständig benehmen: Frau Israel gnädige Frau nennen und Herrn I. I. nicht den eisernen Schrank ausrauben, trotzdem es gerade augenblicklich um meine Kasse verteufelt schlecht bestellt ist.

Ich war plötzlich ernsthaft geworden. Die dunkeln Drohungen, welche Herr Israel an jenem Abend vor seinem eisernen Geldschrank gegen Schlagododros Vater ausgestoßen, fielen mir wieder ein, und wie gelegen dem Manne Emils Kränkung durch Astolf Vogtriz zur Ausführung seiner unfreundlichen Absichten, welche dieselben auch waren, gekommen schien. Nun mochte der zweite Bruder wieder gutmachen, was der erste gesündigt.

Indessen, wie wir auch die Sache hin und her überlegten, ein schicklicher Vorwand zur Einführung Ulrichs in das Giebelhaus wollte sich nicht finden lassen; und bald sollten Ereignisse eintreten, welche nicht nur meinem eigenen alten Verhältnis zu der Nachbarfamilie einen schwersten Stoß versetzten, sondern auch die neue Freundschaft mit Schlagododro stark ins Wanken brachten.

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