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Was will das werden? Erster Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Erster Theil - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Erster Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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II.

Ich war während der letzten Wochen selten in das Israelsche Haus gekommen: meine Einsegnungshändel, dann die Vorbereitungen zu dem Examen, das ich ehrenhalber glänzend absolvieren mußte, hatten mir wenig Zeit übrig gelassen, und dieses Wenige hatte ich darauf verwandt, Freund Emil »einzupauken«. Es war das eine harte Arbeit gewesen, und mehr als einmal hatte ich es schier aufgegeben, dem guten Jungen, der doch mit den grausamsten Logarithmen Fangball spielte, die Geheimnisse des Akkusativ cum Infinitiv jemals beizubringen. Auch heute hatte er mir durch einen haarsträubenden Optativ, den er in der Homerstunde verbrochen, die Schamröte in die Wangen getrieben; dazu der Streit, in welchen er mich in der Zwischenpause verwickelt, und der meine ohnehin schwierige Stellung in der Schule nur noch mehr gefährdete, ohne daß er, um dessenwillen ich mich so ausgesetzt, das kleinste Dankeswort für mich gehabt hätte – mit einem Worte: ich war böse auf ihn, und gerade deshalb ging ich gegen Abend hinüber, ihm meine Meinung zu sagen.

Ich fand Jettchen allein in dem dämmrigen Wohnzimmer, in welchem mir heute das konzentrierte Parfüm der vier Getreidearten auf dem Boden ausgesprochener schien, als je zuvor. Sie kam mir mit ihrer gewohnten Taubenschüchternheit entgegen und reichte mir die kleine magere Hand mit niedergeschlagenen Augen, denen ich sofort ansah, daß sie geweint hatten.

Was gibt es, Jettchen? fragte ich. Der unglückliche Emil hat doch nicht gar –

Ja, es ist Emils wegen; sagte sie schnell. Ich freue mich, daß Du gekommen bist; ich wollte so gern mit Dir darüber reden. Wir sind für den Augenblick ganz allein.

Wir hatten uns in das Fenster hinter die mit grüner Gaze bespannten Rahmen gesetzt, durch welche ein abscheuliches Licht auf das schmale blasse Gesichtchen mit den rotgeweinten Augen mir gegenüber fiel. Die Dame meiner Ritterthaten kam mir zum erstenmale entschieden häßlich vor. Ich war in der übelsten Laune, die ich höchst unritterlich an dem schuldlosen Mädchen ausließ. Es sei erbärmlich von Emil, so aus der Schule zu schwatzen und seine Leute zu Hause mit dergleichen Albernheiten zu behelligen. Wenn das noch einmal vorkomme, würde ich meine Hand von ihm ziehen und ihn seinem Schicksal überlassen.

Du wirst Dich von jetzt an nicht mehr so mit ihm zu quälen brauchen; sagte das arme, durch meine Heftigkeit vollends verschüchterte Kind. Emil soll von der Schule abgehen.

Wie? rief ich erstaunt.

Sie horchte ängstlich hin, ob sich im Hause oder an der Hausthür etwas rege und fuhr mit leiser, hastiger Stimme fort:

Es ist nicht recht, aber Dir muß ich es sagen. Vater war schon vorher entschieden, daß Emil nur noch nach Prima kommen solle, um Einjähriger werden zu können, weißt Du. Aber Doktor Lewin, unser neuer Arzt, weißt Du, hat dem Vater versichert, Emil müsse zurückgewiesen werden, schon seiner Augen wegen; er übernehme die Garantie dafür. So wäre auch das garstige Examen unnötig gewesen – ich meine garstig für Dich, denn Du hast Dich ja so mit ihm plagen müssen – aber Vater bestand darauf, er solle wenigstens einen Tag in Prima gesessen haben.

Nun, sagte ich, das kommt mir freilich unerwartet, aber schlimm ist das doch nicht. Warum hast Du denn darüber geweint?

Sie hob für einen Moment die schweren Lider, blickte aber sofort wieder in den Schoß und erwiderte fast tonlos:

Darüber nicht. Ich freue mich sogar, daß Du ihn los wirst. Je älter Ihr wurdet, eine desto schwerere Last wurde er für Dich. Einmal des Lernens und dann der andern Knaben wegen. Es war schon schlimm genug hier in der Gasse, und ich habe mich oft halb zu Tode geängstigt; aber in der Schule ist es noch schlimmer – viel schlimmer, zum Beispiel heute: Du hast Dich gegen zwölf Gegner wehren müssen –

Sechs, warf ich stolz bescheiden ein.

Gleichviel – es bringt Dir nur Schaden, zumal Du wegen der anderen Sache schon so schlecht angeschrieben bist. Und deshalb finde ich es auch nicht recht –

Sie stockte und fuhr dann mit verhaltenem Weinen fort:

Vater hätte doch nur einfach zu sagen brauchen, daß Emil abgehen solle, da ja schon alles vorher beschlossen war. Aber er ist so außer sich über die Sache in der Schule heute – und nun ist er zum Direktor gegangen, um sich darüber zu beklagen, und daß er deshalb Emil vom Gymnasium nehmen müsse. Ich habe ihn so gebeten, er solle davon nicht reden, denn jetzt würde von der Sache gewiß nicht weiter gesprochen, während es nun herauskommt, daß Du Dich gleich am ersten Tage in der Klasse gerauft hast –

Sie konnte nicht weiter vor dem Weinen, das sich in unaufhaltsamen Thränen Luft machte; kaum, daß sie noch hervorzubringen vermochte:

Nun bist Du gewiß bös und willst nichts mehr mit uns zu thun haben.

Ich war allerdings sehr entrüstet. Wer konnte wissen, wie der mir feindlich gesinnte Direktor die leidige Affaire gegen mich ausbeutete, nachdem ihm dieselbe offiziell als Grund des Abgangs eines Schülers mitgeteilt war! Ich hatte freilich den Streit nicht provoziert; aber die Vogtriz waren seine Pensionäre, und ich hatte begründete Veranlassung, auf den Gerechtigkeitssinn des Herrn Direktors nicht allzu vertrauensvoll zu bauen.

Dies überdenkend, saß ich in stummem Unmut da, während Jettchen jetzt leiser weiter weinte, als, nun doch von uns unerwartet und überhört, die Mutter hineintrat. Sie sah sofort, daß Jettchen mir alles gesagt hatte, und auch ihre Sorge war, wie ich es nehmen würde. Sogar ihre Entschuldigung war dieselbe: der Vater sei so außer sich gewesen.

Ich weiß nicht, war es die Wiederholung der identischen Worte, war es eine fast instinktive Empfindung, die im Grunde doch aus meiner intimen Kenntnis der Personen hervorging: ich konnte an das »Außersichsein« von I. I. über eine derartige Veranlassung nicht glauben. Und hatte weiter den Verdacht, daß auch die beiden Frauen daran nicht glaubten. Ich hütete mich natürlich zu sagen, was in mir vorging, und wurde auch der Mühe, meinerseits zu lügen und die Frauen durch gespielte Unbefangenheit zu beruhigen, überhoben, da jetzt die Hausthürschelle klapperte, und Herr Israel mit seiner gewohnten quecksilbernen Beweglichkeit in das Zimmer trippelte. Er stutzte, als er mich sah, faßte sich aber alsbald und bat mich, ihm in seinem Comptoir einige Minuten zu schenken. Ich folgte ihm sofort über den Flur, wo er mit zwei Schlüsseln: einem großen und einem kleinen, die Thür zum Comptoir aussperrte und mich hinein und auf ein hartes zweisitziges Sofa komplimentierte, während er selbst auf dem hohen Drehstuhl vor dem Stehpult niederhockte.

Doch nur für wenige Augenblicke, um dann aufzuspringen und, heftig gestikulierend, vor mir in dem schmalen Zimmerchen zwischen dem großen Geldschrank im Hintergrunde und dem Stehpult am Fenster auf und ab zu laufen:

Das Maß sei voll; er könne und wolle nicht mehr geduldig mit ansehen, wie sein Emil, sein einziger Sohn, mißhandelt werde aus keinem anderen Grunde, als weil er ein Jude sei und fest im Glauben seiner Väter stehe. Bis jetzt habe er es ertragen in der Hoffnung, daß aus den oberen Klassen einer gelehrten Schule dergleichen Brutalitäten ein für allemal verbannt seien. Er sei mir ja persönlich auf das innigste dankbar für den Schutz, den ich nach wie vor seinem Emil gewähre; aber dieser Schutz genüge ihm nicht; er wolle den des Gesetzes. Und der werde ihm nicht werden. Diese Ueberzeugung habe er aus seiner Konferenz mit dem Direktor gewonnen; von welchem er eben komme. Der Direktor habe nicht versprochen, den jungen Herrn Astolf von Vogtriz zu bestrafen, sondern »den Schuldigen«; und wer der sei, werde erst die Untersuchung herausstellen. – Nun, Herr Direktor, habe ich gesagt, ich habe es etwas eilig und keine Zeit, das Resultat abzuwarten, bei dem sich am Ende herausstellt, daß mein Emil »der Schuldige« ist. Ich ziehe es vor, ihn aus einer Anstalt zu nehmen, in welcher ein Knabe selbst in der obersten Klasse nicht ungestraft Jude sein kann. Das habe ich gesagt, und das Wort werde ich halten, so wahr ich Isaak Israel heiße! He?

Er hatte wieder auf dem hochbeinigen Schemel gesessen, von dem er nun bei den letzten Worten abermals wie elektrisiert herabhüpfte. Ich hatte den Mann nie so gesehen. Ich traute meinen Augen kaum und ebensowenig meinen Ohren. Was er da vorbrachte, war ja nach dem, was ich eben drüben aus Jettchens wahrhaftigem Munde gehört, ganz offenbar gelogen. Er würde Emil auf jeden Fall jetzt aus der Schule genommen haben. Welchen Grund hatte er, ein anderes Motiv vorzuschützen und aus einer einfachen Sache eine Haupt- und Staatsaktion zu machen?

Er war in dem Hindergrunde des Zimmerchens vor dem großen Geldschrank stehen geblieben, mir den Rücken zuwendend und mit den Schlüsseln in der Tasche klimpernd. Plötzlich drehte er sich wieder um und rief mit heiserer Stimme:

Wenn der Herr Direktor sagt: es müsse freilich Aergernis in die Welt kommen, wehe aber dem, durch den es käme, und damit meinen Emil meint – es gibt viel Aergernis in der Welt. He? Mir sind Leute ein Aergernis, die nicht rechnen und nie mit ihrem Gelde auskommen und sich dabei den Luxus hochmütiger Herren Söhne verstatten zu dürfen glauben. Wir werden uns nächsten Johanni wieder sprechen, der Herr von Vogtriz auf Nonnendorf und ich, wir werden uns wieder sprechen! – Wollen Sie das Wechselchen nicht prolongieren, lieber Israel? – Thut mir leid, Herr Baron, kann's beim besten Willen nicht so lang machen wie eine Judennase! He?

I. I. lachte, und es klang fast, wie das Klappern der Hausthürschelle. Es beleidigte mein Ohr, wie die Reden, die der Mann führte, mich innerlich verletzt, ja empört hatten. Ich verstand zwar von Geschäften ganz und gar nichts, hatte nur eine äußerst vage Vorstellung von einem Wechsel, glaubte aber annehmen zu dürfen, daß es ein gefährliches Ding sei, welches dem, der es in seinem eisernen Geldschrank habe, einen großen Vorteil gebe gegen den, von welchem er es habe; und daß Herr Israel sich dieses Vorteils gegen den Vater der beiden Vogtriz bedienen wolle. Und um sich desselben recht nach Herzenslust bedienen zu können, jetzt den Beleidigten spiele, ohne danach zu fragen, ob er mich – den Freund seines Sohnes – dadurch nicht in die größten Ungelegenheiten bringe. Ja, war denn das nicht buchstäblich, wie mein spöttischer Begleiter auf dem Nachhausewege gesagt hatte? Hatte ich, der Bürgersohn, mich nicht für den Judensohn nur deshalb mit den Adligen geschlagen, damit jetzt der Vater Jude sein Mütchen kühle an den Adligen auf Kosten des Bürgersohnes?

Ich erschrak über das grelle Licht, das da plötzlich in meine Seele fiel. Bisher hatte ich den kleinen Mann, der mich immer mit so ausgesuchter Höflichkeit behandelte, den ich gegen die Arbeiter und nun gar gegen seine Familie nie anders als wiederum höflich und freundlich gesehen, für das harmloseste Wesen von der Welt gehalten. Nun, wie er da vor mir in dem Zimmerchen hin und her huschte mit seltsam zappelnden Bewegungen, während des eifrigen Sprechens, das beinahe ein Kreischen war, bald die rechte, bald die linke Hand an das Ohr legend, um zu hören, ob sich auf dem Flur etwas rege, oder ich vielleicht ein Wort geäußert habe, erschien er mir wie ein böses Tier, wie eine große Ohreule, die nach Mäusen jagt. Ich konnte ihm das natürlich nicht sagen und saß schweigend da, aber der Ausdruck meiner Mienen mochte beredt genug gewesen sein, oder es war dem klugen Manne auch von selbst beigefallen, daß er seine Karten denn doch allzu offen gezeigt, selbst einem jungen Menschen gegenüber, der von dem Spiel des Lebens so wenig verstand. Wieder legte er die Hand an das Ohr: ich saß noch immer stumm. Er kam zu dem Drehstuhl zurück, hüpfte hinauf, räusperte sich und sagte – jetzt in einem ganz anderen, seinem gewohnten Ton schmeichelnder Höflichkeit, der manchmal sogar etwas Schalkhaftes hatte:

Habe Ihnen eben ein abschreckendes Beispiel gegeben, lieber Herr Lorenz, he? Ja, ja, alte Leute sollten sich nicht ereifern. Wenn das am dürren Holze geschieht, was soll an Eurem jungen grünen Holze geschehen? Und was können Sie dafür, das jetzt die Herren Gelehrten, wie früher die Herren Adligen, ihr Mütchen kühlen wollen an dem armen Juden? Der arme Jude wird ihnen zeigen – sagten Sie etwas? he? Nun ich dachte, Sie würden mich schelten, weil ich zu dem Herrn Direktor gegangen bin. War übrigens soweit ganz höflich, der Herr Direktor. Und daß Ihnen aus der Sache eine Unannehmlichkeit erwächst, daran ist nicht zu denken. Da habe ich vorgebeugt. Und auch meinem Emil dürfen Sie es nicht nachtragen; Sie müssen sein Freund bleiben. Was wäre mein Emil ohne Sie! Und – Sie sagten etwas? he? Nun, ich wollte eben bemerken: ich würde glücklich sein, wenn ich etwas dazu thun könnte, Sie meinem Emil auf die Dauer zu erhalten, immer an seiner Seite als sein Berater und starker Helfer. Mein Emil ist nicht stark –

Außer im Rechnen; murmelte ich. Herr Israel hatte es diesmal doch gehört, ohne die Hand an das Ohr gelegt zu haben. Er lächelte schalkhaft:

Außer im Rechnen! ganz recht. Und deshalb soll er auch Kaufmann werden – ich habe bereits vorläufig mit Konsul Riekelmann gesprochen – konfuser Kopf, aber die größte Firma hier am Platz – was ich sagen wollte! ja: zum Kaufmann gehört mehr als bloß Rechnen. Dazu gehört Mut, Welt- und Menschenkenntnis, ein feines Benehmen, ein einnehmendes Exterieur – lauter Dinge, die Sie entweder bereits besitzen, oder sicher mit den Jahren sich spielend aneignen werden. Sie sagten? he? Wozu auch: Sie sind viel zu klug, um es nicht längst gewußt zu haben, wo ich hinaus will. Was könnten Sie, wie heute die Weltlage ist, Besseres thun, als Kaufmann werden? Ihr Stiefvater ist ein braver Mann, aber – unter uns – in bedenklicher Weise unpraktisch. Ich sehe die Zeit kommen, wo er nur noch mit Schaden arbeitet. Ihre Frau Mutter hat, glaube ich, einiges Vermögen – Sie sagten etwas? he? – Nun, so muß ich freilich offen sein: Ihre Frau Mutter hat einiges Vermögen, das in meinem Geschäft angelegt ist, und das ich höher verzinse, als sonst üblich. Sie könnten dereinst von den Zinsen leben, das heißt: bei bescheidenen Ansprüchen. Aber wer steht Ihnen dafür, daß Ihre Frau Mutter, im Falle Ihr lieber Stiefvater stürbe, nicht wieder heiratete? Sie sagten? he? Sie halten es für unwahrscheinlich? Ganz und gar nicht: Ihre Frau Mutter ist nach meiner Rechnung etwa in der Mitte der Dreißiger, und eine selten schöne Dame, die jetzt für die Andacht lebt, aber das kann sich ändern. Und Sie sind dann auf sich angewiesen – à la bonne heure! Robinson Crusoe? he? Lamas – Kartoffeln in der Asche – Goldklumpen? he? Alles Hirngespinste, glauben Sie mir: pure Hirngespinste! In der Welt, wie sie geht und steht, da heißt es Konnexion, Protektion; Gehorsamsein, Katzenbuckeln, den Mantel nach dem Wind hängen, Ja und Nein sagen in einem Atem. Sie sagten –? Das sei nicht Ihre Art? he? Das ist es ja eben, weshalb Sie Kaufmann werden müssen. Heutzutage gibt es nur einen freien Mann: den Kaufmann – natürlich, wenn er Geld hat. Aber just ist er Kaufmann, um welches zu machen. Es giebt heutzutage keine Macht, als das Geld. Alles andere scheint nur Macht, ist aber keine. Sie müssen alle zu uns kommen: Edelleute, Bauern, Fürsten, Konservative, Liberale, selbst die Sozialdemokraten – alle! alle! alle! he?

Der kleine Mann zappelte mit Händen und Füßen, daß der Drehstuhl in die Wette mit seiner Stimme knarrte und ich dachte, er müsse herunterfallen. Der komische Anblick und des zappelnden Mannes wunderliche Sprechweise mit den »He's« und »Sie sagten« –? wirkten viel stärker als seine Lobpreisung eines Dinges, das ich so gründlich verachtete, wie das Geld. Auch war ich für meine Jahre und mein Temperament heute schon zu lange ernsthaft gewesen – ich versuchte es noch damit, daß ich die Lippen aufeinander biß, aber es that's nicht, und ich brach in ein schallendes Gelächter aus.

He? He? sagte der kleine Mann mit beiden Händen an den Ohren. Ich sprang von dem harten Sofa auf und trat zu ihm:

Verzeihen Sie, Herr Israel – es ist sehr unschicklich von mir – aber ich: ein Kaufmann und Geldmachen! – sehen Sie, da könnten Sie mich ebenso gut lebendig in Ihren eisernen Schrank –

Das Lachen wollte wieder ausbrechen, aber ich bezwang mich und sagte ganz ernsthaft:

Nein, lieber Herr Israel, wenn ich was könnte, dann würde ich machen, daß es gar kein Geld mehr in der Welt gebe, und keiner mehr zu katzenbuckeln brauchte, und alle Menschen freie Menschen wären, alle, alle!

Herr Israel saß da, ohne sich zu regen, – mit dem auf die Seite geneigten Kopf, der langen, krummen Nase, den runden, zu mir aufblinzelnden Augen und der Hand, die noch an seinem rechten Ohre lag, mehr als je einer alten Eule ähnlich, – wie ich wähnte in tiefstem Nachdenken über das, was ich eben gesagt hatte, und was mir in meinem jugendlichen Dünkel als der Abgrund der Weisheit erschien.

Und im Vollgefühl dieses meines intellektuellen und moralischen Triumphes über den armen banausischen Geldmacher stolzierte ich zum Comptoir und zum Hause hinaus.

Hinter mir, als ich die Hausthür schloß, klapperte die Schelle überlaut. Wäre ich nicht ein Triumphator gewesen, hätte ich wohl daraus das Lachen hören können, das drinnen auf seinem Drehstuhl angesichts seines eisernen Geldschrankes sicherlich in diesem Augenblick I. I. hinter dem jugendlichen Phantasten gelacht hat.

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