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Was will das werden? Erster Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Erster Theil - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Erster Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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Zweites Buch.

I.

Meine Knabenzeit war völlig zu Ende mit jener Nacht. Ich wußte es nicht, obwohl ich etwas derart spürte an der festeren Kraft, mit der ich jetzt die Dinge angriff, und der größeren Sicherheit, mit welcher ich den Menschen gegenübertrat. Vergebens, daß der Pastor Renner, der seine Heftigkeit bereuen mochte, jetzt durch freundliches Zusprechen, zuletzt durch offene Bitte, das verscheuchte Schaf zur Herde zurückzulocken suchte; vergebens, daß der Direktor, welchem er den bösen Fall anvertraut, wieder umgekehrt, zuerst mit Güte, dann gewaltsam und unter Androhung der Strafe der Nichtversetzung meine Hartnäckigkeit zu beugen oder zu brechen unternahm – ich blieb fest, ohne auch nur meine Dränger auf eine spätere Zeit zu vertrösten, in der ich etwa anderes Sinnes werden würde. Ich hörte später, daß man mich, als einen sittlich Unreifen, vom Examen habe ausschließen wollen, und daß darüber in dem Lehrerkollegium eine stürmische Scene stattgefunden. Aber Professor von Hunnius war nicht der Mann, der sich durch Heftigkeit, der kein Recht zur Seite stand, einschüchtern ließ. Er bestand darauf, daß ich versetzt, und als der Erste versetzt werden müsse; und sagte mir, daß er es gesagt, und daß ich mich nun zusammennehmen solle. Es hätte für mich der Mahnung nicht bedurft; ich wußte ohnedies, was auf dem Spiel stand, durchschiffte mutig und geschickt alle Scyllen und Charybden des Examens und löste das Wort, das der brave Mann für mich verpfändet, ehrlich ein. Die Stimme des Direktors, als er das Resultat verkündete, klang etwas rauh, und er hätte mich bei dem »Qui proficit in litteris et deficit in moribus«, mit welchem er seine Ansprache an die Versetzten schloß, nicht so grimmig zu fixieren brauchen – ich und alle wußten, daß es auf mich gemünzt war.

So erschlossen sich mir widerwillig knarrend die Pforten der Prima.

Es war an dem ersten Tage nach den Ferien in der großen Zwischenviertelstunde. Die »Alten« musterten im Vollgefühl der höheren Würde die »Füchse« und schienen, nach ihren mißvergnügten Mienen zu schließen, an den neuen Acquisitionen keine besondere Freude zu haben, besonders nicht an Emil Israel, der sich, als der Letzte, noch eben durch das Examen gedrückt hatte, und, infolgedessen, jetzt auch wieder als der Letzte still auf seinem Platze saß, durch die vielen auf ihn gerichteten übelwollenden Blicke so verschüchtert, daß er nicht mehr die kurzsichtigen Augen aufzuschlagen wagte. Ich hatte mich mit einem ganz Neuen unterhalten, einem, der von auswärts gekommen, und mir durch die ernste Miene seines blassen, feingeschnittenen Gesichtes aufgefallen war. Er hatte mir seinen Namen genannt: Adalbert von Werin, und wir wollten uns eben in eine schwierige Optativ-Frage, die in der eben stattgehabten Homerstunde nicht zum Austrag gekommen war, vertiefen, als meine Aufmerksamkeit auf unliebsame Weise abgelenkt wurde.

Vor dem armen Emil stand Astolf von Vogtriz, (der Bruder von Ulrich, welcher ebenfalls zu den »Füchsen« gehörte, während Astolf bereits ein Jahr in der Prima saß,) und ließ es sich angelegen sein, den »Judenjungen« nach Gebühr zu hänseln. Ich hatte das Wort über dem Lärm, der in der Klasse herrschte, nicht gehört, aber ich las es dem schönen Astolf förmlich von den hochmütig gekräuselten Lippen und sah, wie es den armen Emil gekränkt, an dem weinerlichen Zucken seines Mundes, das ich so gut kannte. Mit ein paar raschen Schritten war ich von meinem neuen Bekannten weg an Emils Seite und ersuchte den andern mit ruhiger Stimme, trotzdem mir bereits das Blut heftig wallte, »meinen Freund ungeschoren zu lassen«.

Die schönen hochmütigen Augen wandten sich auf mich mit einem Blick mehr des Erstaunens, als des Zornes.

Und wer bist Du denn? fragte er, mich von Kopf bis zu den Füßen messend; ich habe, soviel ich weiß, noch nicht die Ehre gehabt.

Die Ehre würde allerdings auf Deiner Seite sein, erwiderte ich, nach dem Betragen zu schließen, dessen Du Dich hier eben beflissen hast. Ich meinesteils sehe wenigstens keine Ehre darin, einen offenbar Schwächeren zu hänseln, noch dazu in einer so brutalen Weise.

Wir standen uns dicht gegenüber mit blassen Gesichtern (wenn meines, wie ich vermute, so bleich war wie seines); und daß mein Atem in kurzen Stößen kam und ging, wie der seine, hörte ich deutlich genug. Und jetzt sprühten seine Augen hellen Zorn; ich mußte im nächsten Moment einen Schlag von seiner geballten Faust erwarten. Aber er bezwang sich zu meinem Erstaunen und sagte, sich auf den Hacken umdrehend, nur so über die Schulter: Wir sprechen uns ein andermal.

Ich trage kein Verlangen danach, rief ich hinter ihm her.

Ein paar »Alte«, die der Streit herbeigelockt, schienen einen andern Ausgang erwartet zu haben und nahmen die Sache, die jener hatte fallen lassen, wieder auf. Höhnende Worte von allen Seiten, drohende Gesten. Und dann weiß ich nicht, hatte ich einen, der sich in beleidigend unbequeme Nähe herangedrängt, zurückgestoßen; hatte einer wirklich Hand an mich gelegt – plötzlich ertönte der Ruf »hinaus!« und zwölf Hände zugleich hatten mich erfaßt, die Exekution zur Ausführung zu bringen. Es war nicht so einfach, wie sie sich gedacht haben mochten: gewandt und für meine Jahre stark, wie ich war, hatte ich mich mit einer blitzschnellen gewaltsamen Bewegung von ihnen befreit, und war meinerseits zum Angreifer geworden, so daß es mir gelang, mir meine sämtlichen Gegner vom Leibe zu halten, freilich nicht, ohne die Kunst des Boxens, wie ich sie von meinen Freunden in der Hafengasse gelernt, ausgiebig zur Anwendung zu bringen. Dennoch hätte ich zweifellos der Ueberzahl der Feinde in kürzester Frist erliegen müssen, wie der wackere Ivanhoe den seinen am zweiten Tage des Turniers von Asby, wäre mir nicht, eben wie dem »Deschidado«, ein »Schwarzer Ritter« gekommen, auf den ich nicht gerechnet hatte.

Holla! rief eine helle Stimme, die den Lärm übertönte, sechs gegen einen! schämt Ihr euch nicht?

Und zwei Fäuste ergriffen in dem Schwarm einen und schleuderten ihn sechs Schritt nach links und einen zweiten und schleuderten ihn sechs Schritt nach rechts, und als sie so dem, welchem sie gehörten, freie Bahn gemacht, stand er selbst neben mir – Ulrich von Vogtriz – und seine helle Stimme rief: Kommt heran, wenn Ihr noch etwas wollt! Das sage ich Euch aber, den ersten, der sich heranwagt, schlage ich nieder, daß er das Ausstehen vergessen soll.

Es hatte offenbar keiner Lust, mit dem Hünen anzubinden, als plötzlich Astolf, der sich übrigens an der Rauferei nicht beteiligt hatte, rasch auf seinen Bruder zuschritt, der ihn mit finster zusammengezogenen Brauen erwartete. Aber bevor noch die beiden Brüder handgemein wurden, hatte ich mich zwischen sie geworfen, Ulrich zurufend: Halte mir nur die anderen vom Leibe! Mit Deinem Bruder werde ich schon selber fertig!

Hast recht, sagte Ulrich, beiseite tretend, und dann zu seinem Bruder in gutmütigen Spott: Sieh Dich vor, Astolf! es sollte mir um Deine Nase leid thun. Ich weiß, Du hältst große Stücke darauf.

Astolf schleuderte ihm ein heftiges Wort zu und wandte sich gegen mich, aber es sollte uns glücklicherweise eine Fortsetzung der leidigen, für eine Prima unerhörten Scene erspart werden; der Ordinarius, Professor Willy, trat herein, ließ unter den halb gesenkten Lidern für ein paar Momente seinen Blick über unsre glühenden Gesichter schweifen, machte dann aber mit seiner sanften Stimme nur eine Bemerkung über den häßlichen Staub, welchen wir doch schon um unsertwillen zu erregen vermeiden sollten, bestieg das Katheder, und die Lektion begann.

Eine Litteraturlektion, in der das Thema zu unserm ersten deutschen Aufsatz: »Schillers Idealismus mit besonderer Beziehung auf das ›Lied von der Glocke‹« von ihm exponiert wurde in einem Frage- und Antwortspiel, das er geschickt zu leiten wußte und von Zeit zu Zeit durch Exkurse unterbrach, in welchem er schwierigere Punkte zusammenhängend erläuterte. Es war für mich ein eigener Zauber in diesen Ergießungen, denn so mußte man sie wohl nennen. Offenbar war das Herz des Mannes in den Worten, die ihm in einem sanft dahingleitenden Strom von den schön geschwungenen Lippen flossen. Und manchmal wallte es aus dem Strom auf, aber nicht in unruhigen Wirbeln, sondern wie wenn eine Quelle aus der Tiefe nach oben dränge, ihr lauteres Wasser mit dem des Stromes zu mischen; und dann hoben sich wohl auch die halb gesenkten Lider vollends: man durfte in ein paar große, fast schwärzlich blaue Augen blicken, und die schöngeschwungenen Lippen zitterten. Ich hatte dergleichen noch nie erfahren und vernommen. Das war nicht des Pastors Feuereifer, der den Hörer versengte; das war nicht die kühle Logik, mit welcher Professor von Hunnius seinen Schülern die konfusen Köpfe zurechtsetzte – ein paarmal wurde ich wohl an den Vater erinnert, aber doch nur, wie man sich bei einer prunkhaften Zierblume, deren Duft uns berauscht, der bescheidenen Wiesenblume erinnert. Ich fühlte förmlich, wie mir dieser Rausch zu Kopf stieg, aber willig gab ich mich einer Empfindung hin, die mich über mich selbst hinauszuheben schien. Wie gebannt hing mein Blick an dem Redner, und es mochte wohl deshalb sein, daß auch sein Blick sich wiederholt auf mich wandte, und er zuletzt nur noch zu mir zu sprechen schien. Jedenfalls hatte ich alle anderen und alles andere – und gewiß die eben stattgehabte Scene – völlig vergessen und erwachte, als die Stunde zu Ende war, mit einem tiefen Atemzuge, wie aus einem schönen Traum.

Und in dieser traumhaften Stimmung war ich noch, als ich durch die Straßen, in welchen heller warmer Frühlingssonnenschein lag, allein nach Hause schlenderte: Emil Israel, mein sonstiger stetiger Begleiter auf den Schulwegen, mußte vorausgelaufen sein. Ich mochte ihn heute leicht entbehren. Durfte ich doch überzeugt sein, daß der gute Junge von dem Vortrage unseres neuen Professors kaum ein Wort verstanden habe! Ich aber wälzte, was ich vernommen, eifrig in meiner bewegten Seele und schritt so, nachdenklich, vor mich hin, als sich plötzlich der »ganz Neue«, Adalbert von Werin, zu mir gesellte. Es stellte sich heraus, daß wir so ziemlich denselben Weg hatten: er wohnte mit Mutter und Schwester in einer der Hafengasse zumeist benachbarten Straßen, die er mir nannte. Die Straße war womöglich noch weniger vornehm als die Hafengasse, ja, fast verrufen, und ich sagte mir sofort mit jenem Scharfsinn, welchen arme Knaben für dergleichen Dinge haben, daß Leute, die sich da einquartierten, mindestens nicht reich sein könnten. Eine verstohlene Musterung, die ich jetzt zum erstenmale mit der Toilette meines neuen Gefährten anstellte, schien das zu bestätigen: ein peinlich saubrer, aber auch ebenso dürftiger und augenscheinlich von einer wenig geschickten Hand, vermutlich zu Hause, gefertigter Anzug, der etwa noch zu der nachlässigen Haltung der lang aufgeschossenen hageren Gestalt, aber gar nicht zu dem vornehm spöttischen Ausdruck des feinen blassen Gesichtes stimmte. Und dieser Ausdruck trat noch deutlicher hervor, als er jetzt, nachdem wir uns soweit gefunden, plötzlich fragte:

Du schienst ja sehr erbaut von all den schönen Dingen, die uns der Herr Professor aufgetischt hat?

Ja, sagte ich erstaunt; es scheint, Du nicht?

Nein, ganz und gar nicht.

Und warum nicht?

Das ist nicht so einfach. Ich will versuchen, es in dem Aufsatz zusammenzubringen, vorausgesetzt, ich komme nicht, wie ich vermute, vorher zu der Einsicht, daß ich besser thue, meine Weisheit für mich zu behalten.

Ich möchte gern ein Stück davon hören.

Glaub' ich Dir. Vielleicht, wenn wir einmal näher miteinander bekannt sind. Vorläufig meine ich, Du hattest den besten Kommentar zu des Professors Friedens- und Eintrachtspredigt an dem erbaulichen Spektakulo vor der Stunde.

Was hat das mit der »Glocke« zu thun?

Es ist eben ein Kommentar. Wie heißt es doch gleich:

»Dem Schicksal leihe sie die Zunge;
Selbst herzlos, ohne Mitgefühl,
Begleite sie mit ihrem Schwunge
Des Lebens wechselvolles Spiel.«

Nun, und das Schicksal von langnasigen Judenjungen ist, daß sie von hochnasigen adligen Jungen geprügelt werden, und daß, um etwas Abwechselung in das Spiel zu bringen, ein braver Bürgerssohn – Du sagtest, Dein Vater sei Tischler? – sich für den Juden mit den Adligen rauft, damit zuguterletzt der Jude beiden, Adligen und Bürgerlichen, die Haut über die Ohren zieht. Und da die Glocke eingestandenermaßen »selbst herzlos« ist, so kann sie ja auch »ohne Mitgefühl« die saubere Bescherung mit ansehen, oder gefälligst »mit dem Schwunge« begleiten.

Wenn Du es so nimmst, sagte ich; aber so ist es nicht zu nehmen. Einmal ist das »Schicksal«, wie wir vom Professor gehört haben, eine Idee, welche Schiller aus der griechischen Weltanschauung in seinen idealen Humanismus hinübergenommen hat, und auf die wir deshalb nicht allzuviel Gewicht legen dürfen. Und zweitens, wenn das Schicksal oder das Los der Menschen hart ist, und Kampf und Zwietracht unter ihnen herrschen, so ist es ja eben die Aufgabe des Idealismus und Humanismus, diese Gegensätze zu mildern, auszugleichen und uns durch die Schönheit zur Freiheit, das heißt zur Einigkeit und Brüderlichkeit zu führen.

Er war stehen geblieben und blickte mich mit seinem spöttischen Lächeln an:

Der Tausend! hast Du ein famoses Gedächtnis! gratuliere zu der Nummer Eins unter dem Aufsatz! Den bekannten »ewig Blinden« läßt Du aus der schönen Geschichte wohl besser weg? Du weißt, der verdammte Kerl versteht keinen Spaß und hat eine verzweifelte Neigung, mit des Lichtes Himmelsfackel auf Erden etwas unvorsichtig umzugehen, was ihm, in anbetracht, daß sie ihm nicht strahlt, auch weiter nicht groß zu verdenken ist. Das sind arge Ketzereien, nicht wahr? Vielleicht denkst Du etwas anders darüber, wenn Du so alt bist wie ich.

Wir schritten schweigend nebeneinander hin. Ich war nichts weniger als überzeugt, aber es war doch eine Saite in meiner Seele berührt, die von den krausen Reden des seltsamen Genossen widerklang. Ich weiß nicht, weshalb mir plötzlich das Bild einfiel von des Vaters Aeltervater, den sie auf einen Hirsch gebunden hatten. Mit fast scheuem Blick betrachtete ich meinen seltsamen Gefährten, der, ohne für die ihm doch neue Scenerie der Straßen die mindeste Aufmerksamkeit zu zeigen, neben mir her schlenderte.

Wie alt bist Du? fragte ich.

Achtzehn; erwiderte er. Ich war als Kind viel krank, das hat mich zurückgebracht. Auch habe ich mich erst jetzt entschieden, daß ich studieren will. Vorher sollte ich Soldat werden; bin auch schon ein paar Jahre auf einer Kadettenschule gewesen.

Wir waren an der Ecke seiner Straße angekommen. Er deutete auf ein Haus linker Hand und sagte:

Da, in der Spelunke, wohnen wir. Vielleicht besuchst Du mich einmal, wenn Du Zeit hast. Meine Mutter ist ein wenig wunderlich, was ich Dir sagen zu müssen glaube, damit Du an manchen Reden, die sie führt, keinen Anstoß nimmst. Uebrigens sehr gescheit. Von meiner Schwester sage ich nichts: sie wird Dir schon gefallen. Und, wenn ich mich nicht irre, Du ihr auch. Wirst Du kommen?

Ich versprach es. Er nickte mir zu und schlenderte die Straße hinauf. Ein paar kleine Jungen balgten sich schreiend und heulend in seinem Wege. Er ging um sie herum; aber ohne auch nur nach ihnen hinzublicken, und trat in das bezeichnete Haus, das nicht gerade eine Spelunke, wie er sagte, aber gewiß auch keine Wohnung war, wie sie sich nach meinen Begriffen für eine adlige Familie zu schicken schien.

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