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Was will das werden? Erster Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Erster Theil - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Erster Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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XI.

Es war also einmal ein armer Junge, der hieß Peter Lorenz, gerade wie ich.

Er war aber »oben vom Walde«, wie sie bei uns sagen. Und er darf gewiß sagen: sein heimisch Dorf lag nicht nur ganz »oben« auf dem Kamm, es war auch ganz »vom Walde« umgeben. Alles fürstlicher Wald. Es mochte eine Zeit gewesen sein, wo nicht aller Wald fürstlich war, oder aber die fürstlichen Hirsche hatten es zu arg getrieben. Jedenfalls ging einer seiner Aelterväter zu schlimmer Stunde, da der Mond schien, in den Wald und schoß ein paar Hirsche tot, wofür er denn auf einen lebendigen Hirsch gebunden wurde, hinter dem man die Meute losließ, die das Tier zu Tode hetzte und zerriß und seinen Aelterväter auch, der aber hoffentlich vorher schon tot war.

Es mag der letzte Fall im Lande gewesen sein, wo man so Gräßliches beging, und wohl schon ein paar Jahrhunderte her. Aber die Sage davon hatte sich erhalten, ja, war in einem Holzschnitt dargestellt worden, welcher in der einzigen Stube an der Wand dicht unter der Decke hing. Der arme Junge hatte ihn so oft angesehen: er konnte, wenn er wollte, die Augen fest zumachen und sah doch alles: den Hirsch, der sehr lange, steife Beine hatte, mit dem armen nackten Menschen auf dem Rücken, vorausspringend vor vielen Hunden, die auch alle auf sehr langen und steifen Beinen dem Walde zuliefen, über welchem eine Sonne aufging mit Strahlen nach allen Seiten. Wieder über der Sonne war der liebe Gott mit Engeln und Teufeln zur Rechten und Linken und sonst noch mancherlei, was der arme Peter aber nicht deutlich erkennen konnte, denn das Bild hatte an seiner Stelle schon viele, viele Jahre gehangen und war schier so schwarzbraun, wie der wurmstichige Rahmen, von dem Rauch, der aus dem Flur, wo die Esse stand, fortwährend in die Stube kam. Sein Vater war aber Nägelschmied, und seine Väter waren Nägelschmiede gewesen; und wer weiß, ob auch nicht schon der unglückliche Aeltervater; und ob er nicht aus eben unserem Häuschen an jenem schlimmen Morgen hervorgegangen ist. Denn alt genug war es dazu: ganz klein, auf einem Unterbau von zerbröckelnden Steinen, mit einem steinernen Treppchen, dessen Stufen völlig ausgehöhlt waren; sonst aus Holz und Lehm, alles so schief und krumm und durchlöchert und verwittert – es war ein Wunder, daß es so viele Winterstürme durchgehalten.

Denn es stürmte des Winters gar grausam da oben auf dem Walde, und es war dann bitter kalt, und die Kinder froren erbärmlich, trotzdem das Feuer auf der Esse im Flur während des Tages nie ausging, und die glühende Asche des Nachts sorgfältig zugedeckt wurde, bis der Vater sie, lange bevor der Morgen graute, wieder anschürte. Er mußte aber wohl bei der Arbeit bleiben, der gute Alte: es waren da viele hungrige Münder zu stopfen, und Nägelschmieden ist ein kümmerlich Handwerk. Für einen Sack mit tausend Nägeln, von denen jeder einzeln auf dem Amboß gehämmert werden mußte, bekam er, wenn der Preis gut war, zehn Groschen, und meistens weniger. Die Kinder wußten das am besten, denn, wenn der Vater ein paar Säcke voll fertig hatte, mußten sie dieselben hinab in die Dörfer tragen, und es dauerte oft recht lange, bis sie ihre Ware los wurden, und mußten dabei gar viel von Wind und Wetter und schlechten Menschen ausstehen. Es gab aber auch hier und da gute, die Mitleid mit den armen Kindern hatten und ihnen die Nägel abnahmen, die sie manchmal gewiß nicht einmal brauchten. Auch konnten die armen Schelme nicht sagen, daß sie sich unglücklich fühlten. An das Frieren und Hungern waren sie gewöhnt; und sie froren und hungerten ja nicht immer. Besonders des Sommers nicht, wenn die Schwämme und die Beeren im Walde wuchsen, die sie einsammelten, und mit denen die Buben sich auch manch guten Groschen verdienten, ebenso wie die Mädchen mit ihren Zöpfen, die ihnen abgeschnitten wurden, wenn sie lang genug waren, und welche die Mutter dann in der Stadt verkaufen ging. Und dann war es gar herrlich des Sommers oben im Walde: der Himmel so blau und die Bäume so hoch und grün, und durch die hohen grünen Bäume schlüpften die goldenen Sonnenstrahlen, und flogen die Vögel, die so lieblich sangen, und von denen die Kinder jeden kannten, wie auch jede Pflanze und jedes Moos im Walde. Nicht dem Namen nach, außer solchen, die sie ihnen selber gaben, denn irgend welchen Unterricht, außer etwa einem bißchen Lesen und Schreiben und Rechnen während des Winters hatten sie nicht, und von dem bißchen vergaßen sie das meiste im Laufe des Sommers wieder; und im Winter lag der Schnee oft wochenlang so hoch, daß sie nicht in die Schule konnten, welche überdies eine Viertelmeile entfernt lag. Sie wuchsen eben halb wild auf. Manche von ihnen waren, glaub' ich, nicht einmal getauft, und daß der arme Peter nicht eingesegnet war, wußte er sicher. Du wolltest etwas sagen, Kind? –

Der Vater nippte an dem Wein. Ich hatte rufen wollen: Auch Du, Vater, bist nicht eingesegnet! aber ich mochte jetzt nicht an die Frage rühren. Ich mußte fürchten, daß darüber die Erzählung des Vaters von seinen Erlebnissen eine Unterbrechung erleide, und für den Augenblick flößte mir diese ein größeres Interesse ein, als meine eigenen Angelegenheiten. Dazu war in dem Ton des Vaters, während er, ohne zu stocken, ohne jemals nach einem Worte zu suchen, erzählte, etwas so erquicklich Schlichtes und Bescheidenes, daß es mir wie Musik klang, und ich immer nur hätte zuhören mögen. Ich versicherte deshalb hastig, daß ich nichts habe fragen oder sagen wollen, und schenkte ihm, obgleich er sanft abzuwehren suchte, das Glas wieder voll. Er nippte abermals mit sichtbarem Wohlbehagen und fuhr fort:

Du kannst Dir denken, daß die Kinder aus dem kleinen Hause mußten, sobald sie zu groß wurden für das Hausieren mit den Nägelsäcken, denn ohne das Mitleid der Leute hätte das Geschäft schon gar nicht rentiert. So wurden sie durch das Land zerstreut; einer ist oben geblieben und setzt das armselige Gewerbe des Vaters in dem armseligen Häuschen fort bis auf den heutigen Tag. Die Mutter, von der Peter ein Bild in der Seele hatte, als ob sie eine steinalte Frau gewesen wäre, obgleich sie gar nicht alt geworden sein kann, war schon vorher gestorben. Nun hatte sich auch der Vater die letzten Nägel zu seinem Sarge geschmiedet. Es muß sich wohl irgend ein Nachbar der armen Verwaisten angenommen haben – oder ein Ortsvorstand, obgleich Peter nie von einem solchen gehört – genug, man hatte einen entfernten Verwandten der Mutter in einer kleinen sächsischen Stadt am Fuße des Waldes ausfindig gemacht, zu dem er in die Lehre kam. Der Onkel, so nannte er ihn, war Steinmetz. Er hatte keine leichte Zeit bei dem Onkel. Es war ein gewaltsamer, jähzorniger Mann, der fortwährend auf Gott und die ganze Welt, besonders auf die Regierung schalt, und, was für den armen Peter viel schlimmer war, bei der geringsten Veranlassung zuschlug, – Peter meinte: oft nur, weil es ihm ein körperliches Bedürfnis war. Im Grunde war es ein braver Mensch, der das Gute wollte, soweit er es eben verstand, und alles an seine Ueberzeugung setzen konnte, wie er es hernach bewiesen hat. Der arme unwissende Junge vom Walde suchte ihm möglichst zu Dank zu leben, und es wurde ihm das nicht schwer, denn er war von Natur fleißig, und die Arbeit machte ihm Freude. Der Onkel fertigte zumeist Thürschwellen und Fensterrahmen aus Sandstein, aber auch Grabsteine und Kreuze aus Granit und einer schlechten Sorte Marmor. Manchmal wünschten die Kunden auch sinnbildliche Verzierungen: ein flammendes Herz oder ein Auge Gottes, schließlich sogar Engel und sonstige Figuren. Das war aber ein Kreuz und ein Leid für den Onkel, der sich auf dergleichen nicht verstand, und so war es denn eine große Erleichterung für ihn, als sich bald herausstellte, daß Peter für solche Dinge eine natürliche Begabung hatte. Ja, er brauchte in kurzem selbst für die Engel nur noch eine ganz flüchtige Thonskizze zu machen und konnte dann sofort an die Ausführung in Marmor gehen. Der Onkel brummte freilich dazu, denn je bessere Sachen der Junge machen lernte, desto mehr solcher Bestellungen kamen; auch aus entfernteren Orten, einmal sogar aus Dresden. Die Arbeit gelang ihm besonders wohl und ein sehr berühmter Bildhauer, der sie zu sehen bekommen, bestand darauf, daß ein junger Mensch, der ohne alle Anleitung so etwas machen könne, ordentlich in die Lehre müsse. Der gute Mann hatte in seinem Leben mit ganz ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt, und er ruhte nicht – der Onkel mochte wettern, wie er wollte, – bis Peter zu ihm in das Atelier kam. –

Der Vater brach ab, führte mit zitternder Hand das Glas an den Mund, nippte hastig ein paar Tropfen, setzte das Glas wieder hin und versank in jenen ihm eigentümlichen Zustand, in welchem er alles rings um sich her vergaß. Aber wenn dann meistens seine Stirn umwölkt, und seine starren Augen trübe waren, so leuchtete jetzt förmlich sein ganzes Angesicht, während sein Blick groß und still wie auf einer weiten schönen Ferne ruhte. Das dauerte wohl eine Minute, während derer ich mich nicht zu regen, kaum zu atmen wagte. Dann strich er sich mit der Hand über die Stirn, schaute auf mich, wie jemand, der aus einem tiefen Traum erwacht und sagte, nun in einem ganz anderen helleren Ton und offenbar ohne sich zu erinnern, daß er bis dahin von sich als von einer dritten Person gesprochen hatte:

Wo war ich stehen geblieben? Ja so, in Dresden, bei Meister Rietschel. Das war eine schöne Zeit, eine goldige Zeit! Mir gings wie dem Manne, der in eine Zauberhöhle kam, wo alles von Rubinen, Smaragden und Diamanten glänzt, daß er nicht weiß, wohin er zuerst greifen soll. Ich arbeitete Tag und Nacht, ich hatte ja so viel nachzuholen, wenn man das von einem sagen kann, der, wie ich, alles von Anfang an lernen mußte. Aber der Meister half, wo und wie er konnte, und ich fand gute Gesellen, die auch halfen, und machte solche Fortschritte, daß der Meister eines Tages sagte, was ich nun noch lernen könne, müsse ich aus mir selber lernen, notabene, nachdem ich zuvor ein Jahr in Italien gewesen. Ein Stipendium hatte ich freilich nicht, brauchte ich aber auch nicht; ich hatte noch nicht verlernt, knapp zu leben und, wenn's sein mußte, zu hungern. Auch hatte ich mir etwas Geld verdient und damit ging's nach Italien. Ja, Kind, ich bin in Italien gewesen: in Florenz und Rom und weiter hinab bis Syrakus, wo ich eine herrliche Venus mit ausgraben half, von der ich an Ort und Stelle eine Kopie machte, die ich nach Hause schickte, und die mir ein tüchtiges Stück Geld eintrug, so daß ich noch ein zweites Jahr in Rom leben konnte wie ein Fürst. Bloß, daß der reichste Fürst gar nicht so glücklich sein kann, wie ein armer Künstler, wenn er sich den Tag über rechtschaffen müde gearbeitet hat an einem Werk, von dem er sich Ruhm und Ehre verspricht; und nun des Abends auf dem Monte Pincio steht, wo einem die Stadt so zu sagen unter den Füßen liegt mit der grünen Campagna dahinter, in welche die Kuppel von St. Peter hoch hinaufragt – alles rosig und purpurn überglänzt von der untergehenden Sonne. Und er, der junge Mensch da oben, in all der Herrlichkeit doch eigentlich wieder nichts sieht, als das angefangene Thonbild, das er mit nassen Lappen zugedeckt hat, als er seine dunkle Werkstatt verließ. Nur ist es jetzt fertig und kein brauner Thon mehr, sondern glänzender Marmor, aus dem, wie aus einem Spiegel, all die Schönheit wiederstrahlt, die sich da tausendfältig vor ihm breitet.

Der Vater schwieg, für den Moment überwältigt von seinen Erinnerungen; ich saß da, berauscht von dem Feuerwein und dem Märchen, das ich da vernahm. Denn das war doch gewiß ein schönes Märchen: Italien, Rom, der Monte Pincio, die Peterskirche – ich brauchte ja nur die Augen aufzumachen. Da war die enge, dumpfe Werkstatt, in der es nach Leim und Firnis roch; und da stand der Sarg, der morgen früh fortgeschafft werden sollte, für die alte Mutter Möllern aus dem Spittel!

Der Vater mußte den Blick, mit dem ich unwillkürlich den Sarg betrachtet, aufgefangen haben:

Es kommt schon, sagte er. Ich bin nun über die Höhe weg, auf der die Sonne so schön schien, und es geht bergab auf der Schattenseite; ich gehöre eben nicht zu den Menschen, die sich auf der Höhe halten können. Die müssen mehr Kraft haben, als ich, und, vor allem, nicht immer erst an andere denken und was wohl aus denen wird, wenn sie selbst, ohne sich umzusehen, ihren Weg gehen. Dabei kommt man nicht weit, aber ich habe immer gemeint: wenn Gott zugleich allmächtig und allgütig ist, kann er nur in seiner Weisheit herausgefunden haben, wie sich das zusammen reimt. Wir armen schwachköpfigen Menschen bringen es nicht fertig, und haben nur die Wahl, ob wir unserm Ehrgeiz oder unserm Herzen folgen wollen. Und für mich ist dabei nicht einmal eine Wahl gewesen; und was mir mein Herz gesagt hat, das habe ich immer gethan, ohne mir erst lange darüber den Kopf zu zerbrechen. Ich sage das aber, Kind, um dessen willen, was mir noch zu erzählen bleibt, und was ich selbst zum Teil nicht verstehen würde, wäre ich nicht überzeugt, es lag einmal in meiner Natur, so handeln zu müssen; und daß ich deshalb wieder so handeln müßte, geriete ich nochmals in dieselbe Lage und wüßte, was dabei für mich herauskommt.

Ich war also wieder in Dresden, den Kopf und die Mappe voll von allerhand schönen Entwürfen, wie sich da ein paar auf das Blatt verirrt haben. Ich hatte jetzt ein eigenes Atelier, wohnte aber bei der Witwe, bei der ich als Schüler gewohnt. Sie hatte eine einzige Tochter, die noch halb ein Kind war, als ich nach Italien ging, und inzwischen zur Jungfrau herangewachsen war. Das arme Mädchen that mir bitter leid. Der Vater war seiner Zeit ein geschätztes Modell gewesen – weißt Du, was das ist, Kind? – gut! aber als Trunkenbold gestorben, nachdem er die Seinen in tiefes Elend gebracht. Auch die Mutter hatte kein gutes Leben geführt und, grausam heftig, wie sie war, ihre schlimmen Launen immer an dem armen Kinde ausgelassen. Ich hatte es stets zu trösten gesucht und, soweit ich vermochte, in Schutz genommen und ihr gesagt, wenn ich als ein reicher und berühmter Mann wieder käme, wollte ich für sie sorgen. Nun war ich freilich noch lange kein berühmter Mann, und reich war ich gewiß nicht, aber ihr ging es mißlicher als je. Sie war in ihrer Weise hübsch geworden, und die Mutter wollte sie zwingen, auch Modell zu stehen, was für ein ordentliches Mädchen unmöglich ist. Ich sah keine andere Rettung für sie, als daß ich sie zu meiner Frau machte. Das brachte mich in meinem Geschäft just nicht weiter und, wie ich bald sehen sollte, in meiner Kunst zurück. Die Kameraden schalten oder spotteten und gingen mir aus dem Wege; auch der Meister war sehr unzufrieden, ließ mich aber deshalb nicht fallen, sondern suchte mich zu fördern, wenn auch nicht mehr so eifrig wie früher, und wandte mir einen und den anderen Auftrag zu. Es wollte mir nichts Rechtes mehr gelingen. Der Künstler muß in seinem Hause eine reine wohlige Luft atmen, und wenn es nicht der Fall ist, spürt man es bald an seinen Werken: es liegt kein Glanz mehr darauf, oder aber sie werden aus Schwächlichkeit übertrieben, wie jemand, der fühlt, daß er unrecht hat, heftig wird. Ich merkte es wohl, bevor die anderen es mir sagten. Das machte mir tiefen Kummer, hauptsächlich meines Meisters wegen, der so große Hoffnungen auf mich gesetzt hatte, die ich nun so gründlich täuschen sollte. Ich selbst that mir wohl auch leid, aber noch viel mehr leid würde mir meine Frau gethan haben, hätte ich sie entgelten lassen, woran sie doch im Grunde unschuldig war. Und mußte ich meinen Traum vom Monte Pincio fahren lassen, dereinst ein großer Künstler zu werden – ein guter Gatte und ein guter Vater konnte ich immer sein; und je mehr mein Talent nach der anderen Seite abzunehmen schien, desto kräftiger entwickelte es sich nach dieser, wie denn die verstümmelte Natur sich immer wieder zu helfen sucht. Auch die Liebe ist eine Kunst, zu der man, glaube ich, das Talent mit auf die Welt bringen muß. Dies Talent hatte ich, und das konnte mir niemand und nichts rauben. Ich liebte meine Frau von ganzem Herzen, trotzdem wir wenig zu einander paßten, und ich war überselig, als uns unser Otto geboren wurde. Dann, nach ein paar Jahren, kam auch der August; und ich hätte so still in meinem Winkel weiter leben können, – kein selbständiger Künstler mehr, aber doch ein treuer und gesuchter Gehilfe – wäre nicht das Jahr achtundvierzig über uns hereingebrochen.

Wenigstens über mich brach's herein. Ich hatte mich im Leben nicht um Politik bekümmert, wußte gar nicht, daß es so etwas auf der Welt gab. Plötzlich redete alle Welt davon – viel thörichtes Zeug, wie ich jetzt wohl sehe; aber auch manches, das ich für recht und billig schon damals hielt und dafür halte bis auf den heutigen Tag. Ich hatte mir früher die Fürsten als gräßliche Wüteriche vorgestellt, die ihren Spaß daran hatten, arme Menschen nackt auf einen Hirsch zu schnüren und sie von wilden Hunden zerreißen zu lassen, und mich schrecklich vor ihnen gefürchtet. Das that ich jetzt nicht mehr; aber eine Abneigung gegen sie und ein tiefes Mißtrauen war mir in der Seele sitzen geblieben. Ich hielt dafür, daß Menschen, die nie gefroren und gehungert hätten, nicht wissen könnten, wie den armen Leuten zu Mute sei, und was sie bedürften, und schon deshalb nicht richtig für diese Bedürfnisse sorgen könnten beim besten Willen. Und weiter, daß sie diesen Willen oft genug gar nicht haben würden, denn es sind ja schließlich auch nur Menschen, und der weiseste der Menschen hat gesagt: wo unser Schatz ist, da ist auch unser Herz. Der Schatz der Fürsten aber ist ihre Macht und Herrlichkeit, von der sie nicht lassen und lieber ihr Leben daran setzen, wie es denn so manche gethan haben. Mit einem Worte, Kind, ich war von jeher Republikaner gewesen, ohne es zu wissen, und war es jetzt wissentlich, oder wäre es doch gern gewesen, wenn es sich hätte machen lassen. Das schien nun nicht der Fall; aber dann, meinte ich, sollten die Fürsten wenigstens ihre Völker regieren, wie diese regiert sein wollten, denn die Völker seien nicht der Fürsten wegen da, sondern umgekehrt; und wenn das deutsche Volk einen Kaiser wollte, dem die anderen Fürsten gehorchen sollten in allen großen Angelegenheiten, so dürfe der, welchem es die Krone böte, nicht nein sagen, wie es doch der König von Preußen gethan hatte. Das schien mir alles so sonnenklar, und ich begriff gar nicht, wie die Leute darüber so lange Reden halten konnten, wie seiner Zeit der wackre Onkel. Und richtig, da war auch der Onkel. Er hatte gehört, daß es bei uns in Dresden bald »losgehen« werde, und war herbeigeeilt mit seiner treuen Büchse, um für »die gute Sache« zu kämpfen und zu fallen, wenn's denn sein müsse. Nun, Kind, es ging los; und er hat für die Sache, die er für die gute hielt, gekämpft und ist gefallen an meiner Seite auf der Barrikade in der Schloßstraße, mitten durch seine breite Brust und sein braves Herz geschossen.

Der Vater strich sich nachdenklich durch den grauen Bart. Mein Blick blieb mit einem ehrfurchtsvollen Schauder auf der verstümmelten Hand haften; ich brauchte jetzt nicht mehr zu fragen: warum hast du nur vier Finger? wie an jenem Morgen, als der Major hier in der Werkstatt war und auch danach fragte, und der Vater die leise Antwort gab, die ich nicht verstand. Ach, wie vieles brauchte ich jetzt nicht mehr zu fragen! und wie vieles hatte ich doch noch zu fragen! Meine Seele war in einer zitternden Erregung, als wüßte sie, daß dieser Abend über mein Leben entscheiden sollte.

War er dabei, der Major?

Der Vater nickte:

Als blutjunger Leutnant. Sie hatten ein paar Regimenter aus Preußen kommen lassen; dabei ist er auch gewesen. Er hat mich sogar selbst gefangen genommen und mir zweifellos das Leben gerettet. Denn die wütenden Soldaten wollten uns alle totschlagen, obgleich wir uns nicht mehr wehren konnten; und er hat sich mit gezogenem Degen zwischen sie und uns geworfen. Er erinnert sich natürlich des armen blutenden zerschundenen Barrikadenmannes nicht mehr; ich habe ihn sofort wieder erkannt, als ich vor acht Jahren hierher kam; ich meine, er hat sich seitdem kaum verändert.

Und dann hast Du wohl gefangen gesessen, Vater?

Dann habe ich gefangen gesessen – in Waldheim in Sachsen; man hatte mich auf Lebenszeit zum Zuchthaus verurteilt.

Auf Lebenszeit? rief ich entsetzt.

Der Tod wäre mir freilich lieber gewesen; erwiderte er mit seinem schwermütigen Lächeln, aber man fragte mich eben nicht. Ebensowenig, ob ich das Tischlern verstehe, wozu man mich kommandiert hatte, als meine Hand so weit geheilt war. Siehst Du, Kind, so bin ich Tischler geworden und auch sogleich Sargtischler. Denn es waren viele von uns in einem jämmerlichen Zustande ins Gefängnis gekommen; gar manchem zehrten Kummer, Gram und Verzweiflung am Herzen und die bange Sorge um die Ihren, die sie oft hilflos zurückgelassen; dazu die veränderte Lebensweise und – genug, der Tod hielt reiche Ernte, besonders in den ersten Jahren, und ich hatte vollauf Gelegenheit, mich in meiner neuen Kunst zu üben. Mein Fleiß und meine Geschicklichkeit blieben nicht unbemerkt; man machte mich zu einer Art von Oberarbeiter und gewährte mir sogar einen kleinen Nebenverdienst, worauf ich es eben abgesehen hatte. Konnte ich doch so aus dem Gefängnis heraus für Frau und Kinder, wenn auch kümmerlich, sorgen; das übrige, hoffte ich, würden ja wohl barmherzige Menschen thun. Da, – Kind, erschrick nicht! – da eines Tages läßt mich der Direktor rufen, um mir mitzuteilen, daß meine Frau sich habe von mir scheiden lassen, wozu sie, als Gattin eines zu entehrender Strafe Verurteilten, – abgesehen von der Lebenslänglichkeit der Strafe – berechtigt sei. Und wieder ein paar Monate später folgte dieser Mitteilung die andere, daß sie geheiratet habe. Ich war darauf gefaßt gewesen, aber die Wahl, die sie getroffen hatte, erschreckte mich: ein früherer Kollege von mir, der aber bereits, ehe ich nach Waldheim kam, in Trunk und Wüstheit schier verkommen und in den Maitagen als Spion und Verräter der Sache, zu der er sich scheinbar bekannte, gebrandmarkt war. Und ich wußte, wer die Aermste, die nie einen eigenen Willen hatte, zu diesem Schritt gedrängt, der sie ins Verderben führen mußte – sie und meine unglücklichen Kinder. Sie war für mich verloren und war verloren, und der barmherzige Tod hat denn auch bald ein Einsehen gehabt und sie erlöst. Aber die Kinder! die Kinder! Die mußte ich zu retten suchen. Acht Tage später war ich aus dem Gefängnis entsprungen.

Hurra! rief ich, und schlug dann die Augen nieder, beschämt von der tiefen Schwermut, die aus dem Auge des Vaters blickte, trotzdem er über meinen knabenhaften Enthusiasmus zu lächeln versuchte.

Nun ja, sagte er, es war eine schöne Sache, wieder einmal die Luft außerhalb der Gefängnismauern zu atmen und die Bäume des Waldes rauschen zu hören. Und dazu hatte ich jetzt Tag und Nacht Gelegenheit, denn ich lebte im Walde – in meiner Heimat – »oben auf dem Walde«, weißt Du, – wie in der Kinderzeit: von Beeren und von dem Brot, das mir der Bruder Nagelschmied und die anderen verstohlenerweise reichten, wie ich auch verstohlenerweise manchmal in einer ihrer Hütten schlief. Denn sie waren mir fortwährend hart auf der Spur, wie es denn thöricht von mir gewesen war, gerade nach der Heimat zu fliehen, wo sie mich am ehesten suchen mußten. So konnte ich auch nicht daran denken, zu den Kindern zu gelangen, trotzdem ich wußte, wo sie sich befanden. Es war gekommen, wie ich gefürchtet: der schlechte Mensch hatte sie aus dem Hause gejagt – sie und die Großmutter, trotzdem gerade diese ihm die Tochter ausgeliefert. Ich mußte also weiter und gelangte unter mancherlei Gefahren immer durch Wald und Oeden auf Pfaden, die nur Kohlenbrenner und Schmuggler kannten, über die Grenze nach Böhmen, wo ich mich einigermaßen sicher fühlen durfte und bald die Kinder samt der Großmutter nachkommen lassen konnte. Ich hatte nämlich, von einigen Gesinnungsgenossen unterstützt, das im Gefängnis erlernte Handwerk wieder aufgenommen; an die Kunst dachte ich nicht mehr; sie war und blieb mir ein Heiligtum, dessen ich mich unwürdig gemacht hatte, und das ich nie wieder betreten durfte. Auch nicht wieder betreten wollte trotz des Zuredens Deiner Mutter. Ich weiß nicht, ob sie es gutheißen würde, daß ich Dir dies alles erzähle; aber –

Der Vater machte eine kleine Pause, sich die Lippen zu netzen. Ich wagte nicht die Augen aufzuschlagen, damit er das Fieber der Erwartung, von dem ich fühlte, daß es in ihnen brennen müsse, nicht sehen möge. Meine Mutter! Zum erstenmale trat sie in die Erzählung ein. Woher? Wie? mir siedete das Blut in den Schläfen, während ich so dasaß mit, wie ich glaubte, unbefangener Miene. Sie möchte auch wohl anderen so erschienen sein; aber für das zartbesaitete Herz des Mannes mir gegenüber, das nur im Mitgefühl lebte, gab es keinen Schein.

Armes Kind, sagte er, mir über den Tisch hinüber die verstümmelte Linke auf meine Hand legend; sieh, noch einen Finger gäbe ich darum oder ein paar, könnte ich Dir nun nach so manchem Leid und Weh, von dem ich zu berichten hatte, von lauter freundlichen und erfreulichen Dingen erzählen. Aber, so wenig, wie ich mir den Finger wieder wachsen lassen kann, wie nötig ich ihn oft brauchte, so wenig kann ich die Geschichte meines Lebens, die jetzt auch die Deiner Mutter und Deine eigene wird, anders und heller machen, als sie in Wirklichkeit war, wie gern ich's möchte. Ich möchte Dir vor allem einen recht wackeren Mann zum Vater geben; aber das ist Dein Vater nicht gewesen. Er hat Deine Mutter, die, als eine Waise, bei entfernten Verwandten im südlichen Rußland aufgewachsen ist, wie es scheint, nur eines nicht unbedeutenden Vermögens willen geheiratet, das sie besaß, und das er bereits nach wenigen Monaten zum größten Teil durchgebracht hatte, als er, in einem kleinen Neste da unten in der Krim starb. Da bist Du auch geboren – auf einer Reise, die Deine Mutter zu ihm, der sie verlassen hatte, unternahm, nachdem er sie in zu später Reue an sein Sterbebett gerufen. Deine Mutter hatte sich dann nach Deutschland begeben, woher sie ursprünglich stammte, weil ihr die zweite Heimat so schwer verleidet war, und um ihre Gesundheit, welche arg gelitten hatte, wieder herzustellen. Da hat sie hier an verschiedenen Orten gelebt unter ihrem Mädchennamen – Katharina Frank – Dein Vater hieß Herold – war übrigens auch ein Deutscher – meistens in Bädern, eben ihrer erschütterten Gesundheit willen. Und gerade war sie wieder auf der Reise nach einem böhmischen Bade, als sie in unserm kleinen Orte liegen bleiben mußte, da eine schwere Krankheit zum Ausbruch kam, mit der sie sich wohl schon länger getragen hatte und die durch einen großen Schrecken befördert sein mochte, welchen sie auf der Reise gehabt. Es scheint, daß sie selbst und Du, Kind, in irgend welcher Lebensgefahr gewesen seid, aus der man euch nur eben noch gerettet hat. Ich nehme das aber aus den Phantasien ab, von denen sie während ihrer Krankheit fortwährend gequält wurde, und die ich wohl mit anhören mußte, da sie in meiner kleinen Wohnung lag. Es gab freilich einen elenden Gasthof im Ort, aber der Wirt wollte die Kranke, die ihm die anderen Gäste verscheuchte, in seinem Hause nicht dulden; so nahm ich sie auf und pflegte sie, so gut es ohne Arzt und Apotheker möglich war, mit Hilfe einer barmherzigen Schwester, welche der Geistliche des Ortes herbeigeschafft hatte. Der Geistliche war in seiner Weise ein guter Mann, und er mochte es für seine weitere Pflicht halten, daß, nachdem er die leibliche Krankheit hatte bekämpfen helfen, er nun auch die gefährdete Seele retten müsse. So wurde Deine Mutter katholisch, Kind, und ich wäre es ihr zuliebe beinahe geworden, denn ich liebte sie sehr, Deine Mutter, und hätte für sie jedes andere Opfer gern gebracht. Nur lügen konnte ich nie, und ein katholisches Bekenntnis, oder irgend ein religiöses Bekenntnis wäre jetzt für mich eine Lüge gewesen. Anders aber wollte der Priester uns nicht zusammengeben, und als er es zuletzt dennoch that, war es ein segenloser Bund. Fern sei es von mir, Deine Mutter anzuklagen! Sie hat mir nie verhehlt, daß sie mich nur aus Freundschaft und Dankbarkeit für das, was ich an ihr und Dir gethan, heiraten könne; und wenn ich trotzdem hoffte, daß sie mich, den verkommenen Künstler, der zum Handwerker geworden war, und den schon damals das feuchte Loch, in welchem er in Waldheim drei Jahre lang geschlafen, zum alten Mann gemacht hatte – daß sie mich dennoch dereinst lieben lernen würde, so war das nur einer von den vielen unerfüllten Träumen meines Lebens. Vielleicht, wenn ich wieder Künstler und ein berühmter Künstler geworden wäre! Die Möglichkeit dazu war wenigstens gegeben. Mein guter Meister hatte, ohne mein Hinzuthun und Wissen, bei dem Könige von Sachsen meine Begnadigung ausgewirkt; ich hätte, wenn nicht in Dresden, wo es nicht wohl gegangen wäre, so doch wo anders mein Heil versuchen können. Ich aber wußte, daß meine Kraft gebrochen war, daß alles Mühen und Ringen vergeblich sein und mir nur die Ruhe rauben würde, die sich nun doch nach den harten Stürmen in meiner Seele eingefunden hatte, und mir süßer dünkte als alles irdische Glück. So dachte auch Deine Mutter, nur freilich in ihrer Weise. Wir kamen überein, daß wir in der Freundschaft, zu der wir uns verbunden, nebeneinander nur für unsere Kinder leben wollten an einem stillen Ort, möglichst abgeschieden vom Getriebe der Welt. So sind wir aufgebrochen, einen solchen Ort zu finden, und zuletzt hierher in unsere Stadt gekommen. Die abgesonderte Lage, die ernste Nähe des Meeres, die Sonntagsruhe in den altertümlichen Straßen sogar an einem Werkeltage gefielen uns gar wohl, und ich, armer Thor, glaubte, es würde noch alles gut werden. Deine Mutter nahm sich, wie sie versprochen, mit treuem Ernst der Kinder an, ertrug geduldig die schlimmen Launen der Großmutter; und, wenn ich Dir ein guter Vater war, meinte ich – es hat nicht sein sollen. Kaum ein Jahr, nachdem wir uns hier niedergelassen, begannen bei Deiner Mutter die Folgen jener schweren, wohl niemals recht ausgeheilten Krankheit und des grausamen Herzeleids, welches sie so früh erfahren mußte, deutlicher hervorzutreten, daß sie allmählich so wurde, wie Du sie ja nur noch kennst: voll Abscheu vor der Welt, ängstlich jeden Verkehr meidend außer mit dem einen, dem sie anvertraut hat, was sie das Heil ihrer Seele nennt. Daß sie darüber auch die Freundschaft vergessen, die sie mir einst versprochen, – ich habe über etwas, das nur mich selbst betrifft, wenn's mich gleich hart trifft, zu klagen verlernt. Aber daß sie verlernt hat, Dir Mutter zu sein, wie es andere Mütter ihren Kindern sind – das beklage ich tief. Aber, Kind, beklagen und verklagen, nicht wahr, das sind zwei verschiedene Dinge? Wir dürfen nicht vergessen: sie ist eben krank. Und nicht wahr, Kind, wenn Du so Deiner kranken Mutter nie recht hast froh werden können, wir beide haben doch manche gute Stunde zusammen gehabt, wie auch diese wieder eine war? Und nun, Kind, das letzte Glas, wie das erste, auf Dein Wohl!

Er schenkte die Neige aus der Flasche in unsre beiden Gläser, sorgfältig darauf achtend, daß in meines mehr kam, als in seines. Als wir die geleerten Gläser wieder niedersetzten, überkam mich plötzlich – ich wüßte nicht zu sagen, woher, es wäre denn aus dem Umstande, daß der Wein, den wir getrunken, ein ausländischer südlicher war, – der sonderbarste Einfall, der mir das Blut im Herzen jählings stocken machte, als wenn mir jeder Tropfen, den ich von diesen, Wein getrunken, zu Gift werden müßte.

Was hast Du? fragte der Vater, erschrocken über meine veränderte Miene. War etwas in dem Wein?

Ja, sagte ich, es war etwas in dem Wein; und es thut mir bitter leid, daß wir ihn getrunken haben. Der Wein kommt von dem Manne, der meine Mutter unglücklich gemacht hat und Dich und mich – uns alle!

Der Vater schüttelte den Kopf.

Es kann ja sein, erwiderte er, obgleich es mir sehr unwahrscheinlich deucht. Indessen, wenn es wäre: der Wein wird dadurch nicht schlechter, und soll man seinen Feinden siebenmal siebzigmal vergeben – wie oft muß man es seinem Vater, Kind!

Ich habe keinen Vater, ich will keinen Vater, als Dich allein, rief ich, aufspringend und mich in seine Arme stürzend. Die andern sind alle schlecht und feige und drücken sich um die Wahrheit herum. Du, Du allein bist gut und tapfer und verachtest die Lüge. Und wenn mir jetzt wieder einer kommt und sagt: du mußt das glauben, sonst kannst du kein Christ sein; oder: du glaubst das zwar nicht, und ich glaube es auch nicht; aber das schadet nicht, und nun gehe hin und laß dich einsegnen! – weißt Du, was ich den Leuten sagen werde, Vater? Gehet ihr einmal erst hin und werdet so gut und edel, wie mein Vater, der nicht eingesegnet und in euren Augen also kein Christ ist! Und wenn ihr das nicht könnt – und ich weiß, ihr könnt es nicht – so will ich auch nicht eingesegnet werden, wie ihr, und kein Christ sein, wie ihr! Ja, Vater, das will ich dem Herrn Pastor und dem Herrn Professor morgen sagen, so wahr ich Dein Kind bin, und Du mein Vater bist! mein guter, lieber, bester Vater!

Und ganz außer mir warf ich mich von neuem in seine Arme. Er war kaum weniger erregt als ich, suchte mich aber mit gütigen Worten zu beruhigen, sich dabei anklagend, daß er mich durch seine Erzählung in so große Aufregung versetzt habe. Ich ließ ihn nicht ausreden.

Nein, nein! rief ich. Du brauchst Dir nichts vorzuwerfen. Ich hätte Ursache mir zu zürnen, weil ich Dich nicht schon längst gebeten habe, mir alles zu sagen. Ich hätte mir dann diese letzten schrecklichen Stunden erspart. Von jetzt an bist Du mein Pastor und mein Beichtiger, und wenn ich wieder in Not bin, wie heute, dann komme ich zuerst zu Dir, dem Toten, der seine Toten begräbt!

Was willst Du damit sagen, Kind? fragte er sanft.

O, rief ich wild, es ist nur eine Erinnerung an die letzten Worte des Herrn Pastors, und auf Dich hatte er sie gemünzt.

Der Tote seine Toten! murmelte er.

Er war an den Sarg getreten, auf den er den rechten Arm lehnte, und blickte nachdenklich vor sich nieder.

Der Tote seine Toten; murmelte er noch einmal. Und dann, die Augen erhebend und mich mit seinem schwermütigen Lächeln anlächelnd:

Ja, Kind, darin hat der Mann so unrecht nicht; nur ist es anders, als er's gemeint hat. Sieh, Kind, ich habe vorhin gesagt, daß alle meine künstlerischen Hoffnungen und Entwürfe längst in mir gestorben sind. Das ist auch wahr, insofern, als ich weiß, daß keine und keiner zu fröhlichem Leben wieder erwachen wird. Aber begraben habe ich meine lieben Toten noch nicht, oder begrabe sie doch nur einen nach dem anderen in jedem Sarge, der da zur Thür hinausgeht. Ich brauche sie nicht zu rufen, sie kommen von selbst und sitzen oder stehen bei mir, während ich die Bretter schneide und hoble und leime, wie sie vor mir saßen und standen, damals in den Römischen Tagen: nur daß sie jetzt alle fertig sind, und schöner fast, als ich sie damals geträumt – mir wird es manchmal recht weh ums Herz, wenn ich sie dann in den Sarg lege und sage: Ade! auf Nimmerwiedersehen! Denn die ich einmal so eingesargt habe, die kommen nicht wieder, die sehe ich nicht wieder. Heute –

Er schlug die Augen nieder und fuhr mit geisterhaft leiser Stimme fort:

Heute, als ich so eifrig arbeitete, kam eine Gestalt, an die ich nie wieder gedacht seit achtundvierzig, und die ich mir damals so ausgeträumt, trotzdem ich längst wußte, daß ich keine Kraft mehr hätte, sie auszuführen und keine Zeit in dem Waffenlärm auf den Barrikaden: die Gestalt eines Jünglings, der den Genius des Volkes darstellen sollte, das sich, erwachend, auf sein Freiheitsrecht besinnt. Aber heute wollte die Gestalt mir nicht wieder deutlich werden, und je eifriger ich mich darum mühte – auch das Blatt da geholt hatte, meiner Erinnerung womöglich nachzuhelfen – desto mehr verwandelte sie sich aus dem, was ich noch dunkel wußte, in etwas Anderes, Neues – in Dich, Kind; nahm Deine Gestalt, Deine Züge an, daß ich schier erschrak und sehr traurig wurde, weil mir war, als müßte ich nun nicht Dein Bild, sondern Dich selbst hier in den fertigen Sarg legen, und sei dann allein – ganz allein. Bis ich mich besann, wie kindisch das doch sei, und daß Dein Geburtstag sei, und ich die Flasche dahin stellte, aus der ich mit Dir auf Dein Wohl trinken wollte. Und das habe ich gethan – jeden Tropfen – von ganzem Herzen auf Dein Wohl, und daß Dir in Erfüllung gehen möge und zur Wirklichkeit werde alles, was ich für mich nur habe träumen dürfen: Glück und Liebe und hohe Künstlerschaft und ein einiges Deutschland, in dem nur freie Menschen leben. Und daran soll der Wein, in welchem ich Dir das getrunken habe, nichts ändern, er mag nun kommen, woher und von wem er will. Der Wein, den der Priester spendet, ist auch nicht heilig von Haus aus – er wird nur heilig durch die Liebe. Und an ihre Göttlichkeit und Wahrheit, an ihre Kraft und ihren Segen glaube ich und sonst an nichts, denn alles andere ist nur Menschenwitz und Menschenwahn und Lug und Trug. Und so, Kind, obschon ich ein einfältiger, unwissender Mensch bin, der überall sonst im Leben und mit allem Schiffbruch gehabt hat und vom berühmten Künstler, den er sich einst träumte, zum Sargtischler geworden ist, den niemand kennt – eines – das beste – habe ich doch gerettet: ein Herz voll Liebe zu aller Welt und insonderheit zu Dir, mein verlassenes, geliebtes Kind. Und, Kind, ob Dir die Priester fluchen – wer flucht, der hat die Liebe nicht. Die Liebe kann nur segnen, und mit dieser meiner Liebe segne ich Dich.

Ich hatte, als er zu reden anhub, am Tisch gestanden, das Herz voll Groll und Haß, wie sie urplötzlich gewaltsam in einem Knabenherzen auflodern, das sich gegen ein Unrecht aufbäumt, welches dem Verstand wie im Blitz klar geworden ist. Dann war es zuerst der unbeschreiblich milde Klang seiner Stimme gewesen, der in meine Seele gefallen war wie Oel in wildbewegte Brandungswogen. Aber noch immer waren es nur Worte gewesen, die an mein Ohr schlugen, und deren Sinn ich nicht verstand. Und so wäre es auch wohl geblieben, hätte ich nicht nun doch die in dumpfem Unmut niederwärts blickenden Augen aufgeschlagen. Und hätte ihn gesehen, wie er dastand, überflossen vom sanften Licht der Lampe, er, der lange vor der Zeit zum Greise gewordene Mann mit der kahlen Stirn, den verwitterten, vergrämten Zügen und dem grauen Bart – an dem Sarge, den sein emsiger Fleiß so sorgsam hergestellt für die alte verlassene Spittelfrau. Und als er jetzt die verstümmelte Hand, wie beschwörend, gegen mich streckte, während die träumerischen Augen von einem Glanze leuchteten, der nicht mehr irdisch schien – da war es der Anblick dieses guten, edlen Menschen, welcher eindringlicher zu mir sprach, als seine Worte. Da war es dieser gute, edle Mensch, vor dem ich, als er nun geendet, anbetend in die Kniee sank.

Und dann lag ich in meinem Bett mit gefalteten Händen und starr offenen Augen, während in einem breiten Mondstreifen auf der Wand die vom Wind durchzausten dürren Zweige des Kornelkirschbaums vor dem Fenster unheimlich tanzten – und wollte beten für alle Menschen. Ich konnte es nicht. Ich konnte für alle Menschen beten, für den Pastor, der dem Vater geflucht hatte, konnte ich es nicht. Nicht für ihn und nicht für den Pfaffen, der um meine Mutter schlich. Und nicht einmal für die Mutter selbst, die nichts von mir wissen wollte und nichts von dem Manne da unten, der jetzt auf dem harten Lager in der dumpfigen Werkstattskammer ruhte, und der tausendmal besser war als sie.

Ich wälzte mich unruhig hin und her, und eine große Angst befiel mich, daß ich nun doch nicht die Liebe hätte, und daß mich der Vater umsonst gesegnet. Dazu fiel mir ein, was er von der Liebe gesagt, daß sie sich so wenig übertragen und lehren lasse, wie die Kunst; daß wir ihr wahres Geheimnis nur aus uns selber schöpfen, nur aus uns selber lernen können. Würde ich es je lernen?

So rang in bitterer Selbstqual die junge Menschenseele nach Licht und Klarheit, wie draußen über Land und Meer der Aequinoktiensturm wühlte und brauste.

Nur daß in der Natur die Zeiten des Jahres nach ewigen Gesetzen in unwandelbarer Folge sich aneinander reihen, und das arme trotzige Menschenherz nimmer weiß, ob seinem stürmenden Frühling je ein stetiger Sommer folgen wird.

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