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Was will das werden? Erster Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Erster Theil - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Erster Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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IX.

Und wie im Fieber wankte ich weiter durch die dunkle Gasse, nicht nach Haus, wohin ich nur wenige Schritte hatte, sondern hinauf in die Stadt. Ich wußte wohl: der Vater wartete in dieser Stunde mit dem Abendbrot auf mich; aber ich konnte ihm jetzt nicht gegenübertreten. Ich hätte ihm alles gesagt – das fühlte ich, und das wollte ich nicht. Ich wollte keinen Helfer in dieser Sache, und das wäre er mir zweifellos gewesen; ich wollte einen unparteiischen Richter; aber wo den finden? Einen Augenblick hatte ich an Jettchen gedacht; aber sie war ja auch Partei, gerade wie der Vater, und dies ging doch wohl so wie so über ihr Verständnis. Dann fiel mir der Beichtvater meiner Mutter ein. Der höfliche Mann würde mich gewiß nicht so rauh anfassen, und ich gönnte dem Pastor den Schrecken, wenn er hörte, daß er, den er aus seiner Schar vertrieben, in das andere Lager gegangen sei. Aber es stand bei mir fest, daß meine Mutter, die sich von mir losgesagt hatte, auch die religiöse Gemeinschaft mit mir von sich wies; daß, zu ihrer Konfession übertreten, mich bei ihr einschleichen, eindrängen wollen heiße. Und dagegen sträubte sich mein ohnehin durch ihre hartnäckige Zurückweisung meiner Liebe tief verletzter Stolz.

So kehrte ich denn auf dem Wege, den ich bereits nach der Wohnung des Geistlichen in einer Gartenvorstadt auf der entgegengesetzten Seite der Stadt zum größten Teil zurückgelegt hatte, wieder um und irrte rat- und ziellos weiter; vorbei an unserm Gymnasium und an der nahe gelegenen Wohnung des Professors von Hunnius, des Ordinarius meiner Klasse. Plötzlich blieb ich stehen: das war der rechte Mann. Er war unerbittlich streng, aber auch unbedingt gerecht, und ich hatte stets das vollste Vertrauen zu ihm gehabt. Ueberdies kannte er den Vater, und dieser ihn aus dem Handwerkerverein, dessen Vorsitzender er war, nachdem er selbst die für unsre Stadt völlig neue Schöpfung erst vor wenigen Monaten ins Leben gerufen. Wie er denn überhaupt an der Spitze aller gemeinnützigen städtischen Unternehmungen und ebenso der liberalen Partei stand, welche mit dem umliegenden Landkreis ihn sogar im vorigen Jahre zum Abgeordneten für den Norddeutschen Reichstag erwählen wollte, nur daß er das Mandat abgelehnt hatte. Er wisse ja schon nicht, wie er seine Arbeit bewältigen solle. Ja, das war der Mann!

Ich zog die Schelle und trat in das Haus auf den von einer spärlichen Lampe kaum erhellten Flur. Als die Magd ging, mich, der ich ein dringendes Anliegen an den Herrn Professor habe, zu melden, und zu dem Zweck die Thür eines Zimmers rechter Hand öffnete, von wo ein vielstimmiger dumpfer Lärm erschallte, hatte ich einen flüchtigen Blick auf die lange Tafel, an welcher der Professor mit seiner zahlreichen Familie und seinen sechzehn Pensionären saß. Es fuhr mir durch den Kopf, daß man in der Stadt sprichwörtlich sagte: »sie sind so eng verpackt wie Herrn von Hunnius' Pensionäre.« Man drängte sich eben zu ihm.

Der kleine Mann – ich war bereits um einen halben Kopf größer als er – erschien alsbald auf der Schwelle, noch ein paar Worte mit seiner eigentümlich durch die Nase schnarrenden Stimme in das Speisezimmer zurückrufend, trat dann rasch auf mich zu und sagte:

Sie kommen zu mir, wie Nikodemus in der Nacht. Was bringen Sie mir?

Das letztere fragte er immer, wenn man zu ihm kam. Ich wußte es und hatte mich darauf vorbereitet.

Ich bringe nichts, Herr Professor, antwortete ich; ich komme etwas zu holen: Rat in einer für mich wichtigen Angelegenheit.

Es mochte wohl in meinem Ton etwas Besonderes gelegen haben. Er fixierte mich einen Moment durch die großen runden Brillengläser und sagte kurz:

Dann kommen Sie mit mir auf mein Zimmer!

Er schritt mir voran die Treppe hinauf in sein Arbeitszimmer, schob die Oellampe, welche auf einem mit Büchern und Papieren überdeckten Tisch, dem Verlöschen nahe, dämmerte, in die Höhe; nahm in seinem Korbsessel an dem Tische Platz und sagte, indem er für mich auf einen Stuhl in der Nähe deutete: Setzen Sie sich und sprechen Sie!

Ich brauchte nicht nach Worten zu suchen; mir war das Herz so voll. Ich sagte ihm alles: wie ich mit meinem Unglauben, meinen Zweifeln gerungen hätte, lange, bevor mir der Herr Pastor so ins Gewissen geredet, wie heute; und daß ich auf dem Punkte gestanden, ihm den Willen zu thun, aber nicht weil ich überzeugt, sondern weil ich durch seinen Eifer um mein Seelenheil gerührt und erschüttert gewesen sei; und wie der Herr Pastor durch den Fluch, den er über meinen Vater und die Israels ausgestoßen, die immer so gut zu mir gewesen, alles wieder verdorben habe; und wie wir dann geschieden seien.

Der Professor hatte mir, von Zeit zu Zeit die große Brille mit dem Zeigefinger auf die kleine Nase hinausschiebend, zugehört, ohne mich ein einziges Mal zu unterbrechen. Auch jetzt, als ich nun endlich schwieg, antwortete er nicht sogleich, sondern blickte starr vor sich hin. Ich hatte das Gefühl, daß ich ihn durch meinen sonderbaren Bericht in Verlegenheit gesetzt habe und sagte daher:

Ich bitte um Verzeihung, Herr Professor, daß ich Sie belästige. Aber ich wußte mir keinen anderen Rat.

Er hob rasch den großen Kopf und sagte lebhaft:

Von Verzeihen kann hier keine Rede sein. Im Gegenteil: ich danke Ihnen, daß Sie zu mir gekommen sind, denn es beweist mir, daß Sie etwas von mir halten, was ich wohl nur von wenigen Ihrer Kommilitonen sagen kann, die mich einfach hassen. Nun: oderint, dum metuant! Und ich halte etwas von Ihnen. Sie haben einen offenen Kopf und ein offenes Herz und machen keine Phrasen, was mir ein Greuel ist, selbst im Lateinischen, obgleich sie da für euch arme Schelme fast unvermeidlich sind. Ich soll Ihnen also raten in diesem kritischen Falle. Nun wohl, ich will es thun, so gut ich es vermag. Zuerst: haben Sie Ihrem Vater von dem allen gesagt?

Wäre ich dann zu Ihnen gekommen, Herr Professor?

Bene dixisti! Ihr Vater wäre auch nicht die geeignete Person gewesen – für diesmal aus zwei Gründen. Einmal ist er hier gewissermaßen Partei, und zweitens ist er kein konfessioneller Christ. Nicht wahr?

Ich weiß es nicht, Herr Professor; er hat mit mir noch nie ein Wort über Religion gesprochen.

Eben darum. Gleichviel, nehmen wir es an, wie es jedenfalls der Herr Prediger annimmt. Er ist ein zu eifriger Seelsorger, als daß er nicht, trotz der kurzen Zeit, die er hier im Amte ist, bereits sämtliche Glieder seiner Herde genau kennen und auf ihren kirchlichen Wert taxieren sollte. Und Freidenker und Juden – das ist Wasser auf seine Mühle. Er nimmt sie ja, wie ich höre, in jeder Predigt vor, zum Exempel soll er in der letzten auf Herrn Isaak Israel, Ihren Nachbar und meinen sehr würdigen Freund und Parteigenossen, fast unverblümt exemplifiziert haben. Nun, er kann es auf diesem Wege noch weit bringen. Doch das gehört nicht hierher. Ihr Vater ist nicht Ihr rechter Vater. Wer war das?

Ich weiß es nicht, erwiderte ich; es wird nie über ihn gesprochen; mein Vater hat mich adoptiert.

Ganz recht. Ihre Mutter ist Katholikin – hat mir irgend jemand gesagt; und daß Ihnen Ihr Vater – ich meine Ihr rechter – einiges Vermögen hinterlassen hat?

Ich glaube, ja, sagte ich zögernd. Ich fand, daß dies ebenfalls »nicht hierher gehöre.«

Man muß in solchen Lagen auch die Verhältnisse beachten, fuhr der Professor, der offenbar meinen Gedanken erraten hatte, fort. Zum Beispiel, daß Sie, soviel ich weiß, und wofür ich andererseits durchaus bin, studieren wollen. Nun wäre es doch schade, wenn Sie sich, indem Sie sich mit der bei uns, wenn nicht de jure, so doch de facto herrschenden Kirche überwerfen, von vornherein jede Staatskarriere kompromittierten, ja, wie die Dinge liegen, unmöglich machten. Selbst in Ihrer Schullaufbahn kann Ihnen das hinderlich sein. Man wird Ihnen freilich trotzdem die Versetzung zu Ostern nicht verweigern – dazu fällt meine Stimme, als Ihres jetzigen Ordinarius, zu schwer ins Gewicht. Nur die Zukunft, mein lieber junger Freund, die Zukunft! Sie sehen, ich möchte Ihnen gern Ihre Zukunft retten.

Aber doch nicht auf Kosten meiner Ueberzeugung, Herr Professor; wagte ich einzuwerfen.

Er schob die Brille hoch, die von der kleinen Nase fast herabzugleiten drohte, und räusperte sich.

Die Ueberzeugung! sagte er; freilich, das ist eine schöne, ehrwürdige Sache und wert, daß man ihr hohe Opfer bringt. Aber Ueberzeugungen, besonders die von jungen und so jungen Köpfen, wie der ist, der auf Ihren Schultern sitzt, die können wechseln. Ihr Vater ist ein alter Achtundvierziger, ich auch. Ich habe im Frankfurter Parlament gesessen auf der äußersten Linken und war der Ueberzeugung, daß Deutschland nur durch die Republik zur Einigkeit gelangen könne. Nun sind wir zur Einigkeit auf dem besten Wege, der ein ganz, ganz anderer Weg ist; ja, wir haben sie eigentlich bereits, die heißersehnte Einigkeit, und ich habe mich überzeugen müssen, daß meine damalige Ueberzeugung ein Irrtum war. So war ich überzeugt und habe darauf hin meine Doktordissertation geschrieben, daß eine gewisse Schrift dem Cicero ab- und dem Attikus zuzusprechen sei, und mich überzeugen müssen, daß ich einen Bock geschossen. Mit einem Worte: unsere Ueberzeugungen können wechseln, müssen wechseln: politische, wissenschaftliche, weshalb also nicht auch religiöse? Ist nicht aus dem Saulus ein Paulus geworden? Sind Sie so sicher, daß nicht auch Ihnen einmal ein Tag von Damaskus kommt?

Gewiß nicht, Herr Professor, sagte ich; aber eben deshalb bin ich auch nicht sicher, daß er mir kommt.

Ein flüchtiges Lächeln zog über die wunderlichen Züge. Das machte mir Mut, weiter zu sprechen: Sagen Sie mir nur das eine, Herr Professor: glauben Sie, Sie selbst denn das alles, wozu ich mich bekennen soll?

Das Lächeln war sofort verschwunden.

Ich meine, es handelt sich hier nicht um das, was ich glaube, sondern um das, was Sie glauben, respektive nicht glauben; sagte er mit Nachdruck und fuhr, als er meine bittere Verlegenheit sah, in milderem Tone fort:

Lieber junger Freund, ich gehöre wahrlich nicht zu denen, welche, wenn ihr Kind zu ihnen kommt, sie um ein Stück Brot zu bitten, ihm einen Stein reichen. Sie sind nicht mein Kind und sind kein Kind mehr – das beweist der Mut, den Sie in dieser Angelegenheit an den Tag legen. Aber Sie sind doch auch noch kein Mann, und so ist es schwer, Ihnen die Wahrheit zu sagen und so zu sagen, daß Sie sie verstehen. Ich will es versuchen und will Ihnen bis an die äußerste Grenze entgegenkommen, die ich freilich nicht überschreiten darf. Sehen Sie, die Sache ist die, daß heutzutage wenige – ich meine von den wahrhaft gebildeten, die nicht bloß studiert, sondern auch gedacht haben – den Lutherischen Katechismus, wie er da steht, in Bausch und Bogen mit gutem Gewissen und aus voller Ueberzeugung unterschreiben könnten. Dennoch bekennen sie sich zur Kirche und mit Recht. Die Kirche mag ihnen hier und da als ein alter Schlauch erscheinen, für den ein neuer dringend not thäte; aber der Inhalt des Schlauches – das Christentum – ist ein so kostbarer, unschätzbarer Saft, der seit nun beinahe zwei Jahrtausenden die Menschheit erquickt hat und noch Jahrtausende erquicken wird; und was wir sind und haben, hat in ihm seine Wurzel und Kraft, wie alle Organe des Lebens in dem Blute, das sie speist, – es darf von diesem kostbaren Blutsaft kein Tropfen verloren gehen, geschweige denn das Ganze, wie wir fürchten müssen, wenn wir es aus dem alten Schlauch in einen neuen umfüllen wollten. Darum lassen wir es bei dem alten und bekennen uns als Christen, gleichviel ob wir mit einem oder dem anderen Glaubenssatze in unsrer Vernunft fertig werden können; oder ob dieser oder jener Heißsporn der Kirche um dieses einen oder anderen Satzes willen seine Vernunft zu Tode hetzt und die unsre gleichfalls zu Tode hetzen möchte. Es ist damit wie im politischen Leben, wo wir auch jezuweilen auf den Ausdruck unsrer Ueberzeugung verzichten oder unser besseres Wissen dem schlechteren der Partei unterordnen, um diese zu erhalten, die im ganzen und als Ganzes doch klüger, besser und zumal mächtiger ist als wir. Ich darf so reden, denn ich habe in meinem Leben um meiner Ueberzeugung willen viel gelitten, habe bis auf den heutigen Tag darunter zu leiden, und, wer weiß, was noch über mich verhängt ist. Nun ziehen Sie – Sie sind klug genug dazu – für sich die Konsequenzen aus dem, was ich gesagt habe. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen.

Er machte eine Bewegung in seinem Stuhle; die Unterredung sollte zu Ende sein; ich erhob mich. Er war ebenfalls aufgestanden und reichte mir die Hand. Ich dankte ihm mit zitternder Stimme für seine Güte und ging nach der Thür, als er mich beim Namen rief. Ich wandte mich. Er stand noch an seinem Stuhl, den großen Kopf, um den das krause Haar in widerspenstigen Locken nach allen Richtungen starrte, tief gesenkt; das wunderliche Gesicht, welches ein sogenannter Zimmermannsbart einrahmte, in nachdenkliche Falten verzerrt; den Zeigefinger der Linken fest gegen den Bügel der Brille drückend, welche durchaus nicht mehr auf der kleinen Nase haften zu wollen schien.

Im Falle Sie sich nicht sollten entschließen können – Er machte eine Pause, ob ich etwas antworten würde, und fuhr, da dies nicht geschah, fort:

In diesem Falle müßten wir auf einen Ausweg denken, wie Sie wenigstens nicht mit dem Gesetz in Konflikt kommen. Ist Ihr Vater vielleicht Mitglied der Freien Gemeinde?

Ich weiß es nicht, Herr Professor.

Ich halte es nicht für unmöglich. Ich liebe, offen gestanden, die Freien Gemeinden nicht. Sie gedeihen nicht. Was nicht gedeiht, beweist schon dadurch, daß es nicht aus einer machtvollen Idee hervorgeht. Gleichviel, es wäre ein Ausweg. – Uebrigens für den äußersten Fall, von dem ich wünsche und hoffe, daß er nicht eintrete: eine gesetzliche Nötigung, daß evangelische Eltern ihre Kinder konfirmieren lassen und dazu eventuell zwangsweise anzuhalten sind, liegt nicht vor. Ich weiß das zufällig aus einer Debatte über den fraglichen Punkt im Gustav-Adolf-Verein, dessen Mitglied ich bin.

Ich danke Ihnen, Herr Professor.

Und noch eines. Was Sie auch beschließen sollten – ich weiß, daß Sie etwas auf mich geben – Sie werden in meinen Augen nichts einbüßen.

Ich danke Ihnen von Herzen, Herr Professor.

Ein Letztes!

Er war an mich herangetreten, legte mir die Hand auf die Schulter und sagte mit einer Stimme, die anders – weicher und weniger zuversichtlich – klang, als die, in welcher er bisher gesprochen:

Es liegt mir auch an Ihrer Achtung. Und wenn Sie als ein reifer Mann an diese Stunde denken, wie Sie zweifellos thun werden, und ich dann eben so zweifellos tot bin – und Sie dann in meinen Worten deutlicher lesen werden, als Sie es jetzt imstande sind – dann lassen Sie mir Gerechtigkeit widerfahren und denken und sagen Sie: er konnte nicht anders.

Er ließ die Hand von meiner Schulter und hatte sich schnell von mir gewandt. Ich murmelte noch einmal meinen Dank und Gute Nacht und eilte hinaus.

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