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Was ich erlebte

Henrich Steffens: Was ich erlebte - Kapitel 9
Quellenangabe
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authorHenrich Steffens
titleWas ich erlebte
publisherDieterich'schen Verlagsbuchhandlung zu Leipzig
editorWilli A. Koch
year1938
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correctorreuters@abc.de
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Unter den jüngeren Männern, die auf diese Weise das alte Germanien durch die verklungenen Sagen und Gedichte neu zu beleben suchten, zeichneten sich die Gebrüder Grimm vorzüglich durch ein ernsthaftes, geregeltes, für das ganze Leben festgehaltenes Studium aus. Wilhelm Grimm hatte sich schon in Kassel mit der Übersetzung alter dänischer Gedichte beschäftigt. Sie wurden mir, während Reichardt sich in Kassel aufhielt, durch Luise zum Durchsehen und zur Korrektur zugeschickt. Ein Herzübel hatte ihn nach Halle gebracht, um Reil zu konsultieren. Er mietete sich in dem von mir bewohnten Hause ein, deren Besitzerin Reils Schwester war, und ich sah ihn fast ein Jahr lang täglich. Sein stilles, ruhiges und mildes Wesen zog mich an. Er übersetzte Peder Syvs Kampenlieder (Kiämpe-Wiiser) aus dem Dänischen, und es freute mich, daß ich ihm bei manchen zweifelhaften Stellen behilflich sein konnte. Seine Beschäftigung hatte für mich etwas sehr Anziehendes, und es war mir angenehm, durch freundliches Zusammenleben und täglichen lehrreichen Umgangs durch die stille Beschäftigung und durch das gründliche Forschen eines liebreichen jungen Mannes mit einer Richtung der Literatur, die so weit von meinen eigenen Studien entfernt lag und die schon seit meinem ersten reichen Aufenthalt in Deutschland mir so bedeutend erschien, auf die bequemste Weise bekannt zu werden. Wilhelm Grimm war mit Brentano zugleich da, und natürlich bildete die alte deutsche Poesie den Hauptgegenstand unserer Gespräche.

Allerdings hatten Männer von hohem Rufe sich mit den Überresten der alten deutschen Poesie früher beschäftigt. Ich nenne nur Leibniz, Bodmer, Lessing, aber alles blieb fragmentarisch; die wichtigsten Schätze blieben in den Bibliotheken verborgen, der große Zusammenhang aller nordischen Mythen und Sagen war unbekannt, und als das Nibelungengedicht durch MüllerChristoph Heinrich Müller (Myller), ein Schüler Bodmers aus Zürich, gab in den Jahren 1782-85 eine Sammlung deutscher Gedichte aus dem 12. bis 14. Jahrhundert heraus, darunter die erste Gesamtausgabe des Nibelungenliedes, einen Mischtext aus zwei Handschriften. gedruckt wurde, erregte es kaum einige Teilnahme. Seit August Wilhelm Schlegel und vorzüglich Tieck das Interesse für dieses Studium lebhaft anzuregen wußten, war es zu bewundern, mit welcher Schnelligkeit es sich allenthalben verbreitete. Früher nur halb gekannte oder ganz unbekannte Schätze entdeckte man in den Bibliotheken, und es entstand eine Bewegung in der literarischen Welt, die verglichen werden kann mit derjenigen, die in Italien sich äußerte, als die griechischen Manuskripte aus der klassischen Zeit dahin strömten. Das große Verdienst, welches sich damals besonders von der HagenFriedrich Heinrich von der Hagen bekam 1818 das erste germanistische Ordinariat in Breslau; seine Erneuerung des Nibelungenliedes wurde von den Brüdern Grimm jedoch abgelehnt. erwarb, indem er vorzüglich dazu beitrug, das Nibelungenlied und die Gedichte und Sagen, die sich an dieses anschlossen, zu bearbeiten und zugänglicher zu machen, indem er zugleich auf den innern Zusammenhang der ältesten deutschen Dichtkunst mit den skandinavischen Mythen aufmerksam machte, ist allgemein bekannt. Daß dieses Studium zuerst vorzüglich mit dem reichen Inhalte so vieler neuer Schätze, die den Forscher fast überwältigen, sich beschäftigen mußte, war sehr natürlich. Die strengere Form der Untersuchung, die grammatische wie die historische, konnte, wie sich's von selbst versteht, nur ein Produkt immer sorgfältigerer Forschungen werden. Wie lange die Gelehrten Europas in den Schätzen der griechischen Literatur wühlten, ist allgemein bekannt; Jahrhunderte verflossen, bevor sie, von dem Reichtume überwältigt, das fast unübersehbare Material auch in formeller Rücksicht zu beherrschen vermochten. Man muß daher erstaunen, wenn man bedenkt, wie bald die strengere Forschung einen sichern Boden binnen einer Zeit von einigen dreißig Jahren gefunden hat. Diese Wissenschaft, die neben der des klassischen Altertums ein wesentliches Element der geistigen Bildung geworden ist, ward dadurch noch wichtiger, daß sie sich mit der Ausbildung der Sprachlehre aller indogermanischen Stämme verband und der Geschichte eine Aufgabe lieferte, deren Lösung vielleicht die tiefste ist, die ihr jemals gegeben wurde.

So war eine geistige Bewegung der Zeit, die mir fremd schien, mir durch bedeutende Repräsentanten nahegetreten, und doppelt wichtig erschien sie mir, weil sie in ihrer tiefsten Wurzel deutsch war, weil Deutschland, wie es aus der uralten, noch zum Teil verschlossenen dunklen Vergangenheit mir nahetrat, mir immer bedeutender ward, und selbst meine eigenen Studien, so fremd sie schienen, dennoch aus der alten Quelle deutschen Geistes entsprangen und eine Verwandtschaft der fremdartigsten Bestrebungen des einen, in allen seinen Richtungen bewegten Lebens kund taten und erkennen ließen.

*

Unter den mächtigeren Staaten in Europa ist Preußen der jüngste, nicht allein durch die mächtige Persönlichkeit des Großen Kurfürsten und mehrerer seiner Nachfolger, sondern auch als das besondere Resultat mancherlei innerer wie äußerer Verhältnisse, die in der geschichtlichen Entwicklung der europäischen Kultur hervortraten und dieser eine bestimmte Richtung gaben, zu dem geworden, was er ist. Ohne eine bedeutende Persönlichkeit treten zwar solche bildende Verhältnisse nie in die Erscheinung hinein, aber die Person ist selbst der lebendig gewordene Ausdruck derselben. Die geschichtlich gewordene Entwicklung Preußens beruhte auf einer durch Jahrhunderte vorbereiteten Veränderung fast aller Lebensmomente des Staates, die seit dem Anfang der Reformation still und langsam hervortraten. Das Verhältnis der Stände zueinander war, so lange die katholische Hierarchie Europa beherrschte, so genau mit der Kirche verbunden, daß diese in der Art ihrer äußern Erscheinung nicht zusammenstürzen konnte, ohne jene mit in den Sturz hineinzuziehen. Zwar hatte schon in Deutschland der Kampf gegen die Hierarchie früher seinen Anfang genommen; Fürsten hatten sich vereinigt, die Macht der Städte war gewachsen, eine von der Kirche abgesonderte Gelehrsamkeit hatte sich gebildet: aber dennoch war der Kampf, der hier anfing, mehr als hundertundfünfzig Jahre hindurch ein zerstörender, nicht ein bildender. Zwei protestantische Staaten traten durch einen konzentrierten Kampf hervor: England nämlich und Holland. Aber die Macht dieser neuen Staaten war durch ihre Lage nach dem Meere hingewiesen. So stürzten der Handel und der Weltbesitz Spaniens und Portugals zusammen; die Gewalt des Papstes, welche die außereuropäische Erdhälfte unter die katholischen Mächte geteilt hatte, verlor alle Bedeutung, und ein System friedlicher Kolonisation trat durch die protestantischen Staaten an die Stelle der gewaltsamen und grausamen Eroberung Spaniens und Portugals. Zwar wollen wir keineswegs leugnen, daß in diesen Versuchen friedlicher Niederlassungen die selbstsüchtige Eroberungssucht lauerte und noch bis in unsere Tage ihre Herrschaft behauptet; aber eine Umkehrung der Prinzipien hatte stattgefunden. Die katholischen Eroberungen sowohl der Spanier in Südamerika wie der Portugiesen in Indien hatten einen durchaus alttestamentarischen Charakter. Man legte es auf eine vollkommen kanaanitische Vernichtung der Völker an. Am reinsten tritt dieser Gegensatz zwischen dem katholischen Vernichtungssystem und der kolonisierenden, friedlichen Besitznahme in Amerika hervor, wenn man Süd- mit Nordamerika, Pizarro mit PennWilliam Penn, 1644-1718, der im Jahre 1882 den Staat Pennsylvanien, in dem Glaubensfreiheit herrschen und jeder Unterschied der Stände verschwinden sollte, gründete – im Gegensatz zu dem grausamen Spanier Franzisco Pizarro, der Peru für die spanische Krone eroberte. vergleicht.

Auf dem Festlande in Europa aber war Preußen bestimmt, die staatenbildende Gewalt des Protestantismus in der Geschichte zum Vorschein zu bringen. Daher waren der Große Kurfürst und Wilhelm von Oranien nicht bloß politisch Verbündete durch die äußere Macht der Verhältnisse, sondern auch persönlich Verbrüderte durch eine innere Gesinnung, die sich immer großartiger entwickeln sollte. Der bildende Kampf der Geschichte umfaßt notwendigerweise alle Lebensmomente der Staaten zugleich. Eine jede Stufe der Entwicklung in ihrer besonderen Art schließt eine Zukunft in sich, die erst später zum Vorschein kommen soll. Die erste Stufe wird überwiegend durch den äußeren Kampf dargestellt; die siegreichen Waffen scheinen da das Schicksal der Staaten zu entscheiden. Die Kirche war durch den Protestantismus in die Gewalt der Fürsten gekommen; der Geist, der früher den Fürsten und dem Adel gegenüber viele Jahrhunderte hindurch durch die Kirche repräsentiert wurde, war in der Tat der Geist der damaligen Zeit. Sie hatte an die Stelle der Religion der inneren Erkenntnis und der freien Liebe eine Mythe erzeugt, die alle Geister beherrschte und sich, wie jede geschichtliche Mythe, in eine großartige Kunst begrub. Wo der Protestantismus Macht gewann, da war jene geistige Einheit der Kirche verschwunden, sie konnte sich nur durch den Schutz der Fürsten und der durch diese mächtig gewordenen Geschlechter erhalten; Fürst und Adel erhielten nun, solange die religiösen Kriege dauerten, eine überwiegend einseitige Gewalt. Die Repräsentanten der geistigen Elemente der Zeit, die sich durch die kirchliche Hierarchie früherer Zeiten gestärkt hatten, waren ohnmächtig geworden. In der Folge der Jahrhunderte bildete sich der Gegensatz von Glauben und Wissen, von Kirche und Universität immer entschiedener aus; sie bekämpften sich wechselseitig und waren der äußern Gewalt übergeben. Wenn man von der legitimen Bedeutung des Adels spricht, scheint man zu vergessen, daß er sich echt geschichtlich nur ausgebildet hat einer geistigen selbständigen Macht gegenüber, und daß, wo diese verschwindet, seine eigene, ursprüngliche, echt geschichtliche Bedeutung notwendig sich aufhebt. Aber in dem nämlichen Grade, in welchem die von dem religiösen Punkte sich trennende Wissenschaft sich der äußeren Gewalt unterwirft, wird auch der von den übrigen Volksständen sich trennende Adel sich den Fürsten unterwerfen müssen. Diese äußeren Krisen bildeten die ersten Elemente der Gründung des preußischen Staates. Sie fing mit den glücklichen Kämpfen an; der Staat selbst erhielt seine europäische Bedeutung durch die Siege Friedrichs des Großen. Aber während dieser Kämpfe entwickelte sich in Preußen die innere Organisation des Staates mit einer Konsequenz wie in keinem anderen Lande. König, Adel, Militär besaßen zwar die überwiegende Macht, aber ein strenger Formalismus des Rechts und der Administration, eine Hierarchie der Beamten, wie sie in keinem Staate bis jetzt sich ausgebildet hatte, ward von seiner eigenen Konsequenz gefangen und genötigt, alle Stufen einer fast logisch dialektischen Metamorphose durchzulaufen. Friedrich der Große hat dadurch auch eine so mächtige geschichtliche Bedeutung erhalten, weil er berufen war, die erste Stufe der kriegerischen Begründung abzuschließen und die zweite einer innern Administration für eine lange Zukunft zu befestigen. Seine Größe beruhte darauf, daß er auch in geistiger Rücksicht der Repräsentant seiner Zeit war. Das von dem Glauben getrennte Wissen war mächtig geworden; seinen Vereinigungspunkt, der freilich nie zur wahren Einheit gelangen konnte, hatte es nicht aus der tiefen religiösen Bewegung deutscher Protestanten erhalten; das Wissen, welches nur von sich selber wußte, war aus dem in sich verfallenen Katholizismus in Frankreich entstanden. Der Kampf zwischen Katholiken und Hugenotten war dort politische Intrige geworden, und daher mußten die letzteren unterliegen, denn für diesen Kampf waren sie ihrer Natur nach zu schwach. Aber dieses von dem Glauben getrennte Wissen war notwendig propagandistisch; es war herrschender europäischer Verstand geworden, und wo eine höhere Bildung innerlich für das Erkennen wie äußerlich für das Handeln mannigfaltige Verhältnisse des Lebens überschauen, leiten, ordnen soll, war dieser Verstand notwendig der herrschende. Die Religion, von diesem getrennt, hatte sich, äußerlich ohnmächtig, in das Gefühl verloren und sich in das mehr ahnende als bestimmt erkennende und handelnde Gemüt des Volkes zurückgezogen. Sie erschien notwendig beschränkt und unfähig, das Interesse des Staates und der Wissenschaft zu lenken und zu beherrschen. Durch diese Macht des Verstandes und seine Trennung von der Religion ward Frankreich mächtig und beherrschte Europa. Diese Macht konnte nur auf ihrem eigenen Boden bekämpft, mit ihren eigenen Waffen besiegt werden. Daher müssen wir Friedrich den Großen loben; denn der ist allein ein echter König, der seine Zeit begreift und dadurch beherrscht. Er konnte es wagen, den Ansichten eines glaubenleeren Wissens, die, wo sie aus der inneren Gesinnung des Volkes erwuchsen, notwendig zur Revolution führen mußten, unbedenklich zu huldigen, denn sie gaben ihm nur den abstrakten Schematismus zur Anordnung der Verhältnisse eines Volkes, welches den tieferen Grund des Glaubens nie ganz aufzugeben vermochte.

In dem bisher betrachteten Sinne kann man nun aber sagen, Paris hatte die Stelle von Rom eingenommen; die Masse des Verstandes hatte sich über den Ruinen der gefallenen Kirche aufgebaut. Deutschland war wie der übrige Kontinent von dieser neuen Macht unterjocht, die vornehme Welt unterwarf sich immer entschiedener. Die Revolution bewies, daß diese Richtung in Frankreich eine aus dem innersten Dasein des Volkes entsprungene war: während sie, wie viele Anhänger sie sich auch erwarb, wie überwiegend sie auch in der Literatur wie in den höheren geselligen Kreisen hervortrat, doch immer eine fremde Herrschaft blieb, die Deutschland abzuwerfen aufgefordert war.

Noch hat diese fremde Herrschaft eine so große Gewalt, noch wird, wo man Staatsverhältnisse, innere wie äußere, beurteilt, die Macht des glaubenleeren Wissens so hoch gehalten, die stille Gewalt des bildenden Geistes so wenig erkannt, daß man es in vielen Kreisen achselzuckend als eine bejammernswürdige Pedanterie eines Gelehrten betrachten wird, wenn ich zu behaupten wage, daß die Spekulation, die eben in der zurückgedrängten und wenig geachteten deutschen Literatur unter Friedrich dem Zweiten durch Kant hervortrat, sowie die Poesie, die Goethe schuf, und der Einfluß eines tiefen Geistes wie Lessing die ersten Momente eines inneren Kampfes des deutschen Volkes gegen Frankreich enthielt. Es war ein Wissen, welches mit allem Reichtum seiner Entwicklung sich dem Glauben zuwandte, ohne ihn zu erkennen.

Ich darf diese Darstellung hier nicht weiter ausdehnen. Preußen ging dem dritten Moment seines Daseins entgegen. Es war berufen, seine geistige Aufgabe zu fassen, aber diese war nicht preußisch, sondern deutsch. Hier in Deutschland haben wir so viele Jahrhunderte hindurch die Völker eines Volksstammes während der heftigsten äußeren Kämpfe, wie in Griechenland, in geistiger Einheit verbunden gesehen. Nie gelang es, selbst während der tiefsten religiösen Trennung, diese allein geistige Herrschaft zu überwinden. Durch Kriegsheere und Administration war Preußen auf eine herbe Weise in Gefahr, in seiner Vereinzelung zu erstarren. Der Staat sollte lernen, daß er auch in seiner Selbständigkeit nicht teilweise, sondern ganz deutsch sein müßte, wenn er seine Bedeutung, sein Ansehen, seinen Einfluß behalten wollte; daher die harte Prüfung.

Die Gründung der Universität in Berlin ist in der Tat eine der merkwürdigsten geschichtlichen Ereignisse unserer Tage. Vergleichen wir, was damals geschah, mit dem, wozu die Regierung sich etwa entschlossen haben würde, wenn man sie wenige Jahre früher auf die dürftige Lage der Universität in Halle aufmerksam gemacht hätte, so muß man in der Tat in Erstaunen geraten. Diese Universität war in den letzten Jahren vor allen übrigen begünstigt: und dennoch waren die dortigen Institute in einer so dürftigen Lage, die keineswegs den damaligen wissenschaftlichen Bedürfnissen entsprach; und doch würden die Vorschläge einer zeitgemäßen Erweiterung derselben entschieden abgeschlagen worden sein, wenn man gewagt hätte, sie vorzutragen. Jetzt, nachdem der Staat halb zerstört erschien, nachdem alle Hilfsmittel verschwunden waren, ein Teil der reichsten Provinzen in feindlicher Gewalt, und das innerlich zerrüttete Land einer traurigen Zukunft entgegensah, war man einer Anstrengung fähig, die man kurz vorher nach einem zehnjährigen Frieden für schlechthin unmöglich erklärt haben würde. Wodurch entstand diese mächtige, großartige Tat? Es war die Überzeugung, daß das geschlagene Preußen berufen war, vor allem in Deutschland einen Adel und Bürgerschaft, militärische und administrative Institutionen auf gleiche Weise durchdringenden Mittelpunkt zu bilden; es war die innere Zuversicht, mit welcher man diesen Ruf freudig anerkannte und an seine Erfüllung die schönsten Hoffnungen knüpfte.

In der Tat, die Gesinnung, die damals in Berlin während des härtesten Druckes herrschte, war bewundernswürdig. Die Hauptstadt war von feindlichen Truppen besetzt, der König hielt sich an der fernen russischen Grenze auf, und dennoch war die Stadt, das Land nur äußerlich beherrscht, eine sehr geringe Minorität des Landes innerlich unterjocht. Die Feinde hatten Festungen eingenommen, die Armee war geschlagen und dem übermächtigen Sieger gegenüber so gut wie waffenlos: aber ein inneres, dem Feinde unsichtbares Heer hatte sich an die Stelle des äußeren gebildet, zog sich immer dichter zusammen, und man kann behaupten, der Feind erlitt täglich Niederlagen, die freilich nicht laut wurden. Der Sieger ahnte sie kaum, und ihre Erfolge blieben ihm verborgen. Männer wie Schleiermacher, alle bedeutenden Geister waren ohne Verabredung in einem inneren Bunde; das ganze Bewußtsein der Einwohner der Hauptstadt schien sich aller äußeren Unwahrscheinlichkeit zum Trotz auf den bevorstehenden Kampf vorzubereiten. Niemals waren Volk und König inniger verbunden; die erbitterte Armee lauerte auf den Augenblick, der ihr erlauben würde, die Schmach der Niederlage zu vertilgen. Als der Krieg anfing, der noch ungewisse Kampf begann, ward Land und Heer wie von einem ahnungsvollen Schrecken ergriffen. Die Armee vermochte sich nicht wieder zu sammeln, die Festungen öffneten die Tore, fast ohne belagert zu sein; erst auf der entferntesten östlichen Grenze bei Eylau, bei Friedland, war dieses Schrecken völlig verschwunden; und der besonnene Mut, mit welchem hier gekämpft wurde, die hartnäckige Tapferkeit, mit welcher Danzig und Graudenz verteidigt wurden, hätte den Feind belehren sollen, daß im Heere die alte Kühnheit, der alte deutsche Mut wieder entstanden war. Aber von hier aus nahm er alle Einwohner in Anspruch, ein jeder Preuße war innerlich bewaffnet. Eine Ansicht des Lebens fing an sich auszubilden, die alle Momente desselben durchdrang, und während der kriegerische Geist und die strenge militärische Ordnung die von dem Feinde, man kann sagen, unbesonnen geduldeten Reste des Heeres in sich stärkte und über seine sichtbaren Grenzen hinaus ein verborgenes schuf, das in jedem Augenblick bereit war, sich zu waffnen und sich an jenes anzuschließen, während die Sicherheit und Virtuosität die gewöhnlichen Hilfsmittel für zukünftige große Erfolge zu konzentrieren vermochte, wurde der stille prophetische Ruf, der eine großartige Vereinigung weissagte, von allen Preußen vernommen. Seine mächtige Bedeutung blieb aber dem Feinde, obgleich er im Lande lebte und herrschte, verborgen.

Damals trat Fichte als derjenige hervor, der mit so bewundernswürdiger Kühnheit unter den Augen der Sieger deutsche Freiheit verkündigte. Damals stärkte mit gleicher Kühnheit Schleiermacher die innere Gesinnung, die von Rechts wegen, wo für Altar und Herd gekämpft wurde, eine religiöse Bedeutung hatte. Beide waren im eigentlichsten Sinne deutsche Volksredner. Es wird schwer sein, die Deutschen für eine bestimmte oberflächliche, auf den Eindruck des Augenblicks berechnete politische Kombination zu gewinnen. Selbst wo sie sich wie in den vielen neueren Kammerverhandlungen äußern will, erscheint sie ohnmächtig und ungeschickt. Der Franzose wird, wenn man ihn für solche Zwecke in Bewegung setzt, durch keine tieferen Zweifel gestört. Er vergißt Vergangenes und Zukünftiges; das Ziel, was ihm eben vorschwebt, ist ihm alles, und jedes Mittel, es zu erreichen, steht ihm zu Gebote. Der Deutsche kann die Lebensmomente so isoliert nicht ergreifen; mannigfaltige Zweifel quälen ihn, und der günstige Augenblick ist verschwunden, bevor er zu irgendeinem Entschluß gekommen ist. Nur eine tiefere Gesinnung, die das ganze Leben in seinem Innersten bewegt, bildet den scheinbar verhüllten Mittelpunkt der innigsten Vereinigung. Daher glänzt Deutschland selten durch prunkende Erfolge, deren Bedeutungen verfliegen, wie sie entstanden sind. Langsam, scheinbar schlummernd regt sich der innere Geist: aber der Augenblick seiner Tätigkeit ruft Ereignisse hervor, die für Jahrhunderte ihre Bedeutung erhalten. So war Deutschland berufen, die Reformation zu begründen; und die Aufgabe, die Revolution zu besiegen, ist seit dem Befreiungskriege diesem Volke geworden und geht noch immer durch eine lange Reihe von Jahren ihrer Lösung entgegen.

Die Anlage der Universität fand im großartigsten Sinne statt. Die mannigfaltigsten Stimmen der bedeutendsten Gelehrten wurden gehört, und W. von Humboldt leitete die erste Anlage ein; auf die Stimmen solcher Männer wie Wolf und Schleiermacher, später Reil, ward geachtet. Alle wissenschaftlichen Institute wurden nach einem großartigen zeitgemäßen Plane entworfen, die vorhandenen Sammlungen der Universität übergeben; man berief die ausgezeichnetsten Gelehrten, und ein jeder nahm gern den Ruf an. Nur in Beziehung auf die Spekulation herrschte ein bedeutendes Schwanken. Im Anfange war es die Absicht, geflissentlich ein philosophisches Chaos hervorzurufen: welches einen merkwürdigen Gegensatz gegen die spätere, selbst von den Behörden unterstützte strenge Schule bildete. Die Bedeutung der Spekulation für die deutsche Bildung ward zugestanden und erkannt, aber nicht anerkannt. Besonders schien man der Naturphilosophie keineswegs günstig.

Daß ich den heißesten Wunsch hatte, nach Berlin versetzt zu werden, versteht sich wohl von selbst; auch glaubte ich auf eine solche Anstellung hoffen zu können. Ich betrachtete mich, wie auf einen gefährlichen Vorposten gestellt, und glaubte erwarten zu dürfen, daß man mich abrufen würde. Indessen zeigten sich immer mehr Schwierigkeiten. Es dauerte lange, ehe ich alle Hoffnung aufgab und zu der Überzeugung kam, daß man mich in Berlin nicht haben wolle. Der Entschluß, in allem Ernst eine Naturphilosophie als eine selbständige Wissenschaft auszubilden, den Grund zu legen zu einer lebendig geistigen Auffassung der Natur, ward als etwas Törichtes betrachtet. Obgleich dieser Entschluß, der mir vorschwebte, der immer klarer werdende Inhalt meines Lebens war, so stand ich doch zu isoliert da: die Philosophen bewegten sich in einer von der Natur abgewandten Abstraktion; die Naturforscher hielten eine jede übersinnliche Auffassung des Sinnlichen für einen Wahn, der nicht streng genug abgewiesen werden könnte.

Der Tod meiner Kinder,Das einzige Kind, das am Leben blieb, war die im Januar 1806 geborene Tochter Clara. die immer drückender werdende finanzielle Lage, meine völlig gehemmte Wirksamkeit als Universitätslehrer verdüsterten meine Stimmung immer mehr, als alle Hoffnung, gerettet zu werden, verschwunden war. Und leider wurde die Gefahr, in welche ich durch Ereignisse, die später erwähnt werden sollen, hineingerissen wurde, täglich größer. Professor Sternberg in Marburg war füsiliert, und an die Stelle der glänzenden Hoffnungen trat die düstere Aussicht auf ein unnütz vergeudetes Leben und einen gewaltsamen Tod mir entgegen.

*

Man pflegt nicht selten den Herrschern und überhaupt den höheren Klassen vorzuwerfen, daß sie die Gesinnungen des Volkes und die drohenden Verhältnisse, die oft zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Ländern der bestehenden Ordnung, und, mit dieser ihrer eigenen Existenz, Gefahr bringen, nicht erkennen und dadurch in dem entscheidenden Moment überrascht und besiegt werden. Napoleon aber war unter dem Volke geboren und erzogen; er selbst hatte an Volksumtrieben teilgenommen und was man mit dem Volke unternehmen, wie man es entflammen könne, erfahren. Freilich, solche Erfahrungen von Unternehmungen, die teils gegen ihn stattfanden, teils von ihm selbst geleitet wurden, kannte er bis jetzt nur in Frankreich und Italien, und er selbst war ein geborner Italiener, in Frankreich unter der Revolution erzogen. Die widerstrebende Volksgesinnung äußert sich ganz anders in südlichen als in nördlichen Ländern. Sie organisiert dort leichter Aufstände, weil das Leben überhaupt leichter sich bewegt und umwandelt. Das fortdauernd gegen Napoleon kämpfende Spanien konnte ihm daher keine neuen Erfahrungen bringen. In Norddeutschland ist das Leben an den mühsamen Erwerb geknüpft; was eine Familie mit unausgesetzter Aufmerksamkeit und steter sorgsamer Anstrengung erlangt hat, muß sie ängstlich zusammenhalten. Das ganze Leben in Gegenden, die nichts schenken, denen alles mühsam abgerungen werden muß, ist ein künstliches, und eine jede plötzliche Veränderung droht nicht bloß mit einem vorübergehenden Mangel, vielmehr mit der höchsten, ja mit vernichtender Armut. Ein Nordländer kann nicht sein Haus verlassen und sich in Wäldern aufhalten; ein Guerillakrieg von irgendeinem Erfolg ist in den flachen Ländern unmöglich, und wenn der Deutsche es wagen wollte, während der kurzen Sommermonate mit der Familie Städte und Dörfer zu verlassen und sich in sumpfige Gegenden oder wo Gebirge sind, in unzugängliche Schluchten zurückzuziehen, so schwebt ihm der drohende Winter vor den Augen, der ihm eine Zuflucht nach den Städten und Dörfern notwendig macht. Die industriöse Tätigkeit der Nordländer wird als ein Vorzug, ja mit Recht als die Grundlage einer höhern geistigen Entwicklung betrachtet. Der Mensch wird durch den mühsamen Erwerb von der Natur losgesprochen; was ihn erhält, ist das Erzeugnis der eigenen bewußten Tat, und das Bewußtsein, einmal in Tätigkeit gesetzt, findet keine Ruhe und ergreift immer höhere Probleme, immer höhere Gegenstände, die es durchdringen, erkennen, geistig beherrschen will. So sind die nördlichen Staaten schon aus einem ursprünglichen Verhältnisse zur Natur, die beherrscht werden muß, auf ganz anderen Grundlagen entstanden und erbaut als die südlichen; wenn sie überwältigt werden, ist ein kühnes Auflehnen gegen die fremde Gewalt fast unmöglich. Man entschließt sich, das Verlorene aufzugeben, die harten Anforderungen des Siegers zu dulden, aber nur, um mit desto größerer sorgsamer Emsigkeit das Gerettete zusammenzuhalten und für eine dürftige Existenz zu retten. Ja die Behörden finden sich verpflichtet, diese erhaltende Gesinnung der einzelnen Bürger zu unterstützen; selbst der Feind erkennt die Notwendigkeit, Maß und Ordnung in seinen Forderungen eintreten zu lassen, wenn er seine eigene Existenz in dem besetzten Lande retten will. An die Stelle des Naturreichtums, der in südlichen Ländern die feindliche Armee und das auswandernde Volk, wenn auch dürftig, erhält, zeigt sich in den nördlichen Ländern als ein Unsichtbares die ordnende Tätigkeit, der zusammenhaltende Fleiß, der die Gewalt einer zweiten Natur besitzt; und wie ein Heer sich selbst vernichten würde, wenn es das unreife Korn fruchtbarer Felder im Lande zerstörte, so muß es die Sorgfalt der Familie für die eigene Existenz in allen Richtungen des Lebens als den fruchtbaren Boden betrachten, der ihm allein eine erwünschte Ernte zu bringen vermag.

Diese Erfahrung mag dazu beigetragen haben, Napoleon in Beziehung auf Preußen zu täuschen, und selbst während der Restauration war man kaum von einer größern Blindheit geschlagen.

Allerdings war das Volk nicht geneigt, die noch so bedrohte bürgerliche Existenz unbesonnen aufs Spiel zu setzen; denn sie sahen jenseits des mühsamen ruhigen Fleißes keine mögliche Rettung, aber die still sich stärkende Gesinnung, die sich stillschweigend nährte, lauerte nur auf ein Ereignis, welches sie mit Sicherheit erwartete. Die leichte Beweglichkeit südlicher Länder ruft eine größere Fügsamkeit in veränderten Verhältnissen hervor. Ein Volk, welches leicht zum Aufruhr geneigt ist, wird eben nach einigen mißlungenen Versuchen am sichersten unterworfen. Der stille Zorn hingegen, der die Vergangenheit als ein Heiligtum bewahrt, Altar und Herd in immer sicherer Verborgenheit schützt, bereitet sich Tag und Nacht zu dem entscheidenden Kampfe; und die scheinbare Selbstsucht der Familie nährt im geheimen die entschlossenste Aufopferung.

Napoleon war an einen solchen stillen und verborgenen Widerstand nicht gewöhnt. Eine feile Literatur diente ihm, und man sah vielleicht nie entschiedener, wie wenig diese ein Ausdruck allgemeiner Gesinnung ist, als damals. Die Besten schwiegen, und wo sie sprachen, wurden sie nicht verstanden. Zwar haßte Napoleon die deutsche Literatur. »Die deutschen Gelehrten«, äußerte er, »mischen in alles die Politik, selbst in die Grammatik und Mathematik«, aber er verachtete sie. Als er den Buchhändler Palm totschießen ließ,Johann Philipp Palm, geboren am 18. Dezember 1766 in Schorndorf, ist einer der politischen Märtyrer der deutschen Geschichte. Er besaß als Buchhändler die Steinsche Buchhandlung in Nürnberg, in deren Verlag 1806 die anonyme Schrift »Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung« erschien, die den Despotismus Napoleons geißelte. Ein Exemplar davon kam französischen Offizieren in die Hände. Palm wurde verhaftet und, weil er den Autor nicht verriet, am 26. August 1806 in Braunau am Inn erschossen. glaubte er wohl den Rücken seiner Armee gefährdet, aber kaum ließ er sich davon abhalten, ähnliche Beispiele der Strenge zu wiederholen, weil er die öffentliche Meinung der Deutschen fürchtete. Er hatte gewiß keine Ahnung von der Tiefe der Erbitterung und von der gefährlichen Stimmung, die durch diese Mordtat hervorgerufen wurde. Der Fehler, der bei Palms Ermordung stattfand, war die große Öffentlichkeit und das Aufsehen Erregende dieser Exekution; eben weil Napoleon dem ganzen Lande Schrecken einflößen wollte, mißlang seine Absicht, und der allgemeine Zorn vertrat, je weiter man von dem Schauplatze entfernt war, desto entschiedener die Stelle der Furcht. Erfolgreicher waren einzelne stille Ermordungen, die ohne allen Grund an unbedeutenden Menschen der geringern Klasse ausgeübt wurden. Wenn es der Geheimen Polizei der Armee in einer langen Zeit nicht gelungen war, Spuren feindseliger Gesinnung zu entdecken, ergriff man ohne Bedenken irgendeinen Menschen aus den geringeren Klassen, freilich solche, die sich herumtrieben und als Durchwandernde in der Gegend fremd waren. Wirklich sollen auf diese Weise einige erschossen worden sein. Diese venetianische Justiz, eben je unerwarteter sie ausgeübt wurde, je unmöglicher es war, den Grund derselben zu entdecken, war nur auf die nächste Umgebung berechnet, hier aber von großem Erfolg. In der Tat gab es Gegenden, selbst im nördlichen Deutschland, wo alte Freunde gegeneinander mißtrauisch wurden, wo furchtsame Menschen allenthalben gefährliche Männer, die einerseits zum Aufstand locken wollten, und andererseits lauernde Angeber zu erblicken glaubten. Diese Furcht hatte dennoch keinen Einfluß auf die Gesinnung, in den Städten am wenigsten; in keiner Stadt des Königreichs Westfalen aber weniger als in Halle.

Ein ganzes Jahr verging, ohne daß irgendein Strahl von Hoffnung in unsere trübe Lage fiel. Die kühnen Spanier, die allein den Kampf gegen Napoleon mit Entschlossenheit fortsetzten und seine Heere beschäftigten, gaben uns einen schwachen Trost, aber dennoch blieb der Druck der nämliche. Durch Halle ging eine französische Militärstraße, wir sahen die feindlichen Truppen sich fortdauernd hin- und herbewegen, in allen Häusern kannte man die schwere Last der Einquartierung; Berthier, der schon durch den Titel, den er erhielt, als Fürst von Neufchatel, die herbsten Erinnerungen erwecken mußte, war im Besitz der Domäne Giebichenstein, einer der mächtigsten und größten im Lande. Der König von Preußen residierte noch immer in weiter Entfernung, erst in Memel, dann in Königsberg. Alle Nachrichten, die wir von da erhielten, waren im höchsten Grade trübe.

Meine erste Einweihung in die geheimeren Unternehmungen geschah auf eine bedeutende Weise. Ich erhielt mit meinem Freunde Blanc die Aufforderung, nach Dessau zu reisen, und als wir zur bestimmten Zeit im Gasthofe abstiegen, fanden wir dort mehrere Freunde aus Berlin: Schleiermacher, Reimer mit einem Verwandten, und Herrn von Lützow, den jetzigen Generalleutnant.

Der Kaiser Napoleon war in Erfurt, wo er, wie die bekannten Lebensbilder aus dem Befreiungskriege melden, den Kaiser von Rußland, die Könige von Bayern, Sachsen, Westfalen und Württemberg, die Großherzöge von Baden und Würzburg, 42 Fürsten und Prinzen, 26 Staatsminister, ein Halbes Hundert Generale – und den Schauspieler TalmaFrançois Joseph Talma, 1763-1826, großer französischer Schauspieler, Darsteller tragischer Rollen, ein Meister der pathetisch-erhabenen Geste, von Napoleon bewundert. – um sich versammelt hatte. Dieses unermeßliche Festgepränge, welches mit dem Jahrestage der Auerstedter Schlacht, dem 14. Oktober 1808 endigte, barg hinter sich einen Entschluß, der die Zukunft von ganz Europa umändern sollte. Ohne allen Zweifel war es Napoleons Absicht, dem russischen Kaiser durch die Versammlung unterwürfiger Fürsten zu imponieren; in der Tat: durch sie trat jene Erzählung, die in den nordisch-mythischen Geschichten mit dichterischer Übertreibung vorkommt, die Erzählung von Etzels Hochzeit mit Kriemhilde zu Wien, mitten aus dem prosaisch-europäischen Leben hervor. Daß Kaiser Alexander in diesem Augenblick sich nicht mit Erfolg von Napoleon trennen zu können glaubte, darf angenommen werden; daß ein kühner Eroberer, dessen Erfolge bis zu diesem Augenblick eine phantastische Größe erlangt hatten, seinen Plan willkürlicher Teilung aller europäischer Länder fassen und an sein Gelingen glauben konnte, ist sehr wahrscheinlich. Der russische Kaiser glaubte nicht, sich zurückziehen zu können, daß er aber jemals daran gedacht hat, verbunden mit Napoleon, die Teilung ernstlich vorzunehmen, darf wohl bezweifelt werden. Nachrichten von diesem Plane mögen durch den hannoverschen Gesandten Hardenberg, durch Stadion1805-09 österreichischer Minister des Auswärtigen, tatkräftiger Mitbegründer der dritten Koalition gegen Napoleon. nach London und Berlin gekommen sein. Was ich damals erfuhr, war höchst dunkel und unbestimmt. Selbst ein bevorstehendes Bündnis zwischen Rußland und Frankreich schwebte nur wie eine dunkel gefürchtete zukünftige Möglichkeit mir vor. So viel erinnere ich mich entschieden, daß von da an Stadion als ein bedeutender Mann, auf welchen die Deutschgesinnten große Hoffnungen setzten, erschien; daß die Versammlung in Erfurt, die Gegenwart des russischen Kaisers daselbst gefährliche Pläne verbarg, die Preußens Existenz bedrohten. Was mir am wichtigsten schien, war aber, daß der geheime Widerstand gegen Napoleon nicht bloß unter dem Volke und durch dessen, wie es schien, wenig bedeutende zerstreute Anführer, sondern auch durch eine stille Verbrüderung noch immer mächtiger europäischer Staaten unterhalten wurde. Preußen kannte die Gefahr, die mit seiner Vernichtung drohte. Wenn Österreich sich auch noch nicht zu erklären wagte, so war doch eine bedeutende Partei tätig und unablässig beschäftigt, Deutschlands Untergang zu verhindern, und das gewaltige England bot alle Mittel auf, die Gefahr von Deutschland abzuwenden und den Widerstand zu unterhalten und zu ermuntern. Diese, wenngleich unklare Übersicht über eine bevorstehende dunkle Zukunft und über die Mittel, ihr entgegenzutreten, versetzten mich in eine große innere Spannung. Wie auch der Erfolg sein mochte: das sah ich ein, daß ein jeder auf seine Weise tätig sein müsse, und wenn auch die Tat der Gegenwart und ihre Erfolge mir dunkel waren wie die zukünftige Gefahr, so erwartete ich doch mit unerschütterlicher Zuversicht, die mich niemals verließ, Napoleons Untergang. Die Absicht der Zusammenkunft war nun keine positive, nur das erfuhr ich, daß eine Menge treu Verbündeter allenthalben zerstreut war, um auf eine jede Bewegung des französischen Heeres aufmerksam zu sein. Dieser Auftrag ward auch uns, und ein jeder sollte, unterstützt von zuverlässigen und treuen Männern, die er mit Vorsicht an sich zog und in Tätigkeit setzte, die allgemeine Absicht zu fördern suchen.

Während wir uns darüber berieten, waren Männer fortdauernd als Boten ausgesandt, um uns Nachrichten von Erfurt und der Umgegend so eilig als möglich zu bringen. Wir wurden so auf die mannigfaltigste Weise aufgeregt; Berichte liefen ein von Verdächtigen, die durch die Franzosen aufgehoben waren; selbst unsere Zusammenkunft schien bedroht, wenigstens wir, die wir in den besetzten Gegenden wohnten, wenn wir zurückkehrten. Da erfuhren wir nun ein Ereignis, welches mich ganz besonders überraschte und erschreckte. Ich glaubte nämlich, daß Baron von RumohrBei ihm hatte sich Steffens vor der Rückkehr nach Halle aufgehalten. sich ruhig auf seinen Gütern in Holstein aufhalte; wie erschrak ich, als ich nun erfuhr, daß er einer großen Gefahr kaum entgangen war. Sein Franzosenhaß war mir zwar bekannt, aber auf welche Weise er den Franzosen verdächtig geworden war, ist mir bis jetzt noch unbekannt. Er hielt sich bei einem Verwandten, dem Herrn von Münchhausen, auf einem Gute nicht weit von Erfurt auf. Plötzlich erfuhr man, daß französische Gendarmen sich dem Hause näherten, um ihn aufzuheben. Kaum gelang es seiner Schwester, der Frau des Hauses, ihn durch eine Hintertür zu entfernen, als die Gendarmen ins Haus traten; wenige Minuten nach seiner Entfernung konnte man ihnen versichern, daß von Rumohr abgereist wäre. Mit wenigen Mitteln versehen, setzte er indessen seine Flucht fort und entkam glücklich nach Böhmen. In Prag traf ihn Reichardt, mein Schwiegervater. Von dieser Menge verworrener und aufregender Ereignisse umgeben, bemerkte ich, daß irgendein dunkles Geheimnis meine Berliner Freunde beunruhigte. Sie suchten es uns offenbar zu verbergen, und es ward mir erst später bekannt. Zwei Männer, – ich erfuhr weder ihren Stand noch ihre Namen, – hatten den verzweifelten Entschluß gefaßt, in Erfurt Napoleon zu ermorden. Daß meine Freunde diese Tat nicht bloß mit Entsetzen, sondern mit Abscheu betrachteten, brauche ich wohl kaum zu versichern. Mich ergriff, als ich es vernahm, ein Grauen. Daß ein schwarzes Verbrechen die Stelle Napoleons einnehmen sollte, war mir furchtbar, er, der Sieger, erschien mir wie eine Wohltat aus Gottes gütiger Hand; er war bestimmt, die gelähmte Kraft zu stärken, krankhafte Ohnmacht zu vernichten, Treue gegen die Fürsten, Anhänglichkeit an das Vaterland, ja alles Heilige und Teure zu retten und zu beleben. Wenn ein Verbrechen ihn tötete, dann waren alle meine schönsten Hoffnungen begraben, und selbst, wenn die Ermordung, was sehr unwahrscheinlich war, für die Gegenwart günstige Erfolge herbeizuführen schien, würde ich alle Erwartungen für die Zukunft aufgegeben haben, ja auf immer von dem mir so teuren Deutschland getrennt geblieben sein.

Aber ich rechnete mit einiger Zuversicht auf das Mißlingen dieser Tat, und bald erfuhren wir, wie die Unternehmung abgelaufen war. Zwei Männer traten eilig herein und fielen einem jeden sogleich auf. Perücken verbargen die Haare, und falsche Bärte, Striche über das Gesicht gezogen, entstellten die Gesichtszüge; es war nicht möglich, auf eine künstliche Weise die Aufmerksamkeit der Polizei entschiedener auf sich zu ziehen, und es schien mir fast ein Wunder, daß sie glücklich zu uns gelangt waren.

Sie hätten, erzählten sie, den letzten Tag der Versammlung in Erfurt abgewartet. Dieser Tag, der Jahrestag der Schlacht von Auerstedt, war zu einer Besichtigung des Schlachtfeldes bestimmt. Die beiden Männer lauerten, wie sie erzählten, mit gespannten Büchsen in einem Gebüsch; auch kam ihnen Napoleon wirklich auf Schußweite nahe, aber auf der ihnen zugewandten Seite ritt Kaiser Alexander neben ihm und diente ihm als Schutz. Die Männer entfernten sich bald wieder, und wir atmeten, freier. Jetzt trennten wir uns, und ein jeder kehrte nach seiner Heimat zurück.

Endlich erscholl die Nachricht von dem Kriege zwischen Frankreich und Österreich.April 1809 Die großartigen Vorbereitungen, die in Österreich getroffen wurden, der allgemeine warme Enthusiasmus, der alle Einwohner entflammte, die mächtig ausgedehnte Bewaffnung der Landwehr neben der Armee erregten die lebendigste Hoffnung für mich nach der Ansicht, die mich ganz beherrschte, durch ein tief schmerzhaftes Gefühl niedergedrückt. Wer, was ich innerlich wie äußerlich erlebt hatte, und wie ich es erlebte, erwogen hat, wird einsehen, daß ich den gesunden Mittelpunkt deutscher Entwicklung nur von Preußen aus erwarten konnte. Hier ruhte, meiner innersten Überzeugung nach, hinter der finstersten Nacht die zu erwartende Morgenröte. Die ganze Zukunft Deutschlands erhielt, wie ich überzeugt war, eine schiefe Richtung, wenn sie vorbereitet wurde durch einen Staat, dessen italienische, magyarische und slawische Elemente eine in diese seltsame Verbindung hereingezogene deutsche Nationalität enthielten. Doppelt schmerzhaft war mir daher die Geduld, mit welcher Preußen jetzt seine Unterwerfung tragen mußte: aber dennoch kämpfte in dem mächtig bewegten Österreich ein deutsches Element; und jetzt fing auch in der Gegend, in welcher ich lebte, die geheime Tätigkeit, die im stillen vorbereitet war und in welche meine Gesinnung mich verflochten hatte, an, sich zu äußern.

Mit Martin, einem hessischen Beamten, dessen Bekanntschaft ich in Hamburg gemacht hatte, blieb ich in fortdauernder, wenn auch äußerst vorsichtiger Korrespondenz. Durch Schleiermacher erhielt ich Nachrichten über die Stimmung in Berlin. Seine eigene und Fichtes Tätigkeit erschien mir wichtig. Was man durch Schleiermacher von mir erfahren hatte, mochte wohl die Vorstellung hervorrufen, daß ich auf irgendeine Weise für geheime Unternehmungen, die jetzt zur Unterstützung des österreichischen Kampfes tätig wurden, brauchbar werden könnte.

Bei mir erschien nun ein vormaliger preußischer Offizier, Herr von Hirschfeld, ein kleiner, rüstiger, beweglicher Mann von etwa 30 Jahren, von einem höchst entschiedenen tollkühnen Aussehen. Durch ihn erfuhr ich, wie mehrere preußische Offiziere jetzt allenthalben beschäftigt waren, die schlummernde feindliche Gesinnung der Einwohner der früher preußischen, jetzt westfälischen Provinzen zu erwecken.

In Berlin ward ein geheimes Komitee gebildet, welches eine fortdauernde Aufsicht über die Verteilung der französischen Truppen, ihre Zahl und Bewegungen führte und auch die herrschende Stimmung in den verschiedenen Provinzen untersuchte. Das Komitee hatte die Absicht, eine jede günstige Gelegenheit zu benutzen, und als Österreich sich zum Kriege vorbereitete, nahm seine Tätigkeit zu. Graf Chassot hatte die Leitung des Komitees. Als von Hirschfeld bei mir erschien, brachte er mir von dem Grafen ein Schreiben, in welchem ich aufgefordert wurde – wie er sich nach dem damals allgemein beliebten Ausdruck äußerte – die Intelligenz des Herrn von Hirschfeld zu sein.

Eine Zeitlang war der Gegenstand unserer Unterhaltung, insofern er sich auf unsere Tätigkeit bezog, nur auf die Märsche der Franzosen und die Verteilung ihrer Truppen gerichtet. Meine Aufmerksamkeit wurde jetzt auf einen Gegenstand gezogen, der mir freilich durchaus fremd war, und es kostete mir nicht wenig Mühe, mich damit vertraut zu machen. Ich mußte mich mit den verschiedenen Waffengattungen der Franzosen, mit den Namen der Heerführer, mit Benennung und Uniform der Regimenter bekannt machen; mußte auch auf die Durchmärsche der Truppen durch Halle achten, zu erfahren suchen, wo sie herkämen und wo sie hingingen.

Ich will nicht leugnen, daß die ganze geheime Sache und die Gefahr, die mit ihr verknüpft war, für mich einen gefährlichen Reiz enthielt. Oft aber erschienen mir die Absichten des Herrn von Hirschfeld höchst unbesonnen, und ich war genötigt, seinetwegen eine gefahrvolle Korrespondenz mit dem Grafen Chassot zu unterhalten, wenn mein Rat, von irgendeinem tollkühnen Streiche abzustehen, nichts half; sie ward auf eine Weise geführt, die mich den größten Gefahren aussetzte. Die Personen aus den geringeren Klassen, die als Boten benutzt wurden, besaßen zwar das Vertrauen des Komitees, aber mir waren sie unbekannt, und oft hatte ich Grund, wenn auch nicht an ihrer Redlichkeit, so doch an ihrer Klugheit zu zweifeln. Die Art, wie diese Briefe geschrieben wurden, stellten mich keineswegs sicher. Ich habe früher davon gesprochen, wie man Briefe schrieb scheinbar gleichgültigen Inhalts, die Zeilen aber wurden mit einem Papier bedeckt, in welchem längliche Streifen ausgeschnitten waren; wenn man dieses Papier auf den Brief legte, traten einzelne Perioden hervor, die aus dem Zusammenhange gerissen, unter sich in Verbindung traten und die Nachricht, die gegeben werden sollte, oder den Auftrag, den man erteilen wollte, enthielten. Die Schwierigkeit, einen solchen Brief zu schreiben, war so groß, die vollkommen ungenierte Hineinfügung der bedeutenden Worte in einen anderen Zusammenhang eine so große Aufgabe, daß der Versuch selten gelang. Ich war überhaupt verdächtig, erhielt nicht selten von der Polizei eröffnete Briefe und, wenn mir Schreiben durch Boten aus Berlin geschickt wurden, mußten sie, wenn sie in die Hände der Polizei gerieten, doppelt verdächtig erscheinen. Ich warnte, und man brauchte jetzt unsichtbare Tinte, die zwischen den Zeilen eines gleichgültigen Briefes Nachrichten oder Aufträge verzeichneten. Diese Tinte trat durch irgendein Reagens, meist durch Schwefelwasserstoff hervor, aber dadurch ward die Gefahr eher gesteigert als abgewandt. In den unsichtbaren Zeilen äußerte man sich unverhohlener; je gleichgültiger der Brief war, desto verdächtiger mußte er erscheinen, und daß die französische geheime Polizei mit der Verfertigung unsichtbarer Tinte und mit den Reagenzien, die sie sichtbar machten, vollständig bekannt war, mußte ich mit Sicherheit voraussetzen.

Einst kam Graf Chassot selbst nach Halle. Fast zu gleicher Zeit erhielt ich die Nachricht von der Dörnbergschen bevorstehenden Insurrektion und von Schills Erscheinen an der Elbe. E.Vermutlich der preußische Staatsmann und Rechtsgelehrte Johann Albrecht Friedrich Eichhorn, 1779-1856, 1810 Syndikus der Universität Berlin, 1813 mit der Errichtung der preußischen Landwehr beauftragt, während des Krieges in der Zentralregierung für die befreiten Provinzen, 1815 zur Regelung der Ansprüche Frankreichs nach Paris berufen, Retter vieler deutscher Kulturgüter, 1817 Mitglied des Staatsrates, 1831 im Ministerium des Auswärtigen Beseitiger der Hindernisse des allgemeinen Zollvereins und 1840 Staatsminister. war Schleiermachers vertrauter inniger Freund; er war mit den geheimen Unternehmungen bekannt, man mußte ihn wohl als das ordnende und alle Verhältnisse überschauende Prinzip derselben betrachten. Auch der Besonnenste und Kühlste durfte wohl bei dem Ausbruche des Krieges voraussetzen, daß ein kühner Entschluß Preußen zur Teilnahme an demselben reizen konnte. – Diesen Entschluß wo möglich zu befördern, mußte eben die bedeutendsten Männer reizen. Scharnhorst und Gneisenau standen im Hintergrunde, leiteten das Ganze und suchten auf die Umgebung des Königs, ja auf ihn selbst einen Einfluß zu gewinnen; aber auch eine bedeutende Bewegung in den eroberten Provinzen konnte die Sache befördern. E. war nach Hessen gereist, um sich mit den dortigen Verhältnissen bekannt zu machen; zwei Tage vor dem Ausbruch der dortigen Insurrektion hatte er mit Dörnberg ein geheimes Gespräch in Kassel. E. war schon früher bei mir gewesen; der traurige Zustand des Landes war der einzige Gegenstand unseres Gespräches, und er wagte es, wie ich, die Hoffnung auf eine nahe Befreiung festzuhalten. Jetzt erschien er wieder, als eine naheliegende Hoffnung verschwunden war; und so lernte ich den Mann kennen, der berufen war, eines der großartigsten Ereignisse der deutschen Geschichte zu ordnen und zu leiten, die schwierigsten Verhältnisse zu lenken und im hohen Maße ein Werk, welches Deutschlands Zukunft auf immer eine unveränderliche Richtung gab, zu fördern. E. bekleidet jetzt eine der höchsten Stellen im Staate.

Als die Nachricht von Schills Ankunft an der Elbe nach Halle kam, geriet die ganze Stadt in die lebhafteste Bewegung. Schills Namen hörte man von allen Lippen; seine frühere Tätigkeit während des Krieges hatte ihn zum Manne des Volkes gemacht, und mancherlei Hoffnungen von einem bevorstehenden Befreiungskriege wurden lebendig. Viele glaubten, es würde jetzt eine Kriegserklärung erfolgen, der König, der in allen Herzen noch immer der unsrige war, würde sich mit dem Kaiser von Österreich verbinden; und in der Tat würde ein wahrer Volkskrieg entstanden sein, hätte Preußen sich damals erklärt. Ich war von Schills Zug und von der Beschaffenheit desselben teils durch von Hirschfeld teils durch unmittelbare Nachrichten aus Berlin wohlunterrichtet und teilte diese Hoffnung keineswegs. Wenige Tage vorher erfuhr ich aus Kassel, wie der Dörnbergsche Aufstand in seiner Entstehung unterdrückt war. Auch mit den Vorbereitungen zu diesem Kampfe war ich durch Martin bekannt geworden. Der Oberst von Dörnberg ward von jenem innern Kampf ergriffen, der, so rein der gefaßte Entschluß auch sein mochte, bei einem so durchaus redlichen und wahrhaften Manne nie ganz zu unterdrücken war, der aber hier durch besondere Verhältnisse erschwert wurde. Er hielt indessen den großen Entschluß, zur Befreiung seines Vaterlandes tätig zu sein, fest; durch Verrat war aber das bis dahin bewahrte Geheimnis kundgeworden. Die Truppen in der Stadt, auf die er sich verlassen zu können glaubte, wurden schwankend, die heranrückenden bewaffneten Bauern wurden irregeführt, und besonders beklagte sich von Dörnberg über Martin, der ihn in dem bedeutendsten und entschiedensten Augenblicke im Stiche ließ. Es gelang dem Obersten, noch zur rechten Zeit verkleidet zu entfliehen. Noch am zweiten Tage war er in Gefahr, ergriffen zu werden. Er ward erkannt und rettete sich nur durch seine Geistesgegenwart.

Diese traurige Nachricht hatte ich schon erhalten, als Schills Nähe angekündigt wurde. Proklamationen wurden, nachdem seine Truppen über die Elbe geschritten waren, allenthalben angeschlagen. Man forderte die kampffähige Jugend auf, sich an die Truppen anzuschließen; man wandte sich mit Wärme an die deutsche Gesinnung. »Ihr werdet«, so hieß es, »zwar kein Handgeld erhalten, dagegen aber als Männer von Ehre behandelt werden. Alle entehrenden körperlichen Strafen sind unter uns verschwunden, und wir rechnen auf die ehrenhafte deutsche Gesinnung.«

Wer von dem Zuge genauer unterrichtet war und von Schills Stellung – und das waren wohl nicht so ganz wenige und eben diejenigen, die auf eine Menge der geringeren Leute einen bestimmten Einfluß ausübten –, fand sich, wie rein und deutsch seine Gesinnung auch war, verpflichtet, zu warnen. Der größte Teil der Einwohner erwartete aber das Wort des Königs und blieb bis dahin still. Daß die Zahl der eigentlichen Lumpen nicht gering war, versteht sich von selbst; diese Feigen, vielleicht im geheimen selbst mit dem Feinde Verbündeten, werden nur da mit fortgetrieben, wo der entschiedene Strom der mächtigen Begeisterung sie mit sich reißt.

Unter diesen Umständen war es nun höchst traurig, wahrzunehmen, wie die tapfere Schar der Schillschen Truppen das Land durchzog, ohne daß irgend jemand sich an sie anschloß. Das lose Gesindel, welches sich hier und da andrängte, begründete keine Hoffnung, und Schills Betragen unter diesen Verhältnissen stand in einem seltsamen Widerspruche mit seinem öffentlich angeschlagenen Aufruf, besonders dann, wenn begeisterte junge Leute, die sich an ihn wandten, wie wir sehen werden, abgewiesen wurden.

Eine Schwadron Kavalleristen, angeführt von dem Rittmeister Brunnow, kam nach Halle. Schills Truppen gehörten zu den schönsten und tüchtigsten des preußischen Heeres. Man sah es ihnen an, daß einer für alle und alle für einen da waren. Die ruhige schöne militärische Haltung, die zuversichtliche Bewegung, mit welcher sie durch die Straßen fortschritten, einem Leibe ähnlich, dessen Glieder nicht durch äußeren Zwang, sondern durch ein inneres Lebensprinzip auf eine anmutige und sichere Weise geleitet werden, wirkte wunderbar auf das Volk. Man jauchzte den kühnen Kriegern zu, aber es war nur zu sichtbar, daß hinter diesem Jubel eine ängstliche Empfindung sich vordrängte.

Einer der Offiziere der Schwadron, Herr von R., hatte einen Auftrag an mich. Er ließ mich wissen, daß er mich zu sprechen wünsche, und wir trafen uns zu einer bestimmten Stunde in dem wenig besuchten Botanischen Garten. Ich hielt es doch für notwendig, meiner Sicherheit wegen eine solche Zusammenkunft soviel wie möglich geheimzuhalten. Seine Frage an mich hatte ich erwartet und mich auf die Antwort unter schweren Kämpfen vorbereitet. Allerdings hatte die Erscheinung Schills an der Elbe auf mich einen großen Eindruck gemacht; die Versuchung, entschieden hervorzutreten und die Studierenden aufzufordern, sich zu bewaffnen, wie sie es vermochten, und sich an Schill anzuschließen, trat mir lockend entgegen, aber seine Lage war mir bekannt. Ich wußte, daß in Schills Nähe besonnene Männer angekommen waren, die ihn gewarnt hatten, daß er selbst den Entschluß gefaßt, mit seinen Truppen allein den gefährlichen Kampf zu bestehen, und daß die Frage, die an mich erging, nur ein letzter Versuch war, auf dessen Mißlingen man rechnete, ja es wohl wünschte. Von R. fragte mich, ob er auf ein entschiedenes Anschließen von der Mehrheit der Studierenden rechnen könne. Ich stellte ihm vor, daß ein solches Anschließen nur dann möglich wäre, wenn man über die Absichten Schills vollkommen im klaren wäre. Allgemein erwartete das Volk, daß die preußische Armee den Schillschen Truppen folgen würde, und wenn es sich in dieser Erwartung getäuscht sähe, würde keiner, auch kein Student, folgen. Glaubt Schill, fuhr ich fort, es wagen zu können, gerade auf Kassel loszugehen, dann halte ich es für möglich, auch dort den Aufstand wieder zu erneuern, die Truppenanzahl ist in Hessen nur gering, und ein zuverlässiger Freund ist schon nach Hessen geeilt, um die Kunde von Schills Übergang über die Elbe dort hinzubringen. In diesem Falle und wenn das Vorrücken gegen Kassel schnell und plötzlich stattfände, wenn man erfahren sollte, daß Kassel wirklich überrumpelt wäre, würde eine allgemeine Bewegung auch wohl hier stattfinden und die Jugend, von dem Strome der Begeisterung hingerissen, kaum auf den Rat des besonnenen Alters achten; sollte aber, wie ich gehört hatte, Schill die Absicht haben, mit seinem Zuge nach Norden vorzudringen, um auf die englischen Schiffe in der Ostsee sich zu retten, so würde er ohne allen Zweifel selbst so gewissenhaft sein, ein jedes Anschließen kampflustiger Männer abzuweisen.

In der Tat habe ich es später bedauert, daß Schill nicht gewagt hatte, gerade auf Kassel loszugehen. Die Schlacht bei Eckmühl, das Vorrücken des siegenden Kaisers nach Wien hatte freilich eine jede keimende Hoffnung im nördlichen Deutschland zerstört; die westfälische Regierung hatte es nicht unterlassen, diesen entscheidenden Sieg in den Städten des Landes durch Anschläge an den Straßenecken zu verkündigen, und daß dadurch ein allgemeiner Schrecken bei der Erscheinung der Schillschen Truppen entstand, war natürlich; würde man doch selbst ein Vorrücken der ganzen preußischen Armee in diesem Augenblicke kaum gebilligt haben. Aber wenige Tage später geriet Napoleon selbst durch die verlorene Schlacht bei Aspern in eine höchst bedenkliche Lage. Die Berichte von dieser Schlacht und ihren Erfolgen kamen durch Böhmen schnell nach dem nördlichen Deutschland. Eine allgemeine Bewaffnung daselbst mußte von Preußen aus unterstützt werden; alle Gegenden waren fast von französischen Truppen entblößt. Leicht errungene Siege über diese in ihren zerstreuten Standquartieren würden den Mut und die Zuversicht des bewaffneten Volkes, welches gewohnt ist, bei solchen Gelegenheiten kleine Erfolge einem großen bedeutenden Siege gleichzuschätzen, gestärkt haben. Napoleon vermochte damals kaum eine bedeutende Truppenmasse nach so entfernten Gegenden hinzuschicken. Wer weiß, wie weit sich der Strom der Begeisterung verbreitet haben würde, wenn er erst die engeren Ufer überstieg. Unter solchen Verhältnissen konnte der König von Preußen seine eigenen alten Untertanen und das nördliche Deutschland nicht preisgeben. Wenn diese Bewegung allgemein, der König von Westfalen aus seiner Hauptstadt vertrieben worden wäre, würde Napoleon, eben besiegt, genötigt sein, das Heer zu teilen, und die Wahrscheinlichkeit, es durch den gemeinschaftlichen Volkskampf der Österreicher und Preußen zu schlagen, lag nahe.

Später grübelte ich oft über diese verschwundene Hoffnung und hatte Gelegenheit genug, Gott zu danken, daß sie nicht in Erfüllung gegangen. Die rohen Elemente einer zerstörenden Volksbewegung waren seit zwanzig Jahren genährt; das siegende Volk würde in wilder Bewegung sich erhoben und das in sich zerrissene Deutschland eine Revolution furchtbarer Art erlebt haben.

Während dieser Zeit war alle gewöhnliche Ordnung in meinem Hause aufgelöst, und obgleich die Frauen von unserem geheimen Treiben nicht unterrichtet waren, mußten sie es doch ahnen; denn alle Augenblicke ward ich zu einem geheimen Gespräch abgerufen. Männer kamen und gingen, und eben das Geheimnisvolle vergrößerte die Angst.

Stuhr und von WillisenStudierende in Halle, Schüler von Steffens. entschlossen sich, Schill aufzusuchen. Von Brunnow hatte nach einem kurzen Aufenthalte in Halle sich durch das Ulrichstor entfernt, zog auf der Chaussee nach Magdeburg zu und hielt bei einer großen Breyhan-Brauerei, in einiger Entfernung von Halle, an. Hier fand ihn Stuhr, ohne sogleich vorgelassen werden zu können. Er mußte eine kurze Zeit im Vorzimmer warten, während Brunnow ein eifriges Gespräch mit einigen Männern aus der Gegend unterhielt. Im Vorzimmer befanden sich zwanzig bis dreißig Personen, teils junge Gärtner, teils junge Bauernburschen, hauptsächlich aber Jäger, alle von den naheliegenden adligen Gütern. Sie wünschten sämtlich den Zug mitzumachen. Mit großer Ruhe und ebenso entschiedenem Ernste weigerte sich Brunnow, irgendeinen in seine Schar aufzunehmen. Es war klar, daß Schill selbst und seine Offiziere einsahen, wie ihr ganzer Plan mißlungen war. Es blieb ihnen nichts übrig, als die braven Truppen, wenn es möglich wäre, für zukünftige Kämpfe zu retten. Zurückgehen nach Berlin konnten sie nicht mehr; denn der König wäre genötigt gewesen, strenge gegen sie zu verfahren, nach dem was geschehen war. Es war nicht Furcht vor den gefährlichen Kämpfen, die sie erwarten mußten, vielmehr die Überzeugung, daß sie nun als Aufrührer ihrem Könige gegenüberstanden, was ihre Unternehmung lähmte und ihnen selbst das Herz brach. Mit einer glänzenden Hoffnung fing der Zug an, jetzt waren sie in ihrem Vaterlande geächtet, nur durch eine wohl zu entschuldigende Täuschung, nicht durch verbrecherische Gesinnung. Wahre Verbrecher wären sie aber geworden, wenn sie nun noch Teilnehmer für ihre Tat an sich gelockt hätten. Stuhr, der jetzt die ganze Stellung des kleinen Heeres einsah, bewunderte die ruhige Haltung des Kriegers. Er wies alle zurück, und als Stuhl vorgelassen wurde, bemühte sich Brunnow, etwa eine Viertelstunde lang, auf eine kurze und bündige Weise, ohne sich auf weitläufige Auseinandersetzung einzulassen, ihm abzuraten. Seine Ehre, äußerte er, und sein Gewissen erlaubten es ihm nicht, ihn in seine Schar aufzunehmen. Er könne ja, meinte Brunnow, noch einige Tage warten und später, vielleicht unter günstigeren Umständen, sich anschließen. Stuhr kam bald nach Halle zurück; wir sahen ein, daß alle Hoffnung, die durch Schill erregt wurde, verschwunden war, und diese verwandelte sich von jetzt an nur in eine schmerzhafte Teilnahme für den kühnen Helden und seine mutige Schar.

Von Willisen hatte ebenfalls Schill aufgesucht. Als er ihn sprach und die ganze Lage erfuhr, war er entschlossen, ihm nicht zu folgen, setzte seine Gründe auseinander und erklärte seine Absicht entschieden. Man hatte aber erfahren, daß mehrere Tausend westfälische Truppen sich in der Nähe von Magdeburg versammelt hatten, um Schill anzugreifen. Sie durften in ihrer damaligen Lage die Gegner nicht zählen. Nur zwei Wege standen ihm offen, beide gleich glorreich, beide als ermunterndes Beispiel für die Zukunft gleich wichtig; sie mußten sterben oder sich durchschlagen. Sie erwarteten den Tag darauf eine Schlacht. Willisen war preußischer Offizier; vor dem Tage der Schlacht konnte er sich nicht zurückziehen. »Ich halte meinen Entschluß fest«, sagte er, »ich trenne mich von euch; denn meine Überzeugung ist nicht leichtsinnig erworben, aber an der bevorstehenden Gefahr muß ich teilnehmen.« Der Tag kam, das Gefecht bei Dodendorf fand statt, und Willisen focht mit.

In Spannung und Unruhe verlebte ich die Tage. Der Bericht von Napoleons Sieg bei Eckmühl war an den Straßenecken angeschlagen; daneben las man die Steckbriefe, durch welche die Anführer des hessischen Aufstandes verfolgt wurden. Die Todesstrafe war verhängt über einen jeden, der sie beherbergen, verbergen oder ihre Flucht zu fördern wagte.

Einige Freunde brachten den Abend bei mir zu. Meine Schwiegermutter und Schwägerin und noch einige Freundinnen waren da. Der einzige Gegenstand, der unsere Seele erfüllte, bildete auch den Inhalt der Gespräche. Ich wurde herausgerufen; es war jemand da, der mich sprechen wollte; es war Martin; er war in dem Steckbriefe als Hauptverräter genannt und bezeichnet. Ich war nicht sehr überrascht; denn ich hatte vermutet, daß er seine Zuflucht zu mir nehmen würde. Vier andere Anführer des Aufstandes wie er waren in Passendorf im Gasthofe zurückgeblieben. Er wünschte bei mir die Nacht zuzubringen und hoffte durch mich für sich und seine Freunde Gelegenheit zu finden, sich über die westfälische Grenze nach Dessau zu retten; von da wollten sie nach Berlin reisen, wo sie sich noch am sichersten glaubten. Ein Entschluß mußte bald gefaßt werden, jede Stunde brachte augenscheinliche Gefahr. Ich schickte eilig zum Bruder meines Schwagers Steltzer. Dieser war Procureur du Roi, der vermöge seiner Stellung verpflichtet war, die Fliehenden, wo er sie fand, gefangenzunehmen und die etwa mit diesen Verbündeten zur Rechenschaft zu ziehen. Sein Bruder war als Beamter bei der westfälischen Unterpräfektur angestellt. Aber ich wußte, wie sehr ich mich auf ihn verlassen durfte. Er hatte schon bei meinem ersten Auftreten in Halle mir eine persönliche Zuneigung gezeigt, die ich nie vergessen werde. Er war mit meinen geheimen Verbindungen bekannt und auch seiner Gesinnung nach geneigt, alles zu wagen. Sein Schwager war Bartels, der Pächter von Giebichenstein, dieser ansehnlichen Domäne. Ich erschrak fast, als Steltzer herbeieilte und mir vorschlug, Bartels aufzufordern, den Wagen zur Flucht der Verfolgten herzugeben. Ich bedachte seine Lage und wie er bei einer nicht ganz unwahrscheinlichen Entdeckung seinen Besitz, seinen Reichtum in Gefahr brachte und nicht so schnell fliehen konnte wie ich etwa. Er eilte nach Giebichenstein, auf meine Einwendungen wollte er nicht hören, er war der Gesinnung unseres beiderseitigen vertrauten Freundes völlig gewiß.

Des Morgens früh, die Sonne war noch nicht aufgegangen, schritt ich mit Martin durch die stillen Straßen. Als wir über die lange Saalebrücke nach Passendorf gingen, erblickten wir zwei Männer, die uns entgegenkamen. Der stillschweigende, geängstigte Martin begrüßte sie; ich war erstaunt, ja nicht ohne Furcht. Mit wenigen traurig klingenden Worten wurde der Gruß erwidert; auf mich warfen die Fußgänger einen ängstlichen Blick. »Wo geht ihr hin?« fragte Martin, »mein Begleiter ist ein Freund, der meine Flucht nach Berlin fördern will.« – »Wir wollen suchen, Böhmen zu erreichen«, ward geantwortet; »Gott geleite euch«, sagte Martin, und die beiden Reisenden gingen stillschweigend weiter. Es waren zwei durch Steckbriefe verfolgte Teilnehmer der Insurrektion, und dieses Begegnen der Verbündeten, dieses verhängnisvolle Verschwinden in entgegengesetzter Richtung, diese trostlose Trennung nach einem kurzen Gruß erschien mir, ich gestehe es, furchtbar, ja unheimlich.

In Passendorf fand ich die mit Martin entflohenen Anführer. Über einsame Felder und auf Fußsteigen fortschreitend erreichten wir Giebichenstein. Bartels erwartete uns. Ein willkommenes Frühstück, eilig genossen, stärkte die Fliehenden; der Wagen hielt vor der Tür, die Fliehenden bestiegen ihn, und der Kutscher meines Freundes in seiner Livree saß auf dem Bocke. Es schien gewagt und war dennoch auf jeden Fall das Sicherste. Wurde der Wagen angehalten, so konnte der Eigentümer desselben doch nicht verborgen bleiben, und die bekannte Livree schützte gegen eine Untersuchung. Die Fliehenden kamen glücklich nach Dessau, und Martin hielt sich in Berlin lange bei meinem Freunde Reimer auf.

Willisen trat in österreichische Dienste und konnte noch, wie von Varnhagen und von Marwitz gegen Napoleon kämpfend, an der Schlacht bei Wagram teilnehmen.

Johannes von Müller war tot. Leist, Professor in Göttingen, war sein Nachfolger, konnte aber das Vertrauen, welches Müller besaß, nie erlangen. Die Universitäten glaubten sich preisgegeben, und die Zukunft erschien immer düsterer, denn nach allen Seiten hin trat deutlicher der zerrüttete Zustand des Landes hervor. Den Bergwerken drohte der Ruin, die Forsten wurden verwüstet, die Landbesitzer, durch neue Auflagen, die das in der papiernen Konstitution versprochene höchste Maß bei weitem überstiegen, gedrückt, verarmten; die Gehälter der Beamten wurden durch erzwungene Anleihen verkürzt, Steuern wurden eingeführt, deren Hebung, wie die Erfahrung schnell lehrte, unmöglich war. Ich erinnere mich, daß eine solche Steuer, deren Bestand bezweifelt wurde, dennoch durch die Furcht der Einwohner eine ziemlich beträchtliche Summe einbrachte. Wer es vermochte, beeilte sich zu zahlen, man glaubte sich verdächtig zu machen, wenn man es wagte, sich einer Exekution auszusetzen. Alle öffentlichen Fonds fingen an unsicher zu werden, selbst die der wohltätigen Institute. In Halle nahm die Armut auf eine schreckliche Weise zu. Die Salinen, eine Hauptquelle des Einkommens vieler Einwohner, brachten nichts ein, durch die fortdauernden Durchmärsche wurden die Einwohner fast ausgeplündert. Unter der preußischen Regierung hatte das hier im Frieden garnisonierende Regiment wesentlich zum Wohlstande der Stadt beigetragen. Die Universität war tief gesunken, und die Anzahl der Studierenden nahm fortdauernd ab. Halle war schon unter Preußen keine eigentlich wohlhabende Stadt gewesen; durch die Leichtigkeit, mit welcher man hier, besonders in den Vorstädten, das Bürgerrecht erhielt, wuchs zwar die Zahl der Einwohner, aber keineswegs auf eine vorteilhafte Weise. Vagabunden und loses Gesindel drängte sich hier zusammen. Man ward von Schauder ergriffen, wenn man die Masse dieser Menschen in der Vorstadt Neumarkt oder auf dem sogenannten Strohhof die Straßen anfüllen sah. Man behauptete, daß sich hier Banden bildeten, die vorzüglich den Leipziger Messen gefährlich würden. Jetzt ward die Verarmung allgemein, eine Untersuchung wurde damals angestellt, aber das Resultat war so trostlos, daß ein Versuch, die Armen auf irgendeine gründliche Weise zu unterstützen, den völligen Ruin der Stadt herbeigeführt haben würde. Sonderte man die Einwohner in Klassen, um zu erfahren, wie groß die Anzahl solcher wäre, die ganz von Unterstützung leben müßten, die teilweise Hilfe bedurften, die nichts beizutragen vermochten, so blieb die Minorität derer, auf welche die ganze Last der Unterstützung fiel, so klein, daß ihre gänzliche Verarmung unvermeidlich schien. Dieser entsetzliche Zustand lähmte alle Kräfte, und man fing an, mit stumpfer Gleichgültigkeit der düstern Zukunft, der völligen Auflösung und dem Untergange der Stadt entgegenzusehen. Aber im Hintergrunde dieser verzweiflungsvollen Ergebung lauerte die Wut. Mit einem wahren Ingrimm sah man die Macht Napoleons wachsen, vernahm man seine Vermählung mit der Kaisertochter, erfuhr man die Erweiterung des französischen Reiches durch Westfalen und über Hamburg hinaus, die das eben entstandene Königreich willkürlich verkürzte. Das Kontinentalsystem vernichtete allen Handel und hemmte den freien Umsatz der Waren, wie die immer zunehmende polizeiliche Aufsicht die des gewichtigen geistigen Wortes.

In dieser unglücklichen Zeit machte ich eine bedeutende Bekanntschaft. Es war Heinrich von Krosigk; ich habe diesem merkwürdigen Manne vor vielen Jahren ein kleines Denkmal in der Brockhausschen Zeitschrift, den »Zeitgenossen«, gesetzt. Krosigk gehörte zu den ältesten und früher mächtigsten Familien der Gegend. Er war unter mehreren Brüdern der älteste und Stammhalter seines Geschlechts. Das schöne Gut, welches er bewohnte, Poplitz, liegt in einer anmutigen Gegend in der Nähe von Alsleben; er hatte eine imponierende Gestalt, schlank, rüstig; er erschien ernst und strenge, und die Festigkeit seiner Gesinnung sprach sich entschieden aus, ja er konnte dem Fremden wohl sogar zurückstoßend erscheinen, den Zudringlichen wußte er fernzuhalten; man überzeugte sich bald von der Unbeugsamkeit seiner einmal festbegründeten Überzeugung, ja die Gesinnung, die sich der Überzeugung willig hingab, ward von ihm so hoch geachtet, daß er Märtyrer jeder Art, so wenig er auch ihre Meinung teilte, jederzeit bewunderte und verteidigte. Er hatte seinen ruhigen Landsitz verlassen, um an dem Kampfe 1806 teilzunehmen, und jetzt lebte er wieder zurückgezogen in Poplitz. Dort war er als eifriger Landmann fortdauernd tätig; die Übereilung, mit welcher man anfing, das alte Verhältnis der Bauern zu den Gutsbesitzern aufzulösen, billigte er keineswegs. Die Verwandlung der pflichtigen Arbeiter in heimatlose Tagelöhner, die ohne Anhänglichkeit und Treue einem schutzlosen unsichern Dasein preisgegeben waren, schien ihm nicht günstig: er ließ eine Reihe Häuser bauen, den Kolonistenhausern ähnlich, an ein jedes Haus schloß sich ein kleiner Garten und, irre ich nicht, ein kleines Feld für den Kartoffelbau. Treue Tagelöhner, die mehrere Jahre hindurch seine Zufriedenheit erworben hatten, bezogen diese Häuser und konnten ihrer Zukunft und dem hohen Alter getrost entgegensehen. So entstand ein Verhältnis, dem alten zurückgedrängten ähnlich, aus den neuen Elementen der Zeit naturgemäß entwickelt. Ich habe mit den vertrautesten Freunden oft mehrere Tage bei ihm zugebracht. Ein baumreicher Park hinter dem Schlosse zeichnete sich freilich nicht durch viele Anlagen aus. Er war vielmehr fast durchaus im natürlichen Zustande; nur bequeme Wege durchschnitten die Waldung, vorzugsweise reizend aber war ein großer ebener Platz, der sich tief in den Wald hineinzog; das frischeste Grün verschönerte ihn. Der Park war zugleich ein Tiergarten; Hirsche und Rehe belebten den Wald, und das wenige Wild, welches für die Tafel geschossen wurde, durfte nur durch ihn selbst erlegt werden. Die schönsten Pferde liefen frei in dem Garten herum, die ausgezeichnetsten Gestalten von Schweizer Vieh weideten auf dem Platze; Hirsche, Rehe, Pferde, Ochsen, Kühe und Schafe lagerten gemeinschaftlich vor uns, und ich erinnere mich nie, ein solches Gemisch ausgezeichneter Herden vereinigt gesehen zu haben.

Die bestimmte Art, mit welcher er gegen die französische Besatzung auftrat, hatte auf die Bewohner des Guts einen großen Einfluß. In der ersten Zeit kamen häufig die gequälten Bauern und beklagten sich über die Mißhandlungen der Einquartierung, später hörte man keine solche Klagen; desto häufiger wurden die der Franzosen. Er selbst behandelte die bei ihm wohnenden Offiziere mit höflicher Kälte; bei der Tafel ward für sie der schlechteste Wein hingesetzt, die Freunde tranken bei solchen Gelegenheiten die ganz ausgezeichneten seines Kellers erst später. Wenn jene sich beklagten, fragte er kurz: »Sie sind doch nicht beleidigt? Ich bin zu einer jeden Genugtuung bereit.« Ein paar geladene Pistolen lagen auf dem Tische und ganz allgemein hieß Krosigk » le mauvais Baron«.

*

Als ich die Gegend verlassen und in einer so bedeutenden Entfernung von Städten leben sollte, die mir in der Erinnerung so teuer waren, konnte ich der Lust, die noch übriggebliebenen Freunde in Jena zu besuchen, vor allem aber den jetzt 62jährigen Goethe zu sehen, nicht widerstehen. Schon zwei Jahre früher, im Winter 1809, hatte ich meinen lieben Freund Frommann mit meiner Familie besucht. Er und seine Frau hatten uns mit liebenswürdiger Gastfreundschaft aufgenommen. Wir brachten die letzten Tage des Jahres in seinem Hause zu, und die paar Wochen, die wir hier verlebten, bleiben mir unvergeßlich; dennoch fühlte ich nie klarer das Tragische meines Lebens. Wie unbeschreiblich reich war meine Jugend in Jena gewesen, und der fröhliche Mittelpunkt der geselligen Verhältnisse bildete sich durch diese liebenswürdige Familie. Hier erschien, und zwar gern, Goethe, hier sah ich die Schlegel, Tieck, später Schelling; und Gries war Hausfreund. Es war mir, als wäre ich auf die bedeutende Walstätte ritterlicher, siegreicher, geistiger Kämpfer versetzt. Die Morgenröte des neuen Jahrhunderts, die auch mir einen hoffnungsvollen Tag verkündete, ging hier auf: jetzt wurden früher zum Stillschweigen gebrachte Feinde täglich lauter; damals verbündete Freunde hatten sich getrennt, und mit dem zerstörten nationalen Boden waren auch alle Folgen der ritterlichen Siege auf immer verschwunden. Von allen früheren Freunden erschien nur noch Gries in diesem Hause. Dieser lebte in dem nun einsamen Jena ganz auf die frühere Weise. Er war einige Zeit in Heidelberg und, irre ich nicht, in Stuttgart gewesen, aber die Sehnsucht zog ihn nach Jena zurück. Diese Stadt war seine Heimat geworden; hier lebte er ganz nach der alten gewohnten Art, bezog die frühere Wohnung, und als ich in die zierliche Stube hineintrat, erschrak ich heftig; denn Schränke, Tische, Stühle, Büsten standen gerade wie zehn Jahre früher, dieselbe Magd begrüßte mich, und der kleine Dichter mit dem gelben Teint und den schwarzen Augen saß noch da. Er und seine Umgebung erschienen mir fast wie einbalsamierte Leichen aus einer schönen lebendigen Zeit. Seine Taubheit hatte sehr zugenommen, man mußte ihm stark in die Ohren rufen, wenn man verstanden sein wollte; nur für die Musik hatte er noch ein Ohr. Diese hatte er von jeher mit Leidenschaft getrieben, und es war begreiflich, daß er auch bei Frommann die musikalische Unterhaltung einer jeden andern vorzog. Dennoch erschien er in den freundschaftlichen Kreisen sehr heiter. Die Fertigkeit, kleine Gedichte mit Leichtigkeit hinzuwerfen, besaß der Dichter, der uns Tasso, Ariost, Bojardo, Calderon, meisterhaft übersetzt, zu schenken vermochte, im hohen Grade, und ich erstaunte, als am Weihnachtsabend eine große Masse von Bonbons, die an die ganze Gesellschaft verteilt wurden, gereimte Devisen enthielten, von welchen viele in der Tat sehr gelungen waren.

Obgleich nun in dieser Umgebung das ganze Gewicht des Unterganges schöner Zeiten auf mir lastete, so war es doch natürlich, daß die freundliche Gesellschaft mich erheiterte und daß ich gern mich der Hoffnung besserer Zeiten hingab. In Halle, wo ich unter Freunden lebte, und zwar in einem fortdauernden, wenn auch versteckten Kriege, pflegte ich meinem Hasse Worte zu geben. Hier erschraken meine Freunde, wenn ich mich nach gewohnter Weise äußerte. Die Lage des Herzogs von Weimar war freilich eine bedenkliche. Die Herzogin hatte sich in den Tagen der Flucht, als sie während der Abwesenheit des Herzogs im feindlichen Heere den erbitterten Napoleon empfangen mußte, auf eine so würdige Weise benommen, daß sie dem heftigen Sieger imponierte und ihm wider seinen Willen Achtung abzwang. Der Herzog selbst war dem Kaiser verdächtig, und sein Adjutant, der jetzige General der Infanterie von Müffling, von dem er sich nicht trennen wollte, war sein Minister. Das Land war von geheimen Spionen belauert, und es war begreiflich, daß man eine jede Äußerung, welche die Regierung kompromittieren konnte, selbst durch strenge Maßregeln zu unterdrücken suchte. Ich sah dieses sehr wohl ein und richtete mich gern während meines Aufenthaltes nach dem Wunsche meiner Freunde.

Desto mehr wurde ich durch die Gewalt, welche Goethe über alle Urteile der Umgebung, in welcher ich lebte, ausübte, in Verlegenheit gesetzt. Erwägt man, wie dieser große Geist schon lange in Weimar mit Recht als der mächtigste in Deutschland verehrt ward, wie die heftige geistige Bewegung, in welche ich hineingerissen wurde, um ihn wogte und brauste, ohne seine ursprüngliche eigentümliche Natur zu ändern, wie, nachdem die Kämpfe in seiner Nähe aufgehört hatten und nur noch in zerstreuten kleinen Gefechten in der Ferne vernommen wurden, während er, der unveränderlich stehenblieb, das fortdauernde, ja immer heller leuchtende Licht in der dunklen Nacht des geistigen Vaterlandes blieb, so kann man sich freilich nicht wundern über die Herrschaft, welche er über alle diejenigen ausübte, die in seiner Nähe lebten.

Später hat sich diese Autorität immer mehr und mehr verbreitet, ja ihre Herrschaft nahm in demselben Maße zu, in welchem seine Lebensansicht durch das Alter und durch die ursprüngliche Beschränkung, die sich immer entschiedener ausbildete, an Umfang und Beweglichkeit abnahm. Der schaffende Genius erlahmte nicht, zog sich aber in sich hinein und ward immer mehr eine Vergangenheit, die abschloß, als eine unbestimmte Zukunft, die sich aufschließt. Selbst was die neue Zeit und die Gegenwart, was besonders die alle Momente des menschlichen Daseins ergreifende Spekulation des deutschen Volkes ihm aufdrang, verlor sich in der Gestaltung seines innern Lebens, und was eine Zukunft für alle mächtigen Geister der Zeit war, schien bestimmt, durch ihn die eigene Vergangenheit zu enträtseln. Er ist, in diesem tiefsten Sinne, satt an Jahren gestorben. Er hatte die Aufgabe, das eigene Leben bis zu dem letzten Moment nicht mehr, wie es werden sollte, sondern wie es geworden war, zu bewahren, und als die Pulsadern verknöcherten, als die Gliedmaßen sich schwer bewegten, als die Zunge gelähmt, ja als er fast als ein abgeschiedener Geist unter Gräbern zu wandeln schien, blieb er noch die edle Gestalt, die in ihrer Vergangenheit eine noch nicht enträtselte Zukunft verschloß. Sein Tod selbst war das innerste Selbstgespräch. Er hatte sich stolz von der wechselseitigen Verständigung mit der Zeit abgeschlossen, er wandte sich an keinen der Lebenden, um sich mit ihm zu verständigen; wir aber, die wir lebten und strebten, wurden gezwungen, auf die letzten Äußerungen des verschwindenden Geheimnisses zu lauschen, bis es verstummte.

Nun mußte ich es erleben, daß immer größer die Zahl derer ward, die, weil sie zur Ruhe zu kommen wünschten, mit ihm abzuschließen geneigt waren. Und besonders in dem Kreise, in welchem ich in Jena lebte, galt Goethes Autorität so unbedingt wie die Bibel bei frommen Christen. Ein jeder Streit, der stattfand, war für immer beendigt, wenn man sich auf irgendeine Äußerung Goethes besinnen konnte, und ich ward durch diese alles eigene Denken ausschließende Herrschaft zuletzt so empört, daß ich einmal in Verzweiflung ausrief: »Bleibt mir mit dem von – Goethe vom Leibe.« Die Heftigkeit, mit der ich dieses aussprach, und der Schrecken, welcher mich unmittelbar ergriff, ergötzte die Freunde.

Ich lernte in Jena zuerst einen einst berühmten deutschen Dichter, Zacharias Werner,Zacharias Werner (1768-1823), in Königsberg geboren, lebte, bevor er zum Katholizismus übertrat, in einem Gemisch von Halbwahn und Mystik; er ist der Begründer der sogenannten »Schicksalsdramen«. kennen. Ich muß gestehen, daß seine Werke mich nie sehr angezogen haben. »Die Söhne des Tales,« »Das Kreuz an der Ostsee,« sprachen mich wenig an; sie schienen mir einem seichten Wasser ähnlich, welches durch eine künstliche Wellenbewegung eine erlogene Tiefe vorzuspiegeln bemüht war. Seine Gestalt hatte etwas unangenehm Auffallendes. Lang, dürr, etwas schlotterig in seinem Gange, ungelenk in allen seinen Bewegungen, erschien sein mageres Gesicht und seine gewaltige Nase fast zurückschreckend. Er war nach Weimar gereist, um einige Dramen dort auf die Bühne zu bringen, und zum Besuche nach Jena gekommen. Er kam eben von Genf, wo er in Coppet einige Zeit mit der Staël-Holstein zugebracht hatte. Mehrere meiner Freunde, der Bildhauer Tieck,Vgl. Seite 135. Friedrich Schlegel, OehlenschlägerVgl. Seite 86. mit Werner und der berühmte Geschichtschreiber SismondiJean Charles Léonard Simonde de Sismondi, 1773-1842, lebte in Genf, als Volkswirt und Geschichtschreiber bedeutend. hielten sich damals in Coppet auf. Ich habe später oft genug von dem geselligen Leben meiner Freunde dort reden gehört, und was ich jetzt erfuhr, hatte allerdings für mich ein großes Interesse. Werner erzählte etwas langsam, aber nicht schlecht. Nun aber griff er in die Tasche, hob eine Masse schmutziger zerknitterter Oktavblättchen hervor, welche eine Anzahl Sonette enthielten, die er verfertigt hatte und die er uns auf eine höchst ungeschickte und falsche Weise vordeklamierte. Ich muß mir die Antipathie gegen ihn als einseitig vorwerfen. Er hatte in der Tat ein eigenes Talent, welches man anerkennen muß; was ihn verdarb, war, wie ich glaube, der fanatische Traum, der ihn wähnen ließ, er sei eigentlich ein Prophet, zur Verkündigung überschwenglicher Dinge berufen. Nun hatte er aber weder die feste Gesinnung noch die zuversichtliche Überzeugung, die auch dann, wenn sie mit großer Beschränktheit verbunden ist, Bewunderung, ja selbst bei den Besseren Achtung zu erwecken vermag. Unglücklicherweise war er auch durchaus von dem gegenwärtigen Moment abhängig und buhlte fortdauernd nach dem Beifall der Umgebung.

Goethe war nach Jena gekommen, ich sah ihn nach sieben Jahren zum ersten Male wieder, und seine Gegenwart ergriff mich tief. Er begleitete mich nach der Mineraliensammlung, die noch immer unter der Direktion des Professor Lenz bedeutende Schätze in sich schloß. Ich war für mein Handbuch der Mineralogie dort täglich mehrere Stunden beschäftigt. Goethe war bekanntlich ein geognostischer Dilettant, seine wiederholten Reisen nach Karlsbad verlockten ihn zu mancherlei Untersuchungen, und unsere Unterredung schweifte bald von der Mineralogie nach anderen naturwissenschaftlichen Gegenständen hin. Einige optische Untersuchungen wurden behandelt, seine Ansichten von der Metamorphose der Knochen beschäftigten uns, und er beklagte sich mit Heftigkeit über die Art, wie einige Naturforscher sein Vertrauen mißbraucht und mitgeteilte Entdeckungen, ohne ihn zu nennen, als eigene bekanntgemacht hatten. Ich war ganz in die frühere schöne Zeit versetzt. Goethe ward immer heiterer, liebenswürdiger, und ich genoß ein Glück, welches mir seit langen Jahren fremd geworden war. Goethe lud mich und meine Frau mit der Frommannschen Familie nach Weimar ein. Wir fanden bei der Tafel, außer Goethes Frau, MeyerHeinrich Meyer, Goethes Schweizer Freund aus Italien, lebte seit 1791 in Weimar. und Riemer,Friedrich Wilhelm Riemer, seit 1803 der Lehrer von Goethes Sohn August und Goethes wissenschaftlicher Mitarbeiter. nur Werner. Goethe war sehr heiter, das Gespräch drehte sich um mancherlei Gegenstände, und die unbefangenen geistreichen Äußerungen des berühmten Wirtes erheiterten uns alle. Auch mit den Frauen wußte er sich auf liebenswürdige Weise zu unterhalten.

Endlich wandte er sich an Werner, der bis jetzt wenig teil an den Gesprächen genommen hatte. »Nun Werner,« sagte er auf seine ruhige, doch fast gebieterische Weise: »haben Sie nichts, womit Sie uns unterhalten, keine Gedichte, die Sie uns vorlesen können?« Werner griff eilig in die Tasche, und die zerknitterten schmutzigen Papiere lagen in solcher Menge vor ihm, daß ich erschrak und diese Aufforderung Goethes, die das unbefangene und interessante Gespräch völlig zu unterdrücken drohte, keineswegs billigte. Werner fing nun an, eine Unzahl von Sonetten uns auf seine abscheuliche Weise vorzudeklamieren. Endlich zog doch eines meine Aufmerksamkeit auf sich. Der Inhalt des Sonetts war der köstliche Anblick des vollen Mondes, wie er in dem klaren italienischen Himmel schwamm. Er verglich ihn mit einer Hostie. Dieser schiefe Vergleich empörte mich, und auch auf Goethe machte er einen widerwärtigen Eindruck; er wandte sich an mich. »Nun Steffens,« fragte er, äußerlich ruhig, indem er einen geheimen Ingrimm zu verbergen suchte, »was sagen Sie dazu?« »Herr Werner,« antwortete ich, »hatte vor einigen Tagen die Güte, mir ein Sonett vorzulesen, in welchem er sich darüber beklagte, daß er zu spät, zu alt nach Italien gekommen wäre, ich glaube einzusehen, daß er recht hat. Ich bin zu sehr Naturforscher, um eine solche Umtauschung zu wünschen. Das geheimnisvolle Symbol unserer Religion hat ebensoviel durch einen solchen falschen Vergleich verloren wie der Mond.« Goethe ließ sich nun völlig gehen und sprach sich in eine Heftigkeit hinein, wie ich sie nie erlebt hatte. »Ich hasse,« rief er, »diese schiefe Religiosität, glauben Sie nicht, daß ich sie irgendwie unterstützen werde; auf der Bühne soll sie sich, in welcher Gestalt sie auch erscheint, wenigstens hier nie hören lassen.« Nachdem er auf diese Weise sich eine Zeitlang und immer lauter ausgesprochen hatte, beruhigte er sich. »Sie haben mir meine Mahlzeit verdorben,« sagte er ernsthaft, »Sie wissen ja, daß solche Ungereimtheiten mir unausstehlich sind; Sie haben mich verlockt, zu vergessen, was ich den Damen schuldig bin.« – Er faßte sich nun ganz, wandte sich entschuldigend zu den Frauen, fing ein gleichgültiges Gespräch an, erhob sich aber bald, entfernte sich, und man sah es ihm wohl an, daß er tief verletzt war und in der Einsamkeit Beruhigung suchte. Werner war wie vernichtet.

Goethe, diese imponierende Gestalt, jetzt schon im hohen Alter, schien durch seine ruhige gebietende Gegenwart die ganze Bedeutung seines gewaltigen Daseins in einen mächtigen Moment zusammenzufassen; er war damals 62 Jahre alt. Die bevorstehende Trennung erschütterte mich, aber der ernsthafte Mann gebot Ruhe; mein Schmerz war stumm, ich verneigte mich und verließ ihn. Er lebte nachher noch fast 20 Jahre, aber ich sah ihn damals zum letztenmal.

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Noch stand mir eine in mancherlei Rücksicht für mich wichtige Reise bevor. Es war notwendig, daß ich von Halle aus, in den Angelegenheiten meiner neuen Anstellung, nach Berlin reiste. Es war der berühmte heiße Sommer, der noch nicht vergessen und durch seinen mächtigen Kometen auf eine so merkwürdige Weise verewigt ist.

Auf eine Weise von der trockenen Hitze angegriffen, die mir fast die Besinnung zu rauben drohte, kam ich nach Berlin und wohnte bei Reimer. Wie ganz anders fand ich Berlin jetzt als fünf Jahre früher in den Tagen der frischen und damals hoffnungsvollen Begeisterung?

Zwar dasjenige Institut, welches mir das nächste war, die Universität, wurde mit Hoffnungen errichtet, die in der Tat groß waren. In dem glänzendsten Teile der Stadt, ausgezeichnet unter den mächtigen Gebäuden, die sich hier wie in keiner andern Stadt zusammendrängen, liegt das Gebäude der Universität, als sollte es durch diese Lage die hohe Bedeutung wissenschaftlicher Bildung für den Staat andeuten, der, äußerlich dem Druck und der Schmach unterliegend, dennoch den innersten Kern eines zukünftigen frischen, ja mächtigen Lebens in sich bewahrte. Die naturwissenschaftlichen Institute hatten schon vom Anfange an einen Reichtum und ein Ansehen, welches auf die zukünftige große Bedeutung derselben hinwies.

Am 23. Dezember 1809 ward die Königliche Kabinettsordre, welche die Errichtung der Universität befahl, unterzeichnet. Den 9. September 1810 ward sie feierlich eröffnet. Männer von großem Ruf glänzten schon bei der ersten Errichtung in allen Fakultäten: Schleiermacher vor allem in der theologischen. Es gibt keinen, der wie er die Gesinnung der Einwohner hob und regelte und in allen Klassen eine nationale, eine religiöse, eine tiefere geistige Ansicht verbreitete. Berlin ward durch ihn wie umgewandelt und würde sich nach Verlauf einiger Jahre in seiner frühern Oberflächlichkeit selbst kaum wieder erkannt haben. Was ihm den großen Einfluß verschaffte, war dieses: daß er Christ war im edlen Sinne, fester unerschütterlicher Bürger, in der bedenklichsten Zeit kühn mit den Kühnsten verbunden, rein Mensch in der tiefsten Bedeutung des Wortes, und doch als Gelehrter streng, klar, entschieden. Die Kinder strömten zu seinem Unterricht, Frauen und Männer aus allen Klassen hingen ihm an. Sein Entschluß, sich für das schmachvoll gedrückte Vaterland zu opfern, hatte damals eine ansteckende Gewalt und unterhielt die kühne Gesinnung, die entschlossen war, nicht bloß bessere Zeiten untätig zu erwarten, sondern auch, wo sich die Gelegenheit darbot, durch die Tat herbeizuführen. Sein mächtiger, frischer, stets fröhlicher Geist war einem kühnen Heere gleich in der trübsten Zeit. Denn die Kräfte, die er in Bewegung setzte, waren keine vereinzelten, beschränkter Art, es waren die tiefsten und edelsten des ganzen Menschen in der höchsten, alle durchdringenden Einheit. So fand ich meinen Freund, als er eine Laufbahn anfing, deren Wert zu schätzen nur derjenige vermag, der sie anzuerkennen weiß.

Savigny, von Landshut nach Berlin berufen, hob die juridische Fakultät. Schon damals der Begründer einer neuen Juristenschule, die trotz aller Angriffe immer mächtiger wurde. Reils Name und Zelebrität verschaffte der medizinischen Fakultät einen ausgezeichneten Ruf, und bei einer neuerrichteten Universität konnte keine Akquisition glücklicher sein. Unternehmend wie er war, fortdauernd mit großen Plänen beschäftigt, duldete er in seiner Nähe keine müßige Ruhe, und selbst, wo man ihn heftig bekämpfte, ward der Kampf für die heranwachsende Universität heilsam. Auch durch Hufelands Verdienste gewann die Fakultät an Glanz.

Unter den Philosophen war Fichte, wenn er auch viele Gegner fand und finden mußte, doch von großem Einfluß. Seine Gesinnung, ja selbst seine abgeschlossene scharfe Eigentümlichkeit bildete einen festen Haltpunkt, und durch seine rücksichtslose nationale Kühnheit gewann er viele Menschen, von denen er wissenschaftlich getrennt war; ja er hatte schon den Grund gelegt zu einer Ansicht des Lebens, die in einer schwankenden Zeit, wie die damalige, eine große geschichtliche Bedeutung erhielt. Die Verwirrung, in welche die religiöse und wissenschaftliche wie die bürgerliche Existenz geraten war, mußte einen jeden zu der Einsicht führen, wie notwendig es war, sich vor allem in sich zu fassen und zu bestimmen, und der Mann, welcher berufen war, einen großen, alles leitenden Gedanken kühn hervorzuheben als den absolut gebietenden, mußte als ein Herrscher anerkannt werden, auch wo er nicht verstanden ward.

Fichtes schon lautgewordene Stellung gegen Schelling, die Art, wie er sich über mich und selbst in einem an mich gerichteten Briefe geäußert hatte, die Einsicht, daß wir uns durchaus fremd waren und daß ich mit meinem innigen Naturleben nie von ihm verstanden werden konnte, hielt mich von ihm entfernt. Böckh und Bekker waren als Philologen berufen. Es ist bekannt, wie sehr der letztere durch seine tiefen stillen Studien die Wissenschaft gefördert hat, wieviel der erstere, der schon damals als Philolog einen großen Ruf erlangt hatte, indem er das Leben und Denken der Griechen mit ihrer Sprache zugleich auffaßte, dazu beitrug, das Studium der alten Welt in ihrer schönsten Blüte zu beleben und zu fördern. Den 15. Oktober 1810 fingen die ersten Vorlesungen an.

Noch nie war eine Universität gleich von ihrer ersten Stiftung an glanzvoller hervorgetreten, noch nie die Idee der Begründung eines großen wissenschaftlichen Instituts großartiger aufgefaßt. Man hat mit Recht in der Geschichte die Stiftung der Universität Göttingen im Anfange des vorigen Jahrhunderts als die gelungenste Unternehmung ihrer Art genannt, und von MünchhausenDer Minister des Königs Georg II. August von England-Hannover, auf dessen Einfluß die Gründung der Göttinger Universität im Jahre 1737 zurückging. ist nach Verdienst dadurch unsterblich geworden. Aber die Aufgabe war in einer ruhigen, mit sich selber zufriedenen Zeit eine viel einfachere. Die ausgezeichneten Gelehrten waren in anerkanntem und wenig bestrittenem Besitz ihres einmal erworbenen Rufs, die Wahl der Lehrer also weniger schwierig. Ein reiches Land bot in einer im ganzen friedlichen Zeit ohne Schwierigkeit die Mittel dar, und der König von England, als Herrscher des Landes, stand als der große Beschützer und Gönner im Hintergrunde. In Berlin aber trat ein Institut mit überraschendem Glanz hervor, als alle Stützen des Staates eingestürzt schienen, und aus einer unsäglichen Armut floß wunderbarerweise die reiche Quelle der Bildung derselben. Ich habe nie eine Klage vernommen über die Summen, die so durch eine große Anstrengung errungen und angewandt wurden.

Bei der gewaltsamen Auflösung so vieler Verhältnisse, bei der Notwendigkeit, manches ganz von neuem mit Beseitigung früherer zum Teil zerstörter Zustände anzufangen, bei der in vielen Richtungen sich hervordrängenden Not, die schnelle Hilfe forderte, war es zu natürlich, daß man bei den Kundigen Rat suchte. HardenbergDer preußische Staatskanzler. berief Deputierte aus den verschiedenen Provinzen, die eine Art Reichsstände bildeten, um mit ihnen sich zu beraten. Ich hörte die Namen: Graf Dohna, von Schuckmann, von Altenstein, Niebuhr, Stägemann, Scharrnweber, von Bärensprung und viele andere nennen. Mein Freund, der Regierungsrat von Raumer, der Bruder meines zukünftigen Schwagers, stand eben damals in der höchsten Gunst bei Hardenberg und erlebte den Blütepunkt seines in der Tat mächtigen Einflusses. Was die Verwirrung, wie sie mir erschien, vermehrte, war nun auch die Macht freierer Ansichten, die sich aufdrängten und nicht abzuweisen waren. In diesem Sinne hatte Stein schon manches getan, um den verschiedenen Ständen eine selbständigere Stellung zu verschaffen. Die Städteordnung z. B. entwickelte einen selbständigen Bürgerstand, der die eigenen Angelegenheiten mit einer Freiheit leitete, die man selbst in konstitutionellen Staaten wie in Frankreich bis zu diesem Augenblicke nicht kennt. Da entstand die Aufgabe, einen freien Bauernstand ebenfalls zu schaffen. Die Ablösung der Bauern ward jetzt eine Notwendigkeit, die sich nicht mehr abweisen ließ. Daß solche Unternehmung, die man schnell und entschieden einzuführen suchte, wohl auch mit der Hoffnung, dadurch die Bauern selbst für große Opfer und eine entschiedene nationale Gesinnung zu gewinnen, stattfand, ist wenigstens zu vermuten.

In geordneten friedlichen Zeiten hat ein jeder seinen bestimmten Standpunkt, von welchem aus er auf eine gebietende Weise tätig sein kann. Reichen seine Fähigkeiten und Einsichten weiter, und über die Grenzen seines Amtes, so kann er zwar durch heilsame Vorschläge nützlich werden, aber die Annahme, Beurteilung und Ausführung derselben muß er andern, höhern Behörden überlassen, und er weiß es. Es ist wohl möglich, daß er durch solche Ratschläge sich selbst den Weg zu einem höheren Wirkungskreise bahnen kann, aber es wird ihm nie einfallen, sich eine größere Gewalt zuzuschreiben oder anzumaßen, als er innerhalb seiner Schranken wirklich besitzt. Anders verhält es sich, wenn im Staate neue durchgreifende Einrichtungen getroffen und diese schnell ausgeführt werden, sollen. Für diese passen die bestimmten Grenzen der Stellungen nicht immer; denjenigen, die man für die Fähigeren hält, muß man eine größere Gewalt gestatten; jenseits der niedergerissenen Schranken liegt aber eine Unbestimmtheit, die weder durch die höheren Behörden noch durch die mächtiger gewordenen Beamten abgegrenzt werden kann. So erzeugt sich unvermeidlich ein Grenzenloses, und ein jeder, der eine feste Überzeugung erlangt hat, will sie auch in ihrem ganzen Umfange verwirklichen. Das Chaos solcher wechselseitiger Kämpfe lag jetzt vor mir, und die Lage Preußens schien mir bei dieser innern Verwirrung die trostloseste zu sein. Schon bei den geschichtlichen Darstellungen verworrener Epochen werden wir nicht selten in unseren Urteilen irregeleitet. Innere Streitigkeiten, Niederlagen, Hungersnot, ansteckende Krankheiten bilden dann in der Erzählung einen solchen grauenhaften Knäuel vernichtender Unglücksfälle, daß man alle Bürger des Staats wie von einer faulenden Gärung ergriffen glaubt. Alles, was erzählt wird, kann wahr sein, aber es wird einseitig in der Darstellung hervorgehoben und zusammengedrängt. Was in verschiedenen Zeiten stattfindet, was in einzelnen Gegenden herrscht, wird in einem Moment der Zeit und in einem engen Raume vereinigt; die lichten Punkte des Lebens, die sich auch in den unglücklichen Zeiten erhalten, werden verdrängt, ja der Geschichtschreiber hält nicht selten sein Werk dann am meisten für gelungen, wenn diese gar nicht zum Vorschein kommen. Hat man nun das Glück, einen aus dem Volksleben in allen seinen Richtungen lebendig erzeugten großen Dichter zu besitzen, so erstaunt man über den grellen Gegensatz seiner Darstellung mit den gründlichsten der Geschichtsforscher der nämlichen Zeit. Man vergleiche die Geschichtsbücher Spaniens aus der Lebensepoche des Cervantes mit dem allgemeinen Leben in diesem Lande, wie es im Don Quichotte dargestellt wird. Während meines Aufenthaltes in Berlin sah ich von außen nur in die Verwirrung hinein. Den Faden eines leitenden Prinzips, wie er wohl von Hardenberg festgehalten wurde, vermochte ich nicht zu entdecken. Alle Hoffnungen, die mir aus den engeren Schranken des Lebens entgegentraten, drohten zu verschwinden; um so mehr, da nicht allein diejenigen, die im freieren Sinne die Verhältnisse des Staates auffaßten, an seine Fortdauer und zukünftige wachsende Selbständigkeit glaubten und für diese lebten und tätig waren, sich untereinander bekämpften, sondern auch sich insgesamt angegriffen sahen von einer mächtigen Opposition, die den Staat in seiner alten Form mehr oder weniger festzuhalten bemüht war. Die Ansicht des Staates, die sich jetzt bei mir entwickelte, bildete den schroffsten Gegensatz mit der früheren jugendlichen, die sich den Staats- wie den Naturverhältnissen mit instinktmäßiger Zuversicht hingab. Wo Zweifel entstehen, ist die eigene geistige Tätigkeit unvermeidlich, und obgleich es mir nie einfiel, mich in das Detail der Geschichte zu verlieren, so konnte ich allgemeinere und umfassendere Betrachtungen über die Verhältnisse der Staaten zueinander und ihre innere Einrichtung nicht mehr vermeiden.

Durch meinen Freund von Raumer hatte ich das Glück, dem Staatskanzler Grafen Hardenberg vorgestellt zu werden. Ich ward zur Tafel geladen und erwähne dieses hier, weil ich ihm später nähertreten durfte. Es ist nicht meine Absicht, ein Urteil über ihn zu fällen, ich besitze die genauen Kenntnisse, die mich dazu berechtigen könnten, keineswegs. Seine Persönlichkeit aber hatte etwas durchaus Anziehendes; er war, wie bekannt, selbst in seinem höheren Alter ein ausgezeichnet schöner Mann. Unter den höheren Staatsbeamten, deren persönliche Bekanntschaft ich zu machen das Glück gehabt habe, zeichnete er sich durch einen vornehmen Anstand im edelsten Sinne aus. Jene ruhige Sicherheit, die ihn nie, selbst in den bedenklichsten Momenten verließ, die offene, freimütige Art seiner Mitteilung, gleich weit von einer unschicklichen Vertraulichkeit und von einer kränkenden Herablassung entfernt, zeichnete ihn aus. Als ich dem Fürsten Metternich vor einigen Jahren persönlich vorgestellt zu werden das Glück hatte, erinnerte er mich auf eine überraschende Weise durch sein freies sicheres Betragen wie selbst durch seine Gestalt an Hardenberg.

Graf Neidhard von Gneisenau. Nach der Natur gezeichnet von Franz Krüger. Lithographie von Schall.

Ich war in der Mitte des Juli 1811 von Berlin nach Halle zurückgekehrt. Gneisenau muß damals eben, und vielleicht wenige Tage vorher, aus Schlesien nach Berlin gekommen sein. Ich hatte ihn noch nicht kennengelernt. Alle geheimen Unternehmungen schienen aufgegeben zu sein; ich sah erwartungsvoll einer bedeutenden Zukunft entgegen, ohne einzusehen, wie sie sich gestalten konnte. Da erschien von Boltenstern, ein Offizier der preußischen Garde, mit einem bedeutenden Auftrage bei mir. Alles war in dieser Zeit äußerlich ruhig, und seine Gegenwart in Halle konnte um so weniger Verdacht erregen, da seine Frau die Tochter eines Gutsbesitzers in der Gegend war. Gneisenau hatte ihn gesandt, und ich trat jetzt zum ersten Male, ohne ihn persönlich zu kennen, in Verbindung mit diesem merkwürdigen und ausgezeichneten Manne. Was von Boltenstern mir mitteilte, setzte mich in die heftigste Bewegung, und ich ward jetzt auf eine viel bedeutendere Weise als bisher zu einer entschiedenen Tätigkeit aufgefordert. Die Lebensbilder aus dem Befreiungskriege haben die eigenhändigen Briefe Gneisenaus an den Grafen Münster aus dieser Zeit bekanntgemacht. Ich erfuhr durch Boltenstern nur ganz im allgemeinen, wie gespannt die Stellung Preußens gegen Napoleon in diesem Augenblicke war, daß man sich entschieden über die noch fortdauernde Besetzung der Festungen, die dem Friedenstraktat zufolge schon längst hätten geräumt sein müssen, beklagte. Zwar hatte Preußen sich verpflichtet, ein Heer von nur 40 000 Mann zu halten, aber durch Scharnhorsts Fürsorge war ein weit größeres Heer kampffertig. Die kampffähigen Männer wurden einexerziert, dann entlassen, ihre Waffen wurden für sie aufbewahrt, und sie waren jederzeit bereit, sich zu stellen. Aus den Lebensbildern sehe ich, daß die Zahl der Männer, die schnell ein kämpfendes Heer gebildet haben würde, 12 4000 Mann betrug. Es kam jetzt darauf an, so genaue Nachrichten wie möglich von der Bewegung der französischen Truppen, von ihren Standquartieren, ihrer Anzahl, von den Anführern und Waffengattungen einzuziehen. Dann sollte ich mit großer Vorsicht mich an zuverlässige Freunde wenden, mit diesen ein möglichst vollständiges Verzeichnis solcher Männer verfertigen, die sich mit Wahrscheinlichkeit entschließen würden, in dem entscheidenden Moment für das Vaterland zu kämpfen, und die fähig wären, die eigene Gesinnung in größeren oder geringeren Kreisen zu beleben. Die vorzüglichste Tätigkeit der Freunde wäre endlich besonders darauf zu richten, daß sie sich in Kenntnis setzten von der Menge der Waffen und des Pulvers, die sich im Privatbesitz der Einwohner befänden. Wir müßten dann versuchen, diese zerstreuten Massen ohne Aufsehen an bestimmten zweckmäßigen Orten zu vereinigen. Von England dürften wir zwar bedeutende Lieferungen erwarten, aber die eigene Tätigkeit wäre durchaus notwendig. Ich stellte Boltenstern vor, wie mir als einem Gelehrten die Fähigkeit fehle, ein so wichtiges Geschäft zu leiten, welches militärische Kenntnisse und bedeutendes praktisches Geschick voraussetzte. Ich schlug Krosigk vor. »Ich bin an Sie geschickt,« erwiderte Boltenstern, der als preußischer Offizier gewohnt war, dem gegebenen Auftrage strenge Folge zu leisten. »Was Sie in dieser Sache tun wollen, müssen Sie verantworten.« Ich war über das in mich gesetzte Vertrauen erstaunt, aber auch erfreut. Ich konnte nicht behaupten, daß ich bis jetzt irgend etwas von Bedeutung ausgerichtet hätte. Meine bisherige Teilnahme an den Unternehmungen war in der Tat meist passiv; ich hatte das Geheimnis sorgfältig bewahrt, hatte die Ausführung einiger törichter Pläne verhindert und die Verbindung zwischen Kassel und Berlin einige Male befördert, das war alles. Ich vereinigte mich nun mit Blanc und mit einem jungen Manne B., auf dessen redliche Gesinnung wir uns verlassen konnten; besonders aber stimmten alle in meinen Vorschlag überein, Krosigk zu gewinnen und ihm die obere Leitung des Ganzen anzuvertrauen.

Zu den wichtigsten Verbündeten gehörte aber von Harthausen, der auf die umsichtigste Weise tätig war, die Gesinnung der Bauern und der Bürger zu erforschen wußte und durch wenige junge Männer, besonders durch den jüngern Merkel, auf die Studierenden einwirkte.

Harthausen hatte schon früher eine Gesellschaft gebildet, die sich ein paarmal wöchentlich versammelte, um Schießübungen anzustellen; besonders übten wir uns im Pistolenschießen. Diese Übungen hatten schon seit fast einem Jahre stattgefunden, und damit sie eine weitere Ausdehnung erhielten, schlossen wir uns an die Jagdgesellschaften der Umgegend an.

Diese Übungen und unsere Verbindungen mit einigen eifrigen Jägern kamen uns jetzt zustatten. Einige bedeutende Gutsbesitzer und reiche Pächter in der Umgegend waren teils durch ihre Gesinnung uns bekannt geworden, teils konnten wir sie jetzt gewinnen, und diese Verbindungen waren uns desto wichtiger, weil ihr Einfluß aus das Landvolk ein entschiedener war. In der Tat waren diese Unternehmungen im stillen schon ziemlich weit gediehen; alles Unruhige und Leidenschaftliche der früheren war verschwunden. In Halle war der persönliche Einfluß Harthausens besonders wichtig; in der Umgegend die umsichtige Tätigkeit Krosigks. Von Harthausen unterhielt von Halle aus beständige Verbindungen mit Westfalen. In dem ganzen Umfange dieses Königreichs wurden die genauesten Nachrichten von den Bewegungen der französischen Truppen eingesammelt und nach Berlin geschickt, und wir konnten uns um so leichter der Aufmerksamkeit der Feinde entziehen, da alles völlig ruhig blieb und keine törichten Pläne wilder Art, wie früher, die unsrigen durchkreuzten.

Gneisenaus Korrespondenz mit dem Grafen Münster, wie sie öffentlich bekanntgeworden ist, insofern sie die feindliche Stimmung des preußischen Hofes, die auch uns in Tätigkeit setzte, betraf, reicht bis in den November 1811. Auffallend ist mir die Hoffnung gewesen, daß die Stimmung des Hofes nicht wanken würde; offenbar hat Gneisenau mehr seine Hoffnungen und die feste Gesinnung seiner Freunde als die wirkliche Lage der Verhältnisse dem Minister mitgeteilt. Er befürchtete wohl, die Bemühungen der Engländer, deren mächtige und schnelle Beihilfe so notwendig war, dadurch zu hemmen. Uns ward wenigstens schon gegen Ende August geraten, alles vorläufig ruhen zu lassen. Die Differenzen, wurde uns gemeldet, die zwischen dem preußischen und französischen Hofe stattfanden, wären ausgeglichen, und wenn unsere Tätigkeit für die Zukunft nötig sein sollte, würden wir es erfahren. Ich hatte als Vorläufer eines jeden öffentlichen Aufstandes teils die Gegenwart eines, wenn auch geringen, Truppenkorps, um welches als einen festen Kern sich der Aufstand ordnen könnte, teils eine königliche Erklärung, welche den dem Königreich Westfalen geleisteten Eid aufhob, als durchaus notwendig hervorgehoben; bis diese Bedingung erfüllt war, fühlten wir Verbündeten uns verpflichtet, den äußerlichen Frieden aufrechtzuerhalten und jede laute Äußerung der Unzufriedenheit nicht zu nähren, vielmehr soviel wie möglich zu unterdrücken.

*

Schon der Besuch bei Goethe hatte einen Abschied bedeutet; denn im Frühjahr bereits hatte Steffens zum Wintersemester 1811 einen Ruf nach Breslau erhalten. Dort, in der vorm Feinde geschützten, von Österreich umschlungenen Provinz wollten weitblickende Männer in Preußen neben Berlin eine zweite Hochburg jenes Geistes errichten, der – nach den Worten des Ministers vom Stein – einmal die Franzosen aus Deutschland vertreiben sollte. Abgesehen von diesen politischen Umständen, die eine Übersiedlung nach Breslau verlockend machten, erschien aber die Aussicht, in Schlesien leben zu müssen, nicht gerade begehrenswert. Die schlesische Bevölkerung galt im Vergleich zu den reinlicheren, ordnungsfanatischen Altpreußen als halbslawisch, die Wohnverhältnisse waren mißlich, der kulturelle Stand der ganzen Provinz – von Mitteldeutschland oder von Berlin aus betrachtet – schien dürftig-provinziell. Nun sollten diese Verhältnisse aber gerade durch die Schaffung einer Universität in der Hauptstadt beseitigt werden. Da aber die Institute erst eingerichtet, Lehrmittel erst beschafft werden mußten, gingen die meisten Professoren nicht gerade leichten Herzens in ihr neues Amt. Auch standen die Studenten aus Frankfurt an der Oder, die in erster Linie die Hörerschaft bilden sollten, in dem Geruch betont rohen Benehmens. Jedoch: der Ruf war ergangen und angenommen, die Übersiedlung im Reisewagen – im geheimen hatte man sich bis zur sächsischen Grenze mit ein paar geladenen Pistolen versehen – verlief glücklich; bald nach der Ankunft fand die feierliche Eröffnung der Universität in einer alten prächtigen Barockaula statt. Der Historiker Raumer, der Philologe Heindorf und der Naturwissenschaftler Steffens bildeten einen Stamm von akademisch angesehenen Lehrern unter den Gelehrten der jungen Hochschule. Steffens hatte in Halle zuletzt Experimentalphysik vorgetragen. Nun wurde in Breslau in einem ehemaligen Jesuitenstift das physikalische Institut der Universität eingerichtet, und der Professor zog mit seiner Familie in die Beletage. So nahte das Schicksalsjahr 1812. Es gibt im menschlichen Dasein keinen Zufall: Es traf Henrich Steffens in der Herzmitte der politischen Erhebungen.

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