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Was ich erlebte

Henrich Steffens: Was ich erlebte - Kapitel 8
Quellenangabe
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authorHenrich Steffens
titleWas ich erlebte
publisherDieterich'schen Verlagsbuchhandlung zu Leipzig
editorWilli A. Koch
year1938
firstpub
correctorreuters@abc.de
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Helfer in Preußens Not

Durch die harten Bestimmungen des Tilsiter Friedens nahm der Sieger Napoleon dem preußischen Könige alle seine Länder westlich der Elbe und gab sie seinem jüngsten Bruder Jérôme. Die preußischen Städte Stendal, Magdeburg, Halle und das anhaltische Dessau wurden Grenzorte des neuen »Königreiches Westfalen«, das sich zwischen die französischen Verbündeten am Rhein und den Rest Preußens schob. Westfalen mußte zum Rheinbunde ein Kontingent von fünfundzwanzigtausend Mann stellen, und die zwei Millionen Einwohner, die nun zu Westfalen gehörten, hatten schwere Lasten aufzubringen. Die Staatsausgaben überstiegen die Einnahmen um das Dreifache. In Kassel regierte der König Hieronymus von Napoleons Gnaden, Diese Gnade war wetterwendisch und ungewiß. Jérômes Regierung drückte schwer die Gemüter seiner Untertanen, die sich als Deutsche plötzlich als Angehörige dieses Attrappenstaates einer unsicheren Zukunft ausgeliefert sahen. Von ängstlichen Ahnungen erfüllt lag das Land, als im Frühling des Jahres 1808 eine Reisekutsche den Professor Steffens von Lübeck, wo er auf dem Gute des Herrn von Rumohr einen stillen Winter bei Studien und politischen Gesprächen zugebracht hatte, wieder nach Halle und in ein Amt zurückbringen mußte, das nun dem westfälischen Minister Johannes von Müller unterstand.

*

Die unbestimmte Angst, die mich zu befallen pflegt, wenn ich nach einer langen Abwesenheit in die alte Wohnung zurückkehre und mich zwischen meinen Büchern und Papieren wiederfinde, befiel mich dieses Mal im höchsten Grade. Schon auf der Reise, die von dem schönsten Wetter begünstigt war, ward meine Frau, wie ich, immer stiller und ängstlicher, je mehr wir uns Halle näherten. Die Masse der Häuser, je deutlicher sie hervortraten, erschien mir düster, und ihre verhängnisvolle Stille drohend und finster.

Die ersten Tage steigerten die Angst, die sich nicht verdrängen ließ. So mag ein reicher Besitzer, der durch eine Feuersbrunst alle seine Reichtümer verloren hat, nach der Brandstätte zurückkehren, um die kümmerlichen Reste in der ausgebrannten Asche zwischen den Ruinen zusammenzusuchen; und nicht bloß eine Brandstätte fand ich: die ganze Gegend, in welcher das Haus lag, hatte sich verwandelt; böse Geister waren da eingezogen, wo mir die Stätte früherer Tätigkeit geweiht schien; und wo mit frischer Jugend ein kühnes Leben in früherer Zeit quellend mir entgegentrat, da schien jetzt alles matt, durch Kummer abgestumpft, die Gesinnung schwankend, während die Gewalt der Feinde, die mit dem Untergange drohten, mächtiger ward, das äußere Leben nach ihrer Art gestaltete und das innere verpestete.

Das Reichardtsche Haus stand noch in einer Art von Verwüstung da; Reichardt hatte bei dem neuen westfälischen Hofe eine Stelle erhalten und war mit seiner Familie nach Kassel gezogen; er dirigierte die Oper; die Verfolgung von seiten Napoleons hatte aufgehört, aber man wollte ihn in der Nähe unter Aufsicht halten.In Paris hatte man Reichardt für den Verfasser einer gegen Napoleon gerichteten, anonym erschienenen Schrift gehalten. Zu seinem Glücke fand er dort alte Freunde, die ihn warnten und beschützten. Bülow, von Magdeburg aus dahin versetzt, war westfälischer Finanzminister; Johannes von Müller war Staatsrat und verwaltete das Departement des Unterrichts. ReinhardKarl Friedrich Graf von Reinhard, 1761-1837, war von Geburt Württemberger, trat aber in französische diplomatische Dienste, war Gesandter in den Hansestädten und bei der Regierung Jérômes in Kassel, eine politisch einflußreiche Persönlichkeit, die auch mit Goethe im Briefwechsel stand. war der den Regenten kontrollierende, ja in gewissen Verhältnissen gebietende Gesandte, von dem mächtigen Bruder ihm zur Leitung und Beaufsichtigung hingeschickt. – Wolf hatte Halle verlassen und war nach Berlin gezogen, wo schon der Gedanke an die Errichtung einer Universität in der Hauptstadt sich immer entschiedener auszusprechen anfing. Man glaubte einzusehen, daß das unterdrückte Preußen jetzt nicht mehr durch Waffen, sondern durch Geist sich heben ließ, und dieser, zur Erfrischung und Erneuerung des Staats berufen, schien sich immer bedeutender in sich zu fassen. Wilhelm von Humboldt, Niebuhr, Schleiermacher, Graf Dohna1808-10 preußischer Minister des Innern. können wir wohl als die Hauptpersonen nennen, die diesen Gedanken pflegten und bis zur Ausführung reifen ließen. Schleiermacher war noch eine Zeitlang in Halle, und zwar noch in meiner Wohnung geblieben; ich fand sie so, wie er sie mit meiner Schwester verlassen hatte, und wieviel ich durch seine Abwesenheit entbehrte, fühlte ich eben dadurch noch tiefer. Reil war aber noch da, und ich fing an zu hoffen, daß er die gesunkene Universität nicht verlassen würde, so groß auch seine Neigung dazu sein mochte; denn seine bürgerliche Stellung sowohl als seine große Praxis schienen ihn hier festzuhalten. Reil und Blanc waren nun in der Tat die einzigen, die aus der alten Zeit mir übriggeblieben waren, und an diese schloß ich mich mit voller Seele an.

Man darf indes keineswegs glauben, daß die vaterländische Gesinnung bei den Professoren erloschen war; jede angeordnete Feierlichkeit ward nur unwillig begangen. Es gab vielleicht keine Stadt in dem Königreiche Westfalen, die bei allen Bürgern eine treuere Anhänglichkeit an das Königliche Haus in seinem Unglücke zeigte als Halle. Ein paar Männer wurden (ich habe nicht erfahren können, ob mit Recht), als Spione betrachtet und allgemein geflohen. – Im Juli 1810 starb Preußens Königin.

Nie erschienen mir aber die Einwohner der Stadt in einem schöneren Lichte als damals. Es war eine Bewegung in der Stadt, nur mit derjenigen zu vergleichen, die in den ersten Tagen der Überwältigung durch die Feinde stattfand. Der Schmerz malte sich auf allen Gesichtern; die tiefste Trauer herrschte in allen Häusern, und ein Gefühl schien einen jeden zu durchdringen, als wäre die letzte schwache Hoffnung mit dem Leben der angebeteten hohen Frau entwichen. Selbst die Feinde schienen diese Gefühle zu ehren, aber sie ahnten nicht, welche feindselige Gesinnungen sich in jedem Gemüte zusammendrängten und an die Stelle des betäubenden Schmerzes traten. Allgemein schrieb man den Tod der Königin der unglücklichen Lage des Landes zu; »der Feind,« sagte man sich, »habe die Schutzgöttin des Volkes getötet,« und ein Gefühl der Rache und ein wenn auch nicht ausgesprochener Schwur, das Andenken an sie durch unerschütterliche Anhänglichkeit zu ehren, stärkte die volkstümliche Gesinnung, die eine jede Gelegenheit ergreifen wollte, das verhaßte Joch abzuwerfen. Die Königin blieb nach ihrem Tode, was sie in ihrem Leben war, die Heldin eines Kampfes, der selbst, nachdem er sich in das Innerste der Gemüter hineingezogen hatte, nicht aufhörte, sich vielmehr für den ersten günstigen Augenblick stärkte.

Johannes v. Müller war der Chef aller westfälischen Universitäten. Er hatte sich, wie man behauptet, von den furchtbaren Ereignissen des Krieges überwältigt, nach einer Audienz bei dem Kaiser Napoleon schwach gezeigt, aber als er sich besann, entzog er sich dennoch dem Einflusse der nahen und drückenden Gewalt der Feinde. Er verließ Berlin, um sich auf der Universität Tübingen als Professor zu verbergen, ward aber auf der Reise, man kann wohl sagen, aufgegriffen und als Staatsrat nach Kassel geschleppt. Gewiß war ihm diese glanzvolle Beförderung, die ihn an die Spitze aller wissenschaftlichen Institute des neuen Königreichs stellte, keineswegs angenehm. Wie er war, konnte er sich die trotzige Gesinnung, die erfordert wurde, um eine solche Stelle zu bekleiden, keineswegs zutrauen, und daß kein Beamter eine unangenehmere Stellung einnehmen würde als er, ließ sich voraussehen. In der Tat erfuhren wir auch, daß er nie so entschieden, als erfordert wurde, sich zeigte; und ein Gelehrter in Göttingen, der berühmte Heyne,Christian Gottlob Heyne, 1729-1812, Philologe und Archäologe von bedeutendem Rufe. trat, freilich durch seine Zelebrität wie durch sein hohes Alter – er war der Senior aller deutschen literarischen Notabilitäten – beschützt, viel trotziger und kühner hervor. Man fürchtete Göttingen; denn es war die einzige Universität, die man schätzte, alle übrigen waren den Franzosen unbekannt, und Heynes entschiedene Opposition ward, wie wir erfuhren, dieser Universität bei vielen Gelegenheiten nützlich.

Der neue König Jérôme beehrte die Universität der Stadt Halle mit seinem Besuch. Er ward von mehreren Generalen und Beamten und unter diesen von seinem Staatsrat Johannes v. Müller begleitet. Ich war erst entschlossen, unter den Professoren, die sich ihm vorstellen sollten, nicht zu erscheinen, konnte aber der Lust nicht widerstehen, diesen Menschen, der aus einem völlig unbedeutenden und nichtigen frühern Leben, nachdem er seine Frau verstoßen hatte, um eine deutsche Prinzessin zu heiraten, durch die bloße Willkür seines Bruders ein deutscher König geworden war, in Augenschein zu nehmen. Das sämtliche Korps der Professoren und die Beamten der Stadt waren bei NiemeyerAugust Hermann Niemeyer, 1754-1828, protestantischer Theolog und Pädagoge in Halle, Direktor der Franckeschen Stiftungen, 1807 von den Franzosen nach Frankreich geführt, kehrte 1808 zurück und wurde Kanzler der Universität Halle. versammelt. Der Torweg, den der König passieren mußte, um in die für ihn bestimmten Gemächer einzutreten, war mit Blumen bestreut; geputzte Mädchen aus der Stadt waren dort bereit, ihn mit Gedichten zu empfangen: und ich gestehe, daß mich diese für seinen Empfang bestimmten Feierlichkeiten empörten.

Während wir ziemlich eng zusammengedrängt auf die Ankunft Jérômes warteten, wurde allerlei gesprochen. Manche Professoren äußerten sich dreist genug; ich schwieg, ja, ich ward von einer Scham ergriffen, mich hier zu finden, die mich niederdrückte. Meine Erbitterung gegen den ganzen Auftritt wie gegen mich selbst war sichtbar, meine nie verhehlte Gesinnung allgemein bekannt.

Der König kam. Es dauerte noch eine lange Zeit, bevor die verschiedenen Klassen der Versammelten zur Audienz vorgelassen wurden. Der damalige Unterpräfekt, in die Staatsuniform gekleidet, den Klapphut unter dem Arm, stand dicht an der Türe, die eröffnet werden sollte, als derjenige, der mit seinen Untergebenen zuerst vorgelassen zu werden erwartete und forderte. Wir hatten uns bescheiden zurückgezogen. Die Türe ward eröffnet, einer der vornehmen Begleiter des Königs, ob ein Hofmarschall oder Kammerherr oder Adjutant, weiß ich jetzt nicht und wußte es kaum damals, trat herein. Der Präfekt hatte schon einen Schritt vorwärts getan, ward aber aufgehalten. Der König wollte zuerst die Gelehrten empfangen. Es ist bekanntlich eine Sitte in Frankreich, der das Geistige repräsentierenden Korporation den Vorrang zu geben. Die religiöse hatte nach der Revolution den ihr gebührenden Vorzug verloren. Wir traten ein. In der Mitte seiner Umgebung stand der König da, eine wahrhaft kümmerliche Gestalt; eine nichtssagende Physiognomie; jugendliche Gesichtszüge, durch Ausschweifungen entstellt, seine Augen matt, seine Haltung unsicher; man erkannte den Mann, der kein eigenes Dasein hatte und es fühlte, daß er, von andern getragen, in sich völlig bedeutungslos war. In einer kurzen Anrede versicherte er uns, daß er die Wissenschaften ganz vorzüglich liebe und diese und die Universität beschützen werde.

Aber eine Gestalt hatte mich in der Umgebung des Königs mit tiefer Wehmut ergriffen; es war Johannes v. Müller. Er war stark, breit, in seiner Haltung etwas ungeschickt, seine Gesichtszüge, obgleich bedeutend, doch nichts weniger als schön. Wie ich zu bemerken glaubte, schien er höchst verlegen, als schämte er sich. In der steifen, von breiten Goldtressen starrenden Staatsratsuniform sah er dem Schweizer eines Hotels nur gar zu ähnlich, und ich vermißte den Portierstab.

Nach der Audienz stattete ich dem Staatsrat Johannes v. Müller einen Besuch ab. Es waren mehr als drei Jahre verflossen, seit ich seine Bekanntschaft in einer Zeit voll großer, kühner Entschlüsse und glänzender Hoffnungen gemacht hatte, und nun sahen wir uns so wieder. Beide der nämlichen feindlichen Gewalt, wie es schien, rettungslos hingegeben, waren wir insofern uns gleich; es war das grenzenlose Unglück, welches uns gleich machte. Daß die Verschiedenheit unserer Stellung, seine als meine höchste Behörde, meine als sein Untergebener, dem tiefen, gleichmachenden Unglücke gegenüber keine Bedeutung hatte, war natürlich. Unser Gespräch drehte sich um jene kühne Zeit und um die furchtbare Gegenwart. Ihm war alle Hoffnung verschwunden, er war innerlich ganz in sich zerfallen und verbarg es nicht; und, wie natürlich, in seiner Umgebung konnte er die Stätte nicht entdecken, die eine zukünftige Hoffnung festhielt und zur Tat auszubilden versprach. In dieser war ich heimisch, wie der Erfolg meiner Darstellung zeigen wird. Er warnte mich, er hatte mancherlei von meinen unvorsichtigen Äußerungen gehört, er schien gefährliche, geheime Verbindungen zu ahnen, doch nicht zu kennen. »Ich kann keinen schützen,« sagte er, »ich bin genötigt, stillschweigend den Untergang der Unbesonnenen zu dulden.« Als ich etwa eine halbe Stunde bei ihm zugebracht hatte, reichte er mir wehmütig die Hand; die Tränen standen ihm in den Augen. »Sie müssen sich entfernen,« sprach er, »ein zu langes Gespräch könnte verdächtig erscheinen.« Das war der Mann, der die große Vergangenheit mächtiger germanischer Gesinnungen bewahrt und ausgesprochen hatte! Eine Erfahrung, wie diese, war mir schrecklich. Es war mir grauenhaft hart, die Verehrung, die ich für ihn hatte, in Mitleid verwandeln zu müssen.Johannes von Müller starb bereits – ein innerlich Gebrochener – am 29. Mai 1809.

*

In den Jahren 1808 und 1809 fing Schelling schon an, sich mehr mit der Begründung einer höheren und lebendigeren Ansicht der Philosophie zu beschäftigen, und hatte die weitere Bearbeitung der Naturphilosophie mir allein überlassen. Ich kann sagen: mir allein; denn die von OkenLorenz Oken, 1779-1851, Naturforscher, Arzt und romantischer Philosoph; »Grundriß der Naturphilosophie«, 1802. gegründete Schule konnte durchaus nicht als eine naturphilosophische im eigentlichen Sinne betrachtet werden. Einige spekulative Ideen an die Spitze gestellt, um als Leiter für eine sinnliche Betrachtung der Natur zu dienen, hören in ihrer Fortschreitung auf, Philosophie zu sein. Diese nämlich will im Sinnlichen durchaus nur ein Geistiges erkennen, und durch diese Richtung des Sinnlichen selbst von ihrer Erscheinung ab wird sie erst, was sie ihrem Wesen nach sein soll. Aber dennoch beweist eben Oken, wie erfolgreich eine lebendige Auffassung der Natur für die Betrachtung der Organismen sein kann. Sie riß ihn los von einer Vereinzelung der Untersuchungen; sie zeigte ihm umfassendere Beziehungen, wo der gewöhnliche Beobachter nur Beschränkteres sah. Sein Talent, diese aufzufassen und zu benutzen, ist in der Tat bewundernswürdig, und es gibt keinen Physiologen, der mehr als er auf eine bedeutendere Ausbildung der Anatomie und Physiologie, selbst bei solchen, die sich nicht äußerlich ihm anschlossen, gewirkt hat. Auch seine Gegner waren, wenn sie ihn bestritten, gezwungen, sich auf einen umfassenderen Standpunkt als den bis dahin gewöhnlichen zu stellen; und es ist bekannt, wie viele ausgezeichnete Männer in dieser Richtung aus seiner Schule hervorgegangen sind. Ganz anders verhielt es sich mit mir. Je mehr ich das Verhältnis meiner Bemühungen jetzt im stillen erwog, desto klarer ward es mir, daß alles, was ich wollte und wonach ich strebte, dasselbe war, was mich in meiner frühesten Jugend in Bewegung setzte, was ich in den Erinnerungen aus meinen keimenden ersten Jünglingsjahren durch das Bild eines allmählich reifenden Knaben hervorzuheben gesucht, als mich das allgemeine Naturleben hinriß und in Bewegung setzte; und daß, selbst in meinen frühesten Jahren, dieser Trieb, seiner Natur nach, eine religiöse Wurzel hatte. Allerdings entstanden schon frühzeitig Zweifel mancherlei Art; vorzüglich dadurch genährt, daß die damals herrschende teleologische Ansicht der Naturbetrachtung mir so wenig genügte und als gottselige Betrachtungen aufgefaßt zu nichtig erschien. Aber die Unruhe, die dadurch entstand und mich zwischen einer bloß sinnlichen Klarheit, die mich hinriß, ohne mich zu befriedigen, und einer dunklen Ahnung, die mich festhielt, ohne sich irgendwie gestalten zu können, schwanken ließ, bewies am deutlichsten, daß ich durch die naturwissenschaftlichen Forschungen doch nur, der tiefsten Bedeutung nach, eine religiöse Aufgabe lösen wollte.

Wenn ich nun sagen soll, was ich Schelling verdankte, und zwar so, daß es nicht ein Geliehenes war, sondern ein Ursprüngliches aus meiner eigensten Natur Entsprungenes genannt werden mußte, so glaube ich diese mir verliehene Gabe am deutlichsten zu bezeichnen, wenn ich sie als ein anschauendes Erkennen des ganzen Daseins, als eine Organisation auffasse. So wie in einer jeden organischen Gestalt ein jedes, selbst das geringste Gebilde, nur in seiner Einheit mit dem Ganzen begriffen werden kann, so war mir das Universum, selbst geschichtlich aufgefaßt, eine organische Entwicklung geworden, aber eine solche, die erst durch das höchste Gebilde, durch den Menschen, ihre Vollendung erhielt. Dadurch nun war allerdings eine Teleologie entstanden, die, tiefer begründet, die Stelle der früher verschmähten ersetzte. Denn als ein sich organisch Entwickelndes kann das Dasein nur dann begriffen werden, wenn die Zukunft der Entwicklung schon als eine vollendete uns vorschwebt, und nur in dieser abgeschlossenen Vollendung betrachtet, erhalten die früheren Momente eine lebendige Bedeutung.

Dieses sich Entwickelnde, Natur und Geschichte auf gleiche Weise Umfassende und Belebende war mir nun zwar, indem ich es immer tiefer mir anzueignen suchte, während meiner einsamen Betrachtungen in der unglücklichen Zeit eine göttliche Offenbarung; und oft war es mir, als sähe ich die Hoffnung erfüllt, die mich zehn bis zwölf Jahre früher, als ich Schellings Schriften zuerst las, so lebendig durchdrang; als wäre die starrgebietende spinozistische Substanz, der Wille, der sich selbst in seiner Vollendung vernichtet, wirklich ein im ganzen wie in einer jeden Form fortdauernd wollender geworden. Über diese Auffassung eines persönlichen Gottes, den wir uns nur durch eine völlige Hingebung aneignen können, ward noch von der spekulativen Selbstsucht der freien Bestimmung eines konstruierenden Bewußtseins, welches durch die Spekulation sich in seiner Notwendigkeit ergriff, gefesselt. Es war noch immer jene Gewalt der Konstruktion, die selbst meinen Gott festhielt, als wäre er durch mich gebannt und durch die strengen Gesetze meines Denkens gezwungen worden, mir seine innersten Ratschläge und Gedanken, fast wider seinen Willen, kund zu tun. Gegen die Ansicht, als wäre der sich entwickelnde Gott doch nichts anderes als das sich entwickelnde Bewußtsein selbst, als liege daher in diesem allein wie alle Wahrheit so auch jeder lebendige Keim einer geistigen Zukunft, sträubte sich zwar ein religiöses Gefühl, welches niemals ganz verschwand; weil ich selbst in Momenten, in welchen ich mir ein Titan zu sein dünkte, doch nicht aufhören konnte, zugleich ein Kind zu sein. Auf diesem Standpunkte hatte ich mich schon jahrelang bewegt, auf welchem ich einsehen lernte, daß die Philosophie da anfing, wo die unauflöslichen Widersprüche eines sinnlichen Verstandes ihre Lösung suchten durch einen rein geistigen.

So ward ich nun auf einen höheren Standpunkt geführt, auf welchem der frühere Kampf zwischen Verstand und Spekulation sich mit tieferer Bedeutung wiederholte. Das, was ich durch eine Selbstbestimmung des Bewußtseins erringen zu können wähnte, sollte sich als Vollendung einer noch nicht abgeschlossenen Entwicklung, also als ein noch nicht Erkanntes, als ein Gegebenes darstellen, und noch einmal sollte ich mich über die Tätigkeit des bloß sich selbst bestimmenden Denkens erheben und die Freiheit desselben durch eine innere unbedingte Hingebung erlangen. Aber dasjenige zu opfern, was wir mit der größten Anstrengung als einen großen Schatz erworben zu haben meinen, fällt dem Menschen schwer. Das Geständnis sollte ich ablegen, daß ich mit dem ganzen Dasein, welches sich in mir bewegte, zwar meine ganze geistige Bedeutung von einem Lebendigen erhielt, daß dieses nicht als ein abgetrenntes Fragment von dem Ganzen betrachtet werden konnte, weil sonst die Entwicklung aufhörte eine lebendige und organische zu sein, daß daher auch alles wahre Erkennen in mir nur aus diesem lebendigen Ganzen entspringen konnte: daß aber dennoch mein ganzes geistiges Wesen und seine Wahrheit nur als das Moment einer Entwicklung begriffen werden konnte, dessen inneres, immanentes Prinzip in mir tätig war, ohne in seiner Vollendung von mir zur Wirklichkeit gebracht werden zu können. Ich war nie innerlich von dieser zukünftigen Wirklichkeit getrennt; ich habe es nie vermocht, mich mit der Konsequenz der Möglichkeit zu begnügen; und die Täuschung, als könnte jene in dieser aufgehen, konnte nicht lange dauern: und doch ward es mir schwer, sie aufzugeben. Das Starre eines allumfassenden in sich abgeschlossenen Denkens fesselte noch immer meinen Gott, selbst als die lebendigen Pulse eines höheren Lebens die Fesseln der Konstruktion zu zersprengen drohten.

Man wird jene Epoche einer keimenden religiösen Ansicht, die sich dennoch nicht von der Konsequenz eines bloßen Denksystems loszureißen wagte, in den GrundzügenSteffens' »Grundzüge der philosophischen Naturwissenschaft« erschienen 1806. erkennen; aber besonders ist in dieser Rücksicht eine kleine Schrift »Über die Idee der Universitäten« mir selbst beim Wiederdurchlesen merkwürdig geworden. Dort erscheint der alles Wissen tragende Glaube offenbar als die Grundlage und zugleich als die geheiligte Quelle des Daseins, Christus als derjenige, in und mit welchem Gott sich offenbart, selbst Gott: aber dennoch wird der Glaube durch ein alles umfassendes Wissen bedingt, und der persönliche Heiland verschwimmt in jenem von der Spekulation geforderten Ideal der Menschheit, wie es von Kant zuerst rein, aber auch redlich aufgestellt und seiner Persönlichkeit nach psychologisch erklärt wurde; wie es sich erhalten hat, bis es in unsern Tagen sich in ein durch Denkkünste zugeschnittenes Idol verwandelte, in dessen vollendeter Gestalt der Denkkünstler sich selbst anbetet.

Eine beschränktere Beschäftigung, die mir wichtig ward, muß ich hier ihrer Entstehung nach erwähnen.

In der glücklichen Zeit der Universität erschien in Halle der zu seiner Zeit so berühmt gewordene Gall.Franz Joseph Gall, 1758-1828, der Begründer der modernen Phrenologie, dessen Wiener Vorlesungen über seine Schädellehre vom Kaiser als religionsfeindlich verboten wurden. 1807 ließ er sich in Paris als Arzt nieder; »Philosophisch-medizinische Untersuchungen über Natur und Kunst im gesunden und kranken Zustande des Menschen«, 1791. Er hatte Vorlesungen in Berlin gehalten, dort großes Aufsehen erregt und viele Anhänger und Gegner gefunden. Gall war eine sehr ausgezeichnete Persönlichkeit, und seine esoterische Lehre von der Schädelbildung und ihrem Einfluß auf die Talente wie selbst auf die Gesinnungen der Menschen war, wie bekannt, gegründet auf eine Ansicht der Gehirnbildung als aus dem Rückenmark hervorgehend, die so, wie sie sich durch ihn zuerst aussprach, eine wissenschaftliche Bedeutung erhielt. Gall gehörte zu den Menschen, die in einseitigen sinnlichen Beobachtungen und ihren Kombinationen eine große Sicherheit des Erkennens zu finden vermeinten. Ich habe wenige Menschen gekannt, die sich so wenig durch Zweifel irgendeiner Art stören ließen. Er schien keine Ahnung von der Möglichkeit solcher Zweifel zu haben und trat mit einer Zuversicht auf, die bewundernswürdig war. Wo er hinkam, drängte sich nicht bloß die Menge solcher Menschen zu ihm, die manchmal, beunruhigt durch Probleme, die sie nicht abweisen können, nicht eine innere, selbsterrungene, vielmehr eine bequem mitgeteilte Überzeugung suchen, sondern auch die bedeutendsten Männer. Es ist schwer, sich eine Vorstellung zu machen von der Bewegung, die damals entstand. Ein so bequemes und feststehendes Kennzeichen wie die Erhebung des Hirnschädels hier oder dort zu besitzen, um aus dieser die Talente und Neigungen der Menschen zu erkennen, war den meisten sehr anlockend. Das freie sittliche Urteil über andere Menschen ist ein so tiefes, daß es immer im Hintergrunde für die Erscheinung ein tiefer zu Bestimmendes zurückläßt, wenn wir über andere richten wollen, wie wenn der Richterspruch uns selbst trifft. Daß das sittliche Urteil seinen Abschluß nicht in der Erscheinung finden kann, sondern höher liegt als diese, hatte schon Kant mit großer Entschiedenheit und ethischer Klarheit nachgewiesen. Auch liegt diese Ansicht so tief in dem Bewußtsein eines jeden nicht ganz sittlich versunkenen Menschen, daß sie sich nie ganz verdrängen läßt. Und dennoch möchte der Mensch gern auch hier zum Abschluß kommen, und wenn es ihm gelänge, sichere Abzeichen für unwiderstehliche Neigungen der Menschen zu finden, die sich nicht wie die Gesichtszüge veränderten, so würde er wohl glauben, sich wenigstens vorläufig beruhigen zu können. Die nach Gall numerierten Hirnschädel gehörten damals, wie die beliebten Schriftsteller, zum Ameublement der Häuser; ja man fand sie auf den Toiletten der Damen. Anstatt die Werke eines Schriftstellers zu lesen, die Kompositionen eines Musikers zu hören, war man schon geneigt, wenn es möglich war, die persönliche Bekanntschaft des Gelehrten oder des Künstlers zu machen, seine Stirnbildung zu untersuchen, und wenn ihm etwa das Organ fehlte, welches als Grundlage des für sein Werk notwendigen Talentes betrachtet wurde, von vornherein dieses als ein nichtiges zu beurteilen. Die Mütter befühlten den Kopf ihrer Kinder, voll Besorgnis, einen zukünftigen Dieb oder Mörder zu entdecken. Glücklicherweise waren diese Erhebungen selbst meistens unklar. Über die Organe der Mordsucht und des Diebsinnes schlüpfte die leichte Hand der Mutter hinweg und erkannte sie nicht. Dahingegen, erhob sich unter den Fingern der liebenden Mutter das Organ irgendeines zukünftigen Talentes, so fühlte sie schon durch die betastende Hand den Hügel, auf dessen glanzvoller Höhe die Zukunft den geliebten Knaben als Gelehrten, als Künstler, als mächtigen Gesetzgeber oder als Held hinstellen würde. Jetzt werden sich wenige Gipsschädel der Art mit Gallschen Nummern in den Familien vorfinden; oder man muß sie unter alten verbrauchten Möbeln staubbedeckt in den Bodenkammern aufsuchen. Phrenologen findet man nur noch wie eine Art Sekte in England, vorzüglich in Schottland, kaum in Frankreich.

Gall trat in dem großen Saal eines Gasthauses auf, von Tier- und Menschenschädeln umgeben. Seine Vorträge sprachen seine innige Überzeugung aus, und er äußerte sich mit der Leichtigkeit der Konversation. Sie imponierten, und die Vergleichung der Menschenschädel mit den Tierschädeln hatte etwas Überraschendes. So wurden die Schädel berüchtigter Diebe mit denen der Elstern oder der Raben, die gefährlichen Mörder mit denen der Tiger und Löwen verglichen. Eine schauderhafte, in dem Irrtume verborgene Wahrheit drängte sich selbst dem tiefer Denkenden auf, und was die Flacheren und Seichteren befriedigte, vermochte wenigstens die geistig Tieferen zu beunruhigen.

Einen Auftritt muß ich hier noch darstellen, der für mich etwas Überraschendes und zugleich Ergötzliches hatte. Goethe war von Weimar herübergekommen, und zwar um Gall zu hören. Er war auch in Halle oft mein Zuhörer gewesen, aber unsichtbar. Wolf hatte mir sein Auditorium überlassen; das Katheder war vor der Türe, durch welche er es zu besteigen pflegte, angebracht. In der angrenzenden Stube, dicht an dieser verschlossenen Tür, saß nun Goethe, ohne daß ich es wußte. Wie meine Ansichten ihn interessierten, wie er sich von mir bald angezogen, bald zurückgestoßen fühlte, weiß man aus seinen eigenen Äußerungen. Je mehr ich mich selbständig entwickelte, je entschiedener die Resultate eigener Probleme sich dartaten, desto heftiger mußten solche Schwingungen wechselnder Abneigung und Zuneigung entstehen. Daß Goethe auf eine solche Weise öfter mein Zuhörer gewesen war, erfuhr ich durch Wolf und seine Tochter, die für mich etwas sehr interessant Anziehendes hatte.

Ich wünschte nun Goethe als Zuhörer (wenn auch nicht als meinen) zu sehen. Das äußerlich passive Hinhorchen der Menschen ist mir immer interessant. Die stille, erwartungsvolle Aufmerksamkeit, das intensive, in sich hineingedrängte Aufhorchen einiger Zuhörer ist dann, wenn wir es unbemerkt und genau betrachten, höchst lehrreich. Die geistlose Hingebung einiger, die nur von fremden Gedanken leben, läßt sich dann nicht selten auf eine auffallende Weise von der innern gärenden lebendigen Entwicklung, die sich in der scheinbar passiven Aufmerksamkeit verbirgt, unterscheiden. Goethe saß nun unter den Zuschauern auf eine höchst imponierende Weise. Selbst die stille Aufmerksamkeit hatte etwas Gebietendes, und die Ruhe in den unveränderten Gesichtszügen konnte dennoch das steigende Interesse an der Entwicklung des Vortrages nicht verbergen. Rechts neben ihm saß Wolf und links Reichardt. Gall beschäftigte sich eben mit der Darstellung der Organe verschiedener Talente, und bei seiner unbefangenen Art, sich zu äußern, scheute er sich nicht, die Exemplare zur Bestätigung seiner Lehre unter seinen Zuschauern zu wählen. Er sprach zuerst von solchen Schädeln, die keine in einer Richtung ausgezeichnete Erhebung darstellten, wohl aber ein schönes, bedeutendes Ebenmaß aller; und ein lehrreiches Exemplar eines solchen Gebildes erkannte man, wenn man den Kopf des großen Dichters betrachtete, der seine Vorträge mit seiner Gegenwart beehrte. Das ganze Auditorium sah Goethe an. Er blieb ruhig, ein kaum bemerkbares vorübergehendes Mißvergnügen verlor sich in einem unterdrückten ironischen Lächeln, aber die stille, unbewegliche imponierende Ruhe seiner Gesichtszüge ward dadurch nicht gestört. Er kam darauf zur Darstellung des Tonsinnes. Mein Schwiegervater hatte es bequem. Die Erhebung, die dieses Organ andeutet, liegt nach den Schläfen zu. In der Tat, bei Reichardt war es auf eine auffallende Weise ausgebildet; auch mußte es, nachdem es an den Schädeln und, irre ich nicht, durch Kupferstiche von großen Komponisten nachgewiesen war, bei Reichardt sehr in die Augen fallen. Denn er hatte eine vollständige Glatze; nur einige dünne Haare waren hinten übriggeblieben. Den kahlen Kopf pflegte er nur durch Puder und Pomade zu schützen, und als Gall nach diesem ausgezeichneten Exemplar hinwies, stellte er in der Tat einen für diese Vortrage ausdrücklich präparierten Schädel dar. Endlich kam die Reihe an Wolf. Bekanntlich sitzt das Organ des Sprachsinnes nach Gall über den Augen nach der Nasenwurzel zu; es ist eben so entschieden, daß Wolf dieses Organ auf eine auffallende Weise ausgebildet besaß. Aber Wolf trug Brillen; als nun Gall anfing, das Organ des Sprachsinnes an den Schädelknochen zu demonstrieren, konnte Wolf wohl erwarten, daß er seinen Schädel wie Goethes und Reichardts benutzen würde. Nun war es recht ergötzlich zu sehen, wie der große Philolog der Absicht des Schädellehrers entgegenkam. Er nahm mit großer Ruhe die Brille ab, wandte das Gesicht nach allen Seiten und ward so momentan in einen Schädelknochen in der Hand des Demonstrators verwandelt, der mehr durch ihn als durch die Person, die ihn noch trug, in Bewegung gesetzt und allen Zuschauern gezeigt wurde. Obgleich dieser ganze Auftritt etwas Komisches und Ergötzliches hatte, so verfehlte doch Gall seine Absicht keineswegs. Die schlagende Bestätigung, die seine Lehre durch so auffallende Persönlichkeiten erhielt, wirkte offenbar mit großer Gewalt auf alle Zuschauer. Als Gall seine Vorträge geschlossen hatte, lud ich die gesamten Zuhörer ein, einigen öffentlichen Vorträgen, die ich in dem nämlichen Lokale über die Schädellehre halten würde, beizuwohnen. Ich glaubte keineswegs, daß diese populäre und allgemein bewunderte Schädellehre, so wie sie hier dargestellt wurde, von der Wichtigkeit wäre, daß sie irgendeine ernsthafte wissenschaftliche Widerlegung verdiene. Die Schwächen, die sich in der Gallschen Darstellung kund taten, waren so auffallend, daß die tiefer liegende Wahrheit gar nicht zum Vorschein kam.

Die Physiognomie, meinte ich, ließe sich durch andere Organe viel leichter entwickeln, weil die Modelle mit größerer Leichtigkeit anzuschaffen wären; ich hätte, behauptete ich, die Physiognomie der lange getragenen Hüte, vor allem der Handschuhe, schon längst bemerkt. Nun könnte ein jeder alte Handschuhe, die eben am besten wären, je länger dieselbe Person sie getragen hätte, in Menge und offenbar leichter als den Schädel hergeben. Die zerstörenden Hände des Mörders, die produzierenden des Künstlers, die still und behutsam ergreifenden Finger der Diebe müßten sich offenbar mit Entschiedenheit hervorheben lassen, besonders weil sie sich durch eine unbestimmbare große Menge von Erfahrungen ermitteln ließen.

Wie außer den Gesichtszügen auch die Art, wie man geht, steht, sitzt, sich trägt, einen Ausdruck der Lebensart, des Betragens zu geben vermag, ist einem jeden bekannt. Es kommt in Tiecks Cevennen eine Stelle vor, die, so leicht hingeworfen und ironisch sie auch ist, über die Füße und den Gang höchst interessante Bemerkungen enthält. Die Neigung, die Handschriften mit den Bildnissen zu verbinden, die jetzt immer mehr überhand nimmt, beweist, wie sehr das Interesse für die Physiognomie ausgezeichneter Persönlichkeiten in ihren beiden, ich möchte sagen: tiefsten Richtungen zunimmt. Ich selbst hatte in einer frühern Epoche meines Lebens, und zwar einige Jahre hintereinander, nämlich während der Zeit meines Aufenthalts in Halle, sowohl vor als nach dem Kriege einen instinktartigen Trieb, mich mit Physiognomie und Witterung zu beschäftigen. Beide haben etwas miteinander Verwandtes; denn sowohl in der Physiognomie wie in der Witterung findet man eine durch keine Reflexion festzuhaltende und zu scheidende Mischung des Unveränderlichen und Feststehenden, hier der Gegend wie dort der Persönlichkeit, mit einer Unzahl von beweglichen Oszillationen in langsameren, länger dauernden und immer schnelleren Epochen bis zu den kürzesten, ja augenblicklichen; und in jedem Moment der Beobachtung müssen alle diese Schwingungen mit dem feststehenden Charakter der Gegend und Persönlichkeit zugleich aufgefaßt werden. Eben deswegen ist aber auch diese Auffassung eine durchaus instinktartige und visionäre.

Ich habe es aber erfahren, wie dieser Instinkt in der Tat in einem jeden Menschen ruht und sich entwickelt, wenn man sich ihm unbefangen überläßt; wie sich ein instinktartiges Geschick, ohne daß man sich irgendwie Rechenschaft davon abzulegen weiß, allmählich ausbildet: wie aber der Zauber, durch welchen eine gewisse Sicherheit der Weissagung hervorzutreten vermag, plötzlich verschwindet, sowie er genannt wird. Das Wort vertreibt ihn. Fast alle Bauernregeln für die Witterung sind falsch. Einer meiner Freunde, der verstorbene Professor Brandes, der sich eine Zeitlang mit der wissenschaftlichen Beobachtung der Barometer und Temperaturveränderungen beschäftigte, wie diese sich in den verschiedenen Gegenden durch langjährige Beobachtungen übersehen und bestimmen ließen, hatte, von mir aufgefordert, die Güte, die Resultate seiner genauen Untersuchungen mit den gewöhnlichen Bauernprophezeiungen zu vergleichen. Von allen diesen fand er nur eine bestätigt, nämlich den Nachwinter, den wir einige Tage hindurch bald gelinder, bald strenger, bald schneller vorübergehend, bald länger dauernd, in der ersten Hälfte des Maimonats erwarten können. Und dennoch werden wir nicht selten auch durch die Erfüllung solcher Weissagungen überrascht.

Ich hatte, während ich mich so einem bewußtlosen Instinkt hingab, in der Tat die Fertigkeit erworben, die Witterung der nächsten Zeit vorauszusagen und aus dem Gange, aus den Gesichtszügen, aus der Sprache unbekannter Personen ihren Stand und ihre Beschäftigung zu bestimmen. Ich liebte es, mit einer Art von Kühnheit bei Lustpartien die bevorstehende Witterung des Tages zu prophezeien, und zwar zu einer Zeit, wo Daniels Hygrometer noch gar nicht erfunden war. Ich erinnere mich, daß ich besonders einen österreichischen Arzt, der mit Gall nach Halle gekommen war, durch meine Wetterprophezeiungen in Erstaunen setzte, und oft hatte ich Freunde ergötzt, indem ich, aus dem Fenster blickend, die Vorübergehenden betrachtete, ihren Stand bestimmte und in den Freunden die Überzeugung hervorrief, ihn richtig beurteilt zu haben.

Eben je unbekannter uns ein Mensch ist, je unbefangener wir seine Persönlichkeit auffassen, desto sicherer wird der Instinkt; seine Äußerung ist freilich oft sehr beschränkt und dennoch, man kann sagen, in seiner Sicherheit unergründlich. Unwillkürlich gibt sich ein jeder Mensch diesem Instinkt hin, und in allen Verhältnissen des Lebens, in den unbedeutendsten des täglichen Umganges wie in den größten und mächtigsten, durch welche das Schicksal der Völker bestimmt wird, spielt dieser nie zu verdrängende Trieb physiognomischer Vorurteile eine unvertilgbare Rolle. Ja man kann den nie zu verdrängenden physiognomischen Richterspruch das allen über Menschen gefällten Urteilen zugrunde liegende Vorurteil par excellence nennen. Diese erst reine Äußerung des Instinktes wird in den ersten Monaten ihrer Entstehung hier wie bei der Beurteilung der Witterung durch eine Unzahl von Verhältnissen, die aus einer Masse von Erfahrungen entstanden sind, getrübt. Ich habe Menschen gekannt, deren Bekanntschaft ich unerwartet machte, die auf irgendeine bestimmte Weise durch entschieden einseitige Beschränktheit sowohl als durch mannigfaltige auffallende Vorzüge einen starken Eindruck auf mich machten, der etwas Entschiedenes hatte. Trat ich nun mit diesen durch gesellige oder Amtsverhältnisse in eine nähere und länger dauernde Verbindung, so suchte ich wohl den ersten Eindruck wieder hervorzurufen; es gelang mir nie. Auf eine ähnliche Weise versuchte ich wohl auch, nachdem ich mich länger in großen Städten aufgehalten, den Eindruck zu erneuern, den sie beim ersten Eintritt auf mich gemacht. Es gelang mir ebensowenig. Wenige Menschen machen solche Veränderungen ihrer Ansichten des Lebens zum Gegenstand einer reiflichen Betrachtung. Aber sie beweisen die Gewalt, welche die Seele über die äußere Natur ausübt, wie diese in ihrer unermeßlichen Gewalt der Erscheinung sich dennoch in ein Gegenbild der veränderlichen Subjektivität verwandelt, und wir lernen den tiefen Abgrund einer innern Erfahrung der Menschen kennen, durch welche in verschiedenen Epochen der Geschichte die ganze unendliche Natur den wechselnden Geschlechtern der Menschen anders erschien; wir können uns in diese veränderte, hinter uns liegende Vergangenheit kaum hineindenken.

Und doch bleibt das Leitende ein Permanentes; die Macht des ersten von allen Rücksichten getrennten Urteils, selbst in alle späteren unsicheren Schwankungen hineingetaucht, verschwindet nie; sie bildet die mittlere Temperatur der persönlichen Atmosphäre, die uns beherrscht, sowie wir in sie hineintreten, obgleich kein einziger wirklicher Moment der wechselseitigen Berührung ihm entspricht, ja die meisten mit dieser Grundtemperatur in schreiendem Widerspruche stehen. Alle Sympathien und Antipathien beruhen auf diesem unmittelbaren Grundelement der tiefen psychischen Anziehung und Zurückstoßung. Die Äußerungen kindlicher Seelen, die oft überraschenden Urteile der Unschuld beruhen auf der exakteren Äußerung dieser permanenten Grundtemperatur aller persönlichen Berührung. Die Frauen besitzen die beneidenswerte Fähigkeit, diesen tieferen Grundcharakter der Physiognomie in allen Schwankungen zu erkennen und festzuhalten, weit häufiger wie die Männer. Diese werden zu oft durch eine Reflexion, die dem Vorübergehenden einen zu großen Wert zuschreibt, irre geleitet. Daher glauben wir oft, daß die Frauen sich geirrt haben, wo die Zukunft ihnen recht gibt.

Das Nihil admirari des Horaz, jener oft bewunderte Ausdruck der getöteten Bewunderung, der Ausdruck der stumpfesten Blasiertheit, zeigt nur auf die völlige beschränkte Abhängigkeit des in die mannigfaltigen Richtungen des Lebens hineingezogenen Grundtons der Person hin. Es ist dem Urteil über das Klima einer Gegend ähnlich, wenn dieses zusammengesetzt wird aus einer Unzahl vereinzelter, täglich sich wiederholender Wetterbeobachtungen. Männer, welche auf diese Weise die Menschen beurteilen, mögen seltener betrogen werden und haben doch viel häufiger unrecht als das oft betrogene kindliche Gemüt.

Der echte Dichter ist der beglückte Mensch, der diesen tieferen Grundton menschlicher Eigentümlichkeit in seinem reinen Klange durch alle Mißtöne wechselseitiger Berührung begleitet, in begründeten Antipathien wie Sympathien. Daher zwingt er die Menschen, selbst wo die Verstellung sich mit schauderhafter Virtuosität ausspricht, ihr Inneres zu enthüllen, und daher vermag er durch wenige Züge Personen hinzustellen, deren tiefe Physiognomie mit einem stehenden sichern Typus die geistige Bedeutung ausspricht. Die Malerei besonders beruht auf der Physiognomie, und wir können den großen Maler als den eigentlich dazu berufenen Meister bezeichnen.

Diese Vorlesungen Galls hatten indessen einen für die Wissenschaft heilsameren Erfolg; sie waren es vorzüglich, die Reil dazu vermochten, seine Untersuchungen über das Gehirn und Nervensystem wieder aufzunehmen.

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Die heitere und auch zugleich großartige Zeit einer geistigen Verbindung bedeutender Naturen, wie sie das neue Jahrhundert eröffnete, trug zwar wie alle solche Verbindungen, je geschichtlich bedeutender sie sind, desto gewisser, den Keim des Auseinanderfallens und inneren Streites in sich, und ich habe nicht versäumt, diesen Keim inmitten des heitern Lebens anzudeuten. Novalis war tot, Friedrich Schlegel war katholisch geworden, heftige Streitigkeiten und Kämpfe hatten Fichte und Schelling getrennt. Gegner, die sich anfänglich durch die Macht einer neuen Geistesregung überrascht und überwältigt fanden, hatten wieder Mut gefaßt; die Selbständigkeit des Denkens und die Sucht, Neues zu schaffen, hatte eine Mannigfaltigkeit der wissenschaftlichen Formen erzeugt, die täglich immer mehr und mehr zunahm. Wenn auch in diesen Formen bedeutende Eigentümlichkeiten sich aussprachen, so lag doch ein Prinzip der Vereinzelung, der wechselseitigen Entfremdung mehr oder weniger in allem verborgen. Oken, Wagner unter den Naturphilosophen; Krause, Bouterweck, Fries und mehrere unter den abstrakteren Philosophen erfanden jeder für sich andere Darstellungsweisen der Wissenschaft; und obgleich sie dem Einflusse des mächtigen Geistes, der Spekulation nicht entgehen konnten, vielmehr von ihm fortgerissen wurden, nahm man doch die Vereinzelung, selbst der Prinzipien, wahr, ja die wechselseitige Ausschließung ward desto entschiedener, da das Absolute die Aufgabe der Zeit geworden war, und ein jeder entweder ein solches in seiner Form darzustellen oder die doch jetzt notwendigerweise absolut gewordene Beschränkung des Absoluten darzutun bemüht war. Auch die alten Kantianer wagten sich jetzt hervor und fanden hier und da Beifall. Ein Bündnis der verschiedenartigsten Ansichten vereinigte sich um Jakobi. Die von ihm behauptete Unvermeidlichkeit einer gefährlichen und verwerflichen Philosophie, gegen welche nur ein unbestimmtes und dennoch sich selbst befriedigendes Gefühl den einzig möglichen Ausweg darbot, erlaubte und lockte zu dieser Anschließung, und sie erwarb sich eine, wenn auch vorübergehende Gewalt: bis Schellings berühmte Schrift gegen Jakobi erschien, die freilich, hervorgerufen durch nie zu entschuldigende Angriffe, den Tadel einer schonungslosen Härte erzeugte, aber dennoch als eines der wichtigsten und tiefsten Werke seines Verfassers betrachtet werden muß. Schelling selbst hatte sich, wie nicht leicht ein Philosoph vor seiner Zeit, unter den Augen des Publikums entwickelt. Je größer die Zahl seiner Anhänger ward, desto entschiedener trat sein Streben, die Spekulation immer tiefer zu begründen, hervor. Er unterscheidet sich, man möchte sagen, fast von allen Philosophen irgendeines Zeitalters dadurch, daß er, nachdem er das Tiefste ausgesprochen hatte und einen Einfluß auf sein Zeitalter ausgeübt, der nie mehr verschwinden konnte, nicht wie andere mit einem fertigen System hervortrat, welches, ein für allemal abgeschlossen, sich in sich runden soll; ein System, welches, wie sonst in der Geschichte der Philosophie, in dieser Vollendung nicht seine Bestätigung, sondern seinen Tod findet. Er war im wahrsten Sinne Philosoph, schon deswegen, weil er ein fortschreitendes, inneres spekulatives Leben führte und, während man ihn von allen Seiten zu bekämpfen suchte, den bedeutendsten Kampf mit sich selbst zu bestehen hatte. Der Aufsatz über das Wesen der menschlichen Freiheit, in seinen philosophischen Schriften, erschien 1809 und mußte freilich diejenigen überraschen, die durch den Abschluß eines absoluten, doch zuletzt logischen Denksystems die Philosophie für immer begründet wähnten. Mir war dieser Aufsatz desto wichtiger, ja, er verband mich noch inniger mit Schelling, je entschiedener die Ansicht einer die Entwicklung der Natur und des Menschengeschlechts zugleich umfassenden Geschichte mir das Höchste geworden war, was die Spekulation zu erreichen vermochte. Daß diese Ansicht meiner ersten Schrift (die Beiträge zur innern Naturgeschichte der Erde) zugrunde lag, hatte schon kurz nach dem Erscheinen derselben Friedrich Schlegel ausgesprochen. Daß der Zwiespalt, der die Menschen von der Natur, untereinander und in sich selbst trennte, seiner Wahrheit nach nicht bloß ein logischer sein konnte, mußte mir, der ich im Vollen lebte, in und mit der allumfassenden Geschichte dachte und forschte, einleuchtend sein. Daß die Freiheit als solche nicht in der Notwendigkeit eines abstrakten Denkens begriffen werden konnte, war mir, je mehr die alte Erinnerung eines frühern religiösen Lebens in mir erwachte, an und für sich klar. Ein Denken, welches sich bloß in seiner innern abstrakten Konsequenz bewegte, zog mich nicht an, und während ich die Bestrebungen der berühmten Professoren der Zeit, ein Absolutes als abstrakten Denkprozeß, aufzufassen glaubte, gestaltete sich dennoch in mir alles anders. Ich bin eine durchaus praktische Natur; ein produktionsloses Denken in seiner unwirklichen, vermeintlichen Sicherheit hatte für mich keinen Wert, und so fand ich mich durch den Schellingschen Aufsatz, der, wie einem jeden einleuchten mußte, wenn er ihn mit Aufmerksamkeit betrachtete, der bedeutende Anfang einer neuen spekulativen Entwicklung war, keineswegs gestört, sondern gefördert. Ich habe es eingesehen, daß ich von der spätern Stufe seiner spekulativen Entwicklung ausging, mit ihr innerlich vereinigt war, noch ehe er sich ausgesprochen hatte. Von mir war unentwickelt vorausgesetzt, was er ein langes Leben hindurch zu begründen gesucht hat.

Von Hegel kannte ich nichts anderes, als seine Aufsätze im Journal der kritischen Philosophie, sein System war noch nicht öffentlich erschienen, als ich Halle verließ. Waren nun unter den Häuptern der Philosophie so bedeutende Streitigkeiten entstanden, so war es natürlich, daß der Einfluß da, wo die Macht der Spekulation in der Wirklichkeit sich aussprechen sollte, immer mehr und mehr abnahm.

Ein Zweig der Literatur hatte sich indessen in immer entschiedenerer Nationalität ausgebildet; nachdem Tieck auf die Poesie des Mittelalters aufmerksam gemacht hatte, steigerte sich die Lust und Freude an dieser schönen Zeit. Das Studium der alten deutschen Sprache wuchs immer mehr; von der Hagen gab das Nibelungenlied heraus; Tieck eine Sammlung von Minneliedern; das Wunderhorn, durch Brentano und v. Arnim herausgegeben, erschien. Alte Volksgesänge wurden gesammelt; durch Wilhelm Grimm ward man auf die alten skandinavischen Volkslieder aufmerksam gemacht, seine Sammlung von Märchen fand in allen Familien Eingang; und die wachsende Lust an dieser tiefen nationalen Erinnerung, die zwar niemals ganz erloschen war, jetzt aber allgemeine Teilnahme erregte, hat sich seit der Zeit immer mehr und mehr verbreitet; in allen Ländern des kultivierten Europas hat sich in dieser Richtung eine eigene Literatur gebildet, die immer merkwürdiger, immer reicher wird. Ein Land gab es zwar, welches die Erinnerung an seine Vergangenheit nie ganz aufgegeben hatte, weil es fortdauernd in und aus seiner Vergangenheit heraus lebte und alle Momente seines nationalen Daseins aus dieser herausgestaltete, das war das englische Land und Volk, welches sich dadurch von den übrigen Völkern auf eine merkwürdige Weise unterschied. Und doch ist auch hier die neuerwachte Lust an der Vergangenheit, wie sie in Deutschland hervortrat, nicht ohne Einfluß geblieben. Es ist kaum möglich, den Erfolg dieses bedeutenden Zurückblickens der Gegenwart in die früheren Zeiten nach allen Richtungen zu verfolgen. Selbst geschichtliche Forschungen sind dadurch neu erweckt und belebt, und wenn auch diese sich in ein mannigfaltig zersplittertes und vereinzeltes Detail verloren haben, wenn das unbestimmte dichterische Gefühl nur wie ein Hauch die tote Masse der zerstreuten Untersuchungen überzieht, ohne sie zu durchdringen und zu beleben, so wird doch der genaue Forscher den Keim des Lebens in den scheinbar toten Fragmenten erkennen, und wie die dichterischen Gefühle sich nach großartiger geschichtlicher Gestaltung sehnen.

Diese Richtung der damaligen deutschen Literatur, die sich teils in Sammlungen, teils in eigenen Dichtungen, die mehr oder weniger ein altes nationales Gepräge trugen, aussprach, erschien mir nicht selten als der traurige Schwanengesang des deutschen Volkes, dem ich wehmütig, aber doch gern zuhörte. Ich trat nun auch mit einigen deutschen Männern, die sich auf die genannte Weise beschäftigten, in persönliche Berührung; doch bevor ich diese darstelle, werde ich mich mit dem Verhältnis der Familie meiner Frau genauer beschäftigen müssen.

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So glänzend das äußere Verhältnis erschien, unter welchem mein Schwiegervater in Kassel angestellt war,Vgl. Seite 203. so freute ich mich doch, als ich erfuhr, daß es aufgelöst sei. Er wurde nach dem südlichen Deutschland und nach Wien geschickt, anscheinend, um Sänger und Sängerinnen für die Oper in Kassel aufzusuchen und anzuwerben; in der Tat aber durch die Veranstaltung seiner Freunde, um ihn zu entfernen. Reichardt war nicht geeignet, mit der gehörigen Vorsicht in der Nähe des westfälischen Hofes zu leben. Ich bin zwar durchaus nicht mit den Verhältnissen bekannt, in welchen er dort lebte, aber daß er Feinde hatte, erfuhr ich wohl. Als er bei der Annäherung der Franzosen Halle verließ, blieb seine Familie in Berlin; er selbst zog mit der Armee nach Preußen. Seinem Freunde, dem General Grafen von Kalkreuth ward die Verteidigung der Festung Danzig aufgetragen, und Reichardt war bei dieser äußerst tätig gewesen. Die Anstrengungen zogen ihm die erste Krankheit zu, die der rüstige Mann während seines ganzen übrigen Lebens behielt und die später seinen Tod veranlaßte. Amtliche Kollisionen mit dem westfälischen Hofe und den Behörden, dadurch entstandene Kränkungen, unbesonnene Äußerungen, die dem Beleidigten entfuhren, erweckten Feindschaft, und die alten Beschuldigungen, die nicht verhehlte preußische Gesinnung machten seine Lage immer bedenklicher. Er reiste nach dem südlichen Deutschland, um nicht wiederzukehren, und seine Frau und Töchter zogen nach Giebichenstein. Das verwüstete Haus, der verfallene Garten bot nur einen sehr traurigen Aufenthalt dar; und auch hier trat mir nun die düstere Ruine eines früheren heiteren Daseins entgegen. Als ich die größere Wohnung in der Stadt bezog, hatte ich Platz genug für die Familie meiner Frau. Sie verließ Giebichenstein und zog bei mir ein.

Meine Schwiegermutter war bis in ihr höheres Alter eine durch das Glück verzogene Frau. Durch ihre Schönheit in ihrer Vaterstadt Hamburg berühmt, unter den Augen ausgezeichneter Freunde ihres früh verstorbenen Vaters erzogen, ward sie sehr jung an den Dichter Hensler d. J. verheiratet. Er war Syndikus der Stadt Stade, starb nach wenigen Jahren und hinterließ zwei Töchter und einen Sohn, der die Universität verließ und als französischer Offizier die früheren Kriege in den Pyrenäen und später die Kriege Napoleons mitmachte. Die beiden Töchter leben noch und sind in Berlin verheiratet. Die junge Witwe heiratete Reichardt, der als Witwer selbst zwei Töchter mitbrachte; und meine Frau ist die älteste Tochter aus dieser neuen Ehe. Meine Schwiegermutter war gewohnt, bei der Kindererziehung, bei der Haushaltung von Schwestern unterstützt zu werden. Sie lebte fortdauernd in bequemer Ruhe, alles Unangenehme wurde ihr verschwiegen. Die mannigfaltigen Verdrießlichkeiten und Verwicklungen, in welche Reichardt nicht selten geriet, wußte er seiner Frau meist zu verbergen. Selbst wenn er von Gläubigern gequält ward, lebte sie völlig sorglos. Ein Sohn ertrank als Gymnasiast in Magdeburg beim Schlittschuhlaufen, aber selbst diese Todesart, die so erschütternd war, wußte man zu verheimlichen; man ließ den Sohn erkranken, die Krankheit zunehmen und zuletzt in einer mildern Form den Tod herbeiführen. Erst mehrere Jahre später erfuhr sie, wie sie das Kind verloren hatte. In Giebichenstein lebte sie in einer langen Reihe von Jahren einer Fürstin gleich, von gesunden Kindern umgeben, in einer für einen Privatmann großartigen Geselligkeit und verließ das Haus fast nie. Halle war ihr nur wenig bekannt; sie besuchte zuweilen, doch sehr selten, Freundinnen in der Stadt, aber dann fuhr sie herein und wieder heraus, ihre einzige Bewegung bestand in Spaziergängen in dem reizenden Garten. Obgleich innerlich heftig, hatte sie sich doch durch diese Lebensart eine äußere Ruhe ausgebildet, die etwas Würdevolles hatte. Bis zu ihrem höchsten Alter imponierte die schlanke Gestalt jedesmal, wenn sie erschien. Ein solches Dasein, indem es sich so bequem und behaglich gestaltete und trotz der wechselnden Geselligkeit einen permanenten Zustand gründete, rief notwendigerweise eine große Wertschätzung der Umgebung hervor. Wenn wir kleine Partien auf der Saale und in der anmutigen Umgegend arrangierten, war sie jederzeit unzufrieden; sie konnte nicht begreifen, wie wir außerhalb des Gartens irgendeine Freude finden konnten. Allerdings war dieser sehr anmutig. Reichardt hatte seinem Kutscher und seinem Bedienten Unterricht geben lassen im Waldhornblasen, seine Töchter bildeten zusammen Gesangchöre, die in ihrer einfachen Weise großen Eindruck machten. Nicht allein um das Klavier versammelt hörte man sie gern singen. Wenn oft an schönen lauen und stillen Sommerabenden die alten wehmütigen lyrischen deutschen Gesänge, von dem Waldhorn begleitet, in dem stillen Garten erklangen, war der Eindruck hinreißend. Der Garten war einfach, ohne alle Ziererei; eine Fülle einheimischer und nordamerikanischer Bäume zierten ihn; ansteigende Höhen und kleine Täler gaben ihm eine erwünschte Mannigfaltigkeit; die Ebene, die sich dem Hause anschloß, ruhige Bequemlichkeit; der in dieser sanften Umgebung mächtige Reilsberg erhob sich dicht hinter dem Garten. Der Küchengarten war von dem anmutigen Park abgesondert in einem Winkel angelegt. Es durfte in diesem Garten kein Schuß fallen; alle Säugetiere und Vögel, die ihn betraten, waren geschützt; Hasen knapperten an den Kräutern, ein Volk Rebhühner brütete ungestört in dem Küchengarten, eine große Schar von Nachtigallen nistete in den Gebüschen; eine stille, friedliche, idyllische Ruhe herrschte auf dieser geweihten Stätte, und es war, als sollte hier das unruhige und unstete Leben des Besitzers eine versöhnende Vermittlung finden. Meine Schwiegermutter hatte, als die gehuldigte Herrscherin dieser schönen Besitzung, viele Jahre in stiller Ruhe verlebt. Allerdings hatte sie mit Reichardt einige Reisen gemacht; sie war mit ihm in London und in Paris gewesen, aber auch da wußte er sie in eine ruhige Umgebung zu versetzen. Sie lebte in der Mitte angenehmer Familien, die sie gastlich aufnahmen, während er sich unter Künstlern und Großen herumtrieb und ein unruhiges und bewegtes Leben führte. Als sie in Paris lebten, war die Revolution noch nicht ausgebrochen.

Nun kann man sich denken, wie unvorbereitet diese Frau in eine stürmische Zeit hereingerissen wurde, in welcher sie aller gewohnten Bequemlichkeit beraubt war. Zwar suchten die Töchter alles soviel wie möglich um die geliebte Mutter zu ordnen und ihr hilfreich zu sein, immer war es aber nicht möglich. In meinem Hause lebte sie zwar beschränkt, aber doch auf ihre gewohnte Weise ruhig. Wenn sie aber irgendeinen Besuch abstatten, etwa gar nach dem Hause oder Garten in Giebichenstein sehen wollte, so stand ihr jetzt keine Equipage zu Gebote. Ich führte sie und habe noch nie eine ungeschicktere und ängstlichere Fußgängerin gekannt. In einer langen Reihe von Jahren wohnte sie bei Halle, und dennoch waren ihr die Straßen der Stadt vollkommen unbekannt. Mit sehr kleinen furchtsamen Schritten ging sie fort; ein jedes Wagengerassel, selbst in der Ferne, setzte sie in Schrecken; und als sie einigemal durch die Straße gegangen war, in der ich wohnte, konnte sie, sowie wir nur aus der Türe traten, lange Klagen anstimmen über die bedenkliche Lage, in welche sie geraten würde, wenn sie in der Ferne eine Gosse erreichte, welche die Straße durchschnitt und die überschritten werden müßte.

Daß meine gute Schwiegermutter in jeder äußern Angelegenheit völlig ratlos war, ist begreiflich, und dennoch liebte sie es, versuchsweise gegen einen jeden Rat zu opponieren, dem sie sich doch zuletzt fügen mußte. Sie hatte in einem ungewöhnlich hohen Alter einen Knaben geboren, der damals sechs Jahre alt war. Sie selbst war rüstig und gesund und, wie ihr Mann, nie krank gewesen; sie hatte eine Menge gesunder Kinder geboren, aber an der Seite des Mannes, von Schwestern unterstützt, fand sich alles, Erziehung und Pflege, wie von selbst. Jetzt, obgleich von Schwiegersöhnen und Töchtern beherrscht, war sie von einer grenzenlosen Ängstlichkeit ergriffen. Wir stellten ihr vor, daß der Knabe eine Schule besuchen müsse, diese lag in derselben Straße, wenige Häuser von uns entfernt; die Mutter verzweifelte, wenn sie bedachte, daß der sechsjährige Knabe einige Stunden hindurch unter fremder Aufsicht sein solle. Voll Angst sah sie ihn über die Straße gehen und weinte, als er verschwand. Die älteste Stieftochter war die durch ihre Liederkompositionen bekannte Luise Reichardt; sie war schlank gebaut, und sie würde geistreich schön genannt worden sein, wenn das Gesicht nicht durch Pockennarben verunstaltet gewesen wäre. Dennoch zog sie von allen Töchtern des Hauses, die sich alle durch Schönheit auszeichneten, die größte Aufmerksamkeit auf sich, so wie sie auch im Hause eine große Gewalt ausübte. Sie hatte große innere Kämpfe zu bestehen, und so geneigt man auch nicht selten ist, ein leidenvolles weibliches Dasein mit einer Art hochmütiger Ironie zu betrachten, so war es doch nicht leicht möglich, ihr eine große Teilnahme zu versagen. Die bedeutendsten Männer, selbst die verschiedensten Naturen, schenkten ihr die größte Aufmerksamkeit. Sie fand sich allgemein geehrt und geachtet. Es ist nicht zu leugnen, daß sie von dem Vater die Herrschaft geerbt hatte, die sich unter den Verhältnissen, in welchen sie lebte, mit dem steigenden Alter mehr und mehr entwickeln mußte. Aber dennoch lag in ihrer Gesinnung so viel Güte und Zartheit, daß man sich ihrer Herrschaft williger unterwarf, als unter solchen Verhältnissen zu geschehen pflegt. Wie sehr sie innere Kämpfe zu bestehen hatte, sprach sich auch durch das ruhige Wesen aus, durch welches sie offenbar eine ursprünglich rasch bewegliche, ja heftige Natur überwunden hatte. Sie war in der Art, wie sie sich darstellte, still, ruhig, sprach leise, ihre Stimme hatte selbst im Sprechen etwas klangvoll Anmutiges; sie sang schön und trug die Lieder ihres Vaters und die eigenen mit außerordentlicher Zartheit vor. Das musikalische Talent war den Reichardtschen Töchtern mehr oder weniger angeboren; auch gute Stimmen besaßen sie alle: Luise war die einzige, die dieses Talent des Gesanges wie der Komposition ernsthaft ausbildete. Die von ihr komponierten Lieder hatten etwas durchaus Eigentümliches und waren keineswegs als Nachklänge der väterlichen zu betrachten, und daß sie vorzüglich Lieder der jüngeren Dichter, wie der Vater die Goetheschen, komponierte, war natürlich. So wählte sie die von Tieck, Arnim und Brentano, Dichter, die mit der Familie vertraut waren. Viele ihrer Kompositionen fanden durch ihre eigentümliche Tiefe einen allgemeinen Eingang und sind populärer geworden als die Reichardtschen; wahre Volksgesänge, so daß man sie wohl, ihrer großen Zartheit ungeachtet, auf den Straßen von Dienst- und Bauernmädchen singen hörte, und selbst jetzt sind sie kaum ganz vergessen. So die Melodie zu dem Tieckschen Liede: »Geliebter, wo zaudert dein irrender Fuß?« und die von dem Brentanoschen: »In Sevilla, in Sevilla usw.« Ich vergesse nie den gewaltigen Eindruck, den Luise auf mich machte, wenn sie uns in einer waldigen Gegend folgte und, von einfachen Akkorden der Harfe begleitet, Brentanos wunderschönes Lied: »Durch den Wald mit raschen Schritten« nach der eigenen Melodie sang. Die Waldeinsamkeit mit ihrem wunderbaren Zauber ergriff mich, wenn ich sie hörte, und wie eine Waldfee saß sie da, welche die Macht hatte, alle Geheimnisse des Waldes laut werden zu lassen. Sie war es, die zuerst mein nordisch verschlossenes Ohr für den Zauber des Gesanges aufschloß und mir eine reiche Welt bis dahin unbekannter Genüsse schenkte, die noch immer für mich da ist, die mich, je älter ich werde, desto tiefer, ja heiliger an sich zieht, das Innerste des Daseins in seinen Tiefen löst und das Verborgenste meines Wesens mächtig verkündet und dennoch verhüllt.

Das Verhältnis zu ihren Schwestern war ein verschiedenes, obgleich sie alle mehr oder weniger beherrschte; für die jüngeren erschien sie als Erzieherin. Meine Frau aber, gegen welche sie die Autorität einer Lehrerin ausüben wollte, stand ihr doch im Alter zu nahe, und es entsprang daraus eine Opposition, die wohl in früheren Zeiten und vor meiner Bekanntschaft mit der Familie heftiger gewesen sein mag. Nach meiner Verheiratung war diese fast ganz verschwunden.

Durch Reichardt und Luise ward ich mit einigen Dichtern, vorzüglich der neuern Zeit, bekannt. Unter diesen nenne ich Achim v. Arnim, der sich vor dem Kriege und in der schönsten Zeit meines Lebens viel in Giebichenstein aufhielt und mit Reichardt und seiner Familie in sehr freundschaftlichem Verhältnisse lebte. Er war eine edle, echt vornehme Gestalt; er sprach wenig, erschien durchaus ruhig, ja zurückhaltend, und dennoch war sein mildes Wesen so anziehend, daß er in jeder Rücksicht Vertrauen erwarb. Er hatte sich zuerst mit einer Art von Leidenschaftlichkeit der Physik gewidmet, und in Gilberts Annalen stehen einige Aufsätze von ihm, die damals Aufmerksamkeit erregten. Als ich ihn kennenlernte, hatte er zwar selbst diese Studien ganz aufgegeben, verfolgte aber doch die Entdeckungen mit einiger Teilnahme. Er war ganz Dichter geworden. Wenn die geistige Freiheit, die Schelling verkündigt hatte, selbst in der strengern Wissenschaft eine unglückliche Neigung, durch Vereinzelung Selbständigkeit zu erringen, erzeugte, so daß die großartige Einheit, die die verschiedenartigsten Geister verklären, in der scheinbaren Trennung vereinigen sollte, zu verschwinden schien, so mußte dieses noch mehr in der Poesie stattfinden.

In der poetischen Literatur gestaltete sich ein Verhältnis, welches auf eine merkwürdige Weise von dem in der philosophischen abwich. In dieser konnte man zwar nicht leugnen, daß Kant den eigentlichen Grund zu einer neuen Schule gelegt hatte, daß die Entdeckung, daß alle sichtbaren Dinge sich nach bestimmten Denkgesetzen um die unwandelbare Sonne des Bewußtseins bewegten, eine Umwandlung der Denkweise selbst erzeugt hatte, die, das ganze Geschlecht ergreifend, für alle Zukunft der Philosophie ebenso entscheidend war wie die Ansicht des Copernikus für die Physik: aber dennoch ward Kant durch seine Nachfolger verdrängt, und die sogenannten Kantianer spielten in der immer mächtiger werdenden philosophischen Bewegung eine untergeordnete Rolle. Es war notwendig so; denn die Kantische Darstellung, obgleich sie nicht aufhörte, Grundlage einer höhern Entwicklung zu sein, erschien dennoch, fest gehalten, als eine Hemmung, die überwunden werden mußte.

Anders war es in der Poesie. Daß Goethe eine neue Zeit schuf, ward allgemein zugestanden; die Opposition, welche die früheren Schranken der Dichtkunst festhalten wollte, war durch Schlegel und Tieck zurückgedrängt und immer mehr als eine untergeordnete betrachtet. Alle jugendlichen Dichter schienen sich um Goethe zu vereinigen, und wenn es als ein geistig Dürftiges betrachtet wurde, für einen Anhänger Kants zu gelten, so galt es dahingegen für geistig vornehm, Goethe zu verehren. Es bildete sich eine Art Geniekultus um ihn, welcher sich einen esoterischen Charakter aneignen wollte und der den Grund legte zu der unerschütterlichen europäischen Zelebrität, die dieser mächtige Geist zu einer Zeit, wo keine geistige Eigentümlichkeit mehr eine allgemeine Anerkennung erhalten zu können schien, mit einer Einstimmigkeit erwarb, die in ihrer Art einzig ist.

So groß nun auch diese Verehrung war, so fest gegründet der Kultus schien, der, durch keinen Zweifel gestört, sich immer stärker entwickelte, so muß man doch behaupten, daß, wie Kant den jüngeren Philosophen, so Goethe den jüngeren Dichtern eine Vergangenheit war, über welche sie kaum zu ihrem Vorteil heraustraten. Goethe hatte die ursprüngliche schöpferische Gewalt des dichterischen Geistes nicht bloß behauptet als eine Lehre, sondern entwickelt als eine Tat; wenn es auch ungerecht, ja töricht wäre, zu behaupten, daß eine ursprüngliche schöpferische Phantasie früheren Dichtern fehlte, so trat diese doch nicht in ihrer Selbständigkeit hervor. Noch bevor diese sich in sich selbst gefaßt, sich selbst erkannt hatte, unterlag sie den Fesseln einer Überlieferung äußerlich aufgedrungener Gesetze, die ihr nicht erlaubten, eine sichere Eigentümlichkeit zuversichtlich auszubilden. Unsicher schwankend, erhielt die Ansicht dessen, was erlaubt und nicht erlaubt war, keinen sichern lebendigen Mittelpunkt, aus welchem es hervorquoll, und das von Rechts wegen Gebotene vermochte sich nicht zur eigenen freiwilligen Tat zu verklären. Das ist es, was für immer Goethes Glück und Genie bezeichnet: daß das Maß selbst, als ein innerlich gegebenes, ja überliefertes, nicht aufgehoben, wohl aber als ein aus dem eigensten Leben Entsprungenes erschien.

Eine jede Schöpfung entsteht nur durch ihr Maß, und in der Entwicklung der Zeit ist dieses als ein Vergangenes zugleich ein Zukünftiges; was als ein rein Zukünftiges ohne Vergangenheit hervortritt, verliert sich im Maßlosen und erhält nie die Sicherheit einer bleibenden Schöpfung. Die kühnste, herrlichste menschliche Gestalt ist, was sie ist, eben nur als Entwicklung eines früheren Geschlechtes. Jetzt nun sollte eine Schöpfung mit dem Maßlosen anfangen; der schöpferische Wille, der sich früher nicht frei zu bewegen vermochte, weil er durch fremde Gebote gefesselt war, erkannte sich jetzt noch weniger, weil er sich keinen Geboten unterwarf. Eine Schöpfung suchte man, aber fand sie nicht, und selbst, wo sie teilweise gelang, ward sie zerstört, weil sie ihr eigenes Maß nicht gelten ließ. Selbst Tiecks mannigfaltige und reiche frühere Produktionen verloren sich mehr oder weniger in diesem schrankenlosen Streben. Wieviel Schönes ist dadurch in seinen früheren Dramen begraben. Erst langsam gewann in einer allerdings reichen Mannigfaltigkeit, aber dennoch in engeren Grenzen der edle Geist des Dichters das rechte Maß der Darstellung.

Unter denen, die eine wahrhaft tiefe, dichterisch vornehme Natur besaßen, muß ich auf jede Weise Achim v. Arnim nennen. Alle seine Dichtungen verbinden Eigentümlichkeit der Gestalten und Ereignisse mit tiefer Auffassung. Ja man darf es nicht leugnen, daß er ursprüngliche Persönlichkeiten mit einer großen Sicherheit darzustellen und mit Klarheit zu schildern vermochte. Es gibt einfache Erzählungen von ihm, die mit ihrem scheinbar beschränkten Inhalt eine große Zartheit verbinden. In den rohesten Gestalten verbirgt sich eine Welt von Ahnungen und Gefühlen, durch welche sie eine große Bedeutung erhalten. So erinnere ich mich einer Erzählung, in welcher das Tabakkollegium Friedrich Wilhelm I. den Hauptinhalt bildet und die ich zu den vorzüglichsten ihrer Art in der deutschen Literatur rechne. Sie ist völlig in sich abgerundet und klar; die Personen treten alle in bestimmter Eigentümlichkeit hervor, und sie beweist, wie sehr Arnim es in seiner Gewalt hatte, Vollendetes zu liefern, wenn er sich zu beschränken gewußt hätte; denn er war eine nicht bloß geliehene, aus der Zeit und ihrer Bewegung zusammengeronnene, er war eine wirklich edle, gediegene, ursprüngliche Natur. Selbst unter seinen größeren Werken gibt es kaum eins, welches nicht diese Vorzüge auf eine glänzende Weise dartut, und dennoch haben alle seine Schriften nur einen geringen Eindruck hinterlassen. Sie scheinen alle ein geschichtliches Gespräch eingeleitet zu haben, welches, noch immer unverständlich, sich im Fortgange mehr zusammenfassen müßte, um auf irgendeine Weise lehrreich zu werden und durch ein bleibendes Interesse zu fesseln. Denn er rang danach, das Undarstellbare darzustellen. Es scheint ihm ein Bedürfnis, was in bestimmter Form als Gedanke, Gestalt, Tat oder Ereignis hervortrat, so lange zu verfolgen, bis der Gedanke in überschwenglichem Gefühl, die Tat in verworrenem Entschluß, die Gestalt in formlosem Leben, das Ereignis in seiner eigenen dunklen Ankunft zerrann, so daß ein Chaos von Gefühlen, Entschlüssen, unsicheren Gestalten und verworren ineinander verflochtenen Ereignissen sich mischten, die zuletzt in einen gemeinschaftlichen Hauch sich verloren, in welchem sich das anfänglich Unterscheidbare kaum mehr erkennen ließ.

Mein persönlicher Umgang mit Arnim fand früher und noch vor dem Kriege statt. Ich habe ihn damals nicht erwähnt, weil er noch nicht als ästhetischer Schriftsteller bedeutend hervorgetreten war. Nur jene wunderlichen Lieder, die man nicht gedankenlos nennen kann, obgleich sie selten wirklich einen Gedanken enthielten, weil nämlich dieser nicht etwa vergebens gesucht wurde wie in den gewöhnlich seichten Gedichten der Dichter, vielmehr einen wirklich vorschwebenden zerfließen zu lassen suchte, waren mir bekannt, und diese wurden mir durch Reichardts und Luisens Kompositionen interessant.

Ein zweiter allgemein bekannter Mann trat mir aber eben in der traurigen Zeit näher. Es war Clemens Brentano. Er gehört zu den ersten Bekanntschaften, die ich in Jena machte, ein hart abgewiesener Angriff auf einen meiner Freunde hätte mir fast bedenkliche Händel zuziehen können, und er fiel mir eben bei dieser Gelegenheit sehr auf. Seine Figur, seine Sprache, seine wunderliche, regellose, reiche Phantasie, die etwas durchaus Eigentümliches und Seltsames hatte, zog mich fast auf eine unheimliche Weise an, und in einer Zeit, in welcher offenbar in allen Richtungen meines Daseins ein neues Leben anfing, welches in düster nordischer Einsamkeit und Ernst sich nicht zu entwickeln vermochte, obgleich es mich durch dunkle Regungen beunruhigte, mußten mir die Sprünge eines so seltsamen Wesens, welches, als wäre es von allen den Übrigen getrennt, sich wie zwecklos, aber aus einer eigenen Quelle bewegte, ein merkwürdiges Rätsel werden. Ich traf in Jena zuweilen mit ihm zusammen, sein ganz eigentümlicher Witz reizte mich, aber wie dieser aus dem Moment geboren und für diesen allein bestimmt schien, verschwand er auch mit ihm und hinterließ keinen bleibenden Eindruck. Dennoch hatte seine Erscheinung jedesmal einen neuen Reiz für mich. Es war mir fast, als erwartete ich hinter den fremdartigen Äußerungen des seltsamen, damals noch sehr jungen Mannes unerwartete Aufschlüsse, obgleich immer von neuem meine Erwartung völlig getäuscht ward. Arnim und Brentano sowie Görres hatten ein inniges Bündnis geschlossen, und sie gehörten in der Tat zusammen. Was die Revolution als äußeres Naturereignis, was die Fichtesche Philosophie als innere absolute Tat, das wollte dieses Bündnis als reine, wild spielende Phantasie entwickeln. Görres konnte sein frühes jugendliches Anschließen an die französische Revolution nicht vergessen, und sein ganzes phantastisches Streben nahm später eine politische Richtung. Arnim konnte dem tiefen gemütlichen Sinnen, wie es aus einer inneren Persönlichkeit hervorquoll, nie entsagen, und seine Phantasie behielt fortdauernd dieses edle, sinnende, in sich versunkene Gepräge. Brentano blieb durchaus und schlechthin ein phantastischer Revolutionär; sein Motto, konnte man sagen, war das Robespierres, als dieser sagte: »Ihr wollt eine Konstitution haben, ich will euch erst die rechte Revolution geben.« Unter der Jugend der ersten Jahre des Jahrhunderts war natürlich bei der völligen Umgestaltung der Ansichten des Lebens und der Wissenschaft eine unruhige Bewegung entstanden. Die Masse derselben hatte nur eine fremde, von außen ihr zukommende Aufgabe zu lösen, nur wenige eine eigene. Diese, innerlich mit sich selbst beschäftigt, wurden durch die gesteigerte Menge unreifer Versuche, durch die immer breiter werdende leere und lärmende Polemik, trübe und verworren aus den traurigen Ruinen des zertrümmerten Volkes heraustönend, gestört und suchten sich in die innere stille Selbstbesinnung zurückzuziehen. Die meisten aber, die nur aus der momentanen Strahlenbrechung der Zeit, einem glänzenden Regenbogen ähnlich, dessen Ruhepunkt auf der Erde nur täuschend dem geblendeten Auge vorschwebt, aber nie erreicht werden kann, zusammengeronnen waren, bildeten die wütenden Progressisten.

Auch Brentano gehörte zu diesen. Mit dem buntesten Wechsel mannigfaltiger Witzeleien griff er das Philistertum an: aber dennoch unterschied er sich wesentlich von allen übrigen; denn er war der Einzige, der mit Bestimmtheit zu wissen schien, daß er nichts wollte. Es war in ihm eine rein phantastische Dialektik, durch welche die spätere Bestimmung nicht der vorhergehenden einen tiefern Sinn mitteilte, vielmehr diese vernichtete; ein ironisch spielender Kronos, der seine eigenen Kinder verschlang. Dadurch ward er, weniger durch seine Schriften, die sich in ihrer eigenen Verwirrung verloren und gestaltlos wie ohne Ergebnis blieben, als durch seine Persönlichkeit, die jedem verfliegenden Momente eine Bedeutung zu geben schien, der mehr äußerlich als innerlich bewegten Jugend, besonders hier und da den Frauen sehr gefährlich.

Und doch hatte auch Brentano, dieser überschwengliche Dilettant, der alles mit einer leichten und reichen Phantasie trieb, den man als den Urheber der fliegenden Geistreichigkeit betrachten kann, wie sie seit der Zeit nie verschwand, und der die Sprache, um mit Shakespeare zu reden, in einen Handschuh verwandelte, der sich mit Leichtigkeit umkehren ließ, wie es noch immer in unserer Literatur herrschend ist – in dieser Zeit durch die Verbindung mit den Freunden eine Beschäftigung erhalten, die nicht ohne Bedeutung war: »Des Knaben Wunderhorn,« eine Sammlung alter deutscher Lieder, bekanntlich ein sehr verdienstvolles Werk. Es ward von Arnim und Brentano herausgegeben. »Trost Einsamkeit,« eine Zeitschrift, deren einzelne Blätter »Zeitung für Einsiedler« genannt wurden, war ohne Vergleich reichhaltiger, inhalts- und geistreicher als irgendeine der gegenwärtigen. Es erschienen freilich, soviel mir bekannt, nur siebenunddreißig Nummern, in diesen manches phantastisch wildes Gewächs, besonders von Brentano, wie seine »Geschichte des Bärenhäuters,« aber auch von Arnim, und man kann nicht leugnen, daß dieses wüste Streben beim Lesen ein unerquickliches Gefühl hinterließ. Dennoch fand man auch Aufsätze, die von Bedeutung waren. Der Urheber einer neuen Wissenschaft, der deutschen Grammatik, aus ihren frühesten geschichtlichen Elementen entwickelt, der gründlichste aller Forscher alter germanischer Lebens- und Rechtsverhältnisse, Jakob Grimm, trat in dieser Zeitschrift zuerst hervor. Tieck lieferte Beiträge. Altdeutsche Gedichte wurden, mit Leichtigkeit behandelt, zugänglich gemacht; Übersetzungen aus alten Geschichtsschreibern waren vortrefflich. Aber schon hier zeigte sich auch das üppig wuchernde Unkraut, welches dadurch genährt wurde, daß die Jugend gelernt hatte, die Sprache mit einer großen Leichtigkeit zu behandeln.

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