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Was ich erlebte

Henrich Steffens: Was ich erlebte - Kapitel 5
Quellenangabe
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authorHenrich Steffens
titleWas ich erlebte
publisherDieterich'schen Verlagsbuchhandlung zu Leipzig
editorWilli A. Koch
year1938
firstpub
correctorreuters@abc.de
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Universitäts- und Wanderjahre

Diese Jugend war durch das zarte, aber starke Wesen der Mutter behütet gewesen. Die Mutter starb, oder vielmehr: sie verlöschte wie ein Licht, als Henrich sechzehn Jahre zählte. Die verklärten Züge, die schönen Augen, denen das Erlöschen eine sonst nie gekannte Bewegung verlieh, prägten sich den Zurückgelassenen wie eine stille Mahnung ein, es läge in dem Momente des Sterbens das eigentliche Leben, in jenem Vordunkel des Grabes die durchsichtigste, hellste Wahrheit. Was ist der Mensch? Niemals wich von Henrich die Todesstunde seiner Mutter; ein Kern religiöser Gesinnung erhielt durch sie sein ganzes Leben Beständigkeit und Kraft.

Nach dem Tode der Mutter zerfiel die Familie. Beide Schwestern kamen nach Odsherred zu Verwandten der Mutter. Der älteste Bruder zog ins Kadettenhaus. Der Vater, durch den Tod der Mutter mit der Familie noch mehr gespannt, von Schulden gedrückt, suchte außerhalb des Hauses Ablenkung und Zerstreuung. Drei Brüder blieben mit einer alten Magd allein. Der Tag der Prüfung, der über Henrichs Eintritt in die Universität entscheiden sollte, kam heran. Examiniert würde im Lateinischen, im Griechischen und, für Theologen, im Hebräischen, in Geschichte und, seltsam genug, in Astronomie. Beide Brüder Steffens bestanden ehrenvoll.

Als Henrich sein Studium begann, ruhte auf der Universität von Kopenhagen ein tiefer Schlaf. Die Professoren trugen ihre einmal ausgearbeiteten Hefte vor, die Studenten hörten sie oder hörten sie wohl meistens nicht. Mit einem Feuereifer warf sich Henrich auf die Arbeit: wie ein befreiter Sturzbach brachen lange gestaute Kräfte in ihm los. Nach einem Jahre bestand er glänzend das philologische Vorexamen. Mit Begierde nahm er bald die Studien wieder auf, die er schon während seiner Schülerjahre getrieben hatte: Anatomie, Chemie und Naturgeschichte. Um Anatomie und Chemie zu lernen, mußte der Student seine Zuflucht zur chirurgischen Akademie nehmen; denn Lehrstühle für diese Fächer bestanden noch nicht. Den Unterricht in der Zoologie und der Mineralogie betrieb eine Privatgesellschaft.

Henrich war achtzehn Jahre alt, da wurde sein Vater zu einem Regiment nach Rendsburg in Holstein versetzt. Beide Brüder, außer dem Jüngsten,Die drei Brüder haben sich später jeder in seinem Berufe ausgezeichnet: der Älteste starb 1817 als Professor der Militärakademie in Kopenhagen; der zweite Bruder wurde, wie der Vater, Regimentsarzt in Trondheim und starb 1807; der jüngste Bruder – als Henrich studierte, noch Schüler – brachte es als dänischer Offizier bis zum Major und Gouverneur der dänischen Besitzungen in Afrika, wo er 1821 starb, – Die ältere Schwester heiratete den Bürgermeister von Trondheim, die jüngste einen Pfarrer in Odensee. Aus den Ehen von drei Brüdern Steffens entsprang nur ein Sohn, der in Henrichs Familie von seinem siebenten Jahre an erzogen und später Arzt in Norwegen wurde. waren bereits versorgt; der Älteste, zum Lehrer an der Artilleriekadetten-Akademie bestimmt, war bereits seit zwei Jahren Offizier; nun wurde auch der zweite Bruder, nachdem er seine erste Universitätsprüfung bestanden, ohne in seinem Fache die geringste Kenntnis zu besitzen, in seinem sechzehnten Lebensjahre Kompaniechirurgus. Eine solche Anstellung wurde selbst als eine Schule betrachtet, in der er sich praktisch ausbilden sollte.

*

Ich war nun völlig verlassen und einsam. Auch mein ältester Bruder war, ehe er die Lehrerstelle antrat, auf einige Zeit nach Rendsburg versetzt. Den jüngern Bruder, den Arzt, sah ich selten. Er wohnte in der Kaserne, seine Neigungen, seine Wünsche waren mir fremd, seine Studien und sein Umgang trennten uns noch mehr. Ich war für den ersten Moment ganz auf die Hilfe des Onkels hingewiesen, aber hier trat nun der immer gefürchtete, jetzt unvermeidliche Moment der entschiedenen Erklärung von meiner Seite hervor. Professor BangBruder von Steffens' Mutter, der als Arzt das Vertrauen der bedeutendsten Familien genoß und sich mit Recht als das Haupt der Familie ansah; ein Mann von großer Herzensgüte, aber »in gewissen, besonders religiösen Beziehungen beschränkt«. hatte mit voller Überzeugung vorausgesetzt, daß ich Theologie studieren würde. Ich hatte aber entschieden beschlossen, mich nur den Naturwissenschaften zu widmen. Mein Onkel war in der Tat zu rechtfertigen. Was man, von meiner frühsten Kindheit an, von mir wußte, konnte die Überzeugung begründen, daß ich sowohl durch Neigung als durch Talent zum Prediger geboren wäre. Die Leichtigkeit, mit der ich die Sprache behandelte, sowohl schriftlich als mündlich, hatte frühzeitig die Aufmerksamkeit der Eltern und Verwandten auf sich gezogen. Schon in Norwegen, als wir von Trondheim aus einen verwandten Prediger besuchten, in meinem sechsten Jahre etwa, schrieb mein Vater eine kurze Predigt nieder; ich mußte sie auswendig lernen; es ward ein Schemel auf die Kanzel der Kirche gesetzt, und der Knabe sagte die Predigt her. Die Eltern, die Verwandten und die Dienstboten waren gegenwärtig, und der Zauberer Merlin, als er sich zu der Wiege aufrichtete und eine Rede hielt, konnte keine größere Aufmerksamkeit erregen als ich, indem ich die auswendig gelernte Predigt hersagte. So galt es für völlig ausgemacht, daß ich als Prediger Glück und Ansehen erwerben würde; auch würde in diesem Falle unter den Brüdern meiner Mutter der Professor Bang nicht der einzige gewesen sein, der mich unterstützte. Es war aber meine Neigung zur Naturwissenschaft nicht allein, die mich schlechterdings davon abhielt. Die damals herrschende Dogmatik war mir durchaus zuwider. Sie enthielt eine unverträgliche rohe Mischung von starrer Orthodoxie und plattem Rationalismus, die sich wechselseitig zerstörten. Jene ließ man stehen, ohne an sie zu glauben, diesen nahm man an, ohne ihn zu begründen. Ich war von jeher unfähig, einen äußerlich aufgetragenen wissenschaftlichen Gegenstand zu behandeln, innerlich in fortdauernder Gärung, drängten sich mir Aufgaben auf, die gelöst werden mußten. Von diesen ergriffen, war ich der größten Entsagung fähig. Die mühsamste Untersuchung, die trockenste Beschäftigung, hatte sie nur irgendeine Beziehung zu einer solchen Aufgabe, erhielt dann einen Reiz, der meinen Freunden oft unbegreiflich erschien. Sie trauten dem fortdauernd beweglichen, von jedem Gegenstande leicht aufgeregten enthusiastischen Jünglinge die Beharrlichkeit nicht zu. Oft äußerte ich mich heftig gegen die Preisschriften, sie könnten, behauptete ich in meinem einseitigen Eifer, nie einen bedeutenden Wert haben. Ich kannte keinen andern Preis als die durch die Lösung eigener Aufgaben errungene Selbstbefriedigung. Der religiöse Glaube war nicht etwa verschwunden, er ruhte als ein verborgener Schatz meiner Kindheit im Hintergründe des Bewußtseins. Aber er durfte nicht hervorgehoben, nicht ein Gegenstand der Reflexion werden. Jede geistige Beschäftigung bewegte sich frei und ungehemmt nach allen Richtungen, ohne die religiöse Grundlage zu berühren, und so blieb diese ungefährdet. Auch störte mich in dem Moment mannigfaltig aufgeregter Leidenschaften die Manier des mehr gut gesitteten als sittlich guten äußeren Betragens, welches von den Geistlichen gefordert wurde. Es lag überhaupt, bei aller Milde, ja Weichheit meiner Gesinnung, etwas Wildes, Ungebändigtes in meinem Benehmen, und neben der größten Fügsamkeit ein unüberwindlicher Trotz und unbeugsame Halsstarrigkeit. Als ich dem Onkel erklärte, daß ich mich nur der Naturwissenschaft widmen wollte, war er außer sich. »Du besitzest nichts«, sagte er, »und willst den reichen, vornehmen Herrn spielen. Du mußt erst wissen, wie du Wohnung, Nahrung und Kleidung erhältst. Wie sie in der Welt fortkommen kann, weiß die arme Jugend gar nicht, das muß sie von alten, erfahrenen Leuten erst lernen.« Diese sogenannte Erfahrung hörte ich nun oft nennen. Sie ward mir von allen Verwandten und älteren Freunden aufgedrungen und war mir unter allen Dingen in der Welt das Unbegreiflichste. Die realste Wirklichkeit eines unüberwindlichen wissenschaftlichen Triebes bildete mein innerstes Dasein, und jetzt wurde mir diese Wirklichkeit selbst, durch welche alles andere im Leben für mich Bestand erhielt, abgeleugnet. Ich sollte ursprünglich nichts sein, und erst durch die sogenannte Erfahrung in der Zukunft etwas werden. Dies wollte mir keineswegs einleuchten, ich vermochte es nicht, mich zu diesem abstrakten Idealismus der Erfahrenen zu erheben. Es war, das sehe ich ein, ein Kampf um mein innerstes Dasein, den ich durchzukämpfen hatte.

Daß mein Onkel auf keine Weise auch nur einen Begriff hatte von einem solchen Rechte einer ursprünglichen Persönlichkeit, daß er durchaus nicht geneigt war, es anzuerkennen, das sah ich wohl ein. Es blieb mir nichts anderes übrig, als ihn durch Fleiß, Eifer und durch die Hoffnung, die ausgezeichnete Männer von mir hegten, allmählich zu der Überzeugung zu bringen, daß mein Unternehmen nicht so töricht wäre, als es ihm schiene. Doch diese Hoffnung konnte nur in einer fernen Zukunft erfüllt werden, und bis dahin mußte ich leben. Meine Studien aber setzten eben ein sorgenloses Leben voraus, und ich bedurfte in der Tat, so jung ich war, nicht die Erfahrung meines guten Verwandten, um einzusehen, daß ich mich in einem Kreise bewegte, aus dem ich mich nicht herausfinden konnte. Auch wäre mein Schicksal ohne Zweifel sehr hart gewesen, ich würde es geteilt haben mit so vielen Jünglingen, die zu einem ähnlichen Kampfe aufgefordert, zugrunde gehen, wenn nicht Bang, wie sehr er sich auch durch mich gekränkt fühlen mußte, wie entschieden er mich auch seine Unzufriedenheit merken ließ, sich dennoch entschlossen hätte, das Versprechen, welches er der sterbenden Schwester gegeben, zu erfüllen.

Von jetzt an gehörte ich zu seiner Familie; ich aß in seinem Hause, und selbst außerdem wurde ich vielfältig von ihm unterstützt. Seine Stiefsöhne wurden meine Freunde, und ich gehörte einem Kreise junger Männer zu, die, auch wenn sie äußerlich günstiger gestellt waren und nicht, wie ich, so ganz ins Blaue hineinstudierten, doch alle geistig bewegt, einem Höheren und Ungewöhnlicheren nachstrebten. Ich selbst behalf mich äußerlich, wie ich konnte. Ich manudozierteDie Studierenden, die sich in den ersten Prüfungen auf der Universität ausgezeichnet hatten, wurden »Manudukteure«, d. h. sie bereiteten Jüngere auf die bevorstehenden Prüfungen vor. die Studierenden, gab den Pharmazeuten Unterricht in den ersten Elementen der Chemie, gab Stunden, arbeitete für einige Journale, schriftstellerte sogar, machte kleine Schulden, weil mein Verhältnis zu Bang nicht unbekannt war. Oft war ich meiner Ansicht nach reich, am häufigsten hatte ich nichts, denn eine jede Summe, die ich erhielt, wurde in Büchern, in Naturalien angelegt, öfters wohl auch den geselligen Freuden geopfert; ich lebte bei dem allem völlig sorglos und wahrhaft glücklich. Die kleinen Verlegenheiten, in die ich nicht selten geriet, quälten mich nur vorübergehend. So verfloß die Zeit vom Herbste 1792 bis zum Frühlinge 1794 von meinem neunzehnten bis zum einundzwanzigsien Jahre, eine Zeit, an die ich immer, so kurz sie war, mit großer Freude zurückdenke.

*

Aber das Ziel, welches ich ungeduldig zu erreichen strebte, war: Shakespeare zu lesen und womöglich zu fassen. Schon in meiner Kindheit hatte ich ihn als einen zwar monströsen, gigantischen, aber zu gleicher Zeit tiefen und höchst bedeutenden Geist nennen hören. Man kannte ihn in Deutschland nur aus Wielands und Eschenburgs Übersetzungen. Daß ich zuerst nach Hamlet griff, wird ein jeder begreifen, wenn er sich erinnert, was mir Goethe und sein Wilhelm Meister waren. Die Mühe, die es mir kostete, dieses großartige Drama durchzuarbeiten, machte mich mit einer jeden Stelle genau bekannt, und welchen Eindruck Hamlet auf mich machen mußte, ist leicht einzusehen. Ist doch diese Gestalt eine wahrhaft prophetische, ja, ich möchte sagen, ergriffen von einem inneren Kampfe, scheint sie mehr deutsch, als englisch, mehr aus der gegenwärtigen Zeit, als aus der früheren, wo sie entstand, entsprungen zu sein.

War es eine Ahnung dieser prophetischen Bedeutung, die den Shakespeare dazu brachte, Hamlet und seinen genauesten Freund als frühere Wittenbergsche Studenten darzustellen? Ein jeder geistig bewegte junge Mann in Deutschland sah sich, wie Hamlet, unwiderstehlich von einer inneren Aufgabe ergriffen, die sein ganzes Leben in Anspruch nahm und als deren Opfer nicht wenige gefallen sind; daher ward Hamlet auch zuerst in Deutschland verstanden; und ich vertiefte mich, wie so viele andere, in diese inneren Kämpfe, als hätte ich sie selber erlebt. Wenn ich nun, was mich ergriff, mit wenigen Worten bezeichnen soll, so wird dieses den Lesern am ersten klar aus der Art, wie ich Shakespeare neben Goethe, der mich schon in fast bewußtlosen Knabenjahren beschäftigt hatte, auffaßte.

Ich habe es so oft erlebt, daß man selbst da, wo ich als Dichter hervortrat und bestimmte Persönlichkeiten unter ganz bestimmten Verhältnissen sich äußern ließ, dennoch diese Äußerungen, als wären sie in einer rein philosophischen Betrachtung ausgesprochen, aufgenommen und beurteilt hat; daß aus der öffentlichen Kritik, selbst der vorzüglichsten Geister, der Sinn für einen absichtlich gewählten eigentümlichen Standpunkt so ganz in der Allgemeinheit leerer Abstraktionen verschwunden ist, als wäre er nie dagewesen.

Diese Erfahrung macht es notwendig, eine Bemerkung hier zu machen, die freilich ebenso trivial wie überflüssig scheint; diese nämlich: daß hier keineswegs von einer objektiven Beurteilung der zwei größten Dichter der neueren Zeit die Rede ist, sondern nur von dem Eindruck, den beide auf mich machten; so wie der eine aus der reichen Erinnerung einer vergangenen Zeit mächtig hervortrat, und selbst durch die Vergleichung mir bedeutender ward, während der andere mir eine neue Welt eröffnete. Es kommt mir bei dieser Darstellung ein Fragment zustatten, welches zwar vor mehreren Jahren verlorenging, mir aber doch öfters wieder in die Hände fiel und daher dem Inhalte nach im Gedächtnisse geblieben ist.

Beide, das erkannte ich wohl, schlossen grundlose Tiefen des menschlichen Gemüts auf; war ich doch schon selbst seit Jahren in diejenige hineingezogen, die mir Goethe eröffnete, ohne einen Grund finden zu können. Aber die Gegenstände, welche die Gemüter innerlich in Bewegung setzten, hatten bei Shakespeare ein ganz anderes Verhältnis zur Persönlichkeit als bei Goethe. Bei dem letzteren war es mehr der Zwiespalt einer Seele, die sich von der Welt verlassen fühlte, oder das Fragment derselben, welches ihm geblieben war, in eine engere, freilich unendlich reiche Persönlichkeit hineinzog und ausbildete; selbst in Götz von Berlichingen und Egmont schien mir dieses der Fall zu sein. Aber eben diese engere Umgrenzung gab dem Ganzen eine anmutigere Form, ein leichter Überschauliches und Abgeschlossenes, und es lag ohne allen Zweifel in dieser Ansicht die Überraschung, mit welcher ich das bekannte Urteil von Novalis über Goethe zuerst vernahm.»Der Goethesche Philosoph oder Denker. Mit der Bildung und Fertigkeit des Denkers wächst die Freiheit. (Freiheit und Liebe ist eins.) Die Mannigfaltigkeit der Methoden nimmt zu – am Ende weiß der Denker aus jedem alles zu machen. Der Philosoph wird zum Dichter. Dichter ist nur der höchste Grad des Denkers oder Empfinders usw.« Denn nichts überrascht uns so sehr, wie eine plötzliche Bestätigung dessen, was wir lange, wenn auch nicht klar, mit uns herumgetragen haben. Bei Shakespeare hingegen bewegte sich immer eine große, mächtige, sichtbare und unsichtbare Welt in und mit den Personen; alle schienen zu leben, zu denken, zu handeln aus einem gewaltsam bewegten Volke, sowie zugleich aus einer tiefen Geisterwelt, aus welcher sie herauftauchten, so daß dadurch das in einem größeren Ganzen verborgene Geheimnis der Leidenschaften den Personen ein großartiges Gepräge aufdrückte.

Eine jede Stimmung, in welche mich solche geistige Aufregung versetzte, hatte etwas Gewaltsames, was mich innerlich erschütterte, und es ist mir begreiflich, wie ich den Freunden so erschien, als lebte ich in einer beständigen Spannung, die mich aufreiben müßte. Mehrere mochten diese heftige Bewegung selbst als eine durch äußere Reizmittel hervorgerufene, einige wohl sogar als eine affektierte beurteilen. Es war, möchte ich behaupten, etwas Vulkanisches in meinem Wesen, wenn dieses Wort da gebraucht werden kann, wo die hervorbrechende Flamme so gewaltsam, wie sie erschien, doch mehr anzog, als zurückstieß, mehr erwärmte, als verbrannte, mehr anregte, als aufregte. – Wenn dieses Urteil über meine eigene Jugend dem Leser zu günstig scheinen sollte, und mehreren vielleicht einem unschicklichen Selbstruhme zu ähnlich, so darf man nicht vergessen, daß hier von nichts Erworbenem die Rede ist, vielmehr von einer hohen Gunst der Natur, das heißt, mit einfacheren und einfältigeren Worten: von einer göttlichen Gnade, die mich fortdauernd und fast bis in mein hohes Alter hinein begleitete und selbst nach den heftigsten inneren Kämpfen immer von neuem mit Zuversicht erfüllte und erheiterte. Ich kann mich auf die Art, wie ich den Freunden erschien, von denen noch mehrere leben, berufen. Ich konnte damals, wenn ich dem Arzt, selbst völlig gesund, meinen Puls hinreichte, als ein Fieberkranker erscheinen, aber eben deswegen, weil diese heftige Äußerung zur Eigentümlichkeit meiner Natur gehörte, enthielt sie nichts Aufreibendes, und ich befand mich niemals gesunder, ja niemals glücklicher, als wenn ich in einer Aufregung lebte, die den Freunden gewaltsam, ja vielleicht gefährlich erschien, während sie doch nur die völlig ungezwungene, ja unwiderstehliche Äußerung einer gesunden Natur war. Eben deswegen arbeitete ich immer am besten nüchtern, und ein jedes Reizmittel, z.B. reizende Speisen, Weine, ein aufregendes Gespräch, eine Rede, in welcher ich, was mich innerlich bewegte, wie unwillkürlich preisgab, erschöpften mich immer auf einige Zeit und hemmten die geistige Produktion. Was nun einer solchen Natur Shakespeare werden mußte, ist leicht einzusehen; allerdings waren die Personen seiner Dramen tief im Innern bewegte Gemüter, die das Innerste, Verborgenste aufschlossen; aber was sie in Bewegung setzte, war nichts Vereinzelndes, die Leidenschaften selbst, die sich enthüllten, waren mit der Geschichte des Volkes, waren durch die Geheimnisse der Geisterwelt geschwängert; und wenn Goethe mich reizte, den Geheimnissen der Welt in den stillen Tiefen des ringenden Bewußtseins nachzuforschen, so forderte mich Shakespeare auf, diesen Kampf als einen solchen zu betrachten, den ich mit den kämpfenden Völkern in der Geschichte, ja mit den unsichtbaren Geistern, die in der Natur verschlossen ruhen, teilen mußte, um sie in ihrer tiefsten Bedeutung zu fassen. Diese beiden großen Dichter, die mich mit der ganzen Gewalt des mächtigen Genius an sich gezogen hatten, fachten aber den bedenklichen Kampf im Innern an, versöhnten ihn nicht. Und so, indem ein inneres, geistiges Leben, in welchem die Wirklichkeit aufging, mich gefangenhielt, schienen mir zwar die Gefahren des Kampfes selbst einen unwiderstehlichen Reiz zu haben, aber immer heftiger ward die Sehnsucht nach dem Frieden. Und oft genug rief ich mit Falstaff: »Ich wollt', es wäre Abendzeit und alles wäre aus.«

*

Ein Schriftsteller, der mich in dieser Zeit mehr, wie billig, beschäftigte, war Rousseau, den ich zwar früher kannte, der mich aber, als ich die Heloise, den Emil und die beiden bekannten politischen Schriften, dann seine Konfessionen, mit wahrer Leidenschaft hintereinander las, in eine bizarre Vereinzelung hineinzog, aus welcher ich mich dennoch, nach einer kurzen kranken Zeit, wieder zu retten suchte. Wichtiger war mir die Bekanntschaft eines jungen Mannes, der einen großen Einfluß auf mich ausübte und mich zuerst in die lebendig bewegte Mitte des geistig strebenden Deutschlands versetzte: es war Rist, ein Enkel des bekannten geistlichen Liederdichters Johann Rist. Er kam von Jena zurück, wo er Fichte gehört hatte.

Ich gehörte von jetzt an einem Kreise von jungen Männern zu, die mehr oder weniger Fichte anhingen, aber doch auf eine völlig selbständige Weise. Zwar lernte ich nur Rist persönlich kennen, begrüßte, für jetzt nur vorübergehend, den als Philosophen berühmt gewordenen Berger, trat erst später mit Thaden und mit dem älteren, durch seine Schriften bekannt gewordenen Hülsen in persönliche Verbindung sowie mit dem jetzigen Bürgermeister in Bremen, Schmidt. Gries, der berühmte Übersetzer, den ich in Jena später kennenlernte, gehörte zu diesem Kreise, sowie der allgemeinbekannte Philosoph Herbart, den ich nie persönlich kennenlernte.

Auf den Universitäten in Deutschland bildete sich eine Vereinigung von geistig bewegten tüchtigen Männern, die auf eine kräftige Weise, von großen Entschlüssen durchdrungen, sich für ein bedeutendes Leben auszubilden suchten. Der edle Greis Hensler äußerte sich einst über diesen Gegenstand auf eine Weise, die mir unvergeßlich geblieben ist. »Wie wichtig«, sagte er, »müssen die deutschen Universitäten uns erscheinen, wenn wir sehen, wie aus ihrer Mitte die kühnen Männer hervorgehen, die, mit klarer Übersicht der Verhältnisse, und von großen Ideen geleitet, der versunkenen Vergangenheit, der unverständigen Gewalt oft mit Erfolg entgegenzutreten wagen. Schon werden viele Fürsten in Deutschland und kleine Höfe durch sie geleitet und veredelt.« Freilich hatte eine ähnliche Ansicht der deutschen Universität sich mir schon längst aufgedrängt: aber rührend war es mir, von dem gelehrten Greise, der sich sonst immer über naturwissenschaftliche Gegenstände mit mir zu unterhalten pflegte, diese Anerkennung eines jugendlich frischen Lebens zu vernehmen.

Die frühere Sturm- und Drangperiode, die allerdings auch ein edleres Streben in sich schloß, hatte doch, ihrer herben Form nach, etwas dem rohen Burschenleben Verwandtes. Während dieser Zeit trat die Jugend in einer starken Opposition gegen die sozialen Verhältnisse hervor. Ein unklares Ideal schwebte dem Jünglinge als das innerste Wesen seines Daseins vor. Aber indem er es für unerreichbar erklärte, vernichtete er in der Tat sein eigenes Dasein, indem er es als ein nicht darzustellendes aufzufassen suchte. So in einem inneren Widerspruche mit sich selbst und der Gesellschaft entstand ein Zynismus des Betragens, der, obgleich er einen andern Ursprung hatte, dennoch dem des gewöhnlichen Studentenlebens verwandt war und sich auch wohl gelegentlich mit ihm verbinden mochte. Das unerreichbare Ideal nahm nach der Verschiedenheit der Gesinnung einen doppelten Charakter an, kam aber nie über die Verneinung der Wirklichkeit hinaus. Es war einerseits der Trotz, der in allen bestimmten Einrichtungen des Staates und der Geselligkeit ein Unwürdiges erblickte, dem man sich nicht unterwerfen dürfe, während dasjenige, was an die Stelle treten sollte, dennoch ein völlig Gestaltloses blieb; andererseits eine weichliche Sentimentalität, der man sich ergab, indem man das nie zu verwirklichende Ideal wie ein dunkles Traumbild bald erweitert als menschliche Glückseligkeit umfaßte, bald enger als Gegenstand der Liebe zu erkennen wähnte. Es war natürlich, daß dieser Widerspruch sich nicht zu erhalten vermochte. Der Trotzige mußte sich der Gesellschaft fügen, und die Opposition verwandelte sich nicht selten in eine spießbürgerliche Nachgiebigkeit. Der Sentimentale übertrug zwar sein Traumbild auf irgendein Mädchen, aber Amt und Ehe vernichteten schnell genug alle Ideale der Jugend. Indessen darf man keineswegs glauben, daß dadurch, daß der Widerspruch unaufgelöst in so vielen Gemütern vernichtet ward, er selbst aufgehört hatte, seine Lösung zu suchen. Er war kein willkürlicher, vielmehr mußte man ihn einen geschichtlich notwendigen nennen. Er entstand, indem der religiöse Mittelpunkt aus dem Leben verschwunden war, indem der Glaube sich von den Elementen der allgemeinen Kultur getrennt hatte und selbst durch diese Trennung in verschiedenen Richtungen zerfiel: so daß er teils in der unbestimmten Sentimentalität der Brüdergemeinde, teils in dem harten Trotze der Pietisten, teils in der starren Orthodoxie der Schriftgelehrten auseinanderfiel, nirgends aber die wahre Wirklichkeit, die nur in der Einheit dieser auseinandergefallenen Momente lebendig wird, darzustellen vermochte. Aber der auch von der Religion ausgeschiedene Staat stellte sich in denselben Momenten der Trennung dar; die starre Form der überlieferten Rechtsverhältnisse ward, wie die Orthodoxie, festgehalten, obgleich sie den Verhältnissen des sich unaufhaltsam entwickelnden Lebens nicht entsprach. In allen Richtungen des Staates äußerte sich eine Sehnsucht nach einer inneren Übereinstimmung aller Lebensmomente, und sie suchte bald ihre Verwirklichung dadurch herbeizuführen, daß sie eine wohlwollende Gesinnung in den Gemütern nährte, die auf eine allgemeine Glückseligkeit hinstreben sollte, bald mit wachsender Ungeduld eine Veränderung hemmender Institutionen forderte. In Deutschland entsagte diese Bewegung niemals ihrem ideellen Charakter. Man kann behaupten, daß Goethe derjenige war, der diese getrennten Momente der Opposition zuerst vereinigte, indem er sie mit großer Genialität in ihren Extremen ausbildete, die sentimentale Richtung durch Werther, die trotzige in Götz darstellte. In der Tat hatten diese Extreme in ihrem tragischen Untergange schon die entgegengesetzten Elemente in sich aufgenommen, und wenn Goethe durch die Anmut und Tiefe seiner Darstellung eines Daseins, welches noch in einem Kampfe mit der Wirklichkeit begriffen, dennoch eine geordnete Entwicklung desselben anerkannte, so war Schiller dazu berufen, der ideellen Seite einen wesentlichen Inhalt zu geben. Es ist merkwürdig, daß Goethe mit großem Zorne die Richtung betrachtete, die durch eine wilde Opposition gegen alle geselligen Verhältnisse in Schillers »Räubern« sich geltend machte; Goethe ging wirklich von der Sentimentalität aus, nicht als von einem Ursprünglichen, sondern als von einem Fremdartigen, welches er abzuweisen hatte, oder vielmehr, welches durch eine reiche, in sich sichere Naturwirklichkeit assimiliert werden sollte. Bei Schiller war dagegen die Sentimentalität das Ursprüngliche; er hatte den wilden Trotz, als ein Fremdartiges, sich anzueignen gewußt, und aus der Gleichsetzung beider entstand jenes moderne sittliche Rittertum, welches den edleren Teil der akademischen Jugend tiefer noch als die Goethesche reiche Naturpoesie ergriff.

Die modernen Staaten haben bestimmte Stadien zu durchlaufen, die man Entwicklungsstufen nennen kann, indem sie aus organische Weise verbunden, in- und miteinander sind und sich wechselseitig fördern. Es sind lebendige Assimilationsprozesse, die sich untereinander bedingen; der Staat hat mit einer sinnlichen Wirklichkeit zu kämpfen, die sich teils als seine eigene geschichtliche Vergangenheit darstellt, teils als eine sich gleichbleibende, nie in sich zu verändernde Natur. Der letzteren muß er sich hingeben, wenn er sie beherrschen will; die erstere muß sich ihm fügen, denn sie enthält die Momente seiner inneren Entwickelung. Ergreift sich der Staat in dem Bewußtsein seiner eigentümlichen Herrschaft über die Natur und seiner gesunden geschichtlichen Entwickelung, so hat er auch eine eigene, seiner Lebensfunktion entsprechende Kultur. Das materielle Interesse stellt die gesunde Assimilationsstufe dar; der Staat, als solcher, ist zugleich ein Volk, eine Nation; es bildet sich ein Nationalgefühl, welches alle Bürger durchdringt, ein gemeinschaftlicher Lebenshauch, der sie leitet, formiert, so daß eine jede Persönlichkeit sich durch ihn befreit, nicht gehemmt fühlt.

Daß eine solche Kultur ein gesundes Leben erlangt hat, daß sie sich in einer in sich geschlossenen Form gefunden hat, erkennt sie nur durch eine nationale Poesie. Es gibt kein wahres Volk ohne diese; ihr aber fehlt die tiefste Bedeutung, wenn sie nicht aus einem nationalen Leben entsprungen ist. Aber ebenso gewiß ist es, daß keine Philosophie ohne Poesie eine sichere Form erhalten kann. Wie diese die getrennten Momente des sinnlichen Daseins zur lebendigen organischen Einheit steigert, in welcher das Geschiedene erst eine volkstümliche Wirklichkeit erhält, so ist die Philosophie die höhere Einheit der Poesie und des sinnlichen Daseins selber.

Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. Gemälde von Friedrich Tieck

In Deutschland, wie es sich in den letzten Jahren des vorigen Jahrhunderts gestaltete, war Schiller der eigentlich populäre Dichter (freilich nur der Gebildeten). Goethes tiefer, dichterischer Natursinn war den meisten, selbst unter seinen Verehrern, ein Geheimnis. Es war in der Tat eine nationale Poesie, die mit Schiller sich regte, und sie verwirklichte sich in den edelsten Gemütern durch ein sittlich nationales Rittertum, welches nicht bloß in einem leeren, halsstarrigen Trotze sich festhielt, vielmehr zur entschiedenen Tat sich aufgefordert und reif fand. Der philosophisch starke, sich selbst fassende Ausdruck dieser Tat war Fichte, der sich zu Schiller verhielt wie Schelling zu Goethe. Jenes Verhältnis von Schiller zu Fichte, wie es sich jahrelang erhielt und eine immer bedeutendere nationale, wenn gleich innere, Epoche bildete, die in die inneren großen Ereignisse tiefer eingriff, als man glaubt, wird uns später beschäftigen. Durch Rist und die mit ihm verbündeten Freunde trat die erste Morgenröte der Vereinigung der Spekulation mit der Poesie mir entgegen.

Als Fichte hervortrat, schrie man über die abstruse Grübelei, die den jungen Mann von aller Wirklichkeit entfernte, die ihn verlockte, sich mit leeren metaphysischen Spitzfindigkeiten zu beschäftigen, ihn einem innern, nie zu schlichtenden Zwiespalt, ja wohl sogar dem Wahnsinn preisgab. Und dennoch ist es gewiß, daß eben aus der Fichteschen Schule junge Männer hervorgingen, die mit einem wahrhaft praktischen Sinne eine große Begeisterung verbanden. Der Begriff persönlicher Unabhängigkeit ward jetzt nicht so aufgefaßt, als solle man sich von der Welt trennen und in leerer Tatenlosigkeit klagend verharren; die Freiheit erkannten die jungen Männer in der aus der Selbstbestimmung hervorgehenden Tat; diese aber verwirklichte sich nicht dadurch, daß sie sich über bestehende Verhältnisse in leeren Klagen äußerte; dadurch vielmehr, daß sie das Gegebene anerkannte, aber auch zu beherrschen wußte.

Fichte hat wenige Philosophen gebildet, aber viele tüchtig gesinnte Menschen. Als ein solcher erschien mir nun Rist, und daß die großen Entschlüsse, die ihn durchdrangen, aus einem ganz andern Boden entsprangen, daß sie durch ganz andere Verhältnisse genährt wurden als diejenigen, die, wenn sie auch mehr in die Ferne traten, so wie sie in Kopenhagen entstanden waren, doch noch immer mich in Bewegung setzten, gab ihnen einen ganz eigentümlichen Reiz.

Jetzt erst, schien es mir, verließ ich das Schiff, welches ohne sichern Grund aus einem stets bewegten Meere herumgeworfen wurde, und landete in Deutschland. Wenn Spinoza wie ein alttestamentarischer Prophet mir das Christentum des Erkennens in dunkeln Weissagungen verkündete, so fühlte ich jetzt, daß eine neue irdische Heimat, nach welcher ich mich schon frühzeitig hingezogen fühlte, aus welcher ich eigentlich hervorzuwachsen bestimmt war, sich mir geheimnisvoll und still zubereitete. – Diese jugendliche Freundschaft, die mir gleichsam ein neues Vaterland eröffnete, die mir für alles, was ich wollte, neue Ausdrücke gab, ist mir viel wichtiger geworden, als mein noch lebender Freund selbst wissen oder ahnen kann.

So lieb mir mancher meiner jungen Freunde, so teuer, ja wichtig mir selbst KösterBekannter von Steffens, Prediger, ein höchst origineller, hypochondrischer Humorist. und MackensenJugendfreund von Steffens, Philosoph und Literarhistoriker, später Privatdozent in Kiel. waren, so fehlte mir noch derjenige, der mein ganzes Dasein in Anspruch nähme und mit allem, was sich Besseres und Edleres in mir regte, von innen heraus auf einen anderen Boden versetzte. Rist besaß fast alles, möchte ich sagen, was mir fehlte; wenn ich fast fortdauernd aufgeregt und innerlich bewegt war, so erschien er ruhig und gehalten. Es fehlte mir zu der Zeit, als ich seine Bekanntschaft machte, nicht an Einnahme, aber dennoch immer an Geld, wenn ich es am nötigsten brauchte. Mancherlei Gegenstände lockten mich; eine nicht selten leidenschaftliche Teilnahme an der vorübergehenden Not der Freunde verleitete mich zu unnötigen Ausgaben. Die Einnahme, über welche Rist disponieren konnte, war kaum größer als die meinige, aber dennoch konnte er immer über die nötigen Summen gebieten, und wenn die Verhältnisse es forderten, mit Anstand sie opfern. Sein ganzes Äußere erregte Teilnahme und Achtung, und ich fand mich durch seine Zuneigung, durch seine Freundschaft zugleich beglückt und geehrt.

Es war die Zeit, in welcher Goethe und Schiller das bedeutende Bündnis schlossen, welches für die deutsche Literatur so wichtig ward. Die HorenDie »Horen« erschienen seit 1795 und brachten von Goethe unter anderem die »Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter« und die ersten Teile des »Benvenuto Cellini«. traten damals hervor, und die vorherrschende Anmut der Sprache, das Geistreiche der Behandlung wichtiger Gegenstände, die große, allgemein entschiedene Autorität der Herausgeber nahm die allgemeine Aufmerksamkeit in Anspruch und erweckte bei der besseren Jugend eine Teilnahme und eine Hoffnung, wie sie keine Zeitschrift seit langer Zeit erregt hatte. Schillers Aufsätze in den Horen über Anmut und Würde, über das Sentimentale und Naive usw., Goethes Unterhaltungen der Ausgewanderten und das berühmte Märchen, Wilhelm v. Humboldts Untersuchungen wurden mit großem Interesse gelesen, selbständig aufgefaßt, und gaben Veranlassung zu mancherlei neuen Ansichten, die teils in Übereinstimmung, teils selbst in entschiedenem Gegensatz gegen das uns sonst Mitgeteilte und Verehrte entstanden waren und ausgeführt wurden. Eine jede geistig bedeutende Epoche meines Lebens hat in der Erinnerung eine bestimmte Physiognomie, diese stellt dann in ungeteilter Einheit das ganze Dasein mit seiner inneren und äußeren Umgebung dar. Die Epoche, die ich mit Rist verlebte, die neue Welt, die er mir eröffnete, erscheint mir nun durchaus heiter und anmutig, wie ein schöner, wolkenloser, sonniger Frühlingstag. Obgleich in unserer allseitigen Richtung die Politik uns nicht fremd blieb, so hatte sie doch nur ein sekundäres Interesse für uns, und was wir gemeinschaftlich suchten und hoffnungsvoll von der Zukunft erwarteten, hatte eine tiefere geistige Bedeutung. Nebst den Horen war uns Schillers MusenalmanacheEin Jahrbuch, von dem Schiller fünf Bände (für die Jahre 1796-1800) herausgab. bedeutend und wichtig. Die XenienIm Oktober 1796 erschien Schillers »Musenalmanach für das Jahr 1797« mit Goethes und Schillers Xenien (der »Xenienalmanach«). lernte ich damals zuerst kennen, wenigstens damals zuerst ihrem umfassenden Inhalt nach verstehen, und der innere Kampf, der in der deutschen Literatur stattfand und nach allen Richtungen der Wissenschaft und Kunst eine neue Zeit vorbereitete, ward mir jetzt erst völlig klar. Ich sah ein altes, in hergebrachten Formen Erstarrtes sich mir abschälen, vertrocknet und verwelkt hinfallen, um einer neuen Gestaltung Platz zu machen; und es war mir eine wichtige Aufgabe, mich in diesen neuen Verhältnissen geistig zu orientieren und zu erfahren, ob die Aufgaben, die mich beschäftigten und die sich von meiner frühesten Kindheit an in der Einsamkeit ausgebildet hatten, auf irgendeine Weise einen selbständigen Platz in dieser neuen Geburt der Zeit erhalten konnten.

Damals lernte ich Jean Paul kennen, und zwar »Die unsichtbare Loge« und »Hesperus«.Jean Pauls erste Romane von 1795 und 1796. Ein allseitig erregtes Gemüt mußte durch diese Schriften hingerissen werden. Dieses willkürliche Antippen an die mannigfaltigsten Verhältnisse des Lebens und Erkennens, um ihnen eine ebenso willkürliche Bedeutung in zufällig herbeigeführten und schnell verschwindenden Zuständen des Lebens zu geben, sprach den jungen Mann an, der ebenfalls allenthalben ein Bedeutungsvolles, Ahnungsvolles zu suchen geneigt war. Seine GedichteGemeint: die Dichtungen. gewährten daher immer einen scheinbar geistigen Genuß, wenn auch niemals eine Befriedigung, da die Mittel, welche er benutzte, einem jeden mit den Wissenschaften beschäftigten und in mancherlei menschliche Verhältnisse verstrickten Jüngling zu Gebote standen. So ward dieser fast unvermeidlich zur Nachahmung gelockt, und nicht Jünglinge allein, sondern auch gebildetere Frauen gefielen sich in einer Jean-Paulisierenden Korrespondenz.

Ich ergriff diese Anregung, wie eine jede, mit großer Heftigkeit, aber sie dauerte nur kurze Zeit; befriedigen konnte sie mich durchaus nicht. Denn wenn auch dieses willkürliche Zusammenwürfeln von momentanen Ansichten und barocken Witzen zuweilen zu einem tieferen Gedanken führte, so trug doch dieser selbst das Hinfällige seiner Entstehung an sich und konnte nirgends Wurzel fassen. So fiel mir besonders im »Hesperus« auf, wie Emanuel und Klotilde, das Erhabene wie das Schöne, so durchaus gespensterhaft erschien. Emanuel mußte, um erhaben zu sein, das einsame Gebirge besteigen, von Gipfel zu Gipfel schreiten, nicht einmal das helle Auge in den sternenklaren Himmel, vielmehr die Nase in den Nebel hineinstecken, um so ein Unbestimmtes, nebelhaft Zerfließendes mehr zu riechen als zu schauen. Die Schönheit aber hüllte sich in einen so zarten Körper ein, daß er durch die leiseste Berührung zerfloß und das ganze Dasein in einem Seufzer verhauchte.

Die mir so wichtige, eben in dieser Zeit erfolgende Epoche meiner geistigen Bildung rief mich bald von dieser gaukelnden Traumwelt ab, ja erzeugte eine einseitige Feindseligkeit gegen einen Dichter, der, so reich begabt, in seiner abgeschlossenen Eigentümlichkeit doch eine nicht geringe Bedeutung hatte.

Ich kam tief erschüttert nach Kiel. Aber das Leben behauptet sein Recht, und die Keime der Entwicklung entfalten sich innerlich frisch; die Schmerzen der Teilnahme vermögen sie nicht zu unterdrücken.

*

Bewegende, auch für die unruhige Zeit eines geistigen Werdens außergewöhnliche Umstände haben die Studienjahre von Steffens begleitet. Der wenig Bemittelte war auf Verdienst angewiesen; das Studium der Naturkunde galt als ein großer Luxus. Für ein kleines Entgelt wurde ein naturwissenschaftlich Gebildeter von einer Gesellschaft für Naturgeschichte in Kopenhagen gesucht, der an der Nordwestküste Norwegens Mollusken sammeln und die Struktur des Gebirges erforschen sollte. Henrich meldete sich dazu und erhielt den Auftrag. Das Jahr 1794 ging darüber hin; einsame glückliche Tage in den Fjorden wechselten mit grämlichem Mißmut über den ungenügenden wissenschaftlichen Ertrag der Reise: es fehlte an Hilfsmitteln zur Unterscheidung der Funde, es fehlte auch vor allem an der notwendigen Vorbildung für eine solche Aufgabe. Eine innere Krise bereitete sich vor. Eine Art wilder Naturanschauung, die Geschichtliches und Physisches zusammenfaßte, das All zwar als in einer üppigen Produktion begriffen erkannte, aber als eine Art Ungeheuer erfaßte, das jedes eben noch Erzeugte als ein Unwürdiges sofort beiseite warf, um mit einem Neuen denselben vernichtenden Prozeß vorzunehmen, erregte Zweifelsucht und Skepsis in der Seele und führte zu einer wahren Verzweiflung, die jede Produktion lähmte. Sie fand zwar in einer ausbrechenden Krankheit Entladung, ließ aber den abwegigen Plan reifen, die Expedition abzubrechen, nach Hamburg zu fahren, Kaufmann zu werden und von dem Ertrag der Bücher und der kleinen Sammlung, die Freunde in Kopenhagen verkaufen sollten, fürs erste zu leben. War es ein Blick des Geistes in das Chaos des Daseins? Ohne Geld und Beschäftigung lebte der ausgewanderte Student ein halbes Jahr bei Menschen, die ihn nichts angingen, in der großen Stadt Hamburg. Versuche zum Unterhalt scheiterten; eine Hauslehrerstelle wurde ausgeschlagen. Drückende Not und Krankheit schrieben schließlich das letzte vor, was in dieser Lage möglich war: einen Brief an den Vater nach Rendsburg.

Dieser lebte im höchsten Grade gedrückt. Er hatte mit seinen Gläubigern ein Abkommen getroffen und mußte ihnen einen Teil seiner Einkünfte überlassen. Aber er hatte keine andere Antwort auf den Brief des Sohnes als rückhaltlose Liebe: »Ich teile den letzten Bissen Brot mit Dir; eile hierher, ich sehne mich, Dich zu sehn« – das waren seine Worte.

In einer jeden deutschen Stadt finden sich einzelne Menschen, die an der geistigen Bewegung der Zeit Anteil nehmen: Pfarrer, Ärzte, Lehrer, wohl auch der eine oder andere Beamte. Rendsburg war ein solcher Ort, wenn er auch unter dänischer Obrigkeit stand. Henrichs jüngster Bruder, der damals in der gleichen Garnison wie sein Vater lag, trieb ein ausgedehntes geschichtliches Studium und ließ sich auch durch den Spott seiner Kameraden, die ihn »den gelehrten Unteroffizier« zu nennen pflegten, nicht von seinen Neigungen abbringen. Jetzt kam dieser jüngste Bruder dem älteren wie ein Bote des Himmels vor. Nichts verbindet Menschen rascher und inniger als gemeinsame Arbeit. Und wenn zudem eine angeborene Blutsgemeinschaft den Grund dazu hergibt, so kann diese Verbindung unsäglich fruchtbar werden.

Auf die erschlaffende Zeit in Hamburg folgte bei Henrich eine Periode höchster Anstrengung und Konzentration. Das Bedürfnis einer geistigen Verknüpfung der Gegenstände, die Idee einer lebendigen Einheit des Daseins, instinktmäßig in seinem Empfinden vorgebildet, traten aus dem verborgenen Grunde, wohin sie die Schärfe des Zweifels verbannt hatte, lebendig wieder hervor und erzeugten eine innere Gewißheit und Wahrheit, die den scheinbar herabgekommenen, verunglückten Studenten mit Befriedigung und Freude erfüllten. Das Glück des Zusammenseins mit dem geliebten Bruder bescherte neue Arbeits- und Entschlußkraft. Bald gelang es Henrich, sich nach Kiel an die dortige Universität durchzudrängen. Fürs erste gab es dort eine Reihe von Familien, deren Kindern man Unterricht in der Naturkunde geben konnte; und der Professor Fabrizius, der das Reisen liebte, war froh, daß ein junger Mann erschien, der an seiner Stelle Vorträge über Naturgeschichte auch vor den Studenten übernehmen konnte. Eine Klausurarbeit, die man immerhin verlangte, über die Generationstheorie – ein Hauptthema der Zeit – brachte die Erlaubnis, an der Universität lesen zu dürfen. Die erste deutsche Schrift: »Über die Mineralogie und das mineralogische Studium« findet Anerkennung, und am 8. April 1797 wird Steffens vor der philosophischen Fakultät feierlich zum Doktor erhoben. Nachdem die Schwierigkeiten überwunden, der Weg wieder frei war, zeigte es sich, daß die schwere Krise im einundzwanzigsten Lebensjahr notwendig, ja, daß sie naturbedingt war. Der Geist war gereift, und die Erfahrungsfülle, die die norwegische Reise geschenkt hatte, war nicht umsonst.

Der Finanzminister Dänemarks, Ernst Heinrich Graf von Schimmelmann, war ein ausgezeichneter, höchst merkwürdiger Mann. In einer von gewissenhaftester Pflichterfüllung bestimmten Tätigkeit hatte er, der eine dürftige Gestalt sein eigen nannte, stark schielte und dadurch etwas Linkisches, Schüchternes in seinem Aussehen hatte, sich das rein Menschliche wie einen unverwüstlichen Schatz in seinem Innern bewahrt. Niemals gab es einen Staatsmann, der tiefer von der Überzeugung durchdrungen war, daß, wenn der Staatsmann seine ganze Tätigkeit der Ordnung drängender gegenwärtiger Verhältnisse opfern muß, dennoch der eigentliche Wert seiner Bemühungen, nämlich dasjenige, wodurch die geordneten Verhältnisse selbst sich zu einer lebendigen Entwicklung steigern: die Zukunft des Staates, ein Geistiges sei. Durch den Weltbürgersinn dieses Grafen hatte schon der Dichter Friedrich Schiller auf drei Jahre ein jährliches Geschenk von tausend Talern erhalten. Nun verdankte auch Steffens diesem Manne, der als Direktor der Fonds ad pios usus die bedeutendsten Reisestipendien verteilte, die Möglichkeit, für seine Weiterbildung eine größere Reise antreten zu können. Die Freude des Begünstigten war grenzenlos. Es ging nach Seeland, um in Fünen die dort verheiratete Schwester zu besuchen; weiter nach Kiel und Hamburg, wo die trüben Tage von früher vergessen wurden. Und als Henrich nun einen lange gehegten Wunsch erfüllt sah, als Europa vor ihm lag, war Deutschland das Nächste und Wichtigste, was ihn ganz in Anspruch nahm. Sorgenfrei, heiter und voller Hoffnung, konnte er seine Schritte lenken, wohin er wollte. Eine bestimmte Ahnung einer neuen Zeit, die anfing: alte Autoritäten, die stürzten; neue, die die Gemüter heftig bewegten, fesselten sein Sinnen und Trachten. Goethe und die Philosophie – bewegten sie nicht die gärende Zeit nach allen Richtungen? Ist es erstaunlich, daß auch der von den geistigen Strömungen Ergriffene dort die frische Zukunft suchte, wo sie am stärksten ins Leben trat? In der Herzmitte deutschen Geistes, in Jena?

Im Frühjahr 1789 bricht Henrich Steffens zusammen mit dem Botaniker Hornemann von Hamburg nach Thüringen auf. Über Braunschweig geht die Reise in den Harz; Wolfenbüttels, Halberstadts und Quedlinburgs Türme kommen in Sicht und greifen dem Fremden aus dem Norden wie liebe Mahnmale ans Herz: dort sieht er in Gedanken Lessing in seiner Bibliothek wühlen, hier tönen wetteifernde Gesänge eines anakreontischen Schäferlebens aus dem Hause des alten Gleim, und da, in der letzten Stadt, steht dicht an dem romanischen Dome das Geburtshaus Klopstocks. Im Harz und im Thüringer Walde werden geognostische Wanderungen gemacht, in Meiningen eine lustige Bekanntschaft mit dem Herzoge geschlossen, in Ilmenau das Bergwerk besucht, bei dessen Ausbau Goethes Tätigkeit praktisch in Erscheinung trat. In dem reizenden Tale der Schwarza aber machte der Reisende für einige Tage halt. In einem einfachen Gasthofe, vor dessen Fenstern die Bäume flüsterten, die Vögel sangen und die Schwarza rauschte, studierte er – muß er sich doch in dem anspruchsvollen Kreise in Jena unterrichtet zeigen – den ersten Band des »Athenäums«, das die Brüder Schlegel gerade als Manifest der romantischen Schule herausgegeben hatten, und dazu die »Wissenschaftslehre« des berühmten Professors Fichte. Jener mächtige Geist der Einheit des ganzen Daseins, der wie ein frischer Lebensstrom alle Wissenschaften zusammenzufassen suchte, Dichtung, Kunst und alle bedeutenden Lebensverhältnisse umschlang, war es gerade, den der Ankömmling suchte, dem er sich verwandt fühlte und dem er angehören wollte; und es waren besonders die Fragmente von Novalis, »Blütenstaub« betitelt, die ihn fortdauernd beschäftigten.

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