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Was ich erlebte

Henrich Steffens: Was ich erlebte - Kapitel 3
Quellenangabe
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authorHenrich Steffens
titleWas ich erlebte
publisherDieterich'schen Verlagsbuchhandlung zu Leipzig
editorWilli A. Koch
year1938
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Erste Jugendzeit in Norwegen und Helsingör

Wenn man auf dem rechten Ufer der Elbe, an jener Stelle, wo ihre Mündung sich zum Meere weitet, von Brunsbüttelkoog aus zwei Stunden ostwärts durch Heiden und Marschen wandert, kommt man in das kleine Städtchen Wilster. Darin lebte in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts der ehr- und achtbare Bürger und Branntweinbrenner Hinrich Steffens. Der hatte das Unglück, daß sein Vater ein reicher Kaufmann in derselben Stadt gewesen, dem man einstens sein Silbergerät körbeweis aus dem Hause weggetragen hatte, weil er trotz seines Reichtums bankrott gemacht. Der einzige Sohn dieses verarmten Kaufmanns hatte daraufhin in der Heimatstadt keinerlei Zukunft mehr für sich ersehen können und war aus niedersächsischem Mut, Stolz, Scham und Ehrgefühl nach der holländischen Kolonie Surinam ausgewandert. Dort brachte er es zwar zu Arbeit und Verdienst und nach einiger Zeit auch zu dem Ehebunde mit der holländischen Mejuffrouw van Leuwen; aber der Halt in dem heißen Lande Südamerikas war nicht fest. Der bald eingetretene Tod der Frau und die Sehnsucht nach Holstein bewogen ihn, noch ehe es ihm gelungen, ein wirkliches Vermögen zu erwerben, mit seinem Sohn Hinrich wieder nach Wilster zurückzukehren. Dort widmete er sich dann der ehrenwerten und achtbaren Hantierung der Branntweinbrennerei.

Hinrich der Sohn hatte Lust, Eifer und Talente. Es war die Zeit, da man sich von einem scheinbar geringen und kümmerlichen Handwerk als Chirurg zu einer geachteten Stellung emporarbeiten konnte. Hinrich ging diesen Weg. Er brachte es bald zum Kompaniearzte bei den Truppen des dänischen Königs, der seit den zwanziger Jahren seine Hand auch auf die holsteinischen Besitztümer des Herzogs von Gottorp gelegt hatte und nun zu Norwegen und Dänemark alles Land bis nach Lauenburg an der Elbe besaß. Da ihn die dänische Kompanie aber bald nicht mehr brauchte, weil der Friede glücklich dem Lande erhalten geblieben war, kehrte Hinrich nicht mehr nach Wilster zurück, sondern ging nach Kopenhagen. Er verwandte sein kleines Vermögen auf seine weitere Ausbildung. Die klassischen Werke der Mediziner und der Chirurgen kaufte er sich und studierte sie; er las auch die Bücher der Physiker und der Philosophen und, weil er ein aufgeschlossener und geselliger Mensch war, auch die Dichter, die von der Strömung der bildungsbeflissenen Aufklärung damals nach dem Norden getragen wurden.

Das große alte botanische Foliowerk – Tabermontani Kräuterbuch – mit seinen ungefügen Holzschnitten stand auf seinem Bücherbord, und er kannte genau und studierte mit besonderem Fleiße Krügers Naturlehre, die eingehend von des Engländers Isaac Newton Gravitationslehre unterrichtete. Aber auch des Leipziger Fabeldichters Gellert Poesien las er und des berühmten Schweizer Arztes Albrecht von Haller beschreibende Lehrgedichte und moralisierende Verse. Und er besaß auch des großen Klopstock gepriesenes Lobgedicht auf den göttlichen Erlöser und seine gefühlsseligen Oden. Und dazu die galanten Chansons des Hamburger gelehrten Kaufherrn Friedrich von Hagedorn.

Diese Junggesellenzeit war wohl die bequemste im Leben des Amtsarztes Hinrich Steffens. Bald holte er sich aus Odsherred, einer fruchtbaren Gegend im nordöstlichen Seeland, aus einer der angesehensten Familien des Landes, von dem Gutsbesitzer Bang, die Tochter als Frau in sein Haus. Jetzt mußten die nicht sehr großen Einkünfte für alltäglichere und praktischere Dinge verwendet werden als für die Vergrößerung der Bibliothek. Die beiden blieben nicht lange allein; bald stellte sich das erste Kind ein, ein Mädchen; es starb aber kurz nach der Geburt. Und als darauf ein Söhnchen geboren wurde und der Bezirksarzt Steffens bei der Regierung Ansehen gewann, erhielt er seine Versetzung nach Stavanger. Das ist auf der Landkarte die Nasenspitze des in die Nordsee hineinspringenden Tigers Skandinavien. Dort bekam das Paar am 2. Mai 1773 seinen zweiten Sohn. Die Eltern nannten ihn Henrich; so hieß der Vater, der an der Wiege stand; so hieß des Vaters Vater, der aus Surinam nach Wilster heimgekehrt war, und so hatte auch der Urgroßvater geheißen, der Kaufmann und reich gewesen war. Jetzt wurde wiederum ein Abkömmling der Familie Steffens auf den Namen Henrich getauft; und der sollte einmal den Namen berühmt machen.

Der Meerbusen, an dessen Ufer die Stadt Stavanger zwischen nackten Felsen liegt, und die Inseln in der Nähe des Strandes waren in altersgrauer Zeit Schauplätze bedeutender Taten nordischer Helden. Als die Eltern diesen Ort wieder verlassen mußten und noch weiter nordwärts, nach Trondheim zogen, war der kleine Henrich vier Jahre alt. Aus ihrem Hause, das offen nach dem Trondheimer Fjord zu lag, hatten die Geschwister Steffens – zwei Brüder und zwei Schwestern waren noch zu den beiden ältesten Jungen dazugekommen – einen guten Blick auf die alte Inselfestung Munkholmen. Und wenn sie durch die Stadt gingen, so trafen sie auf die Olufskirche, in der Norwegens Könige seit alters gekrönt worden waren, und gespenstisch tauchten die alten dicken Mauern mit den dunklen Fenstern der Kirche vor den Blicken der Kinder auf.

Im Jahre 1779 wurde der Vater nach Helsingör versetzt. Hier, am schmalen Sunde, der Seeland von Schweden trennt, begann für die beiden Ältesten das bewußte Erleben. Wenn die Knaben nicht in der dürftigen Stube sitzen mußten, die sich öffentliche Schule nannte und in der ein griesgrämiger und ungeduldiger Alter ihnen mürrisch ein paar Deklinationsübungen beibrachte, dann lag die weite Welt der See vor ihren Augen. Wilde Fischerbuben waren ihre Spielgenossen. Es wurde gebadet und geschwommen, Klagen über körperliche Mißhandlungen durch andere Jungen wurden nicht angenommen, Vater Steffens wollte Kameradschaft mit den Kindern der anderen Stände in Sonne, Luft und Wasser. Er war ein Bewunderer des Franzosen Jean Jacques Rousseau und seiner freien, naturwüchsigen Erziehung. Das hinderte aber nicht, daß kleine Unarten mit schmerzhaften Züchtigungen geahndet wurden. Leider wurden die Eltern mit den Jahren bedrückt. Die Praxis des Vaters warf kaum den hinlänglichen Verdienst für Ernährung und Kleidung der kinderreichen Familie ab. Und wenn sich der Vater durch die angesehene Familie seiner Frau einmal zurückgesetzt oder vernachlässigt glaubte, konnte er in einer vorübergehenden gereizten Stimmung Wohl auch die Mutter kränken. Doch wurde das herrschende liebevolle Verhältnis bald wiederhergestellt.

Helsingör hatte damals keinen Hafen, alle Schiffe mußten auf der offenen Reede ankern. Durch die Meerenge des Mittelländischen Meeres mag eine viel größere Anzahl Schiffe durchgehen, aber Gibraltar und Ceuta liegen vier Meilen auseinander, und die durchgehenden Schiffe verlieren sich in diesen weiten Räumen. Der Sund ist nur eine halbe Meile breit, nach Schweden zu seicht, so daß die durchgehenden Schiffe genötigt sind, sich näher an das seeländische Ufer zu halten. Hier, nicht dichtgedrängt, wie in den großen Häfen von Bordeaux und Marseille, oder auf der Themse bei London, auf der Elbe bei Hamburg, vielmehr in freien Räumen ankernd, liegen sie da. Jenseits erheben sich die hohen Ufer der schwedischen Küste. Gegen Südwesten liegt frei und stolz die Insel Hven, jener berühmte Sitz des unsterblichen Tycho Brahe mit den Ruinen des Schlosses und des Observatoriums Uranienburg.

Ein schöner ruhiger Sommertag schenkte uns von unsern Fenstern aus einen reizenden Anblick. Die Sonne erhob sich des Morgens über die schwedischen Hügel; HelsingborgDie auf dem gegenüberliegenden Ufer des Sundes liegende schwedische Stadt. lag dann, obwohl die Häuser erkennbar, doch im Dunkeln. Die Sonne spielte auf den leichtbewegten Wellen; gerade vor uns ankerte in majestätischer Ruhe die Königliche Fregatte als Wachtschiff, die Masten ragten stolz in die Höhe, der lange schmale Wimpel hing von dem mittlern größten Mast herunter; die dänische Flagge fiel in Falten um die Stange. Wir erkannten die Matrosen, die sich auf dem Verdeck bewegten. Rund um dieses Wachtschiff herum lagen Schiffe jeder Größe und aller Völker ebenso ruhig auf der wenig bewegten Wasserfläche; der durchsichtige Morgenduft warf einen leichten Schleier über das Ganze. Allmählich regte sich auf allen Schiffen Mannschaft, es war eine Stille, eine verhängnisvolle Ruhe, die das mannigfaltigste Leben zauberhaft festhielt und band. Dann tönten von allen Schiffen die Morgenglocken und mittendrin ließ sich der Kanonendonner der Königlichen Fregatte als Morgengruß hören. Wir sahen den Blitz früher, als wir den Schuß hörten; der Rauch drängte sich hervor, bog sich teilweise in kreisförmigen Ringen, die sich oft verlängerten und krümmten, ohne zu zerreißen, indem sie in der Luft fortgetrieben wurden. Es war etwas so Großartiges und doch so Anmutiges, etwas so Stilles und doch so mannigfach Bewegtes, eine solche Einheit und doch zugleich eine solche Fülle; es war wie ein Morgen der Völker, der aufging und auf den sonnenbeglänzten Wellen ein heiteres Spiel trieb. Jedesmal, wenn ich später die Sonne heiter aufgehen sah von Hügeln über eine flache Gegend, vom hohen Gebirg über ganze Landschaften, war es mir, als entdeckte ich die Schiffe mit ihren Masten in dem Morgennebel, ich glaubte die Glocken zu hören, ich lauerte auf den Schuß.

Den Tag über war alles auf den Schiffen beweglich, Boote kamen und gingen, und wenn wir, nach der Schule gehend, durch die Stadt wanderten, sahen wir die fremden Reisenden, Franzosen, Engländer, Russen, Spanier, Portugiesen, Nord- und Südamerikaner, die, während die Schiffe vorübergehend auf der Reede verweilten, die Stadt nur auf kurze Zeit besuchten. Auf der Reede kamen und gingen die Schiffe, je nachdem der herrschende Wind es erlaubte. Durch mäßigen Wind fortgetrieben, ganz mit schwellenden Segeln bedeckt, traten die Schiffe bei Hven hervor und näherten sich immer mehr und mehr dem Sunde, während andere Schiffe die Anker lichteten – nicht selten hörten wir das taktvolle Schreien der Mannschaft – die Segel wurden ausgespannt, die Schiffe setzten sich in Bewegung und verschwanden nach dem Kattegat zu. Einige Male, wenn auch nicht häufig, gingen mächtige große Kriegsschiffe vorbei; kleine Eskaders, russische, schwedische, dänische, englische, sehr selten französische. Die Königliche Fregatte, die als Wachtschiff uns imponierte, erschien dann neben den mächtigen Zwei- und Dreideckern unbedeutend und klein. Wenn sie aus dem Kattegat erschienen, oder nach Norden segelnd, die Festung vorbei passierten, ward diese mit Kanonenschüssen begrüßt, und die Festung antwortete auf dieselbe Weise. So bewegten sich die Völker durch würdige Repräsentanten vor unsern Augen und erschienen handeltreibend, selten kriegerisch.

Gegen Abend bei der sinkenden Sonne glänzte Hven in hellem Sonnenlichte. Die schwedische Küste lag vor uns; wir konnten die Häuser in dem dicht am Ufer liegenden Helsingborg unterscheiden, durch mäßige Fernrohre die Fenster zählen; die Sonne vergoldete die Spitzen der Masten, und während sie sank, ließen sich die Abendglocken aus den Schiffen hören, der Kanonenschuß, als Abendgruß, erscholl von der Königlichen Fregatte, der Rauch wirbelte über die Meeresfläche, und alles versank in Dunkelheit und Ruhe. Es geschah wohl, daß durch konträren Wind, der lange anhielt, mehrere hundert Schiffe sich anhäuften. Wenn dieser sich nun änderte und günstig ward, entstand auf allen diesen Schiffen eine lebhafte Bewegung. Nach wenigen Augenblicken waren die Tausende von Masten mit schwellenden Segeln belastet, und im gedrängten Gewimmel segelte die mächtige Flotte ab und verlor sich in der Ferne. Plötzlich war dann der eben belebte Sund von allen Schiffen entblößt, das Wasser bewegte sich in ruhiger Einsamkeit. Ein oder ein paar Schiffe, die auf der weiten Fläche zurückblieben, ließen die plötzlich eintretende Stille erst recht wahrnehmen.

Wir Knaben hatten auf der Stube eine Flaggenkarte. Bei einer so lebhaften Aufforderung waren uns diese Flaggen, und selbst die öfter wechselnden derselben Nation, bald bekannt. Aber bald wetteiferten wir darin, die Schiffe verschiedener Völker aus dem bloßen Bau ohne Hilfe der Flagge zu erkennen, sowie aus der weiten Ferne die Gattung der Schiffe zu unterscheiden. So lebten wir in lebhafter Verbindung mit allen Handelsstädten der ganzen Erde. Landkarten lagen auf den Tischen umher, und wenn wir erkannt hatten, zu welchem Volke das Schiff gehörte, verfolgten wir den Weg, den es gehen mußte, wenn es nach der Ostsee segelte oder wieder heimkehrte. Während ich in der Schule die neun Kreise Deutschlands und die Anzahl von Kurfürsten-, Herzog- und Bistümern, Grafschaften und freien Ritterschaften mit Mühe im Gedächtnis zu behalten suchte, ohne daß es mir jemals gelang, versetzte die lebendige Phantasie mich hier in die verschiedensten Gegenden der Erde. Ich lebte in den Handelsstädten, ich besuchte alle Küsten, ich sah das Gedränge der Schiffe in den Häfen, ich durchschnitt mit den segelnden Schiffen das Meer, und daß unter solchen Verhältnissen Reisebeschreibungen in den freien Stunden unsere Hauptlektüre ausmachten, war natürlich. Wenn ein aufgeweckter Knabe in London oder Paris frühzeitig einen Blick in die bunten Verhältnisse werfen mag und in jungen Jahren in dieser Hinsicht schon gewitzigt erscheint; wenn in südlichen Gegenden eine üppige glühende Natur das Kind in seine betäubende Mitte hineinzieht; wenn in Rom die Kunst und die Erinnerung an eine große verschwundene Vergangenheit einen tiefen Eindruck auf einen begabten Knaben machen muß: so trat mir hier das mannigfaltigste Bild der lebendigsten Gegenwart aller Völker entgegen; nahe genug, um bestimmt erkannt und unterschieden, entfernt genug, um nicht in einem kleinen Maßstabe aufgefaßt zu werden. Ein jedes Schiff hat seine eigentümliche Geschichte, sein besonderes Geschick. Es ist ein eigenes, belebtes Wesen, und die Personen, die es bewohnen, die es leiten und bewegen, verwandeln sich in ein Individuum. Dieses fliegt von Ort zu Ort; in den Häfen ruhend, teilen sich die Personen: eine innere Unruhe der Zerstreuung ergreift das größere Individuum; wie der Mensch selbst, wird es von den bunten wechselnden Gegenständen einer ihm neuen Welt ergriffen, die aus mehreren voneinander getrennten Seelen zu bestehen scheint, die, hierhin und dorthin gelockt, von den verschiedenen Begierden gefangen sind, die keinen Mittelpunkt zu finden vermögen. Wird nun die Seele der Seelen zur Tat aufgefordert, zur Einheit gemeinschaftlicher Anstrengung, dann verschwindet die Zerstreuung, und das Zersplitterte geht in der Einheit des Individuums auf.

Zuweilen war es uns vergönnt, dieses oder jenes Schiff zu besteigen. Wir erfuhren, wo es herkam und wo es hinging; wir waren bald mit allen Räumen des Schiffs bekannt; wir lernten die Masten, das Takelwerk, die Segel kennen und machten uns die technischen Ausdrücke eigen. Daß solche Schiffe für uns ein besonderes Interesse hatten, versteht sich von selbst. Wir hatten mit der Mannschaft mehrerer, die länger auf der Reede blieben, Bekanntschaft gemacht. Die Teilnahme der lebhaften Knaben an allem, was sie sahen und hörten, erweckte die Neigung der Mannschaft, und ich weiß wohl, daß ich mit der heftigsten Begierde einen vertraulichen Umgang mit diesen Menschen, die so plötzlich erschienen waren und so bald wieder verschwinden sollten, herbeizuführen suchte. Es gelang mir nicht selten. Mit diesen Menschen nun segelte ich fort; sie begleitete ich auf ihrer ganzen Fahrt, wo sie landen, welche Häfen sie besuchen würden, suchte ich genau zu erforschen. Die Natur ihrer Ladungen blieb mir nicht unbekannt; wo diese abgesetzt werden sollten, gegen welche Ware sie vertauscht wurden, erschien mir wichtig, und ich merkte mir, was gesagt wurde, äußerst genau. So entstand ein immer lebendigeres Bild von dem Handelsverkehr, der alle Länder der Erde miteinander verbindet, eine lebhafte dichterische Vorstellung von der Art und Weise, wie die verschiedenen Bedürfnisse sich durchkreuzen, in großen, ich darf sagen, kühnen und freien Umrissen, ohne jene kleinen beschränkenden eigennützigen Rücksichten, die, erkannt, den großen freien Blick verdüstern, ja zerstören müßten. Besonders war es uns wichtig, genauere Bekanntschaft mit den Schiffen der Ostindischen Kompanie zu machen. Gewöhnlich erwarteten wir ihre Ankunft, die schon durch das Gerücht angekündigt war, mit großer Ungeduld. Wir ließen dem Vater keine Ruhe, oder wandten uns zudringlich an die Freunde des Hauses, um, wenn es möglich war, diese Schiffe zu besuchen. Es gelang uns wenigstens, wie ich mich erinnere, einmal, und wir wußten schnell und mit dem den Kindern eigenen Instinkt, den mitteilsamsten und freundlichsten Mann zu entdecken, um zu erfahren, ob das Schiff von der dänischen Besitzung Friedrich Nagor bei Kalkutta, oder von Trankebar bei Madras, oder von Kanton kam; dann mußten sie uns ausführlich von der Pracht der mächtigen Hauptstadt der Ostindischen Kompanie erzählen, von den Wundern der Gegend, von den seltsamen Tieren, von den rätselhaften Bewohnern, und wenn sie auch, um die Aufmerksamkeit der Knaben zu fesseln, manches erdichten mochten, so hörten wir doch treuherzig zu, und was einem Reisenden in fernen Landen und auf dem weiten Ozean begegnen kann, erfuhren wir unmittelbar aus dem Munde derer, die es selbst erlebt hatten. Ich erinnere mich noch aus diesen Mitteilungen an manches, besonders an eben dieses, daß ich bald aus dem Tone der Erzählung lernte, das wirklich Erlebte von dem Erdichteten zu unterscheiden. Gefahren, die sie überstanden hatten, Stürme, mit welchen sie gekämpft, schwebten mir vor, als hätte ich sie selbst erlebt, und die größeren bedenklichen Ereignisse des Lebens traten gewaltsam in das stille Treiben des Familienkreises hinein. Auch Schiffersmärchen mancherlei Art wurden mir bekannt, und obgleich meine ganze Erziehung den unbedingten Glauben an dergleichen vernichtet hatte, ruhte doch ein poetisches Element in dem Innersten meiner Seele, durch welches ich mit Gewalt in eine wunderbare Welt hineingezogen wurde, die, durch verständige Reflexionen vernichtet, sich dennoch in einer anderen dunkleren verborgenen Region, die über aller Reflexion schwebte, mit geheimem Schauer verknüpft, fortdauernd zu behaupten wußte. Jenes seltsame märchenhafte Seeleben, welches jetzt durch zum Teil berühmt gewordene englische und französische Schriftsteller als ein neues pikantes Element der Unterhaltung sich in die Literatur hineindrängt, erfüllte die Phantasie des Knaben; denn auch von den partiellen Seekriegen, von den Angriffen der Kaper, ja selbst der Seeräuber erfuhr ich manches. Ich lernte Schiffe kennen, die aufgebracht und wieder ausgelöst waren, kurz, das ganze Leben der Seefahrer in allen seinen Modifikationen ward von dem Knaben erforscht und bildete den Grundton seiner Vorstellungen. Die Robinsonaden waren damals eine Hauptbeschäftigung der Zeit, Campes Robinson Krusoe war ein allgemein beliebtes Kinderbuch, und wir waren von dieser Schrift hingerissen. So träumten wir uns als Seefahrer den Großen Ozean zu durchschneiden, immer neue Länder zu besuchen, neue Völker, neue Sitten kennenzulernen; vor allem unbekannte Inseln zu entdecken, schien uns ein beneidenswertes Los.

Aber die Gefahren des Seelebens sollten uns auch unmittelbar nahetreten. Da die Schiffe im Sunde lagen, in mäßigem Grunde ankerten, waren sie allen Winden, und besonders den Nordwest- und Nordstürmen, die aus dem Kattegat hereinbrausten, ausgesetzt. Ich habe orkanartige Stürme der Art erlebt. Aus den Fenstern sahen wir dann das dicht vor uns liegende Meer furchtbar empört, die Wolken senkten sich, während die schäumenden Wellen hoch in die Luft hineinspritzten. Alle Schiffe hoben die Anker. Mit wenigen Segeln versehen, mit fast nackten Masten in die Wellen versunken und wieder aus diesen auftauchend, fuhren die Schiffe hierhin und dorthin in verhängnisvoller Unordnung untereinander. Das ganze heiter ruhende Gewimmel hatte sich dann plötzlich in ein schreckenerregendes Gewühl verwandelt. In furchtbarer Eile jagten Schiffe unseren Augen vorüber, verschwanden hinter den häuserhohen Wellen und erschienen in großer Entfernung wieder. Die schiefe Richtung der kahlen Masten, die wir allein erkannten, zeigte dem Zuschauer die so gefährlich erscheinende Neigung des Schiffes. Ich habe in einem solchen wütenden Sturme, unsern Fenstern gerade gegenüber, die Masten einer Brigg verschwinden sehen. Das ganze Schiff war umgestürzt. Kurz darauf erkannten wir den Kiel, der nach oben schwamm. Stumm hatte das Meer die ganze Mannschaft in seiner Tiefe begraben. Keiner trat aus den empörten Wellen wieder hervor. Später erfuhren wir, daß in der Kajüte ein Vater, sein Kind umarmend, beide als Leichen gefunden wurden.

Einst strandete bei einem ähnlichen Sturme ein Schiff dicht an unserem Hause. Die Mannschaft rettete sich, ein Teil derselben in unsern Garten. Mein Vater nahm diese auf, verpflegte sie, aber wir konnten uns nicht mit ihnen unterhalten, denn es waren Engländer. Das Wrack des Schiffes lag monatelang vor uns.

Auch ich sollte persönlich die Gefahren des Meeres kennenlernen. Ich ging mit einem Aufseher der Zuckerraffinerie, der mir sehr geneigt war, mich von der Reinigung und Kristallisation des Zuckers unterrichtete und mit dem ich sehr vertraut geworden war, im stürmischen Wetter am Ufer. Ein hölzernes Bollwerk hielt den erhöhten lockern Sand der Küste zusammen und bildete Vorsprünge. Das Meer peitschte gegen dieses Bollwerk an. In einer Art von knabenhaftem Übermut balancierte ich auf den glatten und nassen Balken; mein Begleiter warnte mich, aber es war zu spät. Ich stürzte, den Kopf nach unten, in die brausenden Wellen. Betäubt, bekleidet, von den Wellen ergriffen, konnte ich nicht zum Schwimmen kommen, ich verlor bald die Besinnung. Die Wogen warfen mich bald gegen das Land und trugen mich wieder fort. Einigemal soll dieses geschehen sein, bevor es meinem erschrockenen Freunde gelang, als ich dem Bollwerk gewaltsam zugeschleudert wurde, meinen Arm zu ergreifen und mich ans Land zu werfen. Ich war vollkommen leblos und erhielt erst ein paar Stunden nachher mein volles Bewußtsein. Ich erfuhr, daß, als mein Freund um Hilfe rief, Menschen herbeieilten, mich in das Haus brachten, wo die erschrockene Magd – die Eltern waren glücklicherweise abwesend – alle jene törichten, ja schädlichen Versuche anstellte, die damals als Rettungsmittel unter dem Volke galten. Man stellte mich auf den Kopf, rüttelte, rollte mich; aber einem gesunden Knaben kann man in dieser Art schon etwas bieten, und ich erholte mich, allen angewandten Mitteln zum Trotz. Dieses lebendige Seeleben hat den Grund zu einer Naturansicht gelegt, die das Fundament meines ganzen zukünftigen Lebens ward.

*

Jegliche Regung der Andacht, ein jedes religiöse Gefühl verdanke ich meiner Mutter; recht inniglich muß ich sie den guten Engel meines Lebens nennen. Sie war es im tiefsten Sinne des Wortes, und wenn je, selbst im späteren Alter, das strafende Gewissen sich aus der Verworrenheit und den Verirrungen des Lebens erhob, so stellte es zu jeder Zeit mir ihre wehmütig sorgende Gestalt vor die Seele, wie sie, durch die Sprache einer höhern Welt seit früher Kindheit mit mir verbunden, dann warnend winkte.

Ich lebte damals jene anmutige Zeit der Jugend, in welcher ein dämmerndes Bewußtsein über das, was die frühere Kindheit unbewußt glaubt und dunkel fühlt, aufzugehen anfängt, ohne demselben seine Heiligkeit zu rauben. Die Welt und was sie mir Ergötzliches darbot, berührte mich stark, aber vorübergehend, ich konnte mich in den kindlichen Genüssen bis zum Übermaß berauschen, und dann schien alles Höhere in dem Taumel, der mich ergriff, vergessen und verschwunden, aber ich erwachte schnell aus diesem Rausche, der mich augenblicklich betäubte, ohne den inneren, tieferen Kern meines geistigen Lebens zu vergiften. Und der Mittelpunkt aller Liebe – meine Mutter – wie konnte ich an sie denken, ohne tief bewegt zu werden! Ein Gefühl, aus hoher, grenzenloser Achtung, unbeschränkter Hingebung und zartem Mitleiden gemischt, ergriff mich, wenn ich sie sah – ich konnte mich nach ihrem Anblick wie nach dem einer Geliebten sehnen. Jede Bewegung, die leise Sprache der Kranken, ihre unbedeutendsten Worte übten über mich eine hinreißende Kraft aus, und die sanfteste Ermahnung, wenn sie von ihr kam, vermochte den heftigsten Zorn des Knaben zu bändigen.

Ich war schon in der frühesten Kindheit zum Geistlichen bestimmt worden, und ich betrachtete mich gern als einen zukünftigen Prediger. Die Talente, welche man mir zutraute, das innere Sinnen, meine Neigung zur einsamen Beschäftigung, schienen diese Bestimmung so natürlich zu fordern, daß nie ein Zweifel darüber entstand. Nur als das heftige, bewegliche, nach außen stiebende Wesen sich immer bedenklicher zu entwickeln anfing, erzeugte diese Verwandlung des sonst so zurückgezogenen Knaben die Sorge der Mutter. Diese Lebhaftigkeit schien ihr mit dem Ernste eines zukünftigen Geistlichen in Widerspruch. Ich selbst bekam das oft zu hören, und von der geliebten Mutter geäußert, erregte es meine Aufmerksamkeit, aber ich begriff es nicht. Wenn ich in meine stille, einsame, innere Welt versunken war, dann schien ich mir selbst ein anderer zu sein, was mich vorher äußerlich bewegt hatte, war verschwunden, und da solche plötzliche Aufwallungen, in der damaligen, wenn auch nicht schuldlosen, doch friedlichen Zeit meines Lebens, keineswegs störend in die Welt eingriffen, in welcher ich mich bewegte, so glaubte ich vorwurfsfrei dazustehen. Wenn aber daraus die kindische Freude, die gesellige Aufregung mich erfaßte und ich mich ihr ganz und ungebunden hingab, schien mir dieses wieder so natürlich, daß ich es mir ebensowenig vorzuwerfen vermochte. Ich wußte recht gut, was eigentlich Tadel verdiente. Grade in dieser Zeit meiner Kindheit entstand unter einigen, älteren, christlich gesinnten Bürgern die Sorge, daß mit den Perücken der Geistlichen auch das Christentum verschwinden würde; man tadelte einen jungen Geistlichen heftig, der sich unterstanden hatte, in einem Familienkreise zu tanzen, und sah in diesen Zeichen der Zeit etwas höchst Bedenkliches und Drohendes. Der Vater, welcher überhaupt, im damaligen Sinne, aufgeklärt war, rühmte solche Versuche, die äußere Manier der Frömmigkeit zu bekämpfen, ebensosehr, wie sie von andern getadelt wurden, und obgleich die Aufklärung meines Vaters mir manche geheime Sorge machte, neigte ich mich doch, von einem angebornen Widerwillen gegen jede äußere, nichtige, aus einer inneren Lüge entsprungene Form getrieben, zu dem jüngeren Geschlechte, und selbst die Mutter konnte in der natürlichen Veränderung der Kleidung oder in der unschuldigen Lust eines sonst redlichen und frommen Predigers nichts Tadelnswertes finden. Ich ahnte damals noch nicht, daß wenige Jahre später dieser Haß gegen die äußere Manier, ihre abstoßende Förmlichkeit und angelernte Salbung – dieser Pharisäismus der Geistlichkeit, der in meiner Jugend so grell hervortrat, auch da noch, als die neueren Ansichten zu herrschen anfingen – ein Hauptmotiv für mich werden sollte, dem geistlichen Stande zu entsagen. In der Tat ist der Haß gegen alles Kastenwesen, gegen jeden Formalismus eigentümlicher Richtungen, wenn sie sich fixieren und sich in sich abschließen wollen, wenn sie dem lebendigen, liebevollen Wechselverhältnisse mit allen übrigen Richtungen des Lebens zu entsagen suchen, noch heute in mir ebenso stark, als er es damals war. Ein früh erwachtes, deutliches Bewußtsein überzeugte mich, daß eine solche Abschließung stets mit einer Vernichtung der edelsten Keime, welche Gott uns zur Entwicklung anvertraute, unvermeidlich verknüpft ist.

Aber wie lebhaft der Knabe sich auch nach außen hin bewegen mochte, nie war sein Gemüt inniger, wahrer von der Heiligkeit des Glaubens durchdrungen als in jener Zeit, die ihm noch immer als die friedlichste, fröhlichste, als das Paradies seines Lebens vorschwebt. Die Mutter ahnte den nahen Tod und lebte nur noch für ihr höheres Leben; mir erschien sie als ein schon jenem Dasein geweihter Engel, der uns bald verlassen würde, zugleich aber dringend ermahnte, an den Tod zu denken, für den Augenblick zu leben, der uns allen bevorsteht, ihr aber so nahe war. Ich erinnere mich an zwei heftige und bedenkliche Anfälle ihrer Krankheit, die uns in Angst setzten – da öffnete sich das stille Heiligtum der Krankenstube, an welche die Kranke, Leidende wochenlang und für uns unzugänglich gefesselt war. Wir Kinder mußten uns alle um das Krankenbett stellen, ich ein Gebet vorlesen; der Vater, tief bewegt, lehnte sich an das Bette, die Mutter richtete sich in die Höhe, und die Kinder schluchzten. Aber wie eine tröstende Stimme aus einer seligen Welt klang dann, was sie von der nahe bevorstehenden Erlösung sprach, von der Freudigkeit, mit welcher sie dem Tode entgegensehe, und der Zuversicht, mit welcher sie uns, die Kinder, der Obhut Gottes anvertraute. Sie wandte sich, das letzteremal an mich – wie es später in ihrer Sterbestunde geschah – sie weihte mich dem Dienste des Herrn, sie sprach den Segen über mich. Die grundlose Liebe zu meiner Mutter, die mit mir herangewachsen war, erhöhte den Eindruck einer solchen Rede – laut weinend stürzte ich auf die Knie, ich wünschte mit der Mutter zu sterben – und dennoch durchdrang mich in diesem schmerzlichen Augenblicke ein seliges, ja freudiges Gefühl, und als ich die Mutter verließ, fühlte ich mich wie geweiht.

Von dieser Zeit an wurde ich, auch als die gefährlichen Symptome der Krankheit nachgelassen hatten, öfters allein in die Stube der Mutter geführt. Was soll ich von diesen Stunden sagen, die mich mit der Mutter in eine so innige Verbindung brachten, daß sie erst mit ihrem Tode aufhörten. Womit wir die Zeit zubrachten – es war nicht Gebet, nicht Belehrung, und doch beides; ihr schönes, liebevolles Vertrauen löste auch mir die Zunge, so daß ich zu sprechen wagte, ihr mitteilte, was ich gelernt hatte, was mich vorzüglich ansprach, sowie die Zweifel, welche mich quälten. Ich erinnere mich nicht, meine Mutter je in einer überspannten Stimmung gesehen zu haben – jene Seelenangst, in welche der Reuige versinken soll, kannte sie nicht oder hatte sie längst überstanden; alles, was sie sprach, war Friede und Freudigkeit, und selbst das in religiöser Hinsicht nicht ganz glückliche Verhältnis zu meinem Vater, wurde auf eine so zarte und schonende Weise berührt, daß sie dadurch den geheimen Zwiespalt, welcher sich in meiner Seele erhoben hatte, beschwichtigte, nie verstärkte. Wir lasen manches zusammen, Gebete, Andachtsbücher: viele sprachen mich wenig an – aber Stillings JugendDie autobiographische Schrift »Heinrich Stillings Jugend«, Berlin 1777, von dem pietistischen Schriftsteller, Jugendfreund Goethes und späteren Augenarzte Johann Heinrich Jung, genannt Stilling, 1740–1817, gehörte zu den meistgelesenen Büchern im letzten Viertel des achtzehnten Jahrhunderts. Goethe charakterisiert Jung-Stilling in »Dichtung und Wahrheit«, Teil II, Buch 9. lernte ich in diesen Stunden kennen, nicht leicht konnte eine Schrift für mich wichtiger sein, und auch FénelonsFrançois de Salignac de la Motte-Fénelon, 1651–1715, Erzbischof von Cambrai, schrieb zum Zwecke des Jugendunterrichts sein außerordentlich erfolgreiches Werk »Les aventures de Télémaque«, Paris 1699, worin er Muster der Weisheit und der Erziehung aufstellte. tiefer Geist trat mir, wie ein höherer Genius, dessen Bedeutung ich mehr ahnte, als begriff, entgegen.

So war das Christentum die innerste Angelegenheit meines Lebens geworden. Ich erinnere mich, daß ich in Stunden, wenn meine Seele ganz in dem aufgegangen war, was mich durchdrang, meinen Brüdern fremd, seltsam vorkam, daß sie es Verstellung nannten – und dann wieder nicht begreifen konnten, wie ich in andern Stunden so ganz das fröhliche, unbefangene Kind zu sein imstande war. Aber ich war in beiden Lagen durchaus glücklich, und auch die Religion wurde mir jetzt der Gegenstand eines ernsthaften Studiums. Ich habe in dieser Zeit die ganze Bibel durchgelesen; die Beschäftigung mit dem Neuen Testamente in der Schule, obgleich sie meine Kenntnis der griechischen Sprache nicht sonderlich förderte, lenkte meine Aufmerksamkeit doch fortdauernd auf einen Gegenstand, der mir schon so wichtig geworden war. Ich suchte mir die Hauptlehren des Christentums anschaulich zu machen und arbeitete lange an einem dogmatischen Lehrbuche, – freilich war ich während dieser Arbeit Lehrer und Schüler zugleich. Das einzige, was ich aus dieser glücklichen Zeit eines mannigfaltigen, inneren Lebens übrig behalten habe – ist der Anfang einer Kirchengeschichte, die, wie Stolbergs,Friedrich Leopold Graf zu Stolberg, 1750-1619, schrieb die erste Kirchengeschichte vom katholischen Standpunkte aus. mit Adam beginnen und in der gegenwärtigen Zeit endigen sollte. Meine Quellen waren außer der Bibel eine dänische Übersetzung des JosephusFlavius Josephus, 37-97, Verfasser des mit apologetischer Tendenz geschriebenen Werkes »Der Jüdische Krieg«. und Bastholms Geschichte des jüdischen Volkes.Zu Steffens Studentenzeit Schloßprediger in Kopenhagen, ein rationalistischer Gelehrter und Theologe.

Auch die Kirche, die Predigten wurden mir nun wichtig; zwar nicht diejenigen, denen ich zuweilen in der Domkirche gezwungen beiwohnen mußte. – Beiwohnen – sage ich, denn ich erinnere mich nicht, daß ich eine einzige angehört hätte, und nur selten blieb ich während der Predigt in der Kirche. So strenge die Schulzucht, so locker war die Aufsicht über uns Schüler während des Gottesdienstes. Wir mußten uns einfinden und singen; der Kantor, mit dem wir sonst fast in keiner Verbindung standen, als daß er in Nebenstunden Unterricht im Singen, der immer mit Nachlässigkeit betrieben wurde, und einmal wöchentlich in der deutschen Sprache erteilte, hatte deshalb keine Gewalt über uns, und seine seltsame Gestalt, seine bizarren Manieren machten ihn lächerlich. Wenn die Predigt anging, schlichen wir davon, um auf dem Kirchhofe zu spielen.

Eine Kirche, die einer Landgemeinde gehört, liegt in einer entfernten Vorstadt von Roeskilde. Ich hörte den Prediger derselben rühmen, und begierig zu erfahren, ob sein Vortrag meine Aufmerksamkeit fesseln könnte, besuchte ich die Kirche. Wie sehr fühlte ich mich gleich zum erstenmal angezogen, als ich die freundlichen Züge des Redners erblickte: es war ein Mann von mittlern Jahren, der mit dem offnen, klaren Antlitz frei um sich schaute; seine Stimme klang hell und deutlich, seine Gebete waren kurz. Schon als Kind erkältete mich das Anhören langer Gebete, die kein Ende nehmen wollten; das dürre Register irdischer Bedürfnisse, dem Herrn vorgehalten, erschien mir zweckwidrig, die sichtbare äußere Anstrengung der laut Betenden, eine Wärme zu erkünsteln, die nicht unwillkürlich aus dem innersten Herzen hervorquoll, ängstigte, ja peinigte mich. Ich kannte das Gebet, denn ich lebte in jener glücklichen Zeit der Unschuld, welcher es so natürlich ist; aber nie konnte ich laut beten, nie die Worte eines Gebetes künstlich setzen – es war des Herzens innigste Sehnsucht, die den liebenden Vater, des Ohnmächtigen ängstliches Flehen, das des Mächtigen Schutz suchte; es quoll unmittelbar, ohne klare Worte und mir dennoch unendlich deutlich, aus den innersten Tiefen eines bewegten Daseins hervor und fand unmittelbar Erhörung. Ja, ich darf es sagen, ich betete in jener fröhlichen Kindheit nie, ohne erhört zu werden. Aber ich wollte mir auch keine Güter der Erde erflehen: wie etwas wunderbar Herrliches lag Welt und Zukunft vor mir, und in der Gegenwart fand ich mich so überschwenglich beglückt, wie von einem anmutigen Zauber umfangen. Erhalte meinen Glauben rein, konnte ich, nicht ohne Angst, flehen, wenn Gespräche mit dem Vater bedenkliche Zweifel in mir erregten, die dennoch nur einen vorübergehenden Eindruck hinterließen. Wohl konnte in meinen Gebeten der Wunsch liegen, daß Gott mich zu einem berühmten Manne machen möchte, dessen Name genannt und gepriesen würde; aber an meinen Fleiß, an meine Mühe sah ich seine Erfüllung gebunden und wünschte auch nicht, daß es anders wäre, denn in dieser Mühe lag ja der Quell eines unsäglichen Genusses. Meine Gebete waren nichts anderes als der unwillkürliche Ausfluß des dankenden Gefühls, welches mich überzeugte, daß ich erhört war, ehe ich flehte.

Freudig ergriff es mich daher, als ich nun hörte, wie der Prediger in einfachen Worten Gott anrief, daß er den Zuhörern jene stille, sinnende Aufmerksamkeit, jenes von dem Irdischen abgewandte, reinigende Einkehren in sich selbst schenken möchte, damit jedes Gemüt, wie das Gotteshaus, welches uns umfing, ein gereinigter Tempel des Herrn würde, in welchem sein heiliges und erlösendes Wort tiefen und fruchtbaren Boden fände. Ich fühlte die Wirkung dieses Gebetes in meinem Innern; ich verschlang jedes Wort des Redners und verließ die Kirche, von einer Seligkeit durchdrungen, wie ich sie jetzt zum erstenmal kennenlernte. Aber ein kurzes Nachsinnen verdrängte bald jene freudige Stimmung, und ich fühlte mich von einer großen Angst ergriffen. Ich hatte meiner Mutter versprochen, ihr die Predigt wiederholen zu wollen; ich war überzeugt, daß das, was mir bei Schriften, welche ich durchlas und deren Inhalt mir klar wurde, gelungen war, mir auch bei Predigten, die ich hörte, gelingen müßte – und nun nahm ich mit Schrecken wahr, daß der hinreißende Eindruck der Rede gänzlich ihren Inhalt überwältigt hatte. Lange streifte ich auf den Feldern herum, besann mich vergebens – das Ganze stand klar vor meiner Seele, wie ein wunderbares Bild, dessen Nähe mich beglückte, ohne daß ich die einzelnen Züge zu unterscheiden vermochte – und so erschien ich weinend vor der Mutter, um ihr das Seltsame zu erzählen, was mir begegnet war, und wie ich verzweifelte, jemals eine Predigt wiederholen zu können. »Nimm dir's nur vor, Henrich«, sagte die gütige Mutter, »denke recht lebhaft daran, daß du die Predigt nicht bloß für dich, sondern auch für deine arme, kranke Mutter hörst, die leider keine Kirche besuchen darf, und es wird schon gelingen.« Ihr Zureden tröstete mich. Der Kantor erlaubte mir leicht, aus der Domkirche wegbleiben zu dürfen, da ich doch nur stillschweigend dasaß und aus Mangel an Stimme nicht mitsingen konnte. Jeder Sonntag traf mich nun der Kanzel des geliebten Predigers gegenüber: mit der angestrengtesten Aufmerksamkeit hörte ich seinem Vortrage zu und vergaß bei keiner Periode, daß ich sie der armen, kranken Mutter, wie einen Segen, in das Haus bringen sollte. Jetzt glaubte ich meiner Sache gewiß zu sein; wenn die Predigt zu Ende war, ging ich einsam in den Feldern herum, suchte mir den Inhalt, den Zusammenhang ins Gedächtnis zurückzurufen, und eilte, erfüllt von dem, was ich vernommen, was ich mir angeeignet hatte, zur Mutter. Die Geschwister erschienen, und meine Rede quoll, fast jedesmal ohne Anstoß, aus der überfließenden Seele hervor. Selige Augenblicke, wenn ich die Tränen der Rührung und der Freude in den Augen der liebenden, glücklichen Mutter sah! Oh, daß ihr nie aus meiner Seele verschwunden wäret – mit welcher ungetrübten Freude würde ich mich ihrer dann jetzt erinnern. Lange setzte ich diese Beschäftigung fort, die mich so sehr beglückte, bis einst die Mutter mir sagte: du hast nun so lange Predigten gehört, dir den Zusammenhang gemerkt, solltest du nicht endlich imstande sein, selbst eine Predigt auszuarbeiten? Ich erschrak, als ich diese Worte hörte: gewohnt, nur das aufzufassen, was ich vernahm, war mir der Gedanke, daß ich selbst eine Predigt verfassen könnte, nie eingefallen, ja, ich würde vor einer solchen Vorstellung, wie vor einer Vermessenheit, zurückgebebt sein. Mir schien, seit ich den geliebten Prediger kannte, sein Amt so heilig, seine Bestimmung so erhaben, und so herrlich das Ziel, wenn es meinem angestrengtesten Fleiße gelingen könnte, in ferner Zukunft, so wie er, das geheiligte Evangelium den Menschen zu verkündigen. Zwar träumte ich mich oft in diese Zeit hinein, ich sah mich auf der Kanzel – was ich überkommen, verband sich mit dem, was ich selbst gedacht hatte, und meine Reden, mehr angeschaut, als gedacht, ergriffen mich selbst und die erträumten Zuhörer. Aber diese Träume, wie so viele andere, die als weissagende Blüten den halbschlummernden Knaben auf dem einsamen Lager begrüßten – dufteten, entfalteten sich in der stillen Nacht und verwelkten, wenn die Reflexion des Tages ihm die dürre Wirklichkeit und ihre Schranken naherückte. – Jetzt sah ich mich durch die Mutter aufgefordert, und mehr bedurfte es freilich nicht, um alle Bedenken zu heben; denn was glaubt die Jugend nicht unternehmen, nicht wagen zu können? Ich weiß mich auf keine dieser Predigten zu erinnern; die Mutter schien mit ihnen zufrieden; doch wagte ich es nur selten, ich glaube etwa drei- bis viermal, ihr selbstverfertigte Predigten vorzutragen.

Obgleich die Prediger der Domkirche nicht des Knaben Aufmerksamkeit fesseln konnten, so war ihm dennoch diese Kirche in vieler Rücksicht wichtig. Das große, mächtige Gebäude enthielt so vieles, was die Phantasie in lebhafte Bewegung setzte. Die Denkmäler der Könige, die Überlieferungen von den großen Gerichten Gottes, welche das Land erschüttert und ganze Geschlechter ausgerottet haben, kurz alles, was hier, in diesen mächtigen Räumen, das stumme Zeugnis seiner Gewalt ablegte, verband sich mit der gottesdienstlichen Feierlichkeit, die für mich immer etwas Ergreifendes hatte. An gewissen Tagen der Woche mußte ein Schüler, morgens früh um sechs Uhr, zwischen die immer offenen eisernen Gittertüren des großen Chores treten und laut ein Gebet lesen. Es war mir immer angenehm, wenn die Reihe mich traf, und oft übernahm ich dieses Gebet für andere Schüler, die, besonders im Winter, sich scheuten, so früh aufzustehen.

Ein Kirchendiener begleitete mich, schloß den Chor auf, zündete an einem Kandelaber die Lichter an, und ich trat in die geöffnete Gittertüre. Der Chor war um einige Stufen erhöht, ich blickte in die langen Gänge hinab, welche noch in nächtliches Dunkel gehüllt lagen. Nur hier und da saß ein Andächtiger, wohlverwahrt gegen die Kälte, vor sich ein Licht; mir war es dann, wenn ich die finstern Massen übersah, als ob die begrabenen mächtigen Gestalten mir naheträten, als erblickte ich das offene, dunkle Grab der ganzen Vergangenheit des Geschlechtes vor mir, welches stumm, nicht das Leben, das mich sonst umgab, vielmehr das Grauen des Unterganges verschwundener Zeiten kundtat. Der Eindruck war völlig phantastisch. Wenn ich aber das Gebet mit heller, lauter Stimme in die Dunkelheit hineinschallen ließ, dann ergriffen mich die einfachen Worte tief; oft war die Stimme unsicher, sie klang wie eine fremde, die mir warnend zurief; Tränen der Reue, der Sehnsucht, der zweifelnden Hoffnung strömten die Wangen herab, und viele Tage hindurch konnte ich diesen Eindruck nicht überwinden, der mich mit langer, ernster Wehmut durchdrang.

In dieser Kirche lernte ich auch die Wirkung des christlichen Liedes kennen. Schon in Helsingör war das neunjährige Kind bewegt und erschüttert, wenn es, als Chorknabe in der Reihe der Singenden, selbst stumm, die Leichen zum Grabe begleitete, und die traurigen Töne des ernst mahnenden Liedes: »Wer weiß, wie nahe mir mein Ende«, sich hören ließen. Aber hier zuerst trat die Gewalt des Liedes mir entgegen und machte einen Eindruck auf mich, der nie ganz verschwand, und jetzt, wo ich mich dem hohen Alter nähere, seine ganze frühere Gewalt wieder erlangt hat.

In Dänemark wurde in meiner Kindheit die Ausbildung in der Musik völlig vernachlässigt. Die Mutter hatte in ihrer Jugend Klavier gespielt, aber in unserem Hause war kein Instrument zu finden, nur der eine Bruder besaß eine mittelmäßige, völlig unausgebildete Stimme, die Mutter sang zuweilen, kaum vernehmlich, ein geistliches Lied, und es tönte wie ein Seufzer, der mich zwar ergriff, aber die Gewalt des Gesanges kaum ahnen ließ. Noch bis in viel spätere Jahre blieb dieser Genuß, der so vielen Menschen vergönnt ist, mir völlig fremd. Es war daher natürlich, daß die meisten Kirchenlieder von mir gar nicht beachtet wurden, die längeren mich vielmehr ermüdeten. Wie mich aber zum erstenmal der Kirchengesang mit seiner ganzen, geheimnisvollen Gewalt durchdrang, das will ich jetzt erzählen.

Der Frühling war sehr zeitig gekommen. An einem schönen heitern Ostermorgen, ehe ich nach der Kirche ging, hatte ich, mich einsam wegschleichend, voll Freude einen Blick in die heitere Gegend geworfen und die ersten Blüten, als bekannte Freunde, jubelnd begrüßt. Von diesem frischen Frühlingsgefühl beseligt, heiter und glücklich, von dem Sonnenlichte schuldloser Freude durchwärmt, selbst in diesem reinen Augenblick einer Frühlingsblüte ähnlich, trat ich in den Chor, als mächtig von der Orgel her das Lied tönte: »Er ist erstanden, frohe Mär, versöhnt ist unser Gott und Herr, der Himmel ist mir offen,« nach der bekannten Melodie: »Wie hell glänzt uns der Morgenstern.« Als ich diese mächtige Melodie, die, wohl ein Jahrtausend hindurch, so viele wechselnde Geschlechter durchbebt, erwärmt, erschüttert hat, vernahm, da war es, als würde die Macht der Musik mir nun plötzlich kundgetan, als hätte das heitere Frühlingsgefühl seine tiefe, ernste Bedeutung erhalten. Er ist erstanden, tönte es mir aus Himmel, Erde und Meer, aus Wald und Flur, und aus den verborgensten Tiefen der bewegten Seele entgegen. Ich habe keine Worte für die Fülle der Seligkeit, die in dieser Gewißheit lag, wie sie mich durch unsichtbare Flügel in eine höhere Welt erhob, wie alles sich in Freude und inneres Jauchzen verwandelte, und wie auf den Wellen der Töne mein ganzes Wesen, melodisch durchzittert, in den Himmel hineinschwamm, der mir als geöffnet verkündigt wurde.

»Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten, und der Erstling geworden unter denen, die da schlafen. Sintemal durch einen Menschen der Tod und durch einen Menschen die Auferstehung der Toten kommt. Denn gleichwie sie in Adam alle sterben, also werden sie in Christo alle lebendig gemacht werden.«

Diese Worte, von der Kanzel verkündigt durch den geliebten Prediger, in dessen Kirche ich eilte, während die Töne des Liedes meine Seele füllten, erhielten nun für mich eine unergründliche Feierlichkeit. Der Ostertag erschien mir als der größte Festtag der Natur, der Geschichte und eines jeden Menschen. In diesem unentwickelten Gefühl lag eine Tiefe, die mir in der Erinnerung lange Jahre hindurch vorschwebte. Ich suchte es oft in späteren Zeiten des verworrenen Treibens hervorzurufen; es leuchtete mir aber wie ein wunderbar Bekanntes, mir Befreundetes entgegen, das mir jetzt unbekannt, entfremdet worden war.

Aber vor allem war mir das Abendmahl das tiefste Mysterium des Christentums, noch ehe ich es genoß. Dieses bedeutendste und höchste Sakrament wurde in der großen Domkirche mit besonderer Stille und Feierlichkeit begangen. Unten saßen die vorbereiteten Gäste, die Geschlechter getrennt, in stilles Gebet versunken. Der Altar ist mit einem niedrigen Gitter umgeben und vor diesem eine Erhöhung zum Knien. Die Anzahl, die auf einmal hier knien kann, ist der ganzen Gemeinde bekannt. Ruhig erheben sich die Männer, ordnen sich kniend um den Altar, die Prediger teilen Brot und Wein, von einem zum andern fortschreitend, aus, sie erheben sich – und man sieht nie eine zweite Reihe hervortreten, bevor die erste sich ruhig niedergelassen hat.

Ich hatte oft mit der Mutter von diesem tiefsten Geheimnis des Glaubens gesprochen. Daß ich selbst noch nicht zu diesem Genusse reif geworden, steigerte das Gefühl seiner Unergründlichkeit in mir. Wohl schlich manchmal, wenn ich im kindlichen Sinne das Wunderbare, was dem Genießenden gereicht werden sollte, erwog, ein leiser Zweifel, wie ein furchtsamer, scheuer, lauernder Begleiter der Andacht, sich in meine Seele; aber er erhöhte nur meine Verehrung, denn jeder Zweifel, kaum geahnt, verwandelte sich in Angst. Das Gefühl, als wollte eine geheime, nächtliche Gewalt mir das höchste Gut entreißen, gab diesem einen größern Wert, so daß ich mit ängstlichem Streben das Heilige festzuhalten suchte, was ich zu verlieren fürchtete.

Wenn ich nun aber die Gäste des Heiligen Mahles sich von dem Altar erheben sah, während ich den Sitz der Knaben in der Nähe einnahm und grübelnd nachsann, welcher wunderbare Genuß ihnen geworden war – dann konnte ich mit einer forschenden Begierde, die aus Zweifel, Angst und grundloser Verehrung zusammengesetzt war, die ernsthaft Sinnenden verfolgen, wenn sie an mir leisen Schrittes vorübergingen.

Wie unendlich näher trat mir aber dieses Heiligtum, wenn es die geliebte Mutter genoß. Einmal, als ihre Krankheit bedenklich ward, wurde es ihr im Hause gereicht. Die Zeit der Vorbereitung hatte ich mit ihr zugebracht, mein Herz war zerrissen, die drohende Gefahr hatte dann ein so innerlich wehmütiges, mein ganzes Wesen durchdringendes Gefühl erregt, daß die Andacht des Knaben selbst nicht die gewöhnliche Reinheit der Anschauung festzuhalten vermochte. Wie schrecklich erschien mir der Augenblick, wenn der Prediger mit den geweihten Gefäßen in die Krankenstube trat.

Es war aber fortdauernd der innigste Wunsch der Mutter, das Abendmahl mit der Gemeinde in der Kirche zu genießen. Doch mußte sich vieles vereinigen, damit dieser Wunsch erfüllt werden konnte. Es war nur in der mildesten Sommerzeit, nur bei heiterem Wetter, nur in den kurzen, schnell vorübergehenden Augenblicken, wenn sie sich einmal vorzüglich wohl befand, möglich. Ich erinnere mich, dieses mir selbst so wichtige Ereignis zweimal erlebt zu haben. Wenn die blasse Gestalt, die mir so teuer, die mir alles war, mit schwankenden Schritten, von freundlichen Frauen unterstützt, sich dem Altar näherte, wenn ich, der jeden geheimen Zug des geliebten Antlitzes kannte und zu deuten wußte, das Gesicht wie verklärt sah, wenn aus den großen, schönen, sonst matten Augen die Freudigkeit des Himmels strahlte, und sie nun hinkniete – dann war es, als hätte mein Wesen sich mit dem ihrigen verschmolzen. Ich zitterte, als träte mir ein Heiliges entgegen, dessen Nähe ich kaum ertragen konnte, wenn der Prediger sich der kranken Mutter näherte, wenn ihr das geweihte Brot gereicht wurde und die geweihten Tropfen über die blassen Lippen flossen: dann strömten die Tränen mir aus den Augen, ich glaubte selbst das Heiligtum genossen zu haben, und hatte keine Ruhe, bis ich der Mutter weinend in die Arme stürzte, damit sie – die Gesegnete – mich segnen möchte.

Nach solchen Momenten mußte ich die Einsamkeit suchen; nicht die trübe Einsamkeit der Kammer, die vielmehr, welche mich in die Mitte der Natur versetzte. Ein einsamer Platz, nahe bei der Stadt, wo bedeutende, mit hohem Grase bedeckte Wälle, die einzelne mächtige Buchen trugen, mit Schilf bewachsene Moräste einschließen, war mir vorzüglich lieb. Selten sah ich hier, und nur aus der Ferne, Menschen: aber dicht hinter den Bäumen erhob sich der majestätische Dom mit seinen Türmen, vor mir lagen die versunkenen Wohnungen der Helden, deren Denkmäler die Kirche bewahrte, und über dem Grabe der Geschichte drängte sich das frische Leben der Natur; Blumen blickten aus der Fülle der Gräser hervor, Bäume, die erst keimen konnten, nachdem, was der Mensch baute, lange zerstört war, ragten riesenhaft in die blaue Luft hinein, und Insekten spielten zwischen Pflanzen und Schilf. Ich begrüßte die emsigen Käfer, die bunten Schmetterlinge, das kriechende Gewürm, die Blumen als Bekannte, und das Gefühl, daß dieses Leben in seinen wechselnden Formen mir nicht fremd war, erfüllte mich mit reiner Lust. Noch erinnere ich mich lebhaft des erschütternden Augenblicks, als ich, nach der letzten Abendmahlsfeier meiner Mutter in der Kirche, von ihr im Hause, nach einem stillen Gebet gesegnet, entlassen worden war – und mich hier auf dem Schauplatz so vieler einsamer Freuden befand.

Diesmal war eine innere Furcht, ein peinliches Vorgefühl von dem nahen Tode meiner Mutter, mein Begleiter in die Einsamkeit. Sie war sehr erschöpft nach Hause gekommen und einer Ohnmacht nahe; die Augen blickten mich so wunderbar, so todverkündend an, daß ich ein geheimes Entsetzen nicht überwältigen konnte. Zum erstenmal ergriff mich eine innere Angst, als stünde ich allein mit der Mutter, die mich bald verlassen würde, in der Welt. Jetzt erst fühlte ich es recht schmerzlich, wie Vater und Brüder so gar keinen Teil nahmen an dem, was mir so teuer war. Ich fühlte mich so verlassen, ich sehnte mich nach einem Knaben, der meine Gefühle, mein Streben, meine Sehnsucht teilte. Ich träumte mir es so herrlich, wenn ein solcher Knabe, ebenso einsam, ebenso durchglüht wie ich, zu mir träte und seine Klagen laut werden ließe – wie wir uns dann verstehen, alles mitteilen und so selig sein würden. Mit solcher Gewalt ergriff dieses Gefühl mich erst in späteren Jahren wieder. Jedesmal, wenn es sich zu nähern drohte, suchte ich ihm zu entfliehen – denn ein Grauen der fürchterlichsten Verlassenheit durchzitterte mich dann, als würde ich von kalter Todeshand erfaßt. Damals warf ich mich laut weinend in das hohe Gras: Erhalte meinen Glauben rein, rief ich, ängstlich ringend im Gebet; da sah ich mich wieder in den Dom versetzt, die blasse Mutter näherte sich dem Altar, und ich genoß, mit ihr verschmolzen, den Leib und das Blut des Heilands.

Ich scheue mich, diesen Moment ausführlich zu schildern. Zu sehr müßte ich befürchten, daß die Ansicht des Alters Gefühle so innerlicher Art in der Erinnerung anders auffassen möchte, als sie damals den Knaben durchdrangen. Nur das ist gewiß, es war einer der seligsten, gewiß der reinste Augenblick meines ganzen Lebens.

Denn, was mich damals durchdrang, war die ganze Fülle eines ungeteilten Daseins, jede Gestalt der Natur war mir ein geoffenbartes Wort, dessen innerer Sinn mir bekannt schien, auch ohne daß ich es in einen Begriff zu fassen vermochte, jedes bedeutende Wort gewann eine Gestalt. Er, der geliebte Heiland, der Mittelpunkt des Lebens und der Liebe, strömte durch alle Adern der Natur, sprach durch jede Form zu mir und gestaltete sich durch alle meine Gedanken; er war es, er selbst, denn das kindliche Gemüt versteht es am innigsten, daß der Gegenstand der Liebe persönlich sein müsse. Mein Christentum hatte nichts von der Manier irgendeiner Schule, ja ein frühzeitig erwachtes Gefühl stieß diese, wo sie sich vernehmen ließ, zurück, und ohne äußere Verbindung bildete sich das religiöse Gefühl in mir aus, an der Seite einer Mutter, deren geheimster Trost die Liebe des Heilands war. Entfernt von allen solchen, die uns eine gewisse Art des Ausdrucks lehren konnten, waren die Gebete Mitteilungen natürlicher Äußerungen eines wahren innern Lebens. Auch stellten wir keine Vergleichungen an. Jenes Gefühl der Einsamkeit, welches mich eben deswegen mit Entsetzen erfüllte, weil es mir neu war, ergriff mich sonst nie. Meine Brüder konnten fromm sein, wenn die Mutter betete; wenn sie über meine ernsthafte Beschäftigung mit der Religion spotteten, so kränkte mich dieses nur vorübergehend, und die kindliche unbefangene Fröhlichkeit ließ bald jeden Vorwurf der Art verstummen. Auch fiel es mir nie ein, mich für vorzüglicher zu halten; ich glaubte einfach, daß solche Betrachtungen sich für einen zukünftigen Prediger ziemten.

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