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Was ich erlebte

Henrich Steffens: Was ich erlebte - Kapitel 11
Quellenangabe
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typeautobiography
authorHenrich Steffens
titleWas ich erlebte
publisherDieterich'schen Verlagsbuchhandlung zu Leipzig
editorWilli A. Koch
year1938
firstpub
correctorreuters@abc.de
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Es ist merkwürdig, das Verhältnis der in dem engsten und geringsten Kreise eingeschlossenen Tat zu der großen Absicht, die sie belebt, in solchen Momenten zu beobachten. Der Leser weiß, was mir Deutschland war, und wie ein Glaube an seine geistige Macht, eine Ahnung von der innern Größe des Volkes von meiner frühesten Jugend, ja ich darf sagen, von meiner Kindheit an mich ergriffen hat. Daß der Moment, in welchem ich einen Krieg laut verkündigen durfte, dessen äußere Kämpfe für mich nur eine Bedeutung hatten, insofern sie belebt wurden von dem, was mich innerlich erfüllte, oft in einem schreienden Widerspruche stand mit dem, was ich um mich her vernahm und was ich, in die engsten Kreise einer unbedeutenden Tätigkeit gebannt, auszuführen gezwungen war, ist begreiflich. Aber ich sah es ein: die unmittelbare Tat muß alles Überschwengliche zurückdrängen, und wie in einer Organisation alle Funktionen dem einen und selbst die Verdauung dem Denken dienstbar ist, wenn auch in ihr keine Spur des geistigen Prozesses wahrgenommen wird, so schwebte auch über meiner Umgebung der Geist, der uns alle belebte, wie in unmittelbarer Nähe; um so mehr, da die blühende, auch geistig aufgeregte Jugend mich umgab, erheiterte, ja nicht selten in trüben Stunden ermunterte.

Während unsers langweiligen Aufenthalts (mit Exerzieren und sonstigen kleinen Kriegsübungen ausgefüllt) in Lissa und unseres Marsches durch Schlesien und die Lausitz nach Dresden begeisterten uns die kühnen Züge des von Tettenborn nach Hamburg, des Dörenberg nach Lüneburg, In Dresden fand ich Stein mit Moritz ArndtErnst Moritz Arndt hatte im Auftrage des deutschen Komitees in Petersburg im Jahre 1812 den »Katechismus für den deutschen Kriegs- und Wehrmann« verfaßt, durch den er – wie in seinen patriotischen Kriegsliedern – den Haß gegen Napoleon schürte; nach der Kriegserklärung kehrte er mit dem Freiherrn vom Stein nach Preußen zurück. und konnte mehrere Tage, von dem kleinen Dienst befreit, dort zubringen. Hier trat ich dem großen Deutschen zuerst näher. Wer ihn gekannt hat, weiß, wie man ihm entschieden entgegentreten mußte, sollte man nicht von ihm sich durchaus überwältigen lassen; aber der Kampf, den ich doch manchmal hier zu bestehen hatte, war auf einem Felde, auf welchem ich mein ganzes Leben hindurch eingeübt war. Ich kannte meine Waffen, ihre Wirkung, und wußte sie zu brauchen; der Kampf war ein freundschaftlicher, aber doch nicht selten harter, und ich war keineswegs geneigt, nachzugeben; und je entschiedener der Streit ward, desto klarer schien es mir, als wenn der Baron vom Stein eine Lust daran fände, ihn hervorzurufen. Er, der mächtige Mann der unmittelbaren Tat, der den Augenblick, wie er ihm vorlag, ergriff, durchschaute und zu beherrschen wußte, war oder äußerte sich wenigstens als ein Feind der Spekulation und griff mich als einen spekulativ Konstruierenden geradezu schonungslos und mit Härte an, als wollte er den Versuch anstellen, ob ich ihn zu bekämpfen wagte. Sein Angriff war mir eine Herausforderung, und ich nahm sie an. Ich ward einigemal in Dresden zur Tafel geladen; nur Moritz Arndt und ich waren die Gäste, »Eure Konstruktionen a priori«, sagte er, »sind leere Worte, armseliges Schulgeschwätz und recht eigentlich dazu gemacht, alle Taten zu lähmen.« – »Exzellenz«, antwortete ich, »wenn ich auch a priori konstruiere, was ich keineswegs zugebe, so hätte doch diese vermeintliche Konstruktion eine praktische Richtung, ich würde sonst nicht das Glück haben, in diesem Augenblick in diesem Kleide Ihnen gegenüberzustehen. Aber die Bemühung, alles, was man innerlich erfährt, alles, was man wahrhaft erlebt, als das, was es ist, nicht bloß, was es scheint, in geistiger Einheit zu erkennen, ist nicht eine willkürliche Geburt von diesem oder jenem, es ist eine wahrhaft deutsche, und wenn mein großer Lehrer und Freund Schelling die tiefe nationale Richtung beherrscht, so ist es, weil er wie alle Herrscher aus ihr hervorgegangen ist.« – »Ja«, antwortete Stein, »das weiß ich wohl, daß die deutsche Jugend von dieser leeren spekulativen Krankheit angesteckt ist; der Deutsche hat einen unglücklichen Hang zur Grübelei, daher begreift er die Gegenwart nicht und ist von jeher eine sichere Beute seiner schlaueren und gewandteren Feinde geworden,« – »Exzellenz«, antwortete ich, »zwar hat die Jugend auf eine erfreuliche Weise sich in Masse erhoben, dennoch ist eine nicht geringe Zahl zu Hause geblieben. Ich möchte eine Wette darauf wagen, daß kein einziger Angesteckter unter diesen ist. Wer ist kühner hervorgetreten, wer hat das Volk entschiedener entflammt, als es galt, den Feind mit geistigen Waffen zu bekämpfen, als die zwei spekulativ grübelnden Deutschen Fichte und Schleiermacher? Das a priori-Konstruieren, fuhr ich fort, findet oft da statt, wo man es eben bekämpft, und Ew. Exzellenz haben ein zu großartig tätiges Leben geführt, als daß Ihnen viele Zeit bleiben sollte, sich um unsere Grübeleien zu bekümmern; doch selbst unpraktisch scheint es mir, eine Geistesrichtung zu übersehen, die, wie Sie bekennen und beklagen, ein wesentliches Element der Nation ist.« Ich erschrak fast über die etwas derbe Freimütigkeit, mit der ich mich geäußert hatte. Stein polterte und tat zornig, lachte aber dabei auf. »Am Ende«, rief er aus, »bin ich selbst ein unpraktischer Grübler, der sich über das Grübeln in unnütze Grübeleien verliert.« Ich aber schien eben durch diese unbefangene Art mich zu äußern bei ihm gewonnen zu haben, und nie war es mir notwendiger, die große Zukunft in ihrer mächtigen Bedeutung zu überschauen, als damals, wo meine Beschäftigung selbst mich keineswegs stärkte oder ermunterte. Baron v. Stein fing in Dresden, wie bekannt, seine großartige Beschäftigung als Generaladministrator aller von Napoleon beherrschten deutschen Länder, die wir dem mächtigen Feinde abzugewinnen hofften, an, und zwar nach Prinzipien, die er selbst entworfen hatte.

*

Ich sollte von jetzt an den ganzen Krieg hindurch in Blüchers Nähe sein und bleiben. Gewiß, es gibt nicht leicht etwas Schwierigeres als ein richtiges Urteil über diesen seltsamen Mann, der so unvergeßlich bleiben wird wie der Krieg selbst, der doch auf eine ausgezeichnete Weise durch seinen Namen bezeichnet wird. Er ist so oft genannt, so vielfältig und von allen Seiten geschildert, daß man jederzeit in Gefahr gerät, wenn man ihn in seiner Persönlichkeit darstellen will, Äußerungen vorzubringen, die zu Trivialitäten geworden sind; und sein Leben, wie es von unserm berühmten Biographen Varnhagen v. Ense beschrieben wurde, ist von aller Welt gelesen und verdient es. Blücher war in jeder Rücksicht eine inkorrekte Erscheinung, und es war eben diese Inkorrektheit, die seine Größe bildete. Er stellte das völlig Inkommensurable des wunderbaren Krieges dar, und eben daher ist es bei einer oberflächlichen Betrachtung seinen einseitigen Lobrednern ebenso leicht, durch ihn alle die übrigen ausgezeichneten Helden des Krieges in Schatten zu stellen, wie seinen Gegnern, ihn als ein leeres Phantom zu betrachten. Der strenge Sittenrichter wird manches an ihm zu tadeln finden, und dennoch bildete eben er den intensiven moralischen Mittelpunkt des ganzen Krieges. Man kann ihn dem kühnen Napoleon gegenüber, der eine neue Kriegsführung bildete, nicht einen großen, besonnenen Feldherrn nennen, und dennoch hat er als ein solcher und mit Recht einen unsterblichen Ruhm erworben. In seiner Rede ließ er sich unbefangen gehen, und man glaubte den rohen, ungebildeten Husarenoffizier zu hören: und dennoch brach eben seine Rede, die Sprache auf eine wunderbare Weise beherrschend, in bedeutenden Augenblicken so gewaltsam hervor wie die keines Feldherrn der neuern Zeit. Er war eben der Mann des Augenblicks, des gegenwärtigen Moments, aber als solcher von grundloser Tiefe. Die Art, wie ihn der Moment ergriff, war schnell und stark, und so konnte er, fast bis zur Verzweiflung gebracht, in kurzen Momenten alles als verloren betrachten, aber diese Verzweiflung war ein kurz vorübergehender, schnell verschwindender Zustand, dazu da, dem festen Entschlusse seines Lebens eine größere Energie mitzuteilen. Dieser Entschluß war aber Napoleons Vernichtung; der entschiedene Haß gegen diesen Tyrannen war mit der zum Instinkt gewordenen Überzeugung, er sei zu seiner Vernichtung berufen, aufs engste verschmolzen, und so handelte er mit der Sicherheit des Instinkts. Eben daher bildete er den reinsten Gegensatz gegen Napoleon. Wenn dieser jede Phase der Revolution berechnend benutzte und von früher Jugend an die Umgebung und die nächsten Verhältnisse erst im engen, dann in immer weitern und weitern Kreisen zu beherrschen verstand, wie er der wilden, nach allen Richtungen sich ergießenden Überschwemmung der heranschwellenden Revolution die bestimmte Richtung eines mächtigen Stromes zu geben wußte, die alle Spuren freier und eigentümlicher Nationalität aus der Geschichte zu vernichten drohte: so trat Blücher nicht als ein Mann der ehrgeizigen Reflektion, vielmehr als eine mächtige Natur mit jugendlicher Begeisterung in seinem siebenzigsten Jahre hervor. Er schien dazu berufen, in dem mächtigen Epos einer großen Zeit den dichterischen Umschwung zu bezeichnen, der bestimmt war, die Nichtigkeit der mächtigsten Überlegung und Reflektion, welche die Geschichte sah, zu verkündigen.

Aber wie schief würde man die Zeit auffassen, wie unrichtig sie beurteilen, wenn man den Kampf und seine glänzenden Resultate als das Produkt einer wilden Begeisterung darstellen wollte. Blücher ist durchaus nicht als ein Einzelner zu verstehen. Er ward beherrscht, und doch war es seine wirkliche, eigentümliche Größe, daß er durch seine mächtige Persönlichkeit die Momente einer lang erwogenen, durch die bedeutendsten Männer und durch die Gunst geschichtlicher Ereignisse reifgewordenen Tat bis zu einer Begeisterung zu steigern wußte, die sich dem ganzen Heere mitteilte. Napoleon war eine Gestalt des Entsetzens besonders für die Großen und Mächtigen geworden. Als die Revolution auf ihrem Gipfel war, und zwar bei einem Volke, dem die höheren Stände sich geistig untergeordnet hatten, glaubten sie – und nicht mit Unrecht – die Axt über die halbverweste Wurzel eines verfallenen Daseins geschwungen zu erblicken. Solange die Revolution sich in sich selbst zu vernichten schien, lebte noch eine trübe Hoffnung, die sich nicht auf das Bewußtsein der eigenen Kraft, vielmehr auf die wachsende Ohnmacht des Feindes gründete. Aber diese Hoffnung verschwand, als die Revolution selber eine Gestalt gewann, die als ein mahnender, verhängnisvoller Geist dem ganzen verfallenen Dasein mit Vernichtung drohte. Eine abergläubische Furcht hatte sich aller derer bemeistert, die, französisch gebildet, durch die Franzosen entwaffnet und gefesselt, ihr ganzes Dasein von der Gnade des Mannes erwarteten, der sie so innerlich wie äußerlich beherrschte. Daß in dem seit Jahrhunderten getäuschten, verführten und gedrückten Volke noch ein selbständiges Deutschland lebe, glaubten diese Männer nicht. Seit mehreren Generationen galt es ihnen als das Vornehmste und Geistreichste, mißlungene und ungeschickte Nachahmer eines fremden Volkes zu sein. Wer im deutschen Sinne lebte, handelte, sprach, der erschien, wie damals der gläubige Christ, als ein Abergläubischer, Beschränkter, der in der herrschenden Gesellschaft nicht zu dulden war. Diese Deutschland verleugnende Gesinnung, diese innere, mit dem Feinde verbundene Knechtschaft, die seit langen Zeiten und in den verschiedensten Richtungen genährt war, konnte nicht so schnell verschwinden. Die durch sie schon Unterworfenen drängten sich um die Könige, sie konnten den Glauben nicht fassen, daß der Geist, der nicht bloß mit äußeren Waffen körperlich stritt, sondern innerlich alle Seelen beherrschte, jemals sterben könne. Selbst als er dem großen göttlichen Gerichte in Rußland unterlag, glaubten sie ihn noch mächtig. Und während des ganzen Krieges, selbst als die siegreichen Heere sich Paris näherten, suchten diese Knechte, in abergläubischer Furcht befangen, einen Einfluß auf die Entschlüsse der Fürsten zu gewinnen. Jener Geist war ihnen unsterblich, und der Versuch, seine Herrschaft zu vernichten, schien ihnen ein Frevel, der sich furchtbar rächen würde. Diesen Knechten gegenüber erwachte Deutschland; nach außen ohnmächtig und gedrückt, war es sich selber treuer als seit Jahrhunderten. Und was in so vielen Gemütern, ihnen selbst ein Geheimnis, schlummerte, gestaltete sich zum klaren Bewußtsein, zum engen, besonnenen Bündnis durch die großartigen Persönlichkeiten, die aus einer solchen mächtig keimenden Zeit sich entwickelten. Ich habe dieses Bündnis, wie es mir aus der Ferne entgegentrat und wie es durch die Korrespondenz in den Lebensbildern aus dem Befreiungskriege öffentlich geworden ist, früher erwähnt, und man irrt sich, wenn man glaubt, daß seine verborgene Tätigkeit aufhörte oder überflüssig geworden wäre durch Preußens Bündnis mit Rußland oder durch die Kriegserklärung gegen Frankreich. Der Einfluß des dunklen Aberglaubens der höhern Stände verzögerte, wie man weiß, die Verbündung mit Österreich, ja machte sie bis auf den letzten Augenblick zweifelhaft. Das erwarteten die edeln verbündeten deutschen Männer und waren darauf gefaßt, diesem geheimen Feinde im eigenen Heere auf eine entschiedene Weise entgegenzutreten.

Blücher war seit seinem kühnen Kampfe in Lübeck, während so viele Befehlshaber, von einem dunkeln panischen Schrecken ergriffen, flohen, als er tapfer kämpfend unterlag, durch seine wunderbar mächtige Persönlichkeit der Mann des Volks. Eine unerklärbare, unbestimmte, aber tiefe Hoffnung knüpfte sich an seinen Namen. Diese wußten die Verbündeten zu nähren; die besonnenste Überlegung erkannte die edle Flamme der Begeisterung als ein Element, welches, wenn es fehlte, alle Künste der Diplomatik und Politik, alle kriegerische Virtuosität nutzlos machen würde: aber ebenso nutzlos wäre eine grenzenlose, ungeordnete Begeisterung. Die notwendige Zucht, die innerlich lebendig artikulierte Organisation setzte sich selbst voraus, sie mußte schon da sein, wenn sie tätig sein sollte, sie konnte aus einer zerstreuten Begeisterung nicht erzeugt werden. Diese artikulierende Zucht aber gehörte dem bis dahin nur zu sehr verschmähten preußischen Heere an; der gekränkte Krieger fühlte doppelt die Schmach des Landes, und der Gebildetere und Tüchtige war mehr als jeder andere Bürger befähigt, sich an die Spitze zu stellen; so entwickelte sich ein Heer, dessen Elementarorgane, schon seit länger als einem Jahrhundert gebildet durch den Ruf früherer Taten, welche die Stärke seiner Kindheit und Jugend verkündigten, zwar bis zum Tode erkranken, aber nicht sterben konnten und, wieder aufgelebt, durch die großen Gefahren des Landes, durch die Hoffnung einer Befreiung, gereinigt durch die gefährliche Krankheit, dem in sich erstarkten Volke einen festen, elastischen Boden für die erwachte Begeisterung geben konnten. Alles, was in solchen Momenten in der Geschichte sich Großes erzeugen soll, muß sich in einer mächtigen Persönlichkeit zuerst gestalten. Diese ist, wenn man will, als Vereinzeltes nichts, und dennoch würde es sehr unrecht sein, wenn man einer solchen Persönlichkeit, weil sie nicht allein gedacht werden kann, die innere eigene Größe absprechen wollte. Blücher war ein solcher Mann, ein Greis, in welchem die alten Erinnerungen des preußischen Heeres ebensowohl als die flammende Begeisterung der Gegenwart lebten. Mitten in den dunkeln Augenblicken, welche die Schmach auf das Heer und das tiefste Elend auf das Volk warf, glänzte er nicht durch die Kunst des Krieges, wohl aber durch den rücksichtslosen Mut, der, durch das erworbene militärische Geschick unterstützt, einen flammenden Haß erzeugte. Als alles gestürzt schien, war er die noch nicht niedergeworfene, noch wehende Fahne des Heeres: er wußte, daß er getragen werden müßte, um völlig zu sein, was er allein sein konnte, und trat jetzt als die dichterische Gestalt der bedeutendsten Zeit hervor, einem Märchen ähnlich, an dessen Möglichkeit die nächste Vergangenheit nicht hätte glauben können. Die Armee, die sich um ihn versammelte, sowie die höchst bedeutenden Männer, die ganz in seinem Sinne tätig waren, hoben ihn zwar, aber wie der Kopf des entschlossenen Mannes nach langer Krankheit sich hebt; das geheime Bündnis, welches nah und fern durch Staatsmänner und Krieger sich gebildet hatte, gestaltete sich in dieser Vereinigung als eine persönliche Macht, die der im Verborgenen schleichenden, den Feind stärkenden Intrige Trotz bieten könnte. Es war die Gesamtmacht des Volks, wie sie unaufhaltsam die Vernichtung des Feindes forderte und von keiner Übereinkunft irgendeiner Art etwas wissen wollte. Ein jeder Vorschlag, der den Napoleon irgend als eine Macht stehenlassen wollte, äußerte sich immer leiser, furchtsamer, und wo er laut ward, – er wagte sich selbst in den späteren glänzenden Momenten des Krieges, wenn irgendeine vorübergehende Wolke den hellen Tag der Siege trübte, obgleich immer scheuer hervor – wurde er von den Momenten der vernichtenden Begeisterung überrannt; das war das » Vorwärts«, welches als die vollendete Gestalt in den langjährigen Seiten des Drucks, in sich lebendig, stark durch politische Weisheit und kriegerische Kunst, mächtig hervortrat, und Deutschlands edelster selbständiger Geist war ihre Seele.

*

Am 16. Oktober des Morgens früh, wieder bei dem schönsten und hellsten Wetter, befand ich mich in der Mitte des Hauptquartiers in der Nähe des Dorfes Lindenthal; hinter uns lag ein Wald, vor uns eine große Ebene, nach Möckern zu standen die Feinde, gegen welche wir anrückten. Die Schlacht nahm ihren Anfang, wir waren mitten im heftigsten Gewehrfeuer, als Gneisenau mir den Auftrag gab, den Kronprinzen von Schweden,Bernadotte, den ehemaligen französischen Marschall. der irgendwo in der Nähe von Halle sich aufhielt, aufzusuchen und ihn dringend aufzufordern, so schnell wie möglich mit seinen Schweden vorzurücken. Es kostete mich viele Mühe, ihn zu finden, keiner wußte, wo er war; erst in der Nacht fand ich ihn in Landsberg, in einem ziemlich schlechten Hause, von schwedischen Offizieren umgeben, und ward zu ihm geführt. In einer wüsten, fast leeren Stube lag er auf Matratzen, die auf den Fußboden hingelegt waren; das dunkle Gesicht des Gascogners mit der mächtigen Nase und das stark zurückgehende Kinn stachen ab gegen die weiße Bettwäsche und die mit Spitzen besetzte Nachtmütze. Gneisenau hatte mich genau von den Stellungen beider Armeen in Kenntnis gesetzt und wie man den Feind, der seine besten Truppen, unter diesen die kaiserliche Garde, von Napoleon selbst angeführt, nach Möckern zurückdrängte, wo der Hauptangriff stattfinden müßte. Um in meinem Berichte vollkommen klar zu sein, teilte ich ihn seinem schwedischen Adjutanten in meiner Muttersprache mit, und dieser dem Kronprinzen. Er hörte mit großer Aufmerksamkeit zu, richtete sich in seinem Bette auf und hielt einen langen, lebhaften Vortrag, den ich freilich nur teilweise verstand; der schwedische Offizier hörte mit vieler Aufmerksamkeit zu. Als dieser Vortrag geschlossen war, gab er mir das Versprechen, sogleich mit seinen Truppen auszubrechen, und ich ward entlassen.

Ich hatte jetzt den mir von Gneisenau erteilten zweiten Auftrag auszuführen: ich sollte mich unter die schwedischen Truppen verfügen; er rechnete darauf, daß meine verwandte Sprache einigen Eindruck machen würde; man schien im Hauptquartier vorauszusetzen, daß der französische Feldherr, der jetzige Kronprinz, keine Neigung hatte, sich in Schlachten einzulassen, die seinen Landsleuten mit einer höchst gefährlichen Niederlage drohten. Gneisenau schien vorauszusetzen, daß es mir gelingen würde, die Truppen selbst zu begeistern; ich sollte sie an ihren großen König Gustav Adolf erinnern und an die damalige Leipziger Schlacht, die bestimmt war, jetzt ebenso durch unsern Feldherrn über Deutschlands Schicksal zu entscheiden wie damals durch den großen schwedischen Helden.

Ich erfuhr später, daß der Major von Hedeman nach mir zum Kronprinzen geschickt ward, um das Vorrücken seiner Truppen zu beschleunigen. Ich fand aber, indem ich mich die Nacht hindurch und gegen Morgen in den verschiedenen Standquartieren der schwedischen Truppen herumtrieb, bald mit den Offizieren sprach, bald mich unter die Gemeinen mischte, daß der Befehl zum Aufbruch mir schon vorangeeilt war. Fast allenthalben waren die Truppen im Begriff, aufzubrechen, und ich konnte mich nur vorübergehend mit ihnen unterhalten; doch war dieses nicht immer der Fall. Ich fand Offiziere, die müßig dasaßen und, nachdem sie alle Vorbereitungen getroffen hatten, nur noch den letzten Befehl erwarteten. Mit diesen konnte ich mich nun in längere Gespräche einlassen, und ich entdeckte bald, daß dieser Krieg für die Schweden kein nationales Interesse hatte. Sie konnten nicht einsehen, warum sie sich in einen Kampf einlassen sollten für eine Sache, die ihr nicht gefährdetes Land so wenig anging. Für das arme Schweden wäre, meinten sie, das Opfer zu groß, und dennoch verlor sich die kleine Mannschaft, die es liefern konnte, in der großen Masse aller Völker, die jetzt gegen Napoleon bewaffnet waren. Ich suchte ihnen begreiflich zu machen, wie der Ruhm und das Talent ihres Feldherrn nicht bloß seine eigenen Truppen beherrschten, vielmehr einen bestimmten Einfluß auf die Operationen des ganzen Heeres ausübten. Ich weiß nicht, ob ich mich dieser Wendung meiner Rede rühmen darf, wenigstens war sie keineswegs aufrichtig; der deutsche Sinn sträubte sich gegen einen jeden bedeutenden Einfluß des französischen Feldherrn, und wir hielten uns für überzeugt, daß wir dem General von Bülow den Sieg bei Dennewitz allein zu verdanken hatten. Auch darf ich mich nicht rühmen, die Schweden sonderlich begeistert zu haben. Die Elemente der Begeisterung waren nicht in ihnen vorhanden, und selbst die Erinnerung an den Schauplatz der jetzigen Schlacht und die dort errungenen Siege des Gustav Adolf rührten sie wenig; denn eben damals fing der Tadel gegen diesen König an in Schweden laut zu werden und sprach sich wenigstens hier und da mehrere Jahre hindurch immer lauter aus.

Einige Gemeine, mit denen ich nach der Entfernung der Offiziere zu sprechen Gelegenheit hatte, gefielen mir freilich desto mehr; auf diese machten die vaterländischen Töne einen starken Eindruck, und sie waren über die Vertraulichkeit, mit welcher der fremde Offizier sich mit ihnen einließ, erstaunt. Gegen Mittag waren alle Schweden in vollem Marsch, und da ich erfuhr, daß dieser Tag ein Rasttag sein würde, gönnte ich meinem erschöpften Pferde einige Ruhe. Es war schon dunkel, als ich in der Nähe von Möckern auf einer Anhöhe preußische Truppen erblickte. Hier nun erfuhr ich den Verlauf der Schlacht, die ohne allen Zweifel die hartnäckigste und furchtbarste des ganzen Krieges war. General von Yorck war nicht selten bedenklich, ja schwankend, ehe er sich zu einem Angriff entschloß; fand dieser aber einmal statt, so wagte er alles. Kein General der Armee übte einen größeren Einfluß über die Mannschaft aus, obgleich keiner strenger war als er; aber er besaß den echten Ton, um sie zu gewinnen. Der Tag vor Möckern hatte offenbar auf den darauf folgenden großen Sieg bei Leipzig entscheidenden Einfluß gehabt, der Kampf fand gegen Napoleon, der selbst die Schlacht lieferte, und gegen seine besten Truppen statt. Oft war der Sieg zweifelhaft; die vorrückende und kämpfende Mannschaft stürzte hin: immer wurde neue vorgeführt und der Sieg am Ende durch die letzte Reserve errungen. Ich traf eine Abteilung des kleinen Restes des Yorckschen Korps in einer sehr ernsthaften Stimmung; ein Abendgebet fand statt, und so wichtig der Sieg auch war, so rief dennoch der große Verlust eine stille, trübe Stimmung hervor. Hier, dem Napoleon und seinen ausgezeichnetsten Truppen gegenüber, wollte der preußische Offizier die Schmach früherer Zeiten rächen, und sie stürzten sich mit Wut in die Mitte der Feinde. Nach der Schlacht blieb das schlesische Heer, indem es den Kern seiner Truppen zum Teil verloren hatte, einige Zeit untätig. Die schnell eingerichteten und ausgedehnten Spitäler in Halle und nachher in Leipzig konnten die Menge der Verwundeten nicht fassen. Auch ich erlitt an diesem Tage einen schweren Verlust: mein Freund Krosigk, der die Entrüstung vieler Jahre in diesen harten Kampf hineintrug, fiel bei Möckern, und ich erfuhr jetzt seinen Tod. Die stille, schmerzhafte Stimmung um mich her, die Erinnerung des furchtbaren Tages, die den Rest der Tapferen noch zu überwältigen schien, riß mich auch hin; es war ein Gefühl, aus Bewunderung, aus noch in diesem Augenblick zurückgedrängter Hoffnung und aus Trauer seltsam gemischt. Es setzte das Innerste der Seele in lebendige Bewegung und konnte sich selbst nur durch ernsthafte religiöse Betrachtung fassen.

Es ist überraschend, wenn man den preußischen Bericht von der Schlacht bei Möckern, wie er aus dem Blücherschen Hauptquartier erschien, liest. Er umfaßt nur wenige Zeilen und läßt die großen Erfolge und die ewig denkwürdige Tapferkeit gar nicht ahnen. An dem zweiten Ruhetag zwischen dieser und der großen Leipziger Schlacht fand eine Kavallerieattacke vom General Wassiltschikoff statt, die mit Recht gepriesen wurde: aber der weitläufige Bericht stach doch seltsam gegen die Wortkargheit des früheren ab; man hatte zwar die Absicht, die Taten der Preußen nur kurz zu berühren, die verbündeten Russen bei jeder Gelegenheit hervorzuheben, aber dieser Entschluß erschien doch hier in einem zu grellen Extrem.

*

Hier sei es mir erlaubt, die Heldentaten, die nicht auf dem Felde im offenen Kampfe, sondern still, oft unbemerkbar in der Mitte der Verwundeten stattfanden, zu erwähnen. Es waren nicht die Wunden, welche dieses Schlachtfeld eines furchtbaren Kampfes so erschrecklich machten; ein tötender Geist regte sich allenthalben in den Spitälern, der Typhus verpestete sie sämtlich in allen Gegenden hinter der Armee. Ich erinnere mich zweier heldenmütiger Männer in Breslau, die als Opfer fielen; beide meine Freunde, Klose und Menzel. Der letzte suchte mich in Breslau in den Tagen der größten Bewegung auf. Er brachte mir eine namhafte Summe. »Ich kann nicht«, sagte er, »Breslau verlassen, mein Amt, ja die Gefahren, die meiner warten, fordern meine Anwesenheit; aber ein Opfer muß ich auch jetzt bringen und werde nur ruhig, wenn es angenommen wird. Nehmen Sie diese kleine Summe, aber ich beschwöre Sie, verwenden Sie solche für sich selbst. Indem ich sie überreiche, bitte ich Sie, daß es ein Geheimnis bleibe zwischen uns.« Seine Bitte war so dringend, der Beweggrund so edel, ich konnte sie nicht abschlagen, aber jetzt, so viele Jahre nach seinem Tode, glaube ich ihn nennen, ihm ein kleines Denkmal errichten zu müssen. In Berlin starb an dem Typhus der Spitäler, Grapengießer, der Arzt meiner Verwandten; seine Krankheit ward einem bedeutenderen Manne nur zu gefährlich. Mein unvergeßlicher Freund Reil, dieser große Arzt, besuchte ihn; in wilden Phantasien stürzte Grapengießer ihm entgegen und umarmte ihn, Reil schauderte zurück, der Todesengel schritt über sein Grab, und ein weissagendes Gefühl der Gefahr durchzuckte ihn. Es war um die Zeit der großen Leipziger Schlacht, wo der Typhus am furchtbarsten herrschte. Reil wollte sich durch seine keimende Krankheit nicht abhalten lassen, er übernahm die Direktion der beiden Spitäler in Halle und Leipzig; er schonte sich nicht, sondern eilte nach der letzten Stadt. Die Macht des festen Entschlusses, die ununterbrochene Anstrengung schien eine Zeitlang die Krankheit zu besiegen. Er besuchte fast täglich die beiden Spitäler in Leipzig und Halle, und in diesem grauenhaften Kriege, der hinter der Armee in schleichender Gestalt ausbrach, fiel nun einer der größten Feldherrn des Landes auf diesem verhängnisvoll dunklen Schlachtfelde.

*

Mir war die Gegend des Blücherschen Hauptquartiers angezeigt, und ich ritt in der erhaltenen Richtung im Dunkeln über die Felder. Nach einiger Zeit sträubte sich mein Pferd, ich wußte nicht warum; ich ließ den Burschen absteigen, er fand eine Leiche. Ich durchkreuzte das Schlachtfeld und hatte Mühe, weiterzukommen; denn die Leichen häuften sich. Das Pferd, gezwungen fortzuschreiten, hörte schon nach kurzer Zeit auf zu stutzen; ich erfuhr die Gegenwart eines Toten nur dadurch, daß das Pferd dem Leichnam ruhig auszuweichen suchte. Mir aber war grauenhaft zumute; in immer gedrängteren Haufen umringten mich die Geister der Gefallenen, und unwillkürlich sah ich sie in der Mitte der harrenden Familien, die ängstlich jeden ihrer Schritte in den großen Kampf verfolgten. Vor mir leuchteten die Biwakfeuer, aber ich hatte die Richtung verloren und blieb ungewiß, ob dort feindliche oder freundliche Truppen lagen; doch ich ritt gerade auf das Feuer los. In der nächtlichen Stimmung, die mich ergriffen hatte, in der ich wie mit Geistern kämpfte, schienen mir lebendige Menschen, mochten sie Freunde oder Feinde sein, willkommen. So erreichte ich eine breite Chaussee und erkannte die russischen Truppen, und am Biwakfeuer erblickte ich hier und da völlig nackte Männer, die in der Beleuchtung sich riesenhaft ausnahmen. Sie waren mit einem seltsamen Reinigungsprozeß beschäftigt. Die Hemden hatten sie ausgezogen, um sie über den Flammen gewaltsam zusammenzuwinden; der Druck und die Hitze sollte eine Bevölkerung vernichten, die ihnen doch trotz der Gewohnheit beschwerlich schien. Ich wandte mich an einige, um über die Gegend, wo Blücher zu finden wäre, Nachricht einzuziehen, sie verstanden mich nicht, ich ritt indessen getrost weiter. Die russischen Biwakfeuer hörten auf, ich ward von einer Wache angerufen, antwortete und ritt fort, ohne durch sie aufgehalten zu werden, da hörte ich hinter mir eine Stimme, die mich anrief. Ich kehrte um und vernahm nun die laute Frage: wo wollen Sie hin? erfuhr jetzt, daß ich, wenn ich wenige Schritte weiter ritt, das qui vive! vernehmen würde und eben im Begriff war, in das französische Lager hinzureiten. Es war tief in der Nacht, unsere Pferde waren völlig erschöpft, wir beide, mein Bursche, wie ich selbst, ermüdet, und ich nahm den Vorschlag, die Zeit bis zum Tagesanbruch in der Gesellschaft einiger russischer Artillerieoffiziere zuzubringen, mit Freuden an. Sie umgaben eine Kanone. Der Hunger machte uns eine kleine Mahlzeit sehr willkommen. In der Nähe hörten wir das Plänkeln der äußersten Vorposten und schliefen dennoch ruhig ein. Am frühen Morgen weckten uns als Morgengruß der Feinde einzelne Kanonenschüsse, die Kugeln flogen in großem Bogen über uns weg. Die Trauer des Abends und die wilden Träume der Nacht verschwanden mit dem anbrechenden Tage, und die große Bedeutung desselben trat mir mächtig entgegen. Die Richtung, die ich jetzt zu nehmen hatte, war mir bekannt geworden, allenthalben sah ich die russischen Krieger, wie sie sich um die Biwakfeuer dehnten und streckten; je weiter ich fortschritt, desto mehr fand ich sie in geordneten Haufen, sich zu dem bevorstehenden Kampfe vorbereitend. In dem Dorfe Mockau hatte das Blüchersche Hauptquartier übernachtet. Wie ich hinkam, schliefen noch alle.

Man würde sich irren, wenn man glaubte, daß in Blüchers Umgebung an diesem Morgen irgendeine Unruhe oder große Eile wahrzunehmen war. Obgleich ein so großer Kampf vor kurzem stattgefunden, obgleich man voraussah, daß dieser Tag ein entscheidender für den ganzen Krieg werden müßte, so war doch davon in der Umgebung des Feldherrn nichts zu spüren. Man stand auf, kleidete sich langsam und bedächtig an, die wenigen Gefäße, die man aufbringen konnte, wanderten nach dem Brunnen, um, von einem zur Reinigung benutzt, schnell von dem Bedienten eines andern ergriffen zu werden; die Fenster wurden geöffnet und an die Wand gelehnt, um als Spiegel zu dienen; der Kaffee wurde in wenigen Tassen herumgereicht; einer trank aus der Unter-, der andere aus der Obertasse. Verwirrungen und Störungen, die manchmal vorkamen, wurden benutzt, um den Gesprächen eine heitere Wendung zu geben, und diese berührten fast gar nicht den großen Gegenstand, der uns so nahe lag. Man unterhielt sich mit vollkommen gleichgültigen, wohl auch lustigen Erinnerungen; ein witziger Einfall ward mit Freuden begrüßt; man konnte glauben, hier eine Anzahl Männer zu sehen, die auf einer belustigenden Reise sich an den mancherlei Verlegenheiten eines zufälligen dürftigen Nachtquartiers ergötzen.

Wir rückten an diesem Morgen nicht so ganz früh aus, Blücher hatte sich dem Korps des Generals Langeron angeschlossen, und wir fanden dieses im Begriff, über die Parthe zu setzen. Jenseits dieses Flusses erhebt sich die Gegend, und hier genossen wir ein erstaunenswertes Schauspiel. Auf dem langen Höhenzug erblickten wir in der Ferne die große Armee, die heranrückte; die Kolonnen nahmen schon den ganzen Höhenzug ein; es waren die Völker, die verbündet dem mächtigen Manne, welcher nun so lange Jahre hindurch den Kontinent beherrschte und durch Schrecken gelähmt hatte, zum Kampf entgegenzogen. Am entferntesten östlichen Horizont tauchten die Kolonnen auf; ruhig bewegten sich alle Waffengattungen nacheinander, hier und da sah man die Waffen in der Morgenröte glänzen; die Entfernung war groß genug, um das ganze Heer als eine Erscheinung im Traume vorüberschweben zu lassen, um den ganzen endlosen Zug zu überblicken, bis er im entferntesten Westen untertauchte. Immer kamen neue Scharen im Osten zum Vorschein, immer verschwanden die Vordersten im fernen Westen, während der Zug sich ununterbrochen fortbewegte. Man konnte glauben, ein auswanderndes Volk zu erblicken. So mochten zur Zeit der Völkerwanderung die germanischen Stämme erschienen sein, als sie die deutschen Gaue überschwemmten. Der Anblick ergriff uns alle mit großer Gewalt. Lange blieben wir voll Erstaunen stehen, ihn zu genießen; hier war es, wo Müffling der bevorstehenden Schlacht den Namen gab, er nannte sie die große Völkerschlacht; diese Benennung hat sich erhalten, ja sie ist geschichtlich geworden.

Wir hielten auf einer Ebene viele Stunden lang. Die Truppen waren nach allen Richtungen versandt; General Yorck kämpfte vor Leipzig mit dem Reste seiner tapfern Scharen; wir hörten rund um uns das Getümmel heftiger Gefechte, aber wir erblickten sie nicht, hielten vielmehr hier ruhig einen großen Teil des Tages, während Adjutanten nach den verschiedenen fechtenden Korps versandt wurden und uns alle Augenblicke Nachrichten brachten von dem Stande der Schlacht auf den verschiedenen Punkten. Mehr als dreihunderttausend Männer standen hier dem Feinde gegenüber; hundertundsiebzigtausend kämpfende Feinde traten diesen entgegen. Die Gegend, die wir einnahmen, bildete eine große lichte Ebene. Vor uns lag in der Ferne Leipzig; es war für uns ein seltsamer Tag, während wir so mitten in die Schlacht versetzt die größte Ruhe genossen. Aber die Stunden verflossen fast unbemerkt, die Nachrichten, die sich drängten, erhielten uns in fortdauernder Spannung. Bei Möckern hatte der Feind mit seinen besten, sieggewohnten Truppen das Blüchersche Korps angegriffen; er betrachtete es mit Recht als das Zentrum der moralischen Macht im ganzen Heere. Napoleon selbst führte seine Scharen an, gewiß mit der Zuversicht, über diese gefährlichsten Feinde einen Sieg zu erringen, der lähmend auf die zahllosen Scharen wirken würde, die zum Angriff ihm entgegengezogen. Jetzt trat er mit einem halbentmutigten Heere der großen Übermacht des Feindes gegenüber; aber noch war sein mächtiger Geist gewaltig genug, um die sinkende Kraft seines Heeres von neuem zu stärken. Er wußte, was es galt; seine Krieger kämpften, als erwarteten sie den Sieg. Auf einzelnen Punkten wenigstens blieb der Erfolg lange zweifelhaft, und ich mußte den Helden bewundern, welcher jetzt in einem kaum zweifelhaften Kampfe um sein großes, erstaunenswertes Dasein mit entschlossenem Mute stritt.

Dieser Tag, wieder ein heller und schöner, der uns alle Wechselfälle einer welthistorischen Schlacht und zugleich die Ruhe der Betrachtung gönnte, bot uns noch ein überraschenderes Schauspiel dar. Über die Ebene, in schöner Rüstung, rückte in ruhiger Ordnung eine Schar fremder Kavallerie auf uns zu, die wir, ohne von Truppen in der Nähe umgeben zu sein, ruhig erwarteten. Ohne Zweifel war Blücher von ihrer Ankunft unterrichtet. Es war sächsische Kavallerie, die sich vom Feinde getrennt hatte und zu uns überging. Wunderbar und seltsam, echt dramatisch im höhern Sinne, war dieser Auftritt, der fast auf eine festliche Weise, ohne irgendeine Störung, vor uns stattfand. Die Reiter hielten ruhig, entschlossen, und dennoch, wie es mir schien, niedergeschlagen, in unserer Nähe still; der Anführer trennte sich von den übrigen und näherte sich unserm Feldherrn, der ihn in würdiger Haltung erwartete. Sie hätten, versicherte der sächsische Offizier, lange den Augenblick erwartet, in welchem sie sich aus der unnatürlichen Lage herausreißen könnten, die sie zwang, gegen ihr eigenes Volk zu kämpfen; jetzt erst war es ihnen gelungen. Doch baten sie um Schonung; sie wünschten nicht, in dieser Schlacht zu fechten. Ihr unglücklicher König sei in Leipzig, er bewohne ein Haus auf dem großen Markt in der Mitte der Stadt, die jetzt bald in unserer Gewalt sein würde. Blücher redete sie kurz aber freundlich an, gewährte ihre Bitte, und ihnen wurde eine Stellung hinter dem fechtenden Heere angewiesen. Auf ihrem Marsch verfolgte ich sie lange mit inniger Teilnahme, ich konnte mir das drückende Gefühl ihrer Lage vorstellen. Aber mir war es, wenn ich die Ereignisse des Tages von dem Augenblicke an, als wir den gewaltigen Zug der verbündeten Heere anrücken sahen, bis hierher überschaute, als wäre eine Szene aus einem Shakespeareschen Drama plötzlich großartig in die wirkliche Geschichte hineingedrängt, und die Größe der Erscheinung überwältigte mich.

Bisher hatte ich an den Gefahren der Schlacht keinen Anteil genommen; jetzt wandte sich Blücher an mich; denn alle seine übrigen Adjutanten waren entfernt. »Herr Professor«, sagte er, »suchen Sie eilig den General Langeron auf und bringen Sie ihm die Order, das Dorf zu stürmen; er darf keine Hilfe durch andere Truppen erwarten, aber der Feind muß hinausgeworfen werden.« Ich eilte fort, über die Richtung, die ich zu nehmen hatte, konnte ich nicht zweifelhaft sein. In Schönefeld hatte Langeron lange mit wechselndem Glücke gefochten, bald war er, bald der Feind im Besitz des Dorfes. Die Flammen des brennenden Dorfes zeigten mir den Weg. Ich fand den General Langeron zwischen den letzten Häusern des Dorfes, einen ernsthaften Mann, von strengem, gebietendem Äußern. Die Feinde hatten das Dorf von neuem größtenteils in Besitz genommen; dicht vor uns fochten, von den Flammen umgeben, die Russen hartnäckig; es war ein seltsames und doch großes Schauspiel, Freunde und Feinde von dem wütenden Feuer beleuchtet, im hartnäckigen Kampfe. Ich überbrachte ihm die Order, er antwortete verdrießlich: »Meine Truppen haben stundenlang gekämpft, sie sind zusammengeschmolzen, ermüdet und erschöpft, ohne eine Unterstützung vermag ich den hartnäckigen Feind nicht zurückzuwerfen.« Ich mußte ihm sagen, daß er keine Unterstützung zu erwarten hätte und daß dennoch die Order ganz bestimmt laute. Er besann sich einen Augenblick und gab Befehl zum Sturme. Von allen Seiten sammelte sich die Mannschaft, die jetzt nicht in das Gefecht verwickelt war, im Sturmschritt eilte sie vorwärts, ein lautes Geschrei begleitete den wilden Anlauf; der Feind konnte ihn nicht aufhalten, und der Stand der Schlacht war wohl jetzt auch auf anderen Punkten so ganz zum Nachteile des Feindes, daß er sich nicht hier zu behaupten vermochte. Mit dem General nahm ich teil an diesem Gefecht, und als das Dorf in unserer Gewalt war und wir den gänzlichen Abzug der Feinde, der keinen neuen Angriff erwarten ließ, entdeckten, eilte ich, um den Bericht zu überbringen. Hier hatte ich nun ein bedeutendes Gefecht mit allen Gefahren kennengelernt, aber mein Auftrag war so bestimmt, der Moment des Angriffs so mächtig, der Augenblick des Kampfes so entscheidend und kurz, daß das Bewußtsein der Gefahren, die ich erlebt hatte, mir erst klar ward, nachdem ich in Sicherheit war. Als ich den Bericht überbrachte, war der Erfolg dem General Blücher schon bekannt, ja ihm klarer als selbst dem Langeron im Anfange, weil jener von seinem Standpunkte aus den entschiedenen Rückzug bestimmter übersehen konnte.

Ich war nun wieder auf demselben ruhigen Platz, den wir den ganzen Tag hindurch behauptet hatten. Die Berichte von dem großen Erfolge des Tages wurden immer häufiger, der Abend näherte sich, und wir rückten langsam auf Leipzig zu. Da vernahmen wir vor uns ein lautes Geschrei wie von Tausenden: die Nachricht kam, daß unsere Truppen in die Vorstadt von Leipzig eindrangen, daß dort auf den Straßen zwischen den Häusern, in den Gärten heftig mit dem zurückweichenden, aber doch noch zugleich hartnäckig kämpfenden Feinde gefochten würde. Wir setzten uns in Bewegung und erreichten bald unsere kämpfenden Truppen.

Ich erhielt den Befehl, mich an den General Wassiltschikoff, der bestimmt war, die fliehenden Feinde mit seiner Kavallerie zu verfolgen, anzuschließen. Aus der ungeheuren Verwirrung der zerstreuten Gefechte ritt ich der Anweisung zufolge nach Schkeuditz, wo ich die Stadt angefüllt von russischen Truppen, die an der Schlacht dieses Tages teilgenommen, vorfand und bis zur Betäubung mit Erzählungen von einzelnen Gefechten, die deutschredende russische Offiziere mitgemacht hatten, überhäuft wurde. Hier erfuhr ich, daß ein Däne, tapfer fechtend, den Tod fand. Man nannte ihn mir, und ich hörte mit Erstaunen den Namen Örsted. Es war der dritte und jüngere Bruder meiner berühmten Landsleute. Dieser, wenn auch nicht ausgezeichnet wie die beiden anderen, war mir dennoch sehr lieb. Seine Lage war in Dänemark eine etwas unsichere, und obgleich ich es nicht wußte, konnte ich es doch begreifen, daß er eine jede Gelegenheit, selbst außer seinem Vaterlande sein Glück zu machen, ergreifen würde. Hier zu hören, daß er in der russischen Armee angestellt war, setzte mich zwar in Erstaunen, und daß diese Nachricht mit der seines Todes unmittelbar verknüpft war, erschütterte mich. Er hatte es bis zum Major gebracht, als er fiel. Er war, wie man mir versicherte, von seinen Kameraden sehr geliebt, und daß es mein Freund war, konnte ich nicht bezweifeln; denn die Offiziere hatten von ihm selbst erfahren, wie ausgezeichnet seine Brüder und wie der eine schon damals als Physiker berühmt war. Es ist ein eigenes Gefühl, wenn die ganze Seele von den mannigfaltigsten und mächtigsten Vorstellungen ergriffen ist, sich dann durch rein menschliche Teilnahme in den engen Kreis eines freundschaftlichen Lebens versetzt zu sehen und, was die Erinnerung an ein früheres stilles Leben uns aufdrängt, nicht abweisen zu können. Jeden Augenblick erwarteten wir Nachrichten von der Flucht der Feinde. Wassiltschikoff zog am frühen Morgen von Schkeuditz nach Markranstädt und übernachtete zwischen dem 19. und 20. Oktober in der Gegend von Lützen. Zwischen dieser Stadt und Weißenfels erreichten wir die letzten fliehenden Feinde und erfuhren nun die großen, uns fast unglaublichen Resultate der Leipziger Schlacht. Hier erlebte ich, was mir eben mein Anschließen an die Russen so angenehm machte, die merkwürdige Virtuosität der Kosaken im Rücken eines fliehenden Heeres. Durch eine weite Ebene lief die Chaussee nach Weißenfels fort; vor uns sahen wir die letzten französischen Truppen, die sich doch ziemlich geordnet hatten, auf eiliger Flucht. Es war ein etwas nebliger Morgen, und zwischen uns und dem fliehenden Feinde war die Gegend leer; wir entdeckten von allen Seiten Kosaken, einzeln, in kleinen Haufen, die sich schnell in größere vereinigten und plötzlich auf die Feinde losstürmten. Diese bestanden aus Truppen, die, wahrscheinlich ermüdet und erschöpft, den übrigen nicht folgen konnten. In den Raum, der diese Truppen von den zusammenhängenden, sich zurückziehenden Massen trennte, drängten sich die Kosaken hinein. Wie durch einen Zauber wurden die abgetrennten Truppen umzingelt und von der Armee abgeschnitten. Die feindliche Arrieregarde hielt einen Augenblick, machte dann gegen uns Front und, ohne vorzuschreiten, begann sie ein ziemlich heftiges Gewehrfeuer. Der Raum zwischen uns und dem Feinde war zu groß, uns erreichten die Schüsse nicht. Die Kosaken aber mit ihren Gefangenen waren wie durch einen Zauber verschwunden; hier und da entdeckten wir rechts und links durch den Nebel einzelne, die den Feind aufmerksam beobachteten. Der eilig auf der Flucht begriffene Feind konnte nach einer Gewehrsalve nicht eine zweite wagen, schnell kehrte er uns wieder den Rücken, um sich den Fliehenden anzuschließen. Noch öfter erlebten wir dieses Schauspiel: das plötzliche Erscheinen der Kosaken, das Abschneiden zurückgebliebener Truppenkorps der Feinde, den erfolglosen Angriff, der, als er in einem schnell vorübergehenden Moment gerüstet dastand, keinen Gegenstand fand. General Wassiltschikoff machte auf dem kurzen Wege von Lützen nach Weißenfels auf diese Weise zweitausend Gefangene, ohne daß wir irgendein Gefecht zu bestehen hatten; die gedrängten Haufen eilten fort, und als wir die Vorstadt von Weißenfels erreichten, hielten die Franzosen die Stadt besetzt. Wir sahen, wie sie beschäftigt waren, auf einer schon fertigen Schiffbrücke über die Saale zu setzen. Aber viele Gefangene fielen auch hier in unsere Hände. Plötzlich erschien Blücher mit seiner Umgebung. Ich schloß mich nun ihm an, und wir bestiegen die Höhen hinter der Stadt, die parallel mit dem Fluß laufen. Die Feinde hatten noch Zeit, die schwimmende Brücke an sich zu ziehen, stellten sich jenseits des Flusses uns gegenüber, und wir hatten auf den Höhen eine ziemlich starke Kanonade auszuhalten. Der Nebel hatte sich verzogen, die Schiffbrücke, die von unserer Seite erbaut wurde, erreichte schnell das jenseitige Ufer, und der Feind, der jetzt in großer Unordnung floh, konnte das Landen unserer Truppen nicht hindern. Die Angriffe auf ihn fanden nicht hier allein statt. Von mehreren Seiten bedroht, beschleunigte er seine Flucht, und als wir den Weg von Weißenfels nach Freiburg verfolgten, sahen wir die furchtbaren Spuren der unter den Feinden entstandenen Verwirrung.

Was ich hier erblickte, ist mir unvergeßlich geblieben. Waffen, die weggeworfen waren, um die Flucht zu erleichtern, Kanonen, Munitionswagen, selbst Reisewagen zierlicher Art, die man wahrscheinlich verlassen hatte, weil die erschöpften Pferde sie nicht weiterziehen konnten, waren auf der Chaussee, auf den Feldern zusammengedrängt, soweit das Auge in der Richtung der Flucht reichte. Oft schien der Weg für uns völlig gesperrt, und wir mußten bedeutende Umwege machen. Die Feinde selbst waren aber völlig verschwunden; ich wenigstens sah keinen einzigen. Als wir Freiburg erreichten, erfuhren wir, daß Napoleon sich einige Stunden hier aufgehalten hatte; man will ihn durch ein Fenster erblickt haben, wie er den Kopf auf den Arm gestützt wie in dumpfe Verzweiflung versunken dasaß, ihm gegenüber Berthier in einer gleichen Stellung. Beide, versicherte man, blieben stumm; Offiziere, die hereintraten, wurden durch eine Handbewegung stillschweigend abgewiesen. Die Einwohner waren voll von Anekdoten, die eine völlige Mutlosigkeit des fliehenden Heeres bewiesen.

In der Voraussetzung, daß Napoleon bei Erfurt, wenn auch nur auf kurze Zeit, eine Position suchen würde, hatte Blücher sich entschlossen, die unmittelbare Verfolgung aufzugeben, über Langensalza nach Eisenach zu gehen und ihm auf diese Weise die Flucht abzuschneiden. Diese Voraussetzung traf nicht ein. Napoleons Verlust bei Leipzig war so groß, daß er erst jenseit des Rheins Sicherheit finden konnte. Ich will nichts von den einförmigen Märschen erwähnen, die ohne irgendein Interesse stattfanden; nur die Tage, die wir auf unserm Zuge zwischen Eisenach und Fulda zubrachten, sind uns deswegen wichtig geworden, weil wir hier die schauderhaften Folgen der großen Niederlage der Feinde erlebten. Die schnelle Flucht hatte einen großen Teil der französischen Truppen völlig erschöpft; wir fanden allenthalben einzelne Franzosen in dem jämmerlichsten Zustande zwischen den Gebüschen, mehrere dem Tode nahe; es schien, als hätten sich die großen Spitäler, die der Feind in Erfurt angelegt hatte, zum Teil entleert, und diese Gruppen hilfloser, meist sterbender Menschen entdeckten wir immer häufiger. Oft war es mir, als betrachteten sie es als ein größeres Unglück, von uns entdeckt zu werden, obgleich wir ihnen Hilfe boten, als in stiller Einsamkeit durch Hunger und Erschöpfung zwischen den Gebüschen zu sterben. Ich gestehe, daß ich wünschte, weit entfernt zu sein, daß dieser Jammer mir entsetzlicher vorkam als die größte Niederlage in dem heftigsten Kampfe.

Von Blücher, wahrscheinlich durch Gneisenau veranlaßt, erhielt ich einen sehr angenehmen Auftrag. Westfalen war von Truppen fast entblößt, unsere hatten diese Gegend noch nicht erreicht, und die zurückgebliebenen französischen waren, wie man voraussetzen konnte, nur in geringer Anzahl da und in einer bedenklichen Stellung. Die Provinz hatte bekanntlich von jeher eine große Anhänglichkeit an Preußen gezeigt. Nirgends war der Feind gehaßter. Mein Auftrag war nun, wo etwa feindliche Korps sich noch vorfanden, die Einwohner zu bewaffnen; man setzte mit Grund voraus, daß die einfache Aufforderung hinlänglich wäre und daß die Feinde, sowie eine Gärung im Lande entstand, eilen würden, es zu verlassen; ich sollte dann alle Zeichen der Knechtschaft vernichten, sollte allenthalben den preußischen Adler in den Städten anschlagen und ein provisorisches Gouvernement einrichten. Das letztere war freilich nur scheinbar; denn der Mann, dem es gebührte, diese Stelle einzunehmen, war da, und zwar auf eine entschiedene Weise. Er kannte seine Stellung und die ganze Provinz ihn und seine Verdienste. Es war der Präsident v. Vinke. Ein so ansehnliches Geschäft war mir natürlich äußerst angenehm, und Blüchers Wohlwollen gegen mich, Gneisenaus freundliche Gesinnung konnten sich auf keine Weise unzweideutiger äußern.

Ich verließ diesen, um nach Marburg zu reiten. Meine Armee, mit welcher ich Westfalen einnehmen sollte, bestand aus zwei Landwehrmännern. Der dritte war verschwunden; er hatte sich für krank erklärt, was der Arzt nicht zugeben wollte, und wo er hingekommen ist, habe ich nie erfahren. Als ich es im Hauptquartier meldete, scheint man gar nicht darauf geachtet zu haben. Mein Bursche bildete den Generalstab, und so gerüstet fing ich den weiten Marsch an, von Gießen nach einer Provinz, die, wie vorausgesetzt wurde, noch in feindlicher Gewalt war. Als ich ziemlich spätabends nach Marburg kam, war die Stadt völlig ohne Militär. Ich stieg in einem Gasthofe ab, wo meine Ankunft großes Aufsehen erregte; denn ich war der erste, der von der siegreichen Armee in diese Stadt kam; es war mir wunderbar zumute, als ich unter solchen Verhältnissen allein und mir selbst überlassen unter den Hessen erschien. Man wird sich meiner geheimen Verbindungen mit den rebellierenden Hessen noch erinnern, auch ward in Marburg der Professor Sternberg und Emmerich erschossen. Ich erfuhr durch den Wirt, dem ich, als ich mich nannte, schon bekannt war und der mich mit großem Enthusiasmus empfing, daß ganz in der Nähe ein Teil der Professoren der Universität versammelt war. Es war ein Klubabend. Ich eilte nach dem Orte hin und trat in die Mitte meiner Kollegen, die erst erstaunt schienen, mich aber, als ich mich nannte, mit großem Jubel empfingen. Ich gestehe, der Empfang erschütterte mich, wenn ich bedachte, wie meine Erscheinung ihnen die erste Morgenröte der Befreiung verkündigte. Ein jeder erinnerte sich der sieben traurigen Jahre, die er verlebt hatte, ein jeder erwartete von der nahen Zukunft das Beste; viele Erzählungen wurden vernommen als Belege von der Unfähigkeit, von der Armseligkeit des jetzt vertriebenen Königs, von der Schlechtigkeit seiner Regierung, unter welcher einige kenntnisreiche und wohlmeinende Männer nichts auszurichten vermochten; die tiefe Anhänglichkeit des Volks an seinen alten Herrscher ward mit Rührung erwähnt. Der lange unterdrückte Haß konnte sich unbefangen aussprechen. Es war schon ziemlich spät des Abends, als die Türe eilig geöffnet wurde und ich erfuhr, daß meine Ankunft in der ganzen Stadt schnell bekanntgeworden war und daß die Einwohner beschlossen hatten, mich in meiner Wohnung feierlich zu begrüßen. Ich verließ eilig die Versammlung, um sie zu empfangen. Da hörte ich von Ferne das Gemurmel des herandrängenden Volkes, ich sah in der tiefen Dunkelheit den geröteten Himmel und entdeckte einen Fackelzug, der sich nahte. Die Bewegung des Volkshaufens, der diesen Zug dicht umgab, äußerte sich auf eine laute, ja lärmende Weise. Als er anfing, sich vor dem Hause aufzustellen, fiel es mir ein, wie unschicklich es sei, eine solche Ehrenbezeigung als für mich bestimmt anzunehmen. Ich eilte hinunter, ließ mir von dem Wirt ein Glas mit Wein füllen und drängte mich in den Haufen, der einen, wenn auch nur engen, Kreis um mich zu bilden suchte. Hier forderte ich, so laut ich konnte, Aufmerksamkeit und Stillschweigen. Es war mir merkwürdig, wie nun das laute Getümmel, der Jubel und das Geschrei erst in den engeren, dann in immer weiteren und weiteren Kreisen in dem dunkeln, von Fackeln erhellten Raume verstummte und sich endlich, kaum vernehmbar, in weiter Ferne verlor. Da schwenkte ich das Glas und rief mit lautester Stimme: »Der alte Herrscher (eure Treue gegen ihn hat euch unter allen deutschen Völkern einen Ehrenplatz erworben) der Kurfürst soll leben, hoch!« – und leerte das Glas. Jetzt entstand ein grenzenloser Tumult, ich glaubte zu hören, wie er aus dem tiefsten Innern erklang, wie er die stillen Seufzer und Klagen aushauchte, wie er mit dem Haß gegen die Fremden, mit der Liebe und Zuneigung zum eigenen Fürsten geschwängert war; der Moment ergriff mich, mein Leben in und mit Deutschland, meine Teilnahme für das hessische Volk schwebte mir vor, und ich glaubte mich wie durch eine geheime Gewalt in den verborgensten Tiefen mit den vergangenen und zukünftigen Schicksalen des Landes verbündet. Da forderte ich abermals ein Stillschweigen. Der Kreis vergrößerte sich, die Fackeln erhellten ihn, allmählich entstand eine wunderbare Stille, und ich sprach. Das war nun kein Auftrag wie in Gießen: was der Moment hervorgerufen hatte, sprach sich mit aller Gewalt aus; ich erzählte, wie ich schon kurz nach der unglücklichen Schlacht mit vielen der Besten unter dem hessischen Volke, ohne daß wir uns persönlich kannten, aber durch gleiche Gesinnung im geheimen Bunde lebte; wie ich später mit tiefer Teilnahme die gerechten unwilligen Bewegungen des Volks verfolgt hatte; mit welcher Trauer ich Hoffnungen, welche sich in einem bedeutenden Augenblicke aussprachen, verschwinden sah; die Macht der Erinnerung durchdrang mich; ich weiß es, meine Rede war gewaltig; denn sie war durchdrungen und gehoben von den inneren Kräften meines ganzen durchlebten Daseins. »Und jetzt seid ihr frei«, sagte ich, »und die wogende Menge, die sich nun jubelnd um mich drängt, wird sich plötzlich in ein tapferes Heer verwandeln; die Väter werden ihre Söhne in den Kampf schicken, den sie selbst mit mächtiger Begeisterung fordern; die Mütter werden sie ausrüsten; kein Opfer wird verschmäht werden; die akademische Jugend wird die Hörsäle verlassen, um gestärkt durch eine frische Gesinnung zu den stillen Studien zurückzukehren. Ich begrüße eure Kämpfe und die Siege, die ein solches Volk und eine solche Gesinnung verdient und erringen wird.« Der Jubel, der jetzt entstand, war grenzenlos, und ich zog mich zurück. Deputierte der Bürgerschaft und später Abgeordnete der Studierenden traten in meine Stube ein und sprachen von dem großen Eindrucke der Rede. »Die Bürgerschaft fände sich«, wie sie sagten, »durch meine Rede geehrt, und die Zukunft würde zeigen, daß ich mich in meiner ihnen so schmeichelhaften Voraussetzung nicht getäuscht habe.« Ähnlich klang die Versicherung der Abgeordneten der Studierenden. Sie selbst und viele ihrer Kollegen hatten schon beschlossen, sich als Freiwillige zu stellen. In der Tat erfuhr ich später, daß eine bedeutende Zahl der Studierenden an dem Kriege teilnahm. Professor Niemeier meldete sich als Freiwilliger.

Die ganze Nacht hindurch wogte die Volksmasse auf den Straßen. Ich hörte die lauten Gespräche, das fortdauernde Toben der bald größeren, bald kleineren Haufen, die sich hier und da versammelten.

Ich durchschritt das hessische Gebiet, kam durch Corbach und über Brilon durch das reizende Gebirge und erreichte Arnsberg. Hier sollte nun meine Tätigkeit beginnen. Alle jubelten, als sie den ersten preußischen Offizier sahen. Kurz nach meiner Ankunft fand ein feierlicher Empfang statt; geputzte Jungfrauen der Stadt brachten mir Kränze, und ein Lied ward mir überreicht. Man kann sich denken, wie ein solches Bewillkommen mich rührte, aber ich sollte nun erfahren, daß ich in dieser Stadt auf eine höchst vorteilhafte Weise bekannt war. Der Leser wird sich vielleicht erinnern, wie ich in Jugendjahren auf einer Fußreise nach Frankfurt in Bamberg geehrt wurde, wie dort, als ich die Stadt verließ, zwei Jünglinge sich mir anschlossen, mich nach Freiberg und Dresden begleiteten und wie ich damals in heiterer jugendlicher Begeisterung ambulante naturphilosophische Vorträge den aufmerksam lauschenden Jünglingen hielt. Der eine, der sich durch seine bedeutende körperliche Größe auszeichnete, hieß Sauer; seine treue, kindliche Anhänglichkeit machte mir ihn sehr teuer. Er war aus Arnsberg gebürtig und hatte sich dort als Arzt niedergelassen. Unsere fröhliche Reise bildete einen Glanzpunkt seines Lebens, und ich erfuhr auf die rührendste Weise, welch einen dauernden Einfluß das warme Leben eines Lehrers auf eine empfängliche Jugend auszuüben vermag; er ward, wie man versicherte, nie müde, von dieser Reise, die einen bedeutenden Wendepunkt in seinem Leben bildete, zu reden, und vorteilhafter konnte ich nie in seiner Umgebung erscheinen. Sauer hatte die ganze Stadt, in der er als beliebter Arzt sich die Zuneigung und Achtung aller Einwohner erworben, in Trauer versetzt, als er kurz vor meiner Ankunft in seinen besten Jahren starb. So war ich nun nicht allein als der erste preußische Offizier nach der Befreiung eine allgemein ersehnte Gestalt der treuen Stadt, sondern auch als Mensch durch die freundlichen Lobsprüche eines geliebten Mannes der Gegenstand der allgemeinen Zuneigung der Einwohner geworden. Der Tod, welcher mir die Freude raubte, diesen dankbaren Mann zu begrüßen, den ich hier zu treffen gar nicht erwartete, erschütterte mich zwar tief, aber das ganze Verhältnis war doch auch für meinen Auftrag günstig.

Da sollte ich nun erfahren, wie wenig man sich auf die vorliegenden günstigsten Verhältnisse verlassen darf. Die bedeutende Rolle, die ich hier zu spielen hatte, fing auf eine für mich so viel versprechende Weise an, daß ich zu den größten Hoffnungen berechtigt war. Die Bewohner der ersten Stadt, die ich betrat, waren nicht allein für die Sache, die ich repräsentierte, sondern auch für meine Person auf eine unerwartete Weise gewonnen. Die Bewegung von hier aus würde, wie ich hoffen durfte, sich schnell über ganz Westfalen verbreiten; eine Proklamation war schon geschrieben, um gedruckt und an allen Straßenecken angeschlagen zu werden. Da erfuhr ich, daß das Armeekorps des Generals Borstel anrückte. Gegen Abend am zweiten Tage kam es an, und ich war plötzlich aus einem Volontäroffizier, der mit wichtigen Aufträgen erschien, in einen bloßen, völlig ohnmächtigen Sekonde-Leutnant verwandelt.

Mein ganzes Leben und meine Tätigkeit nahmen von jetzt an einige Monate hindurch eine andere Wendung. Als ich die Ankunft des Generals Borstel dem v. Oppen meldete, erhielt ich den Auftrag, während der noch immer herrschenden Waffenruhe in Westfalen zu bleiben, um dort die Bewaffnung der Landwehr zu beschleunigen. Dieses Geschäft war nun ein völlig ruhiges, nur von mancherlei kleinen Reisen unterbrochen.

Endlich erhielt ich nun auch den Befehl, mich zur Armee zu begeben, und ich leugne nicht, daß mir die Trennung von Düsseldorf schwer ward. Bei Deutz setzte ich über den Rhein und blieb einen Tag in Köln. Es war ein ziemlich kalter Januartag, und ich ließ mich nach dem Dome führen, wo ich den ganzen Tag, bis es dunkel ward, zubrachte. Ich ließ mir die Kirche aufschließen und verlor mich ganz in der Größe des Anblicks. Über den Eindruck, den der Dom auf mich machte, fand ich Gelegenheit, mich in der »Gegenwärtigen Zeit«Henrich Steffens: »Die gegenwärtige Zeit und wie sie geworden, mit besonderer Rücksicht auf Deutschland. Zwei Teile, Berlin 1817«: ein geschichtsphilosophisches Werk, das die Entwicklung des deutschen Volkes und seiner beiden größten Staaten als Produkt von germanischer Art und christlicher Gesinnung darstellt. zu äußern. Was man da liest, ward fast ganz, wie es gedruckt ist, unmittelbar nach dem Anblick des Domes in Köln niedergeschrieben; es war nicht der Dom allein, es war die ganze damalige Zeit in allen ihren Richtungen, die mich überwältigte. Als ich in den Chor eintrat, ergriff mich die einfache Größe der Erscheinung, und ich mußte mir gestehen, daß mich jetzt ohne allen Zweifel das erhabenste Menschenwerk umfing. Es war mir in der Tat zumute, als wäre ich der gegenwärtigen Zeit entrückt und in eine lichtere, tiefere, erhabene versetzt, als wäre es den Deutschen gelungen, das verborgene Mysterium aller Künste in ihrer göttlichen Einheit zu offenbaren; eine mannigfaltige Welt wechselnder Gestalten wuchs in die schlanken Säulen hinein, quoll aus diesen hervor, und das mächtige Gewölbe, von den Säulen getragen, dehnte sich zum Himmelsgewölbe einer eigenen Welt aus. Die Gestalten rissen sich von der dunklen Masse los und traten durch blendende Farben mit der Sonne in den beweglichsten Bund, die Orgeltöne schlugen mächtig in diese Zauberwelt hinein, und ich begriff es, wie der Sinn, der so Tiefes und Großes darzustellen vermochte, wie ein geheimes Echo aus der bewegten Brust in Strömen der heiligsten Andacht sich wieder ergoß. Das riesenhaft unvollendete GebäudeDer Kölner Dom, 1248 begonnen, wurde in einer 600 Jahre langen Bauperiode aufgeführt: von 1499 bis 1868 stand nur der südliche der beiden Türme und ebenso nur Teile der heutigen Schiffe. schloß sich an den vollendeten Chor an, und selbst das Unfertige schien als solches von hoher, geheimer Bedeutung; denn es lag als die unbestimmte Zukunft, einer umgekehrten Ruine gleich, durch welche das Rätsel der germanischen Nachwelt, nicht der Fall einer Vorwelt angedeutet wird. So erschien hier die Geschichte in ihrem Strome durch die Zeiten; die Größe der Vergangenheit umfing mich; der gewaltige Eindruck, der mich gefangennahm und festhielt, stellte eine reiche, ja heilige Gegenwart dar, und die Genien einer fernen Zukunft schwebten über den unfertigen Ruinen. Unsichtbar verbargen sie sich Jahrhunderte hindurch in dem riesenhaften Gemäuer; daß sie aus diesem wieder hervortreten und das große Werk der Zukunft als ein lichtes Tagewerk beginnen würden, konnte ich freilich damals nicht ahnen.

In Koblenz lernte ich zuerst Görres persönlich kennen. Dieser merkwürdige, geistreiche Mann, der von dem wilden Jakobinismus seiner frühern Jugend bis zu dem starrsten Katholizismus äußerlich wie innerlich so mancherlei tiefe Töne anschlug, er war eben beschäftigt mit einer Zeitschrift, die doch, wenn man sich in die Zeit zurückdenkt, zu den merkwürdigsten gerechnet werden muß, die jemals erschienen. Man kann mit vollem Rechte behaupten, daß vor und nach ihr niemals ein Blatt eine ähnliche Wirkung hervorgerufen hat. Es bildete zu seiner Zeit eine eigene, selbständige Macht und wirkte, nachdem die Feinde aus dem Lande vertrieben waren, wie ein eigenes Heer.Von 1814 bis 1816 gab Görres – der Vorkämpfer im besetzten Rheinland gegen Frankreich und hervorragende Wiedererwecker nationaler Gesinnung – den »Rheinischen Merkur« heraus, die »fünfte Großmacht wider Napoleon«. Ich brachte die wenigen Tage ganz mit ihm zu; verwandte Studien hatten uns miteinander verbunden, und ich gestehe, seine Persönlichkeit war mir auffallend. Ich erwartete nicht, den bis zum Extreme blonden Nordländer in ihm zu finden; er sprach nicht so gewandt, wie seine flammende Feder vermuten ließ, und die wunderliche Welt der schnell entstehenden, schnell verschwindenden, sich stets verwandelnden und sich übereinander wälzenden Bilder, die sich wie im Traume drängten und mit einer wunderbaren Leichtigkeit seiner Feder entflossen, schien doch seine Zunge nicht beherrschen zu können.

Ich war überrascht, als er mich tadelte, daß ich den Krieg mitmachte. »Der Gelehrte«, meinte er, »wäre verpflichtet, sich für sein geistiges Werk zu erhalten.« Mir aber ward unsere Verschiedenheit eben durch diese Ansicht klar. Die Feder war seine Waffe, weniger die meinige; als Kind der Anschauung mußte ich redend und kämpfend mich unmittelbar darstellen und mit meiner Person zahlen.

Ich verließ Koblenz und ritt durch das Moseltal nach Trier. Hier fand ich den Befehl, vorrückende und zur Armee marschierende Truppen abzuwarten und an diese mich anzuschließen. Es war verboten, allein oder mit wenigen durch das feindliche Land zu ziehen; dem Volke, welches jetzt den eigenen Boden zu verteidigen hatte, war nicht zu trauen, und einzelne oder wenige vereinigt waren schon verschwunden. Ich hielt mich also einige Tage in Trier auf, und hatte mich Köln in die glänzendste Epoche des Mittelalters versetzt, so trat mir hier, wie nirgends in ganz Deutschland, die massenhaft große germanische Römerzeit entgegen. Die römischen Kasernen, noch mehr die Bäder in der Nähe der Stadt, vor allem die kolossale Porta zeigten mir auffallend den Gegensatz zwischen dem noch in seinem Hinsterben riesenhaften Rom und dem blühenden christlichen Mittelalter. Wenn in diesem letztern der Stein sich für ein buntes Leben eröffnete, daß eine eigene bewegte Welt aus den Massen hervorquoll, so begrub sich vielmehr in jenem eine riesenhafte geschichtliche Macht in die Massen, die Gestalten erstarrten in den Quadern, und keine mögliche Ankunft sprach sich aus diesen aus; das vergangene Dasein war auf immer verstummt; der unerbittliche Tod sprach uns in seiner Erstarrung an. Dort in Köln aber war es ein Scheintod, die Pulse stockten, aber wir erwarteten immer, sie wieder schlagen zu hören, wir lauschten auf den erneuerten Atemzug und erwarteten den Augenblick, in welchem die tief schlummernde Gestalt die Augen eröffnen würde.

So bedeutungsvoll angeregt, brachte ich etwa eine Woche in Trier zu; bis an die Grenze Deutschlands blieb ich in friedlicher innerer Beschäftigung: da erschien Graf Haak mit einem Regiment Kürassiere, ich schloß mich ihm an, und der Winterfeldzug des Jahres 1814 in Frankreich nahm mich ganz in Anspruch.

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Wir standen vor Paris. Die Stellung der Truppen ist mir unbekannt; die Hügel von Pantin und Montmartre verbargen die Stadt ganz; selbst die Blücherschen Korps fochten in der Ferne. Vor uns lagen nun diese Hügel, hinter uns sahen wir den Turm von St. Denis, das Hauptquartier war auf einer weiten Ebene versammelt, und lange vernahm ich von der Schlacht und von den Bewegungen in Paris gar nichts. Ich hatte den Tag vorher in großer Spannung einen beschwerlichen Marsch gehabt, hatte die Nacht schlaflos zugebracht, und als wir hier stundenlang von den Truppen getrennt auf der Wiese hielten, ohne etwas zu erfahren, steigerte sich die Ungeduld bis aufs höchste, stumpfte sich dann in sich selber ab, und mich ergriff in diesem wichtigen Moment eine unwiderstehliche, höchst verdrießliche Schläfrigkeit. Unsere Pferde waren weiter zurückgeblieben. Ich hüllte mich in meinen Mantel ein und verfiel in einen tiefen Schlaf.

Als ich erwachte, fand ich mich ganz allein; auf der ganzen weiten Ebene entdeckte ich keinen Menschen, um mich herum fand ich Kanonenkugeln, welche die Erde aufgewühlt hatten; ich wußte nicht, wo ich mich hinbegeben sollte. Es dauerte lange, ehe ich das Hauptquartier wiederfand. Es hatte sich rechts näher an den Montmartre gezogen. Ich vernahm nun, daß die Generäle den Platz verlassen hatten, weil der Feind ihre Gegenwart entdeckt hatte und die Kanonenschüsse immer heftiger wurden. Zwar fand die Kanonade auch früher statt; sie steigerte sich später, vermochte aber meinen Schlaf nicht zu stören. Wäre ich von einer der um mich herliegenden Kugeln getroffen worden, ich glaube, ich wäre schlafend aus der Welt geschieden. Jetzt wurden die Nachrichten von den Fortschritten unserer Armee immer häufiger, die aus andern Berichten hinlänglich bekannten gesteigerten Unruhen in Paris, die erst versuchte und dann wieder aufgegebene Verteidigung der Stadt erscholl immer entschiedener; noch suchten die Franzosen sich auf dem naheliegenden Montmartre zu verteidigen. Es war wieder ein sehr schöner Frühlingsabend; Gneisenau stand, von wenigen Offizieren umgeben, auf der Ebene. Da erschien ein französischer Offizier. Es war Bourgoing, ein Sohn des auch als Schriftsteller bekannten spanisch-französischen Gesandten; er überbrachte die Nachricht von dem geschlossenen Waffenstillstand. Während er seinen Bericht abstattete, schlug eine Granate in unserer Nähe in einen Munitionswagen ein. Die Trainknechte zerhieben eilig die Stränge und entfernten sich im Galopp, Bourgoing sah etwas bedenklich um sich, Gneisenau entfernte sich langsam, die Granate platzte, eine heftige Explosion fand statt, die Trümmer flogen in großen Bogen über unsere Köpfe weg, und Gneisenau setzte das Gespräch mit größter Ruhe fort. Ich erhielt von dem General den Auftrag, den auf dem Abhange des Montmartre fechtenden russischen Truppen die Nachricht von dem abgeschlossenen Waffenstillstande zu überbringen.

Da, wo ich den Berg bestieg und die fechtende Avantgarde traf, war dieser mit dichtem Gebüsche bewachsen, und es dauerte einige Zeit, ehe es gelang, die vereinzelten Tirailleurs aus dem Gefechte zurückzurufen. Da aber nun auch die Feinde sich zurückzogen, so hörte der Angriff hier wie auf allen andern Punkten auf, und eine wunderbare Ruhe trat allenthalben ein. Ich bestieg den Berg, die Russen hatten die Stadt eingenommen, und wenige Minuten später erschien Gneisenau.

CuvierDer Baron von Cuvier, 1769-1832, war gleich berühmt als vergleichender Anatom, Zoologe und als Begründer der wissenschaftlichen Paläontologie. Er war der erste, der aus den in den Steinbrüchen des Montmartre gefundenen Resten von Knochen die Skelette ausgestorbener Tiere rekonstruierte, wodurch es gelang, wieder wichtige Schlüsse auf die Entwicklung der Erdoberfläche zu ziehen. Mit Alexander Brongniart zusammen bereiste er das Pariser Becken und veröffentlichte die epochemachende Schrift: » Sur la géographie minéralogique du bassin de Paris«, worin er zuerst die See- und Küstenwasserbildungen zu unterscheiden lehrte. – Cuvier starb als Staatsrat, Sekretär der Akademie der Wissenschaften und Pair von Frankreich. und Brongniart hatten in den letzten Jahren ihre in der Geognosie epochemachenden geognostischen Untersuchungen bekanntgemacht, und ich glaubte mit dem Montmartre, seiner Umgebung und seiner Lage sehr wohl bekannt zu sein. Ich ersuchte den General, mich zum Führer anzunehmen. Daß wir vor Begierde brannten, Paris in seinem ganzen Umkreise zu unsern Füßen liegen zu sehen, war natürlich. Gneisenau, heiter gestimmt, gewährte mir freundlich meine Bitte. Ich führte ihn und seine Umgebung durch eine Straße, die aber gerade vor uns durch Häuser abgesperrt war; »da liegt Paris, das ist entschieden«, sagte ich, als Gneisenau sich an mich wandte und lächelnd ein langsam fragendes »nun« aussprach. Ein großer Torweg lag links vor uns, wir befanden uns auf einem Kirchhofe. Eine niedrige Mauer begrenzte ihn, und vor uns lag in der schönsten Abendbeleuchtung die große Stadt, die wir erobert hatten, und ich stand neben Gneisenau.

Ich faltete still die Hände; ein Gebet schwebte stumm auf meinen Lippen, es war der größte, ja der heiligste Moment, den ich erlebt habe; die ganze inhaltschwere Zeit, seit ich in Halle durch Boltenstern, obgleich aus der Ferne, in die erste geheime Verbindung mit Gneisenau trat, die stillen, vertrauten Zusammenkünfte in Breslau, der Ausbruch des Krieges in dieser Stadt mit seiner mächtigen Begeisterung, der ganze Feldzug mit seinen verworrenen Ereignissen und glänzenden Siegen schwebten vor mir. Paris, und mit dieser Stadt der mächtige Riese, der Europa erschüttert hatte, lagen ohnmächtig zu unseren Füßen. Ich sah nichts als die mächtige Stadt, die jahrhundertelang Europa beherrscht, alle herrschenden Gedanken gefangengenommen und gefesselt hatte; bis jetzt konnte sie sich mit Recht die große Stadt, die Hauptstadt der Geschichte und der Kultur der Völker nennen. Ich sah nichts als diese Stadt, und der heiter gestimmte Held, wie er siegreich verklärt dastand, schien mir die edle Gestalt, der Genius des Krieges, uns der rettende, dem gestürzten Riesen der richtende zu sein. Ich blickte noch weiter um mich her und in mich hinein, ich erlebte die Zeit, als ich noch im vorigen Jahrhundert zuerst freudig begeistert mit jugendlicher Hoffnung die deutschen Gaue begrüßte, aber inmitten des freundlichen Genusses das drohende Gewitter erkannte, welches von Ferne aufzog, langsam sich näherte, zerschmetternd unter uns einschlug, – und nun still sich zerstreute und die Sonne und den heitern Himmel uns wiedergab. Der klare, schöne Abend war selbst das treueste Bild des schönen Traumes, der mich gefangenhielt.

Ich war in einem Hause mit General Gneisenau einquartiert, und gegen Mittag erschien er mit seiner liebenswürdigen Verlegenheit in meiner Stube; ich sah es ihm an, daß er mir etwas zu sagen hatte, was, wie er befürchtete, mir unangenehm sein würde. Erst sprach er von manchem hin und her, von Szenen aus dem Feldzuge, mit Anerkennung von dem wenigen, was ich geleistet hatte, und suchte mich offenbar in eine heitere Stimmung zu versetzen. Endlich konnte er mir doch das Unangenehme nicht verbergen. »Lieber Steffens«, sagte er, »heute nachmittag findet der feierliche Einzug des Kaisers und des Königs von Preußen in Paris statt; die Truppen, die am wenigsten durch den Feldzug gelitten haben, werden sie begleiten, und die Offiziere erscheinen sämtlich in Paradeuniform.« Ich unterbrach ihn schnell und zwar laut auflachend: »Ich kann«, sagte ich, »freilich nicht dabei sein; zur Parade bin ich nicht eingerichtet.« Ich versicherte ihn, daß ich diesen Übelstand nicht einmal bereuen könnte. Ich würde mich still in Paris einschleichen, um nicht als ein Schmutzfleck der stattlichen Garde zu erscheinen. Einer meiner Freunde aus Schlesien, der jetzige Oberregierungsrat Häckel war mit mir in gleicher Lage; er war lange von uns getrennt gewesen, weil er, vom Nervenfieber ergriffen, irgendwo zurückblieb. In den letzten Tagen des Feldzuges erschien er wieder, trug aber noch immer starke Spuren der langsamen Genesung und war bürgerlich gekleidet. »Wir wollen«, sagte ich, »auf gut Glück nach Paris hineinreiten; ich liebe es, mich in einer großen Stadt zu verirren; ich möchte eine Wette darauf eingehen, wir finden irgendeinen uns bekannten Deutschen, der uns zurechtweist.« Er nahm meinen Vorschlag, der ihm pikant schien, an, und wir warteten den Augenblick ab, als die Generäle, die Offiziere und die Truppen in ihrem Paradeanzuge das Städtchen verlassen hatten. Wir ritten darauf, ohne irgendeine Erkundigung einzuziehen, einen sehr steilen, holprigen Weg nach Faubourg Montmartre hinunter; die Straßen der Vorstadt waren menschenleer, nur hier und da entdeckten wir einzelne Personen, die forteilten, und wir glaubten uns nicht zu irren, wenn wir derselben Richtung folgten. So erreichten wir den Boulevard eben in dem Augenblick, als uns zur Linken in einer ziemlichen Entfernung Kaiser und König mit den Truppen bei den prächtigen Häusern langsam und feierlich vorbeizogen. Eine unübersehbare Menschenmasse war in den Nebenstraßen zusammengedrängt; man hatte Mühe, durch Militär den Platz für die Sieger zu gewinnen; alle Fenster der prachtvollen Wohnungen waren mit jauchzenden Zuschauern besetzt; die Damen in den elegantesten Anzügen; weiße Schnupftücher wehten aus den Fenstern, ein Lilienregen fiel aus allen Stockwerken auf die siegreichen Feinde,Die weiße Lilie ist das Symbol der Bourbonen, die nach der Ära der französischen Revolution und Napoleons mit Ludwig XVIII. wieder auf den Thron kamen. auf der Straße erschienen alle wohlgekleideten Herren mit weißen Kokarden; man sollte glauben, ein siegreiches französisches Heer hätte einen gefährlichen Feind vernichtet und zöge jetzt triumphierend in die Stadt ein: und in diesem Augenblick ging der Held, der den ganzen europäischen Kontinent bezwungen hatte, der erstaunliche Mann, welcher Frankreich zum Herrn aller Völker machen wollte, wie einst Julius Cäsar, von wenigen Truppen begleitet, von den Einwohnern verlassen, seiner Vernichtung entgegen! Ich gestehe es, in diesem Augenblick erschienen mir die Pariser verächtlich. So wurde Napoleon doch noch nirgends in Deutschland empfangen! In Berlin empfing ihn der stille verbissene Ingrimm.

Wir eilten stillschweigend über den Boulevard; ich fühlte mich, indem ich mich in die Seele der Pariser hineindachte, wie tief beschämt; ich konnte diesem unwürdigen Schauspiele gegenüber die Freude unseres Triumphes nicht fühlen, und es war mir, als müßte ich, von der Scham der Einwohner durchdrungen, schüchtern in den menschenleeren Straßen des Boulevard mich verbergen. Hier faßte ich mich, erwog alle Verhältnisse und betrachtete das Schauspiel ans einem milderen, gerechteren Gesichtspunkte. Hatten wir doch erklärt, daß wir nur Napoleon, nicht das französische Volk bekämpften; aber jener hatte viele Feinde, und als seine Eroberungssucht immer grenzenloser ward, als er die kampffähige Masse des ganzen Landes in Anspruch nahm und es völlig erschöpfte, wuchs die Zahl seiner Gegner. Viele Tausende hielten sich für überzeugt, daß nur die Rückkehr zur alten Dynastie, zum alten, geschichtlich gesetzmäßigen Anstande das Land retten könnte, und hatten die alte Treue durch alle Greuel der Revolution, bei allem Glanz der Siege der großen Armee unerschütterlich festgehalten. Als Napoleon den Emigranten die Rückkehr erlaubte, benutzten viele Tausende diese Erlaubnis; die alte väterliche Heimat zog sie an, aber sie änderten ihre Gesinnungen nicht. Über alles drückend war ihnen die napoleonische Herrschaft, der Gipfel der ihnen verhaßten Revolution. Diese Franzosen waren jetzt mit uns die Sieger; das Land war in seiner Selbständigkeit gesichert, die verdrängte Dynastie würde, das hoffte man mit Zuversicht, wieder zurückkehren; wie viele hatten für diese, jetzt in Paris versammelt, teils in gefahrvolle Konspirationen verflochten, teils verzweiflungsvoll in der Vendée kämpfend,Im Jahre 1793 hatten sich in der Vendée die royalistischen Landbewohner gegen die Conventsregierung erhoben. das Leben gewagt. Diese durften sich wohl, wie wir, befreit glauben, und sie drängten sich jetzt alle nach dem Boulevard. Die bei weitem größere Zahl der Einwohner, welche die Schmach des Landes, des sonst siegreichen Heeres fühlten, die den jetzt gestürzten Helden mit Teilnahme in seinem letzten, verzweiflungsvollen Kampfe begleiteten, die sich durch den König, von einer fremden Macht ihnen aufgedrungen, tief verletzt fühlen mußten, verbargen sich und ihren Gram in den Häusern; wir fanden die Straßen leer; denn die größere Zahl der Einwohner erschien an diesem Trauertage nicht, während die bei weitem kleinere, leichtsinnig jubelnd, die grauenhafte Niederlage als einen Sieg begrüßend, die nahe Umgegend und die Fenster aller Häuser erfüllte. Ein teilnehmendes Gefühl der Trauer und des Schmerzes erfüllte auch mich, als wir stillschweigend durch die Straßen irrten.

Die Richtung, die wir nahmen, war eine durchaus absichtslose; wir hatten aber eben die Gegend und das Théâtre italien erreicht, als ein bescheidener junger Mann uns deutsch anredete. »Darf ich wohl fragen«, sagte er, »ob Professor Steffens der Armee nach Paris gefolgt ist?« »Siehst du«, sagte ich zu meinem Freunde, der doch zu glauben anfing, daß dieses abenteuerliche Hineinreiten in Paris uns in Verlegenheit setzen werde, »daß ich recht hatte?« Der junge Mann war ein Leipziger Kandidat oder Doktor der Medizin, der sich in Paris aufhielt, um unter Cuvier die komparative Anatomie zu studieren. Er folgte uns, verschaffte uns eine wenigstens provisorische Nachtherberge in irgendeinem nahen Hotel und blieb bei uns.

Durch den jungen Mann erfuhr ich nun, daß Cuvier seinen Zuhörern erzählte, ich hätte die Wissenschaft und alle Studien aufgegeben und wäre Soldat geworden. Cuvier gehörte zu den ersten, die ich besuchte. Ich ward von ihm mit großer Höflichkeit aufgenommen, und nach einigen Gesprächen bemerkte ich bald, daß er von einer Furcht ergriffen war, die mich in Erstaunen setzte. Zuletzt sprach er sich vollkommen und unumwunden aus. Man glaubte, ich hätte den Auftrag, die Sammlungen im Jardin des plantes zu plündern. »Diese Plünderung«, sagte ich, »wäre der napoleonischen in Rom keineswegs zu vergleichen; dort war es allerdings ein Raub, dessen Gegenstand sonst unter kultivierten Völkern als außerhalb des Krieges und seinen Folgen liegend betrachtet wird, aber es war doch der Staat, den man beraubte: hier aber wäre es, als dränge man, von den siegreichen Fürsten dazu beordert, in Raffaels Künstlerwerkstätte ein und entrisse ihm seine eigenen Werke. Die Schätze der hiesigen Sammlungen sind nicht bloß zufällig zusammengeraffte oder für Geld erstandene, sie sind zugleich, geordnet und zubereitet, wie wir sie finden, Geisteswerke der französischen Naturforscher. Geraten sie durch Raub in fremde Hände, so verlieren sie ihre lebendige Bedeutung; der Räuber ist nicht nur ein sittlich beschimpfter, er würdigt sich auch, will er die Sammlung benützen, zum bloßen Kommentator der französischen Gelehrten herab. So tief sind die deutschen Gelehrten nicht gesunken. Sie werden«, fuhr ich lächelnd fort, »zwar eine Unbequemlichkeit erleben, und in dieser Beziehung möchte ich Sie und die Direktoren der Sammlungen bedauern. Die Zahl der gewöhnlichen Besucher wird über alles Maß zunehmen; nicht allein die Offiziere, eine große Menge der Gemeinen selbst sind gebildete Männer, die den Jardin des plantes und seine durch das Genie der Gelehrten des Landes gehobenen und verklärten Schätze sehr wohl zu würdigen wissen. Sie werden indessen diese Krieger bescheiden, lehrbegierig zwar, aber schüchtern finden, indem sie sich den Männern nähern, die sie hoch achten und verehren.« Cuvier war offenbar beruhigt. In seiner Freude ergriff er die Sammlung der in den Annalen der Akademie einzeln abgedruckten Abhandlungen über die Umgegend von Paris und überreichte sie mir als Geschenk. Er erbot sich, mich, soweit die Zeit es erlaubte, in den Sammlungen für die komparative Anatomie durch einen zusammenhängenden Vortrag zu orientieren. Es war nicht eine bloß leere Versicherung, sondern sein völliger Ernst. Zwar kannte ich noch nicht meine zukünftige Stellung in der Armee, sah aber wohl ein, daß man keine Ansprüche an mich machen, am wenigsten mich in meinen Studien stören würde. Cuvier ruhte nicht, bis Tage und Stunden festgesetzt waren. Ich verdanke diesem großen Forscher sehr viel; sein Vortrag war ungemein klar, die Geduld, die er dem Unkundigen, der ihn oft mit lästigen Fragen unterbrach, zeigte, unerschöpflich. In der Tat war die Menge der Untersuchungen, die durch ihn selbst und durch seine Schüler angestellt wurden und über welche es mir vergönnt war, mir eine allgemeine Übersicht zu erwerben, so unermeßlich, daß das, was gedruckt werden konnte, zu dem mehr oder weniger schon Erforschten sich wie ein Minimum verhielt, und darin lag der große Wert des Unterrichts. Die Kenntnisse, die man sich hier erwarb, konnte man sich durch keine Schriften verschaffen. Was Cuviers ausgezeichneter Freundlichkeit gegen mich einen höheren Wert gab, war, daß meine ganze Unterhaltung mit ihm sowie seine Vorträge in deutscher Sprache stattfanden.

Noch lag unser Verhältnis zum französischen Volke unentschieden vor mir. Es war noch in den ersten Tagen. Alle zusammengeraubten Kunstschätze boten sich den Siegern zum Genusse dar, und ich eilte nach den Sammlungen des Louvre. Hier fand ich nun, wie bei Cuvier, Beweise der Angst, welche die Einwohner ergriffen hatte, die aber bereits wieder verschwunden war. Die Versicherungen des Kaisers wie des Königs hatten die Pariser völlig beruhigt. Als ich in den Saal der antiken Statuen trat, erblickte ich die Gruppe des Laokoon, die Statuen des belvederischen Apoll und der Mediceischen Venus eingemauert; diese Mauerumgebungen standen frei in dem großen Saale und man war eben im Begriff, sie zu zerstören. Einzelne Köpfe der Laokoontischen Gruppe traten aus der umhüllenden Steinmasse hervor; der Apoll zeigte nur erst sein Stolz gebietendes Antlitz; die Venus war bis zur Hälfte entblößt, und ich erblickte sie, wie sie nicht den leichten Wellen, sondern den gestaltlosen rohen Massen entstieg.

Und hier trat nun der Schluß des Krieges, das Resultat unserer Siege mir, wie so vielen, fast verletzend entgegen. Zwar erwartete, ja wünschte ich eine milde Schonung der überwundenen Feinde in ihrer glänzenden Hauptstadt; zwar würde meine Gesinnung, wäre es in der Verwirrung unserer damaligen Lage möglich gewesen, sie laut zu verkündigen, eben der Milde wegen hart getadelt worden sein; am aller entschiedensten in dem Heere, mit welchem ich in Paris einrückte. Als ich nun aber die Schonung, die ich wünschte, in eine Huldigung verwandelt sah, als die siegreichen Regenten sich selber, als beherrschten sie Barbaren, der Hauptstadt gegenüberstellten; als ich sah, wie diese noch immer als die Hauptstadt der Welt betrachtet wurde: da war es mir, als erblickte ich Attila vor Rom; da ergriff mich eine tiefe Wehmut, die sich bis zum Ingrimm steigerte. Ich sah es, wie unsere Stärke eben in ihrem heiligsten Urgrunde verletzt wurde, deshalb auch gelähmt erschien und sich in knechtische Unterwerfung verkehrte. Hätten die Pariser dieses früher auch nur geahnt, sie hätten recht gehabt, als sie uns jubelnd empfingen. Wie fern lag uns noch der wahre Sieg.

Ein Abend in der Großen Oper während der ersten Tage unseres Aufenthaltes war besonders merkwürdig. Es war mir gelungen, einen Platz ganz vorn am Orchester zu erlangen; ich lehnte mich an die Barriere, die dieses von dem Parterre trennte, und sah mit Lust, wie Parterre und Logen des ansehnlichen Amphitheaters sich allmählich füllten. Ich betrat zum erstenmal ein französisches Theater. Der Eindruck war doch mächtig. Ein Gemurmel, welches sich erst in engeren Kreisen, dann in immer größeren vernehmen ließ, überzeugte mich, daß dieser Abend nicht bloß durch die Darstellung einer Oper, sondern auch sonst auf andere Weise höchst interessant werden sollte. Die entgegengesetzten Parteien hatten diesen Abend für Demonstrationen nationaler Gesinnung bestimmt; im Orchester, gerade vor mir, saß Spontini, und vor ihm lagen zu meinem Erstaunen die Noten zu zwei Opern; sie waren beide noch nicht aufgeschlagen, ich konnte die Titel lesen. Die eine Oper war » Le triomphe de Trajan«, die zweite Spontinis »Vestalin«. Ich glaubte hier schon die Vorbereitung zu den beiderseitigen Demonstrationen zu erkennen und irrte mich nicht.

Endlich ward die Bewegung immer lauter. Ein Teil des Publikums forderte den Triumph des Trajans, ein anderer die Vestalin. Wie ich später hörte, war die erste Forderung von dem napoleonisch gesinnten Personal der Großen Oper ausgegangen; das Publikum schien geteilt, die entgegengesetzten Forderungen schwankten hin und her und wuchsen bis zur Betäubung. In Tiecks »Gestiefeltem Kater« wird das mitspielende Publikum über das im Stücke aufgeführte Stück zum heftigen Zorn hingerissen; dann erscheint ein Besänftiger; aus der»Zauberflöte« wird die Arie »In diesen heil'gen Hallen kennt man die Rache nicht« usw. gesungen, und das Publikum beruhigt sich nicht allein, sondern bricht auch in heftige Beifallsbezeigungen aus. Diese Szene ward nun durch das zum Drama verwandelte Parterre und durch die mitspielenden Logen hier wiederholt. Das Lied » Vive Henri quatre« aus der »Jagd« ward gespielt; viele Zuhörer stimmten ein, allenthalben ward geklatscht, man glaubte das Publikum beruhigt, der Vorhang ward aufgezogen, die Sänger der Vestalin traten hervor: aber plötzlich erscholl nun ein furchtbares Geschrei, jene mußten sich zurückziehen, der Vorhang fiel, und der Kampf fing auf die nämliche betäubende Weise von neuem an. Jetzt erschienen nun auch Männer in der Königlichen Loge, Leitern wurden hereingebracht und bestiegen, und der Kaiserliche Adler, der über der Loge angebracht war, wurde unter einem fürchterlichen Gemisch von Zischen, Schreien und Beifallsäußerungen abgenommen. Mehr als eine Stunde verging unter dem Wechsel von laut gewordenen entgegengesetzten Forderungen und vorübergehender Besänftigung, wenn man das Lied anstimmte. Endlich, während einer kleinen Pause, rief jemand, daß man eine Deputation an den Kaiser Alexander senden wolle und daß man hoffe, das Publikum würde mit seiner Bestimmung zufrieden sein. Während dieser Zeit schwiegen zwar die Forderungen der entgegengesetzten Parteien, aber fast drohender noch schien die zurückgedrängte Bewegung, und der gedämpfte Laut, der durch so viele tausend heftige, vereinzelte Gespräche entstand, erklang wie das Brausen eines gewaltigen Sturmes, der sich immer drohender näherte. Die an den Kaiser Abgesandten erschienen wieder. Als sie sich über die Loge lehnten und erkannt wurden, entstand plötzlich eine große Stille. Der Kaiser, welcher, wie es schien, eine jede Gelegenheit ergriff, um dem Pariser Volk seine Hochachtung zu bezeigen, ließ antworten, daß er sich in diesen Kampf nicht mischen wolle; eine jede Wahl des ihm schätzbaren Publikums wäre ihm recht.

Jetzt erhob sich, da der Kaiser selbst den Kampf zu billigen schien, das Geschrei noch viel wilder. Es gab Augenblicke, wo ich erwartete, daß die Parteien sich wechselseitig körperlich angreifen würden, daß dieses dramatische Vorspiel, welches ohnehin als ein solches viel zu lange gedauert hatte, sich in eine Tragödie von mehreren Akten verwandeln würde. Ich glaubte mich in den Saal des Nibelungenkampfs versetzt und sah schon das vergossene Blut und den gefährlichen tödlichen Ausgang. Währenddessen eilte man ängstlich wieder zum Kaiser. Dieser wählte die Vestalin; das Publikum unterwarf sich dem kaiserlichen Entschluß; das Stück fing an, aber die Mitternachtstunde näherte sich. Es war merkwürdig, wie schnell die aufgeregten Massen beruhigt waren; alle schenkten der Darstellung die größte Aufmerksamkeit. Man hätte glauben sollen, Männer und Frauen zu sehen, die eben die stille ruhige Beschäftigung beseitigt hatten, die ihre Familien mitbrachten, um einen ergötzlichen Abend zu genießen. Selbst zwischen den Akten blieb alles ruhig. Ein großes Ballett folgte nach der Oper, die zahllose Menge der Menschen trennte sich ohne irgendeine bedeutende Aufregung; es war tief in der Nacht, als ich nach Hause kam. Das heftige Vorspiel erschien mir nach der ruhig genossenen Darstellung wie ein wilder Traum.

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Durch Deutschland eilte ich nun, obgleich ich mich an einigen Orten ein paar Tage aufhielt, durch meinen Kurierpaß begünstigt, weiter. Ich konnte mich in Heidelberg nicht entschließen, den mürrischen VoßJohann Heinrich Voß lebte seit 1805 in Heidelberg, beschattet von dem literarischen Kampf gegen die Romantiker. aufzusuchen, aber ich verlebte einige sehr schöne Tage mit Paulus.Heinrich Eberhard Gottlob Paulus, 1761-1851, als Theologe Wortführer der rationalistischen Richtung, 1789 als Professor in Jena bereits mit Steffens befreundet, war seit 1811 Dozent an der Universität Heidelberg. Zu Jena, in jener heitern Zeit, war ich oft in seinem Hause gewesen. Seine schon damals als Kind mir höchst interessante Tochter war nun zur blühenden Jungfrau herangewachsen. Auch Thibaut,Anton Friedrich Justus Thibaut, 1772-1840, 1802 Rechtslehrer an der Universität Jena, 1806 in Heidelberg; »Über die Notwendigkeit des allgemeinen bürgerlichen Rechts für Deutschland«. mein Jugendfreund aus Kiel, und seine Frau, die Tochter des Professors Ehlers, nahmen mich mit jener herzlichen Freude auf, mit welcher man Menschen entgegenkommt, die uns an eine heitere jugendliche Zeit erinnern. Thibauts großer Ruf als Jurist war schon begründet; und wir erinnerten uns an die schöne Aussicht, die leider nicht erfüllt wurde, als Kollegen in Halle zusammenzuleben. Er hatte, als ich nach Halle berufen ward, ebenfalls einen Ruf dahin erhalten, machte aber, was ich auch nicht billigen konnte, zu viele Forderungen und Schwierigkeiten, so daß die Unterhandlungen abgebrochen wurden. Thibaut hatte seine Neigung zur Musik, die ich aus unserem früheren Zusammenleben schon kannte, festgehalten. Der musikalische Hauskreis, der später so berühmt wurde,Thibaut veröffentlichte ein Werk: »Über Reinheit der Tonkunst.« fing schon an sich zu bilden, und ich verlebte einen sehr anmutigen musikalischen Abend, der mir doppelt lieb war, da ich einen solchen, seit ich Breslau verließ, völlig hatte entbehren müssen. Die Tage brachte ich nun mit Freunden in Deutschlands reizendster Gegend zu; ich war mit Thibaut und seiner Familie fast einen ganzen Tag auf dem schönen Schloßberg in der schönsten Jahreszeit. Mir war es, als begrüßte mich Deutschlands lieblicher Genius; die früheste Zeit meines Lebens unter Deutschen in Kiel verband sich mit der letzten, die ich erlebte; das Gefühl eines tiefen Friedens, wie es sich aus der heiteren Gegend und aus den freundlichen Menschen in meiner Nähe aussprach, umfing mich; meine eigene Familie, die ich in wenig Tagen sehen sollte, begrüßte mich; das durchlebte Jahr schwebte mir wie ein dunkler Traum vor, und ich feierte den Frieden wie einen Frühlingstag einer freundlichen Zukunft, von der schönsten Natur getragen, durch treue Freundschaft erheitert. Nichts störte die wunderbare Windstille, die keine Ahnung zukünftiger Stürme aufkommen ließ.

Ich eilte durch das Neckartal nach Würzburg; hier brachte ich einen Tag mit einem Arzt, Herrn v. Schellhammer zu, den ich bei meinem ersten Aufenthalt in Berlin kennengelernt hatte. Das in meiner Jugend mir so wichtig gewordene Bamberg und an diesem Arte MarcusBerühmter Arzt und Vertreter der Brownschen Theorie. begrüßten mich.

Man wird sich erinnern, daß ich in früheren Jahren in Jena, aus einer einseitigen Laune, die mich beherrschte, Jean Paul, der damals sich in Weimar aufhielt, absichtlich vermied: jetzt beschloß ich, ihn aufzusuchen. Als er einen preußischen Offizier bei sich eintreten sah, schien er etwas überrascht; als ich mich aber nannte, empfing er mich auf seine enthusiastische Weise. In seinem Hause blieb ich einige Stunden, und diese waren kaum verflossen, als wir so vertraut waren, als hätten wir Jahre miteinander verlebt. Seine geistreiche Frau war ebenso offen und mitteilsam wie er. Er trat mir völlig so entgegen, wie ich ihn mir dachte, nur seine Gestalt überraschte. Man hätte hier eher einen magern blassen Menschen erwartet als den wohlbeleibten Herrn, der doch einem Brauer oder Bäcker zu ähnlich sah. Jean Paul ist als eine vollkommen eigentümliche Natur trotz seiner Bizarrerie doch in der deutschen Literatur unsterblich, und treffender ist nichts über ihn gesagt, als was die Xenie enthielt, die man als das bleibende Motto seines literarischen Lebens betrachten kann:

»Hieltest du deinen Reichtum nur halb so zu Rate, wie jener Seine Armut, du wär'st unsrer Bewunderung wert.«Aus Goethe-Schillers Xenienalmanach; der zum Vergleich Herangezogene ist der »prosaische Reimer« Wieland.

Wir verließen die Frau, und er führte mich nach einem Kasino, wo wir die angeseheneren Männer der Stadt versammelt fanden. Die Rolle, die ich im Kriege spielte, hatte doch einige Aufmerksamkeit erregt; man drängte sich um mich. Ich war etwas ermüdet und zog mich aus dem Gedränge zurück. Aber damit war mir freilich wenig geholfen. Jean Paul war am wenigsten liebenswürdig, wenn er sich in einen philosophischen Streit einließ. Seine ganze Philosophie bestand aus einer Reihe von fixen Ideen, die er mit großer Hartnäckigkeit verteidigte. Er hatte sich Herder zum spekulativen Abgott ausersehen, und obgleich ich selbst die vielfachen Verdienste dieses Schriftstellers schätzte, so enthielt doch seine Philosophie eine so in die Quere gezogene Ansicht, daß sie, von einem zweiten willkürlich aufgenommen und noch mehr verzerrt, völlig unausstehlich werden mußte. Da hier an ein Zurechtstellen gar nicht zu denken war, so verhielt ich mich völlig leidend. Der Monolog fing an, mich zu ergötzen. Wenn er erschöpft schien, reizte ich ihn durch irgendeinen Einwurf, und er sprach dann im unaufhaltsamen Fluß weiter; es war aber merkwürdig, wie aus dem zähen Strome, der sich fortwälzte, manchmal reizende Genien unerwartet auftauchten, sich leicht schwebend anmutig bewegten, dann plötzlich in den Strom untertauchten und unsichtbar fortgewälzt wurden. Wir verließen den Klub, und Jean Paul brachte den Abend mit mir in meinem Gasthofe zu und verließ mich erst, als ich nach Mitternacht meinen stoßenden Kurierwagen bestieg. Er hinterließ mir doch das Bild eines geistig bedeutenden Mannes. Ich begriff indessen wohl, daß er, worüber mehrere meiner Freunde, die mit ihm jahrelang zusammenlebten, klagten, beschwerlich werden konnte. Ich hatte ihn, ich gestehe es, liebgewonnen und freute mich, seine Bekanntschaft gemacht zu haben.

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Die deutsche Jugend hatte für ihr Vaterland gekämpft, aber dieses war nicht ein in sich geordnetes, der Staat nicht ein kraftvoll bewegtes Ganzes, so daß er aus seiner innersten Einheit einen mächtigen Widerstand entwickelte und, nachdem er das Widerstreitende vernichtet hatte, sich gesund und erfrischt in das ursprüngliche Leben zurückzog. Ein anderes Deutschland, so mußte ein jeder glauben, nicht das frühere, welches verschwunden war, solle sich aus dem Kampfe entwickeln und gestalten. Die Jugend war nicht ohne höhere Aufforderung in den Kampf gegangen; der Krieg war ein gemeinschaftlicher aller Deutschen. »Wo ist nun«, fragte man, » das Deutschland, dem der gemeinschaftliche Kampf galt?« Dasjenige, wofür man sein Leben wagt, erfüllt uns eben durch eine positive Realität; wenn es auch früher mehr als ein Ersehntes denn als ein Wirkliches da war, so tritt es doch, und zwar notwendig, nach dem Kampfe als eine Macht hervor; und zwar als eine politische, die sich nicht abweisen läßt. Alle jungen Krieger, und zwar die vorzüglichsten, durch Geist und Kraft am meisten ausgezeichneten, wurden notwendig Politiker. »Wo ist das Deutschland«, fragten sie, »für welches zu kämpfen wir aufgefordert wurden? Es lebt in unserm Innern. Zeigt uns, wo wir es finden, oder wir sind genötigt, es selbst zu suchen.«

Leider war jene alte ehemalige Behandlung des Volks, wenn man es benutzen will, bei den Regierenden noch nicht verschwunden. Man rief Erwartungen hervor, die man nicht zu erfüllen beabsichtigte, und unterstützte, nährte eine regellose Gesinnung, die man zwar nicht unterdrücken, aber ordnen und beherrschen sollte.

Wie im Feldzuge aller Augen auf den Kampfplatz gerichtet waren, so lebte ein jeder jetzt in Wien, wo der Kongreß das zukünftige Schicksal Deutschlands wie Europas beriet. Wir waren noch wie in einem halben Kriegszustande; die großen Heere, nicht bloß unsere eigenen, sondern auch die russischen, kehrten langsam zurück, und alle Gemüter waren in heftiger Bewegung. Wie natürlich, ja notwendig folgte aus diesen Verhältnissen eine Aufregung der Jugend; sie war es sich bewußt, daß sie selbst dazu beigetragen hatte, Deutschland den Sieg zu erringen, der die ruhige Beratung möglich machte. Die öffentliche Stimme überschätzte ihre Teilnahme an dem Siege.

Da erschien Napoleon wieder. Es war doch eine erstaunliche Tat, als fast ganz Frankreich sich wieder erhob, die ihm aufgedrungene Dynastie wie ein vorübergehender Traum verschwand und der, wie man glaubte, völlig vernichtete Held den ruhig beratenden Regenten gegenüber drohend wieder erschien. Es ist nicht zu leugnen, daß das Ansehen des Kongresses in den Augen des Volkes erschüttert wurde, und wäre dem Napoleon Frankreich entgegengetreten wie bei seiner Rückkehr aus Ägypten, hätte man sich ihm völlig hingegeben wie damals, kaum wäre der zweite Kampf gegen ihn so kurz, kaum der zweite Sieg so schnell errungen gewesen. Obgleich aber alles ihm zuströmte, so war die Hingebung doch keinesweges unbedingt. Frankreich glaubte einen Augenblick erlebt zu haben, wo es die Freiheit der Revolution wieder erlangen könnte, ohne den Irrtümern derselben zu unterliegen; und während das Volk die kühne Tat des Helden bewunderte, schlich sich der Gedanke ein, daß, wenn es ihn brauchte, er doch auch jetzt die Unterstützung des Volkes nicht entbehren könnte. Man legte ihm Forderungen vor, die er nicht abweisen durfte. Man wollte zwar durch ihn siegreich dem bewaffneten Europa gegenübertreten, aber die bedeutendsten Männer wollten dann den Sieger selbst beherrschen. So war seine ganze Lage zweifelhaft und beengt.

Wie ganz anders erschien dieses unerwartete Ereignis in Deutschland. Zwar lauerte auch hier eine Stimme, die für die Zukunft drohend werden konnte. Jetzt verstummte sie ganz. Napoleon war besiegt, und noch war der Jubel des Sieges nicht verklungen. Mit der Zuversicht des siegreichen Kampfes versammelte man sich schnell, und in Deutschland erneuerten sich die Tage des Februars des vorigen Jahres. Eine jede Bedenklichkeit verschwand, jeder keimende Wunsch verstummte, und die Jugend eilte wie früher dem erneuerten Kampfe entgegen.

Ich glaubte zwar, das Anerbieten, an dem Kriege wieder teilzunehmen, erneuern zu müssen, sah aber wohl voraus, daß es der König nicht annehmen werde. Ich erhielt denn auch eine gnädige Antwort, in welcher es hieß: daß die Gefahr jetzt nicht so drohend schiene wie früher; man dürfe jetzt nicht einen Lehrer von seinem Lehrstuhl entfernen. Indessen ward ich dennoch auf eine Weise in Tätigkeit gesetzt, die mich an die frühere Zeit einigermaßen erinnerte. Zwar war die Stadt nicht auf eine solche Weise aufgeregt als damals, da der König in unserer Mitte war und ganz Preußen sich in Breslau konzentrierte. Um die Beiträge zur Ausrüstung der Freiwilligen zusammenzubringen, mußte man schon seine Zuflucht zu denjenigen Mitteln nehmen, die gewöhnlich in den Friedenszeiten benutzt werden. Der Weimarer Sänger Ehlers, der damals in seiner Blüte war, gab ein Konzert zum Besten der bedürftigen Freiwilligen. Ich kann nicht ohne Wehmut an diese Zeit denken, wenn ich mich seiner traurigen Lage in seinem Alter erinnere. Er wandte sich noch vor wenigen Jahren an mich, und ich vermochte nicht, etwas für ihn auszurichten.

Die Gräfin Schaffgotsch hatte die Güte, Ehlers und mich zu unterstützen. Es erschien eine öffentliche Aufforderung, an dem Konzerte teilzunehmen, und die Summe, die zusammen kam, war sehr bedeutend. Viele benutzten die Gelegenheit, um ansehnliche Beiträge zu geben; die Gräfin entschloß sich, mit mir an der Kasse zu sitzen.

Ich muß hierbei doch eines Ereignisses gedenken, welches die erste und am höchsten gestellte Dame Schlesiens in eine ihr unerwartete Lage versetzte. Russische Truppen, die kaum die Grenzen ihres Landes erreicht hatten, kehrten zurück, und ein russischer General war mit seinem Korps am Tage des Konzerts in Breslau eingerückt. Die Aula der Universität war ganz gefüllt, als ein Adjutant erschien und für seinen General auf eine gebieterische Weise einen der ersten Plätze forderte. Ich sah es der Gräfin an, in welche Verlegenheit sie geriet, als ihr der trotzige Russe gegenüberstand. Ich nahm das Wort und suchte auf eine höfliche Weise, ihm die Lage deutlich zu machen; die Absicht des Konzerts ward ihm mitgeteilt, und wie die angesehensten Einwohner der großen Stadt mit bedeutenden Beiträgen die Plätze, die sie einnahmen, erworben hätten. Der Adjutant entfernte sich zornig. Kurz darauf erschien der General selbst, offenbar sehr aufgeregt, stellte sich uns gegenüber und forderte gebieterisch einen Platz, wie er sich für ihn und seinen Rang gezieme. Ich gestehe, ich hatte Mühe, meinen Zorn zu unterdrücken. Der General bot für seinen Platz nur den gewöhnlichen Beitrag. Endlich stand ich auf und sagte: »Exzellenz, ich habe nur über einen Platz zu gebieten, der Ihnen wahrscheinlich anständig sein wird«, und ersuchte ihn, mir zu folgen. Wir gingen durch den gefüllten Saal, wo wir uns nur mit Mühe durchdrängen konnten, bis ich den Platz erreichte, den meine Frau einnahm. »Frau«, sagte ich, »du wirst deinen Platz räumen müssen, der Herr General wünscht ihn einzunehmen.« Jetzt schien ihm erst ein Licht über das Verhältnis aufzugehen; er entschuldigte sich und zog sich willig zurück, um in dem großen Gedränge einen Platz zu finden.

Einige Ähnlichkeit hatte nun zwar mein Geschäft mit dem früheren, aber wie ganz anders erschien jetzt alles. Ich war ein ruhiger Bürger, der von seiner stillen Stube auf die Berichte lauerte; und als nun das Gerücht von der Schlacht bei Ligny, von Blüchers persönlicher Gefahr erscholl, als der klassische Bericht von dem Siege bei Belle Alliance zu uns gelangte; – es ist einer der meisterhaftesten Kriegsberichte der neueren Zeit, aus Gneisenaus Feder geflossen; – als die Kirchen zum feierlichen Gottesdienst eröffnet wurden, als auf allen Straßen sich das jubelnde Volk bewegte, war auch ich zum Dank und lebhafter Freude gestimmt: aber dennoch schlich sich, ich darf es nicht leugnen, ein drückendes Gefühl in meine Seele. Wie glücklich wäre ich gewesen, wenn ich an den Gefahren und an dem Siege dieser Tage hätte teilnehmen dürfen.

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