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Was ich erlebte

Henrich Steffens: Was ich erlebte - Kapitel 10
Quellenangabe
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authorHenrich Steffens
titleWas ich erlebte
publisherDieterich'schen Verlagsbuchhandlung zu Leipzig
editorWilli A. Koch
year1938
firstpub
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Erhebung in Breslau. Eintritt in das Heer. Teilnahme an den Befreiungskriegen.

Während die Universität sich gestaltete, während ich langsam, aber nicht ohne Hoffnung, die Keime der geistigen Bewegung, die in den jugendlichen Gemütern im Anfange des Jahrhunderts sich zu entwickeln anfingen, freilich unter sehr ungünstigen Verhältnissen, zu beleben suchte, erschien das äußere Schicksal der Völker immer dunkler; die Ströme jener Barbaren der Überkultur ergossen sich in ihrer östlichen Richtung über ganz Europa. Zwar war ich der unmittelbaren Herrschaft der eingedrungenen Feinde entgangen, aber die mittelbare trat immer gewaltiger und verhängnisvoll drohender hervor. Nichts konnte in gesunder Entwicklung gedeihen, solange diese über uns schwebte und sich steigerte. In Breslau vernahm man vieles von den Verwüstungen während des Krieges, viele erinnerten sich grauenhafter Erzählungen von dem rohen, ja grausamen Benehmen der süddeutschen Truppen, die in französischen Diensten dem Feinde gefolgt waren. Besonders klagte man über die württembergischen und badischen Truppen. So waren deutsche Gemüter durch den Einfluß der französischen Herrschaft dem eigenen Vaterlande entfremdet und verwildert, und jetzt kam die grauenhafte Zeit, wo ein preußisches Heer, mit dem französischen verbunden, für den völligen Untergang des eigenen Landes kämpfen sollte.1812. Was ich bis dahin erlebt hatte, der schwere Druck meines Aufenthaltes in Halle, schien mir kaum beachtenswert, mit diesem verhängnisvollen Verhältnisse verglichen. Wenn, dachte ich, die Krieger Preußens, wie wir es an den Süddeutschen erlebt hatten, sich als Krieger des großen Heeres betrachteten, wenn sie es für einen Vorzug hielten, an dem Siegestaumel der Feinde teilzunehmen, würde das Volk nicht in seinem innersten Keim verpestet, würde die Gesinnung, die feste, bis dahin unerschütterliche, die durch die wachsende Würde und Selbständigkeit des eignen Landes seit Jahrhunderten getragen und gepflegt war, nicht untergraben?

Damals in der dunkelsten mitternächtlichen Stunde des hoffnungslos hinsinkenden Deutschlands entstand ein stilles, geheimes Bündnis der edelsten Geister, ein Bündnis, welches man so lange, vorzüglich durch treulose französische Politik, zu verhindern gewußt hatte: das Bündnis zwischen Österreich und Preußen. Beide hingewiesen zu einer gemeinschaftlichen innern Vereinigung mit dem echt uraltgermanischen England. Was zu dieser Zeit in den unglücklichsten Momenten die edelsten Männer in allen drei Reichen so tief bewegte und innerlich miteinander verband, war das Kind einer gewaltigen Zukunft, welches, noch im stillen Wachstum begriffen, seine mächtige, bedeutende Jugend erwartete. Möchten diejenigen, die das jetzige Schicksal der drei Länder zu leiten vermögen, sich fortdauernd an jenes stille Bündnis, äußerlich scheinbar so ohnmächtig, und dennoch ein paar Jahre später so riesenhaft gewaltig hervortretend, erinnern; sie würden es einsehen, daß die Zeit des höchsten Drucks, der verzweiflungsvolle Moment des drohenden Unterganges und die schnell darauf folgende glänzende Befreiung, abgesehen von den großartigen äußeren Erfolgen, innerlich eine Weissagung für zukünftige Jahrhunderte in sich schließen.

Wenn auch die vielfältigen Geschäfte, die Einrichtung des Lokals, Anschaffung der Instrumente, Teilnahme an den Einrichtungen und Verhandlungen des Universitätsbaues, Vorlesungen über Physik und Philosophie und die Fortsetzung des mineralogischen Handbuchs, mich anstrengend in Anspruch nahmen, so verfolgte ich dennoch die politische Stellung Preußens mit leidenschaftlicher Aufmerksamkeit. Das unglückliche Schicksal meiner Freunde ängstigte mich fortdauernd, im geheimen warf ich mir vor, daß ich in Sicherheit die Zeit zubrächte, während sie litten, und ihre Leiden hingen nur zu genau mit denen des Vaterlandes zusammen. Die drohende Lage des Landes zog die Aufmerksamkeit von den Privatverhältnissen ab; hier in Breslau, wo ich nicht auf solche Art tätig sein konnte wie in Halle, vernahm ich wenig aus Berlin. Meine Freunde in Halle waren in die Gewalt des Feindes geraten, und während die äußeren Verhältnisse sich immer drohender gestalteten, erfuhr ich nichts von der geheimen Gesinnung der bedeutenden Männer, die in Verbindung mit England und Österreich auf eine so kühne Weise tätig waren. Oft fragte ich mich, als das Gerücht, daß Preußen und Österreich, wie die übrigen deutschen Reiche, in Verbindung mit Napoleon Rußland bekämpfen würden, immer lauter wurde: was unternehmen jetzt jene kühnen Männer, deren entschiedene Gesinnung auch mich in eine gefahrvolle Tätigkeit hineinriß? Haben Gneisenau, Chasot, Eichhorn,Vgl. Seite 267, Anmerkung 1. Schleiermacher jetzt alle Hoffnung aufgegeben, oder sind sie noch in dieser drohenden Lage, die selbst den preußischen Krieger dem Tyrannen preisgibt, im alten Sinne tätig? Meine ganze Ansicht von Deutschland und seiner geschichtlichen Bedeutung war mir durch eine lange Reihe von Jahren eine Lebensfrage geworden, meine genaueren Freunde teilten meine Gesinnung, ja waren durch diese zum Teil in die Gewalt des Feindes geraten, und es gab Momente, wo ich mit innerem Entsetzen ihr Leben bedroht glaubte. Ein eigenes Verhältnis setzte mich in Kenntnis von der geheimen Stellung zweier Mächte gegeneinander, die in meiner damaligen Stimmung mir nicht gleichgültig sein konnte. Ich hatte dieses Verhältnis auf keine Weise herbeigeführt, es drängte sich mir auf, und ich konnte es nicht abweisen. Was ich auf diesem Wege erfuhr, ängstigte mich in hohem Grade; ich sah es ein, wie alle Mächte eben in diesem bedenklichen Momente, als der grenzenlose Ehrgeiz Napoleons und der Siegestaumel seines Heeres die Freiheit des ganzen europäischen Kontinents bedrohten, unsicher schwankten, oder vielmehr jede Hoffnung, die Selbständigkeit ihrer Reiche zu erhalten, aufgegeben hatten, und wo noch eine leise Spur der Hoffnung aufzutauchen anfing, ward sie durch das gesteigerte wechselseitige Mißtrauen erstickt. Vor mir schwebte der Geist, der mich aus meinem fernen Vaterlande gerufen hatte, in meiner Erinnerung traten mit erschreckender Klarheit die schönen Tage hervor, die ich als ein einsamer Fußwanderer in dem Thüringer Gebirge zubrachte, wo ich noch schwelgte in dem Genuß des anziehenden fürstlichen, bürgerlichen, amtlichen, häuslichen Lebens der noch glücklichen kleinen Staaten, als ich aber auch das drohende Unheil aus der Ferne heranrücken sah und schon damals die zurückweichende Gewalt Deutschlands, die ahnungsvoll eine verderbliche Zukunft erkannte, wie von Schrecken gelähmt fand. Ich durchlebte die Momente des kurzen siegreichen Daseins eines erneuerten Geistes, an dessen Kämpfen und Siegen ich auf eine lebendige Weise teilnehmen durfte. Alle die tragischen Momente eines deutschen Lebens schwebten mir vor; jetzt war nun der gefürchtete Augenblick da, die geistig Verbündeten waren unter sich in einen lähmenden Kampf geraten, und die Bewaffneten der unterjochten Völker kämpften für den Tyrannen, der sie zertrat. Aber meine Tätigkeit, der Kampfplatz, auf den ich gestellt war, war der geistige; hier konnte, hier durfte ich nicht zweifeln, der Glaube an den Sieg, von dem Mittelpunkte dieses Daseins aus, war ein religiöser geworden, der mit fester Zuversicht aller äußeren Wahrscheinlichkeit Trotz zu bieten vermochte, und in diesem Sinne sollte ich nun hier in einer fremden Umgebung, nicht, wie in der glücklicheren Zeit, von Freunden und Zuhörern unterstützt, den bedenklichen Kampf wagen. Jetzt fühlte ich es, wie ich allein stand, nicht erwarten durfte, verstanden zu werden. Die nahe Not hatte zwar alle Gemüter ergriffen. Was sie zu retten suchten und jetzt zu erretten verzweifelten, war mir zwar auch wichtig, enthielt aber keine Ahnung von dem, wofür ich stritt, wofür ich zu leben und zu kämpfen berufen war. Die schweren Gedanken, die mich in dieser Lage ergriffen, wurden nur mühsam durch vielfältige äußere Geschäfte zurückgedrängt, durch die Freundschaft vieler achtbarer Männer, aber doch nur scheinbar überwunden. Und selbst die heitere Erfahrung mancherlei lobenswerter Beschäftigungen des geistreichen Volks konnte mich nur vorübergehend trösten; die geistige Sonne, die mich leitete, schien untergegangen, und in den innersten Tiefen meines Daseins herrschte ein tragisches mitternächtliches Dunkel.

Gerhard David von Scharnhorst. Gemälde von Friedrich Bury

Da erhielt ich, so verlassen ich war, auf einmal und auf eine unerwartete Weise eine Stütze von außen. Durch die viel besprochenen Lebensbilder aus dem Befreiungskriege haben Briefe der merkwürdigen, bedeutenden Männer (Graf MünsterKabinettsminister für Hannover am Londoner Hofe. in England, Staatskanzler von Hardenberg, von Scharnhorst, Gneisenau, Dörenberg in Preußen, Stadion, Nugent,Graf Laval Nugent, 1777-1862, österreichischer Feldmarschall. Hardenberg in Österreich, Stein, damals in Rußland) uns mit der Stimmung derselben in der grauenhaftesten Zeit bekannt gemacht, und wie sie zwar, als nun die erklärte Unterwerfung unter Napoleon rein ausgesprochen schien, für einen Augenblick wie betäubt dastanden, schnell sich aber wieder zusammenfanden und die Sache, für welche sie lebten und zu sterben entschlossen waren, keineswegs aufgaben. Aus der öffentlichen und offiziellen Tätigkeit des Staats mußten die obengenannten Preußen sich zwar zurückziehen, aber von diesem getrennt lebte das Bündnis, welches sie unter sich und mit den auswärtigen Freunden geschlossen, noch mächtig fort. Plötzlich, – ich glaube mit Sicherheit die Zeit aus der Erinnerung angeben zu können – erschienen in den letzten Tagen des Aprils 1812 Gneisenau, Chassot,Adolf, Graf von Chassot, 1763-1813, preußischer Offizier, leidenschaftlicher Patriot, Leiter des Tugendbundes nach 1807, 1812 Führer der deutschrussischen Legion. Justus Gruner,Polizeipräsident von Berlin. Moritz Arndt und später Blücher in Breslau. Bei der Unruhe, die damals im Volke herrschte, war man über die Ankunft dieser Männer erstaunt; irre ich nicht, so war selbst die Polizei bedenklich und schenkte, obgleich auf eine höchst behutsame Weise, diesen Männern eine ganz besondere Aufmerksamkeit. Wahrscheinlich waren es meine nur wenig erfolgreichen Unternehmungen in Halle, die mir das Glück verschafften, in diesem Augenblick von den bedeutenden Männern aufgesucht zu werden. Jetzt zum erstenmal trat ich nun in unmittelbare Berührung mit den Männern, deren mächtige Stellung im Staate, mit einer unerschütterlichen Gesinnung verbunden, mir immer als eine feste Stütze vorgeschwebt hatte. Mein bisheriges Verhältnis, vor allem zu Gneisenau und Chassot, war mir zwar höchst wichtig, das Vertrauen, welches ich zu ihnen gefaßt hatte, war ein ganz entschiedenes und nicht zu erschütterndes, aber dennoch war es nur auf einen schwankenden Grund gebaut, und die Mittel, auf welche sie ihre Hoffnung zu gründen schienen, waren mir nur höchst unvollkommen bekannt. Sie brachten während ihres damaligen Aufenthalts in Breslau die meisten Abende in meinem Hause zu; ich mußte Anstalten treffen, um einen jeden andern möglichen Besuch zu verhindern. Einigemal, wo auch die Entfernung meiner Familie gewünscht wurde, versammelten wir uns in dem Schillingschen Weinhause und blieben bis gegen Mitternacht zusammen; hinter der öffentlichen Schenkstube ward uns eine kleine Kammer angewiesen, wo wir bei verschlossenen Türen saßen. Man kann sich leicht denken, daß diese Zusammenkünfte ein Gegenstand der allgemeinen Gespräche der Stadt wurden und daß ich den Einwohnern in einem bis dahin fremden Lichte erschien. Der Polizeipräsident Streit sagte mir eines Tages: er wisse es wohl, daß sich bei mir ein kleines Koblenz gebildet habe; er wollte an die Versammlung der emigrierten französischen Prinzen und an ihre extravaganten Anhänger der ersten Zeiten der Revolution erinnern. Sollte es eine polizeiliche Warnung sein? Ich vermutete es, lachte aber und verbat mir die Vergleichung.

*

Gneisenau lernte ich jetzt erst persönlich kennen. Er war, wie bekannt, ein schöner Mann, dessen ruhiges und sicheres Einherschreiten schon den ritterlichen Helden verkündete, sein Blick deutete auf Klarheit. Ich sah nie eine ähnliche Mischung von edlem Stolz und echter Demut, von Zuversicht und Bescheidenheit. Wie die übrigen größten und bedeutendsten deutschen Helden war auch er mehr durch das Leben als durch Studien gebildet, aber durch seine Achtung für eine jede Art höherer geistiger Bildung, durch die freundliche Aufforderung, ihn über Verhältnisse aufzuklären, die ihm unbekannt waren, durch das unverstellte Geständnis seiner Unkunde zeigte er sich nicht allein noch liebenswürdiger, sondern zugleich achtungswerter; denn nie erschien die ihm angeborne Größe imponierender als in eben solchen Momenten. Ihm fehlte die leichte Beweglichkeit des Geistes, der schnelle Witz, die ironische Schärfe, welche damals viele der bedeutendsten und höchst verdienstvollen höheren Befehlshaber auszeichneten, aber auch nicht selten bei geselligen Berührungen zurückstoßend wirkten.

Es schien wohl, als wenn die Keckheit, die auf dem Schlachtfelde als die höchste Tugend glänzt, der Meinung dieser Männer nach sich auch in geistigen Behauptungen bewähren müßte, als gelte ein schnelles und entschiedenes Urteil ebensoviel wie das Kommandowort vor der Front. Viele von diesen hatten im höhern Alter, durch Talent unterstützt, zu erlangen gesucht, was doch nur ein früherer Unterricht mit übersichtlicher Sicherheit und Klarheit zu geben vermag. Einige hatten auf Universitäten studiert, die tüchtige kriegerische Neigung aber hatte ihre Studien, halbvollendet, unterbrochen. Gestehen mußte man, daß ihnen, da sie manches erlebt hatten, was dem einsam auf seiner Stube eingeschlossenen Gelehrten verborgen blieb, ein treffendes Urteil gebührte über vieles, dann nämlich, wenn das Geistige an das äußere Leben und seine Verhältnisse angrenzte. Ein befehlshaberischer Ton, wo ein bedachtsam untersuchender hingehörte, zeigte sich hier und da schon bei den höhern Befehlshabern in dem unglücklichen Jahre 1806. Diese Zeit hatte einen jeden kühnen Mann auf sich selbst gewiesen; die innere Kraft, die später so hell glänzte, stärkte sich in dieser Zeit, die eigene Macht, der eigene Gedanke erhielt jene große Gewalt, die im Kriege den Sieg errang. Nicht leicht hatte irgendein Mensch eine solche Gelegenheit, sich in mannigfach wechselnden Verhältnissen durch das innere Leben auszubilden, wie damals der kühne, begabte preußische Offizier. Aber dadurch entstand auch eine Entschiedenheit, die nicht immer die treffendste war, und das schnelle befehlshaberisch gesprochene Urteil eines geistreichen Kriegers erschien nicht selten um so glänzender und imponierender, je schiefer es war.

Ich habe nicht selten das Glück gehabt, bedeutende Männer in meinem Leben zu treffen, aber nie bedauerte ich so oft, ein Gespräch plötzlich abbrechen zu müssen, dessen Fortsetzung mir höchst wünschenswert schien, wie bei Gneisenau. Denn nie hörte ich aus seinem Munde ein unverständiges Wort, ja die stille Demut seines Wesens hatte etwas unwiderstehlich Gebietendes an sich, auch in geistiger Rücksicht, so daß das Unverständige in seiner Nähe sich nicht auszusprechen wagte. Ein jeder ahnte das tiefsinnige Gemüt, welches, indem es sich äußern wollte, mehr an das dachte, was ihm fehlte, als an den großen Schatz von Erfahrungen, die er, von den größten Gedanken durchdrungen, mit Europas Schicksal fortdauernd beschäftigt, während er in tätigem Bündnis mit den edelsten und großartigsten Männern lebte, sich erworben hatte. Es war etwas Fürstliches in seiner Gestalt, in seiner Art sich darzustellen und sich zu äußern. Eben wenn er am demütigsten war, schien er sich mit bewußtloser Sicherheit herabzulassen; er war der ritterlichste, freigebigste Held, den ich jemals sah, und wer das Glück hatte, sein Interesse zu erwecken, konnte auf seine fortdauernde tätige Teilnahme in einer jeden unangenehmen Lage mit Sicherheit rechnen. Ich denke mit Freuden daran, wie ich sein Wohlwollen und seine freundliche Teilnahme von dem Augenblick an, wo er in meine Wohnung trat, fortdauernd genossen habe. Die vielen Beweise seiner Güte gegen mich, wenn ich oft Stunden in seiner oder er in meiner Wohnung zubrachte, schweben mir in traurig heiterer Erinnerung vor; kein Mann ist mir je teurer gewesen. Wenige Tage vor seinem plötzlichen, erschütternden Tode trat er im hohen Alter noch fest und rüstig einherschreitend in meine Wohnung. Die Cholera erschien mir erst drohend, als sie in ihrem verwüstenden Fortschreiten ein solches Opfer zu ergreifen wagte.Gneisenau wurde am 24. August 1831 in Posen von der Cholera dahingerafft.

Ganz anders erschien Justus Gruner, ein Mann, welcher damals eine sehr bedeutende und einflußreiche Rolle spielte, dessen Andenken sich aber nicht so erhalten hat wie das der Männer der kriegerischen Taten. Er war mager und höchst beweglich, seine feurigen Augen, sein etwas blasses Gesicht zeigten Spuren von der lebendigen Sinnlichkeit eines Mannes, der viele innere leidenschaftliche Kämpfe durchgemacht hatte, wohl auch in diesen zuweilen unterlag.

Er hatte einen starken Haarwuchs, die Haare waren brennend rot, er sprach mit großer Leichtigkeit, gern und geistreich. Wenn er ganz in das Gespräch verloren schien, bemerkte er dennoch alles, was um ihn vorging, fixierte auf einmal die einzelnen in der Umgebung und schien sie zu durchschauen, wußte nach kurzem Umgang, wozu sie zu brauchen waren und inwiefern man ihnen trauen konnte. Er hatte ein natürliches Talent für die Intrige, aber diese ward durch ihren Gebrauch in der damaligen Zeit veredelt, ja durch ihn gehoben. Als Polizeipräsident in Berlin war seine Wirksamkeit, durch seine Stellung begünstigt, im höchsten Grade ausgedehnt. Die geheime Tätigkeit gegen den Feind war damals wichtiger als die öffentliche Polizei, und dennoch wurde diese, wie behauptet wird, niemals besser verwaltet. Justus Gruner verstand es, eine Unzahl von Geschäften zugleich zu betreiben, er schien sich einem jeden ganz hinzugeben, und die Feinde konnten wohl eine Zeitlang glauben, daß er, der sich eben ihnen durch seine polizeiliche Aufmerksamkeit bemerkbar machte, ganz für dieses äußere Geschäft lebte, aber dennoch war es nur die Maske, die er annahm, um mit seinen geheimen Fäden ganz Deutschland zu umspinnen. Kein Preuße war in der unglücklichen Zeit seinem Vaterlande treuer; seine Unternehmungen brachten ihn fortdauernd in große Gefahr, und so sicher er seine Werkzeuge durchschaute, so war er dennoch bei der großen Zahl derselben alle Augenblicke dem Verrat ausgesetzt. Es war in der Tat bewundernswert, daß er einige Jahre hindurch die täuschende Rolle dem Feinde gegenüber spielen konnte. Irre ich nicht, so hatte er, als die Aufmerksamkeit der Feinde rege ward, einige Zeit vor seiner Abreise nach Breslau seine Stelle als Polizeipräsident aufgegeben. Er hieß, wie der damalige Obrist von Gneisenau, der auch zum Scheine aus dem Militärdienste getreten war, Staatsrat. Gruner war frühzeitig für eine vaterländische Gesinnung erzogen; er war in der Umgebung des großen Deutschen Justus Möser erwachsen und in seiner Kindheit und Jugend Gegenstand seiner väterlichen Zuneigung gewesen; nach ihm wurde er in der Taufe genannt. Im näheren Umgange und wo er sich offen äußern zu können glaubte, war er bequem, ja liebenswürdig, und seine Gespräche waren unterhaltend, lebendig und geistreich. Später unter ganz anderen Verhältnissen trat ich mit ihm in eine nähere Berührung. Daß er sich aber viele Feinde zuzog, war bei seiner Tätigkeit sehr natürlich.

Chassot war durchaus ein Ritter, eine rüstige Gestalt, der sich mit aller Zuversicht einer echt vornehmen Natur bewegte. Ich habe seiner schon früher gedacht. Es ist bekannt, daß er in Berlin in einem Duell einen französischen Offizier, der sich an einem öffentlichen Orte beleidigend über die preußischen Krieger geäußert hatte, erschoß. Er war ein Vertrauter jener bedeutenden Männer, die sich vereinigt hatten, um die Sache Deutschlands, die damals so trostlos schien, auf jede Weise aufrechtzuerhalten, und gehörte im schönsten Sinne zu der großen Zahl der preußischen Krieger, die nicht mehr alles Heil von Parade und Manöver erwarteten, die den Wert der nationalen sittlichen Gesinnung und der geistigen Kraft einsahen und selbst von beiden durchdrungen und gehoben waren; aber auch unter diesen zeichnete er sich durch eine völlige Hinopferung seines ganzen Daseins aus. Er erlebte zwar die erste Morgenröte des hervorbrechenden schönen Tages, diesen selbst aber nicht. Als er an der Spitze der deutschen Legion aus Rußland nach Preußen vordringen wollte, starb er.

Es ist bekannt, welchen mächtigen Eindruck Arndts Schriften in den Jahren 1805 und 1806 in Deutschland machten; während andere Schriftsteller sich untätig zurückzogen, furchtsam verstummten, ja wohl hie und da umschlugen, blieb er mit mächtig treuer Gesinnung unverändert derselbe. Die laute Kriegstrompete, die mächtiger als alles durch die Presse erscholl, verstummte in den unglücklichen Jahren des Druckes keineswegs. Hilferufend ertönte sie, wo nur eine Spur von Hoffnung einer hilfreichen Gesinnung zu erwarten war. Daß dieser Mann Aufsehen erregen mußte, war begreiflich; er war bestimmt, die Gemüter in Bewegung zu setzen, durch Wort und starke Lehre das Volk zu stählen; die nationale Gesinnung, wo sie in irgendeinem Gemüte noch schlummerte, sollte durch ihn erweckt, in Tätigkeit gesetzt, bewaffnet werden. Er selbst stellte sich ganz als der biedere deutsche Mann des Volkes dar, und mit dem Ausdruck der derben kühnen Gesinnung verband sich ein inneres geistiges Nachsinnen, ja der in sich versenkte trübe Blick des besorgten Hausvaters, der die bedenkliche Lage der Familie sich nicht verbirgt, während er unablässig für sie tätig bleibt. Mir ward er von jetzt an ein treuer Freund.

Daß die Lage des Landes, die drohenden Verhältnisse, welche den lange geahnten Untergang herbeiführen zu müssen schienen, sowie die schwache Hoffnung, irgendwo hier oder da eine Rettung zu finden, den Gegenstand aller unserer Gespräche ausmachten, versteht sich von selbst. Ich kam mir wie ein Offizier vor, der bis jetzt von demselben Geist, der in Hohen und Niedern lebte, getrieben, aus einem Vorpostendienst, der das Ganze der geheimen feindlichen Unternehmung nicht überschauen ließ, in dem Hauptquartier ankam und an dem Vertrauen der Heerführer teilnehmen durfte. Zwar war dieser Moment der allerunglücklichste; unsere Truppen waren aus dem Felde geschlagen, ja waffenlos gemacht, während ein bedeutender Teil derselben gefangen in dem feindlichen Heere dienen mußte. Ich lernte jetzt jenes Bündnis, welches noch immer fest zusammenhielt, kennen, ich hörte Münsters und Stadions Namen. So völlig von aller äußern Stütze entblößt, hielten wir dennoch die Hoffnung fest.

Die Korrespondenz hörte nicht auf, besonders war uns in dieser Zeit Österreichs Gesinnung am wichtigsten. England glaubten wir trauen zu können, und dennoch gestehe ich, daß das englische Volk und seine Repräsentanten keineswegs mit der Energie, mit dem lebhaften Interesse sich des unterdrückten Kontinents annahmen, welches ihre Stellung zu fordern schien. Aus allem, was ich erfuhr, blickte die beengte Lage des Grafen Münster hervor. Als Familiensache des Königlichen Hauses, des Kurfürsten von Hannover, ward die Hilfe für Deutschland zwar eifrig betrieben, aber eben als eine solche konnte sie nur mit Scheu und ängstlicher Vorsicht sich hervorwagen.

Mit Österreich verhielt es sich anders; es schien äußerlich sogar mit Frankreich verbunden; aber daß dieses Bündnis ebenso gefährlich, ja für die Zukunft gefährlicher noch als der zweifelhafteste Kampf werden müßte, sah man in Wien sowohl wie in Berlin ein. Die Redlichgesinnten, aber Furchtsameren, die hinter einem jeden Widerstande den völlig unvermeidlichen Untergang erblickten, konnten sich doch nicht verbergen, daß sie durch das Bündnis mit Frankreich dem selbst freiwillig erwählten Untergange entschieden entgegengingen, während sie durch Widerstand, der doch immer ehrenvoller war, einem kühn hervorgerufenen und nicht so gewissen unterlagen. Wer ist so unkundig in der Geschichte, daß er nicht aus dieser gelernt hätte, wie diejenigen Völker, die in dem kühnen Widerstande beharrten bis zum letzten Augenblick, selbst wenn sie vernichtet schienen, einen Keim der Wiedergeburt in sich bewahrten, während das furchtsam sich ergebende Volk, einen hektischen Krankheitsstoff innerlich aufnehmend, sich am sichersten glaubt, wenn es dem Tode am nächsten ist und, von einer furchtbaren Täuschung ergriffen, in der immer wachsenden Erschöpfung die kranke Hoffnung mit dem letzten Reste des atmenden Organs aushaucht. Es ist hier nicht von denen die Rede, die eine wirkliche französische Partei bildeten, die in der absoluten hohlen Nichtigkeit eines leeren Hoflebens von jeher Franzosen waren und durch die Unterjochung äußere Vorteile mit Leichtigkeit ergriffen, weil sie keine inneren Güter zu verlieren hatten. Ich hörte wohl solche nennen, sie mußten wohl da sein, aber meine Natur wie meine Stellung hielten sie von mir fern; ich habe, ich darf es gewissenhaft versichern, keinen solchen gekannt, und man wird mich daher entschuldigen, wenn ich keinen nenne. Aber viele, die in diesem Augenblick dem Bündnisse mit Napoleon das Wort sprachen, mußten dennoch, eben je unvermeidlicher es wurde, im Innern durch ein nie zu verdrängendes Gewissen beunruhigt werden; je drohender sein Zug durch Deutschland nach Rußland erschien, je wahrscheinlicher ihnen der Sieg eines kampfgewohnten, durch jahrelange Triumphe unbesiegbaren Heeres ward, desto demütigender mußte ihnen die eigene Lage entgegentreten. Ein jeder errungene Sieg des Feindes mußte sie als ein neues furchtbares Unglück strafend vernichten. Sie hatten dazu beigetragen, diesen Moment herbeizuführen, den sie, wenn auch mit noch so schwachen Mitteln, zu hemmen berufen waren; wären sie kämpfend untergegangen, indem sie die Hemmung der Fortschritte des Feindes auch nur einen kurzen Augenblick veranlaßt hätten, sie stünden rein da, für sich selber; während ein jeder auch noch so kleine Vorteil, den der Tyrann aus ihrem Beitritte zog, sie laut als Verräter ausrief. Darauf rechneten diejenigen, die den Widerstand nie aufgaben, in Berlin wie in Wien. Je fester das Bündnis äußerlich ward, desto zweifelhafter, unsicherer, schwankender innerlich. Und es gab in der Tat Momente eben in dieser Zeit, wo das äußerlich Unmögliche wahrscheinlich ward und das mächtige Bündnis in sich zu zerfallen schien.

*

Alle Menschen lebten in dieser Zeit in jener wunderbaren innern Aufregung, die dann entsteht, wenn große Erwartungen eine bestehende peinliche Lage zu verändern und zu verbessern versprechen, ohne daß der Augenblick gekommen ist, der zur entschiedenen Tätigkeit auffordert. Wenn die große Masse des Volks auch geneigt ist, das Bestehende als ein Unveränderliches zu behandeln, sorglos von einem Tage zum andern lebt und plötzlich, als träte etwas völlig Unerwartetes hervor, sich von dem überraschen läßt, was bei einer selbst kurzen und oberflächlichen Betrachtung auch von den Unkundigsten sich voraussehen ließ: so verhält es sich doch anders, wenn die geistig Umsichtigeren das gewaltig Herannahende, schon lange dunkel Geahnte in seinen erschütternden Folgen übersehen; eine einmal entstandene Erregung wächst dann in ungeheurem Maße, nicht in einem einfachen Verhältnis, sondern wie die physisch eingepflanzte Bewegung nach dem Quadrat der Zeiten und der Geschwindigkeiten, immer in sich gesteigert, in jedem Moment mit sich selber multipliziert. Das 29. BulletinNapoleons war erschienen; jeder behutsame Ausdruck in diesem suchte vergebens die grenzenlose Niederlage zu verbergen; in den tieferen Gemütern regte sich eine Ahnung von einer wundervollen tatenreichen Zukunft mit ihren Hoffnungen und geheimen Grauen; es klang zuerst wie eine ferne, halbverständliche Stimme aus dem Innersten der zerstreuten Seelen hervor; etwas Unglaubliches schien die ferne Stimme zu verkündigen. Selbst wer bis dahin geglaubt hatte, daß die bis zur Besinnungslosigkeit gesteigerte Ehrsucht in dem verwüsteten grenzenlosen Lande ihre Schranken finden würde, konnte an das Entsetzliche des Unterganges eines siegreichen Heeres nicht glauben, welches seit fünfzehn Jahren mit steigender Gewalt erst Bewunderung, dann ahnungsvolle Furcht, dann furchtsamen Schrecken, endlich lähmendes Entsetzen über Völker und ihre Herrscher verbreitet hatte und nun so plötzlich von der göttlichen Rache getroffen war. An ein Ereignis sollte man glauben, welches (in der Geschichte einzig) an Wunder die Siege übertraf. Aber das Wunder war da, unwidersprechliche Nachrichten häuften sich, die ferne Stimme näherte sich, das dunkle, schicksalschwangere Wort klang klarer, zuletzt als ein lauter, mahnender Aufruf. Da überströmten die stark hervorbrechenden Wogen die Ufer der vereinzelten Gemüter, da brausten die überströmenden Fluten immer gewaltiger, da regte sich der lange verborgene und zurückgetretene Keim des bessern Sinnes, der König und Vaterland mit Treue und Liebe umfaßt, selbst in den Trägsten, und was in dem Besten, oft zweifelhaft und schwankend, wie der Glaube an die göttliche Liebe in den frommen Seelen, unter Kämpfen mancherlei Art festgehalten wird, das ward jetzt, in diesem Moment der Wunder zur zuversichtlichen Tat gesteigert selbst in den stumpfsten Seelen; jeder erwartete einen großen Augenblick und schien für ihn gewaffnet. Und doch war der Moment der Tat noch nicht da, aber sie war schon reif im Innern vieler tausend Gemüter, und die zurückgehaltene Gewalt, die alle bewegte, schwoll elastisch an, den Tag sehnsuchtsvoll erwartend, der die innere Tat zu einer äußern gestalten würde.

Napoleon war, hieß es, heimlich allein, nur von einem seiner Heerführer begleitet, Tag und Nacht in einem Schlitten durch Schlesien geeilt; ein Postmeister, irre ich nicht, in Haynau, hatte ihn erkannt. In Breslau war alles in Bewegung; die gewöhnliche Sorge für den Tag und seine stille Beschäftigung war selbst in dem häuslichen Gemache dem großen Ereignis gegenüber, welches wie ein innerer Aufruf mahnend aus einem jeden herausklang, zurückgewichen. Auf den Straßen wogte es von Menschen, die sich zuflüsterten, ein jeder erwartete den Befehl zur bestimmten Tat, und alle blickten sich an, als müßte der Befehlshaber, der sie zusammenrufen, bewaffnen, ordnen sollte, nun plötzlich erscheinen.

Da ward zuerst die Sorge für die Sicherheit des Königs laut. Werden die Reste der französischen Armee, welche die geheime Gesinnung kannten, um die Sicherheit des Rückzuges zu decken, in dem von ihnen besetzten Berlin sich Gewalttätigkeiten gegen seine geheiligte Person erlauben? Jetzt zuerst trat jene geheim bewahrte Treue, die den rechten Mittelpunkt aller zukünftigen Tat gefunden hatte, wie sie mächtig während des Krieges heranschwoll, wie sie während des langen Leidens still im Innersten, oft denen, die sie pflegten, unbemerkbar, sich erhielt, hervor, und alles, wozu ein jeder bereit war, hatte sein göttliches Siegel erhalten.

Herr B. v. L., von dieser allgemeinen Stimmung tief ergriffen, wandte sich unmittelbar an den König. Er mahnte ihn, Berlin zu verlassen und nach Breslau zu kommen. Hier in dem neutralen, von dem Feinde nicht besetzten Gebiete würde er von treuen Untertanen umgeben, die ihr Leben für ihn zu wagen bereit waren, sicherer sein als in Berlin, wo er auf eine bedenkliche Weise in der Gewalt der Feinde war. In seinem engeren Kreise fand man doch diesen Schritt, der selbst in einer Zeit, in welcher auch der Ruhigere wohl geneigt war, das Ungewöhnliche zu wagen, etwas bedenklich. Wenige Tage nach dem Abgange des Schreibens ward B. v. L. in der Nacht von Gendarmen aufgehoben, nach Berlin gebracht und dort in die Hansvogtei gesetzt. Die unschickliche Ermahnung eines einzelnen, Unberufenen, sollte nicht herbeiführen, was das Resultat der reifen Beratungen derer sein müsse, denen der König sich selbst anzuvertrauen sich entschließen wollte. So rein auch die Gesinnung des B. v. L. sein mochte, so sah man es doch ein, daß, eben in diesem Augenblicke der allgemeinen grenzenlosen Aufregung, ein jedes Hervordrängen der einzelnen, selbst der Besten, als ein gefahrdrohendes Übel um sich greifen und die jetzt so notwendige Ordnung zerstören konnte. Eben in solchen dunkeln, tief bewegten Zeiten, in welchen man deutlich erkannte, daß in der ordnenden Gewalt des Herrschers alles Heil zu suchen, war man geneigt, sich still einer Macht zu unterwerfen, welche man jetzt erneuert, kräftig und unabhängig hervortreten sah. Kurze Zeit darauf kam B. v. L. zurück; in einer glänzenden Abendgesellschaft, die er gab und der ich beiwohnte, versprach der Staatskanzler zu erscheinen; nachdem wir einige Zeit vergebens auf ihn gewartet hatten, kam ein Brief, höflich und voll Anerkennung, durch welchen er sein Nichterscheinen mit dringenden Geschäften entschuldigte.

In diesem Augenblick fühlte ich mich, obgleich ich die Morgenröte des langersehnten Tages freudig begrüßte, dennoch innerlich sehr verlassen. »Sechs lange leidensvolle Jahre hast du zugebracht, auf diesen Moment als auf den seligsten deines Lebens harrend: und nun bist du hier in einer entlegenen Stadt, der Strom der mächtigen Ereignisse wird diese Gegend nicht berühren; gegen Westen, in der Mitte des bewegten Deutschlands wird die Kraft des erwachten Volkes sich vereinigen, wird der Kampfplatz der großen Männer sein, deren Vertrauen und Wohlwollen dich in den Tagen des Leidens aufrecht hielt und erhob. Du wirst hier tatenlos in unglücklicher Muße, was Großes geschieht durch deine Freunde, wie ferne Märchen dir erzählen lassen müssen.« So klagte ich und war in dem großen Augenblick dennoch selbstsüchtig nur zu geneigt, über die Vorsicht zu murren. Da ward das Gerücht, daß das, was B. v. L. wünschte und kühn auszusprechen wagte, wahrscheinlich schon in Berlin beschlossen war, immer lauter; Befehle kamen, ein jedes disponible Lokal für die den König nach Breslau begleitenden hohen Beamten in Beschlag zu nehmen. Selbst an mich kam eine solche Aufforderung. Das Lokal für das physikalische Kabinett und für meine Wohnung war völlig eingerichtet, der begonnene Apparat in den dazu bestimmten Sälen aufgestellt; in dem mir übergebenen Auditorium trug ich schon die Experimentalphysik seit einigen Wochen vor: als ich aufgefordert wurde, das Gebäude zur Disposition zu stellen. Ich glaubte entschieden gegen dieses Ansinnen protestieren zu müssen; ich glaubte nicht, daß der König, der friedlich in die Hauptstadt seiner Provinz einzog, die Lehrer von ihren Lehrstühlen, die er ihnen angewiesen hatte, vertreiben würde. Ich wandte mich an Herrn v. Schuckmann und blieb ruhig, wo ich war.

Jetzt sah ich ein, wie unbegründet meine Klagen wären. Gott hatte mich hingestellt, da, wo ich allein in dem Brennpunkte des größten geschichtlichen Ereignisses einer der merkwürdigsten Epochen des menschlichen Geschlechts überhaupt erleben und tätig sein konnte. Wie? – davon hatte ich noch keine Ahnung. Der König kam, die königlichen Kinder begleiteten ihn, Hardenberg war an seiner Seite, die höchsten Beamten, eine Menge Generäle drängten sich hier zusammen; schon war das Gerücht von General Yorcks erster, großer, alles aufregender KriegstatDie Konvention von Tauroggen mit dem russischen General Diebitsch vom 30. Dezember 1812. laut geworden; der Krieg war erklärt, obgleich noch keine Kriegserklärung da war. Eine unermeßliche Menge Männer, vorzüglich Jünglinge, strömten nach Breslau; alle Häuser waren angefüllt, auf den Straßen wimmelte es; Scharnhorst war da, Gneisenau wurde erwartet; die hereinbrausenden Wogen einer mächtigen Zukunft hatten alle Gemüter ergriffen; nur ein Gedanke erfüllte die zusammengedrängte Menge, alles übrige, Beschäftigung, Liebe, Zuneigung, waren nur da, insofern sie sich diesem Gedanken unterwarfen, ihm dienstbar wurden. Und dennoch schwebte über diesem Gedanken selbst ein geheimnisvolles, ja grauenhaftes Dunkel. Der König hatte General Yorcks glänzende Tat mißbilligt; über ihm schien dem äußern Anscheine nach eine gefährliche Anklage zu schweben. Der französische, seiner Gesinnung nach allgemein geschätzte Gesandte St. Marsan begleitete den König nach Breslau. Noch schien es zweifelhaft, ob man den General Yorck fallen lassen, der allgemeinen, mächtigen Begeisterung Trotz bietend, und Napoleon sich in die Arme werfend Rußland bekämpfen wollte, oder ob man entschlossen sei, mit Rußland vereinigt Napoleon den Krieg zu erklären.

*

Unter der Unzahl der angekommenen Fremden war der Hauptmann Boltenstern, der, durch Gneisenau nach Halle geschickt, unsere politische geheime Tätigkeit von neuem belebte. Er gehörte zu den Schülern Scharnhorsts, d. h. zu den jüngeren Offizieren, von welchen sein berühmter Lehrer sowohl als Gneisenau in dem bevorstehenden Kriege viel erwarteten. Ich fand bei ihm mehrere Offiziere, seine Freunde, und der einzig mögliche Gegenstand unserer Gespräche war natürlich der bevorstehende Krieg. Hier nun erfuhr ich, daß in der den Tag darauf erscheinenden Zeitung der königliche Aufruf zur freiwilligen Bewaffnung erscheinen würde. Die ganze preußische Jugend erwartete ihn; aber auch in diesem (eine Abschrift ward vorgelesen) war der Feind nicht genannt, und bei den beunruhigenden Gerüchten ward vieles hin und her gesprochen über die lähmende Wirkung, die wir von diesem Stillschweigen befürchteten. Gespannt, freudig erregt und dennoch zugleich beunruhigt, verließ ich nach Mitternacht die Gesellschaft. Ich brachte die Nacht in wilden, unruhigen Träumen zu und erwachte, um mich so viel wie möglich für einen Vortrag über Naturphilosophie vorzubereiten, der um acht Uhr stattfinden sollte. Indessen ging, was ich erfahren hatte, mir durch den Kopf, und plötzlich – meine Familie hatte ich, wie gewöhnlich, noch nicht gesprochen – ergriff mich ein Gedanke: »es steht ja«, dachte ich, »bei dir, den Krieg zu erklären, deine Stellung erlaubt es dir, und was der Hof beschließen wird, wenn es geschehen ist, kann dir gleichgültig sein.« Ich zweifelte gar nicht an dem Entschluß des Königs, sich mit Rußland zu verbinden. Daß man unmöglich die Jugend auffordern konnte, für Frankreich zu kämpfen, war mir völlig klar: man konnte aber mir verborgene und, ich gestehe es, unbegreifliche Gründe haben, den Feind, welcher freilich nach dem Aufrufe völlig enttäuscht sein müßte, hinzuhalten. »Es kann geschehen«, erwog ich, »daß man, um die noch nicht ausgesprochene Stellung gegen den Feind zu behaupten, deinen Schritt öffentlich mißbilligt, ja bestraft. Du wirst dann wahrscheinlich ins Gefängnis gebracht, vielleicht nach einer Festung geschickt.« Wie unbedeutend erschien mir dieses in einer solchen Zeit, Daß ich jedoch nach kurzem wieder entlassen würde, verstand sich, wie ich glaubte, von selbst. Mein Hörsaal war nicht stark besetzt, die Studierenden hatten keinen rechten Begriff von der Naturphilosophie, und die Begeisterung einer frühern Zeit war verschwunden; außerdem entleerte die gewaltsame Aufregung der Zeit alle Hörsäle. Ich war schon in meiner neuen Amtswohnung eingerichtet, der Hörsaal war in dieser, in dem Flügel, in welchem der physikalische Apparat stand und wo meine Studierstube lag. Einen zweiten Vortrag über die physikalische Geographie sollte ich von 11 bis 12 Uhr halten. Der erste naturphilosophische fand vor den wenigen versammelten Zuhörern statt, und ich glaube nicht, daß irgend jemand ahnte, was mich innerlich bewegte. Der Gegenstand, den ich behandelte, hatte mich seit vielen Jahren innerlich beschäftigt, ja wenn ich kämpfte, so war es, um für ihn freien Platz zu gewinnen. Als ich den Vortrag geschlossen hatte, wandte ich mich noch an die wenigen Versammelten und sprach sie folgendermaßen an:

»Meine Herren, ich sollte um elf Uhr einen zweiten Vortrag halten, ich werde die Zeit aber benutzen, um über einen Gegenstand mit Ihnen zu sprechen, der wichtiger ist. Der Aufruf Sr. Majestät an die Jugend, sich freiwillig zu bewaffnen, ist erschienen oder wird noch heute an Sie ergehen. Dieser wird Gegenstand meiner Rede sein. Machen Sie meinen Entschluß allenthalben bekannt. Ob die übrigen Vorträge in dieser Stunde versäumt werden, ist gleichgültig. Ich erwarte so viele, als der Raum zu fassen vermag.«

Die Bewegung in der Stadt war grenzenlos, alles wogte hin und her, jeder wollte etwas erlauschen, irgend etwas vernehmen, welches der immer stärker heranwachsenden Gärung eine bestimmte Richtung geben konnte; Unbekannte sprachen sich an und standen sich Rede, die vielen Tausende, die aus allen Gegenden nach Breslau strömten, wogten mit den aufgeregten Einwohnern auf den erfüllten Straßen, drängten sich zwischen heranziehenden Truppen, Munitionswagen, Kanonen, Ladungen von Waffen aller Art; ein ausgesprochenes Wort, wenn es irgendeine Beziehung auf die Angelegenheiten des Staates hatte, ward urplötzlich und wie mit gewaltiger, lauter Stimme von allen gehört. Noch waren die zwei dazwischenliegenden Stunden kaum zur Hälfte verflossen, als eilig und mit heftiger Aufregung eine große Masse meiner Wohnung zuströmte. Der Hörsaal war gedrängt voll. In den Fenstern standen viele, die Türe konnte nicht geschlossen werden, auf dem Korridor, auf der Treppe, selbst auf der Straße bis in bedeutender Entfernung von meinem Hause wimmelte es von Menschen. Es dauerte lange, ehe ich den Weg zu meinem Katheder fand. Noch hatte ich an diesem Tage meine Frau nicht gesehen. Mein Schwiegervater, der mit Frau und Tochter nach Breslau gekommen war, wohnte eine Treppe höher bei v. Raumer, die Schwiegermutter bei uns. Das Zuströmen der ungeheuren Menge Menschen war ihnen unbegreiflich; sie mochten wohl eine unbestimmte Ahnung von meinem Entschluß haben. Meine Frau wagte sich nicht heraus; durch die zu Erkundigungen abgesandte Magd ließ ich sie auf eine spätere Stunde vertrösten; dann, versprach ich, sollte sie alles erfahren. Ich hatte diese zwei Stunden in einem seltsamen Zustande zugebracht; was ich sagen wollte, regte mein ganzes innerstes Dasein auf; ich sollte jetzt und unter solchen Verhältnissen aussprechen, was fünf Jahre hindurch zentnerschwer auf meinem Gemüte gelastet hatte; ich sollte der erste sein, der nun öffentlich laut aussprach, wie jetzt der Rettungstag von Deutschland, ja von ganz Europa da war; die innere Bewegung war grenzenlos. Vergebens suchte ich Ordnung in meine Gedanken zu bringen, aber Geister schienen mir zuzuflüstern, mir Beistand zu versprechen, ich sehnte mich nach dem Ende dieser quälenden Einsamkeit; nur ein Gedanke trat vorherrschend hervor: »Wie oft hast du dich beklagt«, sagte ich mir, »daß du hier in diese Ecke von Deutschland hingeschleudert wurdest: und sie ist jetzt der alles ergreifende, begeisternde Mittelpunkt geworden; hier fängt eine neue Epoche in der Geschichte an, und was diese wogende Menschenmenge bewegt, darfst du aussprechen.«

Tränen stürzten mir aus den Augen, ich fiel auf die Knie, ein Gebet beruhigte mich. So trat ich unter die Menge und bestieg mein Katheder. Was ich sprach, ich weiß es nicht, selbst wenn man mich nach dem Schlusse der Rede gefragt hätte, ich würde keine Rechenschaft davon ablegen können. Es war das drückende Gefühl unglücklich verlebter Jahre, welches jetzt Worte fand; es war das warme Gefühl der zusammengepreßten Menge, welches auf meiner Zunge ruhte. Nichts Fremdes verkündete ich. Was ich sagte, war die stille Rede aller, und sie machte eben deswegen wie ein Echo aus der eigenen Seele eines jeden einen tiefen Eindruck. Daß ich, indem ich die Jugend so aufforderte, zugleich meinen Entschluß erklärte, mit ihnen den Kampf zu teilen, versteht sich von selbst. Nach geschlossener Rede eilte ich zu meiner Familie, um sie zu beruhigen; dann nach wenigen Minuten stand ich wieder in der einsamen Stube. »Das ist nun getan«, sprach ich und fühlte mich erleichtert, als wäre eine schwere Last mir von der Brust gewälzt. Aber eine neue Sorge drängte sich mir auf. »Jetzt«, sagte ich mir, »nach dieser Stunde, ist deine ganze Stellung im Leben verändert, du bist durch dein Versprechen ein Krieger geworden, und wie soll der Entschluß ausgeführt werden? was muß nun weiter geschehen?« Ich konnte mir keine deutliche Vorstellung davon machen. Ich hatte mich keinem anvertraut, ich stand völlig ratlos da. Plötzlich ging mir ein Licht auf. »Zu ihm mußt du eilen, er, wenn irgendeiner, wird deine Tat billigen, er wird dir am besten sagen, was du zu tun hast.« Schon ergriff ich den Hut, um fortzugehen, als Deputierte der Studierenden erschienen. Sie forderten mich auf, die Rede in einem größeren Lokale zu wiederholen; sie schlugen den Fechtsaal, der wohl 500 bis 600 Zuhörer fassen konnte, vor, und ich mußte, obgleich ungern, das Versprechen geben. Es brannte mir unter den Sohlen, aber ich konnte nicht fort. Nun strömte die Masse der Müßigen in meine Stube herein: mir schmeichelten diese Besuche keineswegs; hätte ich ihnen nur das Wort aus dem Munde genommen, dann hätten sie es für sich behalten, als ihr heiligstes Eigentum, mir nur für die kurze Stunde anvertraut. Noch waren diese Besuche nicht verschwunden, fast eine unglückliche Stunde war verflossen, als Professor Augusti, der damalige Rektor der Universität, erschien. Er habe, sagte er, etwas äußerst Wichtiges mit mir allein zu sprechen. Obgleich diese Anrede mich gewissermaßen beunruhigte, war ich doch zufrieden, als ich meine Stube von der lästigen Menge der Besucher befreit sah. Augusti gehörte zu meinem nähern Umgange, wir lebten im freundschaftlichsten Verhältnis. »Ich komme«, sagte er mir in einem feierlichen Tone, »von dem Staatskanzler.« St. Marsan, der französische Gesandte, war, als er das laute Gerücht von meiner Rede vernommen hatte, zum Staatskanzler geeilt. Wenige Tage nachher teilte mir dieser selbst den Inhalt des Gesprächs mit. »Sagen Sie mir«, hatte er geäußert, »was das zu bedeuten hat? Wir glauben mit Ihnen in Frieden zu leben, ja, wir betrachten Sie als unsere Bundesgenossen, und nun wagt es ein Universitätslehrer unter den Augen des Königs uns den Krieg zu erklären!« – Hardenberg antwortete dem wohlwollenden Freunde, dessen bedenkliche Stellung er auf jede Weise zu schonen suchte, folgendermaßen: »Die Gesinnung des Volks, der Jugend, kann Ihnen kein Geheimnis sein; die Rede konnten wir nicht verhindern; daß sie gehalten wurde, erfuhren wir erst, als sie geendigt war. Der König desavouiert sie. Fordern Sie Genugtuung, die soll Ihnen werden. Aber wir dürfen Ihnen nicht verheimlichen, daß ein jeder Schritt gegen den übereilten Redner ihn in einen Märtyrer verwandeln und eine Bewegung erregen wird, die uns in große Verlegenheit setzen würde und die wir schwerlich zu hemmen vermögen.«

Mich ließ der Staatskanzler durch den Rektor wissen, wie er vernommen, daß ich, dazu aufgefordert, morgen die Rede zu wiederholen dächte. Er wollte nun zwar meine individuelle Überzeugung zu äußern mich nicht hindern, bäte mich aber, Napoleons Namen nicht zu nennen. Aus einer Art von Instinkt hatte ich dieses auch in der ersten Rede vermieden. Ich befürchtete, daß die Nennung des Namens die Rede der großartigen nationalen Objektivität berauben und mich zu unschicklichen, leidenschaftlichen Äußerungen verleiten könnte. Mein Freund entfernte sich, und endlich konnte ich noch zu Scharnhorst eilen.

Obrist v. Boyen (jetzt Kriegsminister), einer der Wichtigsten, Tätigsten und Umsichtigsten der stillen Verbrüderung, war eben angekommen und besuchte seinen Freund; ich trat herein, und kaum erblickte mich Scharnhorst, als er auf mich zueilte, mich umarmte und in tiefer Bewegung ausrief: »Steffens, ich wünsche Ihnen Glück! Sie wissen nicht, was Sie getan haben!« – Es war mein schönster Ruhm. Ich sah es ein, daß ich, ein vierzigjähriger, still grübelnder Gelehrter, ein ungeschickter Krieger sein würde; aber mitgehen mußte ich, wenn dieser Moment irgendeine Bedeutung haben sollte.

Scharnhorst hatte ich kurz vorher kennengelernt; er zeigte, wie Ältere, die sich seiner noch erinnern, wissen werden, sich keineswegs als ein Offizier der preußischen Parade. Dieser große Mann, dem Preußen so unendlich viel verdankt, sah gewissermaßen einem Gelehrten in Uniform ähnlich; wenn man neben ihm auf dem Sofa saß, war sein ruhiges Gespräch derart, daß ich fortdauernd an einen berühmten Gelehrten erinnert wurde. Seine Stellung war dann eine höchst bequeme, ja gekrümmte, und er äußerte sich wie ein sinnender Mann, der ganz von seinem Gegenstande erfüllt ist. Dieser war immer ein bedeutender, und obgleich er langsam und ruhig sprach, zog er dennoch unwiderstehlich an und gewann nach kurzer Zeit nicht allein das Interesse, sondern auch das unwandelbare Vertrauen der Zuhörer, ja beherrschte sie so durchaus, daß selbst der leidenschaftlichste Mensch, wenn er auch völlig entgegengesetzter Meinung war, gezwungen wurde, den Gang der Entwicklung seiner Rede mit stillschweigender Aufmerksamkeit zu verfolgen. Der Gegner sah sich wider seinen Willen genötigt, die Oberflächlichkeit der eigenen Ansicht neben der Gründlichkeit und Umsicht der seinigen anzuerkennen, und wenn er auch unwillig widerstrebte und halsstarrig die eigene Meinung beizuhalten beschloß, so wagte er doch kaum sein Widerstreben zu äußern.

Man erzählt von einem päpstlichen Gesandten, welcher aus Rom nach Paris geschickt war, um mit Napoleon zu unterhandeln, zu einer Zeit, wo dieser an den Papst Forderungen ergehen ließ, die derselbe durchaus abzuweisen beschlossen hatte, daß der Gesandte durch die Standhaftigkeit seiner Opposition den Kaiser völlig zur Verzweiflung brachte. Endlich verließ Napoleon erzürnt das Gemach und befahl dem Gesandten, dazubleiben, bis er wiederkäme. Er verschloß die Türe, kehrte erst gegen Abend zurück und glaubte nun den Gesandten durch Langeweile und Hunger hinlänglich mürbe gemacht zu haben. Als aber nach einer kurzen Entschuldigung das Gespräch wieder anfangen sollte, hub der Geistliche, ohne auf die Entschuldigung etwas zu erwidern, ganz ruhig da an, wo die Unterhaltung abgebrochen war, und in demselben Sinne, als hätte gar keine Unterbrechung stattgefunden.

Ganz auf ähnliche Weise, aber unendlich großartiger zeigte sich Scharnhorst. Was er gegen Napoleon nach reiflicher Überlegung beschlossen hatte, gab er nie auf; die ruhige Beharrlichkeit seiner Gesinnung beherrschte den geheimen Kampf, selbst wenn er zu unterliegen schien; die siegenden Gegner wußten es und fürchteten ihn am meisten, wenn sie ihn scheinbar überwunden hatten.

So war ich einst bei Laon, von den Höhen vor der Stadt aus, Zeuge des Kampfes eines russischen Karrees, welches heftig angegriffen wurde. Es gelang den Feinden nicht, irgendwie die fest zusammenhaltende Masse zu trennen. Jetzt dehnte sie sich mehr und mehr als ein dichtes unzertrennliches Ganzes in die Länge, wie in Schlangenwindungen bog sie sich hin und her, fortdauernd die Gestalt verändernd, aber eine jede Bewegung, die oft einem Rückzuge ähnlich sah, vermehrte die widerstrebende Dichtigkeit der Masse, anstatt sie lockerer zu machen.

In dieser Beharrlichkeit einer großen geschichtlichen Gesinnung schien das zukünftige Schicksal Preußens inmitten der unglücklichsten Verhältnisse, gesichert für einen nahenden Augenblick, zu ruhen; es war die letzte geistige Festung, die sich nie ergab; der Kommandant kannte die immer wachsenden Gefahren des Angriffs von innen und außen, aber auch die Stärke seiner Befestigung wie die unüberwindliche Treue derer, die er in Tätigkeit setzte, deren ganzes Dasein er beherrschte und lenkte, die er nicht als ein verzehrendes Feuer, vielmehr als ein durchdringendes Lebenslicht fortdauernd zu erwärmen und zu begeistern wußte. So fand der Krieg gegen Frankreich während der, wie man glauben sollte, vollständigen Unterjochung fortdauernd statt. Das Volk bewaffnete sich in allen Gegenden unter den Augen der Feinde, und Scharnhorst, welcher das Gewissen des Volkes repräsentierte, erschütterte es am tiefsten, als es sich bis zum Bündnis mit dem Feinde herabgesunken sah. So spricht das Gewissen immer lauter in den besseren Menschen, je tiefer sie sinken; und der größte Fall ruft die tiefste Reue, aber auch die entschiedenste Kraft eines erneuerten Lebens hervor.

Wenige kannten Scharnhorsts Tätigkeit; sie äußerte sich im Verborgenen, nicht wie ein Furchtsames, sondern wie ein unendlich Starkes, Unüberwindliches, und alle die berühmten Befehlshaber und besseren Krieger blickten nach ihm wie nach dem unwandelbaren, lebendigen Mittelpunkt hin. So reichte das zusammengedrängte Lebensprinzip selbst über Preußens Grenze weit in die mächtigsten europäischen Staaten hinein, und die verräterischen, mit dem Feinde verbundenen einheimischen Gegner in England wie in Österreich, selbst wenn sie ihn nicht kannten, ahnten eine solche Gestalt, die für sie eine unüberwindliche war und gegen welche sie nichts vermochten.

Es war rührend, die tiefe Anhänglichkeit, die grenzenlose Verehrung wahrzunehmen, die sich jederzeit äußerte, wenn von Scharnhorst die Rede war; selbst die Trotzigsten, alles, was hervortrat, mit humoristischer Kritik Vernichtenden, verstummten, ja schienen sich zu verwandeln.

Neben diesem großen Manne saß ich nun in dem aufgeregtesten Momente meines Lebens, damit er meine nächsten Schritte lenken sollte. Die Neigung, nicht allein sich freiwillig zum Kampfe zu stellen, sondern das Prinzip der Freiwilligkeit in den Truppenkorps, die man bildete, festzuhalten, hatte sich schon entschieden ausgesprochen. Jahn war nach Breslau gekommen, um dort den Grund zu legen zur Bildung freiwilliger Korps, die den kleinen Krieg auf eine selbständige Weise führen sollten. Der Ursprung dieser kriegerischen Richtung war sehr tief in der Eigentümlichkeit der damaligen Zeit begründet, ja sie bildete ein so wesentliches Element derselben, daß derjenige, der wie ich nicht geneigt war, sich anzuschließen, dennoch ihre große Bedeutsamkeit anerkennen, ja sie zu verehren gezwungen war. Der Entschluß, in eins der Detachements, die dem stehenden Heere untergeordnet waren, einzutreten, schwebte mir freilich von dem ersten Augenblicke an instinktmäßig vor; ich freute mich, als General Scharnhorst diesen Gedanken unterstützte. »Wir könnten«, sagte er, »Sie zwar sogleich in einem Hauptquartier anstellen, wo Sie eine mit Ihrem frühern Leben mehr übereinstimmende Tätigkeit finden würden: es ist aber gut, daß Sie den Dienst von unten an kennenlernen; auch zweckmäßig, daß Sie wenigstens im Anfange des Krieges in der Mitte der Jugend leben, die Sie begeistert haben.« Scharnhorst konnte, wie sich von selbst versteht, über die Art meiner Tätigkeit gebieten, und ich ward von ihm aufgefordert, mich sogleich mit einer Bittschrift an Se. Majestät zu wenden, in welcher ich um Urlaub und um die königliche Erlaubnis, den Krieg auf eine Weise, wie es Se. Majestät bestimmen würden, mitmachen zu dürfen, ersuchte. Ich war nun beruhigt, und die gewaltige Aufregung hatte sich in eine bestimmte und geordnete Tat verwandelt. Das Gesuch überreichte ich den Tag darauf dem damaligen Flügeladjutanten des Königs, Herrn v. Thiele, dem jetzigen Generalleutnant und Staatsminister, und ich erinnere mich noch immer mit Freude an die Freundlichkeit, mit welcher ich von dem trefflichen Manne empfangen wurde, dessen Wohlwollen und Güte mir in meinem hohen Alter eine Stütze geworden ist, dessen Vertrauen mich beglückt. Einige Tage später erhielt ich ein königliches allergnädigstes Schreiben folgenden Inhalts:

»Ich bezeige Ihnen mein ganzes Wohlwollen darüber, daß Sie nicht nur die Zuhörer Ihrer Vorlesungen bei der Universität ermuntert haben, sich jetzt der Beschützung des Vaterlandes gegen die äußere Gefahr zu widmen, sondern sich selbst auch diesem rühmlichen Zwecke hingeben. Indem ich Sie zu diesem Ende von Ihrem gegenwärtigen Amte bis dahin beurlaube, daß die Umstände Ihnen gestatten, dasselbe wieder anzutreten, wünsche ich aufrichtig, daß das Beispiel, mit welchem Sie den Jünglingen in der ernstesten Ausübung der Pflichten fürs Vaterland vorangehen wollen, wirksam beitragen möge, sie zur freudigen Erfüllung derselben anzufeuern.

Breslau, den 16. Februar 1813

Friedrich Wilhelm.«

Ich verlebte die wenigen Tage, die verliefen, bis ich das königliche Schreiben erhielt, wie begreiflich, in großer Unruhe. Die Vorlesungen hatten aufgehört, und ich war den unbestimmten Vorstellungen von meiner zukünftigen Tätigkeit preisgegeben. Ich brachte diese Zeit desto unangenehmer zu, da ich den Schritt, den ich getan hatte, noch immer vor meiner Familie geheim hielt. Nur meinem Schwiegervater hatte ich mich ganz anvertraut, er billigte alles und erkannte die Notwendigkeit, nach dem, was geschehen war, den Krieg mitzumachen.

Indessen wurde ich den ganzen Tag von Studierenden bestürmt, nicht allein von Breslauern sondern auch von Berlinern, ja von Gymnasiasten und Jünglingen jedes Standes. Ich konnte nur ihre Namen aufzeichnen und sie auf die zu erwartende königliche Antwort vertrösten. In der Tat überstieg schon jetzt die Zahl der sich Meldenden die für die einzelnen Detachements bestimmte so weit, daß ich schon dadurch bei der Unbestimmtheit meiner künftigen Stellung in Verlegenheit geriet.

Es vergingen einige Tage, und ich war über meine eigene Lage noch in Ungewißheit, als ich folgendes allerhöchstes königliches Schreiben erhielt:

»Mit Bezug auf meine Antwort vom 16. d. M. will ich Ihnen hierdurch die Erlaubnis erteilen, bei derjenigen Truppenabteilung, welche Sie sich zur Dienstleistung gewählt haben, die Offiziersuniform zu tragen, wonach Sie auch Offiziersdienste verrichten, bis Ich anderweite Veranlassung erhalte, Sie vom Volontär zum wirklichen Offizier zu befördern, und können Sie Ihre Ansprüche auf diese Begünstigung bei dem Kommandeur des Gardejäger-Bataillons durch gegenwärtiges Schreiben rechtfertigen.

Breslau, den 20. Februar 1813.

Friedrich Wilhelm.«

Gleichzeitig erging an den Generalmajor v. Scharnhorst folgendes Schreiben, welches noch in meinem Besitze ist:

»Auf Ihr Schreiben vom 18. d. M. habe Ich dem Professor Steffens erlaubt, als Volontär die Offiziersuniform derjenigen Abteilung zu tragen, bei welcher er Dienste leisten will, und da er nach Ihrer Anzeige das Jäger-Detachement des Gardejäger-Bataillons gewählt hat, so habe ich Major v. Jagow darauf aufmerksam gemacht, daß ihm der Steffens bei der Formation des Detachements gute Dienste würde leisten können, und ihm dabei empfohlen, sich seiner dazu zu bedienen.

Breslau, den 20. Februar 1813.

Friedrich Wilhelm.«

Nun hatte allerdings meine Tätigkeit eine völlig bestimmte Richtung. Hauptmann v. Boltenstern, von Halle aus mein vertrauter Freund, ward mein Kompaniechef, und vorläufig lernte ich durch einen dazu von mir bezahlten Sergeanten der Kompanie das Gewehrexerzitium. Hierbei fand ein lächerliches Ereignis statt. Weil alles überfüllt war, wurde jeder nur schickliche Raum benutzt, um die freiwillige wie sonst eingerufene Mannschaft einzuexerzieren. Der Hof meiner Wohnung ward ebenfalls dazu benutzt. Eine alte Frau, die allerlei Dienstleistungen bei meiner Familie hatte, sah eines Tages, wie der Unteroffizier die ungeschickten jungen Leute wohl zuweilen ungeduldig bei den Schultern faßte, in den Rücken stieß, um die Brust vorzudrängen, den Bauch zurückstieß, wohl auch mit geballter Faust unter das Kinn fuhr, um den Kopf in die Höhe zu richten. Sie hatte gehört, daß ich auch Unterricht im Exerzieren hatte, und stürzte heulend zu meiner Frau herein in der Voraussetzung, daß ich mich einer ähnlichen Behandlung unterwerfen müßte. Das war nun freilich nicht der Fall. Mein Sergeant war überaus höflich, ich will aber doch keineswegs behaupten, daß ich zu den besten Rekruten gehörte.

Dieser Einübung konnte ich indes nur eine kurze Zeit widmen, mein Hauptgeschäft war noch immer ein ganz anderes. In meinem Büro fanden die weitläufigsten und verwickeltsten Geschäfte statt; über einen jeden sich meldenden Freiwilligen mußte ein Protokoll aufgenommen weiden, damit man über seine persönlichen Verhältnisse gelegentlich Auskunft geben könne. Mehrere Tausend Freiwillige kamen zu mir, viele Generäle, die für die Detachements ihrer Regimenter Freiwillige zu erhalten wünschten, beehrten mich mit ihrem Besuche, und ich hatte genug zu tun, um die jungen Leute, die alle in den Garde-Detachements dienen wollten, nur einigermaßen gleichartig zu verteilen, indem ich sie zu überreden suchte, sich an andere Bataillone anzuschließen, da die Garde-Detachements bald alle die gesetzmäßige Zahl erreicht hätten. Ich erhielt als begünstigende Ausnahme die Erlaubnis, diese Zahl (irre ich nicht von zweihundert) um fünfzig zu überschreiten.

Ich betrachtete es als ein vorzüglich glückliches Verhältnis der großartigen Zeit, in welcher wir lebten, daß die mehrgebildete Jugend aus höheren Ständen sich unter die Geringeren mischte; diese fühlten sich dadurch geehrt, und ein sittlich bildendes Element mußte, wie ich hoffte, wenn auch langsam in die Masse der Krieger eindringen und diese heben. Wir behaupteten daher: ein jeder, der sich uns anschließen wolle, müsse wollene Litzen tragen wie die übrige Mannschaft der Kompanie und überhaupt während des ganzen Krieges sich ihr gleichstellen. Der Andrang war so groß, daß wir keineswegs fürchteten, dadurch eine geringere Zahl zu erhalten. Die edelsten Jünglinge unterstützten unsere Ansicht und billigten sie laut. Es war eine scheinbar kleinliche Sache, aber für die damalige ausgesprochene Gesinnung keineswegs eine gleichgültige.

Ein freundschaftlicher Kampf anderer Art fand nun statt. Das Lützowsche Korps bildete sich in Breslau und ganz in meiner Nähe. Jahn bewohnte den Goldenen Zepter, einen Gasthof in der nämlichen Straße, wo ich wohnte; wenige Häuser von mir entfernt war das Jahnsche Werbehaus sowie meine Wohnung für die Detachements. Es war natürlich, daß ein solches Freikorps etwas sehr Anziehendes für die Jugend hatte; das dichterisch Kühne konnte sich, wie man voraussetzte, hier entschiedener äußern; es war die feurige Lyrik des Krieges, wie sie auch später in Körners Gedichten erschien und in allen Gegenden Deutschlands die Gemüter erregte. Gewiß, es war seine herrliche, durch seine sittliche Freiheit den ganzen Krieg veredelnde und stärkende Gesinnung, welche durch die Bildung dieses Korps und seine späteren Taten laut wurde.

Eine Ahnung von einer Gesinnung, die sich zukünftig mächtiger ausbilden würde, war schon in mir entstanden; Äußerungen über die zukünftige Gestaltung Deutschlands hatte ich vernommen, die mir bedenklich schienen, doppelt bedenklich, weil sie nicht selten von den edelsten, kräftigsten und kühnsten Männern geäußert wurden. Eben diese Ahnung brachte mich dazu, mich entschlossen an das zu halten, was ich die legitime Masse des Krieges nennen möchte. Schiller hatte als Dichter einen mächtigen Einfluß, durch ihn lebten die Erinnerungen an frühere Kriegeszeiten, vor allem an den Dreißigjährigen Krieg wieder auf. Es ist bekannt, wie oft man Holks wilder JagdHeinrich, Graf von Holk, im Dreißigjährigen Kriege Reiterführer Wallensteins, stellte ein Kürassierregiment »Die Holkschen Jäger« zusammen, das sich besonders in der Schlacht bei Lützen bewährte. gedachte, aber, obgleich ich den Wert dieses freiern Elements nicht verkannte, vielmehr hoch schätzte, glaubte ich doch, daß mein Alter wie meine Stellung mir gebot, einer entgegengesetzten Richtung zu huldigen und mich dahin zu wenden, wo die großen geordneten Massen, von trefflichen Heerführern geleitet, über das verhängnisvolle Schicksal der Völker zu entscheiden hatten; erkannte ich in den Freikorps die leichte Lyrik des Krieges, so sollte sich hier das großartige Epos desselben entwickeln. Es war mir nicht schwer, der Jugend begreiflich zu machen, daß sie in dem großen Heere dienend den bedeutendsten Ereignissen näher trat. Es war eine hier zum ersten Male ausgesprochene Gesinnung, die für mein ganzes zukünftiges Leben wichtig ward und es noch ist. Sie hätte über die Stellung, die ich später als Schriftsteller einnahm, meine Gegner belehren können.

Aber bevor ich noch selbst ausgerüstet und uniformiert in die Reihen der Krieger trat, drängte sich mir ein anderes Geschäft auf. Ich mußte nämlich für die Bekleidung der Freiwilligen des Detachements Sorge tragen. Dieses wäre mir nun ohne die Unterstützung von S., meinem Landsmanne,Eines Dänen, der sich gleichfalls freiwillig gemeldet hatte und sich in Steffens Werbebüro vortrefflich bewährte. völlig unmöglich gewesen. Die dazu nötigen Summen erhielten wir durch die freiwilligen Beiträge, die aus Breslau und aus allen Gegenden Preußens noch zuströmten. Es ist bekannt, wie der Wetteifer, sich durch reichliche Gaben auszuzeichnen, in diesen Augenblicken der Begeisterung keine Grenzen kannte. Der Geizige griff seine ängstlich zusammengehäuften Schätze an, wer aber keine Summen zu bieten hatte, verkaufte Edelsteine, Gold- und Silbergeräte, und wie die Mütter die zärtlich geliebten Söhne, die bis jetzt mit ängstlicher Sorge gepflegt wurden, nicht selten selbst bewaffneten und in den Krieg sendeten, so erschienen auch alle Menschen gehoben und geheiligt. Geringe und gemeine Gesinnungen, die sonst in den Formen, in welchen die Gesellschaft sie wohl zu schonen pflegte, sich unbefangen äußerten, wagten sich in diesen schönen Tagen kaum hervor. Ausgezeichnete Beamte stellten sich, als verstände es sich von selbst, in die Reihen der Gemeinen; Höhergestellte schienen willig sich den Befehlen sonst Untergeordneter zu unterwerfen, wenn diese, durch früheren Dienst dazu befähigt, ihnen vorgesetzt wurden. Das Geben und Empfangen, das Schenken und Geschenktes Annehmen schien seine sonstige Bedeutung völlig verloren zu haben. Gewiß, wer diesen Sturm einer mächtigen nationalen Gesinnung erlebt hat, sah, was nach einer jahrhundertlangen, im Frieden herrschend gewordenen philisterhaften Spießbürgerlichkeit unglaublich und märchenhaft erscheinen mußte. Freilich war das sonst Erstarrte, jetzt flüssig Gewordene nicht rein, und wie die gewaltigen Fluten, wenn sie von den hohen Gebirgen herunterrauschen, das Wasser durch aufgewühlte Erde verdunkeln und trüben, kam auch hier das Innerste, ja auch das Unreinste der menschlichen Seele aufgewühlt zum Vorschein; aber das Härteste ward zertrümmert, die sonst unüberwindlichsten Massen wurden beweglich gemacht und mußten der Richtung des Stromes, die alles beherrschte, dienstbar werden.

Der Staatskanzler hatte dem Hofrat Heun, sonst als Romanschriftsteller unter dem Namen Clauren bekannt, das Einsammeln, Verteilen, Berechnen und die öffentliche Bekanntmachung dieser Geldbeiträge übertragen, und an ihn wandte ich mich, wenn ich die Handwerker bezahlen mußte, nie vergebens. Einige Beiträge wurden unmittelbar an mich ausgezahlt, und ich war, kamen Summen von einigen tausend Talern, wenn auch nur auf kurze Zeit, in meine Hände, mitten in der großen Geschäftigkeit, die mir keine Ruhe gönnte, dennoch von einer gewaltigen Ängstlichkeit ergriffen. Denn unter allen Verhältnissen des Lebens suchte ich bis jetzt auf jede Weise anvertraute öffentliche Gelder von mir entfernt zu halten. Im Besitze derselben fühlte ich jederzeit eine unglaubliche Unruhe.

Man hatte armen Freiwilligen anfänglich Geld gegeben, um selbst die Ausrüstung zu besorgen, wo es denn zuweilen geschah, daß nicht ganz unbedeutende geschenkte Summen, im fröhlichen Jubel zum Besten des Vaterlandes vertrunken, verschwanden. Ich hatte gleich von vornherein beschlossen, nur Kleidungsstücke, Waffen und überhaupt, was zur Equipierung gehörte, unmittelbar den Freiwilligen zu übergeben. Handwerker arbeiteten daher Tag und Nacht, und mein damaliger Bataillonschef, der jetzige General von Jagow, machte mir den Vorschlag, fünfzig der schönsten jungen Männer eiligst zu uniformieren und Sr. Majestät vorzustellen. Ich würde, ich gestehe es, eine so lobenswerte Aufmerksamkeit nicht gehabt haben. In einer unglaublich kurzen Zeit waren diese Männer equipiert; ich erhielt die königliche Erlaubnis, sie vorzustellen, und sie nahmen sich in der Tat gut aus. Der König empfing uns in seinem Palast, und zu den Merkwürdigkeiten gehört es, daß unter diesen Freiwilligen der sonst auch als Dichter bekannte Hofrat Bürde drei Söhne, alle schön und gut gewachsene Jünglinge, stellte, welche alle drei unter den übrigen hervorragten. Bürde war sonst Sekretär des Staatsministers Grafen von Haugwitz gewesen und dem Könige nicht unbekannt; wie mußte es ihm angenehm auffallen, alle Söhne des Dichters hier dem Dienste des Vaterlands geweiht zu sehen. Der Bataillonschef war allein zugegen und ich in Zivilkleidung, weil meine Uniform noch nicht fertig war. Se. Majestät wandte sich mit einer höchst gnädigen Anrede an diese erste Präsentation der preußischen Freiwilligen und äußerte sich darauf gegen mich in Worten, die mir ewig unvergeßlich sein werden. Diese Audienz wurde schnell bekannt; ich konnte, als ich von dem Könige entlassen war, nicht gleich in meiner Wohnung erscheinen und war erstaunt, als ich zurückkehrend eine Menge Equipagen vor meinem Hause halten sah. Es waren bedeutende Männer aus der Begleitung des Königs und mehrere Generäle, die mich mit ihrem Besuch beehrten, um mir Glück zu wünschen. In der Tat mußte die Auszeichnung, die mir in diesen Tagen in einer so großen Bewegung zuteil ward, überraschen; die glücklichen Folgen für meine zukünftige Lage schienen den freundlich gesinnten Besuchenden entschieden: aber es gibt keinen Menschen, der unfähiger ist, solche Verhältnisse zu benutzen, als ich. Es ist nur zu natürlich, daß ein Gelehrter, der in dem Verlaufe des Krieges nur unbedeutende Dienste leisten konnte, vergessen wurde und daß das Andenken an ihn mit dem Sturme der Begeisterung, der jenem großen Kampfe voranging und in welchem er gehört zu werden das Glück hatte, unbemerkt vorüberrauschte. Daher wurde meine Anrede an die Studierenden, so große Bewegung sie auch in der überfüllten Stadt hervorrief, nirgends öffentlich erwähnt. Ich achtete es nicht, oder richtiger, ich dachte nicht daran.

Nun war auch in Paris durch den Gesandten der Krieg erklärt. Die kühne Tat des General Yorck wurde gebilligt, er selbst von dem Könige gelobt wie von dem Augenblicke an, als seine Tat bekannt ward, vom Volke bewundert und mit Entzücken begrüßt. Durch ihn war das begeisterte Preußen bewaffnet und das Heer organisiert. Von allen Seiten zogen sich die Truppen zusammen, als plötzlich ein Gerücht sich zu verbreiten anfing, welches wohl geeignet war, die begeisterte Jugend, die den Augenblick, der ihr erlaubte, sich mit den gehaßten Franzosen einzulassen, mit steigender Ungeduld erwartete, mit Entsetzen zu erfüllen. Man fing, hieß es, höhern Orts an, vor der freien Gesinnung der Jugend sich zu fürchten; die fast demagogische Stimmung, die in dem Landsturmgedicht herrschte, betrachtete man als eine höchst gefährliche, und sie wurde entschieden gemißbilligt. Um nun die Folgen, die sehr drohend schienen, abzuwehren, wollte man die Freiwilligen nicht gegen Napoleon, sondern nach Polen schicken. Dort, wo man natürlich Unruhen erwartete, sollten sie für die Sicherheit im Rücken der Armee Sorge tragen. Ist ein solcher Vorschlag wirklich laut geworden, hat er vorübergehend Beifall gefunden, so sah man doch wohl bald ein, daß Schritte wie diejenigen, die schon getan waren, sich keineswegs wieder aufheben ließen. –

Das Detachement war nach dem Städtchen Lissa verlegt; Boltenstern und ich waren im Schlosse einquartiert, und das Kriegsleben hatte seinen Anfang genommen. Vor dem Abmarsch des Blücherschen mit dem von Wittgenstein vereinigten Armeekorps nach der Elbe fand noch eine glänzende Revue statt, und ich sollte nun zum zweitenmal mich als preußischer Offizier zeigen. Glücklicherweise war es das letztemal, daß ich zu Dienstleistungen der Art während des Krieges in Anspruch genommen wurde. Auch war meine ganze Bekleidung gar nicht für glänzende militärische Aufzüge eingerichtet. Bekanntlich ist die Offiziersuniform der Gardejäger sehr teuer. Ein goldenes Achselband hing über der Schulter, der Stern des Schwarzen Adlers zierte den Tschako. Ich hatte vorläufig mir weder einen Tschako noch das Achselband so wenig wie die teure Schärpe angeschafft. Ich trug den ganzen Krieg hindurch die bescheidene Mütze zur Uniform, nachdem ein Papptschako mit dem Wachstuchüberzug auf einem der ersten Märsche durch einen starken Regen vernichtet worden war.

Die schmerzhafte Trennung von der Familie hatte also stattgefunden, und wir zogen aus, dem Feinde entgegen, der mit so bewundernswürdiger Schnelligkeit nach einer fast vernichtenden Niederlage uns gefährlich gerüstet entgegenschritt.

Indem ich nun die Erzählung dessen, was ich im Kriege 1813 und 1814 erlebte, dem Titel meiner Schrift getreu, aus der Erinnerung niederschreibe, muß ich einige Worte über das, was der Leser zu erwarten hat, vorausschicken. Was mich ganz durchdrang, was ich nie aus dem Sinne verlor, war die große Absicht des Krieges: daß in diesem Kriege die Rede war von einem Kampfe nicht bloß der Herrscher, sondern der Völker, daß ein Krieg anfing, der nicht allein ein Gleichgewicht der Staaten, eine schwebende Mitte aufrecht halten sollte. Das Gleichgewicht war längst verschwunden. War doch Frankreichs Herrschaft über den Kontinent seit dem Dreißigjährigen Kriege nur zu entschieden, und die späteren Kämpfe, wenn man die Friedrichs II. ausnimmt, glichen einem Gespenst, welches schon lange verschwunden war. Ein geistig unterworfenes Volk kann nie den äußeren Angriff mit wahrem geschichtlichem Erfolge fortsetzen; die errungenen Siege sind nur Täuschungen, und so ungünstig auch die Ereignisse, welche die letzten Tage der glanzvollen Regierung Ludwigs XIV. trübten, zu sein schienen, so schwach Frankreich erschien unter Ludwig XV., so blieben doch die Franzosen die Herrscher von Europa. Deutschland zumal schien das eigene Denken sogar aufgegeben zu haben, und es galt in diesem unglücklichen Lande für eine Ehre, ein ungeschickter Nachahmer der Franzosen zu sein. An den Höfen stand der nichtigste aus Frankreich entwichene Abenteurer hoch, und Friseure, Tänzer, Gesindel allerlei Art konnten in den höhern Kreisen Glück machen, wenn sie sich herabließen, Ehrenstellen unter den deutschen Barbaren anzunehmen. Noch nie hatte man ein Beispiel in der Geschichte erlebt, einer solchen knechtischen Entwürdigung zu vergleichen; einer freiwilligen demütigen Unterwerfung, die in der Tat auf eine geringere Stufe geistiger Fähigkeit zu deuten schien. Erst als der Druck des mit Recht über seine Knechte siegenden Feindes entschieden war, als die Anstalten getroffen wurden, jeden keimenden nationalen Gedanken, jede Ahnung eigentümlicher bürgerlicher Freiheit in dem Innersten der Seelen zu ersticken, fing das Ursprüngliche des Volks, dem Untergange nahe, an, elastisch den Druck durch einen Gegendruck zu erwidern. Der Krieg war nicht ein solcher, welcher äußerlich von einem Herrscher geboten, durch unwillige Mannschaft ausgekämpft wurde: er war schon von einem jeden ehrenwerten Manne beschlossen, er fand von den vielen Tausenden statt, nachdem ein jeder ihn selbständig erklärt hatte. Wie die innern sittlichen Kämpfe eines jeden Menschen lange unsicher hin und her schwanken, daß der Kämpfende zweifelhaft bleibt, wo er sich hinwenden soll, und die Feinde heimisch sind in dem eigenen Lager, bis der Punkt kommt, wo sich ihm die Frage aufdrängt, ob er noch sittlich zu retten sei oder sich aufgeben soll? – wie dann der entscheidende Gegensatz hervortritt und er den früher verräterisch täuschenden Feind in jeder verführerischen Maske zu ahnen fähig wird: so war der Moment des großen reinen Gegensatzes jetzt hervorgetreten; die Frage, die an einen jeden erging, war streng, klar, entschieden, die Antwort mußte aber ebenso sein. Es ist bekannt, daß ein großer Teil von Deutschland noch mit Napoleon verbunden war, daß noch immer von Frankreich verlockt und beherrscht wie während des unseligen Dreißigjährigen Krieges Deutsche gegen Deutsche kämpften: aber wie ganz anders stand die Sache jetzt. Was in den verhängnisvoll dunkeln, innerlich verworrenen Verhältnissen des zerrütteten Deutschen Reichs nie zur Klarheit kommen konnte, das trat jetzt mit schneidender Entschiedenheit hervor; der Gegensatz zwischen Frankreich und Deutschland war nicht mehr zweifelhaft. Napoleons geschichtliche Größe beruht eben darauf, daß er nicht allein äußerlich durch seine Eroberungen, sondern auch innerlich in einem jeden Gemüte Täuschungen, die sich seit mehreren Jahrhunderten gehäuft hatten, zerstreute und einen jeden Deutschen zwang, sich zu fragen, ob er sich völlig aufgeben oder erhalten wollte. Diese sittlich, ja religiös bürgerliche Wiedergeburt würde freilich, selbst wenn die Wehen glücklich überstanden wären, nicht eine absolut reinigende sein. Aber eine nationale Umwandlung hatte stattgefunden, und bei einem jeden zukünftigen Schwanken mußte die ursprüngliche Frage in ihrer enttäuschenden Klarheit hervortreten, sie war nicht mehr abzuweisen.

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