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Was das Sonntagskind erlauscht

Else Ury: Was das Sonntagskind erlauscht - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
author>Else Ury
titleWas das Sonntagskind erlauscht
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
printrun53. bis 55. Tausend
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140916
projectidee61230b
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Der schmutzige Straßenjunge

»Karlchen, komm', bring' Vater'n das Essen nach dem Park,« rief die Mutter aus dem kleinen Küchenfenster nach dem engen Hof hinunter, wo der zehnjährige Karl an dem großen Holzklotz stand und das Brennholz in kleine Stücke zerschlug. Laut dröhnte das Beil auf dem Holzklotz, lauter aber noch tönte Karlchens helle Stimme, der mit den Vöglein um die Wette sein Lied in die blaue Luft schmetterte.

Der Schuster, der drunten im Erdgeschoß seine Werkstatt hatte, die Waschfrau droben, ja, selbst der alte, brummige Hauswirt, alle hatten sie das Fenster aufgemacht und lauschten der frischen, fröhlichen Knabenstimme.

Karlchen band das Holz zusammen, wusch sich unter der Pumpe die Hände und sprang vergnügt die enge Treppe hinauf in die ärmliche, aber blitzsaubere Stube. Mutter füllte einen braunen, irdenen Topf mit Brühkartoffeln, legte einen Blechlöffel und ein Stück Brot dazu, und band alles säuberlich in ein reines, weißes Tuch.

»So, Karlchen, bist du fertig, siehst du auch ordentlich aus, lieber Sohn?« sie strich mit der verarbeiteten Hand die blonden, lockigen Haare aus Karlchens Stirn und blickte das kleine Bürschchen prüfend an.

Alles sauber und ganz, die graue Drillichhose war zwar geflickt, die Jacke etwas ausgewachsen, aber ordentlich sah das Karlchen aus, Vater konnte mit seinem Jungen zufrieden sein!

»Hier, Karlchen, hast du zehn Pfennige, da fährst du von der Ecke drüben mit dem Omnibus bis zum Park, wo Vater arbeitet, so, sei vorsichtig und gieße nicht! Ade, mein Junge, grüß' Vater!«

Karlchen setzte die Mütze aufs Ohr, stieg behutsam die Stufen herab und marschierte, fröhlich vor sich hinpfeifend, zur Omnibushaltestelle. Der Wagen war noch ganz leer, Karlchen setzte sich vorn in die Ecke, wo er die beiden Pferdchen sehen konnte und stellte das Töpfchen sorgsam neben sich. »Klinglingling!« machte der Schaffner, und die Pferde zogen an.

Bald füllte sich der Wagen, fast an jeder Ecke stiegen Leute hinzu, nur noch ein Platz war neben Karlchen frei. Da stieg ein kleines, fein gekleidetes Mädchen im weißen Spitzenkleidchen mit ihrem Fräulein ein, die Erzieherin setzte sich, Karlchen nahm das Töpfchen auf den Schoß und drückte sich bescheiden in die Ecke, damit das hübsche, kleine Mädchen auch noch sitzen konnte. Bewundernd blickte er auf ihren weißen Federhut, der auf den schwarzen, langen Locken hin und her wippte.

Das kleine Mädchen sah Karlchen mit ihren dunklen Augen von oben bis unten an, rümpfte das Näschen und – blieb stehen.

»Komm', Lilli,« sagte das Fräulein, »hier ist noch ein Plätzchen für dich,« und sie zog das Kind auf den freien Platz hernieder.

Scheu rückte das kleine Mädchen ganz dicht an das Fräulein heran und zog sein weißes Kleidchen ängstlich an sich, daß es nur ja nicht an Karlchens geflickten Drillichanzug herankäme. Dem Jungen stieg das Blut ins Gesicht, beschämt sah er an sich hernieder.

War er nicht sauber und ordentlich, Mutter hatte ihn doch angesehen, warum rückte das fremde, kleine Mädchen so verächtlich von ihm ab?

Beklommen schaute er sie von der Seite an, hochmütig gab das kleine Mädchen seinen schüchternen Blick zurück und preßte die rosaseidene Puppe, die sie in den Armen hielt, fest an sich.

»Aber, Lilli,« sagte das Fräulein da, »du sitzt mir ja beinah' auf dem Schoß, setz' dich doch ordentlich herauf, Kind.«

»Ach, Fräulein, da sitzt solch schmutziger Straßenjunge neben mir,« sagte das hoffärtige, kleine Mädchen; nur noch dichter rückte sie an das Fräulein heran.

»Pfui, Lilli, schämst du dich denn gar nicht, du ungezogenes Kind!« ärgerlich sah das Fräulein auf das stolze Mädchen herab und streifte den ärmlichen, aber sauberen und geflickten Anzug des kleinen Jungen.

Karlchen wurde dunkelrot, seine treuherzigen Blauaugen füllten sich mit Tränen; eine große, dicke Träne kullerte über seine frischen Bäckchen herunter.

Da hielt der Omnibus am Park; Karlchen mußte heraus, und auch das Fräulein mit der bösen, kleinen Lilli stieg aus, sie gingen in den Park hinein auf den großen Spielplatz, der an dem Teiche lag.

Karlchen wischte sich mit seinem Jackenärmel die Tränen ab und ging traurig die breite Chaussee entlang, auf der sein Vater als Steinarbeiter beschäftigt war.

Wie hatte das schwarzlockige, kleine Mädchen ihn genannt? Einen schmutzigen Straßenjungen? Laut auf schluchzte das arme Karlchen; Mutter hatte immer dafür gesorgt, daß er der ordentlichste und reinste aus der ganzen Klasse war, bis spät in die Nacht wusch und flickte sie für ihn; er konnte doch nicht dafür, daß sein Vater ihm keine feinen Kleider kaufen konnte, daß sie arm waren! »Armut schändet nicht!« sagte Vater immer, und Mutter pflegte zu sagen: »Rein und ganz gibt schlechtem Kleide Glanz!«

Tapfer schluckte der Kleine die Tränen herunter; der arme Vater, der so schwer arbeiten mußte, sollte nicht sehen, wie traurig er war, daß er gar geweint hatte. Da sah er ihn schon auf der kalten Erde sitzen und mit dem großen, eisernen Hammer auf die Steine schlagen. »Bum – bum – bum!« machte der Hammer gar lustig; Karlchen wurde mit einem Male wieder ganz vergnügt dabei.

»Na, Karlchen,« sprach der Vater, seinen hübschen Jungen erfreut betrachtend, »warst du auch fleißig in der Schule?«

»Ja, Vater; ich habe eine Eins bekommen im Singen, der Herr Lehrer hat gesagt, aus mir würde noch mal was,« berichtete der Kleine strahlend. Aller Kummer war vergessen, fröhlich sah er zu, wie gut es dem Vater mundete. Dann packte er das Geschirr wieder fein säuberlich in das Tuch, knüpfte die vier Ecken zusammen und trabte davon.

Die Sonne schien so warm und leuchtend vom blauen Himmel, die Vöglein zwitscherten so munter in den grünen Büschen, da dachte Karlchen nicht mehr an das böse, kleine Mädchen, das so häßliche Worte gesagt; fröhlich pfeifend schritt er dahin. Vor ihm schimmerte der große Teich, an dem der Spielplatz lag; schneeweiße Schwäne und bunte Enten schwammen auf der glitzernden Wasserfläche.

Nicht weit von ihm stand die kleine Lilli am Ufer, in der Hand hatte sie ein großes Stück Kuchen, das zerkrümelte sie in kleine Brocken und fütterte damit die Schwäne und Enten. Das Fräulein saß plaudernd mit anderen auf einer Bank. Karlchen sah dem kleinen Mädchen zu, das im weiten Bogen die Kuchenkrümel in das Wasser schleuderte; hell auf lachte es, wenn das Wasser hochspritzte. Da – warf sie ein Stück zu kurz, es fiel dicht am Rande des Teiches auf den Rasen hernieder. Eins – zwei – drei – sprang Lilli über das niedrige Eisengitter an den Teich hinunter; da – ein Schrei – sie war ausgeglitten – kopfüber stürzte sie in das tiefe Wasser.

Menschen rannten ängstlich und aufgeregt am Ufer zusammen, Das Fräulein weinte laut, aber schon hatte Karlchen Jacke und Stiefel abgeworfen, war in den Teich gesprungen und schwamm in langen Stößen – er war ein tüchtiger Schwimmer – auf das untergegangene, kleine Mädchen zu, dessen weißer Federhut hin und wieder auftauchte. Jetzt hatte er einen Zipfel ihres Spitzenkleidchens erwischt, er zog sie daran hoch, hielt das blasse Kind, das bereits die Augen geschlossen hatte, krampfhaft über Wasser und schwamm mit Aufgebot aller seiner Kräfte mit ihr ans Ufer zurück.

Lauter Jubel empfing den tapferen, kleinen Burschen, glückstrahlend schloß das Fräulein die gerettete Lilli in die Arme. Karlchen stand indes triefend naß, fröstelnd und schuddernd in dem dichten Menschenmenge und versuchte, sich einen Weg zu bahnen, bescheiden wollte er sich jedem Dank entziehen. Da hörte man Pferdegetrappel, eine elegante Equipage mit Apfelschimmeln bespannt sauste heran und hielt vor dem Spielplatz. Ein vornehmer Herr und eine schöne, schwarzlockige Dame stiegen aus, die Eltern der kleinen Lilli, sie wollten ihr Töchterchen vom Spielplatz abholen. Entsetzt hörten sie von dem Unglück, und daß nur die mutige Tat des kleinen Knaben ihnen ihr Töchterchen zurückgegeben hatte.

Der Herr Graf, Lillis Vater, trat auf das schüchtern dastehende Karlchen zu und dankte ihm in bewegten Worten; die Frau Gräfin schloß ihn gerührt in die Arme und küßte sein frisches Gesichtchen, und Lilli reichte »dem schmutzigen Straßenjungen« über und über errötend die Hand, sprechen konnte sie nicht, so sehr schämte sie sich. Karlchen mußte mit in die feine Equipage steigen, der Graf und die Gräfin setzten ihn zwischen sich, und wie im Fluge rollte der Wagen durch die Straßen dahin.

Vor einer herrlichen Villa hielt die Equipage, und über weiße Marmortreppen, die mit roten Samtteppichen belegt waren, stiegen sie herauf. Karlchen wurde in das Spielzimmer Brunos, des älteren Söhnchen des Grafen, geführt; er bekam schöne, trockene Kleider von Lillis Bruder und sah nun in dem feinen, braunen Samtanzuge mit seinem blonden Lockenkopf selbst wie ein kleiner Graf aus. Jubelnd klatschte Lilli in die Hände, als sie das veränderte Karlchen erblickte, zutraulich faßte sie ihn an die Hand und zog ihn in ihren Puppenwinkel.

Der Herr Graf fragte Karlchen nach seinem Namen, seinen Eltern und seiner Wohnung, und Karlchen erzählte ohne Scheu von dem lieben Mütterchen daheim und dem fleißigen Vater, der gar so arg arbeiten mußte.

Süßen Wein und ein großes Stück Torte bekam das Karlchen noch, dann nahm ihn Lillis Vater an die Hand, die Equipage fuhr wieder vor, und der Graf stieg mit Karlchen ein. Unterwegs fragte er ihn, in welche Schule er ginge, und was er wohl am liebsten werden möchte. »Ein großer Sänger!« antwortete das Karlchen mit strahlenden Augen.

Vor dem armseligen Häuschen in der Vorstadt draußen hielt der Wagen; ach, wie guckten all' die Nachbarn, als das Karlchen in dem schönen Samtanzug mit dem vornehmen Herrn aus der glänzenden Equipage stieg. Die Mutter erkannte ihren Jungen kaum in dem prächtigen Anzug; dann aber, als sie von dem Herrn Graf hörte, wie tapfer und mutig er sich benommen, schloß sie ihr Karlchen stolz in die Arme. Der Graf händigte der armen Frau eine große Summe Geldes ein, daß alle Not ein Ende hatte; Karlchen aber, so sagte er, wolle er selbst auf seine Kosten erziehen lassen, der solle was Tüchtiges lernen. Die Freudentränen rannen der Mutter über die blassen Wangen, und Karlchen küßte dem guten Herrn dankbar die Hand.

Jahre sind vergangen; Karlchen hat eine gute Schule besucht, dann ließ ihn der Herr Graf bei dem ersten Professor der Stadt im Gesang ausbilden.

Heute ist Karlchen einer der berühmtesten Sänger, und wenn er abends in der Oper auftritt und das Publikum ihm zujauchzt und Rosen und Lorbeerkränze ihm zugeworfen werden, dann denkt wohl die schöne, junge Dame mit den schwarzen Locken, Gräfin Lilli, die in der ersten Reihe sitzt, nicht mehr daran, daß sie einst verächtlich abgerückt ist von dem geflickten Anzug des »schmutzigen Straßenjungen.«

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