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Was das Sonntagskind erlauscht

Else Ury: Was das Sonntagskind erlauscht - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
author>Else Ury
titleWas das Sonntagskind erlauscht
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
printrun53. bis 55. Tausend
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140916
projectidee61230b
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Der Sandmann kommt

Was der Sandmann jeden Abend zu tun hat – das glaubt ihr gar nicht, ihr Kinder!

Schon allein da drüben in dem großen Hause am Markt, wo in jedem Stockwerke Buben und Mädchen wohnen, ja – das dauert da eine ganze Weile, bis der Sandmann die alle ins Bett gebracht hat.

Und der Franz, der böse Junge, der im ersten Stockwerk wohnt, wo die hohen Kristallspiegelscheiben bis zur Decke reichen, und die Sessel und Polster von Samt und Seide sind, erschwert ihm seine Arbeit auch noch so! Keinen Abend geht es ohne Lärm ab. Und wenn Anna, das Kindermädchen, dem Sandmann ein wenig helfen will, den Franz ins Bett zu bringen, ja, dann wehrt sich der unartige Bube und schlägt – es ist ganz schrecklich! – sogar mit Händen und Füßen um sich.

Heute wollte der Franz wieder einmal nicht ins Bett hinein, er hatte seine Festung mit all den schönen Zinnsoldaten und Kanonen auf dem Kindertischchen ausgebreitet und spielte Krieg.

»Fränzchen, du mußt jetzt ins Bett gehen,« sagte die Mutter freundlich, »der Sandmann wird gleich kommen!«

Der aber stand schon längst draußen vor der Tür und schaute durch das Schlüsselloch.

»Ach, der dumme Sandmann,« hörte er den bösen Franz sagen, »der kann warten, erst müssen meine Soldaten noch diesen Turm erobern!«

Und als Anna ihm den Matrosenkragen abzubinden begann, da schrie der große Junge wie am Spieß. Das war dem Sandmann nun aber doch zu viel, leise, ganz leise schlich er sich hinter den Kinderstuhl, öffnete sein Säckchen und – schwapp! – da hatte der Franz die ganzen Augen voll Sand.

Au – drückte das – beide Augen kniff Franz zu, und dann konnte er sie gar nicht mehr aufkriegen. Noch ehe seine Soldaten den Turm erobert hatten, war der Franz auf seinem Kinderstühlchen fest eingeschlafen, und die Anna legte ihn ins Bett. –

Der Sandmann aber stieg geschwind die Treppe hinauf in das zweite Stockwerk.

Da wohnte die kleine, blonde Lisbeth und der krausköpfige Heinz – das waren andere Kinder! Die ließen sich, wenn Mutterchen sagte: »Nun ist's genug – der Sandmann kommt gleich,« artig ins Bettchen bringen, ja – die Kleinen mochte der Sandmann gern, da wartete er dann auch hinter der Tür ein Weilchen, wenn Lisbethchen noch nicht ihre Abendmilch aus hatte, ober wenn Heinz Mütterchen noch immer nicht den allerletzten Gute-Nachtkuß gegeben.

Auf leisen, weichen Söhlchen – ganz unhörbar – schlich der Sandmann heut' wieder hinter Lisbeth und Heinz einher zum Kinderzimmer. Aber soviel Lisbethchen sich auch umsah, sie konnte den Sandmann nirgends erblicken, – denn der ist unsichtbar! Und die Kleine hätte ihn doch so gern, nur ein einziges Mal, gesehen: jeden Abend bat sie: »Mutterchen, laß mich doch noch ein kleines Bißchen aufbleiben, bis der Sandmann kommt; ich möchte ja nur sehen, ob er ein rotes ober ein blaues Kittelchen trägt!«

»Ein graues Röckchen hat er an, so grau wie der Sand in seinem Säckchen,« meinte dann die Mutter lächelnd.

Eins – zwei – drei – lagen die Kinder heut' wieder im Bette, und Rike löschte das Licht. Schnell nahm der Sandmann, der oben auf dem Betthimmel des Kinderbettchens hockte, drei Körnchen Sand aus dem Säckchen – das ist für artige Kinder genug – und streute sie dem Heinz in die Augen. Der begann auch gleich müde zu blinzeln, und der gute Sandmann heftete seinen schönsten Traumbilderbogen an das Bettchen, damit Heinz etwas Schönes träumen sollte.

Nun ging's zum Lisbethchen. – Hier in der Ecke, wo Lisbeths Bettchen stand, schien der Mond nicht so hell – o weh – zwei Körnchen Sand fielen vorbei auf das Kopfkissen, nur eins bekam Lisbethchen in die Blauaugen. Da begann sie sich die Äuglein zu reiben, aber einschlafen konnte sie nicht. Horch – was war das für ein Knistern in der Ecke – war das am Ende der Sandmann?

Lisbeth setzte sich auf.

Es knusperte und raschelte dort unter dem Puppenschrank, nun ging's über Heinz' Baukasten, jetzt sprang es auf die Puppenküche – und jetzt – jetzt sah Lisbethchen deutlich etwas Graues über die Erde huschen – das mußte der Sandmann sein!

Da aber begann das eine Körnchen Sand in Lisbeths Augen zu wirken und – sie schlief ein.

Am anderen Morgen aber stellte die Mama, als ihr Töchterchen ihr erzählte, daß sie in der Nacht den Sandmann gehört und gesehen habe, eine schwarze Falle auf, um, wie sie lächelnd sagte, den Sandmann zu fangen.

Klapp – machte die Falle – aber nicht der Sandmann saß darin, sondern ein niedliches, graues Mäuschen, das hatte Lisbethchen in der Nacht gesehen. –

Ja – der Sandmann, der hatte mehr zu tun, als über Puppenküchen und Baukästen zu springen; der war gleich, nachdem er Lisbeth und Heinz ins Bett gebracht hatte, die Treppe zu dem obersten Stockwerk emporgehuscht. Hier war es lange nicht so fein wie unten. Es lagen keine Teppiche auf den Treppen, und der kleine Raum, den Mariechen mit Base Ernestine bewohnte, war Stube und Küche zugleich.

Müde blinzelnd hockte das kleine Mädchen auf dem niedrigen Schemel und schälte die Kartoffeln für den morgigen Tag. Ach – wenn der gute Sandmann doch erst käme und sie sich auf ihren Strohsack am Herd niederlegen könnte! Schon in aller Herrgottsfrühe mußte Mariechen müde und hungrig in die eisige Winterluft hinaus und noch vor der Schule das Frühstück für den reichen Bäcker nebenan überall in die Häuser tragen. Den ganzen Tag von morgens bis abends hatte das kleine Mädchen hart zu arbeiten, denn Mariechen hatte keine Eltern mehr, und die Base Ernestine behielt sie nur ungern.

Da klinkte der Sandmann ganz leise die niedrige Tür auf.

Mariechen legte das Kartoffelmesser aus der Hand, warf sich auf das harte Lager, und da schlief sie auch schon. Und der gute Sandmann malte ihr im Traum ein so großes Butterbrot in die Luft, daß Mariechen gar nicht mehr fühlte, daß sie heute abend hatte hungrig zu Bett gehen müssen, da kein Geld mehr in der Lade war, um Brot zu kaufen. –

Nun schlich sich der Sandmann hinaus an die letzte Tür. Er ging womöglich noch leiser als zuvor und schaute erst durch die Türspalte.

Ach – da drinnen in dem armseligen Stübchen saß bei der verhangenen Lampe eine Mutter an dem Bettchen ihres todkranken Kindes und betete zum lieben Gott, ihr doch ihr Kind, ihr ein und alles, nicht zu nehmen. Fieberglühend warf sich der kranke Knabe im Bett umher, er erkannte die Mutter gar nicht mehr, mit angstvoll aufgerissenen Augen schaute er in die Luft.

O – welch häßliche Gestalten das böse Fieber vorüberziehen ließ, wie sie ihm drohten und ihn quälten! Da – huschte der Sandmann zur Tür hinein; die betende Mutter sah ihn nicht, aber der Kleine wurde sogleich ruhiger. Der gute Sandmann scheuchte die häßlichen Fiebergebilde von dem Bettchen des kranken Kindes, streute ihm zehn Körnlein Sand in die Augen, da schlossen sich die heißen Augenlider, und als der Sandmann ihm nun das große Traumbilderbuch mit dem grünen Wald, in dem die Sonne so schön schien, und die Vöglein so lustig sangen, und den großen Teich mit den bunten Entlein zeigte, da huschte ein leises Lächeln über das Gesicht des sanftschlummernden Knaben – der liebe Gott hatte ihn durch den guten Sandmann seinem Mütterlein erhalten. –

Und weiter geht's – von Haus zu Haus, treppauf – treppab huscht der Sandmann – bald kommt er auch zu euch, ihr Kleinen – geschwind dann in die Bettchen!

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