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Was das Sonntagskind erlauscht

Else Ury: Was das Sonntagskind erlauscht - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
author>Else Ury
titleWas das Sonntagskind erlauscht
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
printrun53. bis 55. Tausend
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140916
projectidee61230b
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Onkel Doktor

»Onkel Doktor kommt – Onkel Doktor kommt!« riefen die Kinder und stürzten dem lieben Onkel Doktor mit der goldenen Brille und dem gütigen Lächeln jubelnd entgegen.

Klärchen hing sich an seinen linken Arm, Friedchen an den rechten, und der Erich hielt sich an seinen beiden langen Rockschößen fest. So brachten sie ihn im Triumpf herein; alle hatten sie ihn lieb, den guten Onkel Doktor, der mit jedem Kinde sein Späßchen machte.

Nur der Günther, der dumme, kleine Günther, hatte Angst vor ihm; der verkroch sich in die dunkelste Ecke der Kinderstube, wenn er seinen Wagen vorfahren hörte und schrie wie am Spieß, wenn er hervorgeholt wurde, um artig guten Tag zu sagen und seine Zunge zu zeigen. Und dabei tat doch der Onkel Doktor keinem Kinde weh; er zeigte ihnen seine schöne Uhr, die ganz von selbst schlagen konnte und seine feine, goldene Schnupftabaksdose mit den hübschen Bildern. Klärchen, die schon in die Schule ging, bekam für jede gute Zensur eine süße Tüte, Friedchen mußte all' ihre Puppen vorführen, und Onkel Doktor fühlte einer jeden den Puls, und Erich ließ er auf seinen Knien reiten, daß es eine Lust war. Und Märchen konnte er erzählen; kein anderer wußte so herrliche Geschichten wie Onkel Doktor; war ein Kind krank und hatte artig die bittere Medizin eingenommen, dann erzählte er zur Belohnung ein schönes Märchen.

Auch heute drängten sich die Kinder wieder um sein Knie, sie hatten alle drei schon artig ihre Zunge gezeigt und ganz still gehalten, als Onkel Doktor den Puls gefühlt hatte; nur der Günther stand wieder in seiner Angstecke und war nicht herauszukriegen.

»Nun, Günther,« fragte Onkel Doktor, »willst du mir nicht auch guten Tag sagen?«

Günther aber bohrte unartig das Gesicht in seine kleinen Händchen und rührte sich gar nicht. Da kümmerte sich Onkel Doktor nicht mehr um den ungezogenen Jungen.

»Wißt ihr, Kinder,« sagte er zu den anderen drei, »ich habe heute gerade einen freien Nachmittag, ich lade euch ein, mit mir eine Spazierfahrt in meinem Wagen zu machen.«

»Ach, Onkel Doktor – liebes Onkelchen!« jauchzten die Kinder.

»Na, erdrückt mich nur nicht mit euren Zärtlichkeiten, sonst kann aus der Spazierfahrt nichts werden,« sagte der Onkel Doktor lachend, »geschwind, laßt euch fertig machen.«

Die Kinder stürmten davon, und auch Günther kam aus seiner Ecke heraus, aber er sah den Onkel Doktor nicht an.

»Ich möchte auch mit,« klang es nach einem Weilchen von den Lippen des Kleinen.

»Du,« – sagte Onkel Doktor erstaunt, »du hast ja Angst vor mir!«

»Ich könnte mich ja auf den Bock zum Kutscher setzen, dann brauchte ich dich nicht zu sehen,« meinte Günther etwas kleinlaut.

Aber Onkel Doktor schüttelte ernst den Kopf.

»Nein, mein Junge – Kinder, die nicht guten Tag sagen und Angst vor mir haben, die nehme ich nicht mit!«

Und Günther mußte zu Hause bleiben!

Ach, wie drückte er das Näschen sehnsüchtig gegen die Fensterscheibe, als die anderen Kinder lachend in dem prächtigen Wagen davonsausten; ein Tränchen nach dem anderen rollte über seine dicken Bäckchen, denn süße Milch mit Erdbeeren hatte der gute Onkel den Kindern in der Meierei, wohin die Fahrt gehen sollte, ja auch noch versprochen.

Und als abends nun alle fröhlich heimkehrten und nicht genug von dem herrlichen Ausflug erzählen konnten, wie der Onkel Doktor mit ihnen im Walde so schön »Verwechsel' das Bäumchen« und »Dritten abschlagen« gespielt habe, da tat es dem Günther doch sehr leid, daß er so unartig gewesen, aber – er sagte das nächste Mal wieder nicht guten Tag.

Diesmal brachte der Onkel Doktor den Kindern eine Einladung in seinen großen Garten zum Ostereier-Suchen, und wieder stand der Günther in seiner Ecke; er wäre so gern auch eingeladen worden, aber er war zu eigensinnig, um artig »Guten Tag, lieber Onkel Doktor!« zu sagen.

So mußte er also auch diesmal zu Hause bleiben, und der Osterhase legte ihm kein einziges Ei!

Eines Tages hatte sich Günther den Magen gründlich verdorben, es war ein Tag nach seinem Geburtstag; er hatte zu viel von der großen Torte gegessen. Er fieberte stark, und die Mama steckte ihn ins Bett und schickte zum Onkel Doktor.

Der aber war gerade über Land gefahren, und so sandte die Mama zu einem fremden Arzt in der Nähe.

Als der neue Doktor kam, vergrub Günther wieder den Kopf in die Kissen und wollte sich nicht untersuchen lassen. Aber der fremde Doktor machte wenig Umstände mit dem unartigen, kleinen Burschen; so sehr der Kleine auch schrie, der Doktor untersuchte ihn ganz ruhig, und als er sich auch nicht in den Hals sehen lassen wollte, da wurde er ganz gehörig angeschrien.

Nun hättet ihr aber den Günther sehen sollen; muckstill war er plötzlich, ganz ängstlich ließ er sich die bitteren Tropfen eingeben, ja – der neue Onkel Doktor war streng!

Aber als am nächsten Tage der alte Onkel Doktor ins Kinderzimmer trat, um nach dem kleinen Patienten zu sehen, da leuchteten Günthers Augen gerade so wie die der anderen Kinder, ganz artig sagte er »Guten Tag!« ließ sich die schöne Uhr und Dose zeigen und bat, als er die Medizin bekam: »Aber nachher erzählst du mir auch ein Märchen, nicht – lieber Onkel Doktor?«

Ja, der kleine Günther wußte jetzt erst, wie gut und freundlich sein alter Onkel Doktor war, vor dem brauchte er wirklich keine Angst zu haben! –

Hast du auch einen so guten Onkel Doktor, kleiner Leser? Dann artig die Zunge gezeigt und nicht geschrien, denn der Onkel Doktor tut ja nicht weh!

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