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Was das Sonntagskind erlauscht

Else Ury: Was das Sonntagskind erlauscht - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
author>Else Ury
titleWas das Sonntagskind erlauscht
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
printrun53. bis 55. Tausend
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140916
projectidee61230b
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Das Regenbogenprinzeßchen

Wo das Meer in wilden Wogen an den sandigen Strand brandet, weit, weit fort, stand eine einsame Fischerhütte.

Dort wohnte ein armer Fischer mit seinem Weibe und seiner kleinen Pflegetochter Edda. Jede Nacht fuhr er mit seinem Kahne ins brausende Meer hinaus und kehrte gegen Morgen mit vollen Netzen wieder heim, darin krabbelten große und kleine Seefische, die trug dann seine liebe Frau zum Verkauf in die Stadt. So lebten sie schlecht und recht.

Die kleine Edda mußte mit ihren zarten Fingerchen die groben Netze ausbessern, barfuß mußte sie an dem nassen Strand dahinlaufen und große Muscheln und bunte Steinchen suchen, die das Meer herangeschwemmt hatte. In den langen Winterabenden klebte sie dieselben auf rote Kästchen und trug sie dann im Sommer, wenn die Badegäste in das nahgelegene Seebad eingekehrt, zum Verkauf.

Ein jeder schaute wohl dem seltsam schönen Kinde mit dem durchsichtigen, weißen Gesichtchen, in dem die veilchenblauen Augen sternengleich strahlten, und dem wehenden, schimmernden Goldhaar verwundert nach; wie kamen die einfachen Fischersleute zu solch einem Töchterchen?

Vor acht Jahren war's, bei der großen Sturmflut, das Meer raste und toste, schaurig brauste und heulte der Wind in den Lüften.

Da legte sich mit einem Male der Sturm, trotz des noch strömenden Regens brach die Sonne golden durch – ein wunderbarer, farbensatter Regenbogen spannte sich über das Meer.

An dem Ufer aber in dem weißen Sande fand die Fischersfrau ein kleines, rosiges Mägdlein von etwa zwei Jahren, das weinte; ein feines, goldenes Kettchen trug es um den Hals – keiner wußte, woher das Kind gekommen. Das war die kleine Edda!

Die gute Frau nahm das hilflose Mägdlein mit heim, gab ihm warme Milch zu trinken und zog es an Kindesstatt auf. Aber das kleine Mädchen war und blieb anders als all die übrigen seegebräunten, rotbäckigen Kinder des Fischerdorfes. Ihr Gesicht und ihre Händchen blieben trotz der brennenden Sonne weiß und zart, niemals sah man sie an den wilden, lauten Spielen der anderen Fischerkinder teilnehmen, stundenlang lag sie in dem weichen, warmen Sande, horchte dem Rauschen des Meeres zu und starrte träumerisch in die blaue, durchsichtige Luft.

»Das Prinzeßchen« nannten sie die Kinder in der Schule höhnend; darüber weinte die kleine Edda bittere Tränen. Aber wenn sie später allein am Meeresstrande lag, dann dachte sie doch manchesmal: »Bin ich vielleicht wirklich ein kleines Prinzeßchen?« Und sie betrachtete das feine, goldene Kettchen, das sie noch immer um den Hals trug.

Eines Tages ging sie wieder Muscheln suchend am Strande entlang, da flimmerte es in dem weißen Sande. Edda beugte sich herab und hob ein merkwürdig geformtes, dreikantiges Stück Glas auf, das funkelte bunt in Sonnenlicht. Sie hielt das Glas ans Auge und blickte hindurch: »Ein Regenbogen!« jauchzte sie; rot, orange, gelb, grün, blau und violett schimmerte ein leuchtender Regenbogen über dem Meer. Edda war selig über den herrlichen Fund, sorgsam verbarg sie das kostbare Glas in ihrem grauen Leinenkittel.

So oft sie konnte lief sie jetzt an das Meer hinaus und zauberte sich den farbenprächtigen Regenbogen herauf. Viele Stunden schon schaute Edda eines Tages bei strahlendem Sonnenschein wieder durch ihr Zauberglas; immer deutlicher und deutlicher sah sie die herrlichen Farben, sie kamen näher – immer näher – jetzt hüllten sie die kleine Edda mit ihrem bunten Schimmer ganz und gar ein! Der weiße, sonnendurchglühte Strand mit dem Fischerhäuschen, das wogende Meer verschwand plötzlich – Edda war mittendrin in der glänzenden, roten Farbe des Regenbogens! Aber das war keine rote Farbe mehr – ein prächtiger, riesengroßer Garten war's, da blühte und leuchtete der schönste, rote Mohn.

Glückselig lief Edda durch die schimmernden Mohnfelder, die so wunderbar waren, wie sie die kleine Edda nimmer geschaut hatte. Die Mohnblüten waren fast wie ein kleiner Wald so hoch, sie waren größer als Edda selbst, stolz wiegten sie ihr brennend rotes Köpfchen auf dem schlanken, grün behaarten Stengel. Die dichten Mohnbüsche taten sich vor Edda von selbst auseinander, und die Blüten neigten ehrfurchtsvoll ihr Haupt wie vor einem kleinen Prinzeßchen. Ein leises Rauschen ging durch das wogende Mohnfeld, es flüsterte in den Halmen; deutlich vernahm Edda die Worte:

»Rot – rot – wie Blut so rot.
Bringen Schlaf und frühen Tod,
Pflück' mich doch, ich bitt',
Edda nimm mich mit.«

sang die größte Mohnblüte. Schon streckte Edda die Hand nach der leuchtenden Blume aus, um sie zu pflücken, da flog plötzlich ein purpurrotes Marienkäferchen ihr auf die Schulter und summte ihr ins Ohr:

»Prinzeßchen, folg' nicht dem lockenden Ton,
Verwandelst sonst selbst dich in roten Mohn.«

Da zog Edda erschreckt die Hand zurück und ging weiter. Die purpurnen Büsche schlossen sich hinter ihr, und sie kam in den zweiten Garten des Regenbogens.

Hier glühte alles im orangefarbenen Schein, rötlich gelb leuchtete es, schattige Orangenhaine wölbten sich über Edda, saftige Orangenfrüchte hingen von den Bäumen herab. Ganz erschöpft war Edda von dem weiten Weg, sie legte sich unter einen Orangenbaum und schloß die müden Augen. Da hörte sie im Traum ein leises Rauschen in den Zweigen:

»Saftig und süß wir Orangen sind.
Komm' und pflück' uns, du Königskind.«

Ach, sie war ja so durstig und so verschmachtet! Schon hob sie die Hand nach der lockenden Frucht, da flog ein orangefarbener Falter ihr auf die Schulter und summte:

»Prinzeßchen, folg' nicht dem lockenden Traum,
Sonst wirst du selbst zum Orangenbaum!«

Da stand Edda geschwind von dem weichen Lager auf und lief erschreckt aus dem Orangenhain hinaus.

Jetzt kam sie in den dritten Garten, da strahlte alles in funkelndem Gold. Goldgelbe Sonnenblumen standen majestätisch nebeneinander, die waren so groß, daß sie sich mit ihren glänzenden Strahlenblättern wie ein schützendes Dach über Edda schlossen. Hellauf jauchzte Edda beim Anblick der gelben Blumenpracht, das schimmerte und gleißte wie eitel Gold. Die Sonnenblumen streuten goldene Funken auf Eddas wehendes Blondhaar; die schönste aber neigte sich vor ihr und sang:

»Wind' uns zum Krönchen, so funkelnd wie Gold,
Setz' uns aufs Köpfchen, du Königskind hold!«

Da faßte Edda die leuchtende Sonnenblume, schon wollte sie die goldenen Blumenblätter zur Krone flechten, da schwirrte eine goldene Fliege ihr auf die Schulter und summte ihr ins Ohr:

»Laß ab – laß ab – in einem Nu
Wirst sonst zur Sonnenblume du!«

Sie ließ die glänzenden Blätter entsetzt los und lief hinaus aus dem goldenen Garten.

Weiter ging sie und kam an ein großes, grünschimmerndes Wasser. Daraus wuchs manneshoch grünes Schilf empor; das schwankte und neigte sich im leisen Winde. Am Ufer lag ein kleiner, grüner Nachen zum Einsteigen für Edda bereit, ein grünschillerndes Glühwürmchen saß am Steuer. Edda stieg in den Nachen, und dahin glitt er auf den sanft schaukelnden Wellen. Das Glühwürmchen steuerte mit seinen Fühlhörnern sicher durch das dichte Schilf, das bog sich und rauschte:

»Es wehet das Schilf, es flüstert im Rohr,
Zieh' Edda uns aus den Wassern empor!«

Schon berührte das nickende Schilfrohr das weiche Händchen Eddas, da wisperte das Glühwürmchen am Steuer ihr zu:

»Laß steh'n, Prinzeßchen, ohne Hilf'
Wirst sonst du selbst zu grünem Schilf!«

Und schnell führte das Glühwürmchen den Nachen ans andere Ufer. Edda stieg aus und wanderte weiter.

Da sprang ein munteres, silberhelles Bächlein durch einen himmelblauen Garten übermütig dahin; leuchtend blaue Vergißmeinnicht umkränzten es und schauten Edda mit frommen Sternenaugen an. Edda lief an dem Bächlein entlang über die blauen Vergißmeinnicht, aber sie zertrat die Blümchen nicht; die zarten Blüten beugten sich unter ihrem Füßchen und richteten sich hinter ihr wieder auf. Leise und fromm klang es zu Edda empor:

»Sind wie der Himmel so blau und licht,
Komm' Edda, pflück' das Vergißmeinnicht!«

Und Edda neigte sich herab zu den holden Blümelein und strich ihnen liebkosend über das Köpfchen. Da flog eine kleine Blaumeise ihr auf die Schulter und zwitscherte ihr ins Ohr:

»Prinzeßchen, laß stehn, sonst wirst du – ach –
Selbst ein Vergißmeinnicht am Bach!«

Da flossen Edda die Tränlein aus den Augen, gar zu gern hätte sie die Blümlein gepflückt, aber sie hörte auf das warnende Gezwitscher der kleinen Blaumeise, ließ die blauen Blümchen stehen und lief weiter.

Gar süß duftete es jetzt um Edda; sie kam in einen großen Garten, da gab es nichts als Veilchen. Wohin sie auch blickte, schimmerte es violett, herrlich groß standen die samtweichen Veilchen umher, wie ein leuchtend violetter Teppich breiteten sie sich vor Edda. Mit müden Augen blinzelte Edda in das blaue Gewoge um sich herum. Da sah sie plötzlich ein funkelndes, buntschimmerndes Schloß aus dem Garten herüberleuchten; sie wollte hinlaufen, aber der Kopf und die Glieder waren ihr von der betäubenden Veilchenluft so schwer, daß sie sich nicht fortbewegen konnte. Leise klang es ihr ins Ohr:

»Es flimmern wir Veilchen zart violett,
Wirf dich ins duftige Veilchenbett,
Prinzeßchen pflück' ab uns zur Decke,
Die müden Gliederlein strecke!«

Verlockend dufteten die Veilchen zu ihr auf. Da warf sich Edda in die schwellende Veilchenpracht; sie hörte nicht auf das mahnende Zirpen der kleinen Grille:

»Prinzeßchen, schlaf nicht, nur ein Weilchen
Und du wirst selbst zum Veilchen!«

Mit vollen Händen riß sie die duftenden Blüten heraus, die hüllten sie weich und warm wie eine Samtdecke ein, Edda fiel in einen tiefen Schlaf.

Als sie daraus erwachte, rieb sie sich die Äuglein und schaute verwundert um sich. Was war mit ihr geschehen? Sie stand nicht viel über dem Erdboden zwischen all den anderen Veilchen; ihre Beine steckten fest in der dunklen Erde, sie waren zu zarten Würzelchen geworden, ihr weißer Körper war zu einem winzigen, grünen Stiel zusammengeschrumpft, statt des blonden Köpfchens trug sie eine leuchtende, violette Blüte; die kleine Edda hatte sich in ein süßduftendes Veilchen verwandelt. Da weinte sie bitterlich, und die Tränen hingen als große Tautropfen an ihren Blumenblättern.

So stand die kleine Edda als Blauveilchen in dem Garten, der das funkelnde, bunte Schloß umkränzte. In dem Schloß aber lebte der König und die Königin vom Regenbogenland. Die schöne, bleiche Königin saß traurig sinnend auf der Terrasse, die in den Veilchengarten hinabführte.

Heute war wieder der Jahrestag, an dem ihr einziges Töchterchen plötzlich verschwunden; acht Jahre war es nun schon her! Lange schon hatte sie die Hoffnung, ihr Kind jemals wiederzusehen, aufgegeben; aber sie konnte ihren verlorenen Liebling noch immer nicht vergessen. Das kleine, zweijährige Mädchen spielte vor ihren Augen auf der Regenbogenbrücke, da kam es dem Rande der Brücke zu nahe, ein Schrei – die kleine Edda versank in der Tiefe!

Ein wirbelnder Windstoß hatte das kleine Prinzeßchen erfaßt, er wehte es durch all' die farbenprächtigen Regenbogengärten – tiefer – immer tiefer herab – bis auf die Erde. Niemals hatten die Eltern ihre kleine Edda wiedergesehen; sie war und blieb verschwunden, alle Nachforschungen des Königs und all' die heißen Tränen, welche die Königin um ihr verlorenes Töchterlein weinte, blieben erfolglos. – – –

Tränenden Auges trat die Königin in den Veilchengarten hinaus und schritt durch die duftigen Blüten. Da sah sie plötzlich im Grase ein Veilchen blühen, das war so zart, samtweich und leuchtend violett und duftete süßer als all' die anderen. Die Königin neigte sich zu dem holden Blümchen herab, grub es vorsichtig aus und strich liebkosend mit ihren weißen, zarten Fingern über sein blaues Blütenköpfchen. Es wurde dem Blauveilchen, der verwandelten, kleinen Edda, so warm ums Herz unter der liebevollen Berührung der weichen Hand der Königin.

»So blau wie das süße Veilchen waren die Augen meines Kindes,« dachte die Königin betrübt, neigte sich auf das Veilchen herab und küßte leise und innig die blauen Blütenblättchen.

Da gab es einen lauten Knall – der Boden rings umher dröhnte – ein Wirbelwind machte sich auf – er riß das Blauveilchen aus der Hand der Königin, statt dessen stand – ein liebliches, zehnjähriges Mägdelein mit leuchtendem Blondhaar vor der Regenbogenkönigin und schaute sie mit schimmernden Veilchenaugen an.

»Mein Kind – meine Edda!« rief die Königin, denn schon hatte sie ihr Töchterchen an dem goldenen Kettchen, das es um den Hals trug, erkannt. Selig schloß sie den wiedergefundenen Liebling in die Arme, und vertrauensvoll schmiegte Edda das Köpfchen an die Brust der Mutter. Im ganzen Regenbogenlande herrschte großer Jubel über die Wiederkehr der kleinen Regenbogenprinzessin, und der König ließ in seiner Herzensfreude seine farbenprächtigen Gärten in den leuchtendsten Farben erglühen; das sahen all' die Kinder unten auf der Erde und jauchzten:

»Ach – der wunderschöne Regenbogen!«

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