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Was das Sonntagskind erlauscht

Else Ury: Was das Sonntagskind erlauscht - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
author>Else Ury
titleWas das Sonntagskind erlauscht
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
printrun53. bis 55. Tausend
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140916
projectidee61230b
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Naschkätzchen

»So – Elschen – du sollst auch bei Papas Geburtstagstorte helfen, geschwind, reibe mir die Mandeln auf dem kleinen Reibeisen,« sagte die Mutter lächelnd, der Kleinen eine große Tüte mit süßen Mandeln zuschiebend.

Mit leuchtenden Blicken machte sich Elschen an die Arbeit. Ei, wie schön das ging – lustig sprangen die weißen und braunen Mandelflöckchen in den Napf.

Ob sie wohl schön süß waren? – Elschen machte begehrliche Augen; ach – wenn Muttchen sich doch nur einmal umdrehen wollte! Muttchen aber drehte sich nicht um, ein Ei nach dem anderen schlug sie in die duftende Kuchenmasse und knetete sie mit dem weißen Mehl zusammen.

Elschens eben noch so fröhliches Gesicht wurde mit einem Male ganz brummig; verdrossen rieb sie die Mandelkerne, die lustige Arbeit machte ihr auch kein bißchen Spaß mehr – wenn sie doch nur heimlich eins der hübschen, braunen Kernchen in den Mund spazieren lassen könnte! Aber die liebe Mutter, die ihr doch sicherlich gern eine Mandel geschenkt hätte, darum zu bitten, das fiel dem kleinen Mädchen nicht ein.

»Anna, ist der Backofen auch gut heiß?« fragte die Mutter und wandte sich prüfend dem Herde zu. Schwapp – hatte Elschen eine große Mandel in den Mund geschoben. Doch da – in der Hast kam das Fingerchen zu dicht an das Reibeisen.

»Au« – schrie Elschen und lief bitterlich weinend zur Mutter. Tröstend verband die gute Mutter das blutende Fingerchen; sie sah nicht Elschens verlegenes Gesicht, als sie ihr als Schmerzensgeld zwei wunderschöne, braune Mandeln schenkte. Die Kleine durfte zusehen, wie die großen und die kleinen Rosinen in den Teig gerührt wurden; das sah hübsch aus, fast wie wenn die dunklen Spatzen im Winter auf dem weißen, beschneiten Gärtchen draußen hockten.

Doch als sich die Mutter umwandte, um die Form auszuschmieren, da konnte es sich das naschhafte, kleine Mädchen nicht versagen, ganz geschwind das gesunde Fingerchen in den Teig zu tauchen und eine Rosine herauszufischen.

Die Torte war fix und fertig; eine große »Vierzig«, aus Teig geformt, prangte in der Mitte, denn morgen wurde der liebe Vater ja vierzig Jahre alt. –

Braun und knusprig, über und über mit Zucker bestreut, stand die prächtige Torte neben all den anderen schönen Gaben am nächsten Morgen auf dem Geburtstagstisch; die Mutter war hinausgegangen, um den Vater zur Bescherung hineinzurufen. Mit sehnsüchtigen Augen stand Elschen vor der Torte. Auf dem Boden neben ihr spielte ihr kleines, weißes Kätzchen Mimi, dem sie zu Ehren des Geburtstages ein blaues Seidenschleifchen umgebunden hatte.

Ach, wie herrlich duftete doch die Torte!

Elschens Finger kamen der Vierzig bedenklich nahe – nur ein ganz kleines Stückchen – Vater würde es ja nicht merken! Hei, wie schön das schmeckte! Noch ein ganz klein wenig – wieder näherte sich das Kinderhändchen der Torte – und noch einmal – da war die Vier ganz und gar in Elschens Mund verschwunden; einsam thronte die Null auf der Geburtstagstorte. Entsetzt schaute Elschen auf das zerstörte Backwerk – nein – so ging es nicht, nun mußte die Null auch schon herunter. Da – hörte sie Schritte – o weh, die Eltern kamen – mit zitternden Fingern riß Elschen hastig nun auch noch die Null von dem Kuchen und ließ sie geschwind in die Tasche ihres Kleidchens gleiten.

Sie wagte dem guten Vater, der sein Töchterchen liebevoll in die Arme schloß, kaum in die Augen zu blicken, scheu sah sie zu, wie die Mutter ihn freudestrahlend an den Geburtstagstisch und zu der selbstgebackenen Torte führte.

Aber ach – wie sah dieselbe aus! Die Vierzig fehlte, und ein großes Stück war aus der Mitte herausgerissen. Betrübt schaute die Mutter auf ihr verdorbenes Geschenk. Tränen des Ärgers traten ihr in die Augen, da fiel ihr Blick auf das harmlos auf dem Fußboden herumspielende Kätzchen.

»Das war gewiß wieder Mimi, das naschhafte Kätzchen,« rief sie ärgerlich; denn daß ihr Töchterchen ihr die Freude so gestört haben könnte, das kam der guten Mutter nicht in den Sinn.

Sie griff zu dem Rohrstock – und hui – da sausten die Schläge auf das arme, unschuldige Kätzchen herab. Jämmerlich miaute Mimi – Elschen aber schwieg, sie wagte es nicht, ihre Schuld einzugestehen; doch als das Kätzchen sie gar so vorwurfsvoll anblickte, da begannen Elschens Tränen zu fließen.

»Wie weichherzig das Kind ist,« sagte die Mutter zum Vater, »nun weint sie, daß ich das böse Kätzchen für seine Naschhaftigkeit bestrafe.«

Und Elschen – schwieg weiter, aber die Geburtstagsfreude hatte sie sich gründlich verdorben! – – –

»Komm', mein Kind, du sollst dem kranken Nählieschen ein Gläschen von unseren schönen, eingemachten Kirschen hintragen,« sprach die Mutter eines Tages zu Elschen, »die werden sie ein wenig erquicken. Geschwind, laß dir ein reines, weißes Schürzchen vorbinden und bestelle dem armen Nählieschen einen schönen Gruß.«

Elschen machte sich auf den Weg.

Es war ein prächtiger Sommertag, golden flimmerte die Sonne hernieder; ein linder Wind jagte die weißen Lämmerwölkchen am blauen Himmelszelt lustig vor sich her.

Nählieschen wohnte nicht weit, nur durch den schönen, schattigen Park mußte Elschen gehen, dann kam sie zu den kleinen, armseligen Häusern draußen in der Vorstadt, wo die arme Näherin krank daniederlag.

Elschen ließ sich Zeit, es war herrlich im Park, vorsichtig trug sie ihr Gläschen mit Kirschen vor sich her. Wie die Sonnenstrahlen auf dem Gläschen spielten und glitzerten, wie verlockend die roten Kirschen im Sonnenlicht zu Elschen emporleuchteten!

Das Naschkätzchen konnte nicht widerstehen!

Eine Kirsche nach der anderen wanderte in ihren Mund – wie süß und saftig sie schmeckten – wie erquickend mußte nun erst der schöne Saft von den Kirschen sein!

Kein Mensch ringsherum – nur die Schwäne auf dem Teich machten lange Hälse und schauten dem Naschkätzchen erstaunt zu. Da nahm Elschen das Glas schnell an den Mund – einen großen Schluck – ach – da lief der rote Saft an dem weißen Schürzchen herunter, erschreckt hielt Elschen im Naschen inne.

Was nun?

So durfte sie nicht nach Hause kommen, da merkte die Mutter gleich, daß sie genascht hatte. Elschen wußte sich zu helfen. Flink band sie das Schürzchen ab und warf es in den Teich, lustig schwamm es davon, und argwöhnisch sahen die Schwäne auf das seltsame Ding.

Elschen aber lief weiter zum Nählieschen, und beschämt mußte sie den warmen Dank der armen Kranken für die schönen Kirschen, von denen sie doch die Hälfte fortgenascht hatte, über sich ergehen lassen.

Muttchen merkte nicht, daß Elschen sich heimlich zu Hause ein anderes Schürzchen umband; aber als die alte Waschfrau das nächste Mal die Wäsche brachte, da vermißte die Mutter das weiße Schürzchen.

Hoch und heilig versicherte die Frau, es sei nicht bei der Wäsche gewesen; aber die Mutter, die das Schürzchen nirgends sah, mußte doch glauben, daß die Waschfrau es entwendet habe. Die arme Frau bekam keine Arbeit mehr – und Elschen schwieg wieder dazu. – –

»Ich weiß gar nicht, wo das Schokoladenpulver immer bleibt,« sagte Köchin Anna unwirsch, als sie das Morgengetränk für den Vater kochte.

Elschen wußte es, wo es geblieben war; jeden Morgen, wenn Anna auf den Markt einkaufen ging, stattete Elschen der Schokoladentüte einen längeren Besuch ab.

Auch heute war sie noch vor der Schule heimlich in die Küche hinausgehuscht; vorsichtig, daß die Tür nicht knarrte, öffnete sie den Vorratsschrank.

Heut' lagen gar zwei Schokoladentüten nebeneinander; flink griff Elschen in die eine und stopfte, so viel nur hineingehen wollte, von dem bräunlichen Pulver in den Mund.

Pfui – wie schmeckte das! Elschen würgte und würgte, aber sie hatte den größten Teil schon hinuntergeschluckt. Da fing sie jämmerlich an zu weinen; das war ja gar kein Schokoladenpulver, das war sicherlich Gift!

»Ach – Mutter – liebstes Muttchen – ich muß sterben!« laut schreiend lief sie zu der erschreckten Mutter.

Jammernd und sich vor Angst windend, beichtete sie, daß sie genascht, und die entsetzten Eltern stellten aufatmend fest, daß Elschen an die Tüte mit – Putzpulver geraten war. Trotzdem das Pulver nicht giftig war, sandte man sofort zum Arzt. Wimmernd lag Elschen im Bett.

»Lieber Gott,« betete sie, »laß mich doch nur nicht sterben, ich will ja in meinem ganzen Leben nicht wieder naschen!«

Der Doktor gab Elschen ein Brechpulver, und dann mußte sie im Bett liegen und konnte am nächsten Tage nicht mit auf das schöne Gut zu Großpapa, worauf sie sich doch so gefreut hatte.

Das war ihre gerechte Strafe!

Aber der lieben Mutter beichtete Elschen ganz leise, wer die Vierzig von Vaters Geburtstagstorte fortgenascht hatte, und wohin das weiße Schürzchen verschwunden war.

Da weinte die Mutter bittere Tränen über ihre mißratene, kleine Tochter, und das tat Elschen viel, viel weher als die ärgsten Schläge.

Elschen hat ihr Wort gehalten; in ihrem ganzen Leben hat sie nicht wieder genascht – das Naschkätzchen war gründlich kuriert.

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