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Was das Sonntagskind erlauscht

Else Ury: Was das Sonntagskind erlauscht - Kapitel 37
Quellenangabe
typenarrative
author>Else Ury
titleWas das Sonntagskind erlauscht
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
printrun53. bis 55. Tausend
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140916
projectidee61230b
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Das Abendgebet

Kennt ihr die Herero, ihr Kinder?

Das ist ein schwarzer Negerstamm im Südwesten von Afrika, und da war jetzt blutiger Krieg zwischen den schwarzen Herero und den weißen Männern, den deutschen Ansiedlern.

Auch der Vater der kleinen Anita war mit der deutschen Schutztruppe ins Feld gezogen, um sein Weib und Kind, sein schönes Haus mit dem schattigen Palmengarten, seine großen Kakao- und Kaffeefelder, seine vielen Schaf- und Rinderherden vor den schwarzen Empörern zu wahren.

Alle Diener der Ansiedelung waren mit ihm gezogen, nur den alten Sam hatte der Vater zum Schutze seiner Familie zurückgelassen.

Die Mutter saß unter einem riesigen Brotbaum und zog Elfenbeinperlen zur Halskette für die kleine Anita auf eine Schnur, und Sam, der alte, treue Diener, stand hinter ihr und fächelte sie mit einem großen Palmenblatt.

Die Kleine aber, ebenso blond und zart wie ihr Mütterlein, sprang in dem herrlichen Garten fröhlich umher. Sie pflückte die schimmernden, weißen Magnolienblüten, die dort in leuchtender Pracht überall wuchsen, und wand sie mit den Blättern der Kokos- und Ölpalme zu einer herrlichen Guirlande zusammen, denn morgen sollte ja der liebe Vater wiederkommen; seine Truppe mußte an der Ansiedelung vorbeimarschieren, da wollte er seine Frau und sein Töchterlein auf einen Tag besuchen.

Ach – wie freute sich die kleine Anita!

Die herrlichsten Blumen, die farbenprächtigsten Tulpen pflückte sie für den Vater, das ganze Haus schmückte sie damit; die saftigsten Datteln und Bananen ordnete sie in einem Körbchen, um den lieben Vater, wenn er ermattet von dem langen Ritt in der glühenden, afrikanischen Sonne, die man Tropensonne nennt, heimkehrte, zu erfrischen.

Schon sandte die Sonne lange, schräge Strahlen durch die Tamarindenbüsche – nun wurde es Nacht.

Die Mutter legte die Arbeit fort, nahm ihr Töchterchen an die Hand und ging mit ihr in das Haus. Anita bekam ihr schönes Maisbrötchen zum Abendbrot und eine Handvoll süßer Datteln und dann gab sie ihrem Mütterchen den Gutenachtkuß.

Die Fenster des Kinderzimmers gingen in den Garten hinaus; sie waren weit geöffnet, denn es ist in Afrika selbst in der Nacht so warm, daß sich die kleine Anita nicht erkälten konnte. Eins – zwei – drei – lag sie in ihrem Bettchen aus weißem Bambusrohr. –

Da schlich es heran – ganz leise – unhörbar – aus dem hohen Mimosengesträuch huschte es heraus – dunkle Gestalten; einer dicht hinter dem anderen – zusammengeduckt krochen sie über die Maisfelder, durch die Baumwollensträucher; von allen Seiten umzingelten sie die deutsche Ansiedelung.

Die Herero – o Gott – die schwarzen Feinde; sah denn keiner im Haus die dunkle Schaar, die lautlos näher und immer näher kam – ahnte denn keiner die furchtbare Gefahr?! – –

Keiner – die Mutter saß friedlich bei der Lampe und las in den deutschen Büchern, die sie mit über das große Meer gebracht hatte; Sam hatte bereits sein Lager aufgesucht.

Und in ihrem Bettchen kniete die kleine Anita; fromm faltete sie ihre Händchen, sie sprach ihr Abendgebet.

Da – tauchte ein dunkler, wolliger Kopf am Kinderstubenfenster auf; funkelnde Augen lugten aus dem schwarzen Negergesicht hinein – doch Anita merkte nichts.

Der Hereroanführer war's, der tapfere Kali-mali, der auskundschaften wollte, von welcher Seite das Haus am besten in Brand zu stecken sei. Und ringsum die schwarzen Genossen warteten nur auf seinen Pfiff, um mit lautem Kriegsgeheul den verheerenden Brand, die Kriegsfackel, auf das friedliche Anwesen zu schleudern.

Vorsichtig spähte Kali-mali in das Kinderzimmer; sein Blick blieb auf dem kleinen, blondhaarigen Mädchen haften, das war gerade so groß wie sein Töchterchen. Da trafen deutsche Worte das Ohr des Herero; aber er verstand fast alles.

»Lieber Gott,« so betete die Kleine, »behüte doch alle guten Menschen, den lieben Vater, die Mutter, den alten Sam und die deutsche Schutztruppe. Aber auch die bösen Herero nimm in deinen Schutz, lieber Gott, daß sie nicht mehr so bös sind und in unsere Wohnungen eindringen, und mache doch auch, daß der häßliche Krieg recht bald zu Ende ist – ja, lieber Gott? Und laß Väterchen gesund morgen zu uns zurückkehren, Amen!« – und da schlief Anita auch schon.

Dem wilden Herero aber rollten die Tränen über die dunklen Wangen; ob wohl sein schwarzes, krausköpfiges Töchterchen, seine kleine Heli-tska, auch jetzt zu dem guten, großen Geist für das Wohl ihres Vaters flehte, wie das kleine, blonde Mädchen?

Nein – der kleinen Deutschen sollte kein Leids geschehen; Kali-mali, der kühne Herero, wachte über sie, er beschützte auch den weißen Mann, den Vater des kleinen, deutschen Mädchens, daß er unversehrt morgen heimkehrte, und das Gebet der Kleinen in Erfüllung ging. –

Die schwarzen Herero warteten vergeblich auf den Pfiff ihres Anführers, er ertönte nicht; geräuschlos kroch Kali-mali vom Kinderstubenfenster hinweg, er winkte seiner schwarzen Schar, und leise – ganz leise – so wie sie gekommen, schlichen die dunklen Gestalten, einer immer hinter dem anderen, in die dichten Tamarindenbüsche zurück – die furchtbare Gefahr war vorüber – die deutsche Ansiedelung durch das Abendgebet der kleinen Anita gerettet.

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