Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Else Ury >

Was das Sonntagskind erlauscht

Else Ury: Was das Sonntagskind erlauscht - Kapitel 36
Quellenangabe
typenarrative
author>Else Ury
titleWas das Sonntagskind erlauscht
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
printrun53. bis 55. Tausend
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140916
projectidee61230b
Schließen

Navigation:

Heideröslein

Mitten in der blühenden Heide, die sich meilenweit erstreckt, stand eine alte, halbzerfallene Hütte. Dort hauste ein armer Torfarbeiter mit seinem Weibe. Duftendes Heidekraut zog sich um das einsame Heidehaus, bunte Falter und emsige Bienen summten lustig vorüber; in dem Hause aber war es still, ganz still, seitdem man die kleine Erika, das liebliche Töchterchen, in das kleine Heidegrab hinter der Hütte gebettet hatte.

Jeden Abend lag die arme Mutter schluchzend an dem schmalen Kinderhügel, auf dem die Heideröslein lustig wucherten, und weinte heiße Tränen um den verlorenen Liebling.

So kniete sie eines Abends wieder an dem Grabe nieder; schon zog die finstere Nacht herauf, und immer noch flossen ihre bitteren Tränen.

Da sah sie plötzlich dicht vor sich ein bläuliches Licht auftauchen, ganz dicht flammte es neben ihr empor, und jetzt – husch – husch – schwirrte es hinter den nächsten Baum. Schnell erhob sich die Frau und lief hinter dem zuckenden Flämmchen her, jetzt flackerte es hier – jetzt blitzte es dort – und nun – nun war es plötzlich ganz verschwunden. Doch nein – dort drüben am Sumpf tanzte es glitzernd und lockend auf und nieder; die Frau lief, so flink sie nur konnte; das war ein Irrlicht, ein Glückslicht!

Wer es greift und festhält, so geht die Heidesage, der kann sich wünschen, was nur sein Herz begehrt; wem es aber mißlingt, den foppt das blitzende Irrlicht und lockt ihn hinein in das schwarze Heidemoor, in dem er elendiglich sterben muß.

Schon stand die Frau auf dem feuchten Torfboden am Sumpf, da plötzlich war das Irrlicht dicht neben ihr, beherzt griff sie zu – einen winzigen, kleinen Geist im leuchtenden, bläulichen Röckchen und flammenden Strahlenhütchen hielt sie fest in der Hand.

Ängstlich sah der kleine Wicht zu der großen Frau empor.

»Gib mich frei,« bat er mit kläglicher Stimme, »es soll dein Schade nicht sein. Ich bin der mächtige Heidegeist, Irrwisch genannt; wenn du mir meine Freiheit zurückgibst, magst du dir wünschen, was du willst, ich werde es dir erfüllen!«

Ein froher Schimmer huschte über die verhärmten Züge der Frau.

»Alles!« wisperte der kleine Heidegeist, »sprich!« fragte sie atemlos vor Freude.

»Alles!« wisperte der kleine Heidegeist, »sprich!«

»Nun denn,« sagte die Frau, »so schaffe mir wieder ein Töchterlein, so zart und hold, wie meine kleine Erika es gewesen.«

Irrwisch nickte dreimal gar possierlich mit dem Kopfe und flüsterte:

»Wenn im nächsten Jahre wieder die Heideröslein auf dem Grabe deines Kindes blühen, dann gehe am siebenten Tage des siebenten Monats in der siebenten Stunde an den Hügel, zähle die roten Heideröslein; die siebente gräbst du vorsichtig aus und stellst sie sieben Tage in einen Krug Wasser, dann wird dein Wunsch in Erfüllung gehen.«

Da dankte die Frau glückselig dem Heidegeist, öffnete ihre Hand, und fort war Irrwisch – drüben über dem schwärzlichen Moor tanzte er bläulich glitzernd auf und nieder.

Die Frau aber ging fröhlich heim zu ihrem Manne.

Der Winter verging, der Sommer zog ins Land, und eifrig zählte die Frau die Monate und Tage. Am siebenten Tage des siebenten Monats in der siebenten Stunde trat sie hinaus an das Grab der kleinen Erika, auf dem die Heideröslein herrlich blühten. Herzklopfend ergriff sie die siebente Blüte; das war ein zartes Rosenknöspchen, vorsichtig grub sie es aus und stellte es daheim in frisches Wasser. Jeden Morgen lief sie zuerst zu ihrem Heideröslein; das aber stand unverändert in dem Wasserkrug am Fenster.

Aber als sie am siebenten Morgen wieder nachschaute, da hatte sich die Rosenknospe herrlich entfaltet; in dem Blütenkelch aber auf den rosenroten Blumenblättern hockte ein kleines, liebliches Mädchen, das jauchzte laut vor Vergnügen. Da setzte die Mutter jubelnd das reizende, winzige Geschöpfchen auf ihre Handfläche, herzte und küßte es, und nannte das kleine Mädchen Heideröslein.

Mit dem kleinen Heideröslein war wieder Freude und Frohsinn in das stille Heidehaus gezogen; sie war das ganze Glück der Eltern. Ihre Wangen blühten mit den Heideröslein draußen im Walde um die Wette; sie sang und jubilierte heller als die emporsteigende Lerche, sie war emsiger und fleißiger vom frühen Morgen bis zum späten Abend als die summende Biene, und die glückliche Mutter dankte insgeheim dem mächtigen Heidegeist jeden Tag aufs neue für ihr liebliches Heideröslein. Aber zierlich und klein blieb das Mägdelein, zart und duftig wie eine kleine Blumenelfe; als sie zehn Jahre alt war, reichte sie kaum bis zu dem weißgescheuerten Holztisch.

Wie liebte Heideröslein die weite, einsame Heide; mit jeder Arbeit lief sie hinaus, setzte sich in das schwellende, bräunliche Moos und verrichtete ihr Tagewerk. Aber wenn die Glocke fern aus dem Dorf von dem roten Kirchturm den Feierabend einläutete, wenn die Abendsuppe verzehrt war, dann lief Heideröslein weit, weit hinein in die dämmerige Heide, dann warf sie sich in das wogende, rötliche Heidekraut und sog in langen, tiefen Zügen den würzigen Blumenduft ein. Das war ihr schönstes Vergnügen; stundenlang konnte sie Feiertags so zwischen den schlanken Heideblüten liegen, in die durchsichtige, blaue Luft starren und dem Rauschen des Windes und dem Summen der Bienen lauschen.

Als Heideröslein zwölf Jahre alt geworden, ruhte sie an ihrem Geburtstage wieder auf ihrem Lieblingslager zwischen den im Abendwinde nickenden Erikablüten. Die Dämmerung senkte sich mit ihren grauen Flügeln über die Heide; dunkel wurde es – immer dunkler – immer noch lag Heideröslein verträumt auf ihrem Blütenlager.

Da – plötzlich – zuckte ein bläuliches Flämmchen dicht neben ihr empor; im blauen Strahlengeflimmer stand ein putziges, kleines Männchen vor ihr – es war Irrwisch! Heideröslein erhob sich mit einem Ruck und blickte erschreckt auf den seltsamen, winzigen Geist mit dem runzligen Gesicht herab. Dieser öffnete seinen Mund und sprach:

»Grüß Gott, Heideröslein, fürchte dich nicht, ich bin der mächtige Heidegeist Irrwisch und tue dir nichts zuleide. Ich habe dich oft beobachtet, wenn du hier auf meinem Blütenteppich lagst; ich habe dich gern, Heideröslein, und da du heute zwölf Jahre alt geworden bist, frage ich dich: Willst du meine Frau werden?«

Da lachte Heideröslein hell auf: »Ich deine Frau, du Knirps, du bist ja kaum halb so groß wie die Erikablüten hier ringsherum, ha – ha – das würde ein schönes Paar abgeben; nein – die Lust lasse dir nur vergehen!«

Da wurde Irrwisch sehr böse und mit grimmiger Stimme rief er: »Was, Jungfer Naseweis, wer hat dich denn überhaupt erst zum Menschen gemacht? Eine längst verblühte Blume wärst du am Heiderosenstrauch, hätte ich dich nicht kraft meiner Zaubergewalt in ein Kindlein verwandelt! Nun wohl – so werde denn zur Strafe ein Irrlicht, wie ich es bin; auf dem schwärzlichen Heidemoor sollst du tanzen, die Menschen sollst du locken und foppen, unstät und rastlos sollst du sein – dies sei die Strafe für deinen Hochmut!«

Da fühlte Heideröslein plötzlich, wie bläulich flimmernde Strahlen aus ihren Blondhaaren und Blauaugen sprangen, ihr rosenrotes Kleidchen wurde glitzernd blau, ihre Arme wurden zu zuckenden Flämmchen, und die Beine sprangen und tanzten unaufhörlich von selbst auf und nieder, der Boden verschwand unter ihren Füßen, als ein blitzendes Irrlicht schwebte Heideröslein über den großen Sumpf.

Trauer und Jammer war in das jetzt wieder vereinsamte Heidehaus eingekehrt, still und wortkarg ging der Vater früh zur Arbeit, und die Mutter weinte wieder Tag und Nacht um ihr verlorenes Heideröslein.

Traurig ging sie in die weite Heide hinaus, um ihr verschwundenes Kind zu suchen.

»Hast du nicht das Heideröslein gesehen?« fragte sie den leise vorüberstreichenden Abendwind.

»Dort drüben am Sumpf – dort über dem Moor,« flüsterte der Abendwind. Da eilte die Mutter an den schwarzen Sumpf. Grauer Nebel stieg aus dem feuchten Morast empor, gespenstisch schwebte er in gar seltsamem Gewoge über das Heidemoor.

»Habt ihr nicht mein Kind gesehen?« fragte die arme Mutter die sich zusammenballenden Nebelgestalten. Die tauchten mit lose fließenden Gewändern auf und nieder und raunten ihr zu:

»Siehst du die bläulichen Irrlichter dort am Sumpf; das eine, das ist dein Kind, dein Heideröslein! Irrwisch hat sie verzaubert, dort drüben muß sie mit ihm im Mondenschein tanzen. Lauf' – eile – und fange das Irrlicht!«

Da lief die Mutter am Moor entlang auf die beiden Irrlichter zu, sie griff nach dem einen von beiden – es war das falsche! Irrwisch, der kleine Wicht, wand sich wieder ängstlich zwischen ihren derben Fingern.

»Wo hast du mein Kind?« rief die unglückliche Mutter, »nicht eher erhältst du deine Freiheit wieder, als bis du mir verrätst, wie ich mein Heideröslein erlösen kann,« und fester packte sie den Heidegeist. Der krümmte sich gar kläglich, aber es half ihm nichts, die Frau ließ nicht los. Da mußte er wohl oder übel ihren Wunsch erfüllen. Er sprach:

»In den langen Sommernächten fange die schimmernden, weißen Sommerfäden, die in den Lüften dahinschweben, webe sie zu einem zarten, lichten Gewande. Aber am siebenten Tage des siebenten Monats von heute an gerechnet muß deine Arbeit vollendet sein; dann gehe in der siebenten Stunde hinaus in die Heide an das schwarze Heidemoor. Dort zähle die zuckenden Flämmchen der bläulichen Irrlichter, dem siebenten Irrlicht wirfst du das duftige Gewand aus gesponnenen Sommerfäden über, dann wirst du dein Kind erlösen. Aber hüte dich, wirst du auch nur eine Stunde später mit deinem Werk fertig, dann muß das Heideröslein auf ewig als Irrlicht durch die Heide schwirren!«

So sprach der Heidegeist, da öffnete die Mutter ihre Hand, und Irrwisch huschte davon.

Die Frau aber lief Nacht für Nacht hinter den flatternden, lichten Sommerfäden her und haschte sie, und am Tage saß sie in der Heide und wob die zarten Fäden mit emsiger Hand zum Gewande. Aber die Fäden waren so fein, daß sie fortwährend rissen; immer wieder mußte die Mutter ihr mühseliges Werk von neuem beginnen. So schwanden die Monate, schon waren sechs Monate verflossen, nur noch sieben Tage blieben der fleißigen Frau zu ihrer Arbeit und noch war nicht die Hälfte vollendet.

Da weinte die arme Mutter bitterlich, daß ihr Heideröslein nun ewig ein Irrlicht bleiben mußte, und ihre Tränen flössen in das weiche Moos. Und siehe – in dem Moose regte es sich plötzlich; von allen Seiten kam es herangekrochen – große, graue Spinnen, viele Tausende, die griffen die zarten Fäden mit ihren vielen Beinchen und woben auch die feinsten Fäden geschickt zusammen. Am siebenten Tage war das Gewand fast vollendet; nur der Saum fehlte noch.

Aber als die siebente Stunde gekommen war, nahm die Mutter mit zitternder Hand das beinahe fertige Kleid und lief an das Heidemoor.

Da tanzten viele bläuliche Irrlichter auf und nieder, eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, zählte sie und warf dem siebenten vorüberschwirrenden Irrlicht das Sommerfädenkleid über.

Und siehe da – vor ihr stand plötzlich ihr liebes Heideröslein frisch und fröhlich und sprang ihr jubelnd in die Arme.

Glückselig zogen sie heim, und Freude und Frohsinn herrschten wieder im Heidehaus.

Abends aber, wenn es dunkel wird, und wenn die Nacht aufzieht, dann sieht man um Heiderösleins Füßchen bläuliche Flammen zucken, die muß sie ewig behalten, weil der Saum des Sommerfädenkleides nicht vollendet war.

 << Kapitel 35  Kapitel 37 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.