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Was das Sonntagskind erlauscht

Else Ury: Was das Sonntagskind erlauscht - Kapitel 32
Quellenangabe
typenarrative
author>Else Ury
titleWas das Sonntagskind erlauscht
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
printrun53. bis 55. Tausend
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140916
projectidee61230b
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Lockenköpfchen

In der engen, dunstigen Küche hockte ein reizendes, sechsjähriges Mädchen auf einem kleinen Schemel. Das frische Gesichtchen mit dem schimmernden, goldblonden Gelock neigte sich über die Fibel, leuchtend rote Bäckchen hatte die Kleine vor Eifer.

»S–ei – Sei–f–e – fe – Seife,« buchstabierte sie mühsam, und »Mutter, ich kann jetzt schon Seife lesen!« jubelte sie.

Die Mutter, eine blasse Frau, schaute lächelnd von ihrem Waschfaß, in dem sie die Kragen für die reichen Herrschaften wusch, auf ihr fleißiges Töchterchen; dann aber begann sie wieder emsig mit dem großen Stück Seife die feine Wäsche zu bearbeiten.

Lieschen, so hieß das kleine Mädchen, trug dann die sauberen Kragen und Manschetten in die schönen Häuser, und manch ein Stückchen Kuchen, manch schönen Apfel schenkte man dem hübschen Kinde, das stets einen artigen Knix machte.

»Lockenköpfchen« nannte man das Lieschen überall ihrer goldenen Locken wegen; all' die Herrschaften, für welche die Mutter wusch, kannten die Kleine, fast ein Jeder strich ihr freundlich über die krausen Blondhaare.

»Die Locken sind Gold wert,« hatte mal eine Dame zur Mutter gesagt; Lieschen hatte es ganz genau behalten.

Heute kämmte und bürstete die Mutter Lieschens Locken mit ganz besonderer Sorgfalt; ein himmelblaues Schleifchen knüpfte sie hinein, denn Lieschen sollte die Wäsche zur Frau Kommerzienrat hintragen.

Es war ein recht eisiger Wintertag; ach – wie fror das kleine Lieschen in dem dünnen, fadenscheinigen Jäckchen, denn die arme Mutter hatte kein Geld, um dem Kinde ein wärmeres zu kaufen. Die kleinen, roten Händchen waren ganz erstarrt, kaum konnten sie den schweren Korb mit Wäsche halten, und die hübschen Locken waren von dem argen Schneetreiben ganz naß geworden, denn nicht einmal ein Mützchen hatte das kleine Lieschen.

»Ach, du armes Kind,« sagte die Frau Kommerzienrat mitleidig und strich dem Kinde die feuchten Haare aus der Stirn, »du bist ja ganz erfroren!« und sie brachte der Kleinen ein großes Glas heiße Milch und ein Stück Kuchen – ei, wie schmeckte das prächtig!

»Anna,« sagte Frau Kommerzienrat zu dem Kindermädchen, »bringe das ausgewachsene, blaue Wollkleidchen von unserem Gretchen, den kurzen, warmen Wintermantel und das rote Samtkäppchen – es wird dem Lockenköpfchen gerade passen.«

Die gute Dame zog dem armen Kinde selbst die warmen Sachen an; Lieschen dankte viel, viel tausendmal und sprang fröhlich heim; jetzt fror sie kein bißchen mehr.

Freudestrahlend zeigte sie der Mutter die geschenkten Herrlichkeiten; die aber stimmte nicht in Lieschens Jubel ein. Traurig nickte sie mit dem Kopf und wischte sich mit der seifenschaumigen Hand eine Träne von den verhärmten, bleichen Wangen.

»So weit ist es nun schon mit uns gekommen, daß wir Almosen annehmen müssen,« murmelte sie vor sich hin, »ja – wenn Vater noch lebte, dann hätten wir unser gutes Auskommen, aber so – –« die arme Frau weinte bitterlich.

Da aber schlang Lockenköpfchen die Arme um der Mutter Hals.

»Mütterchen,« sagte sie, die Mutter liebkosend, »wir sind doch noch immer satt geworden, und die Leute sind doch alle so gut zu uns; der liebe Gott wird uns schon nicht verlassen.«

»Du bist ein braves, frommes Kind,« sagte die Mutter, ihre Tränen trocknend, und machte sich wieder an die Arbeit.

Ja, freilich – bis jetzt waren sie stets satt geworden, aber als nun eine schwere Krankheit die Mutter herniederwarf, und sie gar nichts mehr verdienen konnte, da sah es recht trostlos bei der armen Waschfrau aus.

Immer noch währte die eisige Kälte, und keine Kohle, kein Scheit Holz war mehr da, um die feuchtkalte Stube ein wenig zu erwärmen.

Im hohen Fieber lag die Mutter, vor Frost zitternd, in dem elenden Bett an der nassen Wand, und Klein-Lieschen hockte hungrig und frierend an ihrem Lager und schaute mit angsterfüllten Augen auf die todkranke Mutter. Das rosige Kindergesichtchen war blaß und schmal geworden, seit gestern hatte die Kleine keinen Bissen mehr im Mund gehabt, auch nicht ein Krümchen Brot war mehr im Hause!

Und dabei hatte der Doktor heute noch solch teure Medizin für die kranke Mutter aufgeschrieben, und Fleisch und Wein sollte sie auch zur Stärkung bekommen.

Aber Lockenköpfchen hatte kein Geld, um die Medizin zu kaufen, leer – ganz leer war die Lade, in der das Geld immer lag.

Die Tränen rannen dem Kinde über das bleiche Gesichtchen – ach – wenn ihr liebes Mütterchen ohne die heilende Medizin sterben mußte!

Nein – das durfte nicht sein!

Ob sie die gute Frau Kommerzienrat um Geld bat, sie würde es ihr sicher geben; aber Mutter hatte ihr immer eingeprägt: »Lieber hungern als betteln!«

Da stöhnte die kranke Mutter schwer auf, und nun war Lieschens Entschluß gefaßt. Sie konnte ihr Mütterchen nicht sterben lassen!

Noch einmal strich die Kleine zärtlich über der Mutter heißes Gesicht, dann huschte sie scheu hinaus.

Ach, wie schwer wurde dem kleinen Lieschen der Gang, ihr Herzchen klopfte zum Zerspringen, und je näher sie dem Hause der Frau Kommerzienrat kam, je langsamer wurde ihr Schritt.

Zum erstenmal in ihrem Leben wollte sie betteln, aber – sie tat es ja für die todkranke Mutter!

Jetzt stand das kleine Mädchen vor dem Hause des Kommerzienrates; ein Friseurladen war in demselben; zögernd blieb die Kleine stehen. Blonde, braune und schwarze Perücken standen in dem Schaufenster, lange Zöpfe und krause Locken. Da plötzlich durchzuckte das Lieschen ein Gedanke.

Hatte nicht die Dame neulich gesagt, ihre Locken seien Gold wert? – Entschlossen trat Lieschen in den Friseurladen.

»Wollen Sie mir, bitte, meine Locken abschneiden und mir Geld dafür geben, lieber Herr?« bat sie den Friseur mit schüchterner Stimme.

Der lachte.

»Willst du dir dafür Bonbons kaufen, Kleine?«

»Nein,« meinte Lieschen traurig, »meine Mutter ist so krank, da will ich Medizin und Wein und Fleisch kaufen.«

Der Friseur betrachtete die wundervollen, blonden Locken des Kindes.

»Setz' dich, Kleine,« sagte er, band Lieschen einen großen, weißen Mantel um, griff zur Schere und – schnipp – schnapp – da fiel die erste Locke zur Erde herab.

Heiße Tränen traten dem kleinen Mädchen in die Augen – ihre schönen Locken!

Da schellte die Türklingel; ein eleganter Herr trat in den Laden, und »Lockenköpfchen, was machst du denn da?« fragte er; es war der Herr Kommerzienrat.

Der Friseur hielt mit Schneiden inne und berichtete dem Herrn, daß die Kleine ihre Locken verkaufen wolle, um der kranken Mutter Medizin dafür zu kaufen.

»Du bist ein braves Kind,« sprach der Herr Kommerzienrat gerührt, »aber deine schönen Locken sollst du behalten!«

Er nahm die Kleine an die Hand, fuhr selbst in einem Wagen mit ihr in die Apotheke und kaufte die teure Medizin; zartes Fleisch und süßen Wein nahm er für die Mutter mit, auch das hungrige Lockenköpfchen bekam ein großes Brot mit Wurst. Dann fuhren sie zu der kranken Mutter.

Da legte der Herr Kommerzienrat eine große Börse mit Gold auf das Bett der fiebernden Frau, und nun hatte alle Not ein Ende!

Die Mutter wurde nach der Medizin wieder ganz gesund; die Locke aber, die der Friseur der Kleinen bereits abgeschnitten hatte, ließ der Herr Kommerzienrat einrahmen zur Erinnerung an die opferfreudige, kindliche Liebe des Lockenköpfchens.

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