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Was das Sonntagskind erlauscht

Else Ury: Was das Sonntagskind erlauscht - Kapitel 31
Quellenangabe
typenarrative
author>Else Ury
titleWas das Sonntagskind erlauscht
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
printrun53. bis 55. Tausend
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140916
projectidee61230b
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Das Briefmarkenalbum

Onkel Paul war doch der beste Onkel der Welt!

Wenigstens war das Kurts Ansicht; immer hatte er etwas für seinen kleinen Neffen in der Tasche; erst heute hatte er ihm drei ganz seltene Briefmarken mitgebracht. Kurt war glückselig, er war ein eifriger Markensammler und hatte schon viele fremdländische Marken; aber die drei von heute stammten sogar aus fernen, fernen Erdteilen, was würden die Jungen morgen in der Schule für Augen machen!

Bis zum Zubettgehen probierte Kurt immer wieder aus, auf welcher Seite seines großen Albums, das er zum letzten Geburtstage von den lieben Eltern erhalten hatte, sich die Marken wohl am vorteilhaftesten ausnehmen würden, aber er kam damit nicht ins Reine. Nirgends sahen sie schön genug aus, und als die Mutter schließlich energisch zum Zubettgehen trieb, da legte er die neuen Marken vorläufig zwischen zwei schon mit Briefmarken beklebte Blätter und ließ das Album, liederlich wie er war, ausgeschlagen auf dem Kindertisch liegen. Bald schlief er fest, und die neuen Briefmarken, die von der langen, anstrengenden Reise noch immer müde waren, schnarchten mit ihm um die Wette.

Da huschte der Mond, der übermütige Geselle, mit seinen glitzernden, weißen Strahlen ins Kinderzimmer. Er ließ seine schimmernden Silberfäden auf Kurtchens Deckbett spielen, – der rückte und rührte sich nicht. Neugierig sah sich der Mond in dem Kinderzimmer um. Ach, da lag ja Kurtchens Briefmarkenalbum, das mußte er sich doch einmal näher ansehen. Schnell glitt er auf silbernen Schuhen zu dem Kindertisch, da sah er die schnarchenden Briefmarken. Ausgelassen griff der Mond zu seinem feinsten und spitzesten Silberstrahl und kitzelte damit die eine schlafende Briefmarke leise unter das Näschen.

»Mch« – machte die ärgerlich im Schlafe; aber der Mond, der lose Wicht, ließ nicht nach, immer weiter kitzelte er, da begann die Briefmarke laut zu niesen, und vor Schreck darüber wachte sie auf, und mit ihr ihre beiden Gefährtinnen und alle die anderen Marken, welche auf der Seite aufgeklebt waren.

»Wie können Sie nur zu nachtschlafender Zeit solchen Lärm machen!« sagte die englische Marke bärbeißig.

»Sie scheinen sich noch nicht viel in vornehmer Gesellschaft aufgehalten zu haben, so laut und unanständig zu niesen!« meinte die französische Marke spitz.

»Gott weiß, wo Sie sich bis jetzt in der Welt herumgetrieben haben und mit was für Gesindel Sie verkehrt haben!« sagte die spanische Marke stolz und hochmütig.

»Entschuldigen Sie, meine Herrschaften,« antwortete die fremde Marke, »ich habe schon viele Länder gesehen; ich stamme aus einem fernen, fernen Reiche, China geheißen, aber dort sind die Leute überall höflich und gastfreundlich gegen den Fremden, eine solche Aufnahme wie hier habe ich noch nie erfahren!«

»Es war gewiß von den Schwestern nicht so bös gemeint,« sagte die bayrische Marke, auf welche die anderen stets geringschätzig herabblickten, weil sie nicht so weit her war, als sie selbst. »Aber da wir doch alle nun mal munter sind, wie wär's, wenn uns die neuen Kolleginnen etwas von ihrem Leben in dem Lande, aus dem sie kommen, berichteten?«

»Ja – bitte – bitte!« klang es im Chor; nur die englische Marke gähnte griesgrämig.

Die fremden Ankömmlinge waren einverstanden, und die gelbe Briefmarke aus China begann, während die anderen eifrig lauschten:

»Ja – schauen Sie mich nur an, aus dem feinsten, chinesischen Papier bin ich hergestellt, und viele Tage, Wochen und Monate bin ich auf dem großen Meere hierher gereist. Ach – wie schön ist's in meinem Heimatland China; ein uraltes Reich ist das, und eine große Mauer, die »chinesische Mauer« genannt, schließt es von anderen Ländern ab.

Da lebte ich in einem hohen, vornehmen Hause, das hatte viele Dächer mit lustig klingenden Glöckchen daran und einen wunderschönen, bunten Turm aus chinesischem Porzellan. Auf dem mit glänzenden Lackfarben bemalten Schreibtisch wohnte ich, und mein Herr war einer der angesehensten Chinesen, Li-tse-tsching geheißen. Ein herrliches, blauseidenes Gewand trug er mit einem gelben, breiten Gürtel, und auf dem Kopfe eine kleine, runde Mütze. Hinten aber hing ihm ein langer, schwarzer Zopf herunter, der wackelte gar lustig hin und her, wenn Li-tse-tsching mit seinem kleinen Söhnchen Tai-tsung und seinem Töchterchen Tsung-tschi-kja an der Hand in seinen duftenden Gärten spazieren ging. Auch das siebenjährige Söhnchen Tai-tsung trug schon wie sein Papa einen langen, schwarzen Zopf, der flog hinter ihm her, wenn Tai-tsung gar fröhlich unter den hohen Kokospalmen und Bananenbäumen dahinlief oder auf die weißen Maulbeerbäume kletterte.

Aber Tsung-tschi-kja, das Schwesterchen, konnte nicht mit ihm springen und tollen; dem hatte man die Füßchen ganz fest eingeschnürt, damit sie so klein blieben und nicht mehr wuchsen, denn so trippelten alle vornehmen, kleinen Chinesenmädchen einher, und die, welche die kleinsten Füße hatte, das war die Schönste. Von meinem Schreibtisch aus konnte ich durch das bunte Fenster bequem den großen Garten übersehen. Li-tse-tsching ging stets würdevoll zwischen all' den üppigen, farbenprächtigen Blumen einher, und seine schiefen, geschlitzten Äuglein leuchteten vor Freude über sein schönes Eigentum. Er pflückte die schwarzen und grünen Teeblätter und roch mit seiner platten Nase daran, ob sie auch dies Jahr gut geraten seien, und schritt über die ausgedehnten Reisfelder, auf denen große, dickhäutige Büffel den Pflug zogen. Dort wächst der schöne, weiße Reis, den unser neuer Herr, das Kurtchen, sich heute zum Abendessen, mit Zucker und Zimmt bestreut, hat gut schmecken lassen. Ja – ein schönes Land ist meine Heimat; bunte Pelikane fliegen in der Luft, und seltsame Wasservögel schaukeln sich auf den blauen Fluten.

Eines Tages aber nahm Tai-tsung seinen kleinen, bunten Sonnenschirm, und Tsung-tschi-kja nahm den roten, bemalten Fächer; der Papa aber klebte mich auf einen großen, schweren Brief und drückte mich mit seinem langen, schwarzen Zopf fest. Dann gaben sie mir alle drei das Geleit bis zu dem großen Schiff hinab, auf dem ich die weite Reise antreten sollte. Was aber in dem Brief gestanden hat, habe ich niemals erfahren; man riß mich hier in Deutschland gleich mit rauher Hand von dem feinen Kuvert und stellte mich in das Schaufenster eines Markengeschäftes, da hat mich denn Onkel Paul gestern für den kleinen Kurt erstanden. So kam ich in Ihre Gesellschaft, meine Herrschaften; aber es will mir in Europa gar nicht gefallen. Ach, mein schönes China, wäre ich doch wieder daheim!«

Die Briefmarke schwieg; eine große Sehnsuchtsträne hing ihr an der gelben Augenwimper.

Da nahm die grüne Briefmarke das Wort:

»Auch mir will es hier gar nicht behagen – hu! – wie kalt ist es hier oben in Deutschland! Wo ich daheim bin, da brennen glühende Sonnenstrahlen vom wolkenlosen Himmel hernieder; graue, schwerfällige Elefanten, hochbeinige, schlanke Kamele waten belastet durch den heißen, weißen Wüstensand, und in der Satteltasche eines Kamels bin ich viele Tage und viele Nächte durch die trockene, glühende Wüste gezogen.

Aus dem dunklen Erdteil komme ich, Afrika genannt, ein deutscher Mann trug mich dort auf all' seinen Wanderungen und Irrfahrten in der Brieftasche auf seiner Brust. Arm kam er aus Europa nach Afrikas sonnendurchglühter Küste, nach der Goldküste wollte er, um dort sein Glück zu machen und ein reicher Mann zu werden. Aber er verfehlte den Weg und kam an die Sklavenküste. Da ergriffen ihn böse Leute, die Menschenhandel trieben; sie sahen seinen schönen, kräftigen Körper, fesselten ihn und wollten ihn als Sklaven über das Meer schleppen. Wie klopfte sein junges Herz vor Angst, ganz deutlich hörte ich durch die ledernde Brieftasche das wilde Pochen. In der Nacht aber riß er sich los und entkam seinen Peinigern. Nun wanderte er die Zahnküste entlang, da fand er schönes, wertvolles Elfenbein, Elefantenzähne, die sammelte er und trug sie mit sich, dann sah ich ihn an der Goldküste bis zu den Hüften in dem kalten Wasser stehen, während die Tropensonne ihm die blonden Haare sengte. Er fischte die kleinen, schmutzigen Goldklumpen aus dem Wasser und wusch sie immer und immer wieder aus, bis sie glänzten und funkelten. Das Gold sollte sein altes Mütterchen hier in Deutschland haben, das sich so ums tägliche Brot plagen mußte. Und als er genug gesammelt hatte, zogen wir zurück durch die brennende, dürre Wüste. Eine große Gesellschaft war's, Karawane genannt, viele Menschen, Elefanten und Kamele dabei.

Wir kamen nicht weit auf unserer Wanderung; mein Herr erkrankte, war es noch von den Anstrengungen des Goldsuchens oder war der verderbenbringende, giftige Wüstenwind daran schuld; er konnte nicht weiter, man brachte ihn zu einem guten Mann in einer Oase, das sind die kleinen, fruchtbaren Strecken in der dürren Wüste, wo es einen Wasserquell gibt, und wo erquickende Dattelbäume stehen. Der fremde Mann pflegte meinen Herrn wie einen Bruder, aber seine Aufopferung nutzte nichts mehr. Mein Herr starb; unter einer schattigen Palme wurde er zur letzten Ruhe gebettet. Und mich – mich klebte man auf den traurigen Brief, welcher der alten, einsamen Mutter hier den Tod des einzigen Sohnes mitteilte. So kam ich nach Deutschland!«

Die Stimme versagte der Briefmarke; sie schluchzte laut über den Jammer des zurückgebliebenen Mütterchens, und auch all' die anderen Briefmarken blickten mitleidig drein.

»Nun kommen Sie noch daran, liebes Fräulein,« sagte die bayrische Marke zu der dritten, roten Briefmarke, »was haben Sie denn schon erlebt?«

»Meine Geschichte ist nur kurz,« begann die letzte Briefmarke, »ich lebte bisher in Amerika auf einer Farm. So nennt man dort die großen Ansiedelungen auf dem Lande von Männern, die das Land fruchtbar machen und bebauen. In einem Blockhaus wohnte ich auf einem feinen Damenschreibtische, der gehörte der Mutter des kleinen, zehnjährigen Bill. Sein Vater war tot, und die gutmütige, schwache Mutter ließ ihm allen Willen.

Bill war Herr im Hause, und wenn er mit seiner kleinen Reitpeitsche über die Maisfelder, Kaffee- und Tabaksanpflanzungen schritt, dann zitterte die ganze Dienerschaft. Sie alle haßten den grausamen Bill, der sie stieß und peitschte; nur einer liebte ihn, das war der alte Toms. Ein Neger war's, der Bill schon als kleines Kind auf den schwarzen Armen geschaukelt, und dem er gar oft mit roher Hand die wolligen Haare gezaust hatte, daß dem gutmütigen Schwarzen das Wasser aus den Augen lief.

Wie ein treuer Hund lief Tom stets hinter seinem kleinen Herrn her; er hütete und schützte ihn und las ihm jeden Wunsch von den Augen ab. Aber Bill war nicht dankbar für Toms Liebe, im Gegenteil! Toms war sein Prügelknabe; war der Hauslehrer mit Bills Aufgaben unzufrieden, dann bekam Toms von Bill die Prügel dafür; hatte Bill seine Büchse, mit der er auf die Papageienjagd zog, verlegt, und Toms fand sie nicht gleich, dann sauste Bills kleine Reitpeitsche auf den gekrümmten Rücken des alten Negers herab.

Eines Tages stand Toms an einem Kaffeestrauch und pflückte die länglichen Bohnen, da rief Bill, der gerade unter dem Fenster stand, an dem ich wohnte, mit wütender Stimme nach ihm. Der Schwarze ließ sofort den Strauch los und lief, so schnell seine alten Beine ihn trugen, zu seinem jungen Herrn.

»Toms,« brüllte ihn dieser an, »hast du mein kleines Fohlen gesehen?« Schon hob er die Peitsche.

»O Master Bill,« Toms krümmte sich ängstlich, »nicht schlagen armes Neger! Kleines Pferdchen sein gewesen bei anderen Pferden auf Wiese, armes Toms nicht weiß, wo ist.«

»Was, du Hund, du weißt nicht, wo es ist – entlaufen ist es oder gestohlen worden!« Pfeifend sauste die Gerte herab, »warum hast du nicht besser aufgepaßt?«

Wie besessen hieb Bill auf den alten Mann ein; jetzt nahm er die Peitsche sogar umgekehrt in die Hand und schlug den Neger mit dem Griff, daß sich blutige Striemen über sein dunkles Gesicht zogen.

Da fühlte Bill plötzlich seine Hand mit eisernem Griff umspannt, er konnte sie nicht mehr bewegen; wütend sah er empor. Vor ihm stand ein elegant gekleideter, hochgewachsener Herr, der entwand ihm stillschweigend die Reitpeitsche, legte Bill mit starker Hand quer über sein Knie, und mit festen, wohlgezielten Schlägen sauste die Peitsche auf den Mord und Zeter schreienden Bill herab. Die Dienerschaft lief zusammen; aber keiner half seinem jungen Herrn, schadenfroh schauten sie seiner Züchtigung zu, und auch ich freute mich über die wohlverdienten Prügel. Nur Toms, der alte, treue Neger, versuchte ihm vergeblich zu Hilfe zu kommen. Endlich ließ der Herr den heulenden Bill los.

»So, mein Sohn, da hast du die ersten Prügel von deinem Onkel; du scheinst mir ja ein nettes Bürschchen zu sein!« sagte er mit ernster Stimme. »Es ist hohe Zeit, daß ich komme und deine Erziehung in die Hand nehme; schämst du dich nicht, einen alten, treuen Diener so zu mißhandeln?«

Schreiend lief Bill zur Mutter; aber der neue Onkel, der Bruder seines Vaters, folgte ihm mit schnellen Schritten. Nun wurde viel zwischen der Mutter und dem Onkel geredet; was, hörte ich nicht, aber das Ende vom Liede war, daß mich der Onkel von dem Schreibtisch nahm und auf einen dicken, versiegelten Brief klebte, der nach Deutschland ging.

An eine strenge Knabenpension war der Brief gerichtet, und darin stand, daß der Onkel in vier Wochen Bill hinbringen würde, der dort in ganz besonders strenge Zucht kommen sollte.

Hoffentlich nützt es noch was bei dem bösen, schlechten Jungen!

Sehen Sie, so bin ich nach Deutschland gekommen, und mir gefällt es hier auch soweit ganz gut. Nur sehr abgespannt bin ich noch von der weiten Reise; ich schlage vor, daß wir uns alle noch ein wenig aufs Ohr legen!« –

Die anderen waren damit einverstanden, und bald schnarchten sie wieder einträchtig um die Wette.

Still und dunkel war's wieder im Kinderzimmer; der Mond war längst auf seiner glänzenden Silberstraße weitergewandert, und als Kurtchen am anderen Morgen die drei Briefmarken mit nach der Schule nahm, um sie den Kameraden zu zeigen, da hatte er keine Ahnung davon, was die drei schon alles erlebt hatten.

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