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Was das Sonntagskind erlauscht

Else Ury: Was das Sonntagskind erlauscht - Kapitel 30
Quellenangabe
typenarrative
author>Else Ury
titleWas das Sonntagskind erlauscht
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
printrun53. bis 55. Tausend
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140916
projectidee61230b
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Das Wunderknäuel

»So, mein Herzchen, nun gratuliere ich dir recht schön zu deinem Geburtstage und wünsche, daß du ein recht fleißiges und artiges Mädchen wirst!« sagte die liebe Tante, die kleine Lucie herzlich umarmend.

Lucie aber hörte gar nicht darauf, was die gute Tante sagte; sie blickte unverwandt auf das in weißes Seidenpapier eingewickelte Paket, welches die Tante in der Hand hielt, und das von einem roten Seidenbändchen umschlungen war.

War das denn kein Geschenk für sie?

Die Tante sah die erwartungsvollen Mienen der Kleinen.

»Hier, Lucie,« sagte sie lächelnd, »hier habe ich auch ein kleines Geschenk für dich; ich denke, daß es dir Freude machen wird!«

Lucie dankte artig mit einem Knix und begann mit Eifer auszupacken. Was mochte darin sein? Es fühlte sich rund an, am Ende gar ein süßes Osterei!

Flink streifte sie das Seidenpapier ab – ein großes, weißes Baumwollknäuel war es und dazu fünf kleine Stricknadeln!

Lucie machte ein langes Gesicht.

Ein Strickzeug – brrr – sie mochte das Stricken gar nicht leiden; in der Schule, in die sie seit kurzem ging, mußte sie sich gerade genug mit den langweiligen Stricknadeln quälen; nein – sie freute sich auch kein bißchen mit dem Geschenk!

Das Näschen rümpfend, legte sie das Knäuel ganz hinten auf den Geburtstagstisch, hinter die große Kochmaschine, auf der man ganz richtig mit Spiritus kochen konnte, daß sie das Strickzeug nur gar nicht mehr ansehen mußte.

»Nun, Lucie,« fragte da die Tante, »freust du dich mit dem Strickknäuel?«

»Ach, Tantchen,« meinte Lucie und wurde rot bis über die kleinen Ohren, »ich mag das dumme Stricken gar nicht leiden; immer springen die Maschen von der Nadel herunter, und dann gibt es ein großes Loch, und gestern erst hat Fräulein in der Schule gesagt, solch prudeliges Strickzeug, wie das meinige wäre, hätte kein anderes Kind.«

»Siehst du, mein Herzchen,« sagte die Tante, »darum eben habe ich dir das Knäuel geschenkt. Nun hör' einmal zu, was ich dir erzählen werde. Das ist nicht etwa ein gewöhnliches Knäuel, nein – das ist ein Wunderknäuel; jedes kleine Mädchen, das schlecht strickt, lernt an solchem Knäuel ganz prächtig stricken, denn wenn das fleißige, kleine Mädchen das Knäuel aufgearbeitet hat, dann ist zur Belohnung ein schönes Geschenk darin verborgen. Na, – wie steht es jetzt damit, Lucie?«

»O, Tante,« rief Lucie jubelnd und schlang die Arme um den Hals der guten Tante, »gleich morgen fange ich an, mit dem Wunderknäuel zu stricken; ja, wenn das so schön damit geht, dann will ich ganz schnell das Knäuel fertig stricken, um zu sehen, was darin ist. Ein paar lange Strümpfe für den Vater werde ich machen, dann wird das Wunderknäuel wohl abgearbeitet sein!«

»Nimm dir nicht so große Sachen vor, die du dann doch nicht schaffst, arbeite lieber ein paar nette Seiflappen für die liebe Mutter,« meinte die Tante.

Am nächsten Tage – der schöne Geburtstagstisch war kaum abgeräumt und die große, neue Puppe all' den alten Puppen und Püppchen vorgestellt, da quälte Lucie schon die Mama:

»Ach, Mütterchen, lege mir doch das Strickzeug auf; es ist nun höchste Zeit, daß ich mit dem Wunderknäuel beginne!«

Die gute Mutter, die sich über den ungewohnten Eifer ihres Töchterchens freute, erfüllte ihre Bitte und strickte ihr die Maschen auf.

Mit feuerroten Bäckchen saß Lucie in ihrem Kinderstühlchen und begann die Arbeit.

Einstechen – umschlingen – durchziehen – abheben – o, war das eine schwierige Geschichte – bauz – da lag eine Masche – plums, eine zweite – Lucie lief zur Mutter und ließ sich die beiden Ausreißer wieder zurückholen.

Ach – wie lang war solche Nadel, sie wollte gar kein Ende nehmen; bald fiel eine Masche herunter, bald verhedderte sich der Faden, und sehr sauber sah das Strickzeug schon heute gleich am ersten Tage nicht mehr aus.

Und das sollte ein Wunderknäuel sein?

Die Tante hatte doch gesagt, jedes kleine Mädchen, das noch so schlecht stricke, lerne an solchem Wunderknäuel schön stricken; ja, aber daß auch Fleiß und Geduld dazu gehören, daran dachte die dumme, kleine Lucie nicht.

Sie hatte geglaubt, das Knäuel heiße Wunderknäuel, weil alle kleinen Mädchen plötzlich wie durch ein Wunder schön daran stricken konnten, und nun war es nichts damit!

Unartig warf sie das Strickzeug auf den Tisch und griff zu ihrer großen Puppe.

»Siehst du, du hast es gut, Adelchen,« sagte sie, ihr Kind zärtlich in die Arme schließend, »du brauchst nicht zu stricken!«

Die Puppe schaute sie mit ihren gläsernen Augen merkwürdig ernst an.

»Ich habe mir doch so viel Mühe gegeben,« klagte Lucie, denn eigentlich schämte sie sich vor ihrer Puppe.

Puppe Adele sah noch gerade so ernst und böse aus, wie vorher.

»Na – ich kann es ja auch noch mal versuchen,« meinte Lucie und wurde ein wenig rot.

Adelchen wanderte in ihren Puppenstuhl, und Lucie griff von neuem nach dem Wunderknäuel.

Merkwürdig – jetzt, wo die Puppe zuschaute, ging es weit besser – es dauerte gar nicht lange, da hatte Lucie eine Nadel abgestrickt.

Aber ach – das Riesenknäuel war noch kein bißchen kleiner geworden; das konnte ja ein ganzes Jahr dauern, bis es aufgearbeitet war!

Und Lucie hätte doch so gerne gewußt, was für ein schönes Geschenk darin enthalten war; so lange sollte sie sich noch gedulden und noch so viele, viele Nadeln abstricken?

Nein – das war zu langweilig!

Sie versuchte durchzusehen, aber das Knäuel war zu fest gewickelt; man konnte nichts entdecken. Da begann Lucie mit ihren kleinen Fingerchen ein wenig das Garn zu lockern.

»Ich will ja nur fühlen, was drin sein könnte,« sagte sie entschuldigend zu Adelchen, die schon wieder große, gläserne Augen machte.

Immer tiefer bohrte sich das Fingerchen in das Wunderknäuel, jetzt fühlte Lucie etwas Hartes. Da dachte sie nicht mehr daran, daß sie ja das Knäuel abstricken sollte; sie sah nicht die bösen Augen von Adelchen, die ganz steif in ihrem Stuhle saß und dem unartigen Mädchen strafend zuschaute, sie riß und räufelte das Garn. Faden um Faden flog herab, jetzt war das ganze, schöne Knäuel ein großer, wüster Garnwulst, alles verheddert und zerrissen; aber da – da lag eine kleine Pappschachtel in dem Knäuel, mit Gewalt riß Lucie sie heraus.

Die Schachtel war leer – nur ein kleiner Zettel lag darin, darauf standen ein paar Worte von der Mutter Hand geschrieben:

»Lucie ist ein sehr ungezogenes Kind!« – buchstabierte die Kleine mühsam.

Da fing das kleine Mädchen bitterlich an zu weinen.

Die Mutter trat ins Kinderzimmer, sah das weinende Töchterchen und das zerrissene Knäuel.

»Siehst du, mein Kind,« sagte sie sehr ernst, »ich habe es gewußt, was du für eine schlechte, kleine Tochter bist, deshalb habe ich dir nicht das richtige Wunderknäuel von der Tante gegeben, sondern ein ganz ähnliches, um dich auf die Probe zu stellen. Das richtige Wunderknäuel aber bekommst du erst, wenn du an einem anderen Strickknäuel schön stricken gelernt hast. Das Geschenk im Wunderknäuel will durch Fleiß und Geduld errungen werden!«

Da schämte sich die Lucie sehr und gelobte ihrem Mütterchen, nun fleißig stricken zu lernen.

Jeden Tag setzte sie sich mit ihrem Strickknäuel zur Mutter, und wenn sie ungeduldig werden wollte, dann brauchte die Mutter nur mahnend zu rufen: »Lucie, das Wunderknäuel!« und die Kleine nahm gleich wieder eifrig ihre Arbeit auf.

Bald konnte ihr die Mutter auch das Wunderknäuel geben; ach – wie fleißig strickte die kleine Lucie daran.

Eins – zwei – drei hatte sie das große Wunderknäuel abgearbeitet, und ein wunderschönes, buntes Osterei kam zur Belohnung zum Vorschein.

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