Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Else Ury >

Was das Sonntagskind erlauscht

Else Ury: Was das Sonntagskind erlauscht - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
author>Else Ury
titleWas das Sonntagskind erlauscht
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
printrun53. bis 55. Tausend
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140916
projectidee61230b
Schließen

Navigation:

Seifenblasen

Die Nachmittagssonne glühte vom dunstigen Julihimmel hernieder, da machte es sich Hänschen im Garten unten an dem kleinen Teiche bequem. Dort unter den Jasminbüschen war es kühl und schattig; Hänschen kramte seine mitgebrachten Werkzeuge, das Näpfchen mit Seife und das feine Hollunderrohr heraus und machte sich an die Arbeit. Er füllte das Näpfchen mit Teichwasser, setzte sich in das weiche Gras und da – da flog die erste bunte Seifenblase aus dem kleinen Rohre in die blaue Luft hinein.

Ach – wie sie schimmerte und flimmerte!

Eine bunte Kugel nach der anderen blies Hänschen in die Luft – große – kleine – da diese – ei, wie glitzerte die im Sonnenlicht; mit blinzelnden Augen schaute Hänschen den rot, blau, gelb und grün schillernden Kugeln, die so lustig emporstiegen, nach.

Aber – o weh – eine nach der anderen zerplatzte; keine kam bis an die Wolken, so kräftig auch Hänschen pustete. Ganz rot war der kleine Knirps schon von der Anstrengung, da – flog wieder eine herrliche Seifenblase aus dem Rohre, die war größer und bunter als all' die anderen.

»Ach – wer doch auch so fliegen könnte,« dachte Hänschen. Aber, wie seltsam – die Seifenblase hielt im Fluge inne, ganz still hing sie über Hänschen in der Luft und, o Wunder – jetzt tat sie sogar den Mund auf und sprach:

»Pfui – Hänschen – wie garstig siehst du aus, ganz schwarz und schmutzig bist du; schau mich au, wie rein und klar mein Gesicht und meine Hände sind – hast du dich etwa heute morgen nicht ordentlich waschen lassen?«

Da senkte Hänschen schuldbewußt den Kopf, und ganz leise jagte er:

»Ach, liebe Seifenblase, das Wasser war ja so schrecklich naß und kalt, und die Minna rubbelte immer so mit dem großen Schwamm, und die alte Seife beißt so in die Augen, da habe ich heute beim Waschen wieder geschrien und bin der Minna fortgelaufen!«

»Und die Haare?« sprach die Seifenblase tadelnd, »die hast du dir auch nicht kämmen lassen, ganz struwelig schaust du aus!«

»Ja, – siehst du,« antwortete Hänschen, »die Minna reißt immer so an meinen Locken, das tut so weh, und da –«

»Nun, was war da?« fragte die Seifenblase.

»Da habe ich sie mit den Füßen gestoßen,« kam es ganz beschämt von Hänschens Lippen.

»Du bist ja ein schrecklich ungezogener Junge,« sprach die Seifenblase und schaukelte vor Ärger in der Luft hin und her, »was mache ich denn nun mit dir?«

»Ach,« meinte Hänschen, und seine Augen leuchteten, »wenn du mich ein ganz klein wenig mitfliegen lassen könntest, das wünsche ich mir schon lange!«

»Weil du heute morgen so unartig gewesen bist, nicht wahr?« sagte die Seifenblase, »hast du denn wenigstens schön deine Milch ausgetrunken?«

»Auch nicht ganz,« war die leise Antwort, »es war ja schon so spät geworden; ich mußte in die Schule, und Milch« – er schüttelte sich – »Milch trinke ich überhaupt nicht gern!«

Die Seifenblase dachte ein wenig nach.

»Schön, ich will dich mitnehmen,« sprach sie nach kurzer Überlegung, »aber so, wie du aussiehst, geht es nicht; ich müßte mich ja vor den Vöglein in der Luft, vor der lieben Sonne, vor den Wolken und dem Winde deiner schämen! Geschwind – komm', laß dich waschen!« Und – schwabb – sprang sie Hänschen mit ihrem Seifenschaum über das Gesicht.

Au – war das naß! Schon wollte Hänschen losschreien, aber aus Angst, daß er dann nicht mitgenommen würde, hielt er noch rechtzeitig inne.

»So – nun kannst du dich sehen lassen,« meinte die Seifenblase, »jetzt darfst du aufsitzen.«

»Wirst du auch nicht zerplatzen?« erkundigte sich Hänschen noch vorsichtig.

»Nein, ich bin aus dreifachem Seifenschaum,« sagte die Seifenblase stolz, nahm Hänschen auf den Rücken und stieg wie der schönste Luftballon mit ihm empor.

Ei – das war lustig; Hänschen klatschte vor Vergnügen in die Hände. Wie auf seinem Schaukelpferde ritt er auf der bunten Seifenblase in die Luft hinein; immer höher und höher stiegen sie. Das stattliche, große Haus von Hänschens Vater schrumpfte zu einem winzigen, weißen Punkte zusammen; jetzt waren sie schon höher als die Spitzen der allerhöchsten Berge, und nun ging's geraden Weges in die Wolken hinein.

Hu – war's da kalt und naß – eine tüchtige Dusche kriegte Hänschen über den Kopf, aber er traute sich nicht zu schreien.

»So – mein Junge,« sagte die Seifenblase, »damit du dich an das kalte Wasser gewöhnst!«

Und weiter ging's.

Da begegnete ihnen der Sturmwind.

Mit seinen langen, knochigen Fingern griff er in Hänschens Locken – au – wie er ihn zauste!

»Daß du dich auch an das Kämmen gewöhnst,« sprach die Seifenblase, und die Reise ging weiter.

Jetzt flog die Seifenblase mit Hänschen die Milchstraße entlang – ei – wie hübsch war es hier! Auf funkelnden, silbernen Sternenstühlchen saßen kleine, blondlockige Englein und tranken große Gläser mit Milch.

»Siehst du,« sprach die Seifenblase, »wie artig all' die kleinen Engelchen ihre Milch trinken!«

Nun senkte sich die Seifenblase mit Hänschen herab, tiefer, immer tiefer – und jetzt waren sie in Afrika. Prächtige Palmen und Dattelbäume gab es da, fremdartige, große Blumen, seltsame bunte Vögel, und da – was war das? Ein schwarzes Geschöpf trabte aus den Kokospalmen heraus, pechrabenschwarz war es von Kopf bis zu den Füßen, schwarzes Wollhaar krauste sich um seinen Kopf, mit breitem Grinsen fletschte es die weißen Zähne.

»Ist das ein Affe?« fragte Hänschen ängstlich die Seifenblase, denn er hatte im Zoologischen Garten einmal einen solchen gesehen.

»Nein, Hänschen – das ist ja der Mohr aus dem Struwelpeter, kennst du ihn nicht wieder, der ist hier in Afrika zu Haus. Schau ihn dir nur recht an, gerad' so schwarz und garstig wirst du auch, wenn du dich von der Minna nicht waschen läßt, und deine hübschen, blonden Locken werden solch häßliches, schwarzes Wollhaar, wie der Mohr es hat, wenn du beim Kämmen schreist. So – und nun wollen wir wieder die Heimreise antreten.«

Damit schwang sich die Seifenblase mit Hänschen wieder in die Luft empor.

Aber sie kamen nicht weit, die Seifenblase fuhr plötzlich so ungestüm gegen einen hohen Berg, daß sie in lauter kleine Wasserperlchen zerplatzte; Hänschen fiel – immer tiefer – Sehen und Hören vergingen ihm – und als er die Augen aufschlug – da lag er im weichen Grase unter den Jasminbüschen am Gartenteich; neben ihm stand das Seifnäpfchen, und das Holunderrohr hielt er fest in der Hand. –

Hänschen war bei seinen Seifenblasen eingeschlafen. Vor ihm stand Minna mit der Abendmilch, und schon wollte Hänschen ein Gesicht ziehen, als er die Milch sah, da aber dachte er an die artigen, kleinen Englein droben in der Milchstraße, und – eins, zwei, drei – war das Glas leer.

Als aber auch das Hänschen am anderen Morgen beim Waschen gar nicht schrie und sich auch ganz artig die wirren Locken kämmen ließ, da wunderte sich Minna sehr – freilich, die wußte ja auch nichts von Hänschens lustiger Reise auf der Seifenblase.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.