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Was das Sonntagskind erlauscht

Else Ury: Was das Sonntagskind erlauscht - Kapitel 29
Quellenangabe
typenarrative
author>Else Ury
titleWas das Sonntagskind erlauscht
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
printrun53. bis 55. Tausend
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140916
projectidee61230b
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Das verzauberte Mäuschen

Die kleine Mieke war sehr, sehr krank gewesen; sie hatte eine böse Halsentzündung gehabt, und Mine, das Kindermädchen, und Rike, die Köchin, hatten ihr kleines Himmelbettchen aus dem Kinderzimmer in den Salon tragen müssen, da hatte sie viele Wochen, von den anderen Kindern getrennt, in hohem Fieber gelegen. Und Mama hatte an ihrem Bettchen gesessen, Tag und Nacht, und die fieberglühende Hand ihres kranken Lieblings in der ihrigen gehalten und angstvolle Tränen geweint.

Jetzt aber war jede Gefahr vorüber; Mieke lag mit klaren Augen in ihrem Bettchen, zwar noch etwas blaß, aber Heinz, der ältere Bruder, und Cilli und Lilli, die jüngeren Schwesterchen, durften schon wieder zu ihr, und morgen sollte sie das erste Mal aufstehen.

Heute aber war Weihnachtsabend, man hatte den schönen, großen Tannenbaum mit den schimmernden Lichtchen, den rosigen Weihnachtsengelchen und dem süßen Zuckerwerk vor Miekes Bett auf den Salontisch gestellt, und all' die schönen Sachen, die der liebe Weihnachtsmann ihr gebracht hatte, unter dem Weihnachtsbaum ausgebreitet. Jetzt war es Nacht; alles schlummerte bereits, nur die kleine Mieke wälzte sich noch unruhig auf dem Kissen hin und her. Sie konnte nicht einschlafen, der Mond schien so hell ins Zimmer, die bunten Glaskugeln an dem Baum flimmerten und glitzerten in seinem silbernen Schein und in der dunklen Ecke, wo das Klavier stand, ließ sich ein heimliches Knistern und Knuspern hören. Mieke setzte sich mit ängstlichen Augen im Bette auf, und was sah sie? Ein niedliches, kleines, weißes Mäuschen kam tapps – tapps – tapps – auf flinken Beinchen unter dem Klavier hervor; hui – mit einem Satze sprang es auf den Weihnachtstisch, raschelte in Miekes neuem Wintermäntelchen, und begann vergnügt mit seinen spitzen, weißen Zähnchen das große Pfefferkuchenherz anzuknabbern. Es schmeckte ihm prächtig, jetzt ging es an die schöne Marzipanwurst; plötzlich hielt das Mäuschen erschreckt im Schmausen inne. Entsetzt sah es mit seinen munteren, schwarzen Äugelchen Miekes neue Lockenpuppe an, die mit ausgespanntem Sonnenschirm unter dem Weihnachtsbaum saß und mit gläsernen Augen auf die naschhafte, kleine Maus starrte. Hopps – sprang das Mäuschen ängstlich vom Tische herab und unter das Klavier in sein Mauseloch zurück.

Nun war alles still in dem großen Zimmer, und bald zeigten gleichmäßige, tiefe Atemzüge aus dem Kinderbettchen an, daß auch die kleine Mieke eingeschlafen war.

Am anderen Morgen erzählte Mieke, daß in der Nacht eine Maus an dem Weihnachtsgebäck geknabbert habe, und Mama ließ eine Mausefalle mit duftendem gebratenen Speck in die Ecke an das Klavier setzen.

In der nächsten Nacht wachte die kleine Mieke plötzlich von einem lauten Knall auf; »klapp« machte die Mausefalle, und gleich darauf ließ sich ein jämmerliches Pfeifen und Quieken hören.

Erschreckt richtete sich Mieke hoch; das niedliche, weiße Mäuschen war gefangen; ängstlich lief es in dem engen Drahtkerker auf und ab und piepte zum Gotterbarmen. Und plötzlich vernahm Mieke in dem winselnden Gepiepse ganz deutlich die Worte

»Ich quieke – quieke – quieke –
Ach, hilf mir kleine Mieke,
Daß mich ersäuft nicht die Mama,
Denn ein Prinzeßchen bin ich ja!«

»Was, du bist eine Prinzessin?« sagte die kleine Mieke laut und sah das Mäuschen neugierig an.

»Ja,« sprach das Mäuschen, wehmütig mit dem kleinen, spitzen Kopf nickend, »wenn du mir versprechen willst, es keinem Menschen zu verraten, will ich dir meine traurige Geschichte erzählen.«

Mieke gelobte es und spitzte begierig die Ohren.

Das Mäuseprinzeßchen begann:

»In einem herrlichen, großen Schlosse lebt mein Vater, der König Mäuserich; ich, Mausi genannt, bin die älteste Prinzessin und sein Liebling. Eines Tages schlich sich die Tochter unseres Feindes, des mächtigen Nachbarkönigs Miesebrechts, die Prinzessin Miesika, in unseren Park.

Lange schon haßte sie mich, weil ich schön und jung war, eine schneeweiße Haut wie Samt hatte und glänzende, schwarze Augen. Sie dagegen war alt und häßlich, hatte ein aschgraues Gesicht und funkelnde, grüne Augen.

Der junge, blühende Prinz Ratzikus, dem sie zur Gattin bestimmt war, mochte sie nicht heiraten, weil sie ihm zu garstig war; er hielt um meine Hand an, und ich wurde seine Braut. Das konnte sie mir nicht vergessen, heimlich lauerte sie mir im Park auf, setzte sich mit gekrümmtem Rücken unter einen Rosenstrauch, und als ich vorbeispazierte, sprang sie plötzlich aus dem Hinterhalt auf mich los. Einen furchtbaren Zauberspruch, den sie von ihrer Mutter, die eine mächtige Zauberin gewesen, geerbt hatte, schleuderte sie mir ins Gesicht. »Werde zur Maus!« so rief sie mit gellender Stimme.

Da – schrumpfte ich plötzlich zusammen, meine weiße Haut wurde zu einem schneeweißen Samtpelzchen; sie verwandelte mich in ein weißes Mäuschen. So muß ich nun als Maus herumlaufen und bin doch eine schöne Prinzessin. Und nun bin ich gar gefangen und muß so jung schon sterben; ach, ich arme Mausi ich!«

Laut auf schluchzte das Mäuseprinzeßchen und wischte sich mit dem weißen Pelzhandschuh eine große Träne aus den glitzernden Äuglein.

Auch Mieke griff zu ihrem kleinen Taschentuch und weinte über das traurige Schicksal der armen Mausi.

»Habe keine Angst, kleine Mausi,« sagte sie dann tröstend zu dem Mäuschen, »du sollst nicht sterben; ich werde morgen Mama bitten, daß ich dich behalten darf, dann setze ich dich in ein schönes Gitterhäuschen und bringe dir jeden Tag knusprigen Speck und süßen Kuchen.«

Erfreut schnalzte Mausi mit dem roten Zünglein.

»Mußt du denn immer eine Maus bleiben?« begann die kleine Mieke wieder, »gibt es denn gar nichts, wodurch du erlöst werden kannst?«

»Doch,« nickte Mausi, »es gibt etwas, aber leicht ist es nicht. Du könntest es, Mieke; ein mitleidiges Kind muß es sein, dem mein trauriges Geschick Tränen entlockt hat, aber drei schwere, sehr schwere Aufgaben mußt du erfüllen!«

»Nenne sie mir,« sprach Mieke leise, »ich will dich erlösen!«

»In der nächsten Neumondsnacht,« flüsterte Mausi erregt, »mußt du allein in den großen, dunklen Zauberwald gehen. Dort wachsen drei hohe Bäume empor; der erste hat silberne Zweige und glänzend goldene Blätter, der zweite hat diamantene Zweige und schimmernde Perlenblätter, der dritte aber hat kristallene Zweige und durchsichtige, gläserne Blätter. Von diesem dritten Baum mußt du ein Zweiglein pflücken; die Prinzessin Miesika will sich damit fächeln, daß sie wieder schön und jung werde. Das ist die erste Aufgabe. Wehe dir aber, wenn du ein Zweiglein von den funkelnden, anderen Bäumen pflückst:

»Eine schwarze Maus im Nu,
Wirst dann kleine Mieke du!!«

Nun kommt die zweite Aufgabe:

Du mußt an den großen Zauberteich gehen, da wohnt im Rohr der mächtige Krötenkönig. Diesem sollst du, wenn er schläft, seine Frau stehlen, die schwarze, alte Kröte. Mit deinem weißen Händchen mußt du sie anfassen und sie auf deine Schulter setzen; Prinzessin Miesika will sie zur Kammerfrau haben. Doch hüte dich, daß deine Hand nicht zurückzuckt, wenn du die häßliche, kalte Kröte ergreifst:

»Eine schwarze Maus im Nu
Wirst dann kleine Mieke du!«

Jetzt aber kommt das Schwerste:

Du mußt den hohen Berg erklimmen, da wohnt in der Zauberhöhle ein häßlicher, buckliger Zwerg. Statt der Nase hat er einen großen, schwarzen Rüssel im Gesicht; wulstige Lippen hat er und borstige, grüne Haare. Dem sollst du einen Kuß geben, damit er seinen schönen, jungen Sohn, der neben ihm sitzt, der Prinzessin Miesika zum Gemahl gibt. Wehe dir aber, wenn du den schönen Jüngling statt des häßlichen Zwerges küßest:

»Eine schwarze Maus im Nu
Wirst dann kleine Mieke du!«

Sprich, willst du es trotzdem tun, willst du mich noch erlösen?«

»Ja,« sprach Mieke leise, »ich werde es tun!«

Da dankte Prinzessin Mausi Mieke gerührt; dann sagten sie sich gute Nacht und schliefen beide süß ein.

Am nächsten Tage bat Mieke die Mutter flehentlich, das reizende, kleine Mäuschen doch nicht zu töten, sondern es ihr zu schenken, und die gute Mutter willigte ein. Mausi wurde in ein kleines Häuschen aus weißen Holzstäben gesetzt; Mieke brachte ihr süße Leckerbissen und plauderte heimlich, wenn es keiner sah, mit dem verzauberten, weißen Mäuschen.

So kam die Neumondsnacht heran; noch einmal versprach Mieke dem Mäuschen gehorsam zu sein und alle ihre Anweisungen zu erfüllen, dann machte sie sich, als alles schlief, mutig auf den Weg. Finstere Nacht war's; kein Stern am Himmel, man sah die Hand vor Augen nicht, und als nun noch der dunkle Zauberwald über Mieke zusammenschlug, da begann ihr Herzchen ängstlich zu klopfen. Ein geheimnisvolles Rauschen ging durch die Zweige, ein seltsames Flüstern und Raunen; aber Mieke dachte an die arme Mausi und schritt beherzt vorwärts.

Da sah sie plötzlich die drei Zauberbäume dicht vor sich schimmern; ach, wie funkelten und glitzerten die! Mieke stand vor dem silbernen Baum mit den güldenen Blättern und betrachtete ihn sehnsüchtig. Wenn sie sich doch ein Zweiglein davon pflücken dürfte, nur ein ganz kleines! Aber nein, Mausi hatte es ja verboten! Sie schritt weiter und kam zu dem zweiten Baum, der war noch viel, viel schöner als der erste; das blitzte und flimmerte von funkelnden Diamanten, und leuchtende Perlenblätter schimmerten verlockend. Miekes Hand zuckte nach dem glitzernden Zweiglein, da tönten ihr die Worte Mausis im Ohr:

»Eine schwarze Maus im Nu
Wirst dann kleine Mieke du!«

Sie schloß die Augen und ging zu dem dritten Baum; dort pflückte sie ein kristallenes Zweiglein mit gläsernen Blättern, barg es in ihrem Kleidchen und rannte, so schnell sie konnte, aus dem großen Zauberwalde heraus.

Jetzt kam sie an den Zauberteich. Bis über die Knöchel versank die kleine Mieke in dem kalten Wasser; das harte Rohr zerschnitt ihre Füßchen und Händchen, aber sie drang mutig vorwärts. Da erblickte sie auf einem schlammigen Morastbette die alte, dicke Kröte; mit grünen Augen sah sie das kleine Mädchen bös an. Der Krötenkönig aber schlief fest und schnarchte so laut, daß sein Schnarchen sogar noch das Gequak der Frösche übertönte. Mieke schüttelte sich vor Grauen. Dieses ekelhafte, nasse Tier sollte sie anfassen; nein, das konnte sie nicht! Da aber fiel ihr wieder die arme, verwandelte Mausi ein, beherzt packte sie die feuchte, schwarze Kröte und setzte sie sich auf die Schulter.

Jetzt erklomm sie den großen Zauberberg. Ein furchtbarer Sturm warf Mieke, wenn sie drei Schritte empor getan hatte, immer wieder zwei zurück; große Erdschollen und wildes Steingeröll rollten ihr entgegen, endlich aber stand sie an der Zauberhöhle. Ein fahles Dämmerlicht schwebte in dem grauen Erdloch, zerfetzte Spinnweben hingen von den braunen Deckenbalken herab; in den düsteren Ecken hockten schreiende Uhus mit verschleierten Augen; große, flatternde Fledermäuse schwirrten unheimlich umher. Mit furchtsamen Augen blieb Mieke am Eingang der schaurigen Höhle stehen; sie traute sich nicht weiter. Drinnen saß auf einem großen Erdenkloß ein fürchterliches Ungeheuer; der große Kopf des Zwerges steckte tief in den gekrümmten Schultern, triefend rote Augen hatte er, grüne, borstige Stachelhaare und einen langen, schwarzen Rüssel mitten im Gesicht. Die schreckliche Mißgeburt streckte die spinnenartigen, dünnen Arme nach der kleinen Mieke aus und sah sie mit gräßlichem Grinsen an. Entsetzt schrie Mieke auf; schon wollte sie Kehrt machen und den Berg wieder hinunterlaufen, da erblickte sie plötzlich neben dem grinsenden Scheusal einen wunderschönen, goldlockigen Jüngling, der schaute sie mit seinen strahlenden Blauaugen freundlich an, winkte ihr und streckte ebenfalls verlangend die Arme nach ihr aus. Herzklopfend trat Mieke näher. Vergessen war die Warnung der Prinzessin Mausi; sie eilte an dem häßlichen Zwerg vorüber, neigte sich zu dem blühenden Jüngling hernieder und küßte ihn aus die frischen, roten Lippen. Da erdröhnte der Berg; der Sturmwind pfiff und raste, in dem Heulen des Sturmes aber klangen laut die furchtbaren Worte:

»Eine schwarze Maus im Nu
Wirst jetzt kleine Mieke du!«

Das kleine Mädchen zog sich zusammen, ihr Kopf wurde klein und spitz, ein schwarzes Mäusefell wuchs ihr, ihre Arme und Beine wurden kleine Mäusebeinchen, und ihr kurzes, schwarzes Zöpfchen verwandelte sich in ein langes, schwarzes Mäuseschwänzchen. Die arme Mieke war eine häßliche, schwarze Maus geworden!

Da weinte sie gar bitterlich und lief schluchzend den Zauberberg herab, so schnell sie mit den kleinen Mäusebeinchen vorwärts kam. Dann aber machte sie einen großen Satz – hopps – war sie wieder zu Hause. Ängstlich lief sie tapps – tapps – tapps – an das weiße Gitterhäuschen, in dem Mausi wohnte; ach, wie böse würde die weiße Mäuseprinzessin über ihren Ungehorsam sein! Als Mausi die schwarze Maus erblickte, fing sie laut an zu weinen, nun war ihre Hoffnung auf Erlösung dahin, und die arme, verzauberte, kleine Mieke weinte mit ihr.

Da tat das schwarze Mäuschen den Mund auf und sprach:

»Weißt du, Mausi, wir wollen auswandern, sonst werde ich am Ende noch gefangen, und meine eigene Mutter ersäuft mich!«

Mausi war es zufrieden, und beide Mäuschen begannen jetzt die Gitterstäbe des weißen Mäusehäuschens mit ihren Spitzzähnchen zu zernagen. Am anderen Morgen, als die Mutter in das Zimmer trat, war das weiße Mäuschen fort, aber auch die kleine Mieke war nirgends zu finden, und so sehr die Eltern auch klagten und jammerten, sie kam nicht wieder.

Die beiden Mäuschen, das weiße und das schwarze, faßten sich an und liefen in den Wald.

Da begegnete ihnen ein schöner Jüngling; Mausi stieß einen hellen Glücksschrei aus. Das war Prinz Ratzikus, der seine liebe Braut suchen wollte.

»Habt ihr nicht die schöne Mausi, meine holde Braut gesehen?« fragte er die beiden Mäuschen.

Das weiße wisperte:

»Ach, verzaubert Mausi ja
Von der bösen Miesika!
Ratzikus, die du erschaut
Hier als Maus – ist deine Braut!«

Da neigte sich Prinz Ratzikus zu dem weißen Mäuschen hernieder, nahm es von der Erde empor und drückte ihm einen Kuß auf das spitze Schnäuzchen. Da hörte man wieder ein donnerähnliches Tosen; Prinz Ratzikus aber hielt statt des weißen Mäuschen plötzlich die schöne, schlanke Prinzessin Mausi im Arm, er hatte sie durch seinen Kuß erlöst. Aber auch das schwarze Mäuschen war mit einem Male wieder entzaubert; es wurde wieder zur kleinen Mieke mit dem kurzen, schwarzen Zöpfchen.

Glückselig sahen sich die drei an, dann nahmen sie gerührt Abschied voneinander. Prinz Ratzikus und Prinzessin Mausi zogen heim zum König Mäuserich; die kleine Mieke aber sprang fröhlich nach Haus in die Arme der freudestrahlenden Eltern.

Niemals aber ist Mieke jetzt, auch wenn Vater und Mutter ihr etwas verboten, ungehorsam gewesen; sie hatte stets Angst, wieder in eine häßliche, schwarze Maus verwandelt zu werden.

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