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Was das Sonntagskind erlauscht

Else Ury: Was das Sonntagskind erlauscht - Kapitel 28
Quellenangabe
typenarrative
author>Else Ury
titleWas das Sonntagskind erlauscht
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
printrun53. bis 55. Tausend
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140916
projectidee61230b
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Der kleine Auswanderer

Hast du schon mal einen Hafen gesehen, in dem die Riesenschiffe, die über das weite, weite Meer nach den fernen Erdteilen segeln, anlegen?

Der kleine Richard wohnte ganz dicht an einem solchen großen Hafen, in der schönen Stadt Hamburg; sein Vater war dort Steuerbeamter.

Von der Kinderstube aus schaute der Kleine auf all' die mächtigen Dampfschiffe hernieder; dicht hintereinander lagen sie wie große Häuser auf dem grauen Wasser der Elbe, und gerade wie durch eine richtige Straße konnte man mit einem kleinen Dampfer zwischen den Schiffen hindurchfahren.

Ei, das war herrlich!

Als der Vater den kleinen Richard das erste Mal auf ein Schiff mitnahm, kletterte er lustig zwischen den hohen Masten umher. »Vater,« rief er jubelnd, »wenn ich erst groß bin, fahre ich auch nach Amerika!«

»Na, bis dahin hat es noch ein Weilchen Zeit,« lachte der Vater.

Inzwischen reiste Richard auf seinem kleinen Segelschiff, das er von den lieben Eltern zu Weihnachten bekommen hatte, mit Schwester Annchens Puppen nach Amerika.

Gerade so wie die großen Schiffe draußen mit Fässern und mit Tonnen befrachtet wurden, so belud Richard sein Schiffchen auch mit allerhand kleinen Ballen und Tütchen; die Puppen waren die Passagiere und die große Waschschüssel der tiefe Ozean.

»Tu–ut,« machte Richard, »alle Mann an Bord« – »abfahren!« und das kleine Segelschiff setzte sich in Bewegung.

Als er etwas größer wurde, spielte er den ganzen Tag unten am Hafen; er schaute zu, wie die Riesenfässer mit Petroleum abgeladen wurden, die großen Säcke mit Reis, Kaffee und Zucker – o, wie herrliche Sachen brachten die großen Schiffe nach Hamburg: Süße Bananen, Datteln und Feigen, Apfelsinen und Zitronen. Riesengroße Elefantenrüssel, die man Kräne nennt, zogen die Waren mit eisernen Ketten aus den Schiffen hervor.

Das war ein prächtiger Spielplatz.

Die Schiffsmannschaften kannten fast alle den kleinen Jungen des Steuerbeamten; er war mit allen gut Freund, er kletterte mit ihnen in den Speichern und auf den Schiffen umher und ließ sich, wenn Feierabend war, von ihnen Geschichten aus den fernen Ländern erzählen, wo die Sonne so glühend brennt, daß alle Einwohner schwarz sind, wo die schönsten Früchte an den Bäumen reifen und die buntesten Papageien sich in den blühenden Zweigen schaukeln.

Wie leuchteten Richards braune Augen, wenn die Matrosen von ihren Abenteuern berichteten, seine Backen glühten vor Begeisterung, und wieder sprach er laut vor sich hin:

»Wenn ich erst groß bin, fahre ich auch nach Amerika!«

»Komme doch gleich mit,« meinte ein alter Steuermann lachend, »in zwei Tagen stechen wir in See.«

Aber Richard schüttelte den braunen Krauskops; nein, vorläufig mußte er noch fleißig lernen.

Mit der Schule haperte es überhaupt sehr; immer war Richard zerstreut, ewig spukten ihm die Reiseabenteuer im Kopfe herum.

Gab der Herr Lehrer ein Rechenexempel mit Tonnen auf, so überlegte Richard nur, womit die wohl gefüllt sein mochten, und ob sie auch draußen im Hafen lagerten, und wenn die anderen Kinder längst das Exempel heraus hatten, dann hatte Richard noch nicht einmal angefangen.

Ja – da gab es natürlich eine recht schlechte Zensur, und versetzt wurde der faule Richard auch nicht.

Au – setzte es eine tüchtige Tracht Prügel von der Mutter – Vater war noch gar nicht heimgekommen.

Schluchzend saß Richard in seinem Kinderzimmer, nein – so verhauen ließ er sich nicht – und in die dumme Schule mochte er überhaupt nicht mehr – lieber ging er mit dem alten Steuermann nach Amerika!

Entschlossen steckte er ein reines Taschentuch in die Tasche und lief zum Vater ins Bureau.

Als der Vater seinen verheulten Jungen sah, wußte er gleich, da Zensurentag war, was die Glocke geschlagen hatte.

»Nanu, was ist los?« fragte er ihn.

»Ich möchte mein Sparkassenbuch, Vater,« sagte Richard, mit den Tränen kämpfend, »ich gehe nach Amerika!«

Da konnte der Vater aber doch nicht ernst bleiben.

»Du dummer Junge,« lachte er, »gerade heute willst du fort, wo es Flammeri gibt; überlege dir die Sache nur noch einmal bis morgen! Und die Prügel für die schlechte Zensur gibt's heut' abend, wenn ich nach Haus komme« – mit diesem Trost wurde Richard entlassen.

Flammeri gab es heut' mit Himbeersauce? Ja, da lohnte es sich schon, seine Reise nach Amerika noch um einen Tag aufzuschieben und sogar noch eine Tracht Prügel mit in den Kauf zu nehmen!

Und da auch noch ein großes Stück Flammeri zum nächsten Tag über blieb, konnte Richard unmöglich fort, und er ließ seinen Freund, den alten Steuermann, allein absegeln.

Aber seine Auswanderungsgedanken hatte er noch nicht aufgegeben. –

»Richard,« hatte die Mutter so oft zu ihm gesagt, »gehe, wenn's dunkel ist, nicht ohne Licht in die Zimmer; wie leicht kannst du etwas herunterstoßen!«

Aber der leichtsinnige Richard hörte nicht.

Auch heute ging er im Dunkeln in Vaters Zimmer; sein Rechenheft, das Vater nachgesehen hatte, war dort liegen geblieben.

Er tastete sich bis zum Schreibtisch, langte nach seinem Heft und trat den Rückzug an.

Da – kam er an die große Granitsäule, auf welcher der schöne Hermeskopf aus Marmor stand – ein dumpfer Krach – o Graus – der herrliche Kopf, – Vaters ganze Freude, lag in tausend Scherben auf dem Boden.

Ganz blaß war der Richard vor Schreck geworden – o Gott – was sollte er nun anfangen?

»Nach Amerika, schnell nach Amerika!«

Hier konnte er nicht bleiben, Vater würde zu böse sein!

Die Eltern waren ausgegangen und die Gelegenheit günstig.

Und der einfältige Richard schlich sich, anstatt dem lieben Vater alles offen zu bekennen und ihn um Verzeihung zu bitten, scheu aus dem Hause. Im Hafen, das wußte er, lag ein großes Schiff, das sollte am nächsten Morgen mit dem frühsten Hamburg verlassen. Waren und Ballen wurden noch auf das Schiff, das morgen früh vor Anker gehen sollte, so nennt man das Abfahren eines Schiffes, aufgeladen.

Schnell huschte Richard im Dunkeln hinter den Matrosen her; kein Mensch sah ihn, herzklopfend kroch er hinter eine große Tonne.

Da lag nun der törichte Junge ganz zusammengekauert, auf jeden Schritt horchte er, aus Furcht, daß man ihn finden könnte.

Sehr angenehm war der Aufenthalt zwischen den Tonnen, Säcken und Ballen auch nicht; Richard konnte nicht einmal seine Beine ausstrecken, und dazu begann noch sein Magen, da er noch kein Abendbrot gegessen, arg zu knurren.

Das Schreien und Rufen auf dem Schiffe verstummte nach und nach, still wurde es – ganz still – da hörte Richard plötzlich laut die Stimme seines Gewissens.

Von der furchtbaren Sorge der Eltern sprach das Gewissen, wie sich der liebe Vater grämen würde, und wie die arme Mutter heiße Tränen um ihren verlorenen Jungen weinen.

Da begannen auch Richards Tränen zu fließen.

»Nein – liebe Eltern,« schluchzte er, »ich will euch nicht so betrüben; ganz früh morgens, ehe das Schiff abfährt, will ich wieder ans Land gehen und lieber die Strafe erdulden, als euch solchen Kummer machen!«

Nun wurde er ruhiger, sprach sein Abendgebet und schlief ein.

Ein lautes Tuten weckte ihn plötzlich; hin und her wurde Richard geschleudert, warum schaukelte denn sein Bett heut' so, wo war er denn? – Er rieb sich die Augen – da sah er plötzlich die Fässer und Ballen – ach – er war ja auf dem Schiff – o weh – das Schiff war schon abgegangen, während er schlief – jetzt mußte er mit nach Amerika!

Laut weinend lief er hinauf auf das Deck zum Herrn Kapitän.

»Ich will nicht nach Amerika; ich will nach Haus zu meinen lieben Eltern,« so schrie er.

Ach – wie böse war der Kapitän, als er hörte, daß Richard von Hause fortgelaufen.

»Ja – jetzt mußt du mit nach Amerika, nun hilft es nicht mehr!« sagte er zu dem bösen Jungen.

Bitterlich weinte Richard; immer breiter wurde die Elbe, doch da – hielt das Schiff plötzlich am Ufer.

»Sind wir schon in Amerika?« fragte Richard, zitternd vor Angst.

»Nein, für diesmal will ich dich noch einmal nach Haus schicken; wir sind erst eine halbe Stunde von Hamburg entfernt,« sprach der Kapitän ernst, »aber daß du mir nie wieder solche Dummheiten machst!«

Er kaufte ihm ein Billett und schickte ihn mit der Eisenbahn nach Hamburg zurück.

Nein – Richard hat nie wieder solche Dummheiten gemacht; die furchtbare Sorge der Eltern, welche die ganze, lange Nacht nach ihm gesucht hatten, ging ihm tief zu Herzen, und er selbst war durch die schreckliche Angst, die er auf dem Schiff ausgestanden, mehr als genug bestraft!

Seine Auswandergelüste aber waren ihm gründlich vergangen.

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