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Was das Sonntagskind erlauscht

Else Ury: Was das Sonntagskind erlauscht - Kapitel 26
Quellenangabe
typenarrative
author>Else Ury
titleWas das Sonntagskind erlauscht
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
printrun53. bis 55. Tausend
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140916
projectidee61230b
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Die Alpenfee

Wo die Alpen, die hohen, steilen Berge, mit ihren weißglitzernden Gipfeln, auf denen Schnee und Eis zur Winters- und Sommerszeit niemals schmilzt, ins Tal schauen, liegt ein einsames Dörfchen.

Dort wohnte in einem Häuschen am Berghang ein wackerer Kuhhirt; jeden Tag trieb er die buntscheckigen Kühe mit den lustig klingenden Glöcklein droben auf eine schöne, fette Bergwiese, die Alm genannt. Als er mit seiner Herde eines Tages von der Weide heimkehrte, lagen in der Wiege daheim zwei rosige Kindlein, Zwillinge, ein Bube und ein Dirnlein. Da freute sich der Vater gar sehr und nannte die Kinder Liesli und Hansli.

In der Nacht aber, als alles schlief, wurde es plötzlich strahlend hell und licht in der dunklen Hütte; die Tür öffnete sich, und herein schwebte in glänzendem, silberdurchwirktem Schneegewand die Alpenfee. In dem wehenden Schneeschleier trug sie ein funkelndes Eisdiadem auf dem Haupte, leuchtendes Edelweiß schlang sich um ihre Stirn und flimmerte in ihrem schleppenden Gewand. Sie neigte sich über die schlummernden Kindlein, küßte sie mit eisigen Lippen auf die Stirn und sprach leise mit singender Stimme:

»Schnee und Eis
Edelweiß,
Purpurn groß.
Alpenros',
Brechen die Tücke.
Führ'n euch zum Glücke!«

Sie warf auf das schlummernde Mägdlein einen Busch schimmerndes Edelweiß, und auf das Knäblein schüttete sie die leuchtenden, roten Alpenrosen aus – dann verschwand sie.

Die Mutter aber verwahrte am anderen Morgen gar sorgsam den Busch Edelweiß und Alpenrose im Schrein; denn wem in der ersten Nacht seines Lebens Alpenblumen in die Wiege gelegt werden, ging die Sage im Dorf, der ist ein Glückskind und steht unter dem Schutze der mächtigen Alpenfee. –

Liesli und Hansli aber wuchsen schön und kräftig heran, zur Freude der Eltern und jedermanns im Dorfe.

Jeden Morgen zogen sie mit ihrer Ziegenherde auf den Berg hinter ihrem Häuslein hinauf und sprangen barfuß mit den lustigen Zicklein um die Wette über Stock und Stein. Oben auf der Alm warfen sie sich in das hohe, saftige Gras, aßen ihr Brot und ihren Ziegenkäs und tranken frisch gemolkene Ziegenmilch dazu; die Ziegen aber hüpften in tollen Sprüngen um sie herum und knabberten das fette Gras ab. Erst spät, wenn der letzte Sonnenstrahl golden über die Alm huschte, trieben sie heim.

So verging eine lange Zeit. Eines Tages sprang der Hansli wieder fröhlich auf der Wiese droben herum, pflückte tiefblauen Enzian und dunkelrote Steinnelken, die üppig dort wucherten, und wand sie zum leuchtenden Kranz für sein Schwesterchen.

Das Liesli aber lag der Länge nach im Grase hingestreckt und blinzelte mit müden Augen in die klare Luft zu dem hohen, bläulichen Eisberg, den man Gletscher nennt, hinüber. Leichtes Gewölk zog über die Eiskuppe des Berges, doch da – die Wolken verdichteten sich zu einer hohen, schimmernden Frauengestalt in fließendem Edelweißgewande, auf den wehenden Haaren funkelte das Eisdiadem, ganz deutlich sah das Liesli, wie sie den schneeweißen Arm hob und ihr winkte.

»Die Alpenfee,« schrie sie laut, da – zerrann die weiße Gestalt wieder in leichte Wolken, und als der Hansli herzusprang, war der Berggipfel leer.

Das Liesli aber und der Hansli umfaßten sich und waren den ganzen Tag über sehr traurig, denn wem die Alpenfee erscheint, so hieß es im Dorfe, den will sie warnen, dem droht ein Unglück.

Und das Unglück kam!

Die bösen Bergkobolde, Lawine und Bergsturz, waren ärgerlich, daß der Vater der Kinder sein Häuslein so dicht an den Berg gebaut, der doch ihnen gehörte, und daß die Ziegen ihnen das schöne, fette Gras von der Alm abfraßen; da heulten und tobten sie vor Wut in der kommenden Nacht, sausten mit donnerähnlichem Gekrach zu Tale, und begruben das Häuslein, in dem Liesli und Hansli wohnten, unter Schnee und Bergschutt. Der Vater fuhr von dem dröhnenden Gepolter aus dem Schlaf: »Der Berg kommt!« schrie er entsetzt; »eine Lawine, wir sind verschüttet!« jammerte die Mutter, und Hansli und Liesli saßen im Bettchen und weinten bitterlich.

Stockfinster war es in dem Hüttchen der armen Verschütteten; selbst am Tage konnte kein Lichtschimmer durch den dichten Schnee und Schutt, unter dem sie begraben waren, in das Fensterlein zur Hütte hinein; Liesli und Hansli sahen weder die liebe Sonne noch den silbernen Mond und die funkelnden Sternlein; dunkel, ganz dunkel war's in der Hütte.

Das letzte Stümpfchen Licht war verbrannt; kein Brot mehr in der Lade und keine Wurst mehr im Rauchfang, hungrig mußten die Kinder ins Bettchen gehen, hungrig standen sie wieder auf. Blaß und verhärmt saßen die Eltern da und horchten, ob ihnen keine Hilfe würde, ob nicht Männer mit Schaufeln aus dem Dorfe heraufkämen und sie aus dem Schnee schaufelten. Aber alles blieb still, kein Laut ließ sich hören; da – in der Nacht erschien dem Liesli plötzlich im Traume wieder die leuchtende Alpenfee, gütig neigte sie sich zu dem schlummernden Liesli herab und flüsterte ihr ins Ohr:

»Geh' in die Ecke zum Schrein, nimm den Busch Edelweiß, der dort liegt, zupfe ein Blättlein ab und sprich: »Werde Brot!« und es wird euch geholfen werden.«

Ein eisiger Hauch streifte des Lieslis Wange, sie schlug die Augen auf – die Alpenfee war verschwunden!

Da stieg Liesli leise aus dem Bettchen, tastete sich vorsichtig zum Schrein, nahm den Busch Edelweiß in die Hand und sprach, ein Blättlein abzupfend: »Werde Brot!«

Und – o Wunder – plötzlich hielt sie ein großes, frisch gebackenes Brot im Arm, das duftete gar lieblich. Schnell zupfte das Liesli noch ein Blättchen ab: »Werde Fleisch!« sprach sie, und noch eins: »Werde Milch!« da stand die herrlichste Mahlzeit auf dem Tische. –

Ach, wie das den armen Verhungerten schmeckte; auch ein Licht, das nimmer ausging, hatte das Liesli hervorgezaubert. Brot, Fleisch und Milch wurden niemals weniger, soviel man auch davon aß; nun hatte alle Sorge ein Ende!

Aber trotzdem waren die Kinder nicht vergnügt; sie bangten sich nach ihren Zicklein, nach der schönen, blumigen Alm droben, nach dem hellen Tag und der leuchtenden Sonne, deren flimmernde Goldstrahlen immer so lustig über ihr Näschen getanzt.

Aber auch der lieben Sonne fehlte das Liesli und der Hansli; vergeblich sah sie sich auf der Alm nach den beiden Kindern um, mit deren lichtem Blondhaar sie so gerne gespielt, nirgends eine Spur von ihnen zu sehen; verwundert sah die Sonne, daß das Hüttlein, in dem sie wohnten, ein großer Schneeberg geworden war. Da sandte die Sonne ihre glühendsten Strahlen auf den Schnee herab, der schmolz zu lauter Wasser; jetzt schimmerte schon das rote Ziegeldach des Häuschens aus dem Schnee heraus, immer heißere Strahlen schickte die Sonne hernieder, da – huschte der erste Sonnenstrahl durch das Fensterlein in die Hütte der Verschütteten hinein und tanzte dem Hansli gerade über die kleine Nase.

»Ach – die Sonne!« riefen die Kinder jubelnd; strahlend hell war's plötzlich in dem Hüttchen, der böse Schnee war fort, und die Kinder konnten wieder hinaus.

Wie freute sich die Sonne, als sie Liesli und Hansli erblickte; sie küßte sie heiß auf beide Bäckchen, da färbten sich die blassen Wangen der Kleinen wieder rosenrot.

Das Häuslein aber war von dem schweren Schnee geborsten und zerstört; doch Liesli zupfte ein Edelweißblättchen und sprach: »Werde ein Haus!« Da wuchs aus der Erde ein schmuckes Häuschen empor; rote Heckenrosen rankten sich bis zum grünen Dach herauf, blitzend saubere Ställe mit fetten Kühen und lustigen Ziegen lagen hinter dem Haus, und ein herrlicher Garten zog sich bis zur Straße herab, da duftete es gar süß nach Levkojen und Reseda.

Das liebe Mütterlein der Kinder aber konnte sich nicht über das schöne Haus freuen; schwerkrank lag sie danieder, sie konnte sich nach dem furchtbaren Schreck gar nicht wieder erholen, und der Arzt, den der Vater aus der nächsten Stadt geholt hatte, zuckte die Achseln – ihr Mütterlein mußte sterben!

Weinend liefen die Kinder in den Wald, wo der weise Mann in einer einsamen Klause wohnte, und baten ihn um einen Heiltrank für die kranke Mutter; der aber sprach: »Ich kann eurer Mutter nicht mehr helfen, sie ist zu krank; aber vielleicht hilft euch die mächtige Alpenfee. Geht zu ihr, sie wohnt droben in den Eisbergen, und bittet sie um die Zauberwurzel, daß euer Mütterlein wieder gesund werde.«

Da nahm das Liesli den Busch Edelweiß in die Hand, und der Hansli die Alpenrosen, und sie stiegen in die Berge hinauf. Die bösen Bergkobolde aber verwandelten sich in tiefen Schnee, damit die Kinder nicht weiter konnten; bis zu den Schultern versanken die beiden Kleinen in den weichen Schneemassen. Da zupfte das Liesli schnell ein Blättlein Edelweiß: »Werde zur Wiese!« rief sie, der weiße Schnee schwand, und die Kinder schritten über eine grüne Wiese ungehindert dahin.

Da ärgerten sich die Bergkobolde, schnell rissen sie den Weg, auf dem die Kinder einhergingen, fort, und legten eine tiefe Gletscherspalte dazwischen.

Schwindelnd standen die Kinder an der Gletscherspalte, sahen in den ungeheuren Abgrund hinunter, und Hansli sah das Schwesterlein traurig an; sie konnten nicht hinüber. Liesli aber zupfte geschwind ein Blättchen Edelweiß: »Werde zur Brücke!« rief sie, und plötzlich wölbte sich eine schöne, feste Brücke über den Abgrund; fröhlich liefen die Kinder darüber.

Nun konnten ihnen die bösen Berggeister keinen Schabernack mehr anhaben, jetzt waren sie im Reiche der Alpenfee.

Eine weiß und bläulich kristallene Wunderwelt tat sich vor den Kindern auf; die Bäume waren aus glitzerndem Schnee und die Blumen aus funkelndem Eis; in der blauen, schimmernden Gletscherhöhle aber saß auf einem Edelweißthron die schöne Alpenfee, gütig lächelte sie den beiden Kindern entgegen. Da vergaßen Liesli und Hansli ihre Angst, zutraulich küßten sie der mächtigen Alpenfee die kühlen Eisfinger, und Hansli, der mutigere, bat sie flehentlich um die Zauberwurzel, daß ihr Mütterlein daheim nicht sterben müßte.

Die Alpenfee lächelte, freundlich strich sie dem Hansli über den Blondkopf.

»Du dummer, kleiner Kerl,« sprach sie, »suchst die Zauberwurzel und hast sie doch dabei in der Hand! Siehe, dieser Busch Alpenrosen, den du in deinem Händchen hältst, ist das mächtige Zauberkraut, das jede Krankheit heilt, gehe heim und hilf deinen Mitmenschen!«

Da dankten die Kinder der wunderschönen Alpenfee und liefen fröhlich die Berge hinab bis zu ihrem Häuschen.

Als sie eintraten, lag die Mutter blaß und schweratmend auf ihrem Lager; sie erkannte ihre Kinder gar nicht mehr.

Hansli aber nahm seine Alpenrosen, berührte die sterbende Mutter – und siehe da – sie schlug die Augen auf, das Rot blühendster Gesundheit kehrte auf ihre Wangen zurück, und frisch und genesen sprang sie aus dem Bette.

Nun lebten sie alle fröhlich und zufrieden in ihrem schönen Häuschen; jeden Wunsch erfüllte ihnen der Edelweißbusch des Liesli; der Hansli aber ist ein berühmter Wunderdoktor geworden, von weit und breit strömten die Leute zu ihm und ließen sich durch seine Zauberwurzel von ihren Leiden heilen.

Und die bösen Bergkobolde durften dem Liesli und Hansli nie mehr etwas anhaben, dafür sorgte schon die gute Alpenfee.

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