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Was das Sonntagskind erlauscht

Else Ury: Was das Sonntagskind erlauscht - Kapitel 25
Quellenangabe
typenarrative
author>Else Ury
titleWas das Sonntagskind erlauscht
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
printrun53. bis 55. Tausend
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140916
projectidee61230b
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Das Himmelstelephon

Der kleine Walter lag im Bett und hörte zu, wie Mama draußen auf dem Korridor durch das Telephon die Weihnachtskarpfen zu morgen Abend bestellte.

»Schluß!« rief die Mutter, und »Klinglingling« machte das Telephon – da fielen dem kleinen Walter die Augen zu.

Und im Traume fragte er: »Mutterchen, gibt's im Himmel beim lieben Gott auch ein Telephon?«

»Ja,« sprach die Mutter lächelnd, »ein wunderschönes sogar, das ist ganz aus Gold!«

»Ach,« fragte Walter weiter, »telephonieren da die kleinen Englein miteinander?«

»Nein,« antwortete die Mutter, »die Drähte des Himmeltelephons gehen zur Erde herab; Vater hat dir doch gestern erst erklärt, daß das Telephon die Menschen durch elektrische Drähte verbindet, eigens zum lieben Weihnachtsfeste hat es sich Knecht Ruprecht machen lassen, damit all' die Kleinen auf der Welt ihm ihre Wünsche zum heiligen Christ hinauftelephonieren können.« –

»Ach,« dachte Walter, »ob Knecht Ruprecht auch ganz sicher meinen Brief mit dem Wunschzettel zu Weihnachten bekommen hat? Mutter meinte heut', jetzt um die Weihnachtszeit ließe die Postbestellung viel zu wünschen übrig, es wird im Himmel damit nicht viel besser sein! Am Ende telephoniere ich noch mal der Sicherheit wegen zu Knecht Ruprecht hinauf!«

Gesagt – getan!

Walterchen holte sich die kleine Fußbank von Mutters Nähtisch, da konnte er gerade an das Telephon heranreichen.

»Klinglingling,« machte das Telephon.

»Ich möchte mit Knecht Ruprecht im Himmel sprechen.« rief Walter hinein. Da meldete er sich auch schon.

»Hier ist Knecht Ruprecht, na – was willst du denn, mein Sohn?«

»Ach, lieber Knecht Ruprecht,« rief Walterchen aus Leibeskräften durch das Telephon, denn bis zum Himmel ist's gar weit, und Knecht Ruprecht war doch schon ein alter Mann, der vielleicht nicht mehr gut hörte, »ach – ich wollte nur mal fragen, ob auch mein Brief mit dem Wunschzettel im Himmel angekommen ist?«

»Warte einen Augenblick, mein Junge,« ertönte die tiefe Stimme Knecht Ruprechts, »ich will gleich einmal nachschauen.«

Walter preßte den Hörer an das Ohr.

»Ja,« erscholl es da vom Himmel herunter, »angekommen ist dein Brief, aber ob du das große Puppentheater, das du dir gewünscht hast, bekommst, ist mehr als zweifelhaft!«

»Ach, wieso denn nicht?« fragte Walter ganz kleinlaut.

»Das kann ich dir durchs Telephon nicht so auseinandersetzen,« rief Knecht Ruprecht eilig vom Himmel herab, »von allen Seiten klingeln die Kleinen heut' bei mir an, da habe ich für jeden nicht so lange Zeit! Wenn du es wissen willst, komm' zu uns herauf.«

»Aber, lieber Knecht Ruprecht, wie soll ich denn das bloß machen? Wenn ich mir auch mein kleines Stühlchen auf den großen Kinderstubentisch setze und hinaufklettere, ich glaube nicht, daß ich zum Himmel heranreichen kann!«

»Nichts einfacher als das,« rief Knecht Ruprecht, »du springst ins Telephon und reitest auf dem elektrischen Draht, der uns verbindet, direkt bis in den Himmel.«

Da sprang Walter geschwind ins Telephon; hui – sauste er auf dem Draht zu den Wolken empor – und da war er im Himmel!

Vor dem goldenen Himmelstelephon, ganz dicht am Himmelstor, stand Knecht Ruprecht; in ein großes Notizbuch schrieb er alle die Weihnachtswünsche, die ihm die Kleinen telephonierten, und auf seinen Schultern hockten zwei kleine Englein, die hielten ihm den Hörer an das Ohr.

»Na – da bist du ja,« begrüßte Knecht Ruprecht Walter, »du mußt aber noch ein Weilchen warten, fünfzig Kinder wollen mich noch sprechen!« Da ging es auch schon »Klinglingling!«

Walter war es zufrieden; er wollte sich so wie so schon immer einmal gern ein bißchen im Himmel umsehen.

Heute war es da noch viel, viel herrlicher als sonst. Die Wolken waren heut' aus dem süßesten Pfefferkuchen, wunderschöne Herzen und Kringel, und die Sternlein waren lauter vergoldete Äpfel und Nüsse – ei – wie das flimmerte und glitzerte! Und überall standen kleine Engel, die packten große, große Säcke mit dem schönsten Wolkenpfefferkuchen und den glänzendsten Sternäpfeln und Nüssen voll, aber naschen taten sie kein einziges Stückchen – Walter paßte ganz genau auf.

»So, nun habe ich für dich Zeit, mein Junge, nun komm' einmal her,« sprach Knecht Ruprecht und winkte Walter. Sie schritten über den Wolkenteppich in einen funkelnden Raum, da gab es nichts als lauter Spiegel.

Knecht Ruprecht langte einen kleinen Spiegel herunter, darauf stand mit goldenen Buchstaben »Walter«!

Aber ach – häßliche, schwarze Flecke waren hier und da auf dem klaren Glas.

»Das ist dein Spiegel, mein Sohn,« sprach Knecht Ruprecht; »jedes Kind auf der Erde hat hier oben seinen Spiegel; siehst du die dunklen Flecke darauf?« Walterchen nickte beklommen.

»Das sind alles Tränen, die dein Engel um dich geweint hat; wenn du Unrecht tust, dann weint dein Engel, der dich immer umschwebt, und die Tränen geben dann einen häßlichen, dunklen Fleck auf dem glänzenden Spiegel.«

»Ach,« sagte Walterchen, ganz erstaunt die vielen schwarzen Flecke betrachtend, »aber so oft bin ich gar nicht ungezogen gewesen.«

»O doch,« sprach Knecht Ruprecht, »ich werde gleich deinen Engel rufen,« er winkte, und ein schöner, kleiner Engel schwebte herbei.

»Was bedeutet dieser schwarze Fleck hier?« fragte ihn Knecht Ruprecht, auf den Spiegel deutend.

»Gestern hat Walter Fliegen gefangen und sie dann gequält und ihnen die Beine ausgerissen,« sagte der Engel traurig.

»Hm,« machte Knecht Ruprecht, und Walter senkte beschämt den Kopf.

»Und dieser?«

»Das war vor einigen Wochen, da hat Walter den armen, tauben Teppichklopfer verspottet.«

»So – so,« sagte Knecht Ruprecht, während von Walters Augen die ersten Tränen herniedertropften, »na, und der letzte hier?« –

»Der bedeutet den großen Schneeball, den Walter heut' vormittag, als er aus der Schule kam, dem armen, gelähmten Annchen, das an der Kellertreppe hockte, an den Kopf warf!«

Ärgerlich schüttelte Knecht Ruprecht sein Haupt.

»Na – das Puppentheater schlage dir nur aus dem Kopf, mein Junge, wer so ungezogen gewesen ist, wie du, hat solch ein schönes Geschenk nicht verdient, am liebsten brächte ich dir nur eine Ru – –«

»Klinglingling,« ging da wieder das Telephon, und Knecht Ruprecht eilte davon.

Der Engel aber nahm den weinenden, kleinen Buben an die Hand. –

»Ich will dir wenigstens zeigen, daß alles schon für dich bereit gestanden hat,« sagte er und zog Walter auf die andere Seite des Himmels.

Hier standen Tausende von Körben nebeneinander: ganz große, mittlere und kleine, einer immer neben dem anderen, und an jedem stand ein Name.

Ach – was für herrliche Sachen guckten aus den Körben heraus: Eisenbahnen und Lokomotiven, Lockenpuppen mit Schlafaugen, Märchenbücher, große Steinbaukästen, Schaukelpferde und Marzipan und vor allem die herrlichsten Weihnachtsbäume.

Riesengroße, kleinere und ganz kleine!

Vor einem schönen, großen Korb blieb der Engel stehen; »Walter« stand an demselben.

»Das ist dein Korb,« sprach der Engel.

O – der herrliche, große Tannenbaum, der da herausschaute, und hier – laut auf jauchzte Walter – das schönste Puppentheater! Und sofort begann er an dem Vorhang zu ziehen. Da aber fühlte er einen derben Klapps auf den Fingern.

»Laß stehen,« sagte der Engel ärgerlich, »das gehört dir noch nicht, und hier im Himmel wird überhaupt nichts angefaßt!« Da zog Walter schnell seine Hand zurück. Neben seinem großen Korbe stand ein winziges, kleines Körbchen mit einem ganz, ganz kleinen Tannenbäumchen, das hatte nur drei Lichter, sonst war das Körbchen leer.

»Wem gehört das Körbchen?« fragte Walter den Engel.

»Das ist der Korb des armen, kleinen Annchens, das du mit Schnee geworfen hast!«

»War sie so unartig, daß sie gar nichts bekommt?« erkundigte sich Walter.

»O nein,« sprach der Engel, »Annchen ist ein sehr braves Kind, aber ihre Mutter ist so arm, daß sie ihr nichts kaufen kann.«

»O,« sagte Walter traurig und schaute auf seinen reichen Korb. Dann wies er auf das schöne Märchenbuch, die bunten Bleie, die festen Schuhe und das schöne Pfefferkuchenherz in seinem Korb. Anzufassen traute er sich nichts mehr.

»Könntest du das nicht in Annchens Korb legen?« fragte er leise.

Der Engel nickte freundlich und tat die Sachen aus Walters großem Korb in Annchens kleinen.

»Jetzt ist es aber die höchste Zeit für dich, auf die Erde zurückzukehren,« sagte der Engel, »ich will Knecht Ruprecht erzählen, daß du wenigstens ein mitleidiges Herz hast, vielleicht läßt er dir dann das Puppentheater.«

Knecht Ruprecht setzte den Kleinen wieder ins Telephon, und – hui – sauste er zur Erde hinab.

»Klinglingling,« machte das Telephon – da wachte Walter auf, geschwind sprang er aus dem Bett – heute war ja Heiligabend.

Aber er vergaß das arme, gelähmte Annchen nicht! Einen großen Korb mit Spielzeug und warmen Sachen brachte er ihr herum, – ach, die Freude hättet ihr sehen sollen!

Am Abend aber stand das herrlichste Puppentheater unter dem großen, lichtfunkelnden Tannenbaum – wie gut – daß Walterchen noch einmal mit Knecht Ruprecht telephoniert hatte! – –

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