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Was das Sonntagskind erlauscht

Else Ury: Was das Sonntagskind erlauscht - Kapitel 24
Quellenangabe
typenarrative
author>Else Ury
titleWas das Sonntagskind erlauscht
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
printrun53. bis 55. Tausend
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140916
projectidee61230b
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»Figuri – kauft Figuri!«

Schrill tönte die Pfeife durch die große Gipsfigurenfabrik – es war Feierabend. Die graubestäubten Arbeiter zogen heim zu Frau und Kind, nur der Werkmeister feierte noch nicht. Eifrig knetete er den weichen Ton zu einem großen Kopf; Schiller sollte es werden, so viel konnte man schon erkennen.

Da klopfte es leise.

»Herein,« rief der Werkmeister ärgerlich über die Störung, und ein kleiner, etwa zehnjähriger Knabe von bräunlicher Hautfarbe steckte den dunklen Krauskopf mit den leuchtenden, schwarzen Augen zur Tür hinein.

»Herr,« sprach er mit weicher Stimme und fremdländischer Aussprache, »bitte, geben Sie mir diesen Korb voll Figuri, mein Herr schickt mich her.«

»Konntest du denn nicht früher kommen?« fragte der Werkmeister, aber er blickte das hübsche Kerlchen schon um vieles freundlicher an.

»Ich habe soeben erst die letzten Figuri verkauft,« sagte der Knabe leise, »bringe ich noch welche von den alten mit heim, so gibt es Prügel.«

»O,« sagte der Werkmeister, »dann setze dich einen Augenblick hier auf den Schemel; erst muß ich meinen Kopf vollenden.«

Und er knetete und knetete, nahm hier ein Stück Ton fort, setzte dort ein Stückchen an, und nun war der Kopf fertig.

Die Brust des Knaben hob ein tiefer Seufzer, mit brennenden Augen hatte er dem Werkmeister zugeschaut.

Ach – wenn er doch einmal so schöne Figuren selbst bilden könnte, anstatt sie nur zu verkaufen!

»Siehst du,« erklärte der Meister dem Knaben, »dies ist hier nur das Modell, danach werden später all' die vielen, vielen Schillerköpfe, die ihr verkauft, in Gips gegossen. So – jetzt werde ich dir deine Figuren geben, Kleiner; wie heißt du denn?«

»Enrico,« sagte der Knabe.

Der Werkmeister packte ihm den Korb mit Gipsfiguren voll: Mozart und Beethoven, Schiller und Goethe, die Königin Luise und Kaiser Friedrich – alle wanderten in den großen Korb.

»Mein Herr wird es selbst bezahlen,« sprach der Kleine, griff nach seiner Mütze, dankte und schritt zur Tür hinaus.

Er ging über den großen Fabrikhof; ach, da lag ja ein Stückchen Ton auf der Erde. Der Knabe steckte es glückstrahlend in die Tasche; nun wollte er morgen selbst einmal versuchen, die schönen Figuren nachzubilden.

Sehr früh, es war noch dunkel, jagte der Herr am anderen Morgen den kleinen Enrico aus dem Bett; noch ganz verschlafen zog er mit seinem schweren Korb in die Winterkälte hinaus, durch die Straßen.

»Figuri – kauft Figuri.« ertönte seine melodische Stimme.

Doch keiner kaufte dem Kleinen heute etwas ab; jedem war es zu kalt zum Stehenbleiben, ein jeder eilte heim in sein warmes Stübchen.

Aber der kleine Enrico hatte kein warmes Stübchen, der mußte den ganzen Tag in der Eiseskälte herumlaufen – ja, es ging ihm recht schlecht in dem rauhen Norden!

Nicht Vater, nicht Mutter hatte der arme Kleine mehr; sein Herr hatte ihn, da er ganz allein stand, aus seiner Heimat Savoyen mit nach Deutschland genommen, und nun mußte der kleine Savoyarde für ihn Gipsfiguren verkaufen. O – und wie prügelte er ihn, wenn er nicht genug Geld mit nach Hause brachte; Enrico traute sich an manchem Abend gar nicht heim.

Und während der kleine Savoyarde durch das dichte Schneegetriebe dahinschritt, die Gipsfiguren sorglich mit einem Tuch zugedeckt, träumte er von dem schönen Süden, seiner sonnigen Heimat, wo der Himmel so dunkelblau strahlte, und die warmen Lüfte so lind und blütenschwer ihn umkost hatten. Und an das kleine Hüttchen dachte er, am Bergesabhang, in dem er mit seinem Mütterchen gelebt – große Tränen rannen über das Gesicht des Knaben.

»Figuri – kauft Figuri,« rief er mit tränengepreßter Stimme, doch vergebens – niemand kaufte ihm heute etwas ab!

Im Park, unter einem großen Baum, der ihm vor dem argen Schneetreiben ein wenig Schutz gewährte, setzte sich Enrico nieder; er stellte den Korb neben sich und zog ein Stückchen trocknes Brot aus der Tasche.

Da fühlte er etwas Weiches – das Stückchen Ton von gestern!

Der Knabe hauchte in seine erstarrten Hände und rieb sie, bis sie wieder gelenkig wurden; dann nahm er den Apollokopf, seinen Liebling, aus dem Korbe und begann eifrig, ihn aus Ton nachzubilden.

Glühend rote Bäckchen hatte er vor Aufregung; er vergaß seinen Hunger, er vergaß die grimme Kälte, er knetete und knetete mit geschickter Hand. Er hörte nicht den Hufschlag eines näherkommenden Pferdes, ganz vertieft war Enrico in seine Arbeit.

Da plötzlich scheute das Pferd, machte einen wilden Sprung zur Seite, und mit dröhnendem Gepolter schlug Enricos Korb mit den Gipsfiguren um.

Starr vor Schreck schaute der kleine Savoyarde auf die zerbrochenen Figuren; ein großer Trümmerhaufen lag in dem weißen Schnee – bitterlich begann der Knabe zu weinen.

»O, meine schönen Figuri – meine guten Figuri!« rief er jammernd, »o, wie wird mich mein Herr prügeln!«

»Fürchte dich nicht, Kleiner,« sagte der Reiter; der vom Pferd gestiegen, freundlich, »du sollst neue Figuren erhalten, komme mit mir, ich bin selbst Besitzer einer Gipsfabrik.«

Immer noch weinend packte Enrico die Scherben zusammen.

Da fiel das Auge des Herrn auf den unversehrt gebliebenen Apollokopf und auf die Nachbildung aus Ton, an der Enrico gearbeitet. »Hast du das gemacht?« fragte er den Knaben erstaunt.

Dieser nickte ängstlich – würde der Herr nicht böse sein, daß er sich ein Stückchen Ton vom Fabrikhof aufgehoben?

Aber der fremde Herr strich Enrico freundlich über das schwarze Kraushaar und sagte:

»Sieh, sieh – das hast du brav gemacht!«

Dann gingen sie zusammen in die Gipsfabrik, es war dieselbe, aus welcher der Kleine seine Figuren geholt hatte.

Der Werkmeister erkannte ihn sogleich wieder und erzählte dem Besitzer, wie schlecht der kleine Savoyarde es bei seinem Herrn habe.

»Von morgen an wirst du hier bei meinem Werkmeister Figuren bilden lernen,« sprach der Fabrikbesitzer, »du hast ein starkes Talent, aus dir wird etwas Tüchtiges werden; mit deinem Herrn spreche ich selbst.«

Wie strahlten da die schwarzen Augen des kleinen Savoyarden!

Ja – es wurde etwas Tüchtiges aus ihm – Enrico ward ein großer Bildhauer; aber er wurde nicht stolz. Er dachte auch im Ruhm und Reichtum an die Zeit, da er als kleiner Savoyarde hungernd und frierend durch die Straßen gezogen, rufend: »Figuri – kauft Figuri!«

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