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Was das Sonntagskind erlauscht

Else Ury: Was das Sonntagskind erlauscht - Kapitel 22
Quellenangabe
typenarrative
author>Else Ury
titleWas das Sonntagskind erlauscht
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
printrun53. bis 55. Tausend
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140916
projectidee61230b
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Die goldene Eisenbahn

Puff – puff – puff – da saust das schwarze Ungeheuer heran, fauchend, schnaubend und keuchend, große Dampfwolken herausprustend; pfeilgeschwind drehen sich die surrenden Räder; wie eine schwarze Schlange mit leuchtenden Augen fliegt die Eisenbahn an den beiden Kindern vorüber.

»Wer doch mit könnte!« sagte der kleine Lulu zum Schwesterchen, mit sehnsüchtigen Augen blickte er dem vorübersausenden Zuge nach.

»Wenn er uns doch mitnähme!« seufzte auch Lolo, »dann wären wir weit, weit fort, wenn die böse Stiefmutter heute hier einzieht!«

»Ich fürchte mich so vor ihr,« sprach Brüderchen, »gewiß hat sie schwarze, funkelnde Augen wie eine Hexe, sie wird uns sicher schlagen! Warum mußte auch unser liebes, gutes Mütterchen zum lieben Gott in den Himmel gehen!«

»Ich will keine neue Mutter!« weinte Lolo laut und lehnte das blonde Köpfchen traurig an Brüderchens Schulter.

Eng umschlungen saßen die beiden Kinder unter den herrlich blühenden Sonnenblumen, die das kleine Bahnwärterhäuschen umkränzten, und blickten weinend auf die dunklen, schwarzen Eisenbahnschienen, die dicht an dem weißgestrichenen Häuschen mit den grünen Fensterläden dahinliefen. An dem Fenster droben in dem schmucken Häuschen hatte immer ihr sanftes, blondes Mütterchen gestanden und mit glücklichen Augen den frohen Spielen der Kinder zugeschaut. Aber eines Tages war sie nicht mehr an dem Fensterlein; blaß und still lag sie in dem Bett mit den rotkarierten Kissen, die schönen, blauen Augen waren fest geschlossen, und weinend saß der Vater an ihrem Lager. Dann kamen schwarze Männer und holten ihr Mütterchen fort, und der Vater erzählte den beiden Kindern, nun sei die liebe Mutter im Himmel droben beim lieben Gott. Seitdem sahen die Kinder jeden Abend zu dem dunkelblauen Sternenhimmel auf; der glänzendste Stern, der dort oben funkelte, das war das Auge ihres toten Mütterchens, das freundlich auf ihre Lieblinge herabblickte.

Und nun sollten sie eine neue Mutter bekommen, die sie sehr lieb haben würde, wie der Vater ihnen erzählt hatte, aber Lulu und Lolo glaubten es nicht; die alte Stine, die für die Kinder sorgte, hatte ihnen so viel von der bösen Stiefmutter erzählt, daß sie sich ängstlich unter den großen Sonnenblumen versteckt hatten, denn heute sollte sie kommen!

»Weißt du, Lulu,« sprach Lolo leise, »wir wollen davonlaufen, weit, weit fort bis in den Himmel und uns unser Mütterchen wiederholen.

»Ja, Lolo,« sprach das Brüderchen, »komm' ganz flink, daß uns keiner sieht.«

Sie faßten sich an die Hand und liefen fort, so schnell sie nur konnten, immer an den schwarzen Schienen entlang.

Da sahen sie plötzlich eine zierliche, kleine Eisenbahn auf sich zu kommen, die schimmerte und flimmerte wie pures Gold; leuchtend goldener Dampf entströmte der kleinen Lokomotive, die plötzlich mit einem hellen Pfiff vor den Kindern hielt. Auf der Lokomotive aber stand ein winziges Goldmännlein in glänzendem, goldenem Kittelchen, das tat seinen Mund auf und sprach mit hoher Stimme:

»Schsch – schsch – schsch – ihr Kinder klein.
Lulu, Lolo steiget ein!
Hüh – geht's durch die ganze Welt,
Und wo es euch gut gefällt,
Rufet beid': »Steh' auf der Stell'!«
Schsch – schsch – schsch – steigt ein jetzt schnell!«

Da stiegen Lulu und Lolo in die goldene Eisenbahn und setzten sich auf die goldenen Bänke in die rosa seidenen Kissen. »Hüh,« machte das Goldmännlein auf der kleinen Lokomotive, und dahin sausten sie.

Schsch – schsch – schsch – vorbei flogen die grünen Laub- und Fichtenwälder, in denen saftige Erdbeeren leuchteten; die fruchtbaren Getreidefelder, Kornblume, Rittersporn, Mohn und Wicke nickten den vorüberfahrenden Kindern freundlich zu, die aber schlossen geblendet die Augen; es wurde ihnen ganz schwindlig von der sausenden Fahrt und all' dem Schauen. Jetzt brausten sie über ein großes Wasser; ängstlich faßte Schwesterchen Brüderchens Hand, wenn sie nur nicht in dem dunklen Wasser ertranken! Aber sicher führte das Goldmännlein die kleine Eisenbahn über den großen Strom, und weiter ging's durch die Lande.

Da sahen Lulu und Lolo plötzlich ein glitzerndes, silbernes Schloß, um das rankten sich herrliche, duftende Rosen; auf dem grünen Anger aber vor dem Schlosse tanzten jauchzende Kinder in lichten, rosenroten Gewändern lachend Ringelreihen.

»Hier ist gewiß der Himmel,« sprach Lolo.

»Ja, so schön kann's nur im Himmel sein,« sagte Lulu.

Da riefen beide Kinder laut:

»Steh' auf der Stell'!«

Und die kleine, goldene Eisenbahn stand plötzlich still; das Goldmännlein sprang herab und öffnete die Tür, und die Kinder stiegen aus. Scheu gingen sie in den wunderschönen Garten und schauten dem frohen Spiele der jubelnden Kinder zu. Da kam das größte und schönste von ihnen, ein blondlockiges Mädchen, auf sie zu, das hatte lustige Grübchen in den rosigen Wangen und trug ein schimmerndes, silbernes Gewand. Freundlich nahm sie Lulu und Lolo an die Hand.

»Kommt,« sprach sie mit lächelndem Munde, »bleibt bei uns, spielt und lacht mit uns und laßt es euch wohl sein!«

»Ist hier der Himmel?« fragte Lulu, »und bist du ein Englein?« fragte Lolo, sie bewundernd anschauend.

Da lachte das Mädchen leise und silbern auf:

»Nein, hier ist nicht der Himmel; hier ist das Schloß des Königs »Frohsinn« und der Königin »Heiterkeit«, und ich bin ihre älteste Tochter, das »Lachen« nennt man mich. Das dort sind meine fröhlichen Schwestern, sie winkte den blondlockigen Mägdelein, »Scherz«, »Spiel« und »Tanz«, und dies hier ist mein kleinstes Brüderchen, der lustige »Übermut«! Bleibt bei uns!« Bittend zog sie die fremden Kinder zu den übrigen Spielgenossen.

Doch Lulu und Lolo schüttelten das Köpfchen; nein, sie mußten weiter, sie mußten den Himmel suchen, in dem ihr liebes Mütterchen wohnte. Sie gaben dem silbernen »Lachen« die Hand und stiegen wieder in ihre kleine, goldene Eisenbahn; das Goldmännlein sprang auf die Lokomotive, und schsch – schsch – schsch – ging's hinaus aus dem Garten des »Frohsinns«.

An riesengroßen Städten flogen sie vorbei, an hohen, erleuchteten Häusern; sie sahen in die breiten Straßen hinab, da kribbelten und krabbelten die Menschen wie kleine, schwarze Ameisen durcheinander. Mitten auf einem freien Platz, auf dem die schönsten Fliederbüsche blühten, stand einsam ein großes, graues Haus, viele hundert Kinder gingen dort hinein.

»So viele Kinder!« rief Lolo, und Lulu rief:

»Steh' auf der Stell'!«

Da hielt die goldene Eisenbahn vor dem grauen Haus; das Goldmännlein sprang herab und half Lulu und Lolo beim Aussteigen. Sie faßten sich an die Hand und gingen hinter all' den Kindern hinein in das graue Haus. Und da saßen in einem großen Saale die kleinen Mädchen alle und hielten das Strickzeug in den fleißigen Händchen; die Stricknadeln aber waren aus purem Golde, und die Strümpfchen, die sie strickten, aus himmelblauer Seide. Mit vor Eifer glühenden Bäckchen saßen sie da; die goldenen Nadeln klapperten, und die fleißigen Finger flogen hin und her. Und daneben saßen die krausköpfigen Buben, die hatten ein silbernes Täfelchen vor sich liegen, und mit einem diamantenen Stift malten sie die glänzenden Buchstaben und Zahlen darauf. Vor ihnen aber saß eine große, graue Frau, die hatte graue Haare und trug ein faltenreiches, graues Gewand. Mit ernsten, grauen Augen blickte sie auf die fleißigen Kinder herab; drei lichte Kindergestalten aber mit silbernen Flüglein flogen in dem Saale umher und neigten sich zu den fleißigen Kindern herab. Das mußten Englein sein!

Beherzt zog Lulu die kleine Lolo zu der großen, grauen Frau heran. Höflich machte er seinen schönsten Kratzfuß und fragte, auf die schwebenden Kinder weisend:

»Sind das Englein und ist hier der Himmel?«

Die graue Frau schüttelte das Haupt: »Nein, hier ist nicht der Himmel, mein Kind; mein ist das graue Haus, und die »Arbeit« nennt man mich.«

Sie winkte den umherfliegenden Kindlein. »Dies sind meine drei Kinder, hier mein ältester Sohn, der »Fleiß«. Der frühste ist er morgens auf und der späteste abends im Bett. Dies ist mein zweiter Sohn, der »Eifer«, der pustet die Knaben und Mägdlein alle an, bis sie glühend rote Bäckchen beim Arbeiten haben, und dies ist mein kleines Mädchen, mein jüngstes, die »Pflichterfüllung«. Die gibt den fleißigen Mädchen und Buben ein fröhliches, freies Herz, daß sie nachts in ihren Bettchen schön schlafen können. Sprecht, wollt ihr bei mir bleiben?«

Lolo nickte freudig mit dem Köpfchen, gar zu gern hätte sie auch ein himmelblaues Strickzeug mit goldenen Nadeln in der Hand gehabt; aber Lulu zupfte sie am Ärmel. Nein, sie mußten ja weiter; sie mußten ja den Himmel suchen! Die goldene Eisenbahn fuhr vor; das Goldmännlein sprang auf, und schsch – schsch – schsch – ging es wieder fort, in die weite Welt hinaus.

Durch ein großes Dorf fuhren sie; da leuchtete ein schmuckes, weißes Bauernhäuschen, die Kühe brüllten im Stall, die Katze schnurrte im Sonnenlicht, und Spitz hielt vor der Haustür seinen Sonntagsnachmittagsschlaf.

An den spiegelblanken Fensterlein standen blühende Geranientöpfe; aus der Bauernstube aber tönte eine sanfte Frauenstimme, die erzählte das Märchen von Rotkäppchen. Das hatte ihnen ihr liebes Mütterchen auch immer erzählt. Lulu und Lolo riefen:

»Steh' auf der Stell'!«

Die goldene Eisenbahn hielt, und das Goldmännlein sprang herab.

»Wer wohnt in dem weißen Häuschen dort?« fragten die Kinder das Goldmännlein. Das tat seinen Mund auf und sprach:

»Dies Häuschen im schmucken, weißen Kleid
Gehöret der Frau »Zufriedenheit.«
Auch ihre Kinder sind euch bekannt,
»Liebe« und »Eintracht« sind sie genannt.«

Vorsichtig schlichen die Kinder an das weit geöffnete Fenster und lugten hinein. Ach – da saß an dem großen, braunen Holztisch auch eine Mutter, die hatte gerade so blaue Augen und so blonde Haare wie ihr totes Mütterlein; ein kleiner, flachsköpfiger Bube und ein blondzöpfiges Dirnlein schmiegten zärtlich den Kopf an das Knie der Mutter und lauschten mit heißen Backen dem schönen Märchen. Mit weicher Hand strich die Mutter den Kindern zärtlich über das Blondhaar.

Da begann Lolo laut zu schluchzen: »Wenn wir doch auch unser Mütterchen noch hätten!«

Brüderchen wollte sie trösten, aber die Tränen kullerten ihm selbst über die roten Bäckchen. Die gute Frau trat an das Fenster und fragte die fremden Kinder mit weicher Stimme, warum sie so weinten.

»Unser liebes Mütterlein ist tot,« sprach Lulu, »wir wollen in den Himmel fahren und unser Mütterlein wieder holen,« fügte Lolo schluchzend hinzu.

»O ihr armen Kinder,« sprach die gute Frau, »bis in den Himmel ist noch weit,« und sie strich zwei süße Apfelschnitten und reichte sie Lulu und Lolo. »Da, ihr Kinderchen, erquickt euch nur erst und stärkt euch für den weiten Weg!«

Lulu und Lolo bedankten sich freundlich, sagten Lebewohl und stiegen mit ihrer Apfelschnitte in die kleine Eisenbahn. Hei – schmeckte das prächtig! und schsch –schsch – schsch – ging's wieder davon.

Nun fuhren sie die Milchstraße am Himmel entlang durch ein glitzerndes Sternenmeer, und plötzlich hielt die kleine Eisenbahn von selbst vor dem großen, goldenen Himmelstor. Aber das Tor war fest verschlossen; es tat sich nicht auf, trotzdem Lulu und Lolo mit ihren Händchen daran pochten.

Nur ein kleines Fensterlein wurde in dem Tor geöffnet, und heraus schaute das graubärtige Gesicht des Himmelspförtners.

»Wer ist da?« fragte er mit lauter Stimme.

Das Goldmännlein antwortete:

»Goldmännlein auf der Eisenbahn.
Lulu und Lolo klopfen an!«

»Ihr kommt hier nicht herein,« sprach der Himmelspförtner; »eine Eisenbahn darf hier nicht fahren, es liegen noch keine Schienen im Himmel!«

Da fingen Lulu und Lolo bitterlich an zu weinen und baten den Herrn Pförtner gar schön, sie doch einzulassen; sie wollten sich ja nur ihr totes Mütterchen wieder holen.

Der Pförtner strich ihnen freundlich über das Haar und sprach in mildem Tone: »Ihr dummen Kinder, ihr kommt hier bis zum Himmel gefahren und habt doch dabei ein liebes Mütterchen daheim, das hat euch euer totes Mütterchen im Himmel geschickt, damit es euch lieb hat.«

»Keine böse Stiefmutter?« fragte Lulu, und »wird sie uns nicht schlagen?« fragte Lolo ängstlich.

»Sicher nicht,« sprach der Himmelspförtner, »sie wird euch lieb haben, ganz wie euer totes Mütterlein es getan hat; sie wird mit euch spielen und lachen, wie ihr es im Schlosse des Königs »Frohsinn« gesehen habt; sie wird euch zu Fleiß und Arbeit anhalten, wie ihr es im grauen Hause der Frau »Arbeit« geschaut habt; dann wird »Zufriedenheit«, »Liebe« und »Eintracht« bei euch herrschen, ganz wie in dem Bauernhäuschen der Frau »Zufriedenheit«! Geschwind fahrt heim, die Eltern bangen sich schon nach euch!«

Da machte das Goldmännlein mit seiner kleinen Lokomotive Kehrt; »hüh,« pfiff er laut, und schsch – schsch – schsch – ging's wieder auf die Erde hinab und nach Hause.

Schon von weitem winkte das kleine Bahnwärterhäuschen den Kindern entgegen, die Sonnenblumen leuchteten und nickten ihnen »Willkommen!« zu; in der Tür aber standen Vater und Mutter, die sich schon sehr um sie gesorgt hatten, und breiteten ihnen ihre Arme aus.

Und die neue Mutter hatte ganz so liebe Augen wie das tote Mütterlein im Himmel; da stiegen Lulu und Lolo aus der goldenen Eisenbahn. »Mütterchen,« riefen sie jauchzend und warfen sich der neuen Mutter in die Arme, und die herzte und küßte sie.

»Hüh,« machte das Goldmännlein, und schsch – schsch – schsch – brauste die goldene Eisenbahn dahin auf Nimmerwiedersehen.

In dem Bahnwärterhäuschen aber herrschte »Frohsinn«, »Arbeit« und »Zufriedenheit«.

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