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Was das Sonntagskind erlauscht

Else Ury: Was das Sonntagskind erlauscht - Kapitel 21
Quellenangabe
typenarrative
author>Else Ury
titleWas das Sonntagskind erlauscht
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
printrun53. bis 55. Tausend
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140916
projectidee61230b
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Traumsuschen

»Sechs mal sieben und drei durch fünf – Suse – du träumst ja schon wieder – na, wieviel macht das?« streng schaute die Lehrerin vom Katheder auf das kleine Mädchen herab, das erschreckt emporgefahren war und sie mit abwesendem Blick hilflos anstarrte.

»Woran denkst du denn bloß immer, Mädel?« fragte die erzürnte Lehrerin die dunkelrot gewordene Kleine, welche die Augen sämtlicher Mitschülerinnen auf sich gerichtet fühlte.

Suschen schwieg; sie konnte doch Fräulein Steinert unmöglich erzählen, daß die alte, morsche Wand da drüben an dem halbzerfallenen Haus, die zum Schulfenster hineinschaute, schuld an ihrer Zerstreutheit war. Mörtel und Kalk waren hier und da abgebröckelt, und gar seltsame Figuren hatten sich gebildet: Tiere mit großen Rüsseln, Vögel mit spitzen Schnäbeln und sonderbar geformte Blätter hatte das verträumte Suschen an der alten, grauen Wand geschaut.

Weinend nahm das kleine Mädchen den letzten Platz zur Strafe für ihre Unaufmerksamkeit ein; ach – wie böse würde der Vater sein, daß sie schon wieder in der Schule bestraft worden war, und Mutter – ja – die sah sie ganz gewiß heut' überhaupt nicht mehr an! Heute morgen war die Mutter ja erst so ärgerlich auf Suschen gewesen, weil sie wieder einmal nicht aufgepaßt hatte und ihre ganze Frühstücksmilch über die reine Kaffeedecke und das hübsche, rote Musselinkleidchen gegossen hatte.

»Mädchen« – hatte die Mutter traurig gesagt, »weiß der Himmel, du bist doch zu nichts zu gebrauchen, ewig bist du verträumt; Ilse ist doch erst sechs Jahre alt, aber sie geht mir schon besser zur Hand als du großes, achtjähriges Mädchen!«

Und »Traumsuschen – Traumsuschen« – höhnten die beiden großen Brüder; bitterlich weinend war Suschen in die Schule gelaufen, und da war es ihr auch nicht besser ergangen.

Es war heute ein wahrer Unglückstag; mittags sollte Suschen dem Vater eine Gabel bringen, da brachte sie ihm ein Messer, die Schürze hatte sie verkehrt umgebunden und an dem dritten Fingerchen der rechten Hand prangte ein großer, schwarzer Tintenfleck – Suschen hatte vergessen, sich die Hände vor dem Essen zu waschen. Da setzte es natürlich Schelte, und dazu gab es noch Weißkohl, den Suschen gar nicht mochte und den sie doch auf Vaters strenges Geheiß hinabwürgen mußte.

»Ach – warum ist nur immer alles nicht recht, was ich mache?« dachte Suschen erbittert nachmittags bei den Schularbeiten. »Kein Mensch hat mich lieb; alle haben sie an mir etwas auszusetzen!« Und die Tränen des unverständigen, kleinen Mädchens, das doch durch seine Verträumtheit selbst schuld an der vielen Schelte war und die lieben Eltern dadurch so betrübte, flossen über die rosigen Bäckchen herab. Sie tropften auf die sorgfältig geschriebene Reinschrift hernieder – o weh – die ganze schöne Arbeit war verdorben, die Buchstaben schwammen wie kleine Fische in einem großen Tintensee. Ja, da mußte Suschen noch einmal von vorn beginnen; lachend und jauchzend spielten die Geschwister drunten im Garten mit dem neuen, großen Ball, ei – wie hoch flog er, bis an das Fenster, wo Suschen trotzig und verdrossen noch immer bei ihren Schularbeiten hockte.

Und als Bruder Walter heraufkam, um die Vesperbrote herunter zu holen und gutmütig Suschen über den Kopf fuhr, »Na, Traumsuse, bist du denn noch immer nicht fertig?« da wurde das kleine Mädchen so böse, daß sie dem großen Bruder wie eine Katze mit allen fünf Fingern ins Gesicht fuhr, ja – und da war der Lärm wieder da.

Suschen aber sah natürlich nicht ein, daß sie ganz allein wieder die Schuld daran hatte; bitterlich weinend lag sie abends, als die anderen Kinder längst schon schliefen, in ihrem Bettchen und drückte den braunen Krauskopf ganz fest in das Kopfkissen, daß nur keiner ihr Schluchzen hören sollte.

Der Gutenachtkuß der Eltern heut' abend war gar nicht zärtlich ausgefallen; freilich, Suschen hatte auch ihr Mündchen mit solch bösem, unartigem Gesicht den Eltern dargeboten, daß die guten Eltern sie natürlich nicht so liebevoll in die Arme schließen konnten wie die anderen Kinder, die freundlich und artig »Gute Nacht« sagten. Das dumme Traumsuschen fühlte sich aber schon wieder zurückgesetzt.

»Lieber Gott,« betete sie schluchzend, denn sie war im Grund ihres Herzens ein gutes Kind, »lieber Gott, ich habe sie doch alle so lieb, die Eltern und die Geschwister, warum mag mich nur keiner leiden?«

»Weil du immer verträumt und zerstreut bist, alles verkehrt machst und dann noch obendrein unfreundlich und verdrossen ausschaust!« sagte laut eine Stimme in Suschens Innern – es war ihr Gewissen.

Aber das kleine Mädchen hörte nicht auf die mahnende Stimme.

»Wenn doch eine große Feuersbrunst ausbrechen möchte,« dachte sie, »dann würde ich mich mutig in die Flammen hineinwagen und die Eltern und Geschwister erretten, ach – wie lieb würden sie mich dann haben!«

»Heldentaten brauchst du nicht zu vollbringen, erfülle nur deine kleinen, alltäglichen Pflichten,« sprach da die Stimme des Gewissens wieder, aber das kleine, einfältige Mädchen wollte nicht auf sie hören.

»Oder, wenn Diebe kämen, ja, dann würde ich ganz ohne Furcht bis ins Schlafzimmer der Eltern laufen und sie wecken,« dachte Suschen weiter.

Da – sie hörte leise Schritte – kamen die Diebe schon? Herzklopfend verkroch sich das eben noch so mutige Suschen in ihren Kissen. Die Tür zum Kinderzimmer wurde geöffnet; laut auf schrie Suschen vor Angst – es war Nike, das Kindermädchen, das noch einmal nach den Kleinen sehen wollte und jetzt natürlich sehr böse war, daß Suschen noch immer nicht schlief.

Der liebe Gott schickte keine Feuersbrunst; auch Diebe kamen nicht, aber etwas anderes schickte der liebe Gott dem undankbaren, kleinen Mädchen, um ihm zu zeigen, wie gut sie es gehabt.

Die liebe Mutter wurde sehr, sehr krank; ganz leise, auf Fußspitzen schlichen die Kinder einher, und der arme Vater saß mit tieftraurigem Gesicht am Lager der kranken Mutter und hielt ihre fieberheißen Hände.

Es wurde immer schlimmer und schlimmer.

Heute hatte Suschen sich ganz leise in das Krankenzimmer hineingeschlichen; mit tränenden Augen hockte sie in einer Ecke und schaute auf ihr abgezehrtes Mütterlein, das sie doch so oft geärgert hatte.

Ach – wenn es sterben mußte, wenn Suschen der Mutter niemals mehr zeigen konnte, wie lieb sie sie hatte, wenn sie all den Kummer, den sie der lieben Mutter bereitet, nie wieder gut machen könnte! Und sie betete innig zum lieben Gott, ihr doch ihr Mütterlein zu lassen.

Da tat die Mutter plötzlich die Augen auf und schaute den Vater an; mit matter Stimme seufzte sie:

»Ach – wer sorgt jetzt nur für dich und die Kinder, wo ich so krank daniederliege; du siehst so bleich aus, ich mache mir solche Sorgen!«

Plötzlich stand Suschen am Bett der Mutter, legte ihr kleines Händchen leise auf der Mutter heiße Hand und sagte mit tränenerstickter Stimme: »Ich – Mutter – ich will für sie sorgen!«

Ein müdes, glückliches Lächeln huschte über der Mutter Antlitz; dann schlossen sich die brennenden Augenlieder wieder, und erquickender Schlaf brachte Genesung.

Suschen hielt Wort.

Jeden Abend standen für Vater, wenn er müde aus dem Geschäft nach Hause kam, die Hausschuhe bereit; die Zeitung lag auf seinem Platz, und Suschen sorgte, wie sie es sonst bei Mutter gesehen, daß Vater tüchtig aß. Und als der gute Vater eines Tages seinem Töchterchen liebevoll über das Haar strich, da war Suschen so glücklich wie noch nie in ihrem Leben.

Auch mit den Geschwistern war sie freundlich und verträglich.

»Was ist nur aus unserem Traumsuschen geworden?« sagte eines Tages Bruder Walter ganz erstaunt.

»Ein verständiges, kleines Mädchen, das alle Welt lieb hat!« sprach die wiedergenesene Mutter eintretend und blickte glückstrahlend auf ihr so verändertes Töchterchen.

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