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Was das Sonntagskind erlauscht

Else Ury: Was das Sonntagskind erlauscht - Kapitel 20
Quellenangabe
typenarrative
author>Else Ury
titleWas das Sonntagskind erlauscht
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
printrun53. bis 55. Tausend
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140916
projectidee61230b
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Im Puppenwinkel

Lilli und Milli waren Zwillinge. Sie sahen ganz gleich aus; eins war genau so groß wie das andere, sie hatten beide ein Stumpfnäschen, und ihre braunen Zöpfchen waren auch ganz gleich lang. Aber Lilli hatte man ein blaues Bändchen hinein geflochten und Milli ein rotes, da konnte man sie doch unterscheiden.

Innerlich aber waren die beiden Zwillingsschwesterchen ganz verschieden. Lilli war ein ordentliches, sauberes Kind, das stets jedes Stück auf den rechten Platz tat, und Milli warf alles umher.

Jedes Kind hatte einen Puppenwinkel. In Lillis Puppenwohnung sah es immer aufgeräumt aus. Lilli fegte morgens mit einem kleinen Besen aus, wischte mit den kleinen Puppenstaubtüchern, welche sie selbst gesäumt hatte, den Staub von dem Puppentisch, der kleinen Kommode, den Stühlchen und der Wiege, und klopfte jeden Tag mit einem kleinen Klopfer Sofa und Sessel aus, daß nur ja keine Motten hereinkamen.

Und wie gut hatten es die Puppen bei Lilli. Morgens wurden sie sauber gewaschen und frisiert; sie bekamen ein Schürzchen vorgebunden, daß sie sich nicht beschmutzten, und dann mußten sie Schularbeiten machen; jede Puppe hatte eine reizende, kleine Schulmappe. Aber Lilli nähte und häkelte auch fleißig für ihre Püppchen; nirgends durfte ein Band oder ein Knöpfchen fehlen, und die nettesten Puppenkleider schneiderte sie unter der Aufsicht der lieben Mutter.

Ja – die Puppenkinder waren sehr zufrieden mit ihrer kleinen Mama!

Wie anders sah es drüben in der Ecke aus, in der Milli mit ihren Puppen hauste!

Huh – war es da liederlich; die Puppenkommode hatte nur noch drei Beine, und die Puppenkleider lagen alle in den Kästen wüst durcheinander. Schmutzige Puppenwäsche und Schuhchen, ein zerfetztes Märchenbuch und ein abgebissenes Stück Pfefferkuchen von Weihnachten, das Milli vergessen hatte, weiter zu essen, trieb sich da herum, und nun erst die Puppen. Die hättet ihr sehen müssen, die armen Puppenkinder! Wochenlang schon waren sie nicht aus den Kleidern gekommen; denn Milli nahm sich nie die Mühe, sie auszuziehen und ins Bettchen zu legen; so schwarz wie die Mohren waren sie, denn Milli dachte natürlich nicht an Waschen, und ihre schönen, blonden Locken hingen ganz zerzaust herab.

Ja, selbst Libussa, das jüngste Kind, das der Weihnachtsmann doch erst vor einigen Tagen gebracht hatte, sah schon ganz elend aus.

Heute schaute es in Millis Puppenwinkel schlimmer aus als je! Der armen Libussa hatte sie den Arm abgeschlagen, und sämtliche kleine Tassen standen noch von der vorigen Woche her, wo Puppe Gretchen ihren Geburtstag gefeiert, ungereinigt auf dem Tisch.

Jetzt war es Nacht; Lilli und Milli lagen in ihren Bettchen und schliefen. Hell schien der Vollmond in die Kinderstube, aber als er die Unordnung in Millis Puppenwohnung sah, sprang er entsetzt wieder aus dem Fenster heraus.

Da vernahm Milli aus ihrem Puppenwinkel leises Wimmern.

»Haben Sie so große Schmerzen, daß Sie nicht schlafen können?« hörte Milli Puppe Gretchen die kleine Libussa fragen.

»O – mein Arm – mein Arm,« stöhnte Libussa, »da unten liegt er auf der Erde zwischen all' den Bausteinen. Meinen Sie, Milli hätte mich getröstet, wo sie mir doch so weh getan hat, nein – in die Ecke hat sie mich geworfen, nicht einmal einen Verband habe ich bekommen. Und wer kann schlafen, wenn man wie wir hier in Kleidern die ganze Nacht auf den Stühlen sitzen muß; ja, Milli liegt im warmen Bettchen und schläft, aber ob wir Puppen nicht auch müde sind, danach fragt sie nicht. Nein – eine solche Behandlung bin ich nicht gewohnt, das lasse ich mir nicht länger gefallen!«

»Ja,« sprach Puppe Gretchen traurig, »Sie haben ganz recht, die böse Milli hat kein Herz für uns Puppen. Jeden Tag schaue ich sie traurig an und zeige ihr meine zerrissenen Strümpfchen, aber denken Sie, Milli stopft sie mir? Bewahre – sie sieht mich kaum an – ihretwegen könnte ich barfuß laufen.«

»Hatschi« – machte da Sepp, der Tyroler Puppenjunge, und nochmals »hatschi!«

»Sie scheinen sich einen Schnupfen geholt zu haben,« sagte Libussa.

»Ist das vielleicht ein Wunder,« fuhr Sepp auf, »seit drei Wochen liege ich hier unterm Schrank auf der kalten Erde; nicht einmal meine Jacke habe ich an, den Tod kann ich mir holen – ich bleibe nicht länger hier, ich wandere zurück in meine Tiroler Berge.«

Damit kroch er unter dem Schrank hervor, zog sich die graue Jacke mit den blanken Knöpfen an, drückte den grünen Tirolerhut keck auf die blonden Locken und suchte sich seinen Bergstock aus der liederlichen Kommode heraus.

»So, ich bin reisefertig, wer von Ihnen wandert mit, meine Damen?«

»Ich,« rief Libussa, »wenn Sie nur so freundlich sein wollen, mir meinen abgeschlagenen Arm vorläufig mit einer Sicherheitsnadel festzustecken; es wird zwar sehr weh tun, aber hier lassen möchte ich ihn doch nicht. Wie ist es denn mit Ihnen, Fräulein Gretchen?« fragte sie, ihren Schirm zusammenrollend, die große Puppe.

»Ach,« seufzte diese, »drei Jahre habe ich es nun schon hier ausgehalten, immer dachte ich, es werden ja einmal bessere Tage kommen, Milli wird sich doch ein Beispiel an der tüchtigen, kleinen Hausfrau Lilli nehmen – aber vergebens! Nein, nun habe ich es satt, ich suche mir eine andere bessere Puppenmutter,« und sie zog ihren kleinen, schwarzen Koffer, an dem Milli schon das Schloß abgebrochen hatte, hervor und begann, ihre schmutzigen und zerrissenen Kleidchen einzupacken.

»Bleibt doch hier,« wollte Milli rufen, die in ihrem Bettchen alles mit anhörte, »ich will mich ja bessern,« aber sie konnte kein Wort hervorbringen.

Sepp schnürte Puppe Gretchens Koffer zu und nahm ihn galant auf die Schulter.

»So, nun können wir gehen,« sagte er.

»Nehmen Sie mich mit,« klang es plötzlich aus dem Puppenwagen; nanu, wer lag denn da?

Gretchen nahm das Deckbett fort; da krabbelte der Chinese, der auf Millis abgebrochenen Federkastendeckel gemalt war, heraus.

Traurig nickte er mit dem Kopf.

»Ich schließe mich den Herrschaften an, wenn es gestattet ist,« sagte er höflich, »ich gehöre in die Schulmappe und nicht in den Puppenwagen,« und er nickte so ärgerlich mit dem Kopf, daß der lange Zopf hin und her wackelte.

»Lassen Sie doch eine gute, alte Freundin nicht treulos in Stich,« sagte da die Puppenkommode, »was soll ich ohne Sie alle hier anfangen, ich wandere auch aus.«

»Sie,« gab Sepp zu bedenken, »Sie können doch auf Ihren drei Beinen nicht so gut fort wie wir!«

»Pfui,« sagte Puppe Gretchen ärgerlich zu Sepp, »wie kann man so taktlos sein; wir werden die gute, alte Kommode doch nicht bei der liederlichen Milli zurücklassen!«

Und wirklich, sie setzten sich alle in Trab – Milli konnte es ganz deutlich sehen, denn der Vollmond guckte auch neugierig zum Fenster hinein auf die auswandernden Puppen.

Voran spazierte der Sepp und Libussa untergefaßt – der Sepp jodelte laut vor Freude, daß er endlich aus der Unordnung herauskam, und Libussa spannte ihr Schirmchen gegen den Mondschein auf, damit ihr zarter Teint nicht leide.

Dann folgte der immer noch nickende Chinese mit Gretchen; letztere hatte ihr Taschentuch herausgezogen und weinte große Tränen über den Abschied, denn sie hatte ein weiches Herz.

Und den Schluß machte die alte Puppenkommode, die humpelte auf ihren drei Beinen, so schnell sie nur konnte, hinterdrein.

Als sie an dem Puppenwinkel von Lilli vorüberkamen, wachten Lillis Puppen von dem Skandal auf. Sie setzten sich in ihren Bettchen hoch und rieben sich die Glasaugen.

»Was geht denn hier vor?« fragte Matildchen, die älteste.

»Wir rücken aus, juchhe! wir rücken aus!« rief der Sepp.

»Ja,« sagten die anderen alle, »wir halten es bei der liederlichen Milli nicht mehr aus!«

»O,« sprach Matildchen betrübt, »sie wird sich ja bessern; versuchen Sie es doch noch einmal mit ihr.«

»Sie haben gut reden,« meinte Libussa, »Ihre Puppenmama sorgt für Sie!«

»Mir zuliebe,« bat das gute Matildchen, »gehen Sie doch wieder nach Haus und probieren Sie es noch einmal.«

»Ja,« sagte Gretchen, die den besten Charakter hatte, »vier Wochen wollen wir es noch mit ansehen,« und sie zogen alle wieder in ihren Puppenwinkel zurück. –

Am nächsten Morgen, als Milli nachschaute, lagen sie alle wieder wüst durcheinander; der Koffer war ausgepackt, und Sepp war wieder unter den Schrank gekrochen. Nun begann aber Milli ein gründliches Scheuern und Aufräumen. Alles wurde in Ordnung gebracht, die Strümpfchen von Gretchen gestopft, und die Puppenkinder jeden Abend pünktlich ins Bett gelegt.

Milli wurde gerade solche gute, kleine Puppenmutter wie Lilli es war; denn sie hatte ja solche Angst, daß die ganze Gesellschaft eines Nachts wieder ausrücken könnte!

Aber als nach vier Wochen wieder der Vollmond in Millis Puppenwinkel schaute – denn nur in der Vollmondsnacht können die Puppen reden – da berichteten sie ihm alle, wie zufrieden sie jetzt mit ihrer kleinen Puppenmama wären, und der Mond hat es mir wieder erzählt.

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