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Was das Sonntagskind erlauscht

Else Ury: Was das Sonntagskind erlauscht - Kapitel 19
Quellenangabe
typenarrative
author>Else Ury
titleWas das Sonntagskind erlauscht
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
printrun53. bis 55. Tausend
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140916
projectidee61230b
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Barfüßchen

Dort an der Straßenecke in der großen Stadt, wo die vielen, vielen Menschen vorüberkommen, stand bei glühender Sonnenhitze und bei eisiger Kälte ein seltsam schönes Kind. Wilde, schwarze Locken hingen ihm um das bleiche, edelgeschnittene Gesichtchen, und die großen, schwarzen Augen schauten so traurig in die Welt, wie man es wohl kaum bei einem Kinde je gesehen.

Ja – die kleine Marietta, die den weiten, weiten Weg von Rom nach Deutschland gezogen war, hatte auch schon mehr Elend gesehen und mehr Trübes in ihrem jungen Leben erfahren als die meisten anderen Kinder.

In dem schönen, sonnigen Rom, ihrer Heimat, wo der Himmel so blau herniederlachte, da hatte sie in einem herrlichen Landhaus mit weißen Marmorsäulen gewohnt, und nur weiße Kleider hatte die kleine Marietta getragen mit rosa und blauen Atlasschärpen. Die schöne, schwarzlockige Mama war schon viele Jahre tot, aber der Papa, ihr lieber Papa, war ein gefeierter Künstler, ein berühmter Maler.

Da kam das furchtbare Unglück.

Der Vater klagte über die Augen – eine schwere Augenentzündung brach aus, und die großen Ärzte zuckten die Achseln, sie konnten ihm sein Augenlicht nicht erhalten.

Der arme Vater wurde blind – ganz blind – er, der die herrliche italienische Landschaft so farbenglühend auf der Leinwand wiedergegeben, sah jetzt nicht mehr all das Schöne, was ihn umgab, nicht mehr die liebe Sonne schaute er – er konnte nun gar nicht mehr malen.

Ja, das waren schwere, schwere Tage; der Vater wollte mit keinem Menschen sprechen, nur fort aus Rom wollte er, wo er einst so fröhlich geschaffen. –

Das schöne Landhaus und die Bilder alle wurden verkauft und von dem Erlös die teuren Ärzte bezahlt.

Nur eine kleine Summe Geldes blieb dem blinden Maler und seinem Töchterchen.

So zogen sie in die weite Welt hinaus, bis nach Deutschland.

Hu – war das kalt da oben in Deutschland; die kleine Marietta fror in ihrem dünnen Kleidchen, und die feinen, weißen Schuhchen waren auf der weiten Reise ganz zerrissen. Aber Geld, ein paar neue, feste Stiefelchen zu kaufen, hatten sie nicht mehr; von dem letzten Groschen mieteten sie ein dürftiges Dachstübchen, und der Vater suchte eine Beschäftigung, daß er und sein Kind nicht hungern mußten.

Doch niemand wollte dem blinden Mann Arbeit geben; schließlich kam er auf die Idee, bunte Luftballons anzufertigen, dazu brauchte er wenigstens nicht zu sehen. Und nun stand Marietta, das einst so verwöhnte, kleine Mädchen, an der Straßenecke und bot die bunten Luftballons, die der blinde Vater gemacht hatte, feil.

Und »Barfüßchen – Barfüßchen« schrien ihr die bösen Buben zu, denn Marietta mußte nun ohne Schuh und Strümpfchen auf ihren zarten Füßen über die kalten Steine laufen. Sie waren ja so arm – so furchtbar arm – daß Marietta oft den ganzen Tag nichts weiter zu essen hatte, als ein Stückchen trockenes Brot. Wenn nur der blinde Vater etwas Besseres bekam, der war schon unglücklich genug, der sollte nicht wissen, wie sein Kind hungerte und wie zerlumpt es einhergehen mußte.

Mit brennenden Augen schaute Barfüßchen – so nannten sie bald alle Kinder – von ihrer Ecke aus die schön geputzten Kleinen, die an der Hand der lieben Mutter oder des Kindermädchens vorübergingen; so war sie auch einst spazieren gegangen – und jetzt mußte sie barfuß laufen.

Aber die kleinen Buben und Mädchen, die vorüberspazierten, blickten sehnsüchtig auf das kleine Barfüßchen, das so viele bunte Luftballons hatte, und sie baten die liebe Mama, ihnen einen zu kaufen.

Ja, die Kinder wußten nicht, wie gut sie es hatten!

Heute war Barfüßchen wieder mit ihren Luftballons ausgezogen; es war ein schöner, sonniger Tag, da gingen gewiß viele Kinder spazieren, heut' würde sie alle los werden!

Dreißig Stück hielt sie an einem langen Bindfaden in den kleinen Händchen; zehn Pfennige bekam sie für jeden, das machte drei Mark – so rechnete Marietta. Dann hatte sie endlich die Miete für ihr Stübchen zusammen; der böse Wirt hatte schon gedroht, sie auf die Straße zu setzen, wenn sie nicht endlich bezahlten. Fünf Stück hatte sie schon verkauft; ganz glücklich war die kleine Marietta, daß die schwere Sorge um die Miete endlich von ihr genommen wäre. Denn ihrem armen Väterchen erzählte sie nichts von dem bösen Wirt – das trug das tapfere, kleine Mädchen alles allein.

Ei – wie lustig heut' die bunten Ballons in der Luft auf und nieder tanzten, ja – jetzt wurde es warm; der lange deutsche Winter, in dem die armen Italiener so sehr gefroren hatten – denn Marietta hatte nicht einmal Geld gehabt, um Kohlen zu kaufen – war nun vorüber, der liebe Frühling kam!

Nun würde ja alles besser werden; zum erstenmal seit langer Zeit blickte die kleine Marietta etwas froher in die Welt.

»Barfüßchen – Barfüßchen«, scholl es da höhnend hinter ihr, und eine Rotte böser Buben umzingelte das kleine Mädchen – ritsch – ratsch – hatten sie mit einer großen Schere den Luftballonbindfaden durchschnitten; – hui – flogen die bunten Ballons alle davon – hinein in die blaue Frühlingsluft.

Die wilden Jungen waren lachend fortgelaufen; das arme Barfüßchen aber starrte mit entsetzten Augen den emporsteigenden Luftballons nach. Vergeblich streckte sie die kleinen Arme hinter ihnen her, sie waren fort – und die drei Mark, die noch zur Miete fehlten, ebenfalls.

Bitterlich weinend schlug Marietta die Händchen vor das Gesicht; ach, – nun mußten sie aus ihrer kleinen Stube heraus – o die bösen Buben!

Da legte sich eine Hand freundlich auf Barfüßchens schwarze Locken, mit tränenüberströmten Gesichtchen schaute die Kleine zu dem fremden Herrn empor.

»Das war ein recht böser Bubenstreich,« sprach er ernst, »weine nicht, mein Kind, du sollst nicht um deinen Verdienst kommen,« und er drückte ein blankes Zwanzigmarkstück in die Hand des Barfüßchen. Ach, wie strahlten da die schwarzen Kinderaugen, die noch eben so verzweifelt geblickt hatten!

Bewundernd betrachtete der fremde Herr das schöne, kleine Mädchen, denn er war ein Künstler.

»Willst du mir Modell sitzen, Kleine?« fragte er, »dann kannst du dir noch viele Goldstücke verdienen; wo wohnst du, ich werde deine Eltern besuchen und sie um Erlaubnis bitten.«

Mariettas Augen leuchteten, zutraulich faßte sie die Hand des fremden Herrn – er war ja auch ein Maler wie ihr lieber Papa – und führte ihn in das armselige Dachstübchen.

Unterwegs erzählte sie ihm von ihrem armen Väterchen, von dem schönen Rom und wie schlecht es ihnen hier in Deutschland ergangen war.

Wie erstaunte sie aber, als der Fremde, einen Blick auf den blinden Vater werfend, jubelnd »Francesco« ausrief und ihn mit beiden Armen umfing.

»Erich,« rief auch der Blinde, der den einstigen Freund an der Stimme erkannte, »Erich!« – fest hielt er den ehemaligen Studiengenossen aus Rom umschlungen.

Nun war die Not vorüber.

Erich, der sehr reich war, sorgte für eine nette Wohnung und für eine leichte, aber lohnende Beschäftigung seines armen Freundes, und Marietta erzog er wie sein eigenes Töchterchen.

Auf der Kunstausstellung aber drängen sich die Leute um ein großes Bild; das stellt ein kleines, zerlumptes Mädchen dar, mit wunderbaren Augen und herrlichen, schwarzen Locken, entsetzt blickt die Kleine ihren davonfliegenden Luftballons nach.

Das Bild heißt »Barfüßchen«!

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